Ende in Sicht

„An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.“ An diesen Satz aus Erich Kästners Buch „Das Fliegende Klassenzimmer“ denke ich seit Tagen, wenn ich, wie auch jetzt, gebannt die Wahl-Nachrichten aus den USA verfolge. Dort hat Joe Biden jetzt zwar die erforderlichen 273 Wahlmännerstimmen, ist President elect. Aber natürlich will der noch amtierende Präsident, der schlechteste Verliere ever, dagegen klagen. Er hofft, mithilfe der Gerichte an der Macht zu bleiben. Ein Präsident, der meint, dass er über dem Gesetz steht, und der infrage stellt, was den Kern einer Demokratie ausmacht: dass bei einer Wahl alle Stimmen zählen, die abgegeben wurden, egal für wen.

Aber was ist das für eine Demokratie, in der  

  • mehr als fünf Millionen Menschen – überwiegend Schwarze – nicht wählen dürfen, weil sie Straftaten begangen haben – nicht immer schwere -, auch wenn sie ihre Strafe längst verbüßt haben,
  • Wahlmänner und -frauen bei der letzten Wahl einen Präsidenten kürten, der fast drei Millionen Stimmen weniger hatte als die Gegenkandidatin Hilary Clinton,
  • der Präsident vor der Wahl ankündigte, dass er das Wahlergebnis nur akzeptiert, wenn er gewinnt, und seine Anhänger mehr oder weniger unverhohlen auffordert, bei einer Wahlniederlage zu den Waffen zu greifen.

Von seinen Parteifreunden hat kaum einer versucht, Donald Trump Einhalt zu gebieten, kaum einer ist seinen Lügen, seinen Hasstiraden entgegengetreten. Anlässe hätte es in den vergangenen vier Jahren genug gegeben. So hat Donald Trump laut tagesschau.de in seiner Amtszeit mehr als 22.000 irreführende oder falsche Behauptungen verbreitet. Nach der Wahl haben mehrere US-Sender die Übertragung der Pressekonferenz des Präsidenten abgebrochen mit der Begründung, dass er nur Unwahrheiten verbreite. Kein US-Präsident, an den ich mich erinnern kann, hat das Land so gespalten, so viel Öl ins Feuer geschüttet.

Trotzdem haben seine Parteifreunde geschwiegen. Die eigene Karriere war den meisten wichtiger als die Werte, auf die die Amerikaner angeblich so stolz sind. Erst jetzt, wo der Stern des Präsidenten offenbar sinkt, wenden sich einige Republikaner gegen ihn – jetzt, wo es der Karriere wahrscheinlich nicht mehr schadet.

„An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.“ Als Erich Kästner das schrieb, hatte er nicht nur die Gymnasiasten im Sinn, die sich mit den Realschülern balgten. In dem Jahr, in dem das Fliegende Klassenzimmer veröffentlicht wurde, wurden Kästners Bücher verbrannt – am 10. Mai 1933 „ … in Berlin auf dem großen Platz neben der Staatsoper von einem gewissen Herrn Goebbels mit düster-feierlichem Pomp … Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend bei Namen“, beschrieb Kästner die Bücherverbrennung.

Zehn Jahre später rief Reichspropagandaminister Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast zum totalen Krieg auf. Wohin das führte, wissen wir. Trotzdem wählte Donald Trump jr., Sohn des Noch-Präsidenten der Vereinigten Staaten, in der vorletzten Nacht die gleichen Worte: „Das Beste für Amerikas Zukunft wäre es, wenn @realDonaldTrump über diese Wahl in den totalen Krieg zieht, um all den Betrug, das Schummeln (…) offenzulegen, das seit viel zu langem anhält“, twitterte er  (https://www.tagesschau.de/newsticker/uswahl2020-liveblog-105.html#Trump-Sohn-ruft-Vater-zu-totalem-Krieg-um-Wahlausgang-auf). Ich weiß nicht, was mir mehr Angst macht: dass Trump jr. weiß, was er sagt, oder dass er es nicht weiß. Es ist jedenfalls höchste Zeit, den Unfug zu beenden!

November

Ich sitze am Schreibtisch und schaue nach draußen: strahlend blauer Himmel, gar nicht novemberlich. Und mir kommt ein Gedicht von Friedrich Hebbel in den Sinn: „Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah …“. Das stimmt nicht ganz, aber zumindest im November sind solche Tage nicht selbstverständlich.

Herbstbild ist (leider) eines der wenigen Gedichte, die ich (fast) auswendig kenne. Und vielleicht ist es mir deshalb im Gedächtnis geblieben, weil wir es in der Schule zusammen mit dem Sommerbild von Hebbel gelernt und interpretiert haben. Diejenigen, die meinen Blog regelmäßig lesen, rollen jetzt wahrscheinlich genervt die Augen, und ich gebe es zu: Ja, ich habe den Anfang schon ein paar Mal zitiert, Sommerbild ist das Gedicht mit der letzten Rose des Sommers, ebenfalls von Hebbel geschrieben (Danke an dieser Stelle an meinen ehemaligen Deutschlehrer H. E., bei dem ich einige Gedichte kennengelernt habe, die immer noch zu meinen Lieblingsgedichten zählen).

Doch zurück: Wir erleben zur Zeit wirklich schöne Herbsttage, wenn auch nicht ganz so windstill, wie Hebbel es beschrieben hat. Früchte, die vom Baum fallen können, gibt es nicht mehr allzu viele. Selbst die Blätter sind schon arg dezimiert. November halt.

Schön ist es trotzdem, heute wie auch gestern. Den Tag gestern habe ich als Geschenk empfunden: Ich war in Hannover, in der Landesbibliothek, die trotz des partiellen Lockdowns geöffnet ist. Anschließend habe ich am Maschsee gesessen – für Anfang November wirklich außergewöhnlich. Und wenn die Meteorolügen recht haben, soll das Wetter auch noch ein paar Tage so bleiben. Es ist, als habe irgendwer Rainer Maria Rilkes Gedicht Herbsttag, gelesen und würde nicht den Früchten, die Heine gemeint hat, sondern uns Menschen ein paar schöne Tage spendieren.

„gib ihnen noch zwei südlichere Tage“.

Vielleicht ist das schöne Wetter ein kleiner Trost für das Trauerspiel auf der anderen Seite des Atlantiks. Ich verfolge es im Liveblog im Internet, und je länger es dauert, desto pessimistischer werde ich – mehr noch, es macht mir Angst.

Dazu passt ein Gedicht „Der November von Erich Kästner, das ich heute Morgen gefunden habe:

„Ach, dieser Monat trägt den Trauerflor …
Der Sturm ritt johlend durch das Land der Farben.
Die Wälder weinten. Und die Farben starben.“ …

Ich fürchte, dass nicht nur die Farben sterben, wenn in den USA das passiert, was ZDF-Chefredakteur Peter Frey in seinem Kommentar mit einem einen Staatsstreich von oben vergleicht (https://www.zdf.de/nachrichten/politik/us-wahlen-trump-biden-kommentar-frey-100.html).

Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie der, dessen Name ich nicht nennen möchte, agiert, wenn er noch vier weitere Jahre regiert. Der Albtraum wird – anders als der November – nicht in 30 Tagen zu Ende sein, sondern uns noch lange begleiten. Und der politische Nebel wird sich nicht so schnell lichten wie der auf dem Bild aus Sankt Andreasberg.

Nebel bei Sankt Andreasberg

Hier die Links zu den Gedichten Herbstbild von Friedrich Hebbel

http://www.gedichtsuche.de/gedicht/items/Herbstbild%20-%20Hebbel,%20Friedrich.html

Herbsttag von Rainer Maria Rilke

http://rainer-maria-rilke.de/06b012herbsttag.html

und Der November von Erich Kästner

https://erich-kaestner-kinderdorf.de/Gedichte/november.htm

Jeden Morgen geht die Sonne auf …

Letzte Woche bin ich umgezogen – auf meinen Sommermorgensitz: Ich schreibe meine Morgenseiten jetzt wieder auf der Couch auf der Empore, wie ich den gerade einmal vier Quadratmeter kleinen Platz neben der Treppe großspurig nenne. Denn dort kann ich beim Schreiben beobachten, wie es allmählich Tag wird.

In den Wintermonaten absolviere ich mein – oft abgespecktes – Morgenritual meist lange bevor es draußen hell wird . Doch vom Frühling bis in den Herbst hinein genieße ich den Blick aus dem Fenster auf die aufgehende Sonne. Genau genommen sehe ich nur einen Abglanz, weil Häuser und Bäume mir den Blick auf den Horizont versperren. Im Dämmerlicht wirken sie wie Scherenschnitte – vielleicht erinnern sie mich deshalb an Platons Höhlengleichnis: Die Menschen im Gleichnis sind in einer Höhle gefangen. Sie kennen von der Welt draußen nur die Schatten, die durch den Höhleneingang an die Wand geworfen werden – und halten das, was sie sehen, für die Wirklichkeit.

Ich weiß nicht mehr genau, was Platon uns mit dem Gleichnis sagen will – Philosophie gehört wie Physik zu den Dingen, die ich nicht wirklich verstehe. Ich habe aber – anders als die Höhlenbewohner – zum Glück schon viele Sonnenaufgänge erlebt. Und nur meine Bequemlichkeit hindert mich daran, morgens aufs Feld oder zu einem der Seen in der Umgebung zu gehen und den Sonnenaufgang in der Natur zu erleben. Das tue ich gelegentlich, wenn es draußen wärmer ist. Dann heiße ich die Sonne, wie es ihr gebührt, mit dem Yoga-Sonnengruß willkommen – und hoffe, dass mir niemand dabei zusieht.

Meist bleibe ich jedoch im Haus. Meine Morgenseiten schreibend, sehe ich, wie sich der Himmel verfärbt: An manchen Tagen ist das eher unspektakulär, die Nacht gleitet langsam in den Tag. An anderen Tagen entstehen am Himmel jedoch Bilder, an denen ich mich nicht sattsehen kann. Mal ist es eine Symphonie in Blau-Grau, mal brechen winzige Farbkleckse durch das Grau der Wolken, vom hellen Orange über Rot bis hin zum grellen Lila. Und manchmal scheint der Himmel zu brennen; auf Bildern – ob gemalt oder fotografiert – würde man die Farben künstlich oder kitschig nennen.

Der Versuch, sie mit Kamera oder Stiften einzufangen, misslingt fast immer. Trotzdem versuche ich es immer wieder; oft greife ich zur Kamera oder zum Skizzenbuch, statt einfach hinzuschauen und zu genießen.

Manchmal summe ich dann ein Lied vor mich hin, das ich als Kind gelernt habe. „Jeden Morgen geht die Sonne auf …“ – und irgendwie finde ich den Gedanken tröstlich, auch oder gerade in Zeiten wie diesen: Die Sonne geht auf, egal, was wir Menschen tun, ob wir ihr dabei zusehen oder nicht.

Übrigens: Den Text dieses Liedes hat Hermann Claudius 1938 geschrieben – nein, nicht der berühmte Matthias, der den Mond aufgehen ließ, sondern sein Urenkel. Der stand im Dritten Reich  den Nationalsozialisten zumindest sehr nahe. So wurde er 1933 in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen, nachdem Künstler wie Heinrich und Thomas Mann, Käthe Kollwitz oder Ricarda Huch ausgeschlossen worden waren. Im Oktober 1933 unterzeichnete er laut Wikipedia mit 87 anderen deutschen Schriftstellern das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler.

Wohl im gleichen Jahr wie „Jeden Morgen geht die Sonne auf“ schrieb Claudius auch ein Gedicht zu Ehren Hitlers. Sein bekanntestes Gedicht „Wann wir schreiten Seit an Seit“ erwies sich als politisch äußerst anpassungsfähig. Von Michael Englert vertont, war es zunächst das Lied der sozialistischen Jugend, ehe es – gekürzt – von den Nationalsozialisten übernommen wurde. In der DDR gehörte es zum Repertoire der Arbeiter- und Jugendchöre; in der Bundesrepublik wird es seit Anfang der 60er-Jahre am Ende der SPD-Parteitage gesungen.

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Was wirklich zählt

In der Not, sagt ein altes Sprichwort, gehen tausend Freunde auf ein Lot. Will heißen, in der Not erkennt man wahre Freunde, auf die man zählen kann. Unsere Not heißt derzeit Coronakrise, auch wenn der Begriff Not angesichts des Elends, das an anderen Stellen, zum Beispiel in den Flüchtlingslagern vor den Toren Europas, herrscht, vielleicht relativiert werden muss. Aber das ist eine andere Geschichte.

Corona erinnert uns auch daran, was wichtig ist, was wir wirklich brauchen. Medizinische Hilfe und Pflege vor allem. Die leisten die ÄrztInnen, PflegerInnen und medizinische Fachangestellte in Krankenhäusern, Heimen, Praxen und Gesundheitsämtern. Ihre Arbeit ist, wie es so schön heißt, systemrelevant – und für diejenigen, die nicht nur leicht, sondern schwer erkranken, im wahrsten Sinne des Wortes überlebenswichtig. Schade nur, dass sich die Wichtigkeit nicht in den Arbeitsbedingungen und in der Bezahlung niederschlägt.

Immer wieder muss ich daran denken, was mir eine Krankenschwester vor zwei Jahren erzählte. Sie pflegte meine 93-jährige Mutter, die während der schweren Grippewelle im hiesigen Krankenhaus lag. Die junge Frau hat nach der Mittleren Reife eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert – oder zur Gesundheits- und Krankenpflegerin, wie es heute heißt. Ihr Bruder wurde Automechaniker, pardon: Mechatroniker. Beide Ausbildungen dauern etwa gleich lang, beide haben seit der Ausbildung stets Vollzeit gearbeitet. Aber ihr Bruder verdient bei VW rund 1.000 Euro mehr im Monat – mit geregelten Arbeitszeiten, ohne einen Berg unbezahlter Überstunden vor sich her zu schieben. Mehr Verantwortung trägt die Krankenschwester zudem. Und so stellt sich die Frage: Was ist das für eine Gesellschaft, in der es besser honoriert wird, Autos zu bauen, zu reparieren oder zu verkaufen, als Menschen zu pflegen, zu erziehen und auszubilden oder mit wirklich lebensnotwendigen Dingen zu versorgen. Denn auch ErzieherInnen werden hierzulande grottenschlecht bezahlt, von den MitarbeiterInnen im (Lebensmittel)Einzelhandel ganz zu schweigen.

Dass Letztere eine verantwortungsvolle Position haben, bestätigte jüngst sogar NRW-Familienminister Joachim Stamp. „Die sind für uns im Moment absolut systemrelevant“, sagte er laut dpa. Deswegen haben auch sie in Coronazeiten Anspruch auf eine Notbetreuung ihrer Kinder.

Um ihre Arbeit sind sie nicht zu beneiden. Nudeln, Mehl, Klopapiere, H-Milch und Co. sind zurzeit Mangelware, um die KundInnen gelegentlich sogar kämpfen. Autos will dagegen in Zeiten wie diesen kaum jemand kaufen. Dass die Autohersteller, die normalerweise keine Gelegenheit auslassen, ihre Wichtigkeit zu betonen, ihre Produktion eingestellt haben, stört daher niemanden wirklich.

Und so tun VW und Co das, was sie in Krisen immer tun – auch in selbst verursachten wie der Dieselkrise, die ja noch gar nicht so lange her ist: Sie verp… sich, pardon sie stehlen sich – im wahrsten Sinne des Wortes – aus der Verantwortung, schreien nach Hilfe vom Staat und beantragen für ihre Mitarbeiter Kurzarbeitergeld. Das ist wegen des höheren Einkommens wahrscheinlich ebenso hoch oder höher als beispielsweise das Gehalt der die (Kranken)PflegerInnen, die derweil bis zur Erschöpfung arbeiten. Und am Ende gibt´s noch Boni.

Davon können Pflegekräfte, ErzieherInnen und KassiererInnen nur träumen. Sie werden ja nicht einmal angemessen bezahlt. Dafür fehlt angeblich das Geld – leider, sagen die, die jetzt die Arbeit der Beschäftigten in Gesundheitswesen, Pflege und Bildung loben und die Systemrelevanz betonen.

Aber schöne Worte reichen nicht – bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen sind längst überfällig. Und es ist höchste Zeit, ein System zu überdenken, das es großen Unternehmen allzu leicht macht, Verluste zu sozialisieren und Gewinne für sich zu behalten. Vielleicht sollte man die Regel einführen, dass sie staatliche Unterstützung nur noch bekommen, wenn sie sich verpflichten, auch Boni, Gehalts- und andere Zulagen mit anderen zu teilen – mit den ÄrztInnen, PflegerInnen, ErzieherInnen und KassiererInnen beispielsweise.

Übrigens: In der Krise sind es laut Statista vor allem die Frauen, die Gesellschaft am Laufen und die Gesellschaft zusammenhalten. In den existenziell wichtigen Bereichen, im Lebensmittel-Einzelhandel, bei den Sozialversicherungen, in Krankenhäusern und Pflegeheimen sind über 70 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten weiblich; in den Kindergärten und Vorschulen sind es sogar über 90 Prozent.

Sündenfall

Wiederholt sich Geschichte? Seit gestern steigert sich das ungute Gefühl angesichts der hohen AFD-Wahlergebnisse zur Angst. Angst, dass Gandhi Recht hatte, als er sagte: „Die Geschichte lehrt die Menschen, daß die Geschichte die Menschen nichts lehrt.“

Vor ziemlich genau 90 Jahren, Anfang 1930, stellte die NSDAP in Thüringen den ersten nationalsozialistischen Minister in Deutschland. So weit ist es (noch) nicht. Doch seit gestern gibt es den ersten Ministerpräsidenten von Höckes und der AFD Gnaden. Und weil der erste Streich so gut funktioniert hatte, folgte schon gleich der nächste, sprich die nächste Entscheidung, die nur mit Hilfe der AFD zustande kam: Die Vertagung der Sitzung. Thomas Kemmerichs und  Mike Mohrings  Beteuerungen, nicht mit der AFD zusammenarbeiten zu wollen, wurden umgehend als Lüge entlarvt.

Wären an dem Tabubruch nur wenige Politiker von FDP und CDU beteiligt, könnte ich es unter Dummheit, Instinktlosigkeit oder Machtgeilheit einzelner verbuchen. Doch die CDU- und FDP-Abgeordneten in Thüringen haben mit einer oder zwei Ausnahmen geschlossen mitgemacht und sich vor Höckes Karren spannen lassen. Wussen sie wirklich nicht, was sie taten? Und wo war das Gewissen, dem Abgeordnete verpflichtet sind? Oder sind sie ihrem braunen Gewissen gefolgt, haben erst jetzt ihre wahre Einstellung gezeigt. Die Maske fallen gelassen.

Thüringen war, das lehrt die Geschichte, in der NS-Zeit ein Mustergau: 1932 erhielt die NSDAP bei den Wahlen zum Thüringer Landtag 42,5 Prozent der Stimmen. Im August 1932 wurde der Nationalsozialist Fritz Sauckel thüringischer Ministerpräsident, im Dezember rief er zum Judenboykott auf, Anfang  März 1933 wurde bei Weimar das erste Konzentrationslager Deutschlands errichtet. Und ein paar Jahre später Buchenwald. Haben CDU und Liberale das vergessen? Und haben sie nicht kapiert, dass man die bösen Geister, die man ruft, oft nicht wieder los wird?

Christian Lindner, Chef der AFDP, hat sich nicht wirklich von der Entscheidung seiner Parteifreunde in Thüringen distanziert. Ausgerechnet der Mann, der im November 2017 die Koalitionsverhandlungen mit CDU und Grünen kurz vor dem Abschluss mit den Worten platzen ließ: Besser nicht regieren als falsch regieren.“

Manchmal kann ich gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.

Alles was Recht ist

Es gibt einen Satz, dem bislang alle, die ihn von mir gehört haben, zugestimmt haben. Ich schreibe ihn hier nicht, weil die Berufsgruppe, um die es geht, qua Beruf sehr klagefreudig ist. Zu meinem schon länger geplanten Blogpost passt das Ergebnis eines OECD-Berichts, das vor ein paar Tagen in meinem digitalen Postfach landete: Die Menschen hierzulande sollten, meint die OECD, stärker und früher in die Gesetzgebung eingebunden werden. Das könnte die Akzeptanz und die Qualität von Gesetzen erhöhen.

Wie wahr. Denn egal, ob man eine Biogasanlage betreiben (was im Alltag natürlich eher selten vorkommt), Fördermittel für einen Verein oder ein Projekt beantragen oder nur eine Patientenverfügung oder eine Vorsorgevollmacht plant: Der Gesetzesdschungel, in den man gerät, scheint fast undurchdringlich. Und man fühlt sich ein bisschen wie Josef K. in Kafkas Prozess, auch wenn man natürlich nicht verhaftet wird, sondern nur fürchtet, sich hoffnungslos zu verirren.

Viele Gesetze und die damit verbundenen Regelungen und Vorschriften, sind so formuliert, dass sie selbst für Menschen, die Texte gut erfassen und auch mit mindestens durchschnittlicher Intelligenz gesegnet sind, kaum zu durchschauen sind. Wer zu seinem Recht und/oder zu seinem Geld kommen will, braucht oft die Hilfe eines Juristen.

ABM für Juristen

Das ist kein Zufall, sondern hat möglicherweise Methode. Die Gesetzgebung ist, so scheint es, ein gigantisches Arbeitsbeschaffungsprogramm für Juristen, gegenwärtige und zukünftige. Oder – weniger nett formuliert – ein Selbstbedienungsladen.

Das ist aus Juristensicht durchaus nötig. Laut statista gab es am 1. Januar 2018 rund 164.700 zugelassene Rechtsanwälte in Deutschland – das ist einer pro 485 Einwohner.  1960 waren es erst 18.347 Anwälte. Nicht enthalten in dieser Zahl sind die unzähligen Juristinnen und Juristen, die als Richterinnen und Staatsanwälte, in Verwaltungen, in großen Firmen, als Lobbyisten oder als Politikerinnen arbeiten.

Zum Vergleich: 2017 gab es in Deutschland laut statista 385.100 berufstätige Ärzte. Also etwa einen pro 200 Einwohner. Das klingt nach viel mehr. Berücksichtigt man aber, wie oft Ottilie Normalverbraucherin zum Arzt geht und wie oft zum Anwalt, relativiert sich der erste Eindruck. Ich selbst war, obwohl ich ziemlich gesund bin, in diesem Jahr bei fünf verschiedenen (Zahn-)Ärztinnen und Ärzten. Die Dienste eines Rechtsanwalts habe ich dagegen erst einmal in meinem ganzen Leben beansprucht (aber das ist eine andere Geschichte). Es soll sogar Menschen geben, die ihr Leben lang ohne anwaltlichen Rat auskommen!

Gesetze: Von Juristen für Juristen

Die Juristen-Lobby tut alles, damit sich das ändert. Da ist es natürlich hilfreich, dass laut Berliner Zeitung die Juristen im Bundestag, wo Gesetze erlassen werden, mit mehr als 20 Prozent aller Abgeordneten deutlich überrepräsentiert sind. 152 der 709 Bundestagsabgeordneten haben Jura studiert. Und weil eine Krähe der anderen bekanntlich kein Auge aushackt und Menschen aus gleichen (Berufs)gruppen sich  oft einander verbunden fühlen, sind die Gesetze, die die Volksvertreterinnen und Volksvertreter verabschieden, selten zum Schaden des Berufsstands.

Bei so viel politischem Rückhalt verwundert es nicht, dass Jura immer noch zu den beliebtesten Studiengängen  gehört, obwohl es – im Gegensatz zu Ärztinnen, Lehrern, Naturwissenschaftlerinnen, Ingenieuren, Krankenschwestern oder Kindergärtnern keinen Juristenmangel, sondern eher eine -schwemme gibt. Laut Absolventa ist Jura nach Medizin der Studiengang mit den besten Verdienstaussichten. Außerdem braucht man fürs Jurastudium weder ein besonders gutes Abi – wie beispielsweise für Medizin oder Psychologie  – noch besondere mathematische, naturwissenschaftliche, sprachliche oder pädagogische Begabungen. Soziale Einstellungen, Glaube oder eine bestimmte Überzeugung sind ebenfalls nicht erforderlich, sondern möglicherweise für die Karriere eher hinderlich. Das gleiche gilt für Gerechtigkeitssinn: Denn vor Gericht, lautet eine alte Juristenweisheit, bekommt man kein Recht, sondern ein Urteil. Und das ist leider allzuoft nicht gerecht.

Gesunder (Menschen)Verstand statt juristische Spitzfindigkeit

Womit wir wieder am Anfang wären und bei der OECD-Empfehlung: Es könnte die Akzeptanz und die Qualität von Gesetzen erhöhen, wenn Menschen mit weniger juristischer Spitzfindigkeit, aber gesundem Menschenverstand stärker und früher in die Gesetzgebung eingebunden würden. Dann würden künftig vielleicht nicht mehr alle dem eingangs nicht zitierten Satz zustimmen.

Den OECD-Bericht sowie weitere Informationen finden Sie auch auf unserer Website unter: http://www.oecd.org/berlin/publikationen/ausblick-regulierungspolitik-2018.htm

BPS: Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Alle guten, ehrlichen, rechtschaffenen und gerechtigkeitsschaffenden Juristinnen und Juristen sind natürlich nicht gemeint.

 

Von Schmetterlingen und ungeahnten Effekten

Gibt es ein unpassenderes Wort in der deutschen Sprache als Schmetterling? Sich das Leben nehmen vielleicht, wenn man das Leben eben nicht (an)nimmt, sondern nicht mehr leben will, sein Leben weggibt wie ein altes Kleidungsstück, das nicht mehr passt oder dessen man einfach überdrüssig geworden ist. Doch das ist ein anderes Thema.

Schmetterlinge also. Einem Schmettern gleicht der Flügelschlag dieser filigranen Wesen kaum. Davon kann man sich derzeit in den Herrenhäuser Gärten in Hannover überzeugen. Dort flattern bis Mitte März etwa 1000 Schmetterlinge im Tropenhaus – bei durchaus frühlingshaften 24 Grad. Die meisten kommen aus Costa Rica, Malaysia, Thailand und von den Philippinen, einige auch aus Afrika, wo sie in speziellen Farmen gezüchtet wurden.

Neben Schmetterlingen sind im Tropenhaus ausnahmsweise auch einmal nimmersatte Raupen gern gesehen. Sie dürfen ihren Hunger unter anderem an eigens für sie gepflanzten Bananen- und Zitruspflanzen, Pfeffergewächsen und Passionsblumen stillen. Die Schmetterlinge bevorzugen dagegen Pflanzen mit leuchtend bunten Blüten voller Nektar und Pollen, beispielsweise den Stern von Ägypten oder das Flammende Käthchen. Oder sie laben sich an Futterstationen mit reifem Obst.

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Gemeinsam schmeckt’s besser – an einer Futterstation

Mit Milchprodukten haben Schmetterlinge dagegen nichts am Hut. Dabei verdanken sie denen vielleicht sogar ihren Namen. Denn der wird angeblich vom ostmitteldeutschen Wort Schmetten abgeleitet. Das bedeutet Sahne. Einem alten Volksglauben nach verwandelten sich nämlich Hexen in Schmetterlinge und stahlen Sahne und andere Milchprodukte. Vielleicht fühle ich mich den Schmetterlingen deshalb so verbunden.

Im Berggarten sind derzeit rund 60 verschiedene Schmetterlingsarten zu Gast – manche fast so groß wie ein Handteller, andere so klein, wie wir es von den heimischen Schmetterlingen gewohnt sind. Und während beispielsweise die Bananenfalter stundenlang reglos an einer Stelle verharren …,

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Bananenfalter

 

…  scheint der Himmelsfalter oder Blaue Morphofalter (Morpho peleides) pausenlos durch die Luft zu flattern. Vergeblich versuche ich, einen an einer Blüte oder auf einer der vielen Futterstationen zu fotografieren. Vielleicht, das merke ich erst später, habe ich ihn aber nur nicht erkannt. Denn nur die Flügelinnenseiten schillern blau – und die sind eben nur im Flug zu sehen. Bei meinem nächsten Besuch werde ich genauer auf ihn achten.

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Himmelsfalter doppelt – Paarung im Flug?

Die Ausstellung „Gaukler der Tropen – Schmetterlinge im Berggarten“ ist noch bis zum 18. März zusehen. Viele Falter werden das Ende nicht mehr erleben. Denn die meisten leben nur zwei bis vier Wochen.

Übrigens:

Laut Edward Lorenz, dem Vater der Chaostheorie und Entdecker des sogenannten Schmetterlingseffekts, kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Shanghai einen Wirbelsturm in New York auslösen. Zumindest theoretisch. Womit wissenschaftlich bewiesen wäre, was wir schon lange wussten: Kleine Ursachen haben oft große Auswirkungen. Und vielleicht haben die Schmetterlinge in Hannover ja wirklich das politische Erdbeben ausgelöst, das derzeit die SPD erschüttert und niederschmettert. Dann wäre der Name doch nicht so unpassend, wie er auf den ersten Blick scheint.

Mehr über die Ausstellung Gaukler der Tropen: Herrenhäuser Gärten, Herrenhäuser Straße 4, 30419 Hannover, Infotelefon (0511) 168-34000, www.herrenhausen.de

Oh say can you see

Zugegeben, ich war nie ein besonderer Fan der USA: Die Vereinigten Staaten von Amerika waren für mich nie das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern vielmehr der beschränkten, außer man ist weiß und reich oder ungeheuer ehrgeizig und machtbesessen. Oder am besten alles gleichzeitig.

Vielleicht liegt meine Skepsis an den ersten politischen Ereignisse, die ich mit den USA verbinde: Das waren die Attentate auf Martin Luther King und Robert F. Kennedy im Jahr 1968 – und im gleichen Jahr bei den Olympischen Spielen in Mexiko die Black-Panther-Demonstration bei der Siegerehrung des 200-m-Laufs.

Wie groß muss der Leidensdruck sein, die Diskriminierung, wenn ein Sportler das, wofür er sich jahrelang gequält hat, was eigentlich das größte ist, was er in seinem Sportlerleben erreichen kann – eine olympische Medaille mit all den (wirtschaftlichen) Möglichkeiten, die sie eröffnet –, aufs Spiel setzt.

Sportler gegen Diskriminierung

Tommie Smith und John Carlos haben für ihren Protest einen hohen Preis gezahlt. Das IOC mit Präsident Avery Brundage – ja, der Brundage, der gegen den Hitlergruß deutscher Sportler bei der Olympiade 1936 in Berlin nichts einzuwenden hatte – reagierte harsch: Es  bestand darauf, dass die beiden aus der US-amerikanischen Mannschaft ausgeschlossen wurden. In den USA wurden die beiden lange angefeindet, Carlos fand trotz seines Erfolgs keinen angemessenen Job, seine Frau ist möglicherweise  an dem Druck zerbrochen. Sie nahm sich das Leben.  Immerhin: 40 Jahre später wurden Smith und Carlos mit dem Arthur Ashe Courage Award ausgezeichnet.

An diesen Protest erinnere ich mich jetzt, wenn ich die Bilder der Footballspieler sehe, die aus Protest gegen die Rassendiskriminierung beim Abspielen der Nationalhymne knien – und dafür von ihrem Präsidenten beschimpft werden. Trump forderte die Football-Profiliga NFL auf, die „Hurensöhne“ zu feuern. Es sei eine totale Respektlosigkeit gegenüber allem, „für das wir stehen“. Sagt ein Präsident, der gerade dabei ist, die Welt in Brand zu stecken. Der mich dazu bringt, einmal und sicher zum einzigen Mal in meinem Leben eine Aussage des nordkoreanischen Diktators Kim für richtig zu halten. Und wenn es nicht so traurig und so hochgefährlich wäre, könnte man darüber lachen, wie sich die beiden Männer als Wahnsinnigen und als senilen geistesgestörten Greis bezeichnen. Sie kapieren nicht, wie recht der andere (ausnahmsweise) mal hat – und offenbar auch nicht, dass die Bomben, mit denen sie sich gegenseitig drohen, viel gefährlicher sind als die, die in der amerikanischen Hymne besungen werden.

Pflicht, die Regierung abzuschaffen

Womit ich wieder bei der Ausgangsüberlegung angekommen wäre, warum ich diese Zeilen überhaupt schreibe, obwohl dieser Blog weitgehend politikfrei ist: Nein, ich war nie ein besonderer Fan der USA, aber eines habe ich immer geschätzt: die folgenden Sätze in der declaration of independence. Ich habe sie als Schülerin auswendig gelernt und kann sie immer noch zitieren (keine Angst, ich habe mein Gedächtnis und die folgenden Zeilen überprüft: “We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness. — That to secure these rights, Governments are instituted among Men, deriving their just powers from the consent of the governed, — That whenever any Form of Government becomes destructive of these ends, it is the Right of the People to alter or to abolish it, and to institute new Government.”

Papier ist, das weiß man, geduldig, die hehren Ziele offenbar nichts als Makulatur. Thomas Jefferson würde sich im Grab rumdrehen, wenn er seine Vereinigten Staaten erleben müsste, davon bin ich überzeugt. Es wäre höchste Zeit, dass die Amerikaner, die so viel Wert darauf legen, dass die Symbole ihres Staates, Flagge und Hymne, respektiert werden, sich auf das besinnen, was in ihrer Verfassung steht: die Gleichheit der Menschen, ihr Recht auf  Leben, Freiheit und das Streben nach Glück und die Pflicht, eine Regierung, die das gefährdet, zu ändern oder abzuschaffen.

(Kleine Notiz am Rande:

Die Football-Liga NFL hat Trumps Äußerungen verurteilt, die Spielergewerkschaft will das Recht der Spieler auf freie Meinungsäußerung schützen. Aber Colin Kaepernik, der zuerst kniend protestierte, ist derzeit vereinslos.)

 

Hidden Figures – mehr als ein Film

Im Kino: Sehr sehenswert: Hidden Figures oder auf Deutsch: Unerkannte Heldinnen. Der Film erzählt – nach einem Buch vorn Margot Lee Shetterly – die Geschichte von Katherine Johnson, Dorothy Vaughan  und Mary Jackson. Die drei Mathematikerinnen arbeiteten für die NASA und hatten wesentlichen Anteil an den erfolgreichen Weltraum-Missionen der Amerikaner.

Katherine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson und ihre afroamerikanischen Kolleginnen gab es wirklich. Als die Computer das Laufen gerade erst lernten, stellten „(human) computer“ – so hießen sie wirklich – die notwendigen Berechnungen an. Das hatte Tradition: Seit dem Kriegseintritt der USA im Jahr 1941 warb die US-Army systematisch Frauen  mit College-Abschlüssen in Mathematik an. Sie berechneten vor allem Geschossbahnen. Bei Kriegsende arbeiteten rund 80 Frauen als Computer im Ballistic Research Laboratory. Übrigens: Auch in Deutschland waren die mathematischen Fähigkeiten der Frauen seit den 30er Jahren begehrt; etwa 70 Mathematikerinnen und „technische Rechnerinnen“ sollen im Zweiten Weltkrieg an Aufträgen der Luftfahrtindustrie und für das V2-Raketenprogramm gearbeitet haben.

Notiz nahm von den Leistungen der Frauen bei der NASA kaum jemand, den Ruhm heimsten die Männer ein – die Astronauten oder die männlichen Vorgesetzten. Afro-Amerikanerinnen hatten es in Zeiten der Apartheid besonders schwer. Katherine Johnson, Heldin des Films, schaffte als einzige schwarze Frau den Sprung von den human Computern in eine andere Abteilung; einfach weil sie so gut war. Ihre Abhandlung „Bestimmung des Azimutalwinkels beim Brennschluss, um einen Satelliten über einer ausgewählten Position der Erde zu platzieren (was immer das heißt und bedeutet)“ war grundlegend für die bemannte Raumfahrt. Dass John Glenn 1962 als erster Amerikaner die Erde in einem Raumschiff umkreiste und wieder heil landete, war auch ihr zu verdanken, ebenso  wie später die Mondlandung und andere Weltraummissionen. Für ihre Leistungen als Pionierin der Raumfahrt erhielt Katherine Johnson 2015 von Präsident Barack Obama die Presidential Medal of Freedom, eine der höchsten zivilen Auszeichnungen der USA.

Hidden Figures erinnert nicht nur an die hervorragenden  Leistungen der (schwarzen) Mathematikerinnen, sondern vor allem auch daran, wie sehr die Rassentrennung das Leben Anfang der 60er Jahre in den USA bestimmte. Farbige mussten in Bussen hinten sitzen, die schwarzen Mathematikerinnen mussten wegen der Rassengesetzte  in  separaten Büros und Einheiten arbeiten. Sie durften nicht einmal die Toiletten der weißen Frauen  benutzen. Mary Jackson musste sich die Teilnahme an Abendkursen an der weißen Uni vor Gericht erstreiten und Dorothy Vaughan durfte zwar ihre Arbeitseinheit leiten, wurde aber lange nicht als „head computer“ bezahlt. Denn Führungspositionen waren für schwarze Frauen nicht vorgesehen.  Es sind die kleinen Szenen, die den Film so eindrucksvoll machen: Wie  die weißen Kollegen reagieren, als Katherine Johnson sich Kaffee aus ihrer Thermoskanne nimmt (sie trinken nicht mehr aus der Kanne) oder wie selbstverständlich Dorothy Vaughan von ihrer weißen „Vorgesetzten“ mit Vornamen angesprochen wird.

Dass die Rassentrennung in öffentlichen und öffentlich zugänglichen Einrichtungen in den USA erst 1964 aufgehoben wurde, hatte ich schon fast vergessen, obwohl ich es als Kind mitbekommen habe: Erst am 2. Juli 1964 – 99 Jahre, nachdem die Sklaverei in den Vereinigten Staaten abgeschafft worden war – unterzeichnete Präsident Johnson den Civil Rights Act, eines der wichtigsten Bürgerrechtsgesetz. Auch die Diskriminierung von Farbigen am Arbeitsplatz ist seitdem verboten. Die Wirklichkeit sieht allerdings anders aus. Polizeikontrollen – die Auftaktszene im Film – sind auch heute noch für Schwarze gefährlich. Und das Kabinett von Donald Trump ähnelt dem NASA-Team im Film: fast nur weiße Männer.

Selbst in der Kunst spielen Schwarze bislang meist nur eine Nebenrolle. So gibt es nur wenige schwarze Oscarpreisträger – die meisten der Wenigen haben die Auszeichnung für Nebenrollen erhalten. Der Film Hidden figueres ist für den Oscar, der in der Nacht zum Montag verliehen wird nominiert, außerdem Octavia Spencer, die die Computerexpertin Dorothy Vaughn spielt, als beste Nebendarstellerin. Verdient hätten es Film und Schauspielerin.

Frontal-Streik

Eigentlich gehört Frontal 21 zu meinen Lieblingssendungen. Ich finde das  investigative Magazin mit Ilka Brecht wirklich toll – nicht nur wegen der ebenso witzigen wie wahren toll-Beiträge von Werner Doyé und Andreas Wiemers am Ende der Sendung.

Toll ist leider auch das Urteil im Arbeitsgerichtsprozess der Frontal-Reporterin Birte Meier. Birte Meier, die unter anderem 2015 mit ihrem Kollegen Christian Esser den Deutschen Wirtschaftsfilmpreis in der Kategorie Langfilm gewann und im vergangenen Jahr die Affäre „Rent a Sozi“ aufdeckte, hat gegen ihren Arbeitgeber ZDF geklagt. Genau gesagt gegen ihren Auftraggeber, denn Birte Meier ist freie Mitarbeiterin, wenn auch die vertraglich festgelegte Arbeitszeit von 40 Stunden pro Woche wenig Freiheit für andere Aufträge lässt – vor allem angesichts der Tatsache, dass Überstunden in der Branche fast selbstverständlich sind. Das sagt einiges über die Arbeitsbedingungen in den Medien, auch in den öffentlich-rechtlichen, die ja eigentlich Vorbild sein sollten. Aber das ist ein anderes Thema.

Am 1. Februar hat das Arbeitsgericht Berlin Birte Meiers Klage gegen das ZDF abgewiesen – sowohl die Forderung nach 70.000 Euro Entschädigung wegen Ungleichbezahlung als auch den Auskunftsanspruch über das  Gehalt ihrer männlichen Kollegen. Sie konnte nach Einschätzung des Gerichts nicht belegen, dass sie wirklich weg ihres Geschlechts benachteiligt wurde. Dazu hätte sie Vergleichszahlen benötigt, die das ZDF aber laut Urteil nicht rausrücken muss – und auch nicht rausrückt.  Hier beißt sich die Katze in den Schwanz.

Gute Leistung, Preise und die Anerkennung der Kolleg/innen schützen nicht vor schlechter Bezahlung. Und so stellte Birte Meier fest,  dass sie deutlich weniger verdiente als ihre männlichen Kollegen, obwohl sie die gleiche Tätigkeit ausübte. Das  wollte sie nicht länger hinnehmen.  Sie versuchte, neu über ihr Gehalt zu verhandeln, und klagte, als das nicht klappte, gegen die Benachteiligung. Sie berief sich dabei auf die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs – vergeblich.

Dass Birte Meier weniger verdient als männliche Kollegen, bestritt das ZDF nicht. Doch dafür gibt  es angeblich gute Gründe: Der eine war fest angestellt, der andere schon länger im Betrieb. Der dritte hatte vielleicht eine längere Nase oder konnte vielleicht besser verhandeln, wie der zuständige Richter mutmaßte.

Richter Ernst fand ich besonders toll: Er sprach offen aus, was viele andere nur denken, zum Beispiel dass Schwangerschaften und Kindererziehungszeiten (zu Recht) dazu führen, dass Frauen weniger Berufserfahrung haben und weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Nun ist Birte Meier kinderlos und es ist auch nicht zu erwarten, dass sie mit 45 Jahren noch allzuoft schwanger wird. Und selbst wenn erschließt sich mir nicht, warum eine künftige Schwangerschaft dazu führt, dass sie in der Vergangenheit weniger verdiente. Wirklich toll.

Einen Job-to-Job-Vergleich, bei dem Arbeiten von zwei Mitarbeitern verglichen werden, verhinderte der Arbeitsrichter mit seinem Urteil – Birte Meier hat danach keinen Auskunftsanspruch, obwohl der nach Rechtsprechung des europäischen Gerichtshofs durchaus besteht, wenn sich ein/e Mitarbeiter/in benachteiligt fühlt. Aber wen interessiert schon Europa?! Und wen Lohngerechtigkeit?

Nach EU-Recht gilt übrigens auch, dass es nicht auf den Status des Arbeitnehmers ankommt, sondern auf den Wert der Arbeit. Aber dieser Gedanke macht Leuten, die für Anwesenheit, nicht für Ergebnisse bezahlt werden, sicher Angst.

Das neue Entgeltgleichheitsgesetz, das im März verabschiedet werden soll, hilft übrigens Frauen nicht unbedingt weiter. Danach wird es in Betrieben mit mehr als 200 Mitarbeitern ein Auskunftsrecht über gezahlte Gehälter geben. Weil die Daten aber anonymisiert werden, nutzen sie vor Gericht wenig, da Richter konkrete Vergleiche fordern. Ein Verbandsklagerecht, mit dem Vereine, Verbände oder Gewerkschaften bei diskriminierenden Lohnstrukturen klagen können, ist nicht vorgesehen. Mutige Frauen, die (nicht nur) um ihr Recht kämpfen, müssen das allein tun und zahlen wahrscheinlich einen hohen Preis.

Birte Meiers Prozess geht vermutlich in die zweite Runde vor dem Landesarbeitsgericht. Einen Vergleichsvorschlag des ZDF hat sie abgelehnt. Sie will weiter für Frontal arbeiten, auch wenn das ZDF am liebsten auf ihre Mitarbeit verzichten und das Arbeitsverhältnis mit der preisgekrönten Reporterin gerne lösen würde. Spätestens wenn das geschieht, werde ich in einen Frontal-Streik treten, auch wenn  ich das investigative Magazin eigentlich toll finde.