Jeden Morgen geht die Sonne auf …

Letzte Woche bin ich umgezogen – auf meinen Sommermorgensitz: Ich schreibe meine Morgenseiten jetzt wieder auf der Couch auf der Empore, wie ich den gerade einmal vier Quadratmeter kleinen Platz neben der Treppe großspurig nenne. Denn dort kann ich beim Schreiben beobachten, wie es allmählich Tag wird.

In den Wintermonaten absolviere ich mein – oft abgespecktes – Morgenritual meist lange bevor es draußen hell wird . Doch vom Frühling bis in den Herbst hinein genieße ich den Blick aus dem Fenster auf die aufgehende Sonne. Genau genommen sehe ich nur einen Abglanz, weil Häuser und Bäume mir den Blick auf den Horizont versperren. Im Dämmerlicht wirken sie wie Scherenschnitte – vielleicht erinnern sie mich deshalb an Platons Höhlengleichnis: Die Menschen im Gleichnis sind in einer Höhle gefangen. Sie kennen von der Welt draußen nur die Schatten, die durch den Höhleneingang an die Wand geworfen werden – und halten das, was sie sehen, für die Wirklichkeit.

Ich weiß nicht mehr genau, was Platon uns mit dem Gleichnis sagen will – Philosophie gehört wie Physik zu den Dingen, die ich nicht wirklich verstehe. Ich habe aber – anders als die Höhlenbewohner – zum Glück schon viele Sonnenaufgänge erlebt. Und nur meine Bequemlichkeit hindert mich daran, morgens aufs Feld oder zu einem der Seen in der Umgebung zu gehen und den Sonnenaufgang in der Natur zu erleben. Das tue ich gelegentlich, wenn es draußen wärmer ist. Dann heiße ich die Sonne, wie es ihr gebührt, mit dem Yoga-Sonnengruß willkommen – und hoffe, dass mir niemand dabei zusieht.

Meist bleibe ich jedoch im Haus. Meine Morgenseiten schreibend, sehe ich, wie sich der Himmel verfärbt: An manchen Tagen ist das eher unspektakulär, die Nacht gleitet langsam in den Tag. An anderen Tagen entstehen am Himmel jedoch Bilder, an denen ich mich nicht sattsehen kann. Mal ist es eine Symphonie in Blau-Grau, mal brechen winzige Farbkleckse durch das Grau der Wolken, vom hellen Orange über Rot bis hin zum grellen Lila. Und manchmal scheint der Himmel zu brennen; auf Bildern – ob gemalt oder fotografiert – würde man die Farben künstlich oder kitschig nennen.

Der Versuch, sie mit Kamera oder Stiften einzufangen, misslingt fast immer. Trotzdem versuche ich es immer wieder; oft greife ich zur Kamera oder zum Skizzenbuch, statt einfach hinzuschauen und zu genießen.

Manchmal summe ich dann ein Lied vor mich hin, das ich als Kind gelernt habe. „Jeden Morgen geht die Sonne auf …“ – und irgendwie finde ich den Gedanken tröstlich, auch oder gerade in Zeiten wie diesen: Die Sonne geht auf, egal, was wir Menschen tun, ob wir ihr dabei zusehen oder nicht.

Übrigens: Den Text dieses Liedes hat Hermann Claudius 1938 geschrieben – nein, nicht der berühmte Matthias, der den Mond aufgehen ließ, sondern sein Urenkel. Der stand im Dritten Reich  den Nationalsozialisten zumindest sehr nahe. So wurde er 1933 in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen, nachdem Künstler wie Heinrich und Thomas Mann, Käthe Kollwitz oder Ricarda Huch ausgeschlossen worden waren. Im Oktober 1933 unterzeichnete er laut Wikipedia mit 87 anderen deutschen Schriftstellern das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler.

Wohl im gleichen Jahr wie „Jeden Morgen geht die Sonne auf“ schrieb Claudius auch ein Gedicht zu Ehren Hitlers. Sein bekanntestes Gedicht „Wann wir schreiten Seit an Seit“ erwies sich als politisch äußerst anpassungsfähig. Von Michael Englert vertont, war es zunächst das Lied der sozialistischen Jugend, ehe es – gekürzt – von den Nationalsozialisten übernommen wurde. In der DDR gehörte es zum Repertoire der Arbeiter- und Jugendchöre; in der Bundesrepublik wird es seit Anfang der 60er-Jahre am Ende der SPD-Parteitage gesungen.

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Vier Seen-Tour

Eigentlich wollte ich am Wochenende wieder zum Wandern in den Harz fahren, doch dann bin ich, wie von Virologen und Politikern empfohlen, brav zu Hause – in meinem Wohnort – geblieben. Statt zur Oker- oder Eckertalsperre zu wandern, bin ich mit dem Rad zu mehreren kleinen Seen und Teichen in und um Burgwedel gefahren. Die sind zwar klein, haben aber meine Sehnsucht nach Wasser zumindest vorübergehend gestillt.

Der Würmsee, erste Station auf der Vier-Seen-Tour, gehört zu meinen Lieblingsorten in Burgwedel. Und obwohl ich schon so oft da war, entdecke ich immer wieder Neues. Die Schilder beispielsweise, die vor Jahren, vielleicht sogar vor Jahrzehnten, am Stamm eines Baumes aufgehängt und dann wohl vergessen wurden. Sie zeigen, wie achtlos wir mit der Natur umgehen, wie wir unsere Spuren – und Wunden – hinterlassen. Sie zeigen aber auch, dass es der Natur letztlich egal ist, was der Mensch macht – sie passt sich an und überlebt. Wir brauchen die Natur – sie uns nicht.

Auch die Aufschrift auf der Bank nehme ich zum ersten Mal wirklich wahr. Ist sie neu oder habe ich sie bislang immer übersehen, weil ich immer nur in eine Richtung – aufs Wasser – geschaut habe? Egal, sie passt gut zu dem, was mich beschäftigt und zu dem Rückzug, der uns zurzeit aufgezwungen wird. Der uns zum innehalten zwingt.

Gute Mischung: (Lebens)Kunst …

Was brauche ich für mein Leben? Ich nehme mir ein bisschen Zeit, darüber nachzudenken. Neben Reiher, Fuchs, Hase und Eisvogel sitzend, genieße ich die Sonne und den Blick auf den See, bis mich zwei noch ältere Damen vertreiben.

… und Idyll am Würmsee. Das Idyll ist gewachsen, die Kunst entworfen vom Atelier LandArt

Denn drei sind – das verkündet wenig später die Kanzlerin – ab sofort in der Öffentlichkeit eineR zu viel. Die beiden Damen kümmert’s nicht, doch sie sind die einzigen, die keinen Abstand halten – alle anderen Spaziergänger bleiben auf Distanz

Am Springhorstsee, See Nummer zwei, merkt man die Ausgangsbeschränkungen besonders deutlich: Hier ist normalerweise sonntags bei schönem Wetter viel los, doch an diesem Sonntag war ich fast allein. Campingplatz, Hotel und  Restaurant sind wegen Corona geschlossen; auf der Terrasse am See sitzt eine einzige Frau, genießt die Sonne – ohne Kaffee und Kuchen. Ich spaziere am See entlang bis zu der Badestelle am gegenüberliegenden Seeufer. Das Wasser ist noch empfindlich kalt, doch schon in zwei Monaten kann ich hoffentlich wieder im See schwimmen. Das werde ich in diesem Jahr öfter tun als im vergangenen, nehme ich mir fest vor.

Springhorstsee mit kleiner Insel …

… und Badeinsel

Das kalte Wasser stört die beiden, die ich am Pöttcherteich sehe, nicht. Sie sind abgehärteter als ich, haben keine Angst vor kalten Füßen. Die beiden Vorfluter am Ortsrand sind nach dem Regen der vergangenen Wochen gut gefüllt – und bieten offenbar genügend Nahrung für einen Reiher und ein Storch. Die beiden teilen sich das Revier – zuerst auf Distanz. Die Annäherungsversuche des Storchs sind dem Reiher nicht geheuer.

Bitte Distanz halten … Storch und Reiher am Pöttcherteich

Ungewöhnlich viel Betrieb herrscht am Angelteich zwischen Thönse und Wettmar. Noch nie habe ich hier so viele Angler gesehen. Ob das schöne Wetter sie hierher getrieben hat oder der Mangel an Freizeit-Alternativen? Denn die meisten (Freizeit)einrichtungen sind geschlossen – Fitnessstudios, Bäder, Museen und Kinos ebenso wie Freizeit- undTierparks, Sportanlagen und Spielplätze drinnen und draußen), Cafés, Restaurants und Biergärten, Spielbanken, Wettannahmestellen und Prostitutionsstätten. Angelteiche kommen dagegen in der „Allgemeinverfügung der Region Hannover zur Beschränkung von sozialen Kontakten im öffentlichen und nichtöffentlichen Bereich …“ nicht vor – aber das Infektionsrisiko ist bei diesem Hobby sicher gering.

Würmsee im Blick

Erfunden hat sie Tabea Heinicker, Eva Fuchs führt die Fotoaktion seit einigen Jahren auf ihrem Blog (https://evafuchs.blogspot.com/search/label/12telBlick) und auf ihrer Instagram-Seite (@verfuchst.insta) fort. Eva Weinig (http://meine-gartenzeit.de/2020/01/13/5-blickwinkel-12-monate-januar/) hat die Idee aufgegriffen und mich inspiriert: Ich werde unseren Garten jeden Monat aus den gleichen Blickwinkeln fotografieren und die Fotos im Blog Chaosgaertnerinnen (https://chaosgaertnerinnen.de/garten-im-blick-januar) veröffentlichen.

Weil mir das Projekt aber so gut gefällt, möchte ich an dieser Stelle ein Jahr lang jeden Monat Fotos von einem meiner Lieblingsorte in meinem Wohnort posten: vom Würmsee im Orts-, pardon Stadtteil Kleinburgwedel.

Würmsee im Februar

Vor fast einem Jahr habe ich den kleinen See schon einmal vorgestellt https://timetoflyblog.com/kunst-am-see: So oft ich kann fahre ich mit dem Rad dorthin – meist gehe oder laufe ich um ihn herum, das dauert, weil der See eigentlich nur ein Teich und ziemlich klein ist, nur ein paar Minuten. Manchmal stehe oder sitze ich aber auch einfach nur am Ufer, genieße die Ruhe und schaue auf das Wasser, das ich, je älter ich werde, umso mehr vermisse.

Wasser zieht nicht nur mich magisch an. Schon vor hundert Jahren war der Würmsee ein beliebtes Naherholungsgebiet für die Menschen in Burgwedel und Umgebung. In den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts sollen an Wochenenden Hunderte Menschen dorthin gepilgert sein. So viel Betrieb ist heute dort Gott sei Dank nicht, auch wenn der See seit ein paar Jahren wieder eine kleine Renaissance erlebt. Zum Erlebnis Würmsee tragen sicher auch die (Kunst)Objekte am Ufer bei. Sie gefallen nicht allen, aber vielen – mir auch.

… trotzdem wagt eine Dame leicht bekleidet ein Sonnenbad

Die Plätze auf der kleinen Holzplattform und auf den beiden Liegen sind bei schönem Wetter fast immer besetzt – nicht nur von Badenixen aus Pappmaché. Baden kann man heute im See nicht mehr – früher, bevor das Freibad gebaut wurde, haben viele Burgwedeler dort schwimmen gelernt. Wer wollte, konnte ein Boot leihen und in See stechen. Heute würde man leider im Schlamm steckenbleiben. Denn der See verlandet, obwohl ständig Wasser hineingepumpt wird.

Lieblingsplatz Steg

Am gegenüberliegenden Ufer gab es einen kleinen Badestrand mit Sand – heute führt ein Steg in den See hinein. Dort sitze ich im Sommer oft, bis mich die Mücken vertreiben, träume von einem Haus oder einer Hütte am See – leben und schreiben mit Blick aufs Wasser.

Ein paar Meter weiter erinnert eine nachgebaute Hütte an die Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg am See wohnten. Unfreiwillig eher. Denn die einfachen Hütten im Wald boten denen Zuflucht, die ausgebombt waren oder geflüchtet vor einem Krieg, den sie selbst und die von ihnen gewählten Faschisten angezettelt hatten. Ob sie einen Blick hatten für die schöne Seesicht, um die ich sie beneide?

(K)ein Traum von schöner wohnen: Haus am See

Lichtmess, Imbolc und die Geburt des Frühlings

Heute ist Lichtmess – der Tag, der jetzt in der katholischen Kirche offiziell Darstellung des Herrn heißt. Am 2. Februar endet – 40 Tagen nach dem Fest – die Weihnachtszeit. Erst an Lichtmess wurden traditionell in manchen katholischen Familien Krippe und Weihnachtsbaum abgeräumt.

So lange schaffen es unsere Weihnachtsbäume nie. Der letzte liegt schon seit Anfang Januar – in kleine Stücke zerschnitten – im Garten und wartet darauf, zur Grünannahme gebracht zu werden. Aber unsere Krippe werde ich heute abbauen und in den Keller bringen. Nur das kleine schwarze Schaf verlässt die heilige Familie und geht seinen eigenen Weg: Es zieht auf meinen Schreibtisch um und begleitet mich in diesem Jahr.

Dagegen verschwinden der Stern über meinem Bett und die Lichterkette am Fenster meines Arbeitszimmers bis Ende November in der Versenkung – sprich in den Weihnachtskisten. Ich brauche sie nicht mehr so dringend, wie in den letzten Wochen. Denn draußen ist es schon merklich länger hell – die Sonne geht etwa 35 Minuten früher auf und etwa 50 Minuten später unter als am kürzesten Tag des Jahres. Es geht wieder aufwärts, wenn auch langsam.

Angeblich haben die Kelten an Lichtmess oder Imbolc, wie der Tag im keltischen Jahreskreis heißt, zuerst alle Lichter in den Höfen gelöscht, bevor sie symbolisch mit heiligem Feuer wieder entzündet wurden. Sie feierten an diesem Tag die Geburt des Frühlings. Und es war der Beginn des bäuerlichen Arbeitsjahrs: Je nach Wetter fing die Feldarbeit wieder an. „An Lichtmess fängt der Bauersmann neu mit des Jahres Arbeit an“, hieß es.

Deshalb wage ich es auch, einige Pflanzen auszuwildern, die bis im Wintergarten überwintert: zwei Gaultherias, eine Christrose und ein paar Tulpen, die mein Mann mir schon Mitte Januar als Vorfrühlingsgruß mitgebracht hat.

Gruppenbild vor dem Umzug

Gaultherias und Helleborus macht Kälte ohnehin nichts aus – und bei Temperaturen, die nicht wirklich winterlich, sondern eher frühlingshaft sind, haben sogar die Tulpen draußen eine faire Chance.

Winter- und Frühlingspflanzen einträchtig nebeneinander: Gaultheria, Schneeglöckchen und Hyazinthe

PS:

Ein Freund aus meinem Heimatort an der Mosel hat den Blogpost gelesen und sich erinnert:

„Bei den Winzern gibt es den Spruch: ‚Mariä Lichtmess – spinnen vergess, Krümmes in de Hand un in de Wingert gerannt‘. Mein Vater hat ihn immer wieder gerne aufgesagt, damit allen klar war, dass jetzt wieder die Arbeit draußen beginnt. Übrigens: In der Weihnachtszeit wurden früher in den Winzerstuben die Weiden gemacht. Die Weiden wurden zuerst in zwei oder drei, sehr selten in vier Teile gespalten und dann mit der Weidenkneip auf der Innenseite geglättet indem man sie unter der Klinge auf einem Stück Leder, das man auf dem Knie festgebunden hatte, durchzog. Die Weiden wurden dann zum Binden der Reben an die Stöcke benutzt. Diese Winterarbeit habe ich als Jugendlicher noch gelernt und gemacht. … das war reine Männersache! Die Männer haben sich gegenseitig besucht, brachten die ein odere andere Flasche vom neuen Wein mit und haben die Weltpolitik wieder ins Lot gebracht … „

Wenn das immer noch funktionieren würde, sollte man auch heute wieder die Reben mit Weiden statt mit Plastik an die Drähte binden. Nötig hätte die Politik es. Und ökologischer wär’s außerdem …

Umzüge

Meine Tochter ist umgezogen. Aus einer Groß- in eine Kleinstadt. Freiwillig. Weil sie, wenn sie aus dem Fenster schaut, lieber Bäume sieht als Hochhäuser und lieber Vogelgezwitscher hört als Autos. Natürlich habe ich ihr beim Umzug geholfen: Ich habe Kisten gepackt und geschleppt. Zwei Etagen runter und dann eine hoch in die neue Wohnung. Dabei habe ich festgestellt, dass sich drei Jahrzehnte Altersunterschied zu den anderen Umzugshelfern eben doch bemerkbar machen. Die positive Erkenntnis: Für mein Alter bin ich noch ganz gut in Form.

Als meine Oma und ihre Schwester, meine Großtante Käthi, Ende der 50er Jahre in das Haus meiner Eltern einzogen, waren sie etwa so alt wie ich heute. Aber sie erschienen mir als Kind uralt. Sie kleideten sich dunkel und verließen ihre Wohnungen eigentlich nur einmal in der Woche, um in die Kirche zu gehen. Meine Mutter war, so scheint es mir, mit 90 noch agiler und fitter als ihre Mutter und ihre Tante mit 60.

Bei ihrem Umzug beschränkten sich die beiden alten Damen im Wesentlichen darauf zu sagen, wo was hingehört; die Arbeit erledigten andere – vor allem meine Eltern – für sie. Einige Möbelstücke, die jetzt in der Wohnung meiner Tochter stehen, sind übrigens schon vor sechs Jahrzehnten in das Haus meiner Eltern eingezogen: eine Kommode beispielsweise und ein Schrank aus Kirschholz, beide sicher hundert Jahre alt. Ich habe sie geerbt – und an meine Tochter weitervererbt.

Alter Schrank in neuer Wohnung

So lange halten heute nur wenige Dinge. Der Akku meines Netbook ist schon nach vier Jahren und häufigem Aufladen altersschwach – und die Festplatte zu klein. Außerdem hat ein großer Softwareanbieter, dessen Name ich nicht nenne, den Support für das Betriebssystem eingestellt. Allen, die sich mit Computern genauso wenig auskennen wie ich, sei es erklärt: Es ist, als ob der Vermieter in einem alten Haus nichts mehr repariert und alle Schlösser ausbaut, sodass jede/r das Haus betreten kann.

Damit das mit meinem Computer nicht passiert, habe ich mir einen neuen gekauft. Nicht ganz freiwillig also, sondern eher zwangsweise. Und so stand am Abend nach dem (realen) Umzug bei mir ein virtueller an – und meine Tochter revanchierte sich umgehend für meine Hilfe. Sie installierte Programme und richtete den neuen Computer so ein, dass ich damit arbeiten kann.

Und obwohl mich und meine Oma Welten trennen, war ich plötzlich in der gleichen Rolle wie sie vor gut 60 Jahren: Ich saß auf der Couch und schaute meiner Tochter bei der Arbeit zu, wie weiland meine Oma meiner Mutter, ihrer Tochter.

Von schönen Geschenken und unerwarteten Gefahren

Jetzt ist Weihnachten wieder vorbei. Die geschenkten Bücher sind leider schon gelesen. Eine neue Tasse bringt mit ihren bunten Punkten frühmorgens, wenn ich noch im Bett den ersten Kaffee trinke, Farbe und Fröhlichkeit in mein Leben. Das Notizbuch habe ich schon eingeweiht, Kalender und Bulletjournal warten noch auf den Beginn des neuen Jahres und auf ihren Einsatz.

Kalender + Notizbuch – handgemacht von Foe Rodens

Meine Blogpartnerin Foe, die mein Faible für schöne Bücher und Notizbücher kennt, hat sie selbst gemacht und mir geschenkt – wer möchte, kann die Ledereinbände für Notizbücher und Kalender bestellen unter https://foerodens.wordpress.com/ledereinbande-fur-notizbucher.

Der Weihnachtsbaum nadelt zwar noch nicht, hat sich aber schon gestern mit den unteren Zweigen auf dem Boden abgestützt, als brauche er zusätzlichen Halt. Heute Morgen neigte er sich bedenklich, drohte auf die Krippe zu stürzen, die wir auch in diesem Jahr wieder aufgestellt haben – wie im vergangenen Jahr, als meine Mutter Weihnachten mit uns feierte. Zum letzten Mal, im Sommer ist sie gestorben.

Um meiner Mutter eine Freude zu bereiten, hatte ich das Essen gekocht, das es in meiner Kindheit bei uns zu Hause gab – Fleischsalat mit Rindfleisch und selbst gemachter Eiermayonnaise. Obwohl ihr Gedächtnis sie immer häufiger im Stich gelassen hat, konnte sie sich genau an das Rezept erinnern – und an die Lieder, die wir gesungen haben. Auch über die Krippenfiguren hat sie sich gefreut. Ich hatte sie vor dem Sperrmüll gerettet und ihnen bei uns Asyl gewährt.

Der Weihnachtsbaum ist wieder im Lot. Über der Krippe leuchtet zwar kein Stern, aber die Menora, der siebenarmige Leuchter.

Doch jetzt drohten der heiligen Familie, den Hirten und Schafen Ungemach von unserem Weihnachtsbaum. Um zu verhindern, dass sie erschlagen werden, haben wir die unteren Zweige abgeschnitten, den Baum wieder aufgerichtet und fest im Ständer verankert. Eine stachlige Angelegenheit, denn der Blaufichte sollte man sich nur mit Schutzkleidung nähern. Der Lohn der Mühe: Die untere Etage duftet jetzt intensiv nach Harz und nach Weihnachten – und dank einiger abgeschnittener Zweige hoffentlich auch mein Arbeits- und Schlafzimmer unterm Dach.

Neues Orchideenleben

Nein, ich mag keine Orchideen, zumindest keine auf Fensterbänken ihr kümmerliches Dasein fristen (https://chaosgaertnerinnen.de/nicht-nur-tropisch). Und trotzdem steht jetzt eine auf der Fensterbank in meinem Arbeitszimmer. Ich habe sie quasi von meiner Mutter geerbt. Ich hatte sie ihr vor einem halben Jahr geschenkt, weil sie Orchideen immer gemocht hat. Warum, weiß ich nicht, vielleicht weil sie einen Hauch von Luxus und große weite Welt in ihr Leben gebracht haben.

Meine Mutter selbst hat nicht viel von der Welt gesehen, und ich glaube, sie hatte auch nie den Wunsch. Zuerst, als sie jung und die Kinder klein waren, konnten meine Eltern es sich nicht leisten, zu verreisen. Ihre erste Urlaubsreise haben wir, ihre Töchter, ihnen zur Silbernen Hochzeit geschenkt. Danach sind sie regelmäßig in Urlaub gefahren, einmal im Jahr, meist für zwei Wochen, oft mit dem älteren Bruder meiner Mutter und seiner Frau. Meist ging es irgendwo nach Deutschland: in den Harz, in den Bayerischen Wald, an den Bodensee und auch mal an die Nordsee. Ein oder zweimal waren meine Eltern in Österreich. Geflogen ist meine Mutter nie, die CO2-Bilanz ihres Lebens ist sicher vorbildlich.

Als ich mich am Donnerstag endgültig von meiner Mutter verabschiedete, mochte ich die Orchidee nicht zurücklassen. Was mit den anderen Orchideen passiert ist, die meine Mutter von der Mosel mit in das Heim nach Bissendorf genommen hat, weiß ich nicht. Vielleicht stehen sie jetzt auf den Fensterbänken meiner Schwestern. Wahrscheinlicher ist, dass meine Schwestern sie dem Entrümpler überlassen haben, als sie vor neun Wochen meine Mutter in das Heim nach Norderstedt gebracht haben. Genau wie alle Möbel meiner Mutter, mit Ausnahme des Fernsehers.

In Bissendorf hat die Orchidee eifrig geblüht, aber der Umzug ist ihr nicht bekommen. Vielleicht war ihr der neue Platz zu dunkel, vielleicht lag es an der Pflege. Wer auch immer sich um sie gekümmert hat: Er oder sie hatte wenig Ahnung. Immer, wenn ich meine Mutter besucht habe, habe ich die Pflanze trockengelegt: Ich habe das Wasser ausgeleert, das halbhoch im Übertopf stand. Denn Orchideen mögen ja bekanntlich keine nassen Füße. Vielleicht hat sich die Blume auch ihrer Besitzerin angepasst, die sich immer mehr aus dem Leben zurückgezogen hat. Denn Pflanzen fühlen weit mehr, als man bislang gedacht hat. Sie kommunizieren miteinander, führen ein geheimes, uns Menschen unbekanntes Leben. Und vielleicht fühlen sie ja auch mit uns.

Als ich die Orchidee in der Seitentasche meines Rucksacks mit nach Hause genommen habe, sah sie so trostlos aus, dass mich eine Frau im Zug angesprochen hat. „Ob die Blume die Fahrt wohl überlebt?“, fragte sie. Ich erzählte ihr, dass ich sie von meiner Mutter geerbt hätte, die in der Nacht gestorben sei. Sie wünschte mir herzliches Beileid und viel Glück.

Auf meiner Fensterbank gefällt es der Orchidee offenbar. Schon nach wenigen Stunden hat sich die erste Blüte geöffnet, weitere werden wohl folgen. Und während ich das schreibe, denke ich, dass es  vielleicht ein Zeichen ist – ein Zeichen, dass es meiner Mutter jetzt besser geht, wo immer sie auch ist.

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Kunst am See

Zugegeben, der Würmsee ist kein wirklicher See, eher ein Teich oder auch nur ein flacher Tümpel. Früher war er angeblich so tief, dass  die Kinder darin schwimmen lernen konnten. Das hat mir zumindest ein Paar erzählt, das aus der Gegend stammt und das ich gestern zufällig am See getroffen habe. Ich erinnere mich daran, dass es in den ersten Jahren, als ich hier war, noch einen Tretbootverleih gab und dass wir im Winter auf dem See Schlittschuh gelaufen sind. Ich habe das Eislaufen hier erst gelernt.

Entstanden ist der Würmsee durch den Torfabbau und weil er – anders als die Moorseen in der Umgebung – permanent Wasser verliert, ist er fast verlandet. Nur weil regelmäßig Grundwasser nachgepumpt wird, ist er jetzt wieder das, was er früher war: ein beliebtes Naherholungsgebiet nicht nur für Leute aus Burgwedel, sondern auch für Leute aus den umliegenden Orten.

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Der Torffresser erinnert daran, wie der See entstanden ist: durch den Torfabbau.

Auch ich war jahrelang gar nicht mehr am Würmsee – aber seit ich ihn vor zwei Jahren zufällig wiederentdeckt habe, fahre ich oft mit dem Fahrrad hin. Meist gehe ein oder zwei Runden um den See, tanke die Portion Wasserblick, die ich für mein Wohlbefinden brauche, und fahre wieder nach Hause. Wenn die Wege matschig sind, begnüge ich mich mit einem Blick auf den See. Und so habe ich erst jetzt entdeckt, was sich hier in den letzten Wochen getan hat. Um den See entsteht der „Erlebnispfad Würmsee“ mit acht Stationen. Die ersten vom Atelier LandArt entworfenen Stationen  machen Lust auf mehr.

Gut, mit den riesigen Vogelnestern, die wie auf Stelzen aus dem flachen Wasser ragen, kann ich nicht so viel anfangen. Vielleicht nehmen ja die Vögel sie in Beschlag, die hier am See wohnen. Die knallig roten Torffresser sind dagegen ein wunderschöner Farbklecks an diesem eher grauen Spätwintertag. Ich bin gespannt, wie sie aussehen, wenn um sie herum alles grün ist.

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(Sozialer) Wohnungsbau für Vögel

Wirklich gut gefällt mir die Stahlrohr-Hütte zwischen den Kiefern, Erinnerung daran, dass am See nach dem Krieg Flüchtlinge einquartiert wurden (ja, wir schaffen das).

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Damals waren die Bauvorschriften offenbar noch nicht so strikt und die Standards eher einfach.

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Und die Stege am See sind einfach toll. Auf ihnen oder in der Stahlrohr-Hütte werde ich sicher manches Mal sitzen, wenn es ein bisschen wärmer ist. Kunst zum Anfassen, zum Nutzen. Ich bin gespannt auf die nächsten Kunstwerke, die bis zum Sommer hier entstehen.

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Sommersitz

Was bleibt

Er war, darin sind wir uns einig, besonders schön – aber das meinen wir eigentlich jedes Jahr. Besonders stachlig war er gewiss. Und er hat zu meiner Freude sicher mehr geduftet als die meisten seiner Vorgänger: Jeden Morgen hing ein Hauch von Tannenduft im Wohnzimmer. Dass er so lange bleiben durfte, hatte aber einen anderen, eher praktischen Grund. Am 6. Januar, am Befana-Tag, an dem Weihnachtsbäume bei uns in der Regel das Feld, pardon, das Wohnzimmer räumen müssen, war mein Mann auf dem Sprung zu den Polarlichtern nach Tromsö. Statt Tannenbaum-Entsorgung war also Kofferpacken angesagt.

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Vorher …

Mir war’s recht. Denn ich mag nicht nur den Tannenduft, sondern auch die Lichterkettenbeleuchtung, die ich schon früh morgens anschalte, wenn ich meine erste Tasse Kaffee koche. Und so hätte dieser Weihnachtsbaum fast durchgehalten bis Lichtmess, in manchen Gegenden der traditionelle Weihnachtsschmuck-Abräumtag. Doch zum Schluss rieselten die Nadeln, sobald sich jemand dem Baum näherte, und signalisierten deutlich, dass die Weihnachtsbaumzeit abgelaufen war.

Als wir Anfang der Woche Kugeln, Lichter- und sonstigen Ketten entfernt hatten, waren manche Zweige ganz nackt. Und wie in jedem Jahr verteilten sich die pieksenden Nadeln auf wundersame Weise im ganzen Haus und kommen erst nach und nach zum Vorschein. Die letzten wahrscheinlich erst, wenn wir im Dezember den neuen Baum aufstellen.

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… nachher

Besonders gerne verfangen sie sich  in den Wollstrümpfen, die meine Mutter früher für mich und viele andere gestrickt hat. Wie viele es waren? Hunderte, gewiss, im Lauf der letzten Jahre. Und trotzdem hat sie das Strümpfestricken inzwischen verlernt; ihre körperlichen Kräfte lassen ebenfalls immer mehr nach. Und während ich eine Tannennadel aus dem Strumpf puhle, denke ich, dass dieser Weihnachtsbaum vielleicht der letzte war, den meine Mutter gesehen hat. Den Heiligen Abend hat sie im vergangenen  Jahr noch mit meinem Mann und mir gefeiert, doch in diesem Jahr wird sie die wenigen Stufen zu unserer Haustür sicher nicht mehr schaffen …

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Ende eines Weihnachtsbaums

 

Das vorwitzige Fenster

Gestern habe ich meine Mutter im Altenheim besucht: Das ist nichts Besonderes, denn das tue ich seit ihrem Umzug im Januar meist dreimal in der Woche.

„Wie schön, dass endlich mal jemand kommt“, sagte sie, so als habe sie schon lange niemanden von uns gesehen. Dass meine jüngere Schwester und ihre Tochter sie am Tag zuvor besucht haben, hat meine Mutter längst vergessen. Und leider hat meine Schwester vergessen, den Besuch in den Kalender einzutragen, der meiner Mutter hilft, sich zu erinnern, weil ihr Gedächtnis sie immer häufiger im Stich lässt. Meine Mutter schaut mich zweifelnd an, als ich sie an den Besuch erinnere. „Wirklich?“, fragt sie. Überzeugt ist sie nicht – und zufrieden auch nicht. Ich versuche, sie auf andere Gedanken zu bringen.

„Schau was ich dir mitgebracht habe“ sage ich und packe den Adventskranz aus, den mein Mann für sie gekauft hat. Er ist aus Plastik, sieht aber, das muss ich, bekennende Hasserin künstlichen Tannenschmucks, täuschend echt aus. Dass er überhaupt nicht duftet, merkt meine Mutter nicht: Sie hat wie viele alte Menschen ihren Geruchssinn verloren. Und auch den guten Geschmack, wie es scheint. Denn die vielen bunten LEDs, von denen meine Tochter sicher behaupten würde, dass sie Augenkrebs verursachen, gefallen ihr gut – und machen sie fröhlich.

„Wie schön“, sagt sie. „Sag deinem Mann herzlichen Dank. Und grüß ihn schön, wenn du ihn siehst.“ An seinen Namen erinnert sie sich oft nicht mehr, obwohl sie ihn seit mehr als 30 Jahren kennt und er sie öfter besucht.

„Welchen Monat haben wir eigentlich“, will meine Mutter wissen. „November“, sage ich. Und am nächsten Sonntag ist der erste Advent. Deshalb habe ich dir ja auch den Adventskranz mitgebracht.“

„Schön“, wiederholt sier und berührt die Zweige vorsichtig. Sie pieksen nicht und die bunten Lichter bleiben, LED sei Dank, auch dann kalt, wenn sie stundenlang brennen. Der Adventskranz ist kinder- und altensicher. Trotzdem frage ich später im Büro des Altenheims nach, ob ich ihn stehen lassen kann.

„Wo bin ich hier eigentlich“, will sie dann wissen. „Und wie bin ich hierher gekommen?“

Diese Frage stellt meine Mutter immer wieder und ich beantworte sie ihr sicher zum zehntausendsten Mal. Dass sie in einem Altenheim in der Nähe von Hannover ist und dass sie seit Anfang des Jahres hier lebt, weil sie alleine nicht mehr in dem Haus an der Mosel leben konnte – mehrere Hundert Kilometer von ihren Kindern entfernt. „Hier bist du versorgt und wir können dich oft besuchen“, sage ich.

Ich zeige ihr im Kalender, wie viele Besuche seit Anfang des Monats darin vermerkt sind: Drei von meinen Schwestern, die in Berlin bzw. Hamburg leben, etwa zehn von mir. Denn ich wohne im Nachbarort und brauche mit dem Bus nur etwa eine halbe Stunde. „Ich bekomme ja wirklich viel Besuch“, sagt sie und schaut sich um. „Und  es ist ja auch schön hier. Ich habe alles, was ich brauche: meine Möbel, den Fernseher und ein vorwitziges Fenster.“

Der Ausdruck gefällt mir und ihr hat das Fenster von Anfang an gefallen: Es reicht bis zum Boden. Die Gardinen sind – anders als in ihrer alten Wohnung – meist zurückgezogen, geben den Blick nach draußen frei. „Von hier aus kann ich alles sehen, was draußen passiert. Die Autos, die Leute, die vorbeigehen. Das ist schön“, sagt sie und schaut hinaus. Gerade geht eine junge Frau mit ihrem Kind vorbei, meine Mutter sieht ihr nach.

In den ersten Monaten ist sie noch selbst zum Supermarkt gegangen oder zu dem Café an der Hauptstraße. Jetzt schafft sie es nicht mehr und sie begnügt sich mit dem Blick aus dem Fenster. Er genügt ihr. Sie genießt ihn. Denn er verbindet sie mit dem Leben, an dem sie selbst nicht mehr teilhaben kann, aus dem sie sich immer mehr zurückzieht.

Und mir fällt ein, was die Leiterin eines kleinen Altenheims erzählte, die ich vor Jahren interviewt habe. Besonders begehrt seien die Zimmer zur Straße. Ein Zimmer mit Blick zum Garten wollten die wenigsten alten Menschen. Dass die Straßenzimmer lauter waren, störte sie nicht, im Gegenteil: Sie sagen: „Ruhe habe ich bald genug.“ Das sollten sich all diejenigen merken, die Altenheime auf Bauernhöfen, am Stadtrand, auf der grünen Wiese planen, bauen und betreiben – jwd, weit ab von allem.