Manchmal kommt es bekanntlich anders … Eigentlich bin ich ins Wilhelm Busch Museum für Karikatur & Zeichenkunst gegangen, um mir die Ausstellungen von Anke Feuchtenberger und Ulli Lust anzusehen, laut Website des Museums zwei der international bedeutendsten Comiczeichnerinnen der Gegenwart.
Doch dann bin ich zuerst in einer Ausstellung in den Gästezimmern im zweiten Obergeschoss gelandet. Von der Comic-Zeichnerin, Cartoonistin und Autorin Katharina Greve hatte ich bis dahin noch nichts gehört und gelesen. Aber schon der Titel der kleinen Ausstellung hat mir sehr gut gefallen: „Regeln sind zum Brechen da“. Zu sehen sind Zeichnungen aus Katharina Greves Büchern* von der dicken Prinzessin Petronia und aus ihren „Geschichten von Mutter und Tochter“.
Das Mutter-Tochter-Duo ist „die weibliche Antwort auf den Comic-Klassiker Vater und Sohn von e.o.plauen“. Gemeinsam bewältigen die beiden die Herausforderungen des modernen Alltags alleinerziehender Müttern – ganz ohne Worte, aber mit Kreativität, Witz und einer Prise Anarchie.
Foto: Museum Wilhelm Busch; c: Katharina Greve
Dicke Prinzessin contra kleiner Prinz
Auch die Ähnlichkeit der dicken Prinzessin Petronia mit einer bekannten literarischen Figur ist nicht zufällig, sondern gewollt. Denn Petronia ist die (noch) unbekannte Cousine des weltbekannten kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry. Sie lebt, von ihren eigenen Eltern „outgesourced“, auf einem eigenen Planeten, dem „mickrigsten und langweiligsten Klumpen im Universum“. Ihr einziger Mittbewohner ist der Multifunktionswurm Mirco, mit dem sie per Wurmloch durch den Kosmos reist und verschiedene Abenteuer erlebt.
Dem gängigen Schönheits- und Prinzessinnenklischee entspricht Prinzessin Petronia sicher nicht. Sie ist dick, hasst Bälle und Rüschenkleider, liebt Naturwissenschaften. Als herrschsüchtig, vorlaut, kaltherzig und altklug gilt sie aber wohl vor allem, weil sie ein Mädchen ist. „Wenn ich ein Junge wäre, würde das Universum denken, ich wäre … durchsetzungsstark, rational, … selbstbewusst, … gebildet“, erkennt die kluge Prinzessin, die gängige Rollenbilder infrage stellt. Und während der kleine Prinz in dem gleichnamigen Klassiker poetische Lebensweisheiten verkündet, fragt Petronia beispielsweise nach den Nährwerten von Schmetterlingen im Bauch oder ob Gulliver eine Reiserücktrittsversicherung hatte.
Foto: Wilhelm Busch Museum; c Katharina GreveFoto: Wilhelm Busch Museum; c Katharina Greve
Ausstellungen und Bücher
Mir hat die Prinzessin so gut gefallen, dass ich mir das Buch gleich gekauft habe (gibt es ebenso wie den zweiten Petronia-Band und die Mutter-Tochter-Geschichten im Museumsshop). Und weil ich für die Dead-Author-Challenge ohnehin auf der Suche nach Büchern von AutorInnen, die bereits gestorben sind, habe ich Antoine de Saint-Exupérys kleinen Prinzen aus dem Regal geholt und wieder gelesen. Das Buch hat seine zweite Chance zwar genutzt, aber ich mag die kluge Cousine des kleinen Prinzen eindeutig lieber.
Die Ausstellungen „Ich sehe was, was du nicht siehst“ von Ulli Lust und Anke Feuchtenberger habe ich mir auch noch angesehen. Doch auch sie bekommen demnächst noch eine zweite Chance. Beide Ausstellungen werden noch bis zum 14. Juni gezeigt, „Regeln sind zum Brechen da“ noch bis zum 2. August.
*Dieser Beitrag enthält unbezahlte Werbung
Katharina Greve: Prinzessin Petronia – Das Brimborium schlägt zurück.avant-verlag, Berlin 2024
Katharina Greve: Die dicke Prinzessin Petronia. avant-verlag, Berlin 2024
Katharina Greve: Meine Geschichten von Mutter und Tochter. avant-verlag, Berlin 2025
Käte wer? Von Käte Steinitz hatte ich zugegebenerweise noch nie etwas gehört, als ich beim Besuch der Niki-Kusama-Murakami-Ausstelling im Sprengel Museum die Plakate für ihre Ausstellung sah. Es dauerte dann einige Wochen, bis ich mir sie anschaute. Möglicherweise hätte ich es ohne meine Museumscard gar nicht getan. Schließlich sind 14 Euro Eintritt für eine Rentnerin kein Pappenstiel. Aber die Museumscard macht es eben möglich, auch bislang unbekannte KünstlerInnen zu entdecken.
Im Schatten Kurt Schwitters
Unbekannt war Käte Steinitz in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts in Hannover eigentlich nicht. Und auch heute noch ist ihr Wirken im hannoverschen Kulturleben präsent. So ist die hannoversche Literaturzeitschrift Hahnepeter, die ich regelmäßig lese, nach einer von Käthe Steinitz erfundenen Märchenfigur benannt. Und Zinnober, der Rundgang durch die hannoverschen Ateliers, an dem ich jedes Jahr im September so gerne teilnehme, verdankt seinen Namen den legendären Künstlerfesten, die Käte Steinitz in den Zwanzigern gemeinsam mit Kurt Schwitters initiiert und organisiert hat. Doch das war mir gar nicht bewusst – ich habe beides, wenn überhaupt, eher mit Kurt Schwitters in Verbindung gebracht. Es sind eben immer noch meist die Frauen, die vergessen werden
Mit Kurt Schwitters freundete sich Käte Steinitz an, nachdem sie und ihr Mann Ernst nach Hannover gezogen waren. In Berlin hatte sie laut Wikipedia unter anderem bei Käthe Kollwitz und Lovis Corinth Bildende Kunst studiert – die Kunsthochschule durfte sie als Frau damals nicht besuchen. In Hannover wurde ihre Wohnung schnell zum Treffpunkt der hannoverschen Kunstszene – und Käte Steinitz zu einer wichtigen Ideengeberin und Förderin der Avantgarde-Kunst.
Kurt Schwitters und Käte Steinitz arbeiteten eng zusammen: So illustrierte sie sein Märchen „Hahnepeter“ und gründete mit ihm den Verlag Aposs, dessen Namen für „A = aktiv, p = paradox, os = ohne Sentimentalität, s = sensibel“ steht, und machte sich als Mäzenin, Journalistin und Verlegerin einen Namen.
Schon bald nach der Machtergreifung der Nazis 1933 verlor Käte Steinitz‘ Mann Ernst seine Stelle als leitender Arzt am jüdischen Krankenhaus Siloah und emigrierte in die USA. Käte Steinitz und ihre drei Töchter flohen 1936 vor den Nazis nach Amerika. 1935 hatte die Reichsschrifttumskammer ein Publikationsverbot gegen Käte Steinitz verhängt, unter anderem wegen „Kulturbolschewismus“. 1937 wurden ihr Aquarell „Kinderbildnis“ als „Entartete Kunst“ aus dem Provinzialmuseum Hannover beschlagnahmt und vernichtet.
Künstlerisches Werk bleibt unbeachtet
In den USA verdiente Käte Steinitz – oder amerikanisch Kate Trauman Steinitz – ihren Lebensunterhalt unter anderem als Bibliothekarin und Lehrerein. Sie veröffentlichte mehrere Schriften über Leonardo da Vinci und ein Buch über die Zeit in Hannover: „Kurt Schwitters. Erinnerungen aus den Jahren 1918 – 1930“. Und sie arbeitete weiter als Malerin, Fotografin und Illustratorin: Der Teil ihres künstlerischen Nachlasses, den ihre Erben dem Sprengel Museum 2018 schenkten, umfasste laut Sprengel Museum mehr als 2.000 Arbeiten!
Trotzdem blieb ihr Werk weitgehend unbekannt. Der Großteil ihrer Arbeiten wurden nicht veröffentlicht; viele fotografische Arbeiten sind nur als Negative überliefert, Ihr Werk geriet „aus doppeltem Grund … aus dem Blickfeld der Geschichtsschreibung: Als Werk einer Frau wurde es marginalisiert, nach 1936 war es im Exil der Öffentlichkeit kaum mehr zugänglich“, wie es auf einer der Ausstellungstafeln so treffend heißt.
Käte Steinitz starb 1975 in den USA. 50 Jahre nach ihrem Tod sind rund 180 Werke aus sieben Jahrzehnten, darunter expressionistische Hinterglasbilder, Zeichnungen, Fotografien und Texte, im Untergeschoss des Sprengel Museums zu sehen – direkt neben der Dauerausstellung „Abenteuer Abstraktion“. Mir haben am besten ihre Landschaftsbilder gefallen – und als bekennender Skizzenbuchfan – natürlich die Auszüge aus ihren Tage-, Notiz- und Skizzenbüchern.
Stadt Hannover vergibt Käte Steinitz Preis
Die Ausstellung ist noch bis zum 25. Januar zu sehen. Im kommenden Jahr vergibt die Landeshauptstadt Hannover auch erstmals den „Käte Steinitz Preis für künstlerische Kollaboration“. Er ist mit 20.000 Euro dotiert und wird an zeitgenössische KünstlerInnen aus den Bereichen bildende Kunst, Fotografie, Textproduktion, Illustration und Verlagswesen vergeben, „die in enger Zusammenarbeit mit anderen Beteiligten ein herausragendes Werk oder Projekt realisiert haben“.
Für Isabel Schulz, Ideengeberin des Preises und Leiterin des Kurt Schwitters Archivs war Käte Steinitz „eine der spannendsten Persönlichkeiten des kulturellen Lebens in Hannover der 1920er-Jahre … eine herausragende Künstlerin und Netzwerkerin, die mit ihrer Offenheit und ihrem visionären Denken bedeutende Impulse für die Kunstszene setzte.“ Mit dem Preis soll an Käte Steinitz‘ „außergewöhnliches Schaffen und ihre inspirierende Rolle als Vermittlerin der Avantgarde“ erinnert werden. Besser spät als nie.
Im vergangenen Jahr habe ich regelmäßig am Anfang des Monats auf den vergangenen zurückgeschaut; warum ich im März damit aufgehört habe, weiß ich nicht mehr. Eine Rolle hat sicher auch gespielt, dass ich im Sommer wenig unternehmen Konnte. Doch jetzt will ich die Monatsrückblogs wieder aufleben lassen. Denn als ich vor ein paar Tagen über Denises Journalingfrage „Was ist dir im Oktober im Gedächtnis geblieben“ nachgedacht habe, wurde mir bewusst, was ich alles erlebt und schon fast wieder vergessen hatte.
Ich bin im Oktober viel gereist. Zwar meist nur kurz und „nur“ in Deutschland, aber oft. Ich war an der Nordsee, in Frankfurt auf der Buchmesse und in Neustadt an der Weinstraße. In den Harz und nach Hamburg bin ich sogar gleich zweimal gefahren.
An der Nordseeküste
Zwei Tage haben wir mit dem Wohnmobil auf unserem „Stammstellplatz“ in Döse direkt hinterm Deich verbracht. Weil im Herbst Millionen Zugvögel auf dem Weg nach Süden im Wattenmeer einen Zwischenstopp einlegen, hat uns diesmal unsere Tochter begleitet. Sie hat sich schon als Kind für Vögel interessiert und vor ein paar Jahren diese Leidenschaft wiederentdeckt. Wenn ich mit ihr unterwegs bin, zeigt sie mir immer wieder Vögel, die ich bis dahin gar nicht kannte. Mehr als 150 Vogelarten hat sie inzwischen fotografiert – einige der wirklich beeindruckenden Vogel- und Naturfotos sind auf ihrer Website zu sehen und zu kaufen.
Buchmesse in Frankfurt
Die Frankfurter Buchmesse habe ich zum ersten Mal während meines Studiums in Mainz besucht – und ich erinnere mich noch genau, wie überwältigt ich damals von der Zahl der Verlage und der ausgestellten Bücher war. Für einen Bücherfan wie mich war die Buchmesse das Paradies. Ich konnte mich gar nicht sattsehen.
Stundenlang lief ich durch die Hallen, blätterte in Büchern und sammelte kiloweise Prospekte vor allem von den kleinen Verlagen, deren Bücher man nur selten in Buchhandlungen fand. Besonders glücklich war ich, wenn ich einen Fachbesucherausweis ergatterte. Denn mit ihm konnte man montags, damals noch der letzte Messetag, Bücher deutlich unter dem Ladenpreis kaufen. Diese Gelegenheit habe ich gerne genutzt.
Auch als ich nicht mehr im Süden wohnte, bin ich regelmäßig zur Frankfurter Buchmesse (FBM) gefahren – und nach der Wende zur Leipziger. In diesem Jahr war ich zum ersten Mal seit Corona wieder in Frankfurt – und ein bisschen enttäuscht. Irgendwie hatte die Messe ihren Zauber verloren. Das ist vielleicht nach so vielen Buchmesse-Besuchen normal. Aber es liegt sicher auch daran, dass sich in der Buch- und Medienbranche vieles geändert hat. Über Neuerscheinungen oder Verlagsprogramme kann frau sich heute schneller und umfangreicher im Internet als an den Messeständen informieren. Für Gespräche haben die MitarbeiterInnen oft wenig Zeit und einige kleinere Verlage habe ich auf der Messe vergeblich gesucht. Manche kommen gar nicht mehr zur Buchmesse, andere stellen aus Kostengründen nur noch auf Gemeinschaftsständen aus. Und einige Verlage gibt es vielleicht gar nicht mehr.
Große Verlage,kleine Verlage– überall Bücher
Schön war’s auf der Buchmesse aber trotzdem, auch weil ich dort eine befreundete Verlegerin getroffen habe und mit ihr über ein (gemeinsames) Buchprojekt gesprochen. Das reicht im doppelten Sinne weit in die Vergangenheit zurück – bis ins Mittelalter und zu einer Exkursion während unseres Studiums. Vielleicht schaffen wir es ja irgendwann, es zu verwirklichen.
In der Pfalz
Zugegeben, auf dem direkten Weg zwischen Frankfurt und Hannover liegt Neustadt an der Weinstraße nicht, aber der Besuch bei meiner Freundin war den Umweg auf jeden Fall wert. Gemeinsam haben wir uns die Ausstellung Caesar und Kleopatra im Historischen Museum angesehen. In deren Mittelpunkt stand zwar das wohl berühmteste Paar der Antike, aber mehr als 240 Exponate aus acht europäischen Ländern informierten auch über die politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Hintergründe und ermöglichten virtuelle Streifzüge durch Alexandria und Rom.
Das wohl berühmteste Liebespaar der Antike …… und der Leuchtturm von Alexandria
Und sie räumte mit dem Klischee Kleopatras als Femme fatal auf. Denn die ägyptische Herrscherin war nicht nur schön, sondern hochgebildet: Sie sprach viele Sprachen, hatte großes politisches Geschick und einen scharfen Verstand. Caesar und Cleopatra verbanden sicher nicht nur Liebe, sondern auch politische Interessen: Kleopatra suchte eine Schutzmacht, die ihre Herrschaft in Ägypten absicherte, Caesar den Zugriff auf die ägyptischen Ressourcen. Denn Rom war z. B. abhängig von Getreidelieferungen aus Ägypten. Das alles hatte ich sicher mal irgendwann gelernt, aber fast wieder vergessen. Reisen bildet eben.
Auf der Rückfahrt nach Neustadt haben wir dann in Deidesheim Halt gemacht. In einem Lokal habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Saumagen probiert – es schmeckt besser, als es sich anhört – und einen Rundgang durch eines der schönsten Weindörfer der Pfalz gemacht. Leider war es schon dunkel, aber ich werde gewiss wiederkommen, um Deidesheim und die Pfalz besser kennen zu lernen.
Hamburg: Planten un blomen
Planten un blomen habe ich erst im letzten Jahr entdeckt. Dabei liegt der Park mitten in Hamburg, zwischen Congress-Centrum, Messegelände und St. Pauli. Und anders als die Herrenhäuser Gärten in Hannover ist er ohne Eintritt zugänglich. Bei meinen ersten Besuchen hat mich die Atmosphäre im Japanischen Garten fasziniert: Er ist auch mitten in der Großstadt ein Ort der Ruhe. in dem die leuchtend roten Blätter des Japanischen Ahorns farbige Akzente setzen.
Am Rosengarten wäre ich wieder fast vorbeigelaufen. Bei meinem Besuch im Frühling blühten die Rosen noch nicht, im Oktober ist die Rosenzeit eigentlich vorbei. Doch dann sah ich aus der Ferne ein paar Blüten – und habe es mir anders überlegt.
Etwa 300 verschiedene Rosensorten wachsen in dem 5.000 Quadratmeter großen Garten – zum Beipiel historische und Englische Rosen, Strauch-, Wild-, Beet-, Kletter- und Hochstammrosen – und viele Stauden. Die meisten Sommerblumen waren längst verblüht, doch viele Rosen blühten immer noch und bewiesen, wie ausdauernd sie sind. Ich habe mir fest vorgenommen, spätestens im nächsten Sommer wiederzukommen: Denn in der Sommersaison erklingt im offenen Pavillon im Zentrum des Rosengartens täglich klassische Musik.
Hamburg: Hans Zimmer live
Mein Mann ist ein Fan von Hans Zimmer und er ist bei Weitem nicht der einzige. Die Barclays Arena war beim Konzert auf der Tournee „The Next Level“ ausverkauft.
Hans Zimmer ist wohl einer der begehrtesten und innovativsten Filmmusikschreiber Hollywoods. Mehr als 100 Filmmusiken hat er komponiert, u.a. für Rain Man, Fluch der Karibik, Interstellar, Da Vinci Code, Gladiator und König der Löwen. Für die Filmmusik von König der Löwen bekam er einen Oscar, zwölfmal wurde er nominiert.
Im Februar war ich schon einmal mit meiner Tochter in einem Hans-Zimmer-Konzert im Congress Centrum Hannover – und war enttäuscht. Nicht von der Musik und auch nicht von den InterpretInnnen: Die SängerInnen waren sehr gut, das Orchester ebenfalls. Nur die Tontechnik hat jämmerlich versagt. Übrigens nicht zum ersten Mal im CCH. Das Orchester übertönte den Chor fast immer und teilweise war die Musik unerträglich laut. Viele BesucherInnen gingen in der Pause. Wir blieben und wurden mit einer deutlich besseren zweiten Hälfte belohnt.
Sehr, sehr laut war auch der Auftakt beim Konzert in der Barclays Arena. Nach den ersten Takten zog ich meine Hörgeräte aus, was ein bisschen half. Wirklich gut wurde das Konzert ab dem dritten Stück. Highlight war sicher aus Circle of Life aus dem König der Löwen, aber fast noch besser hat mir das Stück aus dem Gladiator gefallen, dessen Titel ich leider nicht kenne, weil ich eine musikalische Analphabetin bin.
Übrigens war nicht nur die Musik, sondern auch der Veranstaltungsort selbst ein Erlebnis. Ich neige nicht zur Höhenangst, aber beim ersten Blick von unseren Plätzen auf die Bühne wurde mir doch etwas mulmig. Wir saßen in der letzten Reihe, über uns waren nur noch Technik und das Hallendach. Aber nach ein paar Minuten hatte ich mich an den Blick in die Tiefe gewöhnt und konnte das Konzert genießen.
Wandern im Harz
Der Monat endete, wie er begonnen hat: mit einer Wanderung im Harz. Am Reformationstag war die die Strecke schon länger und anspruchsvoller als am Anfang des Monats. Es gab einige Auf- und Abstiege, die ich bewältigte, ohne dass mein Fuß größere Probleme bereitete. Allerdings spielte mir mein Kopf an einigen Stellen einen Streich. Weil sie mich an meinen folgenreichen Ausrutscher im Mai erinnerten, bewegte ich mich an rutschigen und abschüssigen Passagen sehr vorsichtig und ängstlich. Aber auch das wird sich im Laufe der Zeit hoffentlich wieder ändern.
LaubwaldThranduil, König der Waldelben – Cosplay: Foe RodensFoto: Foe Rodens
Auf unserer Wanderung vom Radauwasserfall nach Bad Harzburg und wieder zurück sind wir im Wald dann einem Wesen aus dem nördlichen Düsterwald begegnet. Thranduil, König der Waldelben in Tolkiens Roman Der Hobbit, gab sich die Ehre und ließ sich bereitwillig von mir fotografieren. Ein würdiger Abschluss eines erlebnisreichen Monats. (Weitere Cosplays von Foe Rodens unter https://foecreations.wordpress.com/cosplay/).
Niki de Saint Phalle kennt in Hannover fast jedeR. Als die Nanas 1974 am Leineufer aufgestellt wurden, hagelte es laut Wikipedia Proteste. „In Leserbriefen an die Hannoversche Allgemeine Zeitung wurden die Nanas unter anderem als ‚Ekelhafte Scheußlichkeiten‘, ‚Kulturschande‘ und ‚Umweltverschmutzung‘ bezeichnet“. Der damalige Stadtimagepfleger Mike Gehrke musste sogar unter Polizeischutz gestellt werden.
Geschadet hat der Aufruhr um die Kunst im öffentlichen Raum weder der Karriere der Künstlerin noch dem Ansehen der Landeshauptstadt – im Gegenteil. Die HannoverannerInnen haben die drei bunten Damen – Caroline, Sophie und Charlotte – längst liebgewonnen. Niki de Saint Phalle wurde erste Ehrenbürgerin der Stadt und schenkte dem Sprengel Museum vor 25 Jahren mehr als 400 ihrer Arbeiten – viele sind zurzeit gemeinsam mit Werken von Yayoi Kusama und Takashi Murakami in der Ausstellung „Niki. Kusama. Murakami. Love You for Infinity“ zu sehen. Insgesamt werden auf rund 2.000 Quadratmetern etwa 120 Bilder, Skulpturen, Installationen, Grafiken und Filme präsentiert.
In der Eingangshalle: Werke von Yayoi KusamaNiki de Saint Phalle und Takashi Murakami
Von Yayoi Kusama und Takashi Murakami hatte ich – bekennende Kunstbanausin – zugegebenerweise noch nie etwas gehört. Ich habe mir die Ausstellung vor allem wegen Niki de Saint Phalle angesehen.
Niki de Saint Phalle French-American sculptor, painter, and filmmaker Niki de Saint Phalle with one of her pieces, 1983; Photographer: Norman Parkinson / Iconic Images/ Sprengel Museum Hannover
Manche ihrer Arbeiten, zum Beispiel die von ihr gestaltete Grotte in den Herrenhäuser Gärten und viele ihrer Zeichnungen gefallen mir sehr gut, andere, unter anderem auch die legendären Nanas oder auch den verliebten Vogel (L´ouiseau Amoureux Fontaine), den ich im Mai im Ekebergparken entdeckt habe, finde ich eher solala. Auf jeden Fall imponiert mir, wie sie als Außenseiterin ihren Weg in der Kunstwelt gemacht hat – mit ganz ungewöhnlichen Werken und in einer Zeit, als Kunst noch viel mehr als heute eine Männerdomäne war.
Außergewöhnlich, aber unverkennbar: Bilder und Skulpturen von Niki de Saint Phalle
Yayoi Kusama gilt als eine der bedeutendsten japanischen Künstlerinnen der Nachkriegszeit und ist bekannt für ihre Polka-Dots und immersive Installationen.
Charakteristisch für Yayoi Kusama:Polka-Dots
Ihr Landsmann Takashi Murakami verbindet traditionelle japanische Kunst mit zeitgenössischen Themen aus Popkultur und Konsumwelt. Die Arbeiten der beiden JapanerInnen passen sehr gut zu Niki de Saint Phalles farbenfrohen Werken. Oder, wie der Direktor des Sprengel Museums, Reinhard Spieler, es fachmännisch formulierte: „Diese Ausstellung bringt drei Ikonen der Kunstgeschichte zusammen, die auf ganz unterschiedliche Weise universelle Themen berühren und dabei Brücken schlagen – zwischen Kunst, Popkultur und gesellschaftlicher Reflexion.“ Mich hat die Ausstellung wirklich begeistert, auch wenn ich – siehe oben – nicht mit allen Werken etwas anfangen kann. Und weil Bilder mehr sagen als Worte, lasse ich hier einfach Fotos sprechen.
Highlight war für mich der letzte der insgesamt zwölf Ausstellungsräume: In der großen Ausstellungshalle verdoppelt ein verspiegelter Boden die gezeigten Werke und eröffnet ungewöhnliche Perspektiven. Niki de Saint Phalles „Skull Meditation Room“ in Form eines glitzernden Schädels können die BesucherInnen ebenso betreten wie das „Nana Maison“ und den „Infinity Mirrored Room“ von Yayoi Kusama. In ihm wäre ich gerne länger geblieben, aber die Verweildauer ist hier leider begrenzt. Aber ich komme sicher wieder.
„Infinity Mirrored Room“ von Yayoi KusamaUnverwechselbar Niki de Saint Phalles „Nana Maison“ …… und der „Skull Meditation Room“
Beeindruckt haben mich auch sechs Taststationen neben einigen Werken von Niki Saint Phalle. Sie ermöglichen nicht nur blinden und sehbehinderten Menschen barrierefreie Zugänge, sondern auch „sehende“ wie ich können die Kunstwerke dadurch auf eine neue Art „begreifen“. Eine wirklich gute Idee.
Auf der Fahrt zur Insel Romö hatte ich ein Hinweisschild auf das Museum Emil Nolde entdeckt, auf der Rückfahrt sind wir dann nach Seebüll gefahren. Denn Noldes Bilder – vor allem seine Mohnblumen – fand ich schon als Jugendliche toll. Und natürlich hat mir auch sein Image als von den Nazis verfolgter Künstler gefallen. Ich habe, und da bin ich sicher nicht die einzige, die (fiktive) Geschichte Malers Max Ludwig Nansen, die Siegfried Lenz in seinem Roman Deutschstunde erzählt, für eine Art Nolde-Biografie gehalten.
Selbstbildnis Malermensch Nolde
Dass Nolde kein Opfer der Nazis war, wusste ich inzwischen. Dass er ein glühender Anhänger der Nationalsozialisten, Rassist und Antisemit war, wurde mir allerdings erst bewusst, als ich den Besuch des Nolde Museums plante. Und ich habe mir wirklich überlegt, ob ich mir die Bilder eines Menschen ansehen soll, der sich bei Hitler und Co. anbiederte, bis zum Schluss auf den Endsieg hoffte und sich als Vorkämpfer gegen das Judentum sah. Ich bin dann doch hingefahren. Zum Glück, denn das Museum ist wirklich sehenswert. Außerdem habe ich mich dadurch mehr mit Noldes Vergangenheit beschäftigt.
Der Eingang zum Nolde Museum …… das Atelier- und Wohnhaus …— und das „Seebüllchen“ im Garten
So ist auf der Website der Nolde Stiftung zu lesen, dass Nolde 1933 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten „einen nicht im Detail überlieferten Plan (erarbeitete), der eine territoriale Lösung der sogenannten ‚Judenfrage‘ – eine Aussiedlung der Juden“ vorsah. Diese falsche Behauptung hat er nie zurückgenommen – und er hat sich auch nach Ende des Krieges nie von seinen faschistischen Äußerungen und Einstellungen distanziert. Im Gegenteil: Nolde hat sich nach dem Krieg als Opfer der Nationalsozialisten dargestellt.*
Das gelang ihm wohl auch deshalb problemlos, weil er der berühmteste als „entartet“ verfemte Künstler war. Mehr als 1.000 seiner Arbeiten wurden während der Zeit des Nationalsozialismus beschlagnahmt – so viele wie von keinem anderen Maler. 1941 wurde er aus der Reichskammer der bildenden Künste ausgeschlossen und mit einem Ausstellungs-, Verkaufs- und Publikationsverbot belegt. Ein Malverbot gab es indes wohl nie: Nolde durfte weiter malen, seine Bilder aber nicht verkaufen.
Am Hungertuch nagten er und seine Frau Ada trotzdem nicht. Laut Bernhard Fulda gehörte er „zwischen 1933 und 1941 eindeutig zu den Spitzenverdienern unter den Künstlern im ‚Dritten Reich‘“. Zwischen 1937 und 1941 verdiente Nolde mehr als je zuvor: allein im Jahr 1940 nach seiner Umsatzsteuererklärung fast 80.000 Reichsmark. „Zum Vergleich: Das jährliche Durchschnittseinkommen im Deutschen Reich lag 1940 bei 2156 Reichsmark. Und bildende Künstler verdienten in der Regel deutlich weniger als der durchschnittliche Arbeiter.“
Und so konnten Nolde und seine Frau 1927 nicht nur die Warft kaufen, sondern dort bis 1937 auch nach ihren Entwürfen das Wohn- und Atelierhaus im Bauhausstil errichten, das heute als Museum dient. Alljährlich werden dort in den Sommermonaten Bilder in einer Jahresausstellung gezeigt – die diesjährige steht unter dem Motto „MALERMENSCH“ IN BERLIN.
Mehr als 110 Werke sind noch bis Ende Oktober in Seebüll zu sehen, neben Blumen-, Meer- und Landschaftsbildern auch viele Bilder aus Noldes Berliner Leben. Denn während sie im Sommer abgeschieden in Nordfriesland lebten, verbrachten die Noldes die Winter meist in ihrer Atelierwohnung in der Hauptstadt, besuchten Theater, Museen und Bälle, pflegten Kontakte zu anderen Künstlern, aber auch zu Sammlern und Galeristen.
Berliner Bilder: aus dem Theater- und Nachtleben …… aus dem Zoo …… unnd aus Potsdam
Von den ausgestellten Bildern haben mir nur wenige wirklich gefallen. Sehr beeindruckt haben mich dagegen die Farben der Räume – und ich habe mich gefragt, wie ein Mensch mit einem so exzellenten Farbgefühl so braun sein konnte. Aber Begabung und politische Blindheit schließen sich leider nicht aus – ein großer Künstler muss eben kein großer Mensch und erst recht kein guter Mensch sein.
Welche Farben: Blick in die Wohnräume im Erdgeschoss …… und aus dem Fenster im Obergeschoss
Mein Lieblingsraum war die schmale Galerie im Obergeschoss. Dort hätte ich stundenlang sitzen und auf den Garten schauen können, den Emil und Ada Nolde selbst entworfen haben.
Der Garten ist wirklich ein Traum – ein Kunstwerk für sich. Umgeben und geschützt von heimischen Bäumen und Sträuchern wachsen dort rund 500 teilweise sehr alte Stauden, unter anderem Türkischer Mohn, Rittersporn, Pfingstrosen und jetzt im September Dahlien und Astern. Dazwischen blühen verschiedene ein- und zweijährige Sommerblumen und verwandeln den Garten in ein Farbenmeer. Und unter den zahlreichen Obstbäumen sind auch seltene Apfelsorten wie „Agathe von Klanxbüll“ und „Renette von Seebüll“.
Allzu gerne hätte ich einen der verlockend aussehenden Äpfel gepflückt, doch das habe ich nicht gewagt. Denn das Pflücken eines Apfels hatte ja bekanntlich schon einmal die Vertreibung aus dem (Garten)Paradies zur Folge.
* „MALER UND MYTHOS“ ist Titel und Thema eines sehenswerten Films, der im Obergeschoss des FORUMS im Eingangsbereich des Museums gezeigt wird.
Ich mag Kunst, aber mindestens ebenso sehr wie die Kunstwerke selbst faszinieren mich die Orte, an denen sie entstehen. Wann immer KünstlerInnen ihre Arbeitsräume für BesucherInnen öffnen, nutze ich die Gelegenheit, einen Blick hinter die Kulissen, sprich, in ihre Ateliers zu werfen, um mich von der besonderen Atmosphäre inspirieren zu lassen. Manchmal klappt’s: So habe ich nach meinem letzten Zinnober-Rundgang vor zwei Jahren mein Arbeitszimmer umgeräumt und einen Platz fürs Malen geschaffen.
In diesem Jahr beteiligten sich am Zinnober-Wochenende insgesamt 67 Kunstorte, darunter viele Ateliergemeinschaften. Und so konnte ich an „nur“ 13 Orten über 40 Ateliers und Werke von mehr als 50 KünstlerInnen bewundern, obwohl ich durch meinen Fuß immer noch gehandicapt bin.
Willkommen bei den Ateliergemeinschaften in der Schulenburger Landstraße 150/152
Über meine schönste Neuentdeckung am Zinnoberwochenende habe ich schon einen Blogbeitrag veröffentlicht. In anderen Ateliers war ich schon mehrmals zu Gast – und sie faszinieren mich immer wieder aufs Neue.
Erste Adresse war für mich auch in diesem Jahr wieder die Schulenburger Landstraße 150/152. In dem Gewerbegebiet am Rand von Hannover ist ein kleines Kunstzentrum mit sechs Ateliergemeinschaften entstanden. Mehr als 30 KünstlerInnen arbeiten hier; außerdem zeigten mehrere GastkünstlerInnen ihre Werke. Künftig sollen es noch mehr sein. Denn eine 700 Quadratmeter große Halle auf dem Gelände, in der früher Strümpfe produziert wurden, wird zum Atelier- und Kulturzentrum POMP (AT) umfunktioniert.
Die Arbeits- und Projekträume können je nach Bedarf unterschiedlich aufgeteilt werden und werden 20 KünstlerInnen Platz bieten. Neben den Ateliers ist unter anderem ein 150 Quadratmeter großer Ausstellungs- und Veranstaltungsraum mit offenem Foyer geplant . Meta Copy, die Zentrale für Künstlerpublikationen Hannover, soll hier ebenfalls ihr neues Domizil finden. Das ist noch Zukunftsmusik, doch vielleicht können bei Zinnober 2026 hier schon weitere Ateliers besichtigt werden.
Ein bisschen beneide ich die bildenden Künstlerinnen. Denn sie sparen nicht nur Kosten, wenn sie sich Miete und Nebenkosten für die Arbeitsräume teilen. Durch das Arbeiten unter einem Dach entsteht eine kreative Atmosphäre, die inspiriert und motiviert. Außerdem eröffnet der Austausch mit anderen KünstlerInnen oft neue Perspektiven und kann den Einstieg in neue Techniken erleichtern. So etwas wünsche ich mir auch für uns Schreibende! Ein Anfang ist im AutorInnennzentrum in der Deisterstraße gemacht. Dort finden Workshops und Fortbildungen statt, wir können andere Schreibende treffen, uns mit ihnen austauschen und gemeinsam schreiben. Aber Räume, in die sich einzelne zum Schreiben zurückziehen können, fehlen (noch).
Blick in die Ateliers von Monika Neveling …… Wolfgang Steidele …… und Marion Pusch
In Ateliergemeinschaften arbeiten oft ganz unterschiedliche Künstlerinnen Tür an Tür; die Kunstwerke sind so verschieden, wie die KünstlerInnen selbst. So verarbeitet Katharina Becklas Pappmaché, Marion Pusch die Köpfe von Lindenbäumen aus den Herrenhäuser Gärten. Und im Studio Akkord im Haus nebenan werden T-shirts und andere Stoffe mit verschiedenen manuellen Drucktechniken, zum Beispiel mit Siebdruck, bedruckt.
Unterschiedliche Materialien, unterschiedliche Technieken, unterschiedliche Stile, hier Werke von Katharina Becklas …… Marion Pusch …und aus dem Studio Akkord
Auch das Atelier Block 16 stand nicht zum ersten Mal auf meiner To-visit-Liste. Sieben KünstlerInnen teilen sich die hohen, lichtdurchfluteten Räume im Edwin Oppler Weg. Auch hier wäre ich gerne geblieben und hätte geschrieben. Aber vielleicht können wir ja irgendwann mal den Frauenschreibtreff in dieses oder ein anderes Atelier verlegen. Die besondere Atmosphäre würde sicher unser Kreativität und unser Schreiben beflügeln – und vielleicht den Austausch zwischen bildenden und SchreibkünstlerInnen fördern.
Kunst im Treppenhaus im Atelier Block 16Viele Pflanzen und viel Licht prägen die AtelierräumeEin Highlight: die Ausstellung von Angelika Wolf und Gastkünstlerin Iris Albrecht im Untergeschoss
Fast hätte ich bei der Suche nach dem Kunstort, den ich am Ende des ersten Zinnobertags in Hannover besuchen wollte, aufgegeben und wäre umgekehrt. Denn auf der rechten Seite der Straße „Am Großen Garten“ in Hannover Herrenhausen waren – außer ein paar kleinen Reihenhäusern am Anfang – keine Gebäude zu sehen. Und schon gar kein so großes, bunt beleuchtetes, wie es in dem Zinnober-Katalog abgebildet war. Doch dann bin ich zum Glück weitergegangen, immer an der Gracht entlang, die den Großen Garten umgibt.
Hinter dem Wohnmobilstellplatz entdeckte ich dann eines der Plakate, die Zinnoberbegeisterten den Weg zu den fast 70 Kunstorten weisen, die am ersten Septemberwochenende ihre Türen geöffnet hatten. Ohne diesen Hinweis hätte ich den Ort sicher nicht gefunden. Denn der Projekt- und Veranstaltungsort des Kunstvereins kik kunst in Kontakt liegt gut 100 Meter von der Straße entfernt hinter einer Sportanlage. Eine Kunstausstellung erwartet man hier ebenso wenig wie einen verwunschenen Ort mitten in der Stadt. Aber wer ungewöhnliche Kunst an einem ungewöhnlichen Ort sehen möchte und mitten in der Stadt Waldbaden möchte, ist hier auf jeden Fall richtig.
kunst in kontakt …
… ist ein Zusammenschluss von engagierten KünstlerInnen, Kunstinteressierten und AkteurInnen aus dem Kulturbereich. Am Zinnober-Wochenende präsentierten diesmal zwölf KünstlerInnen und KünstlerInnengruppen ihre Arbeiten aus den Bereichen Installation, Experiment, Klang, Fotografie und Licht im Innen- und Außenbereich des ehemaligen Naturfreundeheims.
Ich mag die Verbindung von Kunst und Natur. Und so haben mir vor allem die Kunstobjekte gefallen, die sich draußen, in dem 5.000 Qadratmeter großen Garten zwischen Bäumen, Büschen, heimischen und exotischen Pflanzen verstecken. Der Rundgang auf verschlungenen Pfaden erinnerte mich ein bisschen an meinen Saziergang durchden Ekebergparken in Oslo – auch wenn das Gelände flacher, die Aussicht weniger spektakulär und die ausstellenden KünstlerInnen etwas weniger prominent waren als dort.
Leuchtende Kunst am Abend
Ich werde sicher wiederkommen, vielleicht schon am nächsten Wochenende. Denn dann bleibt der Garten noch einmal bis in die Abendstunden geöffnet – und verwandelt sich in eine leuchtende Kunstlandschaft, in der mysteriöse Klänge zu hören sind.
Für alle, die nicht nur Kunst an einem ungewöhnlichen Ort bewundern, sondern dort vielleicht selbst – allein oder mit einer Gruppe – eine künstlerische Auszeit erleben wollen, gibt es im Obergeschoss des Gebäudes Übernachtungsmöglichkeiten, im Unterschoss zwei große Räume für Workshops, Seminare und andere Veranstaltungen. Mit dem Erlös aus der Vermietung finanziert der Verein die laufenden Kosten und Teile seiner kulturellen Arbeit.
Im Herbst 2023 hatte meine Tochter ihre erste Fotoausstellung im Unternehmerinnenzentrum in Hannover; vergangene Woche wurde ihre zweite eigene Ausstellung in Bad Harzburg eröffnet. Etwa dreißig Natur- und Landschaftsfotos sind noch bis Ende Oktober im Haus der Kirche zu sehen.
Wann Nele mit dem Fotografieren begonnen hat, weiß ich nicht mehr. Auf dem ersten Foto, das sie mit Kamera – damals noch mit Papas Nikon – zeigt, ist sie höchstens drei oder vier Jahre alt; als Schülerin bekam sie dann eine eigene Kamera. Auch für Vögel hat sich schon als Kind interessiert. Als ich neulich aufgeräumt habe, habe ich ein Bild von einem Goldregenpfeifer gefunden, das sie mit sieben oder acht Jahren gemalt hat. Ich hatte damals noch nie von diesem Vogel gehört – und hatte keine Ahnung, wie er aussieht.
Wenn wir heute gemeinsam wandern, zeigt Nele mir oft Vögel, die ich noch nie gesehen habe. Baumläufer beispielsweise, Schwanzmeisen, Neuntöter oder auch die Papageientaucher. Letztere sehen wirklich urig aus, sie erinnern mich ein bisschen an kleine Pinguine. Sie beim Anflug auf ihre Nester in den Felsen auf der Vogelinsel Runde zu beobachten, war wirklich ein Erlebnis, sie dabei zu fotografieren ist eine Kunst. Ich persönlich habe jetzt allerdings zu den Papageientauchern ein eher gespaltenes Verhältnis, weil ich unmittelbar nachdem ich die flinken Vögel in Aktion gesehen hatte, gestürzt bin und mir das Sprunggelenk gebrochen habe. Manchmal kommt es eben anders … (https://timetoflyblog.com/manchmal-kommt-es-anders).
Vögel gehören zu Neles Lieblingsmotiven. Um sie zu fotografieren, verharrt sie oft stundenlang reglos an einer Stelle, bis Eisvogel, Rabenkrähe, Papageientaucher und Co ihr nahe genug sind – und sie im richtigen Moment auf den Auslöser drücken kann. Wie gut sie dies beherrscht, ahnt man, wenn man in der Ausstellung den Vögeln Auge in Auge gegenübersteht.
Noch besser als die Vogelfotos gefallen mir Neles Landschafts- und Detailaufnahmen, die die besondere Stimmung und den Zauber des Augenblicks einfangen. Die meisten der in der Ausstellung gezeigten Fotos wurden in Norwegen, Neles Lieblingsreiseland, aufgenommen: die tanzenden Polarlichter beispielsweise oder die drei Gipfel im Licht der Polarnacht, die Sinfonie in Blau oder die Boote am Ufer des Fjords, die aussehen wie gemalt.
Zugegeben: Ich bin als Mutter parteiisch. Aber die „Natur-Momente“ ziehen viele BesucherInnen in ihren Bann. „Ihre Fotos sind absolut sehenswert. Nele Schmidtko versteht es, Landschaften und Tiere so zu fotografieren, dass der Betrachter stehen bleibt, um alle Details zu entdecken“, schrieb Michael Eggers nach der Vernissage in der Goslarschen Zeitung.
Die Ausstellung im Haus der Kirche in der Lutherstraße 7 in Bad Harzburg ist montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr geöffnet,derEintritt ist frei. Alle Ausstellungsfotos können auch in anderen Formaten und in unterschiedlichen Ausführungen – z. B. Leinwand, Acrylglas, Fine Art Print – bestellt werden. Die Auflage der meisten Motive ist auf maximal 15 Exemplare limitiert. Mehr Infos und mehr Motive gibt es auf der Website www.foerodens.com.
Die erste Hälfte des Jahres ist vorbei, die zweite hat vor ein paar Tagen, am 2. Juli, begonnen. Zeit also für eine Art Halbzeitbilanz.
Same procedure as last year?! Auch in diesem Jahr waren meine guten Vorsätze fast die gleichen wie in den vergangenen Jahren. Und auch diesmal habe ich vieles, was ich mir vorgenommen habe, nicht durchgehalten. Aber vielleicht habe ich in diesem Jahr eine bessere Ausrede. Denn Anfang Mai hat mich mein Ausrutscher beim Wandern in Norwegen aus meinem alltäglichen Leben herauskatapultiert.
Ich habe mir bei dem Sturz zum Glück zwar nur das Fußgelenk gebrochen. Aber zumindest meine sportlichen Ziele sind dadurch in weite Ferne gerückt. Dabei war ich durchaus auf einem guten Weg: Ich bin bis Anfang Mai im Schnitt mehr als die angestrebten 10.000 Schritte täglich gegangen, die Yogaübungen am Morgen waren fester Bestandteil meines Morgenritual. Und ich hatte mir fest vorgenommen, mir nach meiner Rückkehr aus Norwegen eine Saisonkarte fürs Freibad kaufen. Doch dann durfte ich bis zum 1. Juli den Fuß gar nicht belasten. Und auch jetzt meine Mobilität noch stark eingeschränkt. Wenn ich auftrete, ohne die Belastung durch das Abstützen auf Krücken zu reduzieren, tut noch jeder Schritt (sehr) weh. Wahrscheinlich müssen sich Muskeln, Sehnen und Co erst daran gewöhnen, dass sie den begrenzten Platz in meinem Fuß jetzt mit mehreren Schrauben und anderen Metallteilen teilen müssen.
Auch ans Wandern und Reisen war seit dem Sturz nicht zu denken, ja selbst nach Hannover schaffe ich es mit Öffis derzeit noch nicht. Mein Deutschlandticket konnte ich ebenso wenig nutzen wie meine Museumscard und meine Dauerkarte für die Herrenhäuser Gärten. Den Besuch im Rosarium in Uetersen musste ich aufs nächste Jahr verschieben – und vielleicht findet ja auch das Nature Writing Festival in Hamburg 2026 wieder statt.
Immerhin kann ich jetzt wieder problemlos ins Wohnmobil ein- und aussteigen – vielleicht können wir ja schon in den nächsten Wochen wieder einmal losziehen und zunächst einmal Orte ansteuern, wo ich Freundinnnen treffen oder einfach nur aufs Wasser schauen und meine Seesucht stillen kann.
Weil andere Aktivitäten nicht infrage kamen, hätte ich in den zurückliegenden zwei Monaten ja eigentlich viel Zeit zum Schreiben und Zeichnen gehabt. Aber ich habe völlig unterschätzt, wie eng bei mir Kreativität und Bewegung zusammenhängen: Früher sind viele meiner Artikel und Texte beim Laufen entstanden, seit ich wegen meiner Knie nicht mehr laufen kann, kommen mir beim Gehen viele gute Geh-danken.
Neu ist die Erkenntnis, dass Bewegung das Denken fördert, nicht: Schon der griechische Philosoph und Naturforscher Aristoteles unterrichtete im 4. Jahrhundert vor Christus seine Schüler im Gehen. Auch in späteren Jahrhunderten war und ist Gehen für viele Schriftsteller und Philosophen Teil ihres (Arbeits)Alltags oder gar sogar ein Schlüsselelement ihrer Kreativität. So behauptete der dänische Philosoph und Schriftsteller Søren Kierkegaard, er habe sich „seine besten Gedanken ergangen“. Und sein Kollege Friedrich Nietzsche traute angeblich „nur einem Gedanken …, der mindestens zehn Kilometer gewandert“ ist. Vielleicht stellen sich also auch bei mir Schreibideen und Schreiblust wieder ein, wenn ich mich jetzt wieder mehr bewegen darf. Und noch liegen Jahresziele wie (durchschnittlich) ein Blogbeitrag die Woche nicht in unerreichbarer Ferne.
Auch auf das gemeinsame Schreiben beim Frauenschreibtreff im AutorInnenzentrum musste ich seit Anfang Mai verzichten – dafür nehme ich seit meiner Rückkehr aus Norwegen regelmäßig an der Schreibzeit am Morgen teil, die die Text-Manufaktur ihren Mitgliedern dienstags bis freitags von 8 bis 9 Uhr anbietet. Diese Online-Schreibtreffen will ich auf jeden Fall beibehalten. Vielleicht schaffe ich es ja dann, die beiden Schreibprojekte zu Ende zu bringen, die ganz oben auf der Liste meiner Jahresziele stehen.
Apropos Ziele. Im Oktober 2023 hatte ich – von Kerstin Salvador inspiriert – begonnen, Drei-Monats-Bucket-Listen zu führen. Wer nämlich für kürzere Zeiträume plant, verliert das Ziel nicht so schnell aus den Augen – und verschiebt Dinge im besten Fall nicht auf den nächsten oder übernächsten Monat oder auf den Sankt Nimmerleinstag. Meine ersten Erfahrungen mit den Quartalslisten waren gut – und ich will es in der zweiten Jahreshälfte auf jeden Fall noch einmal versuchen.
Nein, es war keine Liebe auf den ersten Blick. Aber das lag vielleicht auch daran, dass das Wetter eher trüb und ich nach der langen Anreise müde und hungrig war, als ich endlich am Bahnhof von Oslo ankam.
In Grønland
Natürlich bin ich trotzdem noch einmal losgezogen, nachdem ich mein Gepäck in meinem Zimmer abgestellt hatte. Das lag ideal, um die Stadt zu erkunden, nämlich in Grønland, nur ein paar hundert Meter vom Bahnhof und vom Wahrzeichen Oslos, der Oper, entfernt. Die wurde direkt am Oslofjord, auf dem Gelände des ehemaligen Hafens gebaut, und erinnert mit der Fassade aus viel weißem Marmor und Glas wirklich ein bisschen an einen riesigen Eisberg, der aus dem Wasser ragt.
Oslos Wahrzeichen: die Oper
Und natürlich tat ich, was wahrscheinlich alle TouristInnen in Oslo tun: Ich stieg aufs Dach der Oper. Zum einen, weil ich natürlich die Aussicht über die Stadt genießen wollte, zum anderen gefällt mir die Idee: Die Oper ist für alle da, auch für Menschen, die mit Oper, klassischer Musik und Bildung wenig am Hut haben.
Die Oper aus verschiedenen Perspektiven …… fotografiert am nächsten Tag …… bei Sonnenschein und blauem Himmel
Wirklich begeistert hat mich der Ausblick am ersten Abend zugegebener Weise (noch) nicht – für meinen Geschmack zu wenig Altstadt-Charme und zu viele moderne (Hoch)häuser. Neben Bahnhof und Oper ragen die beiden höchsten kommerziell genutzten Gebäude Norwegens, das 117 m hohe Radisson Blu Plaza Hotel und das fast ebenso hohe (111 m) Bürogebäude Posthuset, in den Himmel. Direkt hinter dem Bahnhof stehen zwölf schmale, unterschiedlich hohe Hochhäuser, die wegen ihres Aussehens auch „Barcode“ genannt werden. Auch das Munch direkt neben der Oper präsentiert sich sehr modern.
„Vielleicht hätte auch ein Tag Oslo gereicht“, so mein Fazit am Abend des Ankunftstags. Ich hatte mich geirrt. Der erste Eindruck ist eben doch nicht immer der beste.
Durch Stockholm hatte ich mich im vergangenen Herbst zwei Tage lang treiben lassen, Oslo wollte ich mit dem Oslo Pass entdecken: Mit ihm kommt man gratis in die meisten Museen und Sehenswürdigkeiten in der Stadt, in vielen anderen zahlt man weniger Eintritt. Rabatte gibt es auch auf Sightseeing-Touren, Konzertkarten, in manchen Restaurants und Geschäften. . Busse, Straßenbahnen und einige Fähren in und um Oslo kann man mit dem Oslo Pass ebenfalls kostenlos nutzen. Das habe ich getan, aber wie immer war ich viel zu Fuß unterwegs – und habe en passant so manches entdeckt, was nicht auf meiner To-visit-Liste stand.
Widerstands- und Holocaustmuseum
Das Norwegische Widerstandsmuseum (Norges Hjemmefrontmuseum) beispielsweise in einem kleinen Gebäude auf dem Gelände der Festung Akershus. Die wurde während der deutschen Besetzung Norwegens von 1940 bis 1945 unter anderem als Gefängnis benutzt. Ein düstereres Museum habe ich noch nie gesehen – es befindet sich zum großen Teil in einem schmalen, dunklen Kellergang. Aber es informiert ja auch über das düsterste Kapitel in der deutschen Geschichte und in den deutsch-norwegischen Beziehungen.
Viele NorwegerInnen leisteten Widerstand gegen die nationalsozialistische Terrorherrschaft in ihrem Land – und retteten so manchen Verfolgten das Leben, Über 40.000 NorwegerInnen wurden während der Besatzungszeit inhaftiert und teilweise in deutsche Konzentrationslager verschleppt, etwa 1.500 starben. Ein Drittel der jüdischen Bevölkerung Norwegens wurde ermordet, nur 34 Jüdinnen und Juden überlebten.
Im Norwegischen WiderstandsmuseumDas Zentrum für Holocaust- und MinderheitenstudienNever forget: die Opfer des Naziterrors
Vom Schicksal einer jungen jüdischen Frau habe ich dann kurze Zeit später im norwegischen Zentrum für Holocaust- und Minderheitenstudien (Senter for studier av Holocaust og livssynsminoriteter) auf der Halbinsel Bygdøy erfahren.
Ruth Maier wurde 1920 in Wien geboren. 1939 floh sie vor den Nazis nach Norwegen. In ihren Tagebüchern, die sie schon als 13-Jährige in Wien begonnen hat, beschreibt sie ihr Leben in der Emigration – die Aufzeichnungen enden im November 1942, als sie von Oslo nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wird. Die Dichterin Gunvor Hofmo, die mit Ruth Maier befreundet war, bewahrte die Aufzeichnungen auf; erst 2007 wurden sie mit Briefen und Bildern vom norwegischen Schriftsteller Jan Erik Vold auf Norwegisch herausgegeben – und anschließende in mehrere Sprachen übersetzt. Die deutsche Ausgabe erschien 2008 in der Deutschen Verlags Anstalt – ich habe zum Glück ein Buch antiquarisch kaufen können.
Das Munch
Die Bilder Edvard Munchs habe ich im Januar 2024 bei der Ausstellung im Museum Barberini in Potsdam „entdeckt“ . Und so war der Besuch im Munch für mich natürlich ein Muss. Denn über die Hälfte der Gemälde Munchs, alle grafischen Motive und alle existierenden Druckplatten aus dem Nachlass des Malers sind, so Wikipedia, im Besitz des Museums, das 2021 eröffnet wurde.
Von außen ist das Munch sicher nicht jedermanns Sache. Wegen der „mit wellenförmigen Platten aus recyceltem Aluminium“ verkleideten Fassade wird es laut Wikipedia gelegentlich „als die größte Leitplankensammlung der Welt bezeichnet“. Andere erinnert der vom spanischen Architekturbüro Studio Herreros entworfene Bau an einen Bücherstapel, der aus dem Gleichgewicht zu geraten droht.
Aber von innen ist das Munch vielleicht das schönste Museum, das ich je gesehen habe (gut, so viele waren es ja auch noch nicht). Allein wegen des Blicks durch die gläserne Fassade auf den Fjord lohnt der Besuch. Nicht nur, aber auch deswegen bin ich am nächsten Tag noch einmal ins Munch gegangen.
Blick aus dem Munch auf die Oper …… und auf den Oslofjord
Am ersten Tag habe ich mir alle elf Ausstellungsgalerien angesehen, die sich auf 13 Stockwerke verteilen. Das Museum ist zwar Munch gewidmet, aber Anfang Mai wurden auch drei andere Ausstellungen gezeigt.
Mit den Bildern von Georg Baselitz kann ich zugegebenerweise wenig anfangen – egal ob sie „richtig rum“ oder umgedreht, „feet first“, hängen. Besser haben mir die Werke von Kerstin Brätsch und Kiyoshi Yamamoto gefallen.
Zu Gast im Munch: Werke von Georg Baselitz… Kerstin Brätsch …… und Kiyoshi Yamamoto
Im Mittelpunkt stehen im Munch natürlich die Werke von Edvard Munch. Einige hatte ich ja schon in Potsdam gesehen, aber ich habe natürlich viel Neues entdeckt. Mein Lieblingsbild – und offenbar nicht nur meins – ist und bleibt der Schrei, den es im Munch gleich in drei Versionen gibt. Die Bilder waren bei meinem zweiten Besuch so umlagert, dass es kaum ein Durchkommen gab.
Das Nationalmuseum
Bilder von Edvard Munch gibt es – natürlich – auch im neuen Nationalmuseum für Kunst, Architektur und Design an derAker Brygge, dem ehemaligen Werftgelände. Insgesamt sind im größten Kunstmuseum Skandinaviens rund 5.000 Objekte – von Design, Kunsthandwerk bis bildender Kunst – aus verschiedenen Jahrhunderten – von der Antike bis zur Gegenwart – zu sehen: neben Werken internationaler KünstlerInnen wie Claude Monet, Paul Gauguin, Auguste Renoir, Paul Cézanne und Pablo Picasso auch die vieler norwegischer KünstlerInnen.
Besonders beeindruckt haben mich die Bilder von Hans Gude, Peder Balke und Johan Christian Dahl – nicht wegen der Motive, sondern wegen des Lichteinfalls. So möchte ich malen können.
Vigeland-Skulpturenpark
Fans des Bildhauers Gustav Vigeland kommen nicht nur im Nationalmuseum, sondern vor allem auch im Vigelandsanlegget, auf Deutsch Vigeland-Skulpturenpark, auf ihre Kosten. Dort zeigen mehr als 200 seiner Stein- und Bronzeskulpturen Menschen jeden Alters in verschiedenen Lebenslagen: von der Geburt bis zum Tod, mal allein, mal ineinander verschlungen wie im Rad des Lebens oder im Monolith, einer 17 Meter hohen Granitsäule. Mir haben zwar einige Skulpturen gefallen, aber irgendwie waren mir Skulpturen und Park zu monumental. Die Masse der nackten Körper hat mich fast erschlagen, ebenso wie die Masse der Menschen, die durch den Park pilgerten.
Ekebergparken
Im Ekebergparken war ich am nächsten Morgen fast allein und konnte Natur, Kunst und Panoramablick ungestört genießen. Denn vom Park, der auf einem Hügel westlich der Innenstadt liegt, hat frau einen atemberaubenden Blick auf die Stadt und den Oslofjord. Der Ausblick soll übrigens Edvard Munch zu seinem berühmtesten Gemälde inspiriert haben.
Heute kann man dort beim Spaziergang durch den Wald 40 Skulpturen und Kunstinstallationen bewundern, unter anderem von Renoir, Rodin und Dali, aber auch von vielen anderen (zeitgenössischen) KünstlerInnen. Besonders beeindruckt haben mich der Junge auf dem Sprungturm von Elmgreen & Dragset und „We come in peace“ von Huma Bhabha.
Dilemma von Elmgreen & Dragset „We come in peace“ von Huma Bhabha
Auch eine Bekannte aus Hannover habe ich im Ekebergparken wiedergetroffen und auf den ersten Blick wiedererkannt: Niki de Saint Phalles verliebter Vogel (L´ouiseau Amoureux Fontaine) kann die Familienähnlichkeit mit den Nanas in Hannover nicht verleugnen.
Das Café im Ekebergparken war leider noch geschlossen: Ich habe mir aber fest vorgenommen, dort bei einer Tasse Kaffee die Aussicht auf den Oslofjord zu genießen, wenn ich das nächste Mal in Oslo bin. Denn ich habe mich geirrt, zwei Tage sind für Oslo bei Weitem nicht genug. Es gibt noch viel mehr zu entdecken.