Gut versichert?!

Alle Jahre wieder in der Vorweihnachtszeit bekomme ich einen Fragebogen von der Versicherung, bei der ich Schäden abgesichert habe, die ich eventuell durch meine berufliche Tätigkeit anrichte. Die Versicherung will wissen, ob in meinem Unternehmen im letzten Jahr neue Geräte und damit neue Risiken hinzugekommen sind. Das ist ihr gutes Recht, dafür habe ich Verständnis. Was mich irritiert ist, wonach gefragt wird.

Ich bin Journalistin und Lektorin – und das habe ich beim Abschluss der Versicherung vor etwa einem Vierteljahrhundert auch wahrheitsgemäß angegeben. Zu meinen Arbeitsgeräten gehören Computer, Fotoapparat, das Internet, ein Festnetz- und ein Mobiltelefon, mehrere Taschen (meine Leidenschaft, deshalb mehr, als ich eigentlich brauche), Bücher (eine noch größere Leidenschaft) und Berge von Papier.

Papierberge sind nicht ungefährlich, sie können umstürzen und den Betriebsinhaber (mich) oder Besucher (eher selten, weil kein Publikumsverkehr) unter sich begraben oder im schlimmsten Fall als Lawine ins Tal, sprich, in die untere Etage fließen und die Menschen, die sich dort aufhalten, gefährden. Mir sind die Gefahr und meine Verantwortung durchaus bewusst. Deshalb, aber eigentlich mehr, um wenigstens ein bisschen Ordnung in mein Arbeitszimmer und damit in mein Leben zu bringen, entsorge ich (unregelmäßig, aber häufig) Papier. Die Papiertonne, die uns der regionale Abfallentsorger zur Verfügung stellt, ist (fast) jede Woche prall gefüllt.

Aber die Versicherung interessiert überhaupt nicht, um wie viele Meter der Papierberg in diesem Jahr angewachsen ist. Sie will auch nicht wissen, wie ich zu meinen Terminen und meinen Auftraggebern komme (meist mit öffentlichen Verkehrsmitteln, seltener mit dem Pkw und mit dem Fahrrad) und auch nicht, wie viele Computer ich habe. Dafür soll ich Auskunft geben, wie viele Service-Kräfte in meinem Auslieferungslager tätig sind (keine, ich versende meine Artikel, meist per E-Mail) und wie viele Hub- und Gabelstapler, Kräne, Motorschlitten, Winden, Tank- oder Kesselwagen ich habe und ob und wie sich die Zahl seit der letzten Erhebung vor einem Jahr verändert hat (nein, ich habe keine und die Zahl hat sich im vergangenen Jahr wie in den 25 Jahren zuvor nicht verändert).

Das ist für meine Branche nicht unüblich. Ich habe mich bei Kollegen umgehört – keine/r besitzt solche Geräte, nur ein Redakteur bei einer Zeitschrift für Baumaschinen hat einige Modelle im Maßstab 1 zu irgendwas, hat sie allerdings der Versicherung nicht gemeldet. Als ich den Vordruck zum ersten Mal bekam, habe ich ihn zugegebenerweise ignoriert, weil ich dachte, man hätte mir den falschen Vordruck zugesandt. Nach zwei Mahnungen und der Drohung, den Bestand zu schätzen oder meine Versicherung zu kündigen habe ich ihn wahrheitsgemäß ausgefüllt. Ich habe außerdem hoch und heilig versprochen, dass die Versicherung die allererste sei, die es erfahren würde, wenn ich mir je ein solches Gerät anschaffen würde. Doch offenbar vertraut die Versicherung mir nicht: Ich bekomme den Vordruck alle Jahre wieder – und fülle ihn brav aus, um lästige Nachfragen zu vermeiden. Und vielleicht bietet sich ja irgendwann die Gelegenheit, einen gebrauchten Hub- oder Gabelstapler günstig zu erstehen. Vielleicht wünsche ich mir auch im nächsten Jahr einen Motorschlitten zu Weihnachten. Mit dem kann ich dann durch die tiefverschneiten niedersächsischen Landschaften fahren.

Gespannt bin ich, ob sich dann die Versicherungsprämie ändert. Wahrscheinlich fällt es aber gar nicht auf, weil niemand die Vordrucke, die ich und Tausende andere Journalisten seit Jahren ausfüllen, wirklich liest. Sie werden wahrscheinlich nur gestapelt, und manchmal stelle ich mir vor, dass der Sachbearbeiter irgendwann einen Kran braucht, um die aktuellen Formulare an den richtigen Platz zu hieven.

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