Rezept fürs neue Jahr*

Nun ist sie vorbei, die erste Arbeitswoche im neuen Jahr, das für mich das letzte Arbeitsjahr sein wird. Denn im Oktober gehe ich in Rente: Ich höre dann zwar nicht ganz auf zu arbeiten, denn mein Beruf macht mir immer noch Spaß. Aber ich werde sicher weniger arbeiten als in der Vergangenheit.

Der Übergang zum neuen Dasein als Rentnerin gestaltet sich fließend. Denn wie viele Selbstständige im Medienbereich habe ich seit Beginn der Corona-Pandemie Aufträge verloren. So wurden beispielsweise viele Korrekturaufträge, die an Freie wie mich vergeben waren, vor nun fast zwei Jahren storniert; die meisten wohl auf Dauer. Zeitschriften leben ja bekanntlich von Anzeigen – und wenn es weniger Anzeigenaufträge gibt, wird eben da gespart, wo es am einfachsten scheint. Wem fällt es schon auf, wenn „dass“ nur mit einem s geschrieben wird, wo eigentlich zwei hingehören – und umgekehrt? Oder dass der ehemalige Oberbürgermeister von Hannover nicht Stephan, sondern Stefan heißt?

Dass ich Aufträge verloren habe, belastet mich nicht (mehr): Den meisten weine ich keine Träne nach. Und einen Auftrag hätte ich eigentlich schon lange kündigen wollen oder sollen, weil er mir mehr Frust als Lust bereitete. Ich habe natürlich gut reden. Finanziell bin ich durch die freiwillige Arbeitslosenversicherung für Selbstständige und natürlich auch durch die Pension meines Mannes abgesichert. Und um meine berufliche Zukunft muss ich mir – anders als viele jüngere Kolleginnen und Kollegen – keine Sorgen mehr machen: Ich gleite auf die Rente hin, kann mich allmählich an den arbeitsfreien Zustand gewöhnen. Das tue ich – und ich tue es gerne. Es gefällt mir, dass ich Aufträge loslassen kann, die keinen Spaß machen, sondern nur belasten. Und dass ich nicht mehr jeden Auftrag annehmen muss, auch wenn er noch so ungelegen kommt, aus Angst, ich könnte mir durch eine Absage einen Folgeauftrag vermasseln. Das Los vieler Freier.

Natürlich schaue ich nicht sorgenfrei in die Zukunft oder auch nur in das vor uns liegende Jahr. Im Gegenteil: Ich bin ausgesprochen gut im Sorgen machen, wie ein winziger Auszug aus meiner ungeschriebenen Sorgenliste zeigt. Reicht meine Rente? Wie geht es mit Corona weiter? Werden die Impfgegner noch radikaler, noch gefährlicher – hierzulande und anderswo? Ja, die Leerdenker-Bewegung macht mir zunehmend Angst: Hier verbünden sich scheinbar ganz normale Bürgerinnen und Bürger mit Geistern, die sie vielleicht nicht mehr los werden. Haben sie aus der Geschichte wirklich nichts gelernt. Fackelaufzüge, Todesdrohungen und Todeslisten erinnern an Deutschlands dunkelste Zeiten, die wir doch für immer hinter uns geglaubt hatten.

Mascha Kaléko, meine Lieblingslyrikerin, hat diese Zeit erlebt und erlitten: Die Nazis haben ihre Karriere zerstört; weil sie Jüdin war, wurden ihre Bücher als „schädliche und unerwünschte Schriften“ verboten. 1938 floh sie mit Mann und Kind in die USA, aber der berufliche Neustart war dort für eine Dichterin und einen Musikwissenschaftler nicht leicht. Mascha Kaléko hielt die Familie mit Werbetexten über Wasser und veröffentlichte Texte in der deutschsprachigen jüdischen Exilzeitung Aufbau. Im amerikanischen Exil schrieb sie, sicher in prekären Verhältnissen lebend, unter anderem auch „Rezept“, eines mein Lieblingsgedicht. Es beginnt mit den Zeilen

„ Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
wird wohl alles noch reichen“

Ich finde, das ist ein guter Rat. Ich möchte ihn mir zu Herzen nehmen, für das noch neue Jahr und für meine Zukunft.

Wer das Gedicht nachlesen will, findet es in dem von Gisela Zoch-Westphal und Eva-Maria Prokop herausgegeben Buch: „Sei klug und halte dich an Wunder“. Es ist und enthält neben dem Gedicht noch viele andere lesenswerte Gedanken Mascha Kalékos über das Leben. Eine Leseprobe aus dem bei dtv erschienenen Buch mit dem Gedicht gibt es im Internet unter https://www.dtv.de/_files_media/title_pdf/leseprobe-14256.pdf

*Dieser Beitrag enthält unbezahlte Werbung

Mascha Kaléko: Sei klug und halte dich an Wunder, Gedanken über das Leben. Hrsg. von Gisela Zoch-Westphal und Eva-Maria Prokop, ‎ dtv Verlagsgesellschaft, 2013, 10 Euro

Fünf Jahre im Blick

Manchmal bin ich meiner Zeit voraus. Als „neue Tradition für 2022 bis 2027“ wird in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Freundin das Fünf-Jahres-Tagebuch angepriesen. „Toll zum Zurückschauen und zum Alltag-Entknoten“, heißt es.

Ich habe das Fünf-Jahres Tagebuch bereits vor mehr als fünf Jahren entdeckt, und zwar in einem Schreibwarenladen in Tromsö. Die Möglichkeit, fünf Jahre in Folge ein paar Zeilen auf jeweils eine Seite zu bannen, hat mich sofort fasziniert. Trotzdem habe ich keines der Bücher mit nach Deutschland genommen: Bei den einen missfiel mir, dass die Seiten liniert waren – Schreiben auf liniertem oder kariertem Papier geht bei mir bekanntlich ja gar nicht. Bei den anderen störten mich die Fragen oder Stichworte, die Tagebuch-Neulingen vielleicht das Notieren erleichtern. Mich stören sie aber. Ich möchte schreiben, was mir in den Sinn kommt. Wieder zurück zu Hause, musste ich lange suchen, bis ich endlich das für mich ideale Fünf-Jahres-Buch gefunden hatte.

Der erste Eintrag stammt vom 1. September 2017; seither habe ich fast jeden Abend ein paar Sätze notiert, eben wie der Titel des Buches sagt: some lines a day. Es gibt in den fünf Jahren nur wenige Lücken. Wenn ich verreise, habe ich meist Kopien einer leeren Doppelseite dabei, die ich später in das Buch einklebe. Notfalls tun es auch einfache Blätter.

In der Silvesternacht habe ich die letzten Zeilen in das alte Buch geschrieben und am Neujahrtag die ersten in das neue. Ein Tagebuch zu beginnen, ist für mich immer noch ein besonderer Moment, obwohl ich in den letzten 50 Jahren wohl weit mehr als 100 Tagebücher vollgeschrieben und ebenso viele angefangen habe. Der Zauber, der nach Hermann Hesse ja jedem Anfang innewohnt, gilt um so mehr, wenn ein Tagebuch mich nicht nur einige Monate, sondern fünf Jahre lang begleiten soll.

In meinen alten Tagebüchern lese ich fast nie; aber wenn ich abends etwas in mein Fünf-Jahres-Buch schreibe, schaue ich oft, was ich vor einem oder vor fünf Jahren am gleichen Tag gemacht habe. Und manchmal bin ich erstaunt, wie sehr sich die Tage, die Gedanken und auch die Einträge gleichen.

Dass aufs erste Fünf-Jahres-Buch das nächste folgen würde, war für mich klar. Nach dem neuen Buch habe ich lange gesucht: Ich war in drei Städten in vier Schreibwarenläden und in drei Buchhandlungen, die Leuchtturm-Kladden verkaufen. Nur eine große Buchhandlung hatte Fünf-Jahres-Bücher des Herstellers, allerdings nur in Schwarz. Dabei gibt es inzwischen mehr und schönere Farben. Fündig wurde ich schließlich im im Papier Kontor, einem kleinen, aber feinen Schreibwarenladen in Hannover. Manchmal sind die Kleinsten eben doch die Besten.

Wer Hermann Hesses Gedicht Stufen nachlesen will, findet es im Internet zum Beispiel unter https://www.lyrikline.org/de/gedichte/stufen-5494

Die unstrukturierte Leserin

Ich lese gern – und recht viel. Wenn die Statistiken nicht lügen, deutlich mehr als der Durchschnitts-Deutsche, wie immer er oder sie aussehen mag. Nach einer Umfrage des Stern aus dem Jahr 2015 lesen nämlich nur 27 Prozent mehr als zehn Bücher jährlich, 14 Prozent lesen gar keine Bücher. 39 Prozent der Befragten lesen bis zu fünf Bücher, (https://www.presseportal.de/pm/6329/2969695) – so viele liegen meist neben meinem Bett, weil ich parallel mehrere Bücher lese (und weil ich die gelesenen Bücher nicht immer sofort wegräume. Aber das ist ein anderes Thema).

Welche Bücher ich – vollständig – gelesen habe, notiere ich unter anderem in meinem Büchertagebuch. Das habe ich vor Jahren in der Livraria Bertrand in Lissabon gekauft, die angeblich die älteste Buchhandlung der Welt sein soll. 58 Bücher stehen bis jetzt in diesem Jahr auf meiner Gelesen-Liste. Und weil ich zwar Listen liebe, sie aber leider nicht sehr akribisch führe, sind es wahrscheinlich sogar ein paar mehr. Mein selbst gestecktes Jahresziel – ein Buch pro Woche – habe ich in diesem Jahr schon erreicht.

Belesen, wie manche jetzt vielleicht mutmaßen, bin ich aber nicht. Denn Duden online und Googles Deutsche Wörterbuch definieren „belesen“ als „durch vieles Lesen reich an [literarischen] Kenntnissen“. Ich habe, wenn überhaupt, nur ein gesundes Halbwissen. Und obwohl ich in meinem früheren Leben Germanistik studiert habe, kenne ich nicht einmal die Klassiker der Weltliteratur.

So bin ich bei „Ulysses“ von James Joyce ebenso wie bei Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ nie über die ersten 50 Seiten hinausgekommen. Die Bibel und Homers Ilias – ebenfalls Must-Reads für wirklich belesene Menschen – habe ich nur auszugsweise gelesen. Und die Lektüre von Buddenbrooks und Goethes Wahlverwandtschaften liegt so lange zurück, dass es schon fast verjährt ist.

Im Studium habe ich mich noch brav durch diverse Literaturlisten gelesen, seit ich der Uni den Rücken gekehrt habe und auch dem Schuldienst erfolgreich aus dem Weg gegangen bin, bin ich eine unstrukturierte Leserin. Ich lese just for fun.

Ich lese, was mir mehr oder weniger zufällig in die Finger fällt oder vor besser vor die Augen kommt. Bestsellerlisten interessieren mich bei der Auswahl meiner Lektüre eigentlich gar nicht, die Empfehlungen verschiedener Kulturseiten und -sendungen nur bedingt. Viele Bücher finde ich auf der Neuerscheinungsliste der örtlichen Bücherei und warte dann geduldig, bis ich an der Reihe bin: Helga Schuberts „Vom Aufstehen“ zum Beispiel oder „Die Unsterblichen“ von Axel Schumann. Manchmal frage ich das Bücherei-Team, ob ein Buch, das ich gerne lesen würde, nicht auch für andere LeserInnen interessant wäre. Und manchmal überzeugen meine Buchwünsche die Mitarbeiterinnen und sie kaufen das Buch für die Bücherei (vielen Dank für beides). Beispielsweise Gabriele von Arnims „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“. Das Buch, in dem Sie über das Zusammenleben mit ihrem pflegebedürftigen Mann schreibt, hat mich sehr berührt, vielleicht auch, weil ich es zu einer Zeit gelesen habe, als eine Freundin und ein Freund schwer krank waren.

Wenn ich in eine Buchhandlung gehe, komme ich meist mit einem neuen Buch heraus. Aber ich entdecke auch oft Bücher wieder, die seit Jahren in meinem Bücherschrank stehen. Manchmal springen mich die Titel an. Oder besser gesagt sie schreien: „Lies mich“ – weil sie gerade (wieder) zu meinem Leben passen. Zum Beispiel Rainer Maria Rilkes „Du musst dein Leben ändern“, „Auszeit“ von Anja Meulenbelt oder „Ein sanfter Tod“ von Simone de Beauvoir.

Manchmal führt mich ein Buch auf einen Pfad, dem ich dann lesend folge: Nachdem ich Antonio Iturbos „Bibliothekarin von Auschwitz“ gelesen habe, habe ich mir Dita Kraus Memoiren „Ein aufgeschobenes Leben: Kindheit im Konzentrationslager – Neuanfang in Israel“ ausgeliehen. Dita Kraus war noch ein Teenager, als sie im sogenannten „Familienlager“ des Venichtungslagers Birkenau die Bücher vor den Nazis versteckte. Sie wurde von Birkenau zunächst nach Auschwitz und dann ins KZ Bergen-Belsen deportiert. Dort hielten die Nazis auch Anne Frank und Renata Laqueur gefangen; Anne Frank wurde dort ermordet. Renta Laqueur überlebte. Ihre Tagebücher stehen in meinem Bücherregal, und natürlich habe ich noch einmal in sie hineingelesen. 

Oft verlasse ich mich bei der Auswahl der Bücher auf Empfehlungen von Freundinnen und Bekannten – und werde nur selten enttäuscht: Tante Martl von Ursula März hat mir eine Bekannte empfohlen und ausgeliehen; Nevermore von Cécile Wajsbrot habe ich mir selbst gekauft, nachdem eine Bücherfrau aus unserer Regionalgruppe es erwähnt hat. Jetzt liegt es auf dem Stapel der zu lesenden Bücher, der seinen Platz in einem meiner Bücherregale hat.

Ein Buch, das schon lange – ungelesen – in meinem Bücherregal steht, hat es jetzt auch auf diesen Stapel geschafft: „Der Zauberberg“ von Thomas Mann. Ein Bekannter hat mir den Zauberberg ans Herz gelegt, weil es eines seiner Lieblingsbücher ist. Dass er es schon mehrmals gelesen hat, hat mich beeindruckt, immerhin hat das Buch fast tausend Seiten. Ich gebe dem Klassiker also noch eine Chance – und vielleicht ist die Vorweihnachtszeit der richtige Zeitpunkt für einen Roman, der in den Schweizer Bergen spielt und in dem ein Schneetraum zu den Höhepunkten zählen soll.

PS: Auch dieser Blogbeitrag hat mich zu einem Buch geführt: Als ich über den Text und über den Titel nachdachte, kam mir Alan Bennett „Die souveräne Leserin“ in den Sinn. Ich kannte das Buch nicht, habe es mir gekauft und kann es nur empfehlen. Natürlich ohne Gewähr, denn anders als die Queen, die Heldin des Buches, bin ich keine souveräne, sondern nur eine unstrukturierte Leserin. .

 

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Nicht weitermachen wie bisher

Willkommen zurück, begrüßt mich mein Computer jedes Mal, wenn ich eine Datei öffne. Und er schlägt mir vor: „Machen Sie genau dort weiter, wo sie aufgehört haben“ – wahlweise vor neun Minuten, vor drei Stunden, vor zwei Tagen, vor einem Monat oder vor einem halben Jahr. Denn mein Computer hat, wie es so Computerart ist, ein ausgezeichnetes Gedächtnis: Er merkt sich genau, viel besser als ich, was ich wann geschrieben oder verändert habe.

Ja, sage oder denke ich meist und lasse mich mit einem Mausclick an die entsprechende Stelle in der Datei leiten. Doch immer öfter frage ich mich bei der Gelegenheit, ob ich das auch im richtigen Leben will: Genau dort weitermachen, wo ich aufgehört habe, also im Prinzip weitermachen wie bisher. Und ich merke: Eigentlich will ich das nicht. Ich habe das Gefühl, dass ich mein Leben ändern müsste – oder zumindest sollte.

Vielleicht liegt es daran, dass ich vor Kurzem 65 Jahre alt geworden bin, vielleicht daran, dass in diesem Jahr kurz nacheinander eine Freundin und ein Freund gestorben sind. Und natürlich führt uns – oder zumindest mir – Corona ständig vor Augen, wie schnell und radikal sich das Leben ändern und wie schnell es zu Ende sein kann.

Ich gebe es zu: Obwohl ich auf die Impfung – irgendwann im Januar ist es auch bei mir die dritte -, die Vorsichtsmaßnahmen, die ich einhalte, und natürlich auch auf meine ziemlich  robuste Gesundheit vertraue, macht SARS-CoV-19 mir zunehmend Angst. Und immer öfter denke ich an eine Meldung, die ich irgendwann vor Jahren im Radio gehört und die ich nie vergessen habe. Irgendwo im Osten Europas, in Armenien, in der Ukraine, in Aserbeidschan oder in irgendeinem anderen Staat, der früher zur Sowjetunion gehörte, wird auf Grabsteinen neben Namen, Geburts- und Todesjahr auch die Lebenszeit notiert. Gelebt  X Jahre, stehe dann dort in Stein gemeißelt, und (fast) immer sei die „Lebenszeit“ deutlich niedriger als das Alter.

Das wäre bei mir sicher auch so: Ich habe in den vergangenen Jahren oft zu viel gearbeitet und zu wenig gelebt. Zum einen, weil mir meine Arbeit Spaß macht, zum anderen aber auch, um finanziell unabhängig zu sein. Und dabei habe ich mich nicht immer genug um meine Gesundheit und um die wirklich wichtigen Dinge gekümmert.

Vielleicht muss ich dem Coronavirus ja sogar ein bisschen dankbar sein, weil es die Reißleine gezogen hat, bevor es mein Körper tun wollte. Ich habe coronabedingt wie viele Kolleginnen und Kollegen einige Aufträge verloren. Das ist natürlich bedauerlich, aber es tut mir gut, beruflich kürzer zu treten. Nicht nur, aber auch weil ich nicht mehr so belastbar bin wie früher. Es fällt mir schwerer, ohne Pause durchzuarbeiten, wie ich es jahrelang getan habe: den ganzen Tag, die ganze Woche, den ganzen Monat. Ich brauche mehr Pausen, und die gönne ich mir jetzt öfter.

Ich will, ja, ich kann nicht dort weitermachen, wo ich aufgehört habe – vor Corona. Ich habe mir vorgenommen, künftig zu arbeiten, um zu leben, und nicht länger zu leben, um zu arbeiten. Einen Plan, wie es weitergeht, bis ich im nächsten Jahr in Rente gehe und danach, habe ich noch nicht. Aber Corona hat mir ohnehin klar gemacht, wie wenig planbar unser Leben ist. Vielleicht befolge ich einfach Rainer Maria Rilkes Rat. „Lassen Sie sich das Leben geschehen. Glauben Sie mir: das Leben hat recht, auf alle Fälle“, schreibt er in seinem Buch „Du mußt dein Leben ändern.“ Ich habe das Buch irgendwann wohl wegen des Titels gekauft, und jetzt – wohl aus dem gleichen Grund – in meinem Regal wiederentdeckt. Und noch ein anderes Buch habe ich dort gefunden: „Es ist nie zu spät, neu anzufangen“ von Julia Cameron. Na denn.

Von alten Regalen und neuen Kisten

Als ich mein Arbeitszimmer umgeräumt habe, hat sich eine Lücke aufgetan. Leider zu schmal für ein weiteres Bücherregal, aber zu breit, um ungenutzt zu bleiben. In dem großen Möbelhaus aus Schweden bei uns im Ort habe ich die Lösung gefunden. Die Kisten aus Kiefernholz, die ich erstanden habe, wecken Erinnerungen – an meinen ersten Besuch in dem schwedischen Möbelhaus, das damals noch längst nicht so bekannt war wie heute, und an die Regale aus Kiefernholz, die ich vor dreieinhalb Jahrzehnten dort kaufte.

Ich hatte gerade ein Volontariat begonnen und brauchte für meine neue Wohnung neue Möbel, vor allem Bücherregale und eine Matratze. Meine Freundin begleitete mich, wir kauften dies und das für meine und für ihre Wohnung – so viel, dass unsere Einkäufe gerade in den Golf meines Vaters gepasst hätte. Doch dann entdeckte Sabine in der Fundgrube einen Teppich, 4 x 4 Meter groß, genau passend und farblich ideal für ihr Zimmer in ihrer Studentenwohnung in Mainz – und supergünstig. Meine Bedenken, dass der Teppich zu groß sei für das kleine Auto, hatten gegen diese Vorzüge keine Chance. Das passt schon, behauptete Sabine kühn, und sie behielt recht.

Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung verjähren nach drei Monaten, also kann ich es an dieser Stelle gestehen: Als wir Regale, Matratze, diverse Kleinigkeiten und natürlich den großen Teppich verstaut hatten, blieb für die Beifahrerin nur noch der Platz vor dem Beifahrersitz. Den nahm ich freiwillig ein – nicht nur, weil ich ein gutes Stück kleiner bin als meine Freundin, sondern auc,h weil ich ungern am Steuer des Wagens erwischt werden wollte, der heillos überladen und in dem die Sicht durch Rückfenster und Rückspiegel versperrt war. Bei einer Kontrolle wollte ich mich mucksmäuschenstill verhalten und es meiner viel überzeugenderen Freundin überlassen, die Polizisten davon abzuhalten, genauer hinzuschauen.

Solche Probleme hatte ich bei meinem jüngsten Einkauf nicht: Weil die Kisten aus Kiefernholz ohne voluminöse Umverpackung verkauft werden, konnte ich ihrer vier auf dem Fahrrad straßenverkehrsordnungskonform nach Hause transportieren und dort ganz problemlos zusammenbauen.

Was aus Sabines Teppich geworden ist, weiß ich nicht. Meine Regale sind mit mir von der Mosel in den Norden gezogen und leisten noch heute gute Dienste – inzwischen allerdings nicht mehr im Wohn- oder Arbeitszimmer, sondern im Keller. Ob den neuen Kisten ein ebenso langes Leben beschert ist, weiß ich nicht; sie sehen auf jeden Fall recht solide aus. Und sie lassen sich vielseitig verwenden: als Regalersatz oder wenn sie dazu nicht mehr benötigt werden, beispielsweise als mobile Bücher- und Bürobox, als Obst- oder als Werkzeugkiste, um in den guten alten Kiefernregalen für ein Ordnung zu sorgen.

Drei Autorinnen – drei Bücher: Making-of

Eigentlich klang es ganz einfach. Drei Autorinnen – drei Bücher heißt die Rubrik des Bücherfrauen-Blogs, für den ich den Oktober-Beitrag verfassen wollte und sollte. Kein Problem, dachte ich. Schließlich sind viele – oder sogar die meisten – meiner Lieblingsbücher von Frauen geschrieben. „Das Tagebuch der Anne Frank“, „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“ von Gabriele von Arnim und „Working Class“ von Julia Friedrichs standen zunächst aus unterschiedlichen Gründen ganz oben auf meiner internen Shortlist. Bei den Autorinnen waren zunächst Simone de Beauvoir, Isabel Allende und Siri Hustvedt erste Wahl. Doch dann kam alles ganz anders.

Über alle drei Autorinnen hatten schon andere Bücherfrauen geschrieben. Das ist zwar kein Ausschlusskriterium, denn es geht im Blog um Bücher, die den Schreiberinnen wichtig sind, egal, wann sie erschienen sind und ob sie – Bücher oder Autorinnen – schon mal vorgestellt wurden. Trotzdem habe ich mich dann umentschieden – nicht nur ein-, sondern mehrmals.

Ich habe also Bücher von allen drei Autorinnen mit nach Norwegen genommen, um sie noch einmal zu lesen. Doch weder „Alles in allem“ von Simone de Beauvoir noch Isabel Allendes „Siegel der Tage“ noch Siri Hustvedts „ Gleißende Welt“ konnten mich wirklich fesseln – vielleicht war es nicht der richtige Zeitpunkt oder der richtige Ort für diese Bücher. Dafür entdeckte ich im hohen Norden eine Autorin wieder, die ich vor einigen Jahren begeistert gelesen habe und deren Bücher zwar nicht in Norwegen, aber im Nachbarland Schweden spielen: Marianne Frederiksson. Dank E-Book-Reader konnte ich „Hannas Töchter“ noch einmal gelesen – und es hat mich auch beim dritten oder vierten Lesen genauso gepackt wie beim ersten Mal vor einem Vierteljahrhundert.

Zwei Autorinnen habe ich bei meiner Lesereise neu entdeckt: Rebecca Solnit und Helga Schubert. In den aktuellen Bücherfrauen-Blogbeitrag hat es allerdings nur Rebecca Solnit geschafft. Ihr Essay „Wenn Männer mir die Welt erklären“ hat das Zeug zu meinem Lieblingsessay – und ich frage mich, wieso ich die Autorin so lange übersehen konnte. Sie gehört zu den bekanntesten Essayistinnen und schreibt über Themen, die auch mich bewegen: übers Wandern zum Beispiel, über Feminismus und auch über die Alzheimer-Erkrankung ihrer Mutter. Vielleicht liegt es daran, dass ich auch Essays erst jetzt für mich entdecke, obwohl mich das Genre schon lange fasziniert. Über Helga Schuberts Buch „Vom Aufstehen“ möchte ich im nächsten Bücherfrauen-Blog schreiben. Dieses Mal habe ich bei den Büchern thematisch den Schwerpunkt auf Tagebücher gelegt.

Wer wissen möchte, welche Bücher und Autorinnen ich vorgestellt habe, kann den Blog-Beitrag nachlesen unter

Tag des Tagebuchs – in Memoriam Anne Frank

Anne hätte es gefallen, dass ausgerechnet ihr Geburtstag der Tag des Tagebuchs ist. Mit gutem Grund: Schließlich ist das Tagebuch, das ihre Eltern ihr zum 13. Geburtstag am 12. Juni 1942 schenkten, das wohl meistgelesene Tagebuch der Welt – und eines der am meisten gelesenen Bücher überhaupt

Mit diesem Erfolg hat Anne Frank sicher nicht gerechnet – „ich denke auch, daß sich später keiner, weder ich noch ein anderer, für die Herzensergüsse eines dreizehnjährigen Schulmädchens interessieren wird. Aber darauf kommt es nicht an, ich habe Lust zu schreiben und will mir alles mögliche gründlich von der Seele reden“, notierte sie am 20. Juni 1942.

Ich habe mir Anne Franks Tagebuch zum ersten Mal Anfang der 70er Jahre gekauft. Das Buch steht noch heute in meinem Bücherregal – neben mehrere neueren, sicher textkritischeren Ausgaben und einem Graphic Diary. Doch die älteste Ausgabe ist mir immer noch die liebste, auch wenn die Blätter vergilbt sind, einige schon brüchig und sich lösen.

Das Buch hat mich begleitet, wo immer ich gelebt habe – und es hat mein Leben, mein Lesen und mein Schreiben so beeinflusst wie kaum ein anderes. Wenn ich, wie die Buchmenschen in Ray Bradburys Roman Fahrenheit 451, ein Buch auswendig lernen müsste, um es in meinem Kopf vor der Vernichtung zu retten, wäre das Tagebuch der Anne Frank sicher in der engeren Wahl – wahrscheinlich sogar die erste.

Kurz nachdem ich Anne Franks Tagebuch gelesen hatte, fing ich an, selbst Tagebuch zu schreiben – und ich habe nie wieder damit aufgehört. Tagebuch zu schreiben ist meine Art, das Leben zu durchdenken und zu bewältigen – das Tagebuch ist für mich , wie Kathleen Adams schreibt, ein „friend at the end of the pen“.

Auch heute schreibe ich noch, wie vor fast 50 Jahren, ganz klassisch mit der Hand in Kladden – mal dick, mal dünn, meist mit flexiblem Einband, aber immer unliniert. Außerdem gibt es inzwischen ein digitales Tagebuch.

Mein analoges Tagebuch begleitet mich fast überall, jederzeit. Ich habe es fast immer dabei – egal wohin ich gehe. Ich beginne den Tag meist mit dem, was ich der Tageszeit wegen Morgenseiten nenne, obwohl es keine Morgenseiten im Sinne von Julia Cameron sind, die diese Kreativitätsmethode populär gemacht hat sind. Denn ich schreibe zwar unzensiert, was mir gerade in den Sinn kommt, aber ich schreibe meine Morgenseiten meist am Computer, nicht mit der Hand. Das ist für echte Morgenseiten ein No-Go, für mich aber die beste, weil pragmatischste Lösung.  Denn beim Schreiben am Morgen habe ich oft gute Ideen für Artikel und andere Projekte, die ich so – Copy-and-paste – problemlos in andere Dateien übertragen kann. Mit den Morgenseiten schreibe ich mich in den Tag und in die Arbeit, abends beende ich den Tag mit einigen Zeilen in meinem Fünf-Jahres-Buch. Neben meinen Tagebüchern führe ich diverse Journale und Notizbücher – zu verschiedenen Themen und Projekten. Aber die Grenzen zwischen Tagebuch und Journalen sind bei mir fließend.

Weit über 100 Tagebücher stehen inzwischen in meinen Bücherregalen, und manchmal überlege ich, was ich damit machen werde. Soll ich sie vernichten, damit niemand erfährt, was ich gefühlt, gedacht und aufgeschrieben habe – und wenn, wann ist der richtige Zeitpunkt? Soll ich die Tagebücher und die Entscheidung darüber, was mit ihnen geschieht, meiner Tochter überlassen oder dem deutschen Tagebucharchiv in Emmendingen. Dort werden seit 1998 Tagebücher gesammelt und archiviert; insgesamt 23.641 waren es Ende letzten Jahres – 58 Prozent von Männern und nur 42 Prozent von Frauen. Mit den archivierten Tagebüchern ist es wie mit den publizierten: die Tagebücher von Frauen sind in der Minderheit, obwohl sie häufiger Tagebuch schreiben als Männer.

Ein Besuch im Tagebucharchiv in Emmendingen steht in diesem Jahr auf meiner To-visit-Liste – ebenso ein Besuch im Anne-Frank-Zentrum in Amsterdam oder Berlin. Ich will endlich einmal das Original-Tagebuch sehen.

Anne Frank hat den Erfolg ihres Tagebuchs nicht mehr erlebt: Als ihr Vater das Buch kurz nach ihrem 18. Geburtstag im Juni 1947 zum ersten Mal veröffentlichte, war sie schon mehr als zwei Jahre tot. Sie starb im Februar 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen, ein halbes Jahr, nachdem das Versteck im Hinterhaus verraten, Anne und die Untergetauchten verhaftet und deportiert worden waren. Nur Annes Vater überlebte. Miep Gies brachte das Tagebuch in Sicherheit, versteckte es bis zum Kriegsende vor den Nazis.

Anne wäre mit der Veröffentlichung gewiss einverstanden gewesen – sie träumte davon, eine berühmte Schriftstellerin zu werden. „Nach dem Krieg will ich auf jeden Fall ein Buch mit dem  Titel ‚Das Hinterhaus‘ veröffentlichen, ob das gelingt, bleibt noch die Frage, aber mein Tagebuch wird dafür dienen können“, schrieb sie am 11. Mai 1944 in ihr Tagebuch. Sie wollte nicht leben wie ihre Mutter und viele andere Frauen, die „ihre Arbeit machen und später vergessen sind“. Vergessen wird sie  dank ihres Tagebuchs hoffentlich nie.

„Bücher sind gefährlich“

Heinrich Heine hat es vorausgeahnt. „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“, schrieb er in der 1823 veröffentlichten Tragödie „Almansor“. Seine Prophezeiung wurde in Deutschland 110 Jahre später grausame Wirklichkeit. Am 10. Mai 1933, wurden in 22 Universitätsstädten in Deutschland im Zuge einer „Aktion wider den undeutschen Geist“ zehntausende Bücher von unerwünschten Schriftstellern konfisziert und verbrannt – nur wenige Jahre später ermordeten die Nationalsozialisten Millionen Menschen.

Viele der verfemten Schriftsteller waren 1933 schon im Exil – zum Beispiel Heinrich und Thomas Mann, Bert Brecht, Alfred Döblin und Erich Maria Remarque. Andere wie Clara Zetkin, Karl Marx oder eben Heinrich Heine waren bereits tot. Erich Kästner erlebte auf dem Opernplatz in Berlin mit, wie sein Roman Fabian ins Feuer geworfen wurde – von einem „gewissen Herrn Goebbels“, wie Kästner in seinem Buch „Bei Durchsicht meiner Bücher“ schrieb: „Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend beim Namen. Ich war der einzige der Vierundzwanzig, der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit beizuwohnen. Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt.“

Seit 1995 erinnern eine versunkene Bibliothek und eine Bronzeplakette mit dem Heine-Zitat an die Bücherverbrennung. Die Bibliothek liegt versteckt unter der Erde: von außen – vom Bebelplatz sind die weißen, leeren Regale nur durch eine Glasscheibe zu sehen. Sie bieten symbolisch den rund 20.000 Büchern Platz, die hier am 10. Mai und später verbrannt wurden.

Die Bibliothek im sogenannten „Familienlager“ im Venichtungslager Auschwitz Birkenau war winzig: Sie bestand aus nur acht alten, teilweise beschädigten Büchern, doch die Häftlinge hüteten sie wie einen Schatz. Bücher zu besitzen, war im Lager streng verboten. Denn Diktatoren, Tyrannen und Unterdrücker fürchten Bücher – „Bücher sind gefährlich, weil sie Menschen zum Denken bringen“, schreibt Antonio Iturbe in seinem Buch „Die Bibliothekarin von Auschwitz“.* In Auschwitz brachten sie ein Stück Normalität in den grausamen Alltag.

Cover Die Bibliothekarin von Auschwitz / Copyright Piper Verlag
https://www.piper.de/buecher/die-bibliothekarin-von-auschwitz-isbn-978-3-86612-470-7

Grundlage des Romans von Antonio Iturbe ist eine wahre Geschichte. Dita Polachova, damals erst 14 Jahre alt, war begeisterte Leserin – und die Bibliothekarin von Auschwitz: Sie kümmerte sich um die Bücher und riskierte ihr Leben, um sie vor den Aufsehern zu vestecken. Dita lebte mit ihren Eltern in Prag, ehe sie 1942 mit ihren Eltern zunächst nach Theresienstadt, Ende 1943 dann nach Auschwitz deportiert wurde.

Die Menschen, die im September und Dezember aus dem Theresienstädter Ghetto nach Auschwitz-Birkenau kamen, hatten zunächst einige für Auschwitz ungewöhnliche Privilegien: Familien lebten in einem Bereich und konnten sich sehen. Die Kinder hielten sich tagsüber in einem speziellen Kinderblock auf. In Baracke 31 organisierten die Häftlinge unter Führung von Fredy Hirsch trotz Verbots eine Schule im Untergund – und die geheime Bibliothek, zu der neben acht richtigen auch sechs „lebende“ Bücher gehörten: Betreuer, die ein Buch genau kannten und es den Kindern immer wieder erzählten. So lernten die Kinder unter anderem die Geschichten von Nils Holgerson und von Edmont Dantès, Alexandre Dumas Graf von Monte Christo, kennen – und konnten der Realität zumindest für kurze Zeit entfliehen.

Die Lebensbedingungen waren auch im Familienlager von Hunger, Krankheiten, schlechten hygienischen Bedingungen, Zwangsarbeit und Terror geprägt; die Sterblichkeit war hoch – auch Ditas Vater starb dort. In der Nacht vom 8. zum 9. März 1944 wurden alle Häftlinge, die im September 1943 aus Theresienestadt nach Auschwitz deportiert worden waren – fast 4.000 Menschen -, in den Gaskammern ermordet; zwischen dem 10. und 12. Juli 1944 ermordeten die Nazis noch einmal 6.000 bis 7.000 Häftlinge aus dem Familienlager: „dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“.

Von insgesamt 17. 500 Häftlingen des Familienlagers überlebten nur 1.294, darunter Dita, die Bibliothekarin von Auschwitz, und ihre Mutter. Sie wurden Anfang Juli 1944 erneut deportiert und wurden im April 1945 im Konzentrationslager Bergen Belsen von englischen Soldaten befreit. Für viele kam die Befreiung zu spät: Anne Frank und ihre Schwester Margot überlebten die unmenschlichen Bedingungen im Lager nicht, auch Ditas Mutter starb kurz nach der Befreiung.

Dita kehrte, gerade 16 Jahre alt, alleine nach Prag zurück. Dort traf sie Ota Kraus, der die Kinder in Auschwitz-Birkenau unterrichtet hatte. Sie heiraten und wanderten 1949 gemeinsam nach Israel aus. Seit Anfang der 1990er Jahre erzählt Dita Kraus als Zeitzeugin von ihrem Leben – über die Kindheit im Konzentrationslager und den Neuanfang in Israel. Im vergangenen Jahr sind ihre Memoiren erschienen: „Ein aufgeschobenes Leben“. Ich werde es mir kaufen. Auch wenn – oder gerade weil – Bücher gefährlich sind. Weil sie zum denken anregen. Und weil das, was geschehen ist, nicht vergessen werden darf.

*Dieser Blogbeitrag enthält unbezahlte Werbung

Antonio Iturbe: Die Bibliothekarin von Auschwitz: Roman nach einer wahren Geschichte. Pendo Verlag, 22 Euro

Unter
https://www.piper.de/buecher/die-bibliothekarin-von-auschwitz-isbn-978-3-86612-470-7 gibt es weitere Infomationen über das Buch

Dita Kraus: Ein aufgeschobenes Leben: Kindheit im Konzentrationslager – Neuanfang in Israel (Bergen-Belsen. Berichte und Zeugnisse) Wallstein 2020, 25 Euro

Von Büchern und Drachen

Gute alte Bräuche soll man pflegen. In Katalonien ist es seit mehr als 100 Jahren Brauch, am 23. April, am Tag des katalonischen Schutzheiligen Sant Jordi Bücher und  Rosen zu verschenken. Die Sache mit den Rosen verstehe ich. Denn ein Ritter namens Jordi – auf Deutsch Georg – soll eine Prinzessin vor einem Drachen gerettet haben, der die Bewohner eines Dorfes in Angst und Schrecken versetzte. Jordi tötete den Drachen, aus dem dann wunderschöne Rosen wuchsen. So weit die Legende.

Ob und welche Beziehung der katalonische Schutzheilige zu Büchern hatte, weiß ich nicht – und ich habe auch nichts darüber gefunden. Aber seit Mitte der 90er-Jahre ist sein Namenstag offiziell Unesco-Welttag des Buches und des Urheberrechts, kurz: Weltbuchtag. Neben dem katalonischen Brauch hat bei der Wahl des Tages sicher auch eine Rolle gespielt, dass am 23. April 1616 gleich zwei berühmte (National) Schriftsteller – William Shakespeare und Miguel Cervantes – gestorben sind. Ein Literaturnobelpreisträger, der Isländer Halldor Laxness, wurde am 23. April (1902) geboren.

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Leider ist der katalonische Brauch des Bücherschenkens hierzulande noch nicht sehr verbreitet. Aber das sollte sich ändern. Und so bin ich losgezogen, um mir am Welttag des Buches selbst ein Buch zu schenken. Das ist möglich, weil Bücher – glücklicherweise und zu Recht – zu den „Gütern des täglichen Bedarfs“ zählen; Buchhandlungen sind daher trotz des Lockdowns geöffnet.

Nach den drei ersten Büchern auf meiner To-read-Liste habe ich leider vergeblich gesucht, obwohl sie eigentlich ganz aktuell sind und in diversen Medien sehr gut Kritiken bekommen haben. Das liegt sicher an der Flut der Neuerscheinungen – aber auch daran, dass die einzige Buchhandlung im Ort nicht mehr das ist, was sie einmal war. Zwar ist die Verkaufsfläche eher größer als vor 35 Jahren. Doch es gibt dort längst nicht mehr so viele Bücher wie früher. Mit anderen Produkten lässt sich offenbar mehr Geld verdienen – mit Geschenkartikeln zum Beispiel. Oder mit Schulranzen und allem, was dazu gehört. Für ein komplettes Ranzen-Set im angesagten Design und von einer angesagten Marke zahlen Eltern, Großeltern oder Paten gut und gerne 300 Euro zahlen – dafür muss man viele Bücher verkaufen.

Trotzdem bin ich fündig geworden, wie eigentlich immer, wenn ich in einer Buchhandlung bin. Quasi im Vorbeigehen habe ich das neue Buch von Isabel Allende entdeckt– und gekauft. Isabel Allende ist seit den Achtzigern eine meiner Lieblingsautorinnen; ich habe viele Bücher von ihr gelesen. Die Abenteuertrilogie um Alex Cold und seine sonderbare Großmutter, die Reisereporterin Kate Cold, habe ich allerdings ausgelassen. Vielleicht ist es an der Zeit, das nachzuholen. Und so habe ich in den Bücherregalen meiner Tochter gestöbert und das Buch mit den drei Romanen entdeckt. „Im Reich des Goldenen Drachen“ heißt der zweite Teil der Triologie. Womit wir wieder am Anfang wären, bei Sant Jordi, dem Drachentöter …

Weihnacht – Buchnacht

Ich habe gestern Nacht – wie schon an vielen Heiligen Abenden zuvor – eine isländische Tradition gepflegt, die ich zugegebenerweise bis vor drei Tagen noch nicht kannte. Jólabókaflóð heißt sie, und für all die, die wie ich nicht so gut Isländisch sprechen, übersetze ich das Wort: Es bedeutet Weihnachts-Bücherflut.

In Island ist es Brauch, an Weihnachten Bücher zu verschenken. Die 13 Weihnachtskerle, die in Island die Geschenke bringen, müssen also eine ganze Menge schleppen. Den Weihnachtsabend verbringen die Isländer angeblich dann meist lesend. Auch ich habe gestern Abend noch lange gelesen. Denn wie für die Isländer gilt auch für mich: Weihnachten ohne Bücher und ohne Lesen ist kein richtiges Weihnachten.

Schon als Kind habe ich mir zu Weihnachten immer Bücher gewünscht – und auch immer mindestens eins bekommen. Mehr Bücher gab es nur selten, weil meine Eltern nicht viel Geld hatten – und Bücher damals noch recht teuer waren. Preiswerte Taschenbücher für Kinder gab es in Deutschland damals noch nicht – oder meine Eltern kannten sie nicht.

Das geschenkte Buch hatte ich meist schon am Heiligen Abend ausgelesen, spätestens aber am ersten Weihnachtsfeiertag. Und dann begann eine endlos lange Zeit ohne neue Bücher, die mindestens bis Ostern, manchmal aber auch bis zum Geburtstag im November dauerte. Zeitweise half die Pfarrbücherei im Ort über die bücherlose Zeit. Die war erst endgültig zu Ende, als ich nach der zehnten Klasse aufs Gymnasium wechselte und in Trier nicht nur Stadtbücherei und Stadtbibliothek, sondern auch preiswertere Taschenbücher entdeckte. Mein Taschengeld und das Geld, das ich mir in den Ferien verdiente, habe ich zum großen Teil in Bücher investiert. Wie viele ich seither gekauft habe, weiß ich nicht – es sind gewiss Tausende.

Seit einigen Jahren versuche ich, weniger Bücher zu kaufen. Aber weil Weihnachten ohne Bücher gar nicht geht, verfalle ich im Dezember meist in einen Bücherkaufrausch. In diesem Jahr habe ich gut ein Dutzend Bücher verschenkt. Das eine oder andere Buch habe ich mir selbst geschenkt, weil ich mich gerade in Zeiten wie diesen weder auf das Christkind und den Weihnachtsmann noch auf die 13 Weihnachtskerle verlassen möchte.

Eines der von mir bestellten Bücher liegt leider noch in der Buchhandlung, nur ein paar Hundert Meter von hier entfernt, aber mindestens bis Mitte Januar nicht erreichbar. Denn die Buchhandlung vor Ort ist wegen des Lockdowns geschlossen ist und liefert leider keine Bücher aus – sorry Foe. Doch ich habe rechtzeitig für Ersatz gesorgt. Damit mir und dir der Lesestoff nicht ausgeht. Frohe Weihnachten!

Mehr über die Weihnachts-Bücherflut unter https://wasliestdu.de/magazin/2016/jolabokaflod-warum-die-alljaehrliche-buecherflut-islands-eine-der-schoensten und unter https://www.dw.com/de/verr%C3%BCckte-tradition-allweihnachtliche-b%C3%BCcherflut-in-island/a-51785341