Manchmal wirken kurze Begegnungen lange nach, zum Beispiel die mit dem Deutschen auf einem kleinen Campingplatz in der Nähe von Dijon. Dass wir uns getroffen haben, war Zufall. Denn eigentlich wollten wir auf unserer Fahrt nach Spanien auf einem anderen Campingplatz in Premeaux-Prissey übernachten. Doch dort waren alle Plätze belegt. Ganz in der Nähe hatte ich zufällig das Hinweisschild auf den „Camping Le Moulin De Prissey“ gesehen, auf dem wir dann bleiben konnten.

Zufällige Begegnung …
Wahrscheinlich hätte ich den Mann gar nicht angesprochen, wenn er uns nicht uns um ein bisschen Öl zum Kochen gebeten hätte. Als er dann essend auf einer Bank saß, kamen wir ins Gespräch. Ich erfuhr, dass er vor über einer Woche in Koblenz losgegangen war und auf dem Jakobsweg durch Frankreich pilgerte.
Zu Fuß durch Frankreich zu gehen – das käme mir nie in den Sinn. Denn schon wenn man mit 100 Kilometern pro Stunde durchs Land fährt, ziehen sich manche Strecken endlos. Wie mag das erst bei einer Reisegeschwindigkeit von maximal 30 Kilometern pro Tag sein – bei Temperaturen um die 40 Grad.
Es sei schon eine Herausforderung, gab der Pilger zu. Pilgerherbergen gebe es auf dem Weg kaum, deshalb übernachte er oft im Zelt. Und während der Camino Francés in Spanien stark frequentiert, ja sogar überlaufen ist, war der Mann aus Koblenz bislang keinem einzigen Pilger begegnet. Es war eine einsame Wanderung mit wenig Abwechslung. Trotzdem wollte er weitergehen, möglichst bis Pamplona. In seinem nächsten Urlaub werde er dann die Pilgerreise durch Spanien fortsetzen.
Meinen Traum, irgendwann den Jakobsweg zu gehen, habe ich schon vor Jahren ad acta gelegt. Denn auf einer Reise durch Nordspanien habe ich gesehen, dass der Camino oft entlang der Schnellstraßen verläuft. Kilometerweit am Rand vielbefahrener Straßen zu wandern, ist für mich keine Option. Und auch die Schilderungen von überfüllten Schlafsälen in den Herbergen schrecken mich zugegebenerweise ab.
Es gebe sicher schönere Wanderungen, aber trotz aller Strapazen und Widrigkeiten kehrten viele, die den Camino einmal gegangen sind, wieder zurück, meinte der Pilger: „Der Weg macht etwas mit den Menschen, die ihn gehen, auch mit denen, die nicht religiös sind.“
… mit Folgen?
Als ich mich am nächsten Morgen von ihm verabschieden möchte, ist er verschwunden. Aber unser kurzes Gespräch spukt seither in meinem Kopf. Ein bisschen mehr Spiritualität könnte mir und meinem Leben sicher nicht schaden. Und während wir durch Frankreich und Spanien fahren, denke ich immer wieder an ein Buch, das ich vor Kurzem gelesen habe: „Leichtes Herz und schwere Beine: Mit Mama auf dem Jakobsweg“ von Tobias Schlegl.* Der ehemalige Aspekte-Moderator hat seine Mutter auf dem Jakobsweg begleitet. Sie ist 73 Jahre alt und wollte auf dem Camino darüber nachdenken, was im letzten Teil ihres Lebens passieren soll. Die Zeit und Ruhe zum Nachdenken dazu findet sie beim Wandern.
Das verstehe ich gut – mir geht es ähnlich. Aber der Camino muss es nicht gleich sein. Wenn überhaupt, würde ich den portugiesischen Jakobsweg gehen, und zwar den Küstenweg (Camino da Costa), der meist am Atlantik entlangführt. Oder den Mosel-Camino von Koblenz-Stolzenfels nach Trier. Zu meinem 50. Geburtstag habe ich mir die Teilnahme am 100-Kilometer-Lauf von Biel „geschenkt“. Vielleicht schenke ich mir zum 70. die Wanderung auf dem Mosel-Camino durch meine alte Heimat. Wenn nicht in diesem, dann im nächsten Jahr.
Harzer Klosterweg – zweiter Versuch
Doch nach unserer Rückkehr aus Spanien starte ich zunächst mit einer Wanderung auf dem Harzer Klosterweg, der durch das Harzvorland von Goslar nach Quedlinburg führt. Gemeinsam mit meiner Tochter bin ich vor drei Jahren die erste Etappe von Goslar nach Vienenburg gegangen. Weil uns die Strecke aber nicht so gut gefallen hat, habe ich den Weg nicht fortgesetzt. Aber vielleicht ist ja jetzt der richtige Zeitpunkt.



Diesmal gehe ich alleine los, und zwar von Wernigerode nach Ilsenburg. Drei Klöster liegen auf der Etappe, in keinem leben mehr Mönche oder Nonnen. Vom Augustiner-Eremitenkloster Himmelpforte, vom 13. bis zum 16. Jahrhundert wohl ein bedeutendes religiöses, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum der Region, sind heute sogar nur noch ein paar Grundmauern übrig.

Kloster Nummer zwei, die ehemalige Benediktinerinnen-Abtei Kloster Drübeck, wurde laut Wikipedia auf Bitte der letzten Äbtissin 1946 in ein Erholungsheim mit Tagungsstätte umgewandelt. Heute ist das Kloster eine Tagungsstätte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.
Die Atmosphäre des ehemaligen Klosters gefällt mir: Es ist ruhig, ein bisschen scheint die Zeit hier still zu stehen. Hier würde ich gerne ein paar Tage verbringen. Ich spaziere durch den Klostergarten und schaue mir die Klosterkirche an. Sie hebt sich durch ihre Schlichtheit wohltuend von vielen überreich verzierten Kirchen ab, die ich auf unserer Fahrt durch Frankreich und Spanien besichtigt habe.



Das letzte Kloster, Kloster Ilsenburg, habe ich mir nur von außen angesehen. Für eine Besichtigung blieb keine Zeit. Denn meine Katzensitterpflichten riefen. Aber wenn ich demnächst die Klosterweg-Etappe von Vieneburg nach Ilsenburg gehe, werde ich das das nachholen.

*Tobias Schlegl: „Leichtes Herz und schwere Beine: Mit Mama auf dem Jakobsweg. Ein inspirierendes Buch über Familie, das Älterwerden und den Camino“. Piper 2025.




























































































