To-do- und andere Listen

Ja, ich gebe es zu – ich liebe und schreibe Listen aller Art:

  • To-do-Listen, wahlweise für den Beruf oder fürs Privatleben, für einzelne Tage oder für längere Zeiträume
  • Terminlisten
  • Einkaufslisten
  • Bücherlisten – zu lesende und gelesene
  • Themenlisten, zum Beispiel für diesen Blog
  • Listen möglicher Projekte
  • Pflanzlisten für den Garten
  • Wunschlisten oder
  • Geschenklisten …

Wahrscheinlich brauche ich demnächst eine Liste, um den Überblick über all meine Listen zu behalten. Denn leider notiere und bewahre ich die  Listen an den verschiedensten Stellen – z. B. in meinem Kalender, im Bullet Journal, in Spiralheften, die auf meinen Schreibtischen liegen, in den Ordnern der einzelnen Projekte und auf losen Blättern.

Manche Listen sind ganz simpel, andere, vor allem die für längerfristige Aufgaben im Job, enthalten zum Teil mehrere Unterkategorien und nennen sich manchmal auch vornehm Workflow.

Mein Listen verhindern, dass ich Dinge einfach vergesse, und helfen mir, den Überblick zu bewahren. Vor allem aber geben sie mir das gute Gefühl, etwas geleistet zu haben, wenn ich mich im alltäglichen Hamsterrad drehe. Manchmal, ich gestehe es, schummle ich bei meinen To-do-Listen ein wenig. Dann trage ich Aufgaben ein, die ich gerade schon erledigt habe, nur um sie – als just done – abhaken zu können.

Gestern ist mit dem Zeit-zu-leben-Newsletter eine Liste in meinem Mailkasten gelandet, die mich zum Nachdenken und zu diesem Blogbeitrag angeregt hat. Und so werde ich künftig vielleicht noch weitere Listen führen, zum Beispiel (in alphabetischer Reihenfolge) über

  • Aktiviäten, die mir guttun
  • Dinge, die ich vermissen würde
  • Menschen, die ich mag
  • Orte, an denen ich mich wohlfühle.

Und dann werde ich das warme Gefühl im Bauch genießen, das sich hoffentlich bei diesen Wohlfühllisten einstellt.

Same procedure every day

Sie ist angeblich die Basis nicht nur für einen guten Start in den Tag, sondern garantiert Erfolg und Zufriedenheit. Man (oder frau) erreicht alle Ziele, schöpft sein Potenzial ganz aus, lässt die eigene Mittelmäßigkeit weit hinter sich, wenn man gut, das heißt mit der richtigen Morgenroutine in den Tag startet. Das jedenfalls versprechen zahlreiche Websites und eines dieser Wie-werde-ich-glücklich-reich-und-erfolgreich-Bücher, das ich neulich gelesen habe. Das einzige, was man tun muss, um sein Leben grundlegend zu verändern, ist, jeden Morgen früher aufzustehen – und ein paar Dinge zu tun, die der Autor kurz mit Live-S.A.V.E.R.S zusammenfasst.

Eigentlich ist diese Methode ideal für mich, denn mit dem frühen Aufstehen habe ich keine Probleme. Die ganzen guten Ratschläge, wie man morgens aus dem Bett kommt, konnte ich also getrost überlesen. Einen Wecker brauche ich eigentlich fast nie. Ich wache morgens von selbst früh auf – im Sommer oft gegen vier, im Winter spätestens kurz vor fünf – und bin dann hellwach.  Und seit ich mir schon vor einiger Zeit vorgenommen habe, dass die erste Stunde mir gehört, starte ich ohnehin (fast) immer gleich in den Tag. Was liegt also näher, die Routine um einige Punkte zu erweitern, wenn es denn der guten Sache dient, sprich: meinem Glück und meinem Erfolg.

Ohne Kaffee, ich gestehe es, geht allerdings gar nix. Bevor ich also irgendetwas anderes tue, koche ich morgens Kaffee. Mit meiner Tasse gehe ich dann im Winter in mein Zimmer, im Sommer auf die Empore, wo ich die Sonne aufgehen sehe, während ich die Morgenseiten schreibe. Manchmal höre ich Musik dabei, oft aber genieße ich einfach die Ruhe um mich herum, bevor der Rest der Welt erwacht.

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Einfach mal kopfstehen und die Welt aus einer anderen Perspektive sehen (Foto: Utz Schmidtko)

Schreiben (S) gehört für mich schon lange zur Morgenroutine, neu ist, dass ich mir jeden Morgen – oder fast jeden – Zeit für Yoga (Exercises, E) und Meditation (Stille, S) nehme. Yoga ist prima, auch weil ich mich auf die Übungen beschränke, die mir leicht fallen und mir gefallen. Mit der Meditation tue ich mich schon schwerer. Gerade dann, wenn ich an nichts denken oder mich nur auf mein Atmen konzentrieren soll, fahren meine Gedanken Karussell, schweifen hierhin und dorthin. Besser klappt‘s, seit ich mich an einen Ort zu versetzen, an dem ich mich wohlfühle, wie mir eine gute Bekannte geraten hat.

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An einem so schönen Ort klappt’s auch mit dem Meditieren – einigermaßen (Foto: Utz Schmidtko)

Womit ich fast schon beim nächsten Punkt der Morgenroutine wäre, der Visualisierung (V): Mir vorzustellen, was ich wirklich möchte, was ich tun muss, um es zu erreichen, und wie es wäre, wenn ich es schon erreicht hätte, gelingt mir, zugegebenerweise, noch nicht jeden Morgen. Und auch die Affirmationen (A) vergesse ich immer wieder. Lesen (Reading, R) ist dagegen kein Problem, allerdings greife ich statt zu einem Ratgeberbuch manchmal lieber zu einem Roman – und das manchmal (oder meist) erst später am Tag.

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Ein Stift, ein Buch, Computer und eine Tasse Kaffee – der Tag kann beginnen.

Vielleicht liegt es daran, dass die Wundermethode bei mir nicht ganz funktioniert. Denn (erfolg)reich bin ich immer noch nicht. Und mit dem Glück ist das ja ohnehin so eine Sache. Aber ich arbeite daran.

Immerhin bekommt die Morgenroutine meiner Lieblingszimmerpflanze ausgezeichnet. Seit ich das Zyperngras jeden Morgen mit dem Restwasser gieße, das vom Kaffeekochen am frühen Morgen übrig bleibt, gedeiht es prächtig. Seine zahlreichen Vorgänger haben dagegen meine Pflege nie lange überlebt. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich jetzt endlich den richtigen Platz an der Sonne für es gefunden habe.

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Mein Zyperngras gedeiht prächtig.

Kalender-Geschichte

Alle Jahre wieder, wenn das alte Jahr endet, beginnt sie aufs Neue, meine Suche nach dem idealen Kalender. Ich habe schon unzählige ausprobiert und benutze mitunter verschiedene nebeneinander: Buchkalender, Ringbuchkalender und Wandkalender in verschiedenen Größen und Formen. Das Clipbook von Filofax habe ich vor allem der Farbe wegen gekauft habe, andere wie Frauen- oder Gartenkalender wegen der Inhalte und Motive.

Im vergangenen Jahr, als der Trend nicht mehr zu übersehen war, bin auch ich aufs Bullet Journal gekommen, angeblich die ultimative Lösung aller Organisationsprobleme. Dem Versprechen, dass die Methode hilft, Ordnung in das Chaos der Gedanken zu bringen und den Überblick über sämtliche Aufgaben, Ziele, Ideen und Projekte zu behalten – beruflich und privat – konnte ich natürlich nicht widerstehen.

Die Idee, To-do-Listen, Kalender, Notiz- und eventuell Tagebuch in einem Journal zu vereinen und ganz nach den eigenen Bedürfnissen zu gestalten, ist wirklich verlockend. Wie oft sind in meinen Kalendern ganze Seiten leer geblieben, andere waren so vollgekritzelt, dass von Überblick keine Rede mehr sein konnte.

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Bullet Journal für Anfänger/innen

Keine Frage: Do it yourself macht flexibel. Und all diejenigen, die nicht so kreativ oder künstlerisch begabt sind, finden in Buchhandlungen, Schreibwarenläden und im Internet unendlich viele Anleitungen, Ratgeber und Zubehör: von Kladden – meist gepunktet, warum auch immer – bis zu diversen Aufklebern, Stiften, Vorlagen und Schablonen zur schönen Gestaltung des Journals. So listet Google zum Stichwort „Bullet Journal Ideen“ fast 13 Millionen Einträge. Die Muster-Journalseiten sind mitunter so aufwendig gestaltet, dass ich mich frage, wie man (oder frau) da noch den Überblick behalten soll. Manchmal, so scheint es, ist die Form offenbar wichtiger als der Inhalt.

Bei mir war das Ergebnis eher ernüchternd – nicht nur, weil mein Bullet Journal nicht annähernd so bunt und hübsch aussah wie die Vorlagen. Auch den totalen Über- und Durchblick habe ich leider nicht bekommen. Das liegt möglicherweise weniger am System als an mir. Ich bin nämlich, fürchte ich, in puncto Zeitmanagement und DiY ein hoffnungsloser Fall.

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Neuer Einsatz für alte Buchhülle

So habe ich es nie geschafft, die verschiedenen Rubriken so konsequent in das Inhaltsverzeichnis einzutragen, wie ich es hätte tun sollen. Und ebensowenig ist es mir gelungen, schon am Anfang des Jahres die Überblicksseiten für das ganze Jahr zu gestalten. Deshalb konnte ich mich von meinem vorgedruckten Kalender, in dem ich möglichst schon am Anfang des Jahres langfristige Termine eintrage, nicht trennen – und von meinem Tagebuch schon gar nicht. Aus diesem Grund habe ich im vergangenen Jahr immer mindestens vier Bücher rumgeschleppt: den Kalender, mein Bullet Journal, mein Tagebuch, das ich immer mitnehme, egal wohin ich gehe, und ein Buch zum Lesen.

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Immer dabei: Tagebuch und Kalender

Um meine Tasche und mein Leben im wahrsten Sinne des Wortes zu erleichtern, starte ich im neuen Jahr  einen neuen Versuch: mit  My-Book-Heften, die einfach mit Gummibändern in einem Umschlag, Neudeutsch Cover, befestigt werden. So kann ich meine geliebte Buchhülle aus Naturleder, den ich vor Jahren einmal gekauft habe, nutzen. In ihr finden neben einem (vorgedruckten) Kalendarium auch noch mehrere Papiereinlagen Platz – für Blog- und andere Ideen beispielsweise und für ein Bullet Journal light. Denn die Idee gefällt mir nach wie vor.

Die Hefte sind dünner als die Kladden, die ich bisher benutzt habe. Dass sie keinen eigenen Schutzumschlag haben,  macht sie leichter und flexibel. Ist ein Heft voll, wird es durch ein neues ersetzt. Das alte wird in einer eigenen Hülle archiviert. Ob ich auf diese Weise den Überblick behalte, wird sich zeigen. Mein Rücken wird es mir auf jeden Fall danken.

Alles was Recht ist

Es gibt einen Satz, dem bislang alle, die ihn von mir gehört haben, zugestimmt haben. Ich schreibe ihn hier nicht, weil die Berufsgruppe, um die es geht, qua Beruf sehr klagefreudig ist. Zu meinem schon länger geplanten Blogpost passt das Ergebnis eines OECD-Berichts, das vor ein paar Tagen in meinem digitalen Postfach landete: Die Menschen hierzulande sollten, meint die OECD, stärker und früher in die Gesetzgebung eingebunden werden. Das könnte die Akzeptanz und die Qualität von Gesetzen erhöhen.

Wie wahr. Denn egal, ob man eine Biogasanlage betreiben (was im Alltag natürlich eher selten vorkommt), Fördermittel für einen Verein oder ein Projekt beantragen oder nur eine Patientenverfügung oder eine Vorsorgevollmacht plant: Der Gesetzesdschungel, in den man gerät, scheint fast undurchdringlich. Und man fühlt sich ein bisschen wie Josef K. in Kafkas Prozess, auch wenn man natürlich nicht verhaftet wird, sondern nur fürchtet, sich hoffnungslos zu verirren.

Viele Gesetze und die damit verbundenen Regelungen und Vorschriften, sind so formuliert, dass sie selbst für Menschen, die Texte gut erfassen und auch mit mindestens durchschnittlicher Intelligenz gesegnet sind, kaum zu durchschauen sind. Wer zu seinem Recht und/oder zu seinem Geld kommen will, braucht oft die Hilfe eines Juristen.

ABM für Juristen

Das ist kein Zufall, sondern hat möglicherweise Methode. Die Gesetzgebung ist, so scheint es, ein gigantisches Arbeitsbeschaffungsprogramm für Juristen, gegenwärtige und zukünftige. Oder – weniger nett formuliert – ein Selbstbedienungsladen.

Das ist aus Juristensicht durchaus nötig. Laut statista gab es am 1. Januar 2018 rund 164.700 zugelassene Rechtsanwälte in Deutschland – das ist einer pro 485 Einwohner.  1960 waren es erst 18.347 Anwälte. Nicht enthalten in dieser Zahl sind die unzähligen Juristinnen und Juristen, die als Richterinnen und Staatsanwälte, in Verwaltungen, in großen Firmen, als Lobbyisten oder als Politikerinnen arbeiten.

Zum Vergleich: 2017 gab es in Deutschland laut statista 385.100 berufstätige Ärzte. Also etwa einen pro 200 Einwohner. Das klingt nach viel mehr. Berücksichtigt man aber, wie oft Ottilie Normalverbraucherin zum Arzt geht und wie oft zum Anwalt, relativiert sich der erste Eindruck. Ich selbst war, obwohl ich ziemlich gesund bin, in diesem Jahr bei fünf verschiedenen (Zahn-)Ärztinnen und Ärzten. Die Dienste eines Rechtsanwalts habe ich dagegen erst einmal in meinem ganzen Leben beansprucht (aber das ist eine andere Geschichte). Es soll sogar Menschen geben, die ihr Leben lang ohne anwaltlichen Rat auskommen!

Gesetze: Von Juristen für Juristen

Die Juristen-Lobby tut alles, damit sich das ändert. Da ist es natürlich hilfreich, dass laut Berliner Zeitung die Juristen im Bundestag, wo Gesetze erlassen werden, mit mehr als 20 Prozent aller Abgeordneten deutlich überrepräsentiert sind. 152 der 709 Bundestagsabgeordneten haben Jura studiert. Und weil eine Krähe der anderen bekanntlich kein Auge aushackt und Menschen aus gleichen (Berufs)gruppen sich  oft einander verbunden fühlen, sind die Gesetze, die die Volksvertreterinnen und Volksvertreter verabschieden, selten zum Schaden des Berufsstands.

Bei so viel politischem Rückhalt verwundert es nicht, dass Jura immer noch zu den beliebtesten Studiengängen  gehört, obwohl es – im Gegensatz zu Ärztinnen, Lehrern, Naturwissenschaftlerinnen, Ingenieuren, Krankenschwestern oder Kindergärtnern keinen Juristenmangel, sondern eher eine -schwemme gibt. Laut Absolventa ist Jura nach Medizin der Studiengang mit den besten Verdienstaussichten. Außerdem braucht man fürs Jurastudium weder ein besonders gutes Abi – wie beispielsweise für Medizin oder Psychologie  – noch besondere mathematische, naturwissenschaftliche, sprachliche oder pädagogische Begabungen. Soziale Einstellungen, Glaube oder eine bestimmte Überzeugung sind ebenfalls nicht erforderlich, sondern möglicherweise für die Karriere eher hinderlich. Das gleiche gilt für Gerechtigkeitssinn: Denn vor Gericht, lautet eine alte Juristenweisheit, bekommt man kein Recht, sondern ein Urteil. Und das ist leider allzuoft nicht gerecht.

Gesunder (Menschen)Verstand statt juristische Spitzfindigkeit

Womit wir wieder am Anfang wären und bei der OECD-Empfehlung: Es könnte die Akzeptanz und die Qualität von Gesetzen erhöhen, wenn Menschen mit weniger juristischer Spitzfindigkeit, aber gesundem Menschenverstand stärker und früher in die Gesetzgebung eingebunden würden. Dann würden künftig vielleicht nicht mehr alle dem eingangs nicht zitierten Satz zustimmen.

Den OECD-Bericht sowie weitere Informationen finden Sie auch auf unserer Website unter: http://www.oecd.org/berlin/publikationen/ausblick-regulierungspolitik-2018.htm

BPS: Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Alle guten, ehrlichen, rechtschaffenen und gerechtigkeitsschaffenden Juristinnen und Juristen sind natürlich nicht gemeint.

 

Schafft euch Schreibräume

Mai 2017. Ich brauche eine Auszeit, mehrere Schreibprojekte liegen in der Schublade, sprich: in einem Ordner auf meinem Computer. Ich kann mich nicht entscheiden, keines geht voran. Ich bin reif für die Insel, für eine Schreibinsel. Auf nach Wien, in Judith Wolfsbergers Writers Studio (Wien ist eine Reise wert).

Writers Studio ohne Schreibende DSC_0894
Schreibpause: Writers studio ohne Schreibende

„Schafft euch Schreibräume“, heißt das Buch, an dem Judith während des Schreibtreffs, Neudeutsch:  Schreibretreat, arbeitete. Es ist im Sommer erschienen und natürlich möchte ich es lesen – der Verlag schickt mir ein Rezensionsexemplar.

Judith Wolfsberger nimmt mich mit auf ihre Reisen auf den Spuren Virginia Woolfs – nicht nur nach England, sondern auch in die USA. Dort ist Virginia Woolf zwar nie gewesen, aber gerade dort haben ihre Ideen Spuren hinterlassen.

Auch ich habe natürlich schon vor Jahren bzw. vor Jahrzehnten „A Room of ones own“ gelesen. Schließlich war – und ist – es eine Art Kultbuch der Frauenbewegung. Aber anders als Simone Beauvoir, deren Bücher ich verschlungen habe, konnte  mich  Virginia Woolf nie wirklich begeistern. Jetzt lese ich, ermutigt und angeregt durch viele englischsprachige Zitate im Buch, ihre Bücher im Original – und entdecke sie, nein, eigentlich nicht neu, sondern zum ersten Mal wirklich.

Was Virginia Woolf und Judith Wolfsberger schreiben, spricht mich an. In Judith Wolfsbergers Buch, einer Mischung aus Memoir, Travel-Essays und Sachbuch, geht es vor allem ums Schreiben – und um den Mut, eigene Visionen zu leben.

Kann frau vom Schreiben leben und wie? Was brauchen Frauen, um selbstbestimmt zu schreiben? Wie können sie, wie kann ich, Beruf, Schreiben und Familie verbinden? Diese Fragen beschäftigen auch mich immer wieder. Zu lesen, dass auch andere schreibende Frauen an sich zweifeln und das Gefühl haben, nicht gut genug, nicht wichtig genug zu sein, um sich öffentlich zu äußern, bringt den inneren Kritiker zwar nicht zum Schweigen, ist aber trost- und hilfreich.

“A woman must have money and a room of her own if she is to write fiction“, lautet der wohl meist zitierte Satz aus Virginia Woolfs bekanntem Essay. Keine Frage, ein Rückzugsort, zu Virginias Zeiten für viele Frauen noch eine Ausnahme, ist auch heute noch immens wichtig. Doch ein eigenes Zimmer ist eben nicht genug. Um ihr Schreibpotenzial zu entfalten, brauchen vor allem viele Frauen offenbar eine „Community of writers“, Kontakte zu anderen Schreibenden, die sie unterstützen, mit denen sie gemeinsam schreiben. Denn Schreibzeiten, die man – oder frau – allein für sich einplant, werden, so nicht nur die Erfahrung  Judith Wolfsbergers, schnell mal durch andere wichtigere Termine verdrängt. Das ist bei Schreibverabredungen anders – sie werden meist eingehalten.

Virginia Woolf hatte eine Community of Writers, die Blomsbury Group, eine Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern, die sich gegenseitig unterstützten. Und auch mit Vita Sackville-West tauschte sie sich regelmäßig aus. Die beiden erfolgreichen Schriftstellerinnen feuerten sich gegenseitig an.

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Vita Sackville-West und Virginia Woolf waren Gartenfans. Schreiben unterm Flieder hätte ihnen gewiss gefallen.

Judith Wolfsberger hat in Wien mit dem Writers Studio nicht nur einen Schreibort zumWohlfühlen geschaffen, sondern auch für sich und andere Schreibende fixe Schreibtreffs. Gemeinsam zu schreiben spornt an, das habe ich selbst erfahren: Die beiden Schreibtage im Writers Studio im vergangenen Jahr haben mein Befana-Buch vorangebracht. Doch Wien ist weit entfernt – und in Hannover fehlt ein solcher Schreibraum. Aber der Gedanke, einen Schreib(t)raum in der Nähe zu haben, lässt mich nicht mehr los, seit ich das Buch gelesen habe. Schafft euch Schreibräume  – eine Aufforderung.

Bis es so weit ist, treffe ich mich mit meiner schreibenden Tochter in einem virtuellen Schreibraum: Wir verabreden uns zum Schreiben, aber weil wir nicht im gleichen Ort leben, schreibt jede in ihrer eigenen Wohnung. Bei unserer Schreibverabredung gestern ist dieser Blogbeitrag entstanden.

Mit meiner Schreibpartnerin möchte ich im nächsten Jahr auch auf dem Southwest Coast Path in Cornwall wandern, am Meer entlang, auf den Spuren Virginia Woolfs. Und noch eins hat dieses Buch bewirkt: Ich werde künftig mehr Bücher im (englischen) Original lesen. Viele gute Vorsätze für ein einziges Buch.

Judith Wolfsberger: Schafft euch Schreibräume! Weibliches Schreiben auf den Spuren Virginia Woolfs. Ein Memoir. Böhlau Verlag Wien, Köln, Weimar, 2018, ISBN: 978-3-205-20635-4, 29 Euro.

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Endlich Frühling

Das Warten hat sich gelohnt, zumindest für meinen Lesezwerg. Monatelang war es ziemlich grau und ungemütlich um ihn herum, doch er hat tapfer auf seinem Stammplatz ausgeharrt. Manchmal hatte ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich ihn in seiner abgeblätterten Jacke in der Kälte sitzen sah. Aber er hat sich dort im wahrsten Sinne des Wortes „fest“gesetzt. Jetzt sitzt er wieder  auf seinem blauen Kissen – wie immer in sein Buch vertieft.

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Lesezwerg im Blaukissen, die Ranunkeln passen (fast) zur roten Mütze.

Im gleichen Beet blühen noch Tulpen und Traubenhyazinthen, sie sind spät dran in diesem Jahr, auch Forsythien und Kirschbaum stehen in voller Blüte. Meine Kräuter erwachen langsam aus dem Winterschlaf: Der Salbei hat den Winter nicht überlebt, weder der Echte Salbei (Salvia officinalis) noch Pfirsich- und Ananassalbei, die ich im letzten Jahr gepflanzt habe, weil sie so gut riechen. Auch der Rosmarin schwächelt: Er blüht zwar, aber die Zweige werden braun. Der Lavendel ist, so scheint es, besser über den Winter gekommen.

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Waldmeisterteppich am Teich.

Auch der Waldmeister ist hart im Nehmen, er breitet sich hinterm Teich immer weiter aus. Mir ist es recht, denn ist mag den Duft. Als ich ihn vor zwei oder drei Jahren gepflanzt habe, war ich zuerst enttäuscht. Dass Waldmeister nur duftet, wenn er getrocknet wird, habe ich erst erfahren, als ich mal an einem Wildkräuter-Menü in einem Restaurant teilgenommen habe. Jetzt trocknen und duften ein paar Stengel  im Wintergarten vor sich hin. Der Bärlauch beginnt zu blühen und auch die Maiglöckchen strecken ihre Blätter aus der Erde. Ich hatte schon befürchtet, sie wären verschwunden.

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Veilchen, Maiglöckchen und natürlich – Giersch.

Meine Tonfrösche haben samt Vogeltränke ihr Winterquartier im Wintergarten verlassen und warten auf  gefiederte Besucher. Die werden, wenn es so warm bleibt, der der Tränke sicher bald einen Besuch abstatten und sie, wie im vergangenen Jahr, zum Planschbecken umfunktionieren.

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Endlich wieder draußen.

 

Ihre lebenden Kollegen, die im vergangenen Jahr die beiden Teiche bewohnten, habe ich bislang weder gesehen noch gehört, obwohl es an den Teichen schon recht grün und wohnlich geworden ist.

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Aber das Frühjahr hat ja gerade erst angefangen. Und da ich, anders als nach dem letzten Winter, keine Leichen aus dem Teich fischen musste, bin ich guter Hoffnung, dass sie wiederkommen. (Und während ich diesen Text schreibe, beginnt draußen, mitten in der Nacht, das Froschkonzert. Hoffentlich stört es die Nachbarn nicht.)

Ich selbst habe heute mein Terrassenbüro eröffnet – und ich hoffe, dass es noch oft so warm ist wie heute und ich es in diesem Frühling und Sommer oft nutzen kann. Dann hat sich das Warten auch für mich gelohnt.

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Arbeiten in der Sonne, zwischen Strelitzie und Zitrusfrüchten.

 

Prämien-Dumping made by DFB

Eigentlich wundert es mich nicht. Der Deutsche Fußball Bund geht mit schlechtem Beispiel voran! 37.500 Euro Siegprämie erhält jede Spielerin, wenn die Mannschaft – oder Frauschaft – in der nächsten Woche Europameisterin wird. Erreichen die Fußballerin das Finale, gibt es für jede 20.000 Euro, fürs Halbfinale 10.000 Euro.

Das ist zwar für Ottilie Normalverdienerin sehr viel Geld, aber auf den direkten Vergleich kommt es an: Bei der Europameisterschaft der Männer im vergangenen Jahr hätte jeder Spieler 300.000 Siegprämie bekommen. Hätte, hat aber nicht, weil Jogis Jungs eben im Halbfinale ausgeschieden sind. Der Einzug ins Halbfinale hat jedem Spieler immerhin 100.000 Euro gebracht. DFB-Schatzmeister Reinhard Grindel bezeichnete das damals als „maßvolle, vernünftige Regelung“– und er rechnete es den Spielern hoch an, dass sie nicht mehr verlangten als bei der EM von 2012. Die Prämien der Frauen sind im Vergleich dazu geradezu ein Schnäppchen.

Um den gender pay gap – also den Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern – auszurechnen, braucht man kein Mathestudium, sondern es genügen ein Abi am AVG in Trier* und ein Taschenrechner: Er beträgt für den Titel 87,5 Prozent, für den Einzug ins Halbfinale 90 Prozent. Zum Vergleich: Durchschnittlich verdienten Frauen in Deutschlande 2016 brutto 21 Prozent weniger als Männer. Das toppt der DFB mit seinen Prämien locker.

Die Nationalspielerinnen laufen wegen dieser Benachteiligung nicht etwa Sturm – aber stürmen ist ja auch auf dem Platz derzeit nicht ihre Stärke. Und sie drohen, anders als die amerikanischen Eishockey-Nationalspielerinnen vor der Weltmeisterschaft im März, nicht etwa mit Streik. Im Gegenteil: Sie sind sehr zufrieden und dankbar.

„Das ist eine riesige Wertschätzung vom DFB“, soll die zum Mannschaftsrat gehörende Sara Däbritz gesagt haben. Immerhin bekommen die Fußballerinnen 15.000 Euro mehr Siegprämie als bei der letzten EM – damals gab es nur 22.500 Euro. Zum Vergleich: Jogis Jungs hätten auch 2012 schon 300.000 Euro für den Titel bekommen.

Geld bekommen Sara Däbritz und ihre Mitspielerinnen übrigens nur, wenn sie auch das Spiel gegen Dänemark am Sonnabend gewinnen. Auf eine Prämie für den Einzug ins Viertelfinale haben die Fußballerinnen freiwillig verzichtet. „Wir haben es bewusst so gemacht, dass wir erst ab dem Halbfinale honoriert werden, weil wir einen hohen Anspruch an uns selbst haben. Wir wissen, was in uns steckt.“ Ihren gut bezahlten männlichen Kollegen sind solch hohen Ansprüche fremd: Die ließen sich im vergangenen Jahr den Einzug ins Viertelfinale mit 50.000 Euro honorieren – 20.000 Euro mehr, als die Frauen für den Titelgewinn erhalten.

Es ist bei den Fußballerinnen also nicht anders als im richtigen Berufsleben: Frauen haben hohe Anforderungen an sich selbst; ihre finanziellen Ansprüche sind indes bescheiden.

Übrigens: Schuld am riesigen Gender Prämien gap ist angeblich die UEFA, die bei den Männern 27 Millionen Euro Siegprämie ausschüttete, bei den Frauen nur 1,2 Millionen. Doch es hätte dem nicht gerade armen DFB gut angestanden, ein positives Zeichen zu setzen. Gegen die Diskriminierung, für die Gleichberechtigung. Doch die Chance haben die Herren vom DFB – und leider auch die Nationalspielerinnen – vertan.

*Auguste Viktoria Gymnasium; frei nach Franz Müntefering, der allerdings die an der Volksschule Recklinghausen für ausreichend hielt.

Bücher, Bücher …

Zurück aus Leipzig, in diesem Jahr habe ich mir zwei Tage auf der Buchmesse gegönnt. Bücherfrühling stimmte in diesem Jahr, im wahrsten Sinne des Wortes. Es waren zwei wunderschöne Frühlingstage mit viel Sonne und strahlend blauem Himmel. Und weil  die Messehallen rechts und links einer riesigen Glashalle liegen, bekommt man vom schönen Wetter sogar etwas mit, wenn man die meiste Zeit in den Hallen verbringt.

Leipzig liest

Wer fürchtet, dass nicht mehr gelesen wird, wird auf der Leipziger Buchmesse eines Besseren belehrt. Anders als bei der Buchmesse in Frankfurt dürfen die Privatbesucher in Leipzig an allen Tagen rein. Und sie kommen in Scharen. Knapp 208.000 Besucher waren es in diesem Jahr, ein neuer Besucherrekord. Zählt man das Lesefest „Leipzig liest“ mit, waren es sogar 285.000. Das heißt: Es war voll, sehr voll.

Das Publikum ist bunter, gemischter, jünger als in Frankfurt. Viele Familien mit Kindern waren unterwegs, aber auch sehr viele Jugendliche, meist mit ihren Freunden.  Leipzig (und nicht nur Leipzig, sondern auch die Umgebung) liest – das ist mehr als ein Slogan. Und viele kaufen die Bücher, die ihnen gefallen, direkt auf der Messe – auch ist in Leipzig, anders als in Frankfurt, möglich.

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Leipzig liest – mehr als ein Slogan

Cosplay und Comics

Dass die Messe so viele jüngere Leute anlockt, liegt sicher auch an der Manga Comic Con, die in Halle 1 stattfindet, und an den vielen Cosplayern.  Allen,  die sich in diesem Bereich nicht so gut auskennen (zu denen zählte ich vor nicht allzu langer Zeit auch noch), sei‘s erklärt: Auf der Manga Comic Con treffen sich Fans von Comics, Mangas (japanische Comics), Animes (japanische Zeichentrickfilme) und eben Cosplayer. Cosplayer stellen Charaktere aus Mangas, Spielen, Büchern  oder auch Filmen nach. Ihre aufwendigen Kostüme fertigen sie selbst – und möglichst originalgetreu.

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Auch Cosplayer lieben Bücher …

Auf dem Messegelände findet man also nicht nur unzählige Bücher, sondern man begegnet auch ganz vielen Figuren aus Büchern und Filmen live – Harry Potters Lehrerin  Minerva McGonigal beispielsweise, dem kleinen Vampir und Anna, seiner Schwester, oder Zwergen, Hobbits und Elben aus Tolkiens Büchern. Manchmal geraten die Bücher bei so viel bunten optischen Eindrücken fast in den Hintergrund.

Manche Cosplayer entwerfen und nähen nicht nur tolle Kostüme, sondern schreiben auch. Foe Rodens zum Beispiel: Foe alias Ambarussa  traf in Leipzig nicht nur ihre Cosplayfamilie, also Elbengeschwister und ihre Mutter aus Tolkiens Simarillion, sondern informierte auch über ihr eigenes Buch „Der Fluch des Schlangenmenschen“. Es erscheint Anfang April; eine kostenlose Leseprobe gibt’s auf der Website www.foerodens.wordpress.com/der-fluch-des-schlangenmenschen.

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… und manche schreiben selbst welche. Foe alias Ambarussa warb für ihr Buch

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… und traf sich mit ihrer Cosplay-Elben-Familie

Mekka für Indie-SchreiberInnen

Natürlich sind die großen und viele kleine Verlage sowie viele bekannte AutorInnen auf der Buchmesse vertreten. Aber Leipzig ist auch ein wichtiger Treffpunkt für Indie-AutorInnen,  also für Autorinnen und Autoren, die ihre Bücher unabhängig (independent = indie) von den klassischen Verlagen veröffentlichen. Es gibt viele Angebote und Workshops rund ums Thema Selbstpublizieren, neudeutsch Selfpublishing. Und auch viele Blogger geben sich auf der Messe ein Stelldichein. Die Indie-JournalistInnen veröffentlichen ihre Texte ohne die klassischen Zeitungen und Zeitschriften – und haben dabei eine eigene essayistische Form des Schreibens etabliert.

Apropos Bloggen: Am Sonntag habe ich wieder an der Bloggerkonferenz teilgenommen – wahrscheinlich war ich die älteste Teilnehmerin, sozusagen die Bloggeroma. Aber es ist ja angeblich nie zu spät, etwas Neues zu lernen oder und Dinge besser zu machen. So gibt es in diesem Text Zwischenüberschriften, weil Google sie angeblich mag und meine Texte dann leichter findet. Vielleicht abonnieren dann künftig ganz viele Leute meinen Blog und folgen mir – zum Beispiel zur Buchmesse nach Leipzig. Im nächsten Jahr dann eher am ersten Tag, wenn das Gedrängel noch nicht ganz so groß ist.

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Quo vadis Buch? Wie geht’s weiter? Hörbuch, E-Book – oder doch ganz klassisch aus Papier?

Frontal-Streik

Eigentlich gehört Frontal 21 zu meinen Lieblingssendungen. Ich finde das  investigative Magazin mit Ilka Brecht wirklich toll – nicht nur wegen der ebenso witzigen wie wahren toll-Beiträge von Werner Doyé und Andreas Wiemers am Ende der Sendung.

Toll ist leider auch das Urteil im Arbeitsgerichtsprozess der Frontal-Reporterin Birte Meier. Birte Meier, die unter anderem 2015 mit ihrem Kollegen Christian Esser den Deutschen Wirtschaftsfilmpreis in der Kategorie Langfilm gewann und im vergangenen Jahr die Affäre „Rent a Sozi“ aufdeckte, hat gegen ihren Arbeitgeber ZDF geklagt. Genau gesagt gegen ihren Auftraggeber, denn Birte Meier ist freie Mitarbeiterin, wenn auch die vertraglich festgelegte Arbeitszeit von 40 Stunden pro Woche wenig Freiheit für andere Aufträge lässt – vor allem angesichts der Tatsache, dass Überstunden in der Branche fast selbstverständlich sind. Das sagt einiges über die Arbeitsbedingungen in den Medien, auch in den öffentlich-rechtlichen, die ja eigentlich Vorbild sein sollten. Aber das ist ein anderes Thema.

Am 1. Februar hat das Arbeitsgericht Berlin Birte Meiers Klage gegen das ZDF abgewiesen – sowohl die Forderung nach 70.000 Euro Entschädigung wegen Ungleichbezahlung als auch den Auskunftsanspruch über das  Gehalt ihrer männlichen Kollegen. Sie konnte nach Einschätzung des Gerichts nicht belegen, dass sie wirklich weg ihres Geschlechts benachteiligt wurde. Dazu hätte sie Vergleichszahlen benötigt, die das ZDF aber laut Urteil nicht rausrücken muss – und auch nicht rausrückt.  Hier beißt sich die Katze in den Schwanz.

Gute Leistung, Preise und die Anerkennung der Kolleg/innen schützen nicht vor schlechter Bezahlung. Und so stellte Birte Meier fest,  dass sie deutlich weniger verdiente als ihre männlichen Kollegen, obwohl sie die gleiche Tätigkeit ausübte. Das  wollte sie nicht länger hinnehmen.  Sie versuchte, neu über ihr Gehalt zu verhandeln, und klagte, als das nicht klappte, gegen die Benachteiligung. Sie berief sich dabei auf die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs – vergeblich.

Dass Birte Meier weniger verdient als männliche Kollegen, bestritt das ZDF nicht. Doch dafür gibt  es angeblich gute Gründe: Der eine war fest angestellt, der andere schon länger im Betrieb. Der dritte hatte vielleicht eine längere Nase oder konnte vielleicht besser verhandeln, wie der zuständige Richter mutmaßte.

Richter Ernst fand ich besonders toll: Er sprach offen aus, was viele andere nur denken, zum Beispiel dass Schwangerschaften und Kindererziehungszeiten (zu Recht) dazu führen, dass Frauen weniger Berufserfahrung haben und weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Nun ist Birte Meier kinderlos und es ist auch nicht zu erwarten, dass sie mit 45 Jahren noch allzuoft schwanger wird. Und selbst wenn erschließt sich mir nicht, warum eine künftige Schwangerschaft dazu führt, dass sie in der Vergangenheit weniger verdiente. Wirklich toll.

Einen Job-to-Job-Vergleich, bei dem Arbeiten von zwei Mitarbeitern verglichen werden, verhinderte der Arbeitsrichter mit seinem Urteil – Birte Meier hat danach keinen Auskunftsanspruch, obwohl der nach Rechtsprechung des europäischen Gerichtshofs durchaus besteht, wenn sich ein/e Mitarbeiter/in benachteiligt fühlt. Aber wen interessiert schon Europa?! Und wen Lohngerechtigkeit?

Nach EU-Recht gilt übrigens auch, dass es nicht auf den Status des Arbeitnehmers ankommt, sondern auf den Wert der Arbeit. Aber dieser Gedanke macht Leuten, die für Anwesenheit, nicht für Ergebnisse bezahlt werden, sicher Angst.

Das neue Entgeltgleichheitsgesetz, das im März verabschiedet werden soll, hilft übrigens Frauen nicht unbedingt weiter. Danach wird es in Betrieben mit mehr als 200 Mitarbeitern ein Auskunftsrecht über gezahlte Gehälter geben. Weil die Daten aber anonymisiert werden, nutzen sie vor Gericht wenig, da Richter konkrete Vergleiche fordern. Ein Verbandsklagerecht, mit dem Vereine, Verbände oder Gewerkschaften bei diskriminierenden Lohnstrukturen klagen können, ist nicht vorgesehen. Mutige Frauen, die (nicht nur) um ihr Recht kämpfen, müssen das allein tun und zahlen wahrscheinlich einen hohen Preis.

Birte Meiers Prozess geht vermutlich in die zweite Runde vor dem Landesarbeitsgericht. Einen Vergleichsvorschlag des ZDF hat sie abgelehnt. Sie will weiter für Frontal arbeiten, auch wenn das ZDF am liebsten auf ihre Mitarbeit verzichten und das Arbeitsverhältnis mit der preisgekrönten Reporterin gerne lösen würde. Spätestens wenn das geschieht, werde ich in einen Frontal-Streik treten, auch wenn  ich das investigative Magazin eigentlich toll finde.

Von brotlosen Künsten …

… und warum es sich vielleicht doch lohnt, seinem bliss zu folgen.

Vor ein paar Tagen habe ich mir im Fernsehen einen Dokumentarfilm über das Aufnahmeverfahren der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover angesehen. Wer einen der zehn Studienplätze bekommen will, muss in drei Runden seine „besondere künstlerische Befähigung zur Schauspielerin, zum Schauspieler“ nachweisen. Ich habe keine Ahnung von Schauspielkunst und war ziemlich beeindruckt, wie begeistert und gut vorbereitet die jungen Frauen und Männer waren. Ihre Auftritte hatten eine ganz andere Qualität als die Darbietungen der Selbstdarsteller bei Castingshows wie DSDS. Wer durchkommt, bekommt einen Studienplatz und lernt einen Beruf, der keine besonders rosigen Berufsaussichten bietet.

Natürlich gibt es (einige wenige) Großverdiener und einige mehr, die recht gut verdienen . Aber viele (die meisten?) können von ihrem Verdienst als SchauspielerInnen nicht leben und halten sich finanziell mit anderen Jobs über Wasser.

Am gleichen Abend habe ich ein Interview mit einer jungen deutschen Schauspielerin gesehen, die bereits in vielen Filmen mitgespielt hat. Sie bekommt 1.300 Euro Tagesgage, doppelt so viel wie die Mindestgage, die  laut Tarifvertrag für Schauspieler – ja, auch den gibt es – bei 775 Euro liegt. Das klingt nach viel, aber es relativiert sich, wenn man bedenkt, dass zwischen den Engagements oft viele Tage ohne Engagement und ohne Bezahlung liegen.

Unbefristet waren nach einer Studie zur Arbeits- und Lebenssituation von Schauspielerinnen und Schauspielern (Bema-Studie) gerade mal 4,9 Prozent der Befragten beschäftigt, 36,2 Prozent waren unständig beschäftigt, 46,1 Prozent selbstständig – was wahrscheinlich gleichbedeutend ist mit nicht ständig. Und auch der Verdienst im Traumberuf SchauspielerIn war alles andere als traumhaft: 68,1 Prozent der Befragten hatten in den letzten 12 Monaten bis zu 30.420 Euro verdient – brutto. Die Wirklichkeit sieht noch trauriger aus: Bei fast der Hälfte (45,8 Prozent) waren es weniger als 15.000 Euro.

Und noch ein paar Zahlen: Laut Künstlersozialkasse betrug das durchschnittliche Jahreseinkommen der Versicherten im Bereich Darstellung Anfang 2016 15.581 Euro – bei den Schauspielerinnen waren es sogar nur 12.594 Euro (aber das ist ein anderes Thema). Nur die freien Musikerinnen und Musikerinnen verdienten noch weniger: durchschnittlich 13.317 Euro im Jahr. Das reicht mancherorts nicht einmal, um die Miete zu bezahlen.

Unter den Blinden ist der einäugige König, heißt ein altes Sprichwort. Und so sind die Versicherten im Bereich Wort – Leute wie ich, also Autoren, Journalisten, Lektoren, Übersetzer, Korrektoren usw. – Großverdiener unter den KSK-Versicherten mit durchschnittlich 19.603 Euro Jahreseinkommen (!). Ich kenne viele, die dafür nicht aufstehen und nicht arbeiten würde. Von wegen Mindestlohn.

Fazit: Kunst ist (oft) brotlos, egal in welchem Bereich. Vom Schreiben können die meisten ebenso wenig leben wie vom Musikmachen, vom Malen oder eben vom Schauspielern. Dabei möchte doch kaum jemand auf Bücher, Bilder, Musik; Filme oder Theater verzichten.

Fast hab ich gewünscht, dass die jungen Leute, die mir in dem Film besonders engagiert und begabt schienen ausscheiden. „Lernt was Anständiges“, wollte ich ihnen zurufen. Studiert Medizin, BWL oder Maschinenbau. Oder Jura: Da könnt ihr bei Auftritten vor Gericht euer Schauspieltalent beweisen. Vielleicht könnt ihr auch Lehrer – da spielt ihr zwar immer vor dem gleichen Publikum, verdient aber mehr und braucht nicht immer neuen Engagements nachzujagen. Das zermürbt auf Dauer (glaubt mir, ich weiß, wovon ich spreche). Aber wahrscheinlich haben die SchauspielerInnen in spe den guten Rat schon von ihren Eltern gehört und ihn ebenso in den Wind geschlagen wie ich selbst vor gefühlt 100 Jahren.

Nein, ich bin nicht Schauspielerin geworden (dafür habe ich gar kein Talent, das ist der Welt erspart geblieben), sondern verdiene mein Geld als Journalistin, Lektorin und Korrektorin. Ich mag meinen Beruf nach all den Jahren noch und ich würde mich wieder dafür entscheiden, wenn ich auch manches anders machen würde. Und ich hoffe, dass es den Jungs und Mädchen, die ich in dem Dokumentarfilm gesehen habe, ähnlich geht. Trotz der Unsicherheit, der schlechten Bezahlung.

Übrigens: Nach der Bema-Studie würden 84,9 Prozent nochmal Schauspielerin oder Schauspieler werden, nur 15,1 Prozent nicht. Vielleicht ist es also doch richtig, das zu tun, woran das Herz hängt.

Hier noch ein Gedicht von Friedrich von Schiller. Er wusste, was er schrieb. Schiller hat zwar Medizin studiert, sich dann aber  doch gegen den festen Job und die sicheren Einnahmen als Militärarzt und für die Kunst entschieden. Zum Glück, nicht nur für ihn.

http://www.ub.uni-heidelberg.de/wir/geschichte/schiller.html