Rosen, Pfingstrosen und Orchideen

Ich habe seit Jahren eine Dauerkarte für die Herrenhäuser Gärten und ich nutze sie viel. Manchmal gehe ich einfach nur kurz in den Berggarten, wenn ich eigentlich aus einem anderen Grund in Hannover bin. Und immer wieder entdecke ich bei meinen Besuchen unbekannte Pflanzen. So zum Beispiel den Tulpenbaum im Staudengrund. An ihm bin ich wohl unzählige Mal achtlos vorbeigegangen, obwohl er wegen seiner Größe und der ungewöhnlichen Blüten kaum zu übersehen ist.

Am vergangenen Freitag führte mein erster Weg ins Orchideenschauhaus. Das hatten wir vor sechs Jahren, am 94. Geburtstag meiner Mutter, gemeinsam mit ihr besucht. In diesem Jahr wäre sie 100 Jahre alt geworden.

Meine Mutter hat Orchideen geliebt – und war von der Blütenpracht begeistert. Kein Wunder: Die Orchideensammlung im Berggarten gilt als eine der bedeutendsten Europas. Im Orchideenhaus werden ständig zwischen 500 und 800 Orchideen gezeigt, und zwar zwischen anderen tropischen Sträuchern und Bäumen, also quasi in ihrer „natürlichen“ Umgebung.

Auch die Pfingstrosen hätten meiner Mutter sicher gefallen. Im Präriegarten und im Staudengrund blühen zurzeit ganz verschieden Arten in den unterschiedlichsten Farben – von Weiß über Gelb, Rosa, Rot und Pink bis fast Schwarz. Als meine Mutter noch an der Mosel lebte, wuchs in ihrem Vorgarten ein riesiger Pfingstrosenstrauch, dessen Blüten herrlich dufteten. Noch heute bedaure ich, dass ich ihn nicht ausgegraben und in unserem Garten eingepflanzt habe, als wir das Haus verkauften. Meine eigenen Pfingstrosen duften wie so viele Neuzüchtungen leider nicht – und so muss ich mich damit begnügen, beim Gang durch die Herrenhäuser Gärten meine Nase in fremde Blüten zu stecken.

Pfingstrosen sind, auch das habe ich beim Schreiben der Blogbeiträge gelernt, trotz ihres Namens botanisch keine Rosen, sondern bilden eine eigene Pflanzenfamilie – die Pfingstrosengewächse (Paeoniaceae). Richtige Rosen (Rosa) wachsen im Niederdeutschen Rosengarten. Er ist Teil des Großen Gartens und laut Website „die Nachbildung eines der bereits im 16. Jahrhundert hoch geschätzten ‚Liebesgärten‘“ (https://www.hannover.de/Herrenhausen/Herrenhäuser-Gärten/Großer-Garten/Der-Niederdeutsche-Rosengarten). Insgesamt etwa 650 Rosen sollen in den quadratischen und runden Beeten wachsen, darunter auch die Herrenhäuser Sorten „Kurfürstin Sophie“ und „King George“.

An den wunderschönen privaten Rosengarten von Silke Rex, die im Juni wieder ihre Gartenpforte öffnet, reicht der Rosengarten in Herrenhausen meiner Meinung nach zwar nicht heran. In einem der vier Pavillons sitzend, habe ich mich aber trotzdem ein bisschen wie Dornröschen gefühlt.

Viel Zeit zu träumen oder gar zu schlafen hatte ich indes nicht. Denn eigentlich war ich ja aus einem anderen Grund in Hannover: Ich wollte zur Synagoge der Liberalen Jüdischen Gemeinde. Dort halten die Omas gegen rechts jeden Freitag während des Schabbat-Gottesdienstes eine Solidaritätswache.

Rhapsodie in Gelb und Blau

Wer sich unseren beiden Miniteichen nähert, sieht zuerst Gelb. Die Schwertlilien haben die Sumpfdotterblumen abgelöst und blühen prächtig. Die lila Blüten erkennt man erst auf den zweiten Blick. Zwischen den gelben Lilien zeigt sich eine einzelne Dreimasterblume – aber ich bin sicher: Wo eine ist, werden bald andere folgen. Denn Dreimasterblumen haben leider ein sehr einnehmendes Wesen. Weil sie andere Pflanzen rücksichtslos überwuchern, rücke ich ihnen regelmäßig mit Spaten und Hacke zu Leibe.

Darüber, dass die Akeleien sich überall im Garten ausbreiten, freue ich mich dagegen sehr – ebenso darüber, dass zum ersten Mal seit Jahren wieder lila Schwertlilien in unserem Garten wachsen. Woher sie kommen, weiß ich nicht, vielleicht trauen sie sich in diesem Jahr hervor, weil ich die übermächtige Heckenrose am Teichrand ausgegraben und auch den wuchernden Beinwell etwas zurechtgestutzt habe.

Die blaue Anemone im Beet am Wintergarten blüht in diesem Jahr ebenfalls zum ersten Mal. Von ihren Schwestern ist noch nicht zu sehen. Aber ich habe die Zwiebeln ja auch erst spät – vor etwa einem Monat – in die Erde gesetzt. Vielleicht kommt ihre Zeit noch: Manche Anemonen blühen bis in den Herbst hinein.

Dann ist meine Lieblingsrose, Rhapsody in blue, sicher längst verblüht. Sie blüht, anders als ihr Name sagt, lila und sie duftet herrlich. Leider verwelken die Blüten rasch. Aber vielleicht kann ich ja die Blütezeit verlängern, wenn ich die verblühten Blütenstände abschneide. Das schadet der Pflanze angeblich nicht, im Gegenteil: Laut hausgarten.net bleiben Rosen „nur durch gezielte und periodische Rückschnitte … vital und blühfreudig“ (https://www.hausgarten.net/verbluehte-rosen/). Anderen Websites zufolge gilt das nicht für alle Rosenarten, aber zumindest für Beetrosen wie meine Rhapsody in blue.

Sehr ausdauernd blüht, ganz ohne mein Zutun und meine Unterstützung, das Blaukissen: Die erste Blüte zeigte sich schon im Februar – und noch sind keine Ermüdungserscheinungen zu erkennen. Der Lesezwerg ist fast ganz in den blauen Blüten versunken – und natürlich immer noch in seinem Buch.

Was er liest, verrät er mir leider nicht. Ich habe gestern wieder einmal Selene Marianes „Miniaturen in Blau“ aus dem Bücherregal geholt – passend zur Rhapsodie in Blau vor dem Wintergartenfenster.

Apfelparadies am Nord-Ostsee-Kanal

Ich mag schöne Gärten, und so naturbelassene wie den Garten des Nordkollegs in Rendsburg allemal. Knapp ein Hektar ist der zwischen den Seminar- und Gästehäusern der Akademie für kulturelle Bildung gelegene Garten groß – und allein schon seinetwegen lohnt sich ein Aufenthalt in der Bildungsstätte.

Schon bei meinem ersten Seminar im Januar vergangenen Jahres machte mich der Garten neugierig – aber Winter ist für einen Gartenbesuch eben nicht die beste Zeit. Da ist der April allemal besser, vor allem wenn die Temperaturen in der ersten Aprilhälfte eher einem vorgezogenen Mai ähnelten. An diesem Wochenende spielten die Temperaturen leider nicht ganz mit – der April macht ja bekanntlich, was er will. Und so konnte ich, anerkannte Frostbeule, immer nur kurz in der Sonne sitzen. Aber wenn ich vor, nach und zwischen den einzelnen Sitzungen und Schreibsessions auf verschlungenen Pfaden spazierte, habe ich mich ein bisschen wie Dornröschen im verzauberten Garten gefühlt.

Nicht ohne Grund: Über 200 Rosenarten soll es laut Website im Garten geben (https://www.nordkolleg.de/nordkolleg/der-garten/). Bis sie blühen, dauert es noch eine ganze Weile; und auch Wildblumenwiese, Trompeten- oder der Tulpenbaum lassen noch auf sich warten. Die Apfelbäume stehen dagegen derzeit in voller Blüte. Mehr als 120 Mutterpflanzen alter Obstsorten – 120 an der Zahl, kein Spalierobst – werden im Garten des Nordkollegs erhalten. Die alten Sorten sind nicht nur schmackhafter als viele neue Züchtungen; sie liefern vor allem die Edelreiser, die man zum Veredeln oder zur Nachzucht von Apfelbäumen braucht.

Eine Besonderheit, und zumindest einzigartig in Deutschland, ist der 100-Sorten-Apfelbaum – ein Baum, an dem tatsächlich mehr als hundert verschiedene Apfelsorten wachsen. Seit Jahren werden auf einen Boskoop-Apfelbaum Triebe anderer Sorte gepfropft. Wachsen sie am angeschnittenen Ast an, trägt der alte Baum im nächsten Jahr (auch) Äpfel der aufgepfropften Sorte. Wegen der Sortenvielfalt trägt der Baum übrigens sehr lange – vom Sommer bis in den Herbst hinein – Früchte. Ihren Teil tragen dazu auch die im Nordkolleg-Garten lebenden Bienenvölker bei, die die Blüten – nicht nur der Apfelbäume – bestäuben.

Auch die begehbare Kräuterspirale, auf der zurzeit vor allem der Waldmeister blüht, hat mir gut gefallen. Und im Natur-Klang-Garten kann man hören, wie Wasser springt, Steine rauschen oder wie ein Hörrohr die „Musik der Natur“ verstärkt.

Apropos Musik: Die spielt im Programm des Nordkollegs neben Literatur & Medien, Sprachen & Kommunikation sowie Kultur eine besondere Rolle: Hier proben Chöre und Orchester, finden unter anderem Jazz-, Musical- oder Songwriter-Workshops statt. Mich hat diesmal ein Essayworkshop mit Brigitte Helbling nach Rendsburg geführt. Die literarische Form fasziniert mich schon lange – und ich konnte mich ihr in dem viertägigen Workshop wieder ein Stück mehr annähern.

Mein zweiter Besuch im Nordkolleg war bestimmt nicht mein letzter. Ich komme gewiss wieder – vielleicht zu einem Konzert, zum Apfelblütefest im Mai oder zum Apfelerntefest im Herbst, bei dem Äpfel verschiedener Sorten probiert werden können. Oder im Sommer, wenn die im Garten des Nordkollegs viele verschiedene Rosensorten blühen.

Garten im April

Endlich Frühling, überall im Garten grünt und blüht es. Die beiden Kirschbäume beispielsweise. Über die Früchte der Süßkirsche werden sich später vor allem die Vögel freuen, ebenso über die ebenfalls weiß blühenden Schlehen hinten am Teich. Bis der Flieder aufblüht, dauert es ebenfalls nicht mehr lange, und auch der Apfelbaum ist bald so weit. Mausohr heißt das Stadium kurz vor Beginn der Blüte im Blütenradar des Alten Lands.

Am Teich fühlen die Sumpfdotterblumen, gelbe Farbkleckse im weiß-lila Blütenmeer, und Beinwell wohl. Wie das Buschwindröschen in unseren Garten gekommen ist – oder ist es ein Studentenrösli? -, weiß ich nicht, und auch den hängenden Lauch habe ich sicher nicht gepflanzt. Aber ich freue mich, dass sie da sind.

Im Beet, über das bis zum vergangenen Jahr der mächtige Buchsbaumstier herrschte, wird zum Blumenbeet. Jetzt blühen hier Tulpen, Wildtulpen und ganz neu Rem‘s Favorite. Später kommt dann die Zeit der Anemonen und der Rosen, die ich hierhin (um)gepflanzt habe. Gleich daneben wächst das Blaukissen in diesem Jahr so hoch, dass der Lesezwerg fast zwischen den Blüten verschwindet.

Da wollen auch die Pflanzen im Haus nicht zurückstehen. Hinter dem schützenden Glas des Wintergartens zeigt die Strelitzie, dass sie zurecht Paradiesvogelblume genannt wird. Wie Vögelköpfe schauen die bunten Blüten aus dem dichten Grün hervor. Der Osterkaktus  ist in diesem Jahr etwas spät dran. Aber erstens war Ostern in diesem Jahr außergewöhnlich früh. Und zweitens ist er auch schon ein alter Herr. Wir haben ihn und seinen rosa blühenden Bruder von meiner Schwiegermutter geerbt, die schon seit über 30 Jahren tot ist.

Von meiner Mutter, die vor fast fünf Jahren gestorben ist, habe ich eine Orchidee übernommen. Ich hatte sie ihr kurz vor ihrem Tod geschenkt – jetzt steht sie in meinem Arbeitszimmer. Sie blüht meist lange, vielleicht bis zum 100. Geburtstag meiner Mutter im Mai.

Auf nach Herrenhausen

Endlich war ich wieder in den Herrenhäuser Gärten. Meine Jahreskarte war schon im Oktober abgelaufen und meist kaufe ich mir dann direkt eine neue. Denn ich mag die Gärten, vor allem den Bergarten und den frei zugänglichen Georgengarten, eigentlich zu jeder Jahreszeit. Aber im gefühlten Dauerregen von November bis Februar erschien mir ein Gartenspaziergang dann doch wenig verlockend. Im Großen Garten, der von Grachten umgeben ist, war sogar zeitweise Land unter. Einige Beete und Gewächshäuser standen tagelang unter Wasser. Wie die Pflanzen das verkraftet haben, wird sich wohl erst in den nächsten Wochen zeigen.

Der Berggarten war von den Überschwemmungen nicht betroffen. Denn er liegt zwar, anders als sein Name vermuten lässt, nicht auf einem Berg, aber doch etwas höher als sein großer Bruder. Der frühere herzogliche Küchengarten wurde laut Wikipedia auf dem Hang einer Eiszeit-Sanddüne angelegt (https://de.wikipedia.org/wiki/Berggarten). Gemüse wird hier schon lange nicht mehr angebaut, dafür wachsen im Berggarten heute rund 12.000 Pflanzenarten – zu jeder Jahreszeit andere.

Jetzt sind die Frühblüher an der Reihe – Scilla, Krokusse, Lenzrosen, Märzbecher, Primeln Narzissen und viele andere, deren Namen ich nicht kenne. Den Staudengrund durchzieht wieder das künstliche Bächlein und die Süntelbuche, mein Lieblingsbaum, zeigt sich – noch ohne Blätter – ihre ganze Schönheit. Was aussieht wie ein kleiner Wald ist tatsächlich nur ein einziger Baum – im Sommer verdecken die Blätter die knorrigen Stämme, Äste und Zweige, die über oder unter der Erde miteinander verbunden sind.

Als die Süntelbuche (Fagus sylvatica ‚Tortuosa‘) im Berggarten um 1880 gepflanzt wurde, waren ihre freilebenden Verwandten schon weitgehend ausgerottet. Denn ihre kurzen, verdrehten, oft miteinander verwachsenen Äste und Stämme eignen sich weder als Bau- noch als Brennholz. Und wegen seines teilweisen bizarren Aussehens war das „Deuwelholts“ vielen Menschen unheimlich. Grund genug, den letzten Süntelbuchenwald in den 40er-Jahren des 19. Jahrhunderts abzuholzen.

Die Süntelbuche im Berggarten hat mit 145 Jahren ihre durchschnittliche Lebenserwartung schon erreicht. Die liegt nämlich „bei 120 bis 160 Jahren. Der waagerechte, statisch ungünstige Wuchs scheint das Auseinanderbrechen alter morscher Bäume zu beschleunigen, so dass 300 Jahre nicht erreicht werden“, heißt es bei Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Süntel-Buche). Im Berggarten stützt ein starker Zaun die alte Dame – und so ist zu hoffen, dass sie ein ähnlich hohes Alter erreicht wie ihre Verwandten bei Raden im Auetal oder im Schlosspark von Haus Weitmar in Bochum. Beide Süntelbuchen sind über 250 Jahre alt, mein Lieblingsbaum in den Herrenhäuser Gärten wird mich also hoffentlich lange überleben.

Übrigens: In Bad Nenndorf am Deister kann man Süntelbuchen fast in „freier Wildbahn“ bewundern. Fotos von der Süntelbuchenallee am Rande des Kurparks gibt es unter https://timetoflyblog.com/eine-allee-der-besonderen-art und unter https://foerodens.wordpress.com/2024/01/14/alt-und-knorrig-die-suntelbuchenallee/

Winter ade

Pünktlich zum Beginn des meteorologischen Frühlings zeigt sich das Wetter nach gefühlt drei Monaten Dauerregen von seiner freundlichen, wirklich frühlingshaften Seite. Die Sonne scheint und mittags ist es sogar manchmal so warm, dass ich ohne Jacke im Garten arbeiten kann.

Nach ein paar Arbeitseinsätzen sieht unser Garten wieder einigermaßen aufgeräumt aus. Mein Mann hat die Bäume geschnitten, ich habe die vertrockneten Stengel und das Laub vom letzten Jahr aus den Beeten entfernt, ebenso die Efeuranken, die sich partout nicht an unsere Absprache halten: An den Zäunen dürfen sie sich nach Herzenslust ausbreiten, die Beete sind efeufreie Zone.

Auch die Heckenrose neben dem Teich musste weichen: Wir haben sie abgeschnitten und die Wurzeln ausgegraben. Denn sie ist uns in den vergangenen Jahren nicht nur über den Kopf, sondern auch immer wieder über den Zaun gewachsen. Wir haben die Triebe zwar regelmäßig gestutzt haben, trotzdem ragten sie mit ihren spitzen Dornen über den Teich und – noch schlimmer – über den Rad-/Fußweg, der an unserem Grundstück vorbeiführt. Geblüht hat die Pflanze nur wenig – und die wenigen Blüten dufteten leider überhaupt nicht.

Im Moment wirkt der Platz neben dem Leuchtturm noch etwas kahl, aber die Stellenbeschreibung für Nachfolgerin am Teichrand ist schon fertig: Sie soll üppig blühen, duften, vogel- und bienenfreundlich sein und möglichst nicht höher als zwei Meter werden. Die Farbe ist nicht soooo wichtig, allerdings werden bei gleicher Qualifikation pink bis lila blühende Pflanzen bevorzugt.

Derzeit dominieren in unserem Garten lila Blüten: Krokusse, Scilla und Hyazinthen fühlen sich in unserem Garten wohl und vermehren sich selbst. Auch die Primel am Teich hat den Winter gut überstanden, nur die Veilchen zieren sich noch, aber sie wollen, um mit Eduard Mörike zu sprechen, wohl „balde kommen“. Für gelbe Farbtupfer sorgen Winterlinge, Krokusse, Narzissen und natürlich die Forsythien.

Wie ein blaues Band liegt das Blaukissen vor unserem Wintergarten. Wenn die ersten Blüten im Februar aufblühen, weiß ich, dass es Frühling wird. Im letzten Jahr hat Fine, die Katze unserer Nachbarn, gerne auf den blauen Blüten gelegen und sich gesonnt. Im Herbst ist Fine gestorben. Ich werde sie vermissen, auch wenn sie mich manchmal erschreckt hat, wenn sie plötzlich neben mir auftauchte.

Der Lesezwerg sitzt dagegen seit Jahren an der gleichen Stelle – im Sommer wie im Winter, immer in das gleiche Buch vertieft. Er zeigt seine Gefühle nicht, aber ich bin sicher, dass auch er sich auf den Frühling freut und die ersten Sonnenstrahlen auf seinem inzwischen fast nackten Körper genießt.

Wer Eduard Mörikes Gedicht „Er ist’s“ nachlesen will, findet es im Internet unter https://www.gedichte7.de/er-ists.html

Schwierige Beziehungen

„Welche Pflanze kostet euch am meisten Nerven und trotzdem könnt ihr nicht ohne sie?“ Diese Frage wurde vor einigen Tagen auf dem Instagram-Account #mein_schöner_Garten gestellt. Ich beteilige mich nur selten an solchen Umfragen, aber diesmal antwortete ich spontan: „Rittersporn“. Denn mein Verhältnis zu dieser Staude lässt sich kurz beschreiben: Ich liebe sie, aber diese Zuneigung beruht leider nicht auf Gegenseitigkeit.

Seit Jahren versuche ich, den Delphinium, so der offizielle Name des Rittersporns, in unserem Garten anzusiedeln – mal in dem Beet vor dem Wintergarten, meist aber in dem runden Rosenbeet. Denn angeblich ist Rittersporn ja ein idealer Begleiter für Rosen. Und sonnig, wie von Fachleuten empfohlen, sind beide Beete.

Trotzdem gibt der Delphinium in der Regel nur ein kurzes Gastspiel in unserem Garten. Spätestens am Ende des Sommer verschwindet er auf Nimmerwiedersehn. Nur einmal überlebte er den Winter und blühte im nächsten Jahr erneut. Doch mein Gärtnerinnenglück war nur von kurzer Dauer. Nach dem zweiten Saison ereilte auch diesen Rittersporn das Schicksal seiner Vorgänger. Er verblühte und ward nie wieder gesehen.

Leider ist der Rittersporn nicht die einzige Pflanze, die mich weniger mag als sie. Noch weniger Glück habe ich mit Sonnenblumen. In den Gärten der Nachbarn wachsen sie zuhauf, vermehren sich selbst und werden mannshoch, bei uns widersetzen sie sich leider allen Ansiedlungsversuchen. Obwohl ich schon unzählige Sonnenblumensamen ausgesät habe, ist unser Garten quasi eine sonnenblumenfreie Zone. Auch meine Hoffnung, dass sich aus den Kernen, die ich von Herbst bis Frühjahr für die Vögel ausstreue – mit oder ohne Umweg über den Vogelmagen – die eine oder andere Blüte entwickelt, wurde bislang enttäuscht. Wenn ich schon blühende Sonnenblumen mit Wurzeln kaufe und einpflanze, überleben sie oft nicht einmal die erste Nacht im Freien. Ich habe die Schnecken im Verdacht, aber überführen konnte ich sie bislang noch nicht.

Dass man die Hoffnung nie aufgeben soll, zeigen die Winterlinge (Eranthis hyemalis). Angeblich sind sie total pflegeleicht und im Garten einer Freundin bildeten sie in der Tat alle Jahre wieder von Februar bis April einen dichten gelben Teppich. In unseren Beeten zeigte sich dagegen keine einzige gelbe Blüte, so sehr ich mich auch um sie bemühte. Vor drei Jahren habe ich dann ein paar Zwiebeln aus Bärbels Garten aus- und in meinem Garten eingegraben. Leider vergeblich. Das habe ich sehr bedauert, nicht nur, weil ich Winterlinge mag, sondern vor allem, weil meine Freundin kurz nachdem sie mir die Zwiebeln geschenkt hat gestorben ist.

Weil ich ein blühendes Andenken an sie wollte, habe ich auch in diesem Jahr – wie in den beiden vorangegangenen – wieder Winterlinge gekauft und gepflanzt. „Es ist eure letzte Chance“, habe ich beim Einpflanzen gedroht.

Ob es Zufall ist oder ob die Drohung gewirkt hat, weiß ich nicht: Inzwischen haben sich an auch an zwei Stellen im Garten Winterlinge hervorgewagt. Ob sie aus Bärbels Garten stammen, weiß ich nicht und es ist mir auch egal: Hauptsache sie sind da.

Munchs Lebenslandschaften

Von Edvard Munch kannte ich eigentlich nur sein berühmtes Bild „Der Schrei“. Bis ich im Internet auf die Ausstellungen gestoßen bin, die im Museum Barberini in Potsdam und in der Berliner Galerie zu sehen sind bzw. waren. Denn die Ausstellung „Zauber des Nordens“ in Berlin schloss am 22. Januar ihre Tore; die „Lebenslandschaften“ in Potsdam sind noch bis zum 1. April zu sehen. Dann wandert die Ausstellung weiter, ins MUNCH nach Oslo, aus dem einige der gezeigten Bilder ausgeliehen wurden. 

Im Museum Barberini werden insgesamt 116 Gemälde, Holzschnitte, Lithographien und Zeichnungen des norwegischen Künstlers gezeigt, berühmte ebenso wie weitgehend unbekannte. Es ist laut Museum die erste Ausstellung zu Edvard Munchs Landschaftsdarstellungen. Denn „obwohl Edvard Munch fast die Hälfte seiner Arbeiten Naturmotiven widmete, wird er bislang nicht als Landschaftsmaler wahrgenommen“, heißt es in einer Pressemitteilung. Die Ausstellung will die Bedeutung seiner Naturdarstellungen erforschen, gängige Vorstellungen hinterfragen und neue Sichtweisen auf sein Werk anstoßen.

Meine Reise nach Potsdam hat sich gelohnt. Viele der ausgestellten Bilder haben mir gefallen der gelbe Baumstamm beispielsweise, der Dunkle Tannenwald oder das Frühlingspflügen. Und auch die Mädchen auf der Brücke und die Munchs Bilder von den Sommernächten am Strand haben mich fasziniert.

Andere, zum Beispiel „Stoffwechsel – Leben und Tod,“ haben sich mir erst auf den zweiten Blick und dank des Audioguides erschlossen, der mich durch die Ausstellung begleitete. Und manchen Gemälden wie den Badenden kann ich gar nichts abgewinnen. Kaum zu glauben, dass die kraftstrotzenden Männer vom gleichen Künstler gemalt wurden wie der Schrei.

Ausstellungsansicht Museum Barberini, Foto: David von Becker

Der Schrei ist und bleibt mein Lieblingsbild. Wie es entstanden ist, beschreibt Edvard Munch selbst in seinem Violetten Tagebuch unter dem Datum 22.1.1892  (zitiert nach https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Schrei):

„Ich ging den Weg entlang mit zwei Freunden – die Sonne ging unter – der Himmel wurde plötzlich blutig rot – Ich fühlte einen Hauch von Wehmut – Ich stand, lehnte mich an den Zaun Todmüde – Ich sah hinüber […] die flammenden Wolken wie Blut und Schwert – den blauschwarzen Fjord und die Stadt – Meine Freunde gingen weiter – ich stand da zitternd vor Angst – und ich fühlte etwas wie einen großen, unendlichen Schrei durch die Natur.“

Das Bild gibt es in verschiedenen Versionen, eine erste Skizze des Motivs findet sich laut Wikipedia bereits 1889/90 in einem  Skizzenbuch, die Version mit Öl, Tempera und Pastell beendete Munch Ende 1893. In der Ausstellung ist eine Lithografie aus dem Jahr 1895 zu sehen.

Der Schrei

Mit dem Schrei wurde laut Oskar Kokoschka der Expressionismus geboren, ich sehe mir nach der Munch-Ausstellung noch die Sammlung Hasso Plattner an: Über 100 impressionistische und postimpressionistische Gemälde sind in der Dauerausstellung zu sehen, unter anderem von Claude Monet, Auguste Renoir, Alfred Sisley, Paul Signac und Gustave Caibotte. Nirgendwo außerhalb von Paris werden nach Angaben des Museums mehr Gemälde von Claude Monet an einem Ort gezeigt als in Potsdam. Eines meiner Lieblingsbilder von Monet, der Seerosenteich, ist derzeit leider verliehen, und ich musste mit einem anderen Seerosenbild des malers vorlieb nehmen. Doch so habe ich einen guten Grund, wieder nach Potsdam zu fahren, wenn das Gemälde wieder zurück im Museum Barberini ist.

Sammlung Hasso Plattner, Museum Barberini, Potsdam
© David von Becker

Das Museum Barberini und die beiden Ausstellungen sind eine Reise wert. Wer will, kann auf der Website des Museums online durch die Ausstellungen wandern und per Audioguide Informationen über verschiedene Gemälde abrufen.

https://www.museum-barberini.de

Gartenbilanz

Die Gartensaison ist zu Ende. Nach dem ersten Nachtfrost vor zwei Wochen haben wir unsere Pflanzen aus der Sommerfrische auf der Terrasse in ihr Winterquartier geholt. Die letzte offene Gartenpforte in der Region Hannover wurde schon Anfang des Monats geschlossen. Und meine Dauerkarte für die Herrenhäuser Gärten ist vor ein paar Tagen abgelaufen. Ich habe in diesem Jahr zwar weniger offene Gärten besucht und war seltener als in den vergangenen Jahren in den Herrenhäuser Gärten. Trotzdem fällt meine Gartenbilanz positiv aus.

Schon der Auftakt war ungewöhnlich früh – weil in Italien – und verheißungsvoll. Der Giardino Bardini und der Giardino delle Roses waren definitiv meine Lieblingsorte in Florenz. Der Blick vom Giardino Bardini auf die Stadt ist wirklich traumhaft – und im Giardino delle Roses hat mir das Nebeneinander von Pflanzen und Kunst besonders gefallen. Dass die meisten der 400 Rosensorten noch nicht blühten, war schade, aber Mitte April selbst südlich der Alpen nicht anders zu erwarten. Dafür konnte ich als einzige Besucherin Garten, Kunst und natürlich den Blick auf Florenz ungestört genießen.

Wie Dornröschen fühlte ich mich dann einige Wochen später in Altwarmbüchen. Mehr als 250 Rosen – vor allem englische und historische Sorten – blühen im Garten von Silke Rex in den verschiedensten Farben. Und anders als die Rosen und Pfingstrosen in meinem eigenen Garten duften hier fast alle Blüten – in diesem Jahr wie mir schien sogar intensiver als in den vergangenen. Ich konnte mich gar nicht sattsehen und sattriechen und ich genieße es jedes Jahr aufs Neue, im rosenumrankten Pavillon und/oder am Teich zu sitzen.

Dass Silke Rex ihre Leidenschaft für Rosen erst vor einigen Jahren entdeckt und den Garten in ein Rosenparadies verwandelt hat, mag ich angesichts der Blütenpracht kaum glauben. Doch ich habe es in meinem Blog nachgelesen: Sie hat erst 2017 zum ersten Mal ihre Gartenpforte geöffnet. Seither ist ihr Garten einer meiner Lieblingsgärten in der Region Hannover. Ich bin sicher: Kurfürstin Sophie, die die Herrenhäuser Gärten geschaffen und mit Hilfe von Martin Charbonnier gestaltet hat, würde vor Neid erblassen, wenn sie den Garten sehen könnte. Und womöglich würde sie ihren Gartendirektor auf der Stelle entlassen.

Auch wenn Sabine Mazur-Lunze in Großburgwedel ihre Gartenpforte öffnet, trete ich gerne ein und bewundere den farbenprächtigen Garten mit Ziersträuchern, Sommerblumen, Stauden, Kübelpflanzen und idyllischen Sitzplätzen. Von den Akeleien wachsen inzwischen auch einige Abkömmlinge in meinem Garten. Denn im vergangenen Jahre durfte ich ein Tütchen mit Samen mitnehmen.

Zwei kleine, aber feine Klostergärten habe ich beim Wandern im Harz entdeckt. Die erste Etappe des Harzer Klosterwanderwegs beginnt am Kloster(garten) Neuwerk in Goslar und endet im Kloster Wöltingerode, wo es ebenfalls noch einen Garten mit Heil- und anderen Pflanzen gibt.

Ein besonderes Highlight in diesem Gartenjahr waren die Lost Gardens von Heligan in der Nähe von Mevagissey in Cornwall. Der Gutshof gehört seit mehr als 400 Jahren der Familie Tremayne. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Herrenhaus vermietet – die bis dahin gepflegten Gärten versanken in einen Dornröschenschlaf, aus dem Tim Smit sie erst Anfang der 1990er-Jahre wieder erweckte und ihnen neues Leben einhauchte.

Die 200 Hektar große Anlage besteht aus vier verschiedenen Bereichen: dem Ziergarten, dem Nutzgarten, dem Dschungel und dem Lost Valley. Besonders beeindruckend ist der Dschungel, in dem seit mehr als 150 Jahren subtropische Pflanzen wachsen, die man hier im eher nördlichen Teil Europas nicht vermutet. Doch im milden Klima Cornwalls gedeihen Bambus, Agaven, Farne, Palmen und Co ausgesprochen gut und erreichen beachtliche Höhen. So riesige Farne habe ich zuletzt in Milford Sound in Neuseeland gesehen.

Mit bis zu 60 Meter Durchmesser zählen die Rhododendren im Ziergarten laut Wikipedia zu den größten der Welt: Der britische Botaniker Joseph Dalton Hooker soll sie Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem Himalaya mitgebracht haben (https://de.wikipedia.org/wiki/The_Lost_Gardens_of_Heligan).

Im Nutzgarten werden heute über 300 Obst- und Gemüsesorten angebaut, darunter viele, die vom Aussterben bedroht waren. Sehenswert sind auch die historischen Gewächshäuser und die Gruben, in denen früher Ananas gezüchtet wurden.

Besonders gut haben mir die beiden Erdskulpturen der Künstlerin Susan Hill gefallen. Vor allem The Mud Maid, das schlafende Mädchen, passt gut zu dem Garten, der so lange im Dornöschenschlaf lag.

Subtropische Pflanzen und ganz viel Kunst gibt es auch im Skulpturengarten von Barbara Hepworth. Der kleine Garten liegt, durch Hecken und Bäume vor den Blicken der Nachbarn und Passanten geschützt, mitten in Saint Ives und gehört zum Museum Barbara Hepworth. Die Bildhauerin, laut Website des Europäischen Gartennetzwerks (EGHN) „eine der bedeutendsten und innovativsten britischen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts“, lebte von 1949 bis zu ihrem Tod in dem kleinen Fischerort. Der avancierte auch durch Barbara Hepworth und ihren Freundeskreis zum Kunstzentrum Cornwalls. In ihrem Testament legte die Künstlerin fest, dass die Trewlyn Studios und der angrenzende Garten nach ihrem Tod als Ausstellung für Kunstinteressierte geöffnet werden sollten . Sie bestimmte auch, welche Skulpturen wo aufgestellt werden sollten (https://www.eghn.org/de/barbara-hepworth-1903-1975-bildhauerin/).

Barbara Hepworth starb 1975 bei einem Brand in ihrem Atelier. Weil in der Werkstatt nach ihrem Tod nichts verändert wurde, stehen dort noch zahlreiche unvollendete Arbeiten; außerdem sind fast zwei Dutzend ihrer Werke im Garten zu sehen, weitere Skulpturen und Gemälde im Tate Museum in Saint Ives, zu dem das Museum Barbara Hepworth inzwischen gehört.

Dass Kunst und Pflanzen hervorragend zusammenpassen, zeigt sich auch im Kunsthof Mehrum. In dem alten Landhausgarten mit Streuobstwiese, Nutz- und Kräutergarten präsentieren bildende Künstler zwischen Bäumen, Sträuchern und Stauden ihre Skulpturen und Objekte. Und auch auf der Landesgartenschau in Bad Gandersheim waren zahlreiche Kunstwerke zu sehen.

Die LAGA ist am 15. Oktober zu Ende gegangen. Die temporären Anlagen werden zurückgebaut, doch vieles, das für die Landesgartenschau angelegt wurde, bleibt: So wurde zum Beispiel der Bereich um die drei Osterbergseen und die Flüsse Gande und Eterna neu gestaltet und das seit 2018 geschlossene Freibad als Sole-Naturfreibad wiedereröffnet. Mir hat das Gartenbaugelände gut gefallen – und ich bin gespannt, wie es sich im nächsten Jahr entwickelt. Ich habe mir fest vorgenommen, wieder einmal nach Bad Gandersheim zu fahren.

Auf jeden Fall werde ich mir in den nächsten Tagen eine neue Dauerkarte für die Herrenhäuser Gärten besorgen. Denn dort endet die Gartensaison eigentlich nie.

Immer am Meer entlang

Die Alpen müssen warten. Oder genauer gesagt, mein Vorhaben, im nächsten Jahr die Alpen zu Fuß zu überqueren. Unser Urlaub in Cornwall hat den South West Coast Path auf der Liste der Wanderziele wieder ganz nach vorne katapultiert.

Zum ersten Mal habe ich vor ein paar Jahren in Judith Wolfbergers Buch „Schafft euch Schreibräume“ von dem Wanderweg gelesen, später dann in Raynor Winns Roman „Der Salzpfad“. Doch dann ist der South West Coast Path irgendwie aus meinem Blick verschwunden, zu Unrecht, wie ich bei meinem ersten Besuch in England festgestellt habe. Denn für Menschen wie mich, die süchtig nach Wasser sind, ist der Pfad ein Traum: Er verläuft von Minehead am Bristol Channel bis nach Poole Harbour an der englischen Südküste (fast) immer direkt am Meer entlang. Malerische Orte wie Saint Ives oder Fowey, wo die Schriftstellerin Daphne du Maurier lange lebte und viele ihrer Romane schrieb, liegen ebenso auf der Strecke wie zwei Unesco-Weltkulturerbestätten – die Jurassic Coast bei Lyme Regis und die Bergbaulandschaft von Cornwall und West Devon –, mehrere Naturparks und sogenannte Heritage Coasts, das sind Gebiete, die wegen ihrer Schönheit, ihrer Flora und Fauna oder ihrer kulturellen Bedeutung besonders geschützt sind. Zu sehen gibt es also genug, viel Landschaft, viel Natur, viel Kultur und vor allem viel Wasser.

Mit mehr als tausend Kilometern oder umgerechnet 630 Meilen ist der South West Coast Path laut Wikipedia der längste Fernwanderweg in Großbritannien (https://de.wikipedia.org/wiki/South_West_Coast_Path). Wer den gesamten Weg wandern will, braucht sieben bis acht Wochen. So viel Zeit hatte ich natürlich nicht. Ich bin an allen Orten, wo wir Station gemacht haben, nur kurze Strecken gewandert: Mal war ich nur eine, an anderen Tagen drei oder vier Stunden unterwegs. Mal war der Weg steinig, mal führte er über Wiesen und Weiden und manchmal auch ein Stück am Strand entlang.

Die Aussichten waren eigentlich überall, wo ich gewandert bin, spektakulär. In Lands End, dem westlichsten Punkt Englands beispielsweise …

… oder an der Jurassic Coast. Bis zu den fossilienreichen Klippen bei Lyme Regis habe ich es zwar nicht geschafft, aber ich habe auf dem Weg dorthin immerhin das Golden Cap erklommen. Die goldene Mütze ist mit 191 Metern höchste Erhebung an der Südküste.

Apropos erklimmen: Der Küstenweg ist keineswegs flach, wie der Name nordseeküstengewohnte Flachländer wie mich vermuten lässt. Es geht ständig auf und ab. 35.000 Höhenmeter müssen auf dem gesamten Weg überwunden werden – angeblich mehr als bei einer Besteigung des Mount Everest.

Die Auf- und Abstiege sind teilweise recht steil, aber nicht besonders anspruchsvoll – auch das ein Grund, der für den South West Coast Path spricht. Und auch verlaufen kann ich mich auf dem Küstenpfad – anders in den Alpen – kaum. Dafür sorgen schon die zahlreichen Wegweiser auf der Strecke. 2.473 sollen es nach einer Reportage auf der Website des Michael Müller Verlags über Cornwall und den South West coast Path sein (https://www.michael-mueller-verlag.de/de/reportage_cornwall_south_west_coast_path/), also durchschnittlich zweieinhalb pro Kilometer. Außerdem geht es ja fast immer am Meer entlang – und frau trifft unterwegs immer wieder andere WandererInnen, die sie nach dem Weg fragen kann.

Der Wanderweg an der Küste endet übrigens nicht in Poole Harbour; er geht als England Coast Path weiter. Auch auf dem englischen Küstenweg war ich einen halben Tag unterwegs: von unserem Campingplatz in Folkestone über die berühmten Kreidefelsen bis fast nach Dover. Gerne wäre ich noch ein Stückchen weiter gegangen, aber dann stoppte mich eine Viehherde.

Zwar dürfen Wanderer in England auf ausgeschilderten Pfaden auch Privatgrundstücke betreten. Aber ich war mir nicht sicher, ob es Stiere oder Kühe waren, die auf der Weide grasten – und ob sie das alte „Right of Way“ auch kennen. Doch das werde ich klären, bevor ich mich im nächsten Jahr auf den Weg nach Cornwall mache, um länger auf dem South West Coast Path zu wandern.