Kleine Renten, große Unterschiede

Am 4. August war – von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – equal pension day. In diesem Jahr stand der Tag unter dem Motto unter dem Motto „fünf vor zwölf – Altersarmut von Frauen“.

Der traurige Hintergrund des Tages, der seit 2014 vom Verband berufstätiger Mütter e.V. (VBM) initiiert wird: Erst Anfang August, also nach 19 Monaten, erreichen Frauen die gleiche Rente wie Männer in den zwölf Monaten des vergangenen Jahr. Die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern potenziert sich im Alter und wird zur wahren Kluft. Während die Löhne und Gehälter von Frauen in Deutschland rund 22 Prozent niedriger sind als die der Männer, bekommen Frauen nach einer aktuellen Studie der Hans-Böckler-Stiftung durchschnittlich 57 % (!) weniger eigene Rente. Immerhin hat sich die Rentenlücke, neudeutsch Gender Pension Gap, in den vergangenen Jahren verringert: 2007 waren es noch 59,6 %. Was wieder einmal beweist: Der Fortschritt ist eben doch nur eine Schnecke.

Kein Wunder also, dass Frauen im Alter öfter arm sind als Männer: Nach Angaben des Statistischen Bundesamts waren 2013 in Deutschland 17 % der Frauen ab 65 Jahren armutsgefährdet, bei den gleichaltrigen Männern nur 13%.

Schnelle Besserung ist nicht in Sicht, Altersarmut ist kein Problem der älteren, manchmal noch schlechter ausgebildeten Frauen. Nach einer Studie des Bundesfamilienministeriums befürchten mehr als die Hälfte der Frauen im Alter zwischen 30 und 50 Jahren, dass sie trotz ihrer beruflichen Qualifikation und trotz ihrer Erwerbstätigkeit im Alter nicht von ihrer eigenen Rente leben können. Bei den geschiedene Frauen sind es sogar fast drei Viertel (74 %), bei den alleinerziehenden Frauen über zwei Drittel (68 %). Zum Vergleich: 77 % der befragten Männer glauben, dass ihre Rente im Alter ausreicht.

Damit, dass Frauen benachteiligt werden, haben Renten- und Lohnlücke nichts zu tun, sagen manche Wirtschaftsexperten. Frauen entscheiden sich eben oft für Berufe, die schlechter bezahlt werden, und arbeiten öfter für Unternehmen, die weniger bezahlen. Sie steigen viel häufiger als Männer – der Familie wegen – vorübergehend dem Beruf aus, arbeiten nach der Babypause der Kinder wegen oft Teilzeit und machen (auch deshalb) seltener Karriere. Wer wenig verdient, bekommt im Alter eben weniger Rente. Denn die Rente spiegelt ist abhängig von der Erwerbsleistung, nicht von der Lebensleistung. Das ist eigentlich schade – und irgendwie ungerecht. Genau wie die Tatsache, dass typische Frauenberufe schlechter bezahlt werden als typische Männerberufe. Wieso verdient der Techniker, der Maschinen wartet und repariert, eigentlich mehr als die Krankenschwester oder die Altenpflegerin, die Menschen gesund pflegt oder ihnen ein menschenwürdiges Leben im Alter ermöglicht? Und warum wird es besser bezahlt, Computerprogramme zu entwickeln als das Potenzial von Kindern? Klar, das bisschen erziehen und pflegen kann jede(r); das haben Frauen in der Familie schon immer gemacht. Unbezahlt, versteht sich. Die Geringschätzung weiblicher Arbeit.

Zeit, dass sich das ändert. Geschlechtergerechtigkeit ist erreicht, wenn typische Frauenberufe bei gleichwertiger Ausbildung und Qualifikation genauso gut bezahlt werden wie typische Männerberufe, meinen laut Studie „Mitten im Leben“ 96 % der befragten Frauen zwischen 30 und 50 Jahren. Für 92 % ist es ein Zeichen für Geschlechtergerechtigkeit, wenn Frauen etwa so viel eigene Rente bekommen wie Männer. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg.Und der Fortschritt ist leider doch nur eine Schnecke.

Für alle, die es interessiert, drei interessante Links mit interessanten Informationen zum Thema

http://www.boeckler.de/pdf/p_wsi_report_29_2016.pdf

http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/061/1806148.pdf

http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung4/Pdf-Anlagen/20160307-Studie-Mitten-im-Leben,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf

Wahl- und andere Frauenrechte

Vorgestern im Kino: „Suffragette – Taten statt Worte“. Erzählt wird die Geschichte der Wäscherin Maud Watts – und der Sufragetten, der Frauenrechtlerinnen, die Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem in England und den USA ums Wahlrecht für Frauen, gegen Gesetze, die Frauen benachteiligen, und für Gleichberechtigung kämpften.(Für alle, die es wie ich nicht wussten: Suffragette kommt von souffrage – Wahlrecht.)

Weil ihre friedlichen Versuche erfolglos sind und von den Zeitungen  (das Radio wurde damals gerade erst erfunden, andere Medien gab’s noch nicht) totgeschwiegen werden, werden die Aktionen der Frauen radikaler: Sie werfen z. B. Schaufenster und Straßenlampen ein oder sprengen Briefkästen in die Luft. Maude gerät im Jahr 1913 eher zufällig durch eine Kollegin in die Aktionen hinein und wird dann selbst aktiv. Wie viele Frauenrechtlerinnen wird sie dabei  geschlagen, verhaftet, eingesperrt und zwangsernährt. Bisher brave Ehefrau und Mutter, zahlt sie für ihr Engagement einen hohen Preis: Sie verliert ihren Job – und damit ihre Existenzgrundlage -, ihren Mann und ihren Sohn, der von ihrem Mann zur Adoption freigegeben wird.

Darf er das denn, fragt frau sich – ja, er durfte. Denn bis weit ins 20. Jahrhundert bestimmten die Männer nicht nur allein in Politik und Wirtschaft, sondern auch in der Familie und über die Kinder – auch wenn die Frauen die Erziehungsarbeit leisteten.

Zur Erinnerung für alle aus meiner Generation, die es schon vergessen haben – manche Jüngere lesen es vielleicht zum ersten Mal:

Die Vorrechte des Vaters bei der Kindererziehung wurden in der Bundesrepublik erst am 1. Juli 1958 mit dem Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau eingeschränkt; vollständig beseitigt wurden sie erst 1979. Erst durch das Gleichberechtigungsgesetz Ende der 1950er Jahre wurde das Recht des Ehemanns, in allen Eheangelegenheiten die endgültige Entscheidung zu treffen, ersatzlos gestrichen; Frauen dürfen erst seit 1958 über das Vermögen verfügen, das sie selbst in die Ehe eingebracht haben – vorher bestimmten die Männer, was mit dem Geld ihrer Frauen geschah. Bis 1958 durfte der Mann auch das Arbeitsverhältnis seiner Frau ohne ihre Zustimmung fristlos kündigen; ohne Einverständnis ihrer Männer erwerbstätig sein dürfen Frauen erst seit 1977. Bis dahin durften sie nach § 1356 des Bürgerlichen Gesetzbuchs nur arbeiten, „soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie“ vereinbar war. Es ist heute also vieles besser – sicher auch, weil Elisabeth Selbert darum gekämpft hat, dass der heute so selbstverständliche Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ ins Grundgesetz aufgenommen wurde und weil sich nach ihr viele Frauen dafür engagiert haben, dass der Satz auch umgesetzt wird.

Manches, was in dem Film angesprochen wurde, ist noch heute aktuell: So dürfen Frauen in Deutschland zwar seit 1919 wählen – aber nur gut ein Drittel (rund 36 Prozent) der Abgeordneten im Deutschen Bundestag sind derzeit Frauen. In den Landes- und Kommunalparlamenten ist der Frauenanteil – und damit der Einfluss der Frauen – teilweise noch geringer.

Und was die Lohnunterschiede angeht: Im Film erhalten die Frauen pro Woche 17 Schilling Lohn, die Männer 19 Schilling. Das sind 10,5 Prozent weniger (allerdings glaube ich im Film gehört zu haben, dass die Frauen auch länger arbeiten). In Deutschland verdienten Frauen im vergangenen Jahr im Durchschnitt 22 Prozent weniger als Männer. Um ebenso viel zu verdienen wie die Männer in einem Jahr, müssen Frauen 79 Tage länger arbeiten – in diesem Jahr bis zum 19. März, dem Equal pay day. Selbst schuld, heißt es, denn Frauen wählen eben oft die falschen Berufe. Warum es wertvoller oder zumindest besser bezahlt wird, Autos und technische Geräte zu pflegen als Kinder, kranke oder alte Menschen, verstehe ich bis heute nicht. An der (finanziellen) Geringschätzung „weiblicher“ Berufe (und Arbeit) hat sich offenbar noch nichts geändert.

Es gibt also noch viele Gründe zu kämpfen, sich zu engagieren, daran hat mich der Film erinnert. Es lohnt sich, ihn zu anzusehen. Eine gute Filmkritik findet ihr unter http://blog.buecherfrauen.de/suffragetten-100-jahre-und-es-geht-weiter/

Carpe diem

Ich verdiene mein Geld teilweise als Korrektorin und Lektorin. Toll, meinen die meisten, wenn sie das hören. Aber wenn sie dann erfahren, was ich lektoriere und korrigiere, lässt die Begeisterung schnell nach. Keine spannenden Romane nämlich, sondern meist Fachbücher und Fachzeitschriften.

Dabei ist vieles gar nicht so trocken, wie es sich anhört. Für einen Informationsjunkie wie mich ist es genau genommen ein Traumjob. Denn ich erfahre bei der Arbeit Dinge, die ich sonst nie erfahren hätte, weil sie mich auf den ersten Blick gar nicht interessieren.

Zugegeben. Vieles brauche ich sicher nie im Leben und manches wird mir trotz mehrseitiger Erklärung immer ein Rätsel bleiben – beispielsweise wie man einen Zahnriemen wechselt. Aber jetzt weiß ich auch, dass man die Betreuung einer Katze als haushaltsnahe Dienstleistung von der Steuer absetzen kann (leider haben wir keine Katze, weil ich gegen Katzenhaare allergisch bin), was ein Suppenkoma ist (das Tief, das Menschen mittags durchleben) oder ein Beinbrecher. Letzteres habe ich – trotz Geschichtsstudium – erst jetzt erfahren, aus einem Buch, das ich zwischen den Jahren (ja, selbstständig sein bedeutet selbst und ständig arbeiten) korrigiert habe.

Beinbrecher sind Gruben, die nur mit Gittern oder Stäben abgedeckt sind. Damit haben die Menschen früher die Lücken in den Fried- bzw. Kirchhofsmauern geschützt, als es noch keine Friedhofstore gab. Das Vieh des Pfarrers und es Totengräbers, das auf dem Friedhof weiden durfte, konnte dank Beinbrechern nicht hinaus und das Vieh der übrigen Dorfbewohner konnte nicht hinein. Und auch für die Untoten und die Geister waren Beinbrecher ein unüberwindliches Hindernis: Sie mussten auf dem Friedhof bleiben.

Interessant war auch, welche Botschaften man den Lebenden oder auch den Toten mitgab. „Der Tod ist die Pforte zum Leben“ oder das klassische „Carpe diem“ sind die optimistischeren Varianten. Andere Mahnungen sind drastischer, wie die am Friedhof von Segnitz in Unterfranken. Sie stammt aus dem frühen 17. Jahrhundert, was die ungewöhnliche Rechtschreibung erklärt.
„All die ihr hier für über geht
Und Mein Schräcklich gestalt anseht
Lebt Gotts fürchtig und nembts zu sinn
Den ihr Müsst werden wie ich bin.
(Aus Reiner Sörries: Der Tod ist die Pforte zum Leben. Die Geschichte des Friedhofseingangs vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Wiesbaden 2016, S. 51)

Vielleicht hat mich das Buch auch deshalb so berührt, weil mir wieder mal bewusst geworden ist, wie schnell das Leben zu Ende sein kann. Ein ehemaliger Kollege meines Mannes ist an Weihnachten gestorben, er wäre im Mai 40 geworden. Eine Freundin hatte eine ischämische Attacke, kein Schlaganfall, aber eine mögliche Vorstufe, und einer anderen Freundin wurde vor genau einem Jahr ein Aneurysma im Gehirn entfernt. Sie hat die OP, die ihr vermutlich das Leben gerettet hat, unbeschadet überlebt.

Henning Mankell, einer meiner Lieblingsschriftsteller, ist im vergangenen Herbst gestorben, David Bowie und Maja Maranow – als Kommissarin Verena Berthold eine meiner Lieblingskommissarinnen im Fernsehen – erst vor ein paar Tagen. Sie war 54, fünf Jahre jünger als ich.

Das erinnert mich an meine guten Vorsätze fürs neue Jahr: mir Zeit zum Leben nehmen und es bunter machen. Ich habe mich also für den Malkurs angemeldet, den ich schon vor vier Jahren zum Geburtstag geschenkt bekommen habe. Und nächste Woche besuche ich zwei Freundinnen aus Studienzeiten, die ich schon lange, zu lange,  nicht mehr gesehen habe. Carpe diem.

(Für alle, die es interessiert: Das Buch von Reiner Sörries ist im Februar 2016 im Reichert-Verlag in Wiesbaden erschienen).

Gut versichert?!

Alle Jahre wieder in der Vorweihnachtszeit bekomme ich einen Fragebogen von der Versicherung, bei der ich Schäden abgesichert habe, die ich eventuell durch meine berufliche Tätigkeit anrichte. Die Versicherung will wissen, ob in meinem Unternehmen im letzten Jahr neue Geräte und damit neue Risiken hinzugekommen sind. Das ist ihr gutes Recht, dafür habe ich Verständnis. Was mich irritiert ist, wonach gefragt wird.

Ich bin Journalistin und Lektorin – und das habe ich beim Abschluss der Versicherung vor etwa einem Vierteljahrhundert auch wahrheitsgemäß angegeben. Zu meinen Arbeitsgeräten gehören Computer, Fotoapparat, das Internet, ein Festnetz- und ein Mobiltelefon, mehrere Taschen (meine Leidenschaft, deshalb mehr, als ich eigentlich brauche), Bücher (eine noch größere Leidenschaft) und Berge von Papier.

Papierberge sind nicht ungefährlich, sie können umstürzen und den Betriebsinhaber (mich) oder Besucher (eher selten, weil kein Publikumsverkehr) unter sich begraben oder im schlimmsten Fall als Lawine ins Tal, sprich, in die untere Etage fließen und die Menschen, die sich dort aufhalten, gefährden. Mir sind die Gefahr und meine Verantwortung durchaus bewusst. Deshalb, aber eigentlich mehr, um wenigstens ein bisschen Ordnung in mein Arbeitszimmer und damit in mein Leben zu bringen, entsorge ich (unregelmäßig, aber häufig) Papier. Die Papiertonne, die uns der regionale Abfallentsorger zur Verfügung stellt, ist (fast) jede Woche prall gefüllt.

Aber die Versicherung interessiert überhaupt nicht, um wie viele Meter der Papierberg in diesem Jahr angewachsen ist. Sie will auch nicht wissen, wie ich zu meinen Terminen und meinen Auftraggebern komme (meist mit öffentlichen Verkehrsmitteln, seltener mit dem Pkw und mit dem Fahrrad) und auch nicht, wie viele Computer ich habe. Dafür soll ich Auskunft geben, wie viele Service-Kräfte in meinem Auslieferungslager tätig sind (keine, ich versende meine Artikel, meist per E-Mail) und wie viele Hub- und Gabelstapler, Kräne, Motorschlitten, Winden, Tank- oder Kesselwagen ich habe und ob und wie sich die Zahl seit der letzten Erhebung vor einem Jahr verändert hat (nein, ich habe keine und die Zahl hat sich im vergangenen Jahr wie in den 25 Jahren zuvor nicht verändert).

Das ist für meine Branche nicht unüblich. Ich habe mich bei Kollegen umgehört – keine/r besitzt solche Geräte, nur ein Redakteur bei einer Zeitschrift für Baumaschinen hat einige Modelle im Maßstab 1 zu irgendwas, hat sie allerdings der Versicherung nicht gemeldet. Als ich den Vordruck zum ersten Mal bekam, habe ich ihn zugegebenerweise ignoriert, weil ich dachte, man hätte mir den falschen Vordruck zugesandt. Nach zwei Mahnungen und der Drohung, den Bestand zu schätzen oder meine Versicherung zu kündigen habe ich ihn wahrheitsgemäß ausgefüllt. Ich habe außerdem hoch und heilig versprochen, dass die Versicherung die allererste sei, die es erfahren würde, wenn ich mir je ein solches Gerät anschaffen würde. Doch offenbar vertraut die Versicherung mir nicht: Ich bekomme den Vordruck alle Jahre wieder – und fülle ihn brav aus, um lästige Nachfragen zu vermeiden. Und vielleicht bietet sich ja irgendwann die Gelegenheit, einen gebrauchten Hub- oder Gabelstapler günstig zu erstehen. Vielleicht wünsche ich mir auch im nächsten Jahr einen Motorschlitten zu Weihnachten. Mit dem kann ich dann durch die tiefverschneiten niedersächsischen Landschaften fahren.

Gespannt bin ich, ob sich dann die Versicherungsprämie ändert. Wahrscheinlich fällt es aber gar nicht auf, weil niemand die Vordrucke, die ich und Tausende andere Journalisten seit Jahren ausfüllen, wirklich liest. Sie werden wahrscheinlich nur gestapelt, und manchmal stelle ich mir vor, dass der Sachbearbeiter irgendwann einen Kran braucht, um die aktuellen Formulare an den richtigen Platz zu hieven.