Am Wasser – nicht im

Ich liebe Wasser – zumindest von außen. Oder genauer gesagt: den Blick aufs Wasser. Vielleicht liegt es daran, dass ich an einem Fluss geboren bin und in der ersten Hälfte meines Lebens immer an Flüssen gelebt habe. Die zwei winzigen Teiche in unserem Garten sind nur ein schlechter Ersatz. Jetzt machen wir Kurzurlaub an der Ostsee, auf der Halbinsel mit dem ganz langen Namen Fischland, Darß, Zingst. Hier ist überall Wasser. Das Meer, der Bodden und zwischendrin Gräben und kleine Seen. Eigentlich ist es ungerecht, wie so vieles im Leben.

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Hafen von Wustrow

Wieder Wustrow. Wustrow ist mein Lieblingsort an der Ostsee. Hier ist es ruhiger und beschaulicher als im Nachbarort Ahrenshoop oder in Zingst. Wustrow – auf dem ersten Teil der Halbinsel auf dem Fischland gelegen – ist längst nicht so bekannt und so schick wie die berühmte Künstlerkolonie, weniger mondän und weniger vornehm als der Zingst. Viel ursprünglicher noch. Nicht so überlaufen. Aber vor allem: An keiner anderen Stelle liegen Bodden und Meer so dicht beieinander. Wenn ich auf der Düne stehe, die unseren Stellplatz vom Meer trennt, sind beide zum Greifen nah. Links das Meer, weit und manchmal wild, rechts der Bodden, flach, ruhig und oft auch dann spiegelglatt und friedlich, wenn auf der Ostsee die Wellen und auch die Surfer oder Kiterherzen hoch schlagen.

Zwischen Bodden und Meer

Zwischen Bodden und Meer

„Unseren“ Stellplatz, das Surfcenter Wustrow, haben wir vor einigen Jahren durch Zufall entdeckt. In jenem Sommer waren alle Campingplätze an der Ostsee überfüllt. Keine Chance für Leute wie uns, die einfach losgefahren waren. Nur auf dem Stellplatz etwa einen Kilometer vor Wustrow war noch ein Plätzchen frei. Wir waren offensichtlich nicht die einzigen, die hier gestrandet waren.
Eigentlich wollten wir nur eine Nacht bleiben, denn besonders schön ist es hier auf den ersten Blick nicht. Der Platz ist eigentlich nichts anderes als ein Parkplatz mit einem schmalen Grünstreifen; die Wohnwagen der Dauercamper verstecken sich hinter ein paar Büschen und Bäumen. die Wohnmobile und Autos stehen im Sommer meist dicht an dicht. Die Ausstattung eher spartanisch: Gespült wird im Freien, an zwei überdachten Spülen, in den ersten Jahren nur mit kaltem Wasser. Im Sanitärgebäude: Zwei Duschen, vier Waschbecken und vier Toiletten für Damen, ebenso viele für Herren. Bemerkenswert: Anstehen musste ich nie – und es ist sauberer als auf manchem Campingplatz, der von einem bekannten Campingführer mit drei Sternen bewertet wurde.

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Das besondere ist die Lage – bis zum Meer sind’s nur wenige Meter – und die Atmosphäre: Deshalb kommen wir seit dem ersten Besuch immer wieder, obwohl ich nur im Internet surfe.
Hier verbringen Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten ihren Urlaub oder auch nur ein paar freie Tage. Wer im Hotel oder in einer Ferienwohnung Urlaub macht, trifft meist nur Leute aus einer ähnlichen Schicht, nämlich die, die sich die Übernachtung in einer bestimmten Preisklasse leisten können. Hier zahlen alle (fast) das Gleiche. Und so steht das Wohnmobil für 150.000 Euro neben unserem kleinen; andere schlafen in Lieferwagen mit Luftmatratzen auf dem Boden oder auf der heruntergeklappten Rückbank ihres Autos. Da sind die eingefleischten Surf- und Kitefans, Kinder und Jugendliche, die morgens von ihren Eltern zum Surfunterricht gebracht und abends wieder abgeholt werden, Erwachsene, die surfen oder Kiten lernen möchten – und viele andere, die wie ich nie im Leben auf ein wackliges Brett steigen würden. Ich habe einmal ein Wochenende lang versucht, Kanu fahren zu lernen – mit eher bescheidenem Erfolg.
Mir genügt es, das Wasser zu sehen, am Wasser entlang zu gehen, mit nackten Füßen durchs Wasser zu waten. Immerhin: Einmal traue ich mich ganz hinein. Mutig. Für etwa 30 Sekunden. Es ist wirklich sehr kalt, obwohl die Sonne scheint. Aber der Sommer ist vorbei; es ist schon September. Der Stellplatz ist fast leer, so leer wie noch nie. Aber wir waren auch noch nie außerhalb der Ferien hier. Jetzt sind fast nur Rentner unterwegs – oder Leute ohne schulpflichtige Kinder. Und Stechmücken. Sie überfallen uns, sobald wir stehen bleiben, sogar direkt am Meer. Sie greifen an, ohne uns durch Surren vorzuwarnen und stechen zu, selbst durch T-Shirt und Strümpfe. Mückenschutzmittel nützen nichts. Wir flüchten ins Wohnmobil, schlagen beim Ein- und Aussteigen die Tür so schnell wie möglich hinter uns zu, damit die Quälgeister draußen bleiben.
Die Hard-core-Camper, die wir zwei Tage später auf dem Campingplatz in Zingst treffen, sind weniger empfindlich – und schlimmeres gewöhnt. In der letzten Woche sei es viel schlimmer gewesen. Jetzt sei die Mückenplage fast wieder vorbei, sagt unsere Nachbarin auf Zeit. Sie liegt unbeeindruckt auf dem Liegestuhl vor ihrem Wohnwagen und genießt die September-Sonne. „Das ist hier so.“ Wer Meer und Strand will, muss Mücken in Kauf nehmen.
Stimmt. Und so genießen wir das Camping-Kontrastprogramm in Zingst: Sanitäranlagen vom Feinsten und vor allem: ein Wellness-Bereich mit vier Saunen und ein fast leeres Natur-Hallenbad mit ungechlortem Süßwasser und vielen Pflanzen, die das Wasser reinigen – und ohne Mücken. Ich schwimme täglich ein paar Runden. Zwischen zwei Saunagängen. Denn so sehr ich den Blick aufs Wasser liebe und vermisse: Wasser ist definitiv nicht mein Element, zu kalt und zu nass.

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