Würmsee im September

Mit der Ruhe und der Idylle am Würmsee ist es vorbei. Mit dem Seesein auch. Denn der See ist verlandet – so wenig Wasser wie jetzt hatte der Würmsee noch nie, behaupten ältere Burgwedeler, die es wissen müssen. Und auch ich habe ihn in den vergangenen 30 Jahren noch nie in einem so jämmerlichem Zustand gesehen.

Nur noch ein paar Pfützen sind übrig geblieben – in ein paar Wochen werden auch sie nur noch Schlammlöcher sein. Folge der anhaltenden Trockenperiode und mehrerer trockener Jahre hintereinander. Der Klimawandel lässt grüßen – und man ahnt, dass ein ausgetrockneter See schon bald eines unserer geringsten Probleme sein wird.

130.000 Kubikmeter Wasser hat die Stadt seit Anfang des Jahres in den See gepumpt und damit das von der Region Hannover erlaubte Kontingent fast ausgeschöpft – vergeblich. Jetzt versucht man,  das Beste aus der Situation zu machen: Es wird kein Wasser mehr in den See gepumpt, weil es ohnehin nur verdunsten würde. Stattdessen wird die Gelegenheit genutzt, um den See zu entschlammen. Und so frisst sich jetzt ein Bagger in den Untergrund, wo vor ein paar Monaten noch Gänse und Blesshühner nach Futter suchten. Rund 30 cm Boden werden abgetragen, damit das Wasser nicht durch zu viel organisches Material belastet wird, wenn sich der See im Herbst und Winter wieder füllt – und die Wasservögel wiederkommen.

Die Badende schaut dem Treiben interessiert zu, vielleicht hofft sie, dass sie bald wieder – wie früher – von ihrem Steg ins Wasser springen und schwimmen kann. Doch sie irrt, die Zeiten sind wohl endgültig vorbei. Das Wasser umspült ihren Steg nur, weil die Bagger ganz in der Nähe mit der Arbeit begonnen haben.

Auch mein Badeboot auf der anderen Seeseite liegt längst auf dem Trockenen. Der Steg, der zu ihm führt, ragt mehr als einen halben Meter aus dem Seegrund. Ich bräuchte ihn nicht mehr, um zu meinem Lieblingsplatz zu kommen, ja, ich könnte sogar trockenen Fußes durch den See wandern zur Badende wandern, um sie zu besuchen. Doch ich weiß, dass sie keine Gesellschaft mag und lieber für sich ist.

Auch die Torffresser sind Einzelgänger; sie finden zwar noch genügend Grünfutter, doch auf ihre Lieblingsspeise – frischen Torf – müssen sie ebenso verzichten wie auf Frösche und Amphibien. Die sind längst ausgewandert.

Nur die Kröte am gegenüberliegenden Seeufer harrt noch an ihrem angestammten Platz unter der Bank aus. Aber auch sie und ihre vier Freunde werden wohl nicht mehr lange bleiben – ohne Wasser kein Leben am See.

Auch nicht in der Hütte, die immer noch leer steht und wie mir heute scheint still vor sich hin rostet.

See-Seeing

Fast ein Jahr, nachdem ich am Natelsheidesee vor verschlossenen Toren stand, weil der gleichnamige Campingplatz schon geschlossen war, habe ich es nach endlich geschafft: Ich bin im Natelsheidesee geschwommen. Aber es war wie so oft im Leben, wenn man lange – zu lange – auf etwas wartet: Die Realität kann die inzwischen viel zu hohen Erwartungen nicht erfüllen.

Am See lag‘s nicht. Anders als die Ostsee, wo man gefühlt stundenlang durchs knietiefe Wasser waten muss, kann man im Natelsheidesee schon nach drei oder vier Metern schwimmen. Das Wasser war noch recht warm, fühlte sich gut – weich wie Regenwasser – an und an dem kleinen Badestrand war ich die einzige.

Natelsheide See in Bissendorf Wietze

Mehr los – für meinen Geschmack zu viel – war in dem kleinen Outdoor-Café/Restaurant am anderen Seeufer. Und weil das Wetter eher trist war und mich zudem das Dauergeräusch von der Autobahn direkt nebenan nervte, verzichtete ich auf den Kaffee, den ich eigentlich trinken wollte, stieg aufs Rad und fuhr weiter.

Den Kirchhorster See habe ich eher zufällig „wiederentdeckt“: Als ich vor fast 20 Jahren in einem kleinen Verlag in Kirchhorst gearbeitet habe, bin ich in der Mittagspause manchmal im See geschwommen – seither bin ich an dem kleinen See immer nur vorbei gefahren. Der Abstecher hat sich gelohnt: Ich hatte den See und den großen Badesteg ganz für mich allein.

Vielleicht lag’s daran, dass der Sommer zumindest nach der Definition der Meteorlügen schon seit 1. September zu Ende ist, vielleicht waren auch die Blaualgen schuld. Das Gesundheitsamt der Region hatte ihretwegen zur Vorsicht geraten. Da ich weder ein Kind bin noch vorhatte, viel Wasser zu schlucken, habe ich zuerst im See und dann ganz ungestört auf dem Steg in der Sonne gebadet.

Kirchhorster See

Auf dem Rückweg bin ich zu einem kleinen Seerosenteich geradelt, der am Rande der Gartenstadt Lohne liegt. Die ist, anders als der Name vermuten lässt, keine Stadt, nicht einmal ein richtiges Dorf, sondern ein Schlafort ohne Infrastruktur. Ich finde sie trostlos, mag aber den kleinen See, an dem ich früher auf dem Weg zur Arbeit manchmal Halt gemacht habe.

Biotop am Rande der Gartenstadt Lohne

Die Seerosen waren längst verblüht, dafür entdeckte ich am anderen Ufer zwischen den Pflanzen ein pelziges Tier. Für eine Bisamratte war’s zu groß, ob Biber oder Nutria wusste ich ebenso wenig wie die Frau, die vorbeikam und stehen blieb. Im Frühjahr seien noch vier kleine Biber/Nutrias im See gewesen, doch dann war die Familie verschwunden. Jetzt sehe sie sie zum ersten Mal nach Wochen wieder, erzählte sie.

Biber oder Nutria, das ist hier die Frage. Die gut erkennbaren Ohren und die langen Barthaare sprechen für Nutria.

Der Altwarmbüchener See musste bis zum nächsten Sonntag warten. Der See ist der zweitgrößte See in Hannover – und ein beliebtes Naherholungsgebiet. Die vielen Birken auf der kleinen Vogelschutzinsel und am Ufer und mehrere kleine Teiche am Rundweg vermitteln ein bisschen Finnland-Feeling.

Finnland? Nein …

Am See gibt es zwei offizielle Badestrände – einer in Hannover und einer in Altwarmbüchen – und mehrere inoffizielle, einen Bootsverleih und einen Wassersportverein. Man kann segeln, surfen, rudern, paddeln – und natürlich schwimmen. Aber dazu hatte außer mir offenbar niemand mehr Lust – und wieder hatte ich einen Badesee ganz für mich allein.

… der Altwarmbüchener See

Der Springhorstsee, See Nummer vier auf meiner Bade-Tour durch Burgwedel und die Nachbardörfer, liegt am Ortsrand von Burgwedel, also quasi vor meiner Haustür. Wenn mich die Sehnsucht nach Wasser packt, fahre ich oft zum See; geschwommen bin ich dort in diesem Sommer noch nicht.

Der Springhorstsee gehört wie der Natelsheidesee zu einem Campingplatz. Weil niemand am Eingang zu sehen war, habe ich befürchtet, zu spät zu kommen. Aber das Tor zum Strand ließ sich öffnen: Ich konnte zum See, den Blick aufs Wasser und das Schwimmen in aller Ruhe genießen. Merke: Manchmal ist es gut, wenn man spät kommt.

Strandfeeling in Großburgwedel

Es wird nicht der letzte Besuch in diesem Jahr sein. Denn die Seesucht geht weiter: Sie kann nämlich nur vorübergehend gestillt, aber nicht geheilt werden.

Würmsee im August

Vorgestern bin ich zum Würmsee gefahren, aber er war – wie auch bei meinem Besuch in der vorletzten Woche – nicht da. Überrascht hat mich das nicht, denn im Sommer verschwindet der See fast immer. Zurück bleibt, wenn überhaupt, nur ein bisschen Wasser in der Mitte, kaum mehr als eine überdimensionale Pfütze.  

Der Regen in den letzten Tagen hat daran nichts geändert; er war kaum mehr als ein Tropfen in den trockenen See. Wo vor ein paar Monaten noch Wasser war, wachsen jetzt Pflanzen; die Badende könnte den Steg jetzt verlassen und ihr Sonnenbad auf dem Seegrund fortsetzen.

Mein „Boot“ am gegenüberliegenden Ufer liegt natürlich auf dem Trockenen, auf meinem Lieblingsplatz sitzend, sehe ich, wie weit der Wasserspiegel abgesunken ist.

Blick vom Boot vor zwei Wochen …
… und aufs Boot vorgestern

Ein bisschen erinnert mich der Anblick an die Serengeti in Afrika, wo Flüsse und Seen in der Trockenzeit verschwinden, Millionen Tiere dem Wasser nachwandern und sich um die verbleibenden Schlammlöcher scharen.

Schlammloch oder See?

Das ist hier anders. Gänse und Reiher habe ich bei meinen letzten Besuchen am See nicht mehr gesehen – sie fliegen zumindest tagsüber zu Plätzen, wo es mehr Wasser und mehr Nahrung für sie gibt. Die Torffresser bleiben dagegen in ihrem Reservat: Sie lassen sich den Appetit nicht verderben und grasen seelenruhig zwischen den austrocknenden Torfhaufen. Die Letzten ihrer Art haben vielleicht deshalb überlebt, weil sie so genügsam und anpassungsfähig sind. Und zur Not können sie ja auch mit ihren Schaufeln nach Wasser graben

Und auch die fünf von der Bank – Eisvogel, Kröte, Reiher, Fuchs und Hase – harren noch aus. Aber ich frage mich, wie lange noch. Sie blicken, so scheint es mir, sorgenvoll auf den kleiner werdenden See. Das, was sie wirklich zum leben brauchen, nämlich Wasser, wird allmählich knapp. Und vielleicht werden auch sie demnächst auswandern wie die Tiere aus dem Talerwald, an die sie mich bei jedem Besuch wieder erinnern.

Was brauchst du wirklich zum Leben: Wasser. Das wird auch hierzulande langsam knapp

Würmsee im Juli

Ja, ich gebe es zu, den Juni-Blick auf den Würmsee habe ich ausgelassen. Irgendetwas ist ja bekanntlich immer, und irgendeine Ausrede gibt es auch immer. Mal hatte ich wahrscheinlich keine Zeit, mal keine Lust und außerdem hat es auch ziemlich oft geregnet, sodass mir einfach das Licht nicht gut genug war. Dafür habe ich mich heute Morgen aufgemacht –so früh wie in noch keinem Monat und so früh wie noch nie am Tag. Fast hätte ich meinen Mann abgelöst, der in der vergangenen Nacht am Würmsee nachtleuchtende Wolken und den Kometen mit dem Namen C/2020 F3 Neowise fotografiert.

Komet C/2020 F3 Neowise über und im Würmsee. Foto: Utz Schmidtko

Als ich heute Morgen zum Würmsee kam, war ich noch allein. Der See hat viel Wasser verloren, obwohl es sowohl im Juni als auch im Juni oft geregnet hat und obwohl Stadt und/oder Region Wasser zeitweise in der See pumpen – doch auch das nutzt nichts, wenn der Grundwasserspiegel immer weiter sinkt: Das Schilf steht auf dem Trockenen, ebenso die roten Torffresser.

Die Frau im Badeanzug müsste inzwischen fast bis zur Mitte des Teichs waten, und auch dort würde das Wasser ihr kaum bis zur Wade reichen. Die beiden Reiher und die Gänse stört das nicht, sie teilen sich die verbliebene Wasserfläche – bis alle nach und nach aufbrechen. Am Tag, wenn viele Spaziergänger den Würmsee umrunden, wird es ihnen wahrscheinlich zu eng.

Im Mai reichte das Wasser noch bis zum Steg …

Wie viel Wasser der See verloren hat, lässt sich am begehbaren Pegel ablesen. Im April reichte das Wasser noch bis 44,38, jetzt ist die allerletzte Stufe – 43,98 – erreicht.

… beziehungsweise bis zur Stufe 44,38

Und auch das „Boot“, mein Lieblingsplatz am Würmsee, hat kein Wasser mehr unter dem nicht vorhandenen Kiel. Schön ist es trotzdem hier, idyllisch – und sehr friedlich. Und wie so oft, wenn ich hier bin, frage ich mich, warum ich eigentlich nicht öfter herkomme.

Auf dem Trockenen

Schade, dass die Hütte am See kein richtiges, sondern nur ein Blätterdach hat. Das schützt aber nicht vor Regen und vor Kälte.

Die fünf auf der Bank stört beides nicht: Sie sind viel abgehärteter als ich. Mir ist die ungewöhnliche Gemeinschaft sehr vertraut – Reiher, Fuchs, Hase, Eisvogel und Kröte erinnern mich an die Tiere aus dem Thalerwald. Meine Tochter hat als Kind die Zeichentrickserie „Als die Tiere den Wald verließen“ geliebt und die Romane von Colin Dann verschlungen. Ein Reiher, eine Kröte und ein paar Füchse spielten darin die Hauptrollen: Sie waren Anführer einer Tiergruppe, die ihre Heimat verlassen musste, weil die Menschen dort bauten und den Wald zerstörten. Also ganz wie im richtigen Leben.

Die fünf haben sich offenbar an uns Menschen gewöhnt. Und auch sie sind für mich fast alte Bekannte. Wenn immer ich zum See komme, setze ich mich einen Augenblick zu ihnen. Wir schauen gemeinsam auf den See und wie immer denke ich über die Frage nach, die auf ihrer Bank steht: Was brauchst du im Leben?

Noch habe ich keine Antwort gefunden. Aber ich werde weiter danach suchen. Und ich werde wiederkommen. Wahrscheinlich nicht erst in einem Monat.

Würmsee im Mai

Diesen Blogpost beginne ich mit meinem Lieblingssatz aus der Musikfabel Alfred Jodocus Kwak von Hermann van Veen. Als er die Weihnachtsansprache halten soll, fragt der König: „Ist es schon wieder so weit?“

Nein, Weihnachten steht noch nicht wieder vor der Tür, aber das Monatsende. Höchste Zeit also für die monatlichen Fotos vom Würmsee. Ich habe es wieder erst auf den letzten Drücker geschafft.

Von der Badenden gibt es ohnehin nichts Neues: Sie kann sich trotz des schönen Wetters nicht entscheiden, ins Wasser zu gehen. Einen Badeanzug brauchte sie dazu angesichts der Tiefe des Teichs ohnehin nicht. Da würde es reichen, die Hose etwas umzukrempeln.

Die Enten stört die geringe Tiefe nicht – sie haben genügend Wasser unterm Bauch. Und für die Reiher ist das flache Wasser optimal. Gleich vier haben sich zum Frühstück eingefunden. Und der Tisch – genauer gesagt der Teich – ist reich gedeckt. Frösche, das konnte ich hören und sehen, gibt es im Schilf auf jeden Fall sehr viele.

Noch ist der Würmsee ein Paradies für Wasservögel, doch ob das im Sommer so bleibt? Der Wasserspiegel ist schon wieder deutlich gesunken, obwohl es im Mai ein paar Mal geregnet hat. Die Torffresser stehen wieder auf dem Trockenen …

Die Ureinwohner des Würmseewalds

… und die Bohlen des Stegs, die zu meinem Lieblingsplatz auf dem „Boot“ führen, ragen wieder etwa 30 cm aus dem Wasser. Im Februar und März stand das Wasser bis zur Unterseite der Bretter.

In „meiner“ Hütte haben Gäste den Tisch gedeckt …

… und gleich nebenan ein Tipi aus Ästen und Zweigen gebaut. Ich bin offenbar nicht die einzige, die gerne hier bleiben möchte. Aber Dauerwohnen wie nach dem Krieg und in den 1950er-Jahren ist am Würmsee nicht mehr erlaubt; die Häuser, die am See stehen, sind Wochenendhäuser, wenn auch teilweise sehr große.

Kein Baum-, sondern ein Asthaus

Fuchs, Hase, Reiher, Eisvogel und Kröte stören sich nicht an der Bau- und Wohnvorschriften. Sie übernachten, da bin ich sicher, auf oder unter ihrer Bank. Aber sie haben ja auch die älteren Rechte: Sie waren lange vor uns Menschen hier – und teilen jetzt ihren Lebensraum und die Bank großmütig mit uns, obwohl wir nicht immer gute Gäste sind.

Suchbild: Wo ist die Kröte?

Übrigens: Laut Wikipedia „erfand“ Hermann van Veen Alfred Jodocus Kwak, nachdem er eine Ente überfahren hatte und am nächsten Tag eine Entenfamilie in seinem Garten sah. Ihren Namen verdankt die Ente Alfred Biolek und einem Clown. Das Musical wurde 1976 erstmals aufgeführt, Ende der 80er entstanden Comics und Zeichentrickfilme. Alfred machte sogar in der Politik Karriere: Seit 2003 ist er offizieller UNICEF-Botschafter für die von der UNO festgeschriebenen Rechte des Kindes. https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Jodocus_Kwak

Würmsee im April

Nein, der Mai ist noch nicht gekommen, aber am letzten Aprilsonntag hat gefühlt halb Burgwedel einen vorgezogenen Ersten-Mai-Ausflug an den Würmsee unternommen. So viel ist hier nur selten los, vor allem nicht, wenn Biergarten und Restaurant geschlossen sind. Alle Fahrradständer und alle Parkplätze waren belegt – und natürlich waren auch alle Bänke und fast alle Lieblingsplätze rund um den See besetzt. Einige Fotos fehlen also diesmal – denn ich hatte zwar eine Kamera, aber keine Genehmigung zur Veröffentlichung von Personen dabei, die alle Vorgaben der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) erfüllt. Und auch keine Lust, so viele Leute um die Erlaubnis zum Fotografieren zu bitten.

Die einsame Badende blieb also unfotografiert, sie war auch gar nicht einsam. Auf Steg und Plattform tummelten sich außer den Papp- einige ganz lebendige Kinder und Erwachsene: mindestens eine Groß- oder zwei Kleinfamilien. Das festinstallierte „Boot“ auf der gegenüberliegenden Seeseite und der hölzerne Steg waren ebenfalls belagert.

Der begehbare Pegel, angeblich der erste und einzige seiner Art, ist kein gleichwertiger Ersatz. Zum Sitzen lädt das Metallgitter nicht ein – zumindest nicht an einem zwar sonnigen, aber nicht sonderlich warmen Apriltag. Dafür lässt sich an ihm der aktuelle Wasserstand des Würmsees ablesen.

Obwohl es im April fast gar nicht geregnet hat, ist der Pegel nur wenig gesunken. Es muss also viel Wasser in den See gepumpt worden sein. Das können normalerweise auch Spaziergänger zumindest symbolisch tun; vor allem Kinder bedienen die drei bunten Pumpen gerne.

Außer Betrieb

Doch jetzt ist der Mini-Wasserspielplatz corona-vorschriftsmäßig abgesperrt; schließlich ist die Wasserzufuhr nicht wirklich systemrelevant – höchstens für das Ökosystem Würmsee. Am See leben viele Wasservögel, Frösche, Amphibien und natürlich die roten Torffresser, angeblich die letzten ihrer Art.

Weniger Wasser als im März, dafür mehr Grün

Weil alle Plätze in der ersten Reihe besetzt waren, habe ich in dem kleinen Haus am See Rast gemacht. Die Hütte aus verrostetem Metall erinnert daran, dass nach dem Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge hier am Würmsee eine Bleibe fanden.

Die Hütte steht ein bisschen abseits, die meisten Spaziergänger gehen achtlos an ihr vorbei. Für Flüchtlinge interessiert sich zurzeit ohnehin niemand – weder für die von damals noch für die von heute. Und so habe ich die Hütte zumindest eine Zeit lang für mich allein – ohne Dach und Wände zwar, aber mit einem noch unvergrünten Blick auf den See.

Würmsee im März

Ja, ich gebe es zu, der Dauerregen im Februar und Anfang März hat mich genervt. Aber er hatte natürlich auch – vor allem im Nachhinein – sein Gutes. Das sieht man auf den Märzbildern vom Würmsee. Wo im Februar noch Gras und andere Pflanzen aus dem See ragten, sieht man jetzt erfreulicherweisee nur Wasser.

Der winzige weiße Fleck im Hintergrund ist ein Schwan. Und auch das ist eine gute Nachricht: Die Wasservögel – Schwäne, Enten, Blesshühner und Reiher – sind an den Würmsee zurückgekehrt. waren ausgewandert, als der See im vergangenen Jahr wieder fast ausgetrocknet war, obwohl Region Hannover und die Stadt Hannover ständig Wasser in den See pumpen.

Torffresser: Kunst am See zum anschauen …

Zum ersten Mal stehen die Torffresser, angeblich die letzten ihrer Art, im Wasser. Das macht ihnen nichts aus, denn früher, als hier noch Torf abgebaut wurde, war hier richtiges Moor. Das Wasser hätte ihnen wohl bis zu den Knien gereicht, lese ich auf der Infotafel, die das Kunstobjekt erklärt. Es wurde, wie auch die anderen sieben Kunstobjekte am See, vom Atelier LandArt in Hannover geschaffen.

So feucht ist das Gelände neben dem Würmsee heute nicht mehr, aber weil hier immer noch geschützte Tiere wie Kreuzkröte und Moorfrosch hier leben, darf es nicht betreten werden. Zu sehen sind sie nur selten, aber wahrscheinlich sind sie während der Laichzeit im April und Mai nicht zu überhören. Ich bin gespannt.

… und zum benutzen

Dass viel Wasser im See ist, merkt man auch, wenn man über den Holzsteg zu der kleinen Plattform geht: Einige Bohlen liegen direkt auf dem Wasser – und wenn man sie betritt, merkt man, wie sie ein bisschen ins Wasser einsinken.

Zum Baden reicht es jedoch sicher nicht, und so werden die Dame auf der gegenüberliegenden Seeseite und ihre Pappgefährten wohl die einzigen bleiben, die sich im Badeanzug zeigen.

An den Bäumen im Hintergrund zeigt sich das erste zarte Grün. Und so wird es wohl auch nicht mehr lange dauern, bis der Blick von der Hütte auf den See zugewachsen ist. Ich würde mich trotzdem gerne gelegentlich dort am See einmieten. Eine Hütte zum Schreiben, zum Malen. Kunst am See halt.

Eine Hütte für mich allein – ein Platz zum Schreiben

Vier Seen-Tour

Eigentlich wollte ich am Wochenende wieder zum Wandern in den Harz fahren, doch dann bin ich, wie von Virologen und Politikern empfohlen, brav zu Hause – in meinem Wohnort – geblieben. Statt zur Oker- oder Eckertalsperre zu wandern, bin ich mit dem Rad zu mehreren kleinen Seen und Teichen in und um Burgwedel gefahren. Die sind zwar klein, haben aber meine Sehnsucht nach Wasser zumindest vorübergehend gestillt.

Der Würmsee, erste Station auf der Vier-Seen-Tour, gehört zu meinen Lieblingsorten in Burgwedel. Und obwohl ich schon so oft da war, entdecke ich immer wieder Neues. Die Schilder beispielsweise, die vor Jahren, vielleicht sogar vor Jahrzehnten, am Stamm eines Baumes aufgehängt und dann wohl vergessen wurden. Sie zeigen, wie achtlos wir mit der Natur umgehen, wie wir unsere Spuren – und Wunden – hinterlassen. Sie zeigen aber auch, dass es der Natur letztlich egal ist, was der Mensch macht – sie passt sich an und überlebt. Wir brauchen die Natur – sie uns nicht.

Auch die Aufschrift auf der Bank nehme ich zum ersten Mal wirklich wahr. Ist sie neu oder habe ich sie bislang immer übersehen, weil ich immer nur in eine Richtung – aufs Wasser – geschaut habe? Egal, sie passt gut zu dem, was mich beschäftigt und zu dem Rückzug, der uns zurzeit aufgezwungen wird. Der uns zum innehalten zwingt.

Gute Mischung: (Lebens)Kunst …

Was brauche ich für mein Leben? Ich nehme mir ein bisschen Zeit, darüber nachzudenken. Neben Reiher, Fuchs, Hase und Eisvogel sitzend, genieße ich die Sonne und den Blick auf den See, bis mich zwei noch ältere Damen vertreiben.

… und Idyll am Würmsee. Das Idyll ist gewachsen, die Kunst entworfen vom Atelier LandArt

Denn drei sind – das verkündet wenig später die Kanzlerin – ab sofort in der Öffentlichkeit eineR zu viel. Die beiden Damen kümmert’s nicht, doch sie sind die einzigen, die keinen Abstand halten – alle anderen Spaziergänger bleiben auf Distanz

Am Springhorstsee, See Nummer zwei, merkt man die Ausgangsbeschränkungen besonders deutlich: Hier ist normalerweise sonntags bei schönem Wetter viel los, doch an diesem Sonntag war ich fast allein. Campingplatz, Hotel und  Restaurant sind wegen Corona geschlossen; auf der Terrasse am See sitzt eine einzige Frau, genießt die Sonne – ohne Kaffee und Kuchen. Ich spaziere am See entlang bis zu der Badestelle am gegenüberliegenden Seeufer. Das Wasser ist noch empfindlich kalt, doch schon in zwei Monaten kann ich hoffentlich wieder im See schwimmen. Das werde ich in diesem Jahr öfter tun als im vergangenen, nehme ich mir fest vor.

Springhorstsee mit kleiner Insel …

… und Badeinsel

Das kalte Wasser stört die beiden, die ich am Pöttcherteich sehe, nicht. Sie sind abgehärteter als ich, haben keine Angst vor kalten Füßen. Die beiden Vorfluter am Ortsrand sind nach dem Regen der vergangenen Wochen gut gefüllt – und bieten offenbar genügend Nahrung für einen Reiher und ein Storch. Die beiden teilen sich das Revier – zuerst auf Distanz. Die Annäherungsversuche des Storchs sind dem Reiher nicht geheuer.

Bitte Distanz halten … Storch und Reiher am Pöttcherteich

Ungewöhnlich viel Betrieb herrscht am Angelteich zwischen Thönse und Wettmar. Noch nie habe ich hier so viele Angler gesehen. Ob das schöne Wetter sie hierher getrieben hat oder der Mangel an Freizeit-Alternativen? Denn die meisten (Freizeit)einrichtungen sind geschlossen – Fitnessstudios, Bäder, Museen und Kinos ebenso wie Freizeit- undTierparks, Sportanlagen und Spielplätze drinnen und draußen), Cafés, Restaurants und Biergärten, Spielbanken, Wettannahmestellen und Prostitutionsstätten. Angelteiche kommen dagegen in der „Allgemeinverfügung der Region Hannover zur Beschränkung von sozialen Kontakten im öffentlichen und nichtöffentlichen Bereich …“ nicht vor – aber das Infektionsrisiko ist bei diesem Hobby sicher gering.

Hexenküche und andere Felsen

In meinem Blog Chaosgärtnerinnen habe ich Ende Februar das Gedicht „Früh im Jahr“ von Georg Britting erwähnt (https://chaosgaertnerinnen.de/frueh-im-jahr). Für alle, die sich es nicht kennen: Eine alte Frau erzeugt darin in ihrer Küche tief unter der Erde einen Hauch von Frühling und die entsprechenden Gerüche, weil ihr ein Topf „mit Sud vom Gewürztem“ überkocht. Das ist, ich gebe es zu, nur eine verkürzte, sehr prosaische Version der letzten Strophe des Gedichts, das natürlich im Internet zu finden ist (http://britting.de/gedichte/4-135.html).

Gestern bin ich nun bei einer Wanderung im Harz an der Hexenküche vorbeigekommen – zumindest am oberirdischen Teil, einer Felsformation aus Granit. Ob Goethes Faust hier von Mephisto den Zaubertrank bekommen hat, der ihn verjüngte und für alle Frauen attraktiv machte, weiß ich nicht. Den Zugang zur unterirdischen Küche im felsigen Tief habe ich weder gesucht noch gefunden. Denn dunkle Erdhöhlen sind nicht so mein Ding, Felsen und Aussichtspunkte mag ich dagegen sehr. Und davon gab es auf unserer Wanderung von Bad Harzburg ins Okertal einige.

Die Hexenhüche

Die Kästeklippen ganz in der Nähe der Hexenküche zum Beispiel. Zu ihnen gehört auch eine Gesteinsformation, die an ein Gesicht erinnern soll und daher – passend zur alten Frau, die in der Hexenküche kocht – den Namen „Der Alte vom Berge“ trägt. Von der einen Seite der rund 600 Meter hohen Klippen hat man einen schönen Blick über das Okertal bis ins nördliche Harzvorland, von der anderen sieht man den Brocken. Und man bekommt eine Ahnung von den Schäden, die Borkenkäfer und Stürme in den letzten Jahren angerichtet haben.

Blick von den Kästeklippen übers Okertal …

Sie haben auch unsere Wanderung beeinflusst. Denn viele schmale Wanderwege sind von umgestürzten Bäumen blockiert: Teilweise mussten wir leider auf breiten Wirtschaftswegen statt auf naturbelassenen Pfaden wandern. Die Stiefmutterklippen waren gar nicht erreichbar und als wir versuchten, den steilen Naturweg von den Feigenbaumklippen Richtung Romkerhaller Wasserfall hinab zu steigen sind wir umgekehrt, weil der Pfad durch umgefallene Bäume unpassierbar war.

… und von den Feigenbaumklippen. Foto Foe Rodens

Den Wasserfall haben wir dann doch erreicht; ziemlich steil und naturbelassen war auch dieser Pfad entlang der Kleinen Romke. Der Bach speist den Romkerhaller Wasserfall, den höchsten Wasserfall im Harz: Über einen rund 350 Meter langen Kanal wird das Wasser zur Romkeklippe geleitet. Von dort stürzt es 64 Meter tief in ein großes Becken und fließt in die Oker.

Der Wasserfall wurde 1863 künstlich angelegt, um die kurz vorher gebaute Gaststätte, die damals noch „Restauration und Logirhaus“ hieß, attraktiver zu machen. Eine Attraktion ist der Wasserfall heute noch, zumindest wenn es so viel geregnet hat wie in den vergangenen Wochen. In trockenen Sommern wird die Kleine Romke dagegen oft zum Rinnsal – und der Wasserfall entsprechend klein und für viele Besucher eine Enttäuschung.

Viel Regen – viel Wasser

Das gilt auch für die Oker. Sie führt vor allem im Sommer mitunter nur wenig Wasser – nicht nur, aber auch weil die Okertalsperre den Wasserdurchfluss reguliert und reduziert.

Doch davon, dass der Bach mitunter nur still vor sich hinplätschert, darf man sich nicht täuschen lassen: Wenn im Wasserkraftwerk die Turbinen angeworfen werden, strömen nach Angaben der Harzwasserwerke rund 6,5 Kubikmeter pro Sekunde aus dem Wasserkraftwerk in die Oker und verwandeln sie in einen wilden Fluss – und in ein Eldorado für Wildwasserkanuten und -kajakfahrer. Das geschieht meist geplant zu bestimmten Zeiten – in der Regel morgens und abends – , aber gelegentlich auch außerplanmäßig.

Wir werden gewiss wiederkommen – um zu wandern, um noch mehr Klippen zu bewundern und um die Wildwasserfahrer auf der laut Harzwasserwerken anspruchsvollsten Wildwasserstrecke Norddeutschlands in Aktion zu sehen. 

Vom Gehen

Ich gehe. (Noch) nicht wirklich aus Überzeugung, sondern weil mein Knie es will.

Ich bin mein Leben lang gelaufen – alle möglichen Strecken von kurzen Sprints bis zu langen Ultraläufen, von 100 Meter bis 100 Kilometer. Laufen war für mich ein wichtiger Teil des Alltags und meines Lebens: Ich habe laufend Frust und Stress abgebaut, die Seele baumeln lassen, entspannt, die Natur genossen, über Gott und die Welt nachgedacht und mit meinen Mitläuferinnen und Mitläufern viele gute Gespräche geführt. So mancher Text ist teilweise beim Laufen entstanden – und für manches Problem habe ich laufend eine Lösung gefunden. Kein Wunder, dass es mir schwerfällt, das Laufen aufzugeben. Aber nach einem Sturz und einer Operation vor ein paar Jahren quittiert mein Knie jeden Laufversuch mit Schmerzen, zwingt mich, es langsamer angehen zu lassen, zu gehen statt zu laufen.

Eigentlich gehe ich ganz gerne: Ich will in diesem Jahr endlich einmal den Hexenstieg im Harz erwandern, außerdem ein Stück von Rhein- und Moselsteig. Und im Herbst möchte ich zum Wandern in die Alpen. Ich erkunde fremde Orte am liebsten zu Fuß und es käme mir auch nie in den Sinn, mit dem Auto ins Dorf einkaufen zu fahren. Ich fahre mit dem Fahrrad – oder ich gehe. Aber daran „nur“ spazieren zu gehen, muss ich mich erst gewöhnen.

Auf dem Moselsteig …

Vielleicht wirken da die langweiligen Sonntagsnachmittagsspaziergänge nach, die ich als Kind mit meinen Eltern und meinen Geschwistern unternehmen musste. Rennen, auf Baumstämmen oder Mäuerchen balancieren, mit den lackbeschuhten Füßen Steine wegzukicken oder der den vorgeschriebenen Weg zu verlassen, war nicht erlaubt. Höchste Zeit, diesen Erfahrungen Positives entgegenzusetzen.

„Es ist nie zu spät, neu anzufangen“, heißt das Buch von Julia Cameron, das ich gerade lese. Sie hält Gehen für eine der wertvollsten kreativen Techniken. Und sie ist bei Weitem nicht die erste und die einzige, die drauf schwört: „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen“, sagte einst Johann Wolfgang von Goethe. Und mehr noch: „Was ich nicht erlernt habe, das habe ich erwandert.“ Der Philosoph und Schriftsteller Søren Kierkegaard hat sich, so seine Worte, seine besten Gedanken ergangen und kennt „keinen Kummer, den man nicht weggehen kann“. Virginia Woolf liebte Spaziergänge nicht nur, aber auch in London. Sie nannte sie Street Haunting und verewigte in dem gleichnamigen Essay verewigte. Und für ihre Kollegin Elizabeth von Arnim war wandern „die vollkommenste Art der Fortbewegung, wenn man das wahre Leben entdecken will. Es ist der Weg in die Freiheit.“ Brauche ich noch mehr Gründe, es auch zu versuchen?

Im Stapel der ungelesenen Bücher entdecke ich ein Buch des Schweizer Schriftstellers Franz Hohler mit dem Titel Spaziergänge. Es ist ein Mängelexemplar – ich habe es wohl vor ein paar Jahren antiquarisch gekauft, als ich ahnte, dass ich wohl nicht mehr laufen kann, sondern eher gehen sollte. Jetzt schlage ich es auf und fange an zu lesen: Hohler beschloss vor ziemlich genau zehn Jahren, im März 2010, jede Woche irgendwohin zu gehen und darüber zu schreiben.

Vielleicht ist das ja gar keine schlechte Idee. Julia Cameron empfiehlt in ihrem Buch zwei Spaziergänge pro Woche – allein, ohne Begleitung. Nur meine Kamera, mein Notiz- und mein Tagebuch nehme ich mit – und mein Skizzenbuch. Denn ich will zeichnen lernen. Und es ist ja bekanntlich nie zu spät, neu anzufangen.

Beim Gehen immer dabei: Tagebuch, Skizzenbuch und Notizbuch