Film ab

Durchschnittlich 1,5 mal im Jahr geht – rein statistisch – jede/r Bundesbürger/in jährlich ins Kino, meldete das Statistische Bundesamt, das jetzt DESTATIS heißt, Ende Januar. Ich liege deutlich über dem Durchschnitt.

Seit Anfang des Jahres habe ich mir bereits fünf Filme angesehen. Ich tue also etwas fürs Wohlergehen der Filmbranche.

Die ersten beiden Film erzählten die Geschichte der Schriftstellerinnen Astrid Lindgren und  Colette. Auch bei Film Nummer drei stand eine Frau im Mittelpunkt – die Frau eines erfolgreichen Schriftstellers. Sie tat, was auch Colette am Anfang getan hatte: Sie schrieb  Bücher, die ihr Mann unter seinem Namen veröffentlichte. Während sich aber Colette Anfang des 20. Jahrhunderts befreite und eine erfolgreiche Schriftstellerin wurde, gelingt das Joan Castleman im Roman nicht: Sie bleibt im Schatten ihres Mannes, opfert ihm die eigene Karriere, das eigene Talentt. Wie oft ist das früher geschehen, wie oft geschieht das heute noch.

Nachdem ich den Film „Die Frau des Nobelpreisträgers“ gesehen habe, habe ich auch den Roman von Meg Wolitzer gelesen – und so eine Autorin entdeckt, die ich bisher nicht kannte.

Die Autobiographie von Hape Kerkeling werde ich sicher nicht lesen. Aber der Film: „Der Junge muss an die frische Luft“ hat mich und alle, denen ich ihn empfohlen habe, begeistert. Schon allein wegen der tollen Schauspieler, allen voran Julius Weckauf, der den kleinen Hape spielt. Ein Film, in dem Lachen und Weinen ganz nah beieinander liegen, in einem Säckchen sind, wie es früher bei uns hieß.

Und nach vier überzeugenden Filmen war da noch Film Nummer 5. Kein Spiel-, sondern ein Dokumentarfilm: Ein Mann wandert 700 km durch den Harz und filmt sich und die Landschaft dabei. Eine gute Idee eigentlich, aber gut gedacht ist ja bekanntlich das Gegenteil von gut gemacht. Eine Werbung für den Harz war der Film meiner Meinung nach nicht. Das lag vielleicht auch daran, dass es auf der Tour gefühlt fast immer regnete. Aber Freunde, die fast alle Strecken selbst gewandert sind, behaupten, sie hätten auf ihren Touren bessere Aufnahmen gemacht und schönere Stellen gefunden als die gezeigten.

Ein Ereignis war der Kinobesuch trotzdem, denn so einen Ansturm habe ich selten erlebt. Vor dem Kino bildete sich schon eine dreiviertel Stunde vor Beginn eine Schlange, die vom Eingang im Hinterhof bis zur Straße reichte. So etwas habe ich zuletzt bei der Rocky Horror Picture Show in meiner Studentenzeit in den Siebzigern erlebt. Wer keine Karte reserviert hatte, musste draußen bleiben. Und als der Film mit Verspätung um viertel nach sieben startete, standen draußen noch immer Leute Schlange, die sich Karten für die Zusatzvorstellung am Sonntag sichern wollten. Wenn ich gewusst hätte, was mich erwartet, hätte ich zumindest einen der Wartenden glücklich gemacht, ihm meine Karte verkauft und vielleicht ganz nebenbei eine neue Karriere als Schwarzmarkthändlerin gestartet.

Von Städten und Bildern

Eigentlich wollte ich heute nach Tübingen fahren, weil ich die Universitätsstadt am Neckar schon immer mal gerne sehen wollte. Uhland und viele Romantiker haben hier gelebt und Hölderlin, von dem ich, ich gestehe es zu meiner Schande, außer ein paar Gedichten nichts gelesen habe. Hermann Hesse hat in Tübingen eine Buchhändlerlehre gemacht, Claus Kleber Jura studiert, Papst Benedikt Theologie gelehrt, Dietrich Bonhoeffer hat sie  praktiziert. Und Walter Jens war hier Rhetorikprofessor. Zudem soll die Stadt sehr hübsch sein. Gründe genug für einen Abstecher. Und von Bruchsal nach Tübingen ist es ja auch nur ein Katzensprung.

Ich hatte also Tübingen fest eingeplant, meinen Aufenthalt bei meiner Freundin um einen Tag verlängert, mich mit einem neuen Anorak gegen schlechtes Wetter gewappnet und mir Züge ausgesucht, mit denen ich fahren wollte: morgens um halb 9 hin, nachmittags gegen 15 Uhr zurück. Nicht viel Zeit, um eine Stadt kennen zu lernen, aber immerhin genug, um einen ersten Eindruck zu gewinnen – und zu entscheiden, ob es sich lohnt, wiederzukommen. Im Sommer, wenn das Wetter hoffentlich besser ist.

Ich wollte also eigentlich nach Tübingen fahren, doch dann zwang mich die Deutsche Bahn zu einer Planänderung. Denn als ich früh morgens noch einmal nachschauen wollte, wann ich genau abfahren und wo ich umsteigen muss, zeigte sich auf dem Bildschirm das gefürchtete rote Warndreieck

„Weichenstörung: Auf der Strecke Stuttgart Hbf – Tübingen Hbf zwischen Stuttgart Hbf und Esslingen(Neckar). Es kommt zu Verspätungen in beide Richtungen im Regionalverkehr der Deutschen Bahn.“

Weil mein Zeitfenster ohnehin eng war und für Verspätungen keine Zeit, disponierte ich um und blieb zu Hause. Zum Glück. Denn selbst nach 10 war noch keine Besserung in Sicht: „Die Weichenstörung in Stuttgart Hbf besteht leider weiterhin; Züge fahren langsamer. Bitte rechnen Sie mit Verspätungen und vereinzelten Zugausfällen. Die Störung dauert an. Ende noch nicht abschätzbar. Update folgt“, hieß es auf der Bahn-Website.

Mein Reiseupdate sieht statt Tübingen jetzt einen Besuch in Mannheim vor. Auf den ersten Blick vielleicht kein adäquater Ersatz, doch gerade gestern hat mich – meiner Freundin sei Dank – schon eine andere Stadt positiv überrascht. Baden-Baden stand überhaupt nicht auf meiner To-visit-Liste. Doch allein das Museum Frieder Burda ist eine Reise wert.

Das Museum ist schon architektonisch ein Highlight. Und dann war dort das Banskys „Girl with Balloon“ alias „Love is in the Bin“  zu sehen. Allen, die sich nicht (mehr) erinnern, sei die Geschichte kurz erzählt: Im vergangenen Herbst hatte eine Sammlerin das Werk des Street-Art-Künstlers bei einer Kunstauktion bei Sotheby’s gerade für schlappe 1,2 Millionen Euro ersteigert – also ein Schnäppchen –, als die untere Hälfte vor den Augen der Anwesenden zerschreddert wurde.

Die obere Hälfte ist jetzt heil im Rahmen zu bewundern, die zweite Hälfte hängt in Streifen geschnitten darunter. Mindestens so interessant wie das Bild selbst waren zwei Filme, die gezeigt wurden – einer über den Street-Art-Künstler und seine (anderen) Arbeiten, der zweite über die Auktion und die Schredderaktion. „Die Strategien des Kunstmarktes zu torpedieren – und gleichzeitig ihre Dynamik zu beflügeln“ – das ist Bansky sicher gelungen. Denn das kaputte Bild ist jetzt wohl viel mehr wert als bei der Auktion.

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Banksy:
Love is in the Bin
,
2018, Sprayfarbe und Acryl auf Leinwand, 142 x 78 x 18 cm,
Privatsammlung, Foto: Sotheby’s
,
© Banksy

Weil es schon spät war und das Museum schon um 18 Uhr seine Tore schloss, reichte es danach leider nur noch zu einem Schnelldurchgang durch die Brücke-Ausstellung. Wie gesagt: Der Besuch lohnt und auch der kurze Rundgang durch die Stadt machte Lust aufs Wiederkommen. Irgendwie hat Baden-Baden mehr Flair, als ich gedacht hatte. Und so bin ich gespannt auf Mannheim.

Übrigens: Banskys Bild „LOVE IS IN THE BIN“ ist noch bis 3. März  im Museum Frieder Burda in Baden-Baden zu sehen, die Ausstellung „Die Brücke“ noch bis zum 24. März.

Was bleibt

Er war, darin sind wir uns einig, besonders schön – aber das meinen wir eigentlich jedes Jahr. Besonders stachlig war er gewiss. Und er hat zu meiner Freude sicher mehr geduftet als die meisten seiner Vorgänger: Jeden Morgen hing ein Hauch von Tannenduft im Wohnzimmer. Dass er so lange bleiben durfte, hatte aber einen anderen, eher praktischen Grund. Am 6. Januar, am Befana-Tag, an dem Weihnachtsbäume bei uns in der Regel das Feld, pardon, das Wohnzimmer räumen müssen, war mein Mann auf dem Sprung zu den Polarlichtern nach Tromsö. Statt Tannenbaum-Entsorgung war also Kofferpacken angesagt.

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Vorher …

Mir war’s recht. Denn ich mag nicht nur den Tannenduft, sondern auch die Lichterkettenbeleuchtung, die ich schon früh morgens anschalte, wenn ich meine erste Tasse Kaffee koche. Und so hätte dieser Weihnachtsbaum fast durchgehalten bis Lichtmess, in manchen Gegenden der traditionelle Weihnachtsschmuck-Abräumtag. Doch zum Schluss rieselten die Nadeln, sobald sich jemand dem Baum näherte, und signalisierten deutlich, dass die Weihnachtsbaumzeit abgelaufen war.

Als wir Anfang der Woche Kugeln, Lichter- und sonstigen Ketten entfernt hatten, waren manche Zweige ganz nackt. Und wie in jedem Jahr verteilten sich die pieksenden Nadeln auf wundersame Weise im ganzen Haus und kommen erst nach und nach zum Vorschein. Die letzten wahrscheinlich erst, wenn wir im Dezember den neuen Baum aufstellen.

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… nachher

Besonders gerne verfangen sie sich  in den Wollstrümpfen, die meine Mutter früher für mich und viele andere gestrickt hat. Wie viele es waren? Hunderte, gewiss, im Lauf der letzten Jahre. Und trotzdem hat sie das Strümpfestricken inzwischen verlernt; ihre körperlichen Kräfte lassen ebenfalls immer mehr nach. Und während ich eine Tannennadel aus dem Strumpf puhle, denke ich, dass dieser Weihnachtsbaum vielleicht der letzte war, den meine Mutter gesehen hat. Den Heiligen Abend hat sie im vergangenen  Jahr noch mit meinem Mann und mir gefeiert, doch in diesem Jahr wird sie die wenigen Stufen zu unserer Haustür sicher nicht mehr schaffen …

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Ende eines Weihnachtsbaums