Stifte-Inventur

Darüber, dass ich der Anregung aus dem Buch „Minimalismusprojekt“ folgend in der Fastenzeit jeden Tag einen Gegenstand entsorgen möchte, habe ich ja schon geschrieben – und es funktioniert wirklich gut. Nein, ich veranstalte keine Wegwerforgien, aber ich habe bislang mein Ausmist-Soll – ein Gegenstand täglich in der ersten, zwei in der zweiten Woche usw. – nicht nur erfüllt, sondern übererfüllt. Ein gutes Gefühl.

Reizvoll finde ich auch Christof Herrmanns Idee einer 15-Minuten-Inventur: Das Prinzip ist ganz einfach: Man oder in diesem Fall frau nimmt sich einen Bereich vor, den sie in einer Viertel Stunde ausmisten kann.*

Für ein paar Bereiche, die er vorschlägt, müsste ich sicher eher vier Stunden statt einer Viertel anberaumen; ich beschließe daher, mit einer mittleren Herausforderung zu beginnen und meine Schreibstifte aufzuräumen und auszumisten. „Alle Stifte in der Wohnung zusammentragen und dann die aussortieren, die nicht mehr schreiben oder mit denen man nicht gerne schreibt“, heißt die Aufgabe.

Das kann nicht so schwierig sein und ist sicher schnell erledigt, denkt frau. Denn ich bin zwar ein Papierfreak und kann oft nicht widerstehen, wenn ich ein schönes Notizheft sehe. Aber bei Schreibstiften bin ich inzwischen eher pragmatisch: Meist schreibe ich mit Stiften, die ich als Werbegeschenk bekommen habe. Die Zeit, in der ich mir gelegentlich Markenkulis gekauft oder gewünscht habe, liegt lange zurück. Vor etwa anderthalb Jahren habe ich in einem kleinen Laden in Goslar einen Kuli aus Holz erstanden, den ich eigentlich verschenken wollte, dann aber doch behalten habe. Seither habe ich mir nur noch Fineliner und Aquarellstifte gekauft, weil ich angefangen habe zu zeichnen oder besser gesagt zu kritzeln. Die Fineliner werden mit inventarisiert und aussortiert – die Aquarellmalstifte bleiben bei der Aktion außen vor, weil sie ja keine Schreib-, sondern Malstifte sind.

Angesammelt …

Die erste Erkenntnis: 15 Minuten haben fürs Stifte ausräumen bei weitem nicht gereicht. Das liegt sicher auch daran, dass ich, egal wohin ich gehe, immer mein Tagebuch, mein Bulletjournal und natürlich auch einen Stift zum Schreiben mitnehme. Meine Lieblingskulis waren also auf verschiedene Taschen und Rucksäcke verteilt. Den Holzkuli (siehe oben) und einen Kuli, den ich vor fast vier Jahren aus der Albertina in Wien mitgebracht habe, musste ich sogar aus dem Futter meines Einkaufsrucksacks befreien: Wie sie dort hingeraten sind, ist mir ein Rätsel, denn ich habe trotz intensiver Suche kein Loch gefunden, durch das sie geschlüpft sein könnten. Also zuerst eine Naht auftrennen und sie natürlich auch wieder zunähen …   

Erkenntnis Nummer 2: Christof Herrmann hat recht: Es haben sich wirklich sehr viele Stifte angesammelt – obwohl ich die Aufgabe abgewandelt und nicht Stifte aus dem ganzen Haus, sondern nur aus meinen Zimmern zusammengetragen habe.

Erkenntnis Nummer 3: Ich bin eine Sammlerin, die sich schwer von Dingen trennen kann. Denn warum hebt frau Stifte auf, die nicht mehr funktionieren – und ich gestehe, es waren einige. Jetzt habe ich sie habe sie entsorgt – vorschriftsmäßig im Restabfall.

Ausgeschrieben …

Auch von dem Vierfarbstift, der meinem Vater gehört hat, und den dazu gehörenden Ersatzminen – gut ein Dutzend – habe ich mich getrennt. Geschrieben hat der Stift schon lange nicht mehr, und als ich versucht habe, eine Mine auszutauschen, ist die Feder für den Druckmechanismus gerissen. Die Minen waren ohnehin längst eingetrocknet – kein Wunder, sie waren mindestens 40 Jahre alt – und Ersatz gibt es sicher längst nicht mehr.

Aufbewahren werde ich allerdings den Stiftehalter meines Vaters, einen Miniglobus. Ich fand ihn schon als Kind toll – deshalb behält seinen Platz auf meinem Schreibtisch, obwohl ich ihn eigentlich nie benutze.

Für fast drei Dutzend Kulis und Stifte habe ich AbnehmerInnen gefunden. Einige Kulis sind in der Küche gelandet, wo wir sie immer wieder brauchen, um Einkaufslisten zu schreiben und andere Dinge zu notieren. Die Farbstifte bekommen die Enkelkinder; und eine Kollegin hat Verwendung für einige Kulis und ein paar Bleistifte, weil ihre immer wieder auf wundersame Weise verschwinden. Manche Dinge, auch oder sogar vorzugsweise Stifte, bewegen sich offenbar selbstständig in Raum und Zeit. Grund genug, einige Stifte als Reserve zu behalten (Erkenntnis Nr. 4).

Sie bekommen eine neue Besitzerin.

Die restlichen Stifte dürfen also bleiben: Die Kulis, mit denen ich am besten und am liebsten schreibe, und die funktionierenden Fineliner, die meine Tage- und Notizbücher bunter machen sollen. Es sind immer noch zu viel für einen wirklich minimalistischen Schreibtisch, aber immerhin: Ein Anfang ist gemacht. Und ich nehme mir fest vor, nur noch einen neuen Stift zu kaufen, wenn ein alter unbedingt ersetzt werden muss.

Einige Markenkulis und ein -füller haben Schonfrist bis nach dem Lockdown: Ich habe sie vor Jahren gekauft oder geschenkt bekommen und gerne mit ihnen geschrieben, Weil man für sie besondere Minen und Patronen benötigt, habe ich sie lange nicht mehr benutzt. Aber ich will sie reaktivieren, sobald die Schreibwarenläden wieder geöffnet sind.

*Nachzulesen in Christof Herrmanns Blog https://www.einfachbewusst.de/2018/04/wohnung-ausmisten-in-15-minuten/

Ziele für die Fastenzeit

Manche Dinge kommen – oder geschehen – gerade zur richtigen Zeit. Zufall, sagen die einen, Bestimmung nennen es die anderen. So habe ich das Buch „Das Minimalismusprojekt“* – ganz minimalistisch – schon vor Wochen in der Bücherei vorbestellt, weil ich mich schon lange für das Thema interessiere und auch dem Blog von Christof Herrmann folge. Als es kam, landete es zunächst auf dem Stapel ungelesener Bücher, bis ich es wieder zurückgeben musste, weil die Leihfrist abgelaufen war. Vorher habe ich es natürlich noch gelesen, gerade, als ich meine Ziele für die bevorstehende Fastenzeit festlegen wollte.

Natürlich gehören auch die Klassiker wieder dazu: Keine Schokolade bis Ostern, kein Alkohol – was mir in diesem Jahr ganz leicht fällt, weil coronabedingt kein Besuch bei meiner Freundin in Bruchsal ansteht, und kein Eis: auch das ist in diesem Jahr nicht ganz so schwer, weil meine Lieblingseisdiele im Bahnhof von Hannover zwar geöffnet hat, ich aber a. zur Zeit recht selten nach Hannover fahre, wo meine Lieblingseisdiele ist und b. das Eisschlecken mit Maske wenig Spaß macht. Ich will weniger fernsehen und auch weniger Cola trinken. Und weil ich noch eine gute Ernährungsgewohnheit etablieren möchte, nehme ich mir vor, in den nächsten sechs Wochen jeden Tag mindestens eine Tasse grünen Tee zu trinken.

Zu grünem Tee habe ich leider ein gespanntes Verhältnis: Ich weiß, dass er vor Krebs, Entzündungen und anderen Krankheiten schützen, jung halten, beim Abnehmen helfen und Denkleistung und das Gedächtnis verbessern soll. Aber leider ist er nicht nur sehr gesund, sondern riecht und schmeckt er auch so. Also eher wie Medizin – nicht besonders gut. Irgendwie nach altem, abgestandenen Gras, finde ich. Immerhin habe ich jetzt zwei aromatisierte Grünteesorten gefunden, die mir einigermaßen schmecken, und an die ich mich vielleicht gewöhnen kann. Zumindest in der Fastenzeit, erst einmal.

Die Fastenaktion der evangelischen Kirche: „7 Wochen ohne Blockaden“ hilft mir spontan in diesem Jahr bei der Suche nach Fastenzielen nicht wirklich. Mit dem Thema kann ich zunächst wenig anfangen – vielleicht weil es so wenig greifbar ist. Auch die erste Fastenmail hilft mir wenig. „Mitten in der weltweiten Blockade wollen wir schauen, an welchen Stellen wir auf kleinere Blockaden verzichten können. Es geht darum, den Spielraum zu entdecken, die kleine Lücke, die Bewegung zulässt. Außerdem können wir uns sieben Wochen lang Strategien überlegen, wie wir ein paar kleine Blockaden auflösen oder wegräumen können“, heißt es da (https://7wochenohne.evangelisch.de/fastenmail). Ich werde auf jeden Fall weiter darüber nachdenken. Blockaden gibt es auch bei mir einige, die es aufzulösen gilt. Vielleicht kommt die Erkenntnis noch – mit weiteren Fastenmails, die ich abonniert habe, oder wenn ich mehr grünen Tee trinke und dadurch besser denken kann (s. o.). Die Fastenzeit hat ja gerade erst begonnen.

Im Buch „Minimalismusprojekt“ entdecke ich dagegen sofort etwas, was in den Wochen bis Ostern angehen möchte. Ich will zum Beispiel in den nächsten Wochen „ansteigend ausmisten“. Das heißt ich trenne mich in der ersten Woche täglich von einem, in der zweiten Woche von zwei Gegenständen usw. Bis Ostern wären das immerhin 168 Gegenstände, die ich entsorge, verschenke, weitergebe. Schon beim ersten Durchsehen meines Kleiderschranks finde ich genügend Teile für die ersten beiden Wochen, und für den Notfall habe ich noch ganze Regale alter Bücher im Keller. Trotzdem traue ich mich an die Version für fortgeschrittene, jeden Tag einen Gegenstand mehr zu entsorgen, noch nicht ran – vielleicht im nächsten Jahr.

So mancheR, der in den vergangenen Jahren gefastet hat, macht in diesem Jahr ja nicht mit, weil er oder sie der Meinung ist, dass wir alle in diesen Zeiten ohnehin schon auf so viel verzichten müssen. Vielleicht gefällt mir deshalb auch eine Idee, die dich auf dem Instagram-Account von kräuterwerkstatt gefunden habe: „Ich nutze die Fastenzeit wie jedes Jahr für eine zuckerfreien Wochen. Blumen statt Schokolade ist jetzt mein Motto. Statt mich mit Süßem zu belohnen, kaufe ich mir lieber Blumen und gönne mir Dinge, die der Seele gut tun“, schreibt Susanne Hackel.

Ganz zuckerfrei schaffe ich es sicher nicht durch die nächsten Wochen, aber mit weniger bestimmt. Und bei der Sache mit den Blumen mache ich mit. Eine erste Portion Blumen habe ich mir gestern schon gegönnt, und zwar auf eine nachhaltige Art: Ich bin mit dem Fahrrad in die Herrenhäuser Gärten und habe mich an Krokussen, Schneeglöckchen und Winterlingen gefreut, die dort schon massenhaft sprießen.

Mehr Fotos aus den Herrenhäuser Gärten gibt’s morgen unter www.chaosgaertnerinnen.de

*Dieser Beitrag enthält unbezahlte Werbung

Christof Herrmann: Das Minimalismusprojekt. 52 praktische Ideen für weniger Haben und mehr Sein. Gräfe und Unzer, München 2020 17,99 Euro Blog https://www.einfachbewusst.de

See-Seeing

Fast ein Jahr, nachdem ich am Natelsheidesee vor verschlossenen Toren stand, weil der gleichnamige Campingplatz schon geschlossen war, habe ich es nach endlich geschafft: Ich bin im Natelsheidesee geschwommen. Aber es war wie so oft im Leben, wenn man lange – zu lange – auf etwas wartet: Die Realität kann die inzwischen viel zu hohen Erwartungen nicht erfüllen.

Am See lag‘s nicht. Anders als die Ostsee, wo man gefühlt stundenlang durchs knietiefe Wasser waten muss, kann man im Natelsheidesee schon nach drei oder vier Metern schwimmen. Das Wasser war noch recht warm, fühlte sich gut – weich wie Regenwasser – an und an dem kleinen Badestrand war ich die einzige.

Natelsheide See in Bissendorf Wietze

Mehr los – für meinen Geschmack zu viel – war in dem kleinen Outdoor-Café/Restaurant am anderen Seeufer. Und weil das Wetter eher trist war und mich zudem das Dauergeräusch von der Autobahn direkt nebenan nervte, verzichtete ich auf den Kaffee, den ich eigentlich trinken wollte, stieg aufs Rad und fuhr weiter.

Den Kirchhorster See habe ich eher zufällig „wiederentdeckt“: Als ich vor fast 20 Jahren in einem kleinen Verlag in Kirchhorst gearbeitet habe, bin ich in der Mittagspause manchmal im See geschwommen – seither bin ich an dem kleinen See immer nur vorbei gefahren. Der Abstecher hat sich gelohnt: Ich hatte den See und den großen Badesteg ganz für mich allein.

Vielleicht lag’s daran, dass der Sommer zumindest nach der Definition der Meteorlügen schon seit 1. September zu Ende ist, vielleicht waren auch die Blaualgen schuld. Das Gesundheitsamt der Region hatte ihretwegen zur Vorsicht geraten. Da ich weder ein Kind bin noch vorhatte, viel Wasser zu schlucken, habe ich zuerst im See und dann ganz ungestört auf dem Steg in der Sonne gebadet.

Kirchhorster See

Auf dem Rückweg bin ich zu einem kleinen Seerosenteich geradelt, der am Rande der Gartenstadt Lohne liegt. Die ist, anders als der Name vermuten lässt, keine Stadt, nicht einmal ein richtiges Dorf, sondern ein Schlafort ohne Infrastruktur. Ich finde sie trostlos, mag aber den kleinen See, an dem ich früher auf dem Weg zur Arbeit manchmal Halt gemacht habe.

Biotop am Rande der Gartenstadt Lohne

Die Seerosen waren längst verblüht, dafür entdeckte ich am anderen Ufer zwischen den Pflanzen ein pelziges Tier. Für eine Bisamratte war’s zu groß, ob Biber oder Nutria wusste ich ebenso wenig wie die Frau, die vorbeikam und stehen blieb. Im Frühjahr seien noch vier kleine Biber/Nutrias im See gewesen, doch dann war die Familie verschwunden. Jetzt sehe sie sie zum ersten Mal nach Wochen wieder, erzählte sie.

Biber oder Nutria, das ist hier die Frage. Die gut erkennbaren Ohren und die langen Barthaare sprechen für Nutria.

Der Altwarmbüchener See musste bis zum nächsten Sonntag warten. Der See ist der zweitgrößte See in Hannover – und ein beliebtes Naherholungsgebiet. Die vielen Birken auf der kleinen Vogelschutzinsel und am Ufer und mehrere kleine Teiche am Rundweg vermitteln ein bisschen Finnland-Feeling.

Finnland? Nein …

Am See gibt es zwei offizielle Badestrände – einer in Hannover und einer in Altwarmbüchen – und mehrere inoffizielle, einen Bootsverleih und einen Wassersportverein. Man kann segeln, surfen, rudern, paddeln – und natürlich schwimmen. Aber dazu hatte außer mir offenbar niemand mehr Lust – und wieder hatte ich einen Badesee ganz für mich allein.

… der Altwarmbüchener See

Der Springhorstsee, See Nummer vier auf meiner Bade-Tour durch Burgwedel und die Nachbardörfer, liegt am Ortsrand von Burgwedel, also quasi vor meiner Haustür. Wenn mich die Sehnsucht nach Wasser packt, fahre ich oft zum See; geschwommen bin ich dort in diesem Sommer noch nicht.

Der Springhorstsee gehört wie der Natelsheidesee zu einem Campingplatz. Weil niemand am Eingang zu sehen war, habe ich befürchtet, zu spät zu kommen. Aber das Tor zum Strand ließ sich öffnen: Ich konnte zum See, den Blick aufs Wasser und das Schwimmen in aller Ruhe genießen. Merke: Manchmal ist es gut, wenn man spät kommt.

Strandfeeling in Großburgwedel

Es wird nicht der letzte Besuch in diesem Jahr sein. Denn die Seesucht geht weiter: Sie kann nämlich nur vorübergehend gestillt, aber nicht geheilt werden.

Jeden Morgen geht die Sonne auf …

Letzte Woche bin ich umgezogen – auf meinen Sommermorgensitz: Ich schreibe meine Morgenseiten jetzt wieder auf der Couch auf der Empore, wie ich den gerade einmal vier Quadratmeter kleinen Platz neben der Treppe großspurig nenne. Denn dort kann ich beim Schreiben beobachten, wie es allmählich Tag wird.

In den Wintermonaten absolviere ich mein – oft abgespecktes – Morgenritual meist lange bevor es draußen hell wird . Doch vom Frühling bis in den Herbst hinein genieße ich den Blick aus dem Fenster auf die aufgehende Sonne. Genau genommen sehe ich nur einen Abglanz, weil Häuser und Bäume mir den Blick auf den Horizont versperren. Im Dämmerlicht wirken sie wie Scherenschnitte – vielleicht erinnern sie mich deshalb an Platons Höhlengleichnis: Die Menschen im Gleichnis sind in einer Höhle gefangen. Sie kennen von der Welt draußen nur die Schatten, die durch den Höhleneingang an die Wand geworfen werden – und halten das, was sie sehen, für die Wirklichkeit.

Ich weiß nicht mehr genau, was Platon uns mit dem Gleichnis sagen will – Philosophie gehört wie Physik zu den Dingen, die ich nicht wirklich verstehe. Ich habe aber – anders als die Höhlenbewohner – zum Glück schon viele Sonnenaufgänge erlebt. Und nur meine Bequemlichkeit hindert mich daran, morgens aufs Feld oder zu einem der Seen in der Umgebung zu gehen und den Sonnenaufgang in der Natur zu erleben. Das tue ich gelegentlich, wenn es draußen wärmer ist. Dann heiße ich die Sonne, wie es ihr gebührt, mit dem Yoga-Sonnengruß willkommen – und hoffe, dass mir niemand dabei zusieht.

Meist bleibe ich jedoch im Haus. Meine Morgenseiten schreibend, sehe ich, wie sich der Himmel verfärbt: An manchen Tagen ist das eher unspektakulär, die Nacht gleitet langsam in den Tag. An anderen Tagen entstehen am Himmel jedoch Bilder, an denen ich mich nicht sattsehen kann. Mal ist es eine Symphonie in Blau-Grau, mal brechen winzige Farbkleckse durch das Grau der Wolken, vom hellen Orange über Rot bis hin zum grellen Lila. Und manchmal scheint der Himmel zu brennen; auf Bildern – ob gemalt oder fotografiert – würde man die Farben künstlich oder kitschig nennen.

Der Versuch, sie mit Kamera oder Stiften einzufangen, misslingt fast immer. Trotzdem versuche ich es immer wieder; oft greife ich zur Kamera oder zum Skizzenbuch, statt einfach hinzuschauen und zu genießen.

Manchmal summe ich dann ein Lied vor mich hin, das ich als Kind gelernt habe. „Jeden Morgen geht die Sonne auf …“ – und irgendwie finde ich den Gedanken tröstlich, auch oder gerade in Zeiten wie diesen: Die Sonne geht auf, egal, was wir Menschen tun, ob wir ihr dabei zusehen oder nicht.

Übrigens: Den Text dieses Liedes hat Hermann Claudius 1938 geschrieben – nein, nicht der berühmte Matthias, der den Mond aufgehen ließ, sondern sein Urenkel. Der stand im Dritten Reich  den Nationalsozialisten zumindest sehr nahe. So wurde er 1933 in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen, nachdem Künstler wie Heinrich und Thomas Mann, Käthe Kollwitz oder Ricarda Huch ausgeschlossen worden waren. Im Oktober 1933 unterzeichnete er laut Wikipedia mit 87 anderen deutschen Schriftstellern das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler.

Wohl im gleichen Jahr wie „Jeden Morgen geht die Sonne auf“ schrieb Claudius auch ein Gedicht zu Ehren Hitlers. Sein bekanntestes Gedicht „Wann wir schreiten Seit an Seit“ erwies sich als politisch äußerst anpassungsfähig. Von Michael Englert vertont, war es zunächst das Lied der sozialistischen Jugend, ehe es – gekürzt – von den Nationalsozialisten übernommen wurde. In der DDR gehörte es zum Repertoire der Arbeiter- und Jugendchöre; in der Bundesrepublik wird es seit Anfang der 60er-Jahre am Ende der SPD-Parteitage gesungen.

.

Vier Seen-Tour

Eigentlich wollte ich am Wochenende wieder zum Wandern in den Harz fahren, doch dann bin ich, wie von Virologen und Politikern empfohlen, brav zu Hause – in meinem Wohnort – geblieben. Statt zur Oker- oder Eckertalsperre zu wandern, bin ich mit dem Rad zu mehreren kleinen Seen und Teichen in und um Burgwedel gefahren. Die sind zwar klein, haben aber meine Sehnsucht nach Wasser zumindest vorübergehend gestillt.

Der Würmsee, erste Station auf der Vier-Seen-Tour, gehört zu meinen Lieblingsorten in Burgwedel. Und obwohl ich schon so oft da war, entdecke ich immer wieder Neues. Die Schilder beispielsweise, die vor Jahren, vielleicht sogar vor Jahrzehnten, am Stamm eines Baumes aufgehängt und dann wohl vergessen wurden. Sie zeigen, wie achtlos wir mit der Natur umgehen, wie wir unsere Spuren – und Wunden – hinterlassen. Sie zeigen aber auch, dass es der Natur letztlich egal ist, was der Mensch macht – sie passt sich an und überlebt. Wir brauchen die Natur – sie uns nicht.

Auch die Aufschrift auf der Bank nehme ich zum ersten Mal wirklich wahr. Ist sie neu oder habe ich sie bislang immer übersehen, weil ich immer nur in eine Richtung – aufs Wasser – geschaut habe? Egal, sie passt gut zu dem, was mich beschäftigt und zu dem Rückzug, der uns zurzeit aufgezwungen wird. Der uns zum innehalten zwingt.

Gute Mischung: (Lebens)Kunst …

Was brauche ich für mein Leben? Ich nehme mir ein bisschen Zeit, darüber nachzudenken. Neben Reiher, Fuchs, Hase und Eisvogel sitzend, genieße ich die Sonne und den Blick auf den See, bis mich zwei noch ältere Damen vertreiben.

… und Idyll am Würmsee. Das Idyll ist gewachsen, die Kunst entworfen vom Atelier LandArt

Denn drei sind – das verkündet wenig später die Kanzlerin – ab sofort in der Öffentlichkeit eineR zu viel. Die beiden Damen kümmert’s nicht, doch sie sind die einzigen, die keinen Abstand halten – alle anderen Spaziergänger bleiben auf Distanz

Am Springhorstsee, See Nummer zwei, merkt man die Ausgangsbeschränkungen besonders deutlich: Hier ist normalerweise sonntags bei schönem Wetter viel los, doch an diesem Sonntag war ich fast allein. Campingplatz, Hotel und  Restaurant sind wegen Corona geschlossen; auf der Terrasse am See sitzt eine einzige Frau, genießt die Sonne – ohne Kaffee und Kuchen. Ich spaziere am See entlang bis zu der Badestelle am gegenüberliegenden Seeufer. Das Wasser ist noch empfindlich kalt, doch schon in zwei Monaten kann ich hoffentlich wieder im See schwimmen. Das werde ich in diesem Jahr öfter tun als im vergangenen, nehme ich mir fest vor.

Springhorstsee mit kleiner Insel …

… und Badeinsel

Das kalte Wasser stört die beiden, die ich am Pöttcherteich sehe, nicht. Sie sind abgehärteter als ich, haben keine Angst vor kalten Füßen. Die beiden Vorfluter am Ortsrand sind nach dem Regen der vergangenen Wochen gut gefüllt – und bieten offenbar genügend Nahrung für einen Reiher und ein Storch. Die beiden teilen sich das Revier – zuerst auf Distanz. Die Annäherungsversuche des Storchs sind dem Reiher nicht geheuer.

Bitte Distanz halten … Storch und Reiher am Pöttcherteich

Ungewöhnlich viel Betrieb herrscht am Angelteich zwischen Thönse und Wettmar. Noch nie habe ich hier so viele Angler gesehen. Ob das schöne Wetter sie hierher getrieben hat oder der Mangel an Freizeit-Alternativen? Denn die meisten (Freizeit)einrichtungen sind geschlossen – Fitnessstudios, Bäder, Museen und Kinos ebenso wie Freizeit- undTierparks, Sportanlagen und Spielplätze drinnen und draußen), Cafés, Restaurants und Biergärten, Spielbanken, Wettannahmestellen und Prostitutionsstätten. Angelteiche kommen dagegen in der „Allgemeinverfügung der Region Hannover zur Beschränkung von sozialen Kontakten im öffentlichen und nichtöffentlichen Bereich …“ nicht vor – aber das Infektionsrisiko ist bei diesem Hobby sicher gering.

Würmsee im Blick

Erfunden hat sie Tabea Heinicker, Eva Fuchs führt die Fotoaktion seit einigen Jahren auf ihrem Blog (https://evafuchs.blogspot.com/search/label/12telBlick) und auf ihrer Instagram-Seite (@verfuchst.insta) fort. Eva Weinig (http://meine-gartenzeit.de/2020/01/13/5-blickwinkel-12-monate-januar/) hat die Idee aufgegriffen und mich inspiriert: Ich werde unseren Garten jeden Monat aus den gleichen Blickwinkeln fotografieren und die Fotos im Blog Chaosgaertnerinnen (https://chaosgaertnerinnen.de/garten-im-blick-januar) veröffentlichen.

Weil mir das Projekt aber so gut gefällt, möchte ich an dieser Stelle ein Jahr lang jeden Monat Fotos von einem meiner Lieblingsorte in meinem Wohnort posten: vom Würmsee im Orts-, pardon Stadtteil Kleinburgwedel.

Würmsee im Februar

Vor fast einem Jahr habe ich den kleinen See schon einmal vorgestellt https://timetoflyblog.com/kunst-am-see: So oft ich kann fahre ich mit dem Rad dorthin – meist gehe oder laufe ich um ihn herum, das dauert, weil der See eigentlich nur ein Teich und ziemlich klein ist, nur ein paar Minuten. Manchmal stehe oder sitze ich aber auch einfach nur am Ufer, genieße die Ruhe und schaue auf das Wasser, das ich, je älter ich werde, umso mehr vermisse.

Wasser zieht nicht nur mich magisch an. Schon vor hundert Jahren war der Würmsee ein beliebtes Naherholungsgebiet für die Menschen in Burgwedel und Umgebung. In den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts sollen an Wochenenden Hunderte Menschen dorthin gepilgert sein. So viel Betrieb ist heute dort Gott sei Dank nicht, auch wenn der See seit ein paar Jahren wieder eine kleine Renaissance erlebt. Zum Erlebnis Würmsee tragen sicher auch die (Kunst)Objekte am Ufer bei. Sie gefallen nicht allen, aber vielen – mir auch.

… trotzdem wagt eine Dame leicht bekleidet ein Sonnenbad

Die Plätze auf der kleinen Holzplattform und auf den beiden Liegen sind bei schönem Wetter fast immer besetzt – nicht nur von Badenixen aus Pappmaché. Baden kann man heute im See nicht mehr – früher, bevor das Freibad gebaut wurde, haben viele Burgwedeler dort schwimmen gelernt. Wer wollte, konnte ein Boot leihen und in See stechen. Heute würde man leider im Schlamm steckenbleiben. Denn der See verlandet, obwohl ständig Wasser hineingepumpt wird.

Lieblingsplatz Steg

Am gegenüberliegenden Ufer gab es einen kleinen Badestrand mit Sand – heute führt ein Steg in den See hinein. Dort sitze ich im Sommer oft, bis mich die Mücken vertreiben, träume von einem Haus oder einer Hütte am See – leben und schreiben mit Blick aufs Wasser.

Ein paar Meter weiter erinnert eine nachgebaute Hütte an die Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg am See wohnten. Unfreiwillig eher. Denn die einfachen Hütten im Wald boten denen Zuflucht, die ausgebombt waren oder geflüchtet vor einem Krieg, den sie selbst und die von ihnen gewählten Faschisten angezettelt hatten. Ob sie einen Blick hatten für die schöne Seesicht, um die ich sie beneide?

(K)ein Traum von schöner wohnen: Haus am See

Lichtmess, Imbolc und die Geburt des Frühlings

Heute ist Lichtmess – der Tag, der jetzt in der katholischen Kirche offiziell Darstellung des Herrn heißt. Am 2. Februar endet – 40 Tagen nach dem Fest – die Weihnachtszeit. Erst an Lichtmess wurden traditionell in manchen katholischen Familien Krippe und Weihnachtsbaum abgeräumt.

So lange schaffen es unsere Weihnachtsbäume nie. Der letzte liegt schon seit Anfang Januar – in kleine Stücke zerschnitten – im Garten und wartet darauf, zur Grünannahme gebracht zu werden. Aber unsere Krippe werde ich heute abbauen und in den Keller bringen. Nur das kleine schwarze Schaf verlässt die heilige Familie und geht seinen eigenen Weg: Es zieht auf meinen Schreibtisch um und begleitet mich in diesem Jahr.

Dagegen verschwinden der Stern über meinem Bett und die Lichterkette am Fenster meines Arbeitszimmers bis Ende November in der Versenkung – sprich in den Weihnachtskisten. Ich brauche sie nicht mehr so dringend, wie in den letzten Wochen. Denn draußen ist es schon merklich länger hell – die Sonne geht etwa 35 Minuten früher auf und etwa 50 Minuten später unter als am kürzesten Tag des Jahres. Es geht wieder aufwärts, wenn auch langsam.

Angeblich haben die Kelten an Lichtmess oder Imbolc, wie der Tag im keltischen Jahreskreis heißt, zuerst alle Lichter in den Höfen gelöscht, bevor sie symbolisch mit heiligem Feuer wieder entzündet wurden. Sie feierten an diesem Tag die Geburt des Frühlings. Und es war der Beginn des bäuerlichen Arbeitsjahrs: Je nach Wetter fing die Feldarbeit wieder an. „An Lichtmess fängt der Bauersmann neu mit des Jahres Arbeit an“, hieß es.

Deshalb wage ich es auch, einige Pflanzen auszuwildern, die bis im Wintergarten überwintert: zwei Gaultherias, eine Christrose und ein paar Tulpen, die mein Mann mir schon Mitte Januar als Vorfrühlingsgruß mitgebracht hat.

Gruppenbild vor dem Umzug

Gaultherias und Helleborus macht Kälte ohnehin nichts aus – und bei Temperaturen, die nicht wirklich winterlich, sondern eher frühlingshaft sind, haben sogar die Tulpen draußen eine faire Chance.

Winter- und Frühlingspflanzen einträchtig nebeneinander: Gaultheria, Schneeglöckchen und Hyazinthe

PS:

Ein Freund aus meinem Heimatort an der Mosel hat den Blogpost gelesen und sich erinnert:

„Bei den Winzern gibt es den Spruch: ‚Mariä Lichtmess – spinnen vergess, Krümmes in de Hand un in de Wingert gerannt‘. Mein Vater hat ihn immer wieder gerne aufgesagt, damit allen klar war, dass jetzt wieder die Arbeit draußen beginnt. Übrigens: In der Weihnachtszeit wurden früher in den Winzerstuben die Weiden gemacht. Die Weiden wurden zuerst in zwei oder drei, sehr selten in vier Teile gespalten und dann mit der Weidenkneip auf der Innenseite geglättet indem man sie unter der Klinge auf einem Stück Leder, das man auf dem Knie festgebunden hatte, durchzog. Die Weiden wurden dann zum Binden der Reben an die Stöcke benutzt. Diese Winterarbeit habe ich als Jugendlicher noch gelernt und gemacht. … das war reine Männersache! Die Männer haben sich gegenseitig besucht, brachten die ein odere andere Flasche vom neuen Wein mit und haben die Weltpolitik wieder ins Lot gebracht … „

Wenn das immer noch funktionieren würde, sollte man auch heute wieder die Reben mit Weiden statt mit Plastik an die Drähte binden. Nötig hätte die Politik es. Und ökologischer wär’s außerdem …

Umzüge

Meine Tochter ist umgezogen. Aus einer Groß- in eine Kleinstadt. Freiwillig. Weil sie, wenn sie aus dem Fenster schaut, lieber Bäume sieht als Hochhäuser und lieber Vogelgezwitscher hört als Autos. Natürlich habe ich ihr beim Umzug geholfen: Ich habe Kisten gepackt und geschleppt. Zwei Etagen runter und dann eine hoch in die neue Wohnung. Dabei habe ich festgestellt, dass sich drei Jahrzehnte Altersunterschied zu den anderen Umzugshelfern eben doch bemerkbar machen. Die positive Erkenntnis: Für mein Alter bin ich noch ganz gut in Form.

Als meine Oma und ihre Schwester, meine Großtante Käthi, Ende der 50er Jahre in das Haus meiner Eltern einzogen, waren sie etwa so alt wie ich heute. Aber sie erschienen mir als Kind uralt. Sie kleideten sich dunkel und verließen ihre Wohnungen eigentlich nur einmal in der Woche, um in die Kirche zu gehen. Meine Mutter war, so scheint es mir, mit 90 noch agiler und fitter als ihre Mutter und ihre Tante mit 60.

Bei ihrem Umzug beschränkten sich die beiden alten Damen im Wesentlichen darauf zu sagen, wo was hingehört; die Arbeit erledigten andere – vor allem meine Eltern – für sie. Einige Möbelstücke, die jetzt in der Wohnung meiner Tochter stehen, sind übrigens schon vor sechs Jahrzehnten in das Haus meiner Eltern eingezogen: eine Kommode beispielsweise und ein Schrank aus Kirschholz, beide sicher hundert Jahre alt. Ich habe sie geerbt – und an meine Tochter weitervererbt.

Alter Schrank in neuer Wohnung

So lange halten heute nur wenige Dinge. Der Akku meines Netbook ist schon nach vier Jahren und häufigem Aufladen altersschwach – und die Festplatte zu klein. Außerdem hat ein großer Softwareanbieter, dessen Name ich nicht nenne, den Support für das Betriebssystem eingestellt. Allen, die sich mit Computern genauso wenig auskennen wie ich, sei es erklärt: Es ist, als ob der Vermieter in einem alten Haus nichts mehr repariert und alle Schlösser ausbaut, sodass jede/r das Haus betreten kann.

Damit das mit meinem Computer nicht passiert, habe ich mir einen neuen gekauft. Nicht ganz freiwillig also, sondern eher zwangsweise. Und so stand am Abend nach dem (realen) Umzug bei mir ein virtueller an – und meine Tochter revanchierte sich umgehend für meine Hilfe. Sie installierte Programme und richtete den neuen Computer so ein, dass ich damit arbeiten kann.

Und obwohl mich und meine Oma Welten trennen, war ich plötzlich in der gleichen Rolle wie sie vor gut 60 Jahren: Ich saß auf der Couch und schaute meiner Tochter bei der Arbeit zu, wie weiland meine Oma meiner Mutter, ihrer Tochter.

Von schönen Geschenken und unerwarteten Gefahren

Jetzt ist Weihnachten wieder vorbei. Die geschenkten Bücher sind leider schon gelesen. Eine neue Tasse bringt mit ihren bunten Punkten frühmorgens, wenn ich noch im Bett den ersten Kaffee trinke, Farbe und Fröhlichkeit in mein Leben. Das Notizbuch habe ich schon eingeweiht, Kalender und Bulletjournal warten noch auf den Beginn des neuen Jahres und auf ihren Einsatz.

Kalender + Notizbuch – handgemacht von Foe Rodens

Meine Blogpartnerin Foe, die mein Faible für schöne Bücher und Notizbücher kennt, hat sie selbst gemacht und mir geschenkt – wer möchte, kann die Ledereinbände für Notizbücher und Kalender bestellen unter https://foerodens.wordpress.com/ledereinbande-fur-notizbucher.

Der Weihnachtsbaum nadelt zwar noch nicht, hat sich aber schon gestern mit den unteren Zweigen auf dem Boden abgestützt, als brauche er zusätzlichen Halt. Heute Morgen neigte er sich bedenklich, drohte auf die Krippe zu stürzen, die wir auch in diesem Jahr wieder aufgestellt haben – wie im vergangenen Jahr, als meine Mutter Weihnachten mit uns feierte. Zum letzten Mal, im Sommer ist sie gestorben.

Um meiner Mutter eine Freude zu bereiten, hatte ich das Essen gekocht, das es in meiner Kindheit bei uns zu Hause gab – Fleischsalat mit Rindfleisch und selbst gemachter Eiermayonnaise. Obwohl ihr Gedächtnis sie immer häufiger im Stich gelassen hat, konnte sie sich genau an das Rezept erinnern – und an die Lieder, die wir gesungen haben. Auch über die Krippenfiguren hat sie sich gefreut. Ich hatte sie vor dem Sperrmüll gerettet und ihnen bei uns Asyl gewährt.

Der Weihnachtsbaum ist wieder im Lot. Über der Krippe leuchtet zwar kein Stern, aber die Menora, der siebenarmige Leuchter.

Doch jetzt drohten der heiligen Familie, den Hirten und Schafen Ungemach von unserem Weihnachtsbaum. Um zu verhindern, dass sie erschlagen werden, haben wir die unteren Zweige abgeschnitten, den Baum wieder aufgerichtet und fest im Ständer verankert. Eine stachlige Angelegenheit, denn der Blaufichte sollte man sich nur mit Schutzkleidung nähern. Der Lohn der Mühe: Die untere Etage duftet jetzt intensiv nach Harz und nach Weihnachten – und dank einiger abgeschnittener Zweige hoffentlich auch mein Arbeits- und Schlafzimmer unterm Dach.

Neues Orchideenleben

Nein, ich mag keine Orchideen, zumindest keine auf Fensterbänken ihr kümmerliches Dasein fristen (https://chaosgaertnerinnen.de/nicht-nur-tropisch). Und trotzdem steht jetzt eine auf der Fensterbank in meinem Arbeitszimmer. Ich habe sie quasi von meiner Mutter geerbt. Ich hatte sie ihr vor einem halben Jahr geschenkt, weil sie Orchideen immer gemocht hat. Warum, weiß ich nicht, vielleicht weil sie einen Hauch von Luxus und große weite Welt in ihr Leben gebracht haben.

Meine Mutter selbst hat nicht viel von der Welt gesehen, und ich glaube, sie hatte auch nie den Wunsch. Zuerst, als sie jung und die Kinder klein waren, konnten meine Eltern es sich nicht leisten, zu verreisen. Ihre erste Urlaubsreise haben wir, ihre Töchter, ihnen zur Silbernen Hochzeit geschenkt. Danach sind sie regelmäßig in Urlaub gefahren, einmal im Jahr, meist für zwei Wochen, oft mit dem älteren Bruder meiner Mutter und seiner Frau. Meist ging es irgendwo nach Deutschland: in den Harz, in den Bayerischen Wald, an den Bodensee und auch mal an die Nordsee. Ein oder zweimal waren meine Eltern in Österreich. Geflogen ist meine Mutter nie, die CO2-Bilanz ihres Lebens ist sicher vorbildlich.

Als ich mich am Donnerstag endgültig von meiner Mutter verabschiedete, mochte ich die Orchidee nicht zurücklassen. Was mit den anderen Orchideen passiert ist, die meine Mutter von der Mosel mit in das Heim nach Bissendorf genommen hat, weiß ich nicht. Vielleicht stehen sie jetzt auf den Fensterbänken meiner Schwestern. Wahrscheinlicher ist, dass meine Schwestern sie dem Entrümpler überlassen haben, als sie vor neun Wochen meine Mutter in das Heim nach Norderstedt gebracht haben. Genau wie alle Möbel meiner Mutter, mit Ausnahme des Fernsehers.

In Bissendorf hat die Orchidee eifrig geblüht, aber der Umzug ist ihr nicht bekommen. Vielleicht war ihr der neue Platz zu dunkel, vielleicht lag es an der Pflege. Wer auch immer sich um sie gekümmert hat: Er oder sie hatte wenig Ahnung. Immer, wenn ich meine Mutter besucht habe, habe ich die Pflanze trockengelegt: Ich habe das Wasser ausgeleert, das halbhoch im Übertopf stand. Denn Orchideen mögen ja bekanntlich keine nassen Füße. Vielleicht hat sich die Blume auch ihrer Besitzerin angepasst, die sich immer mehr aus dem Leben zurückgezogen hat. Denn Pflanzen fühlen weit mehr, als man bislang gedacht hat. Sie kommunizieren miteinander, führen ein geheimes, uns Menschen unbekanntes Leben. Und vielleicht fühlen sie ja auch mit uns.

Als ich die Orchidee in der Seitentasche meines Rucksacks mit nach Hause genommen habe, sah sie so trostlos aus, dass mich eine Frau im Zug angesprochen hat. „Ob die Blume die Fahrt wohl überlebt?“, fragte sie. Ich erzählte ihr, dass ich sie von meiner Mutter geerbt hätte, die in der Nacht gestorben sei. Sie wünschte mir herzliches Beileid und viel Glück.

Auf meiner Fensterbank gefällt es der Orchidee offenbar. Schon nach wenigen Stunden hat sich die erste Blüte geöffnet, weitere werden wohl folgen. Und während ich das schreibe, denke ich, dass es  vielleicht ein Zeichen ist – ein Zeichen, dass es meiner Mutter jetzt besser geht, wo immer sie auch ist.

Blög Orchidee P1030018