Silvestergedanken

Das Jahr ist fast zu Ende und fast kann es einem leid tun. Keiner mag es, so scheint es, und alle können kaum erwarten, dass es endlich um 12 der letzte Schlag trifft. Als ob sicher wäre, dass im neuen Jahr alles besser wird.

2020 wird den meisten in keiner guten Erinnerung bleiben. Es ist und bleibt vermutlich das COVID-19-Jahr. Nicht wenige vergleichen Corona mit der Pest, die vor allem im 14. Jahrhundert in Europa wütete. Ich möchte die Gefahr durch das Virus gewiss nicht kleinreden, aber ich finde, der Vergleich hinkt ein wenig, Denn an der Pest starben viel mehr Menschen und die meisten hatten – anders als wir heute – keine Chance, sich vor der Krankheit zu schützen. Einen Impfstoff gibt es inzwischen auch – er wurde in unfassbar kurzer Zeit entwickelt. Doch manche Menschen halten ihn scheinbar für gefährlicher als die Corona selbst. Andere sehen ihre Freiheit bedroht, weil sie einen Mund-Nasenschutz tragen müssen – und demonstrieren dagegen, leider meist zusammen mit Rechtsradikalen, Antisemiten und Faschisten. Vor dieser Mischung fürchte ich mich fast mehr als vor COVID-19: Werden wir die rechten Geister, die manche Covidioten vielleicht ohne es zu wollen stark machen, wieder los? Ich hoffe es sehr.

Natürlich, das Virus hat unser Leben durch Lockdowns, Homeoffice, Ausgangs-, Reise- oder Kontaktbeschränkungen drastisch verändert. Und natürlich ist auch mein Leben in diesem Jahr anders verlaufen, als ich es mir vorgestellt habe. Was ist also aus all dem geworden, was ich mir am Neujahrsmorgen, ganz fest vorgenommen hab?“, wie Reinhard Mey in seinem Lied 71 einhalb fragt. Einiges ist sicher anders gelaufen, als ich es geplant habe, aber das ist eigentlich jedes Jahr so. „Die meisten guten Vorsätze vom Jahresanfang habe ich leider nicht in die Tat umgesetzt“, habe ich vor einem Jahr geschrieben.

Die gute Nachricht zuerst: Ich habe so viele Bücher gelesen (durchschnittlich eins pro Woche) und sogar mehr Blogbeiträge geschrieben, als ich mir vorgenommen hatte: 38 waren es in diesem, 25 in meinem zweiten Blog (chaosgaertnerinnen.de; könnt ihr gerne abonnieren, kostet auch nix. Ende des Werbeblocks). Das liegt sicher auch daran, dass ich weniger gearbeitet habe als in den vergangenen Jahren. Vorgenommen hatte ich mir das schon lange; jetzt sind bei mir, wie bei vielen meiner Kolleginnen und Kollegen Aufträge weggebrochen und mir blieb keine andere Wahl. Nein, ich habe keinen Grund, über coronabedingte Einschränkungen zu jammern, es wäre jammern auf sehr hohem Niveau.

Die Aktion 12 Monate ein Blickwinkel habe ich auf beiden Blogs fast durchgehalten – und ich will sie im nächsten Jahr mit anderen Blickwinkeln fortsetzen. Denn ich fand es interessant zu dokumentieren, wie sich der Würmsee in einem Jahr verändert hat. Leider nicht zum besten,denn er ist fast verlandet.

Der begehbare Pegel am Würmsee reicht nicht mehr aus

Verwunderlich ist das ist nicht: Einem Artikel in der Nature-Zeitschrift Communications Earth & Environment zufolge sinken infolge der menschengemachten Klimakrise sogar die Pegel großer Binnengewässer wie des Kaspischen Meers. Ein Minisee wie der Würmsee hat da wohl keine Chance.

Der Umwelt hat das Coronavirus mehr geholfen als geschadet – weil die Menschen weniger gereist sind und weil weniger produziert und konsumiert wurde, ist der CO2 Ausstoß gesunken. Und manches CO2-Einsparziel lässt sich dadurch auf wundersame Weise erreichen.

Irgendwie empfinde ich es fast als Ironie des Schicksals, dass das Coronavirus, oder SARS-CoV-2, wie es offiziell heißt, vermutlich von Fledermäusen und auf den Menschen übergesprungen ist. Die Fachleute sind sicher, dass die Zoonosen zunehmen werden – zum einen, weil viele Wildtiere in den Siedlungsräumen der Menschen näher kommen, da wir ihre Lebensräume zerstören, zum anderen, weil auch der Handel mit exotischen Tieren kein Ende, sondern eher zunimmt. Vielleicht schlägt die Natur auf diese Art zurück, schafft uns Menschen langsam, aber sicher ab.

Apropos Reisen: Auch ich bin natürlich weniger gereist, als ich es mir vorgenommen habe. Dass ich wieder nicht in Amsterdam war und immer noch nicht in Stockholm und Kopenhagen, ist zwar schade, kann ich aber verschmerzen. Dafür habe ich den Harz wandernd entdeckt (danke Foe für viele tolle Touren). Warum also immer in die Ferne schweifen. Dass teilweise zu viele Menschen auf diese Idee kommen, ist die Kehrseite der Medaille, und leider reisen die meisten nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln an.

Die Aktion „Fliegende Wörter“ habe ich abgebrochen: Zur Erinnerung: Ich wollte jede Woche ein Gedicht aus dem gleichnamigen Postkartenkalender verschicken. Aber mit dem Versuch, einen passenden Adressaten zu finden, bin ich kläglich gescheitert – und das lag vielleicht nicht nur an mir, sondern auch an den Gedichten. Eine Postkarte ist fast ungelesen im Papierkorb gelandet, weil der Empfänger sie für eine Werbung hielt. Und als dann noch eine ehemalige Deutschlehrerin sagte, sie könne mit dem Gedicht, das ich ihr geschickt hatte, leider gar nichts anfangen, habe ich die Aktion aufgegeben. Nicht aber die Gedichte: Seit über einem Monat lese ich jeden Abend eins vor dem Einschlafen und ich muss sagen – es gefällt mir. Möglicherweise werde ich in diesem Blog im nächsten Jahr also (noch) häufiger über Gedichte schreiben – nicht über eigene, versprochen.

So bin ich auch auf ein Gedicht von Erich Kästner, das wunderbar zu diesem Monat passt. Kein Wunder, es heißt ja auch Dezember. Und vor allem die erste Strophe gefällt mir gut.

„Das Jahr ward alt. Hat dünne Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.“

Apropos letzte Stund. Die Stunden, in denen Donald Trump noch Präsident der Vereinigten Staaten ist, sind glücklicherweise gezählt. Dass er im November abgewählt wurde, war für mich die gute Nachricht des Jahres, das in ein paar Stunden endet.

Kommt gut ins neue Jahr. Und bleibt gesund.

Erich Kästners Gedicht ist abrufbar unter

https://www.deutschelyrik.de/der-dezenber.html

Was für ein schöner Morgen. Blick aus dem Fenster meines Homeoffice

Weihnachten ganz anders

Nein, wir sind an Weihnachten nicht (nur) zu Hause geblieben, obwohl Lothar Wieler, der Leiter des Robert Koch-Instituts, und viele Politiker uns eindringlich darum gebeten haben. Wir sind, ich gebe es zu, am 1. Weihnachtsfeiertag verreist oder besser gesagt, weggefahren. Aber wir haben, und das ist die gute Nachricht, mit unserer Tour sicher nicht dazu beigetragen, das Coronavirus, wenn wir es denn gehabt hätten, weiterzuverbreiten.

Wir haben nur einen Menschen getroffen und mit ihm – oder besser gesagt ihr – Weihnachten gefeiert. Das Treffen – einschließlich des Essens – fand ausschließlich unter freiem Himmel statt, natürlich mit dem gebührenden Abstand. So können Coronaviren sich ja bekanntlich nicht gut auszubreiten.

Statt im Wohnzimmer am Tannenbaum zu sitzen, haben wir an den Vieneburger Seen Vögel beobachtet. Und weil eine bekennende Frostbeule wie ich nicht stundenlang an einer Stelle stehen kann, bin ich derweil spazieren gegangen.

Viele Menschen hören beim Gehen Musik, mir spukten ohrwurmähnlich zwei Gedichte bzw. Texte im Kopf, die von Spaziergängen an christlichen Feiertagen handeln. Beim ersten stimmten immerhin die Landschaft und das Wetter in etwa mit der Weihnachts-Wirklichkeit überein: Nun sind die Kiesseen zwar kein Strom, aber die Oker ist ein Bach – und Gewässer ist Gewässer, basta. Auf jeden Fall waren sie eisfrei, allerdings nicht vom Eise befreit, wie Johann Wolfgang von Goethe in Faust, der Tragödie erster Teil, schreibt. Weil der Spaziergang im wohl meistzitierten und vielleicht auch bedeutendsten Werk der deutschen Literatur an Ostern stattfindet, zieht sich der alte Winter bei Goethe schon müde in die rauen Berge zurück; bei meinem Spaziergang an Weihnachten hat der Winter gerade erst begonnen.

Bei Joseph von Eichendorffs Gedicht Weihnachten passten zwar Fest und Jahreszeit, und Markt und Straßen waren in der Tat ziemlich verlassen, als wir durch Vieneburg fuhren. Aber festlich sah es zumindest in der Wohnsiedlung, in der wir parkten, nicht aus. Ich habe an Fenstern und Balkonen und in den Vorgärten kaum Weihnachtsschmuck gesehen – wahrscheinlich leben hier vor allem die Verwandten und Fans von Ebenezer Scrooge, dem Weihnachtshasser aus Charles Dickens Novelle „Eine Weihnachtsgeschichte“ (A Christmas Carol).

Dass die Häuser nicht hell erleuchtet und dass auf dem Feld (noch) keine Sterne zu sehen waren waren, lag natürlich an der Tageszeit. Und auch das Wetter war ganz anders als im Gedicht: Von Schnee keine Spur, das einzig Weiße waren die Birken an den Ufern und zwei Silberreiher. Ihr Gefieder ist wirklich schneeweiß, nicht silbrig, wie der Name vermuten lässt. Immerhin glänzte das Wasser gelegentlich in der Sonne, und ziemlich still war es wie im Gedicht beschrieben auch, wohl weil Weihnachten war. An normalen Tagen machen die Bagger in den Kiesseen, die noch bewirtschaftet werden, oft einen Höllenlärm.

Als Weihnachtsessen gab es dann zum Abschluss Kartoffelsalat mit Würstchen. Das ist zwar angeblich der Deutschen liebstes Weihnachtsgericht, aber bei uns kommt es normalerweise an Weihnachten nicht auf den Tisch. Aber einen Tisch gab es ja ohnehin nicht. Gegessen haben wir diesmal, Corona lässt grüßen, nicht im heimischen Wohnzimmer, sondern unter freiem Himmel, in geöffneten Autotüren. Nicht sehr gemütlich, aber ich gebe zu: Es hatte was. Es passte zu dieser Weihnacht, die anders war als alle, die ich, ja, wir bisher erlebt haben.

Johann Wolfgang von Goethes „Vor dem Tor“ ist nachzulesen unter https://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/ostern.html, Joseph von Eichendorffs Gedicht „Weihnachten“ steht unter https://www.adventzeit.com/gedichte/weihnachten-joseph-von-eichendorff.

Im Nebel

Fast zwei Monate sind seit der Wanderwoche in der Sächsischen Schweiz vergangen, gewandert bin ich seitdem nicht mehr. Im norddeutschen Flachland beschränke ich mich derzeit auf Spaziergänge. Doch weil wir ohnehin in den Harz mussten, habe ich das Angenehme mit dem Nützlichen – sprich einer Halbtageswanderung – verbunden.

Anders als an den Tagen zuvor versteckte sich die Sonne hinter dichtem Nebel, doch auch der hat seinen Reiz. Es war, als sei die Welt in Watte gehüllt und die Farben aus ihr verschwunden. Unsere Jacken und mein blau-grüner Rucksack waren die einzigen Farbtupfer im herbstlich-nebeligen Braun-Grau.

Wanderin im Nebelwald. Foto: Foe Rodens

Und es war still, sehr still. „Im Nebel ruhet noch die Welt,/Noch träumen Wald und Wiesen“, dichtete Eduard Mörike 1838. Der Wald wirkte geheimnisvoll, fast mystisch: Wären zwischen den Nebelschwaden Elfen, Hexen oder andere Fabelwesen aufgetaucht oder wären die Bäume wie die Ents, die Baumwächter, und die Huorns, die Baumgeister, in Tolkiens Herr der Ringe zum Leben erwacht, hätte ich mich nicht gewundert.

Und auch Hermann Hesses Gedicht „Im Nebel“, kam mir in den Sinn, von dem ich nur noch die erste Zeile kannte: „Seltsam, im Nebel zu wandern“. Doch dank world wide web war es kein Problem, mitten im Wald das Gedicht auf dem Smartphone abzurufen und meiner Begleiterin vorzulesen. Wir hatten unterwegs nur wenige Menschen getroffen, doch passend zur letzten Strophe tauchte, just als ich mit dem Vorlesen fertig war, aus dem Nebel ein einsamer Wanderer auf. Ob er das Gedicht gehört hatte, weiß ich nicht, ebenso wenig, ob er einsam war – er schaute auf jeden Fall ein bisschen irritiert.

Die Sonne haben wir übrigens auch noch gesehen: Zwar hat sich der Nebelschleier – anders am von Mörike beschriebenen Septembermorgen – nicht ganz gelichtet. Schließlich ist es ja auch schon Ende November. Aber die Sonne blinzelte mittags gelegentlich hervor und gab zum Beispiel den Blick auf die Rabenklippen frei. Die vielen abgestorbenen Fichten im Tal blieben indes unseren Blicken weitgehend verborgen, gnädig eingehüllt vom Nebel.

Es hat also auf jeden Fall seinen Reiz, im Nebel zu wandern.

Wer das Gedicht von Hermann Hesse nachlesen will, findet es unter

https://www.lyrikline.org/de/gedichte/im-nebel-5490

Eduard Mörikes Gedicht „Septembermorgen“ ist abrufbar unter

http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/moerike_gedichte_1838?p=52

Würmsee im November

Die Meteorologen prophezeien schlechtes Wetter. Und bevor der Novemberfrühling – der gefühlte Frühling im Herbst – endet, fahre ich mit dem Rad zum Würmsee, um meine Chronistenpflicht zu erfüllen und den See, der eigentlich keiner mehr ist, aus immer den gleichen Blickwinkeln zu fotografieren.

Ein wenig Wasser mehr ist da als bei meinem letzten Besuch vor gut zwei Wochen, so scheint es. Oder wirkt alles nur viel freundlicher, weil heute die Sonne scheint? Denn auch dieser Sonntag macht seinem Namen alle Ehre; die herbstlich gelben Blätter leuchten im Sonnenlicht. So macht November Spaß.

Auch die Badende genießt das ungewöhnlich schöne Wetter. Ich leiste ihr ein bisschen Gesellschaft: Ich mache es mir auf einer der beiden Holzliegen bequem – allerdings nicht im Badeanzug, sondern im Anorak – und lege eine Schreibpause ein. Wie oft kann man das schon Mitte November? Auf einen Kaffee muss ich verzichten; die Gaststätte am Seeufer ist geschlossen – nicht nur, weil die Saison vorbei ist, sondern vielleicht für immer.

Den Torffressern geht das frische Grün allmählich aus – das Gras um sie herum ist herbstlich braun und die Bäume sind fast kahl. Aber sie haben keine Angst vor dem bevorstehenden Winter. Denn sie haben ihre Schaufeln, mit denen sie nach Nahrung graben können, immer dabei. Torf werden sie aber nicht mehr finden. Der Torf ist längst abgebaut und auch die Moore gibt es nicht mehr. Die Landwirte haben das Land ringsum entwässert – und damit ungewollt auch den Würmsee.

Das Boot – im Sommer mein Lieblingsplatz – lädt nicht mehr zum Verweilen ein: zu trostlos der Anblick auf den fast wasserlosen See. Grün- und Matschfläche statt Wasserfläche.

Die fünf von der Bank stört es nicht. Vielleicht nutzen sie die Gelegenheit, abends, wenn alle Besucher verschwunden sind, auf dem kürzesten Weg, quer durch den See, zum gegenüberliegenden Ufer zu gehen und dort ihre Freunde, die Torffresser, zu besuchen.

Von Namens- und anderen Ähnlichkeiten

Es gibt Orte, da fühlt man sich von Anfang an heimisch, auch wenn man noch nie dort gewesen ist. Bad Schandau ist so ein Ort. Schon der Name weckt Assoziationen. Das Haus, in dem ich geboren gehörte Familie Schander. Der Name Schander ist möglicherweise eine Abkürzung von Schandauer – vielleicht sind die Vorfahren aus Bad Schandau an die Mosel gezogen.

Im Ort selbst erinnert mich vieles an meinen Heimatort, wie er früher war, in meiner Kindheit in den 50er- und 60er-Jahren: die herrschaftlichen Häuser am Flussufer beispielsweise, auch wenn die in Bad Schandau deutlich größer sind als in Neumagen, die gepflasterte Dorfstraße, an der hier wie dort ein Blumenladen, ein Hotel und eine Metzgerei nah nebeneinander liegen.

Und da ist natürlich der Fluss: Die Elbe sieht irgendwie noch so aus wie die Mosel, bevor sie kanalisiert, also begradigt und schiffbar gemacht wurde. In Bad Schandau und in vielen Nachbarorten gibt es sogar noch Fähren, die Bewohner und Gäste von der einen auf die andere Flussseite bringen, Brücken sind dagegen seltener als an der Mosel.

In Neumagen wurde die Fähre Mitte der 60er Jahre stillgelegt, als die Brücke fertig war. Bis dahin musste man den Fährmann – Fährmanns Pittchen – rufen, wenn man von der einen auf die andere Moselseite übersetzen wollte. Und während ich diesen Text schreibe, klingt das „Holüber“ in meinem Ohr – auch wenn ich es wahrscheinlich selten gehört habe und nur aus Erzählungen meiner Eltern kenne. Denn mein Leben als Kind spielte sich auf der Neumagener, der rechten Moselseite ab. Auch die Bundesstraße auf der anderen Moselseite gab es damals nicht. Und so schlängelte sich der ganze Autoverkehr damals noch durch den Neumagen – wie heute noch durch Bad Schandau. Nur dass es damals viel weniger Autos gab.

Vor allem Winzer, die in ihre Weinberge auf der anderen Moselseite wollten, nutzten die Fähre in Neumagen. In Bad Schandau sind es die Touristen, die zum Nationalparkbahnhof wollen, der auf der anderen Elbseite liegt. Auch ich bin am Samstag mit der Fähre zum Bahnhof gefahren.

Eine typische Elbfähre, hier die bei Rathen

An den beiden Tagen davor habe ich mir aber Bad Schandau noch angesehen: Ich bin durch den Kurpark zum Botanischen Garten gewandert, der mich allerdings enttäuscht hat. Möglicherweise waren meine Erwartungen zu hoch, weil ich den Berggarten vor Augen hatte, sicher war auch die Jahreszeit für einen Gartenbesuch nicht optimal. Im Sommer sieht er vermutlich anders – attraktiver – aus. Viel besser als der Botanische Garten hat mir der kleine Kirchgarten an der Evangelischen Kirche gefallen – eine kleine grüne, stille Oase mitten in der Stadt.

Kirchgarten – kleines Idyll mitten in der Stadt

Apropos Stadt: Mit den acht Orts- pardon Stadtteilen hatte Bad Schandau am 31. Dezember 2019 gerade mal 3.600 Einwohner. Viel kleiner ist, so viel Lokalpatriotismus muss sein, mein Heimatort auch nicht. Obwohl Neumagen, pardon, Neumagen-Dhron, vor Kurzem selbst eingemeindet wurde, wohnen dort immerhin noch gut 2.200 Menschen.

Gefallen hat mir auch der Blick von der oberen Aufzugsplattform. Ja, in Bad Schandau gibt es einen Outdoor-Aufzug, der die Kernstadt unten an der Elbe mit dem Ortsteil Ostrau auf dem Berg verbindet. Zumindest halbwegs. Denn der Aufzug überwindet laut Wikipedia „nur“ einen Höhenunterschied von 47,76 Metern (https://de.wikipedia.org/wiki/Personenaufzug_Bad_Schandau). Danach geht’s zu Fuß durch den Wald weiter. Doch es lohnt sich, am Aufzug eine Pause einzulegen: Von der Aussichtsplattform und der fast 30 m langen Brücke hat man einen tollen Blick auf den Ort und auf die Elbe. Und auch der Aufzugsturm selbst im Jugendstil ist sehenswert.

Eine Straßenbahn gibt es in Bad Schandau übrigens auch. Sie heißt Kirnitzschtalbahn, ist quietschegelb, fährt – wie der Name sagt – durch das Kirnitzschtal vom Kurpark bis zum Lichtenhainer Wasserfall und wird vor allem von Wanderern benutzt, die an diversen Haltestellen aus- und in ihre Wandertouren einsteigen. Wir haben das auch getan; wir sind zum Beispiel vom Lichtenhainer Wasserfall zum Beuthenfall gewandert. Und auch im nassen Grund haben wir eine Wanderung begonnen – und ungeplant wieder beendet. Denn der Name erwies sich als (schlechtes) Omen. Es hat die ganze Zeit geregnet und wir haben die Tour irgendwann abgebrochen und sind wieder zum Ausgangspunkt zurückgekehrt.

Ein Muss für Eisenbahnfans – mit einem besonderen Gruß nach Neumagen an HS

An meinem letzten Tag in Bad Schandau war das Wetter besser, obwohl die Meteorolügen Regen vorausgesagt hatten. Und so habe ich am Elbufer gefrühstückt – keine Selbstverständlichkeit im Oktober – und konnte beobachten, wie die Festung Königstein aus dem Nebel auftauchte und wieder darin verschwand. Auch das hat mich an die Mosel erinnert – nur der im Herbst typische Duft nach Trauben, Hefe und jungem Wein fehlte.

Wandern in der Sächsischen Schweiz

Sächsische Schweiz oder Alpen, das war die Frage. Wir haben uns entschieden, in der Sächsischen Schweiz zu wandern, nicht nur, aber auch, weil die Anfahrt kürzer und wir in Bad Schandau noch eine Unterkunft für den gesamten Zeitraum gefunden haben. Ein Zimmer zwar nur statt der gesuchten Ferienwohnung. Aber es hatte immerhin einen Kühlschrank und eine kleine Kaffeemaschine – Letztere kombiniert mit einer ebenso kleinen Mikrowelle. Und auch die Lage stimmte – weit weg vom Trubel, fast im Grünen, aber nah genug am Ort, um zu Fuß überall hin zu kommen.

Pension im Grünen

Die Sächsische Schweiz hat ihren Namen wirklich verdient. Zerklüftete Felsen, die wie aus dem Nichts wachsen, grandiose Ausblicke, schmale, naturbelassene Waldwege, steile Auf- und Abstiege – und unendlich viele Stufen. Wenn ich je darüber nachdenken sollte, an einer Senioren-Treppenlauf-Meisterschaft teilzunehmen, habe ich sicher das ideale Trainingsgebiet gefunden.

Denn Stufen gibt es hier in den verschiedensten Größen und Materialien: in Stein gehauen oder im Laufe der Jahrhunderte ausgetreten, aus Holz oder aus Metall. Oft dienen Steine – aufgeschichtet oder zufällig daliegend – und Baumwurzeln als natürliche Steighilfen.

Gleich unsere erste Tour von der Neumannsmühle im Kirnitzschtal hinunter an die Elbe bot einen Vorgeschmack auf das, was uns in den nächsten Tagen erwartete: Sie endete mit einem langen Abstieg, bei dem ich erst nach gefühlt etwa der Hälfte der Strecke begonnen habe, zu zählen: Ich kam auf 712 Stufen. Den DIN-Normen für Treppenstufen entsprechen sicher nur wenige – und wenn, dann eher zufällig. Nur bei Treppen und Leitern aus Metall sind zwei aufeinanderfolgende Stufen (etwa) gleich groß.

Die Touren waren für mich – Flachländerin mit recht guter Kondition und einer vor allem im Harz und in den Moselbergen erworbenen Wandererfahrung – anspruchsvoll, die Kletterpartien zwischendurch teilweise eine echte Herausforderung.

In der Wilden Hölle Foto Foe Rodens

Zum Glück ging meine Wanderpartnerin meist voran und half an schwierigen Stellen: mal zog sie mich, wenn der Stein, der erklommen werden musste, zu hoch oder meine Beine zu kurz waren, mal stützte sie mich beim Abstieg, wenn mein ramponiertes Knie mich quälte. Auf diese Weise bin ich unter anderem durch die Wilde Hölle gekommen, habe die Heilige Stiege und den Wildschützensteig bewältigt. Bei dem ein oder anderen Weg habe ich allerdings gestreikt, da ich zwar trittfest, aber weder klettererfahren noch absolut schwindelfrei bin. Die frei in einer Höhle hängende Leiter zum Winterstein habe ich ebenso wenig erklommen wie die Rübezahlstiege, weil dort laut Beschreibung die für Kletterstiege übliche Absicherung fehlt. Vor ein paar Jahren hätte ich es vielleicht gewagt, doch jetzt sind solche Ziele nichts (mehr) für mich, auch wenn eine wunderschöne Aussicht lockt. Aber es gibt genügend andere beeindruckende Aussichtspunkte.

Allen voran die Bastei, die fast 200 m über die Elbe ragt. Die Felsformation gehört laut Wikipedia zu den markantesten Aussichtspunkten der Sächsischen Schweiz – und ist auch der meistbesuchte: Etwa 1,5 Millionen Besucher kommen jährlich. Deshalb haben wir den Rat unserer Vermieterin befolgt: Möglichst nicht am Wochenende hingehen, am besten früh morgens oder abends nach Sonnenuntergang. Und auch ein anderer Rat erwies sich als goldrichtig: Wir haben uns gleich nach der Ankunft in Bad Schandau ein Wochenticket für den ÖPNV besorgt, mit dem wir alle Wanderstart- und Zielpunkte bequem und stressfrei erreicht haben – auch die Bastei.

Als wir morgens kurz nach sieben Uhr mit der Fähre von Rathen nach Neurathen übersetzten, waren wir die einzigen Touristen. Beim Aufstieg begegneten uns einige junge Leute, die noch früher aufgestanden und schon wieder auf dem Weg ins Tal waren. Oben angelangt waren wir zwar nicht die ersten Besucher, aber es war noch erfreulich leer – als wir am späten Vormittag durch das Schwedenloch wieder zurück zur Fähre wanderten, kamen uns ab dem Amselsee Hunderte Menschen entgegen – an einem normalen Donnerstag im Oktober. Am Wochenende ist hier gewiss die Hölle los.

Keine Frage: Der Besuch lohnt. Die Bastei hat mich wirklich beeindruckt: die schroff abfallenden Felsen, die tollen Ausblicke, zum Beispiel auf Lilien- und Königstein und auf die Elbe tief unten im Tal. Und natürlich die Reste der Burg, die vielleicht schon vor fast 1.000 Jahren auf dem nur 100 m breiten, damals nur sehr schwer zugänglichen Plateau gebaut wurde – ohne die technischen Hilfsmittel, die den Handwerkern in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts beim Bau des Hotels und des Restaurants auf der Bastei zur Verfügung standen.

Die Felsenburg als Modell

Die Felsenburg Neurathen wurde erstmals im Jahr 1289 urkundlich erwähnt. Sie soll etwa 220 × 100 Meter groß gewesen sein, die Gebäude bestanden weitgehend aus Holz. Schon 1530 war die Burg wohl nur noch eine Ruine, trotzdem haben die Menschen aus der Umgebung während des 30-jährigen und anderen Kriegen dort und im nahegelegenen Schwedenloch Schutz gesucht. Heute können die ausgehauenen Räume, Durch- und Wehrgänge, Zisterne und die Balkenauflager der einstigen hölzernen Aufbauten im Freilichtmuseum besichtigt werden (https://de.wikipedia.org/wiki/Felsenburg_Neurathen).

Die berühmte Basteibrücke aus Sandstein wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet. Sie ist fast 80 m lang und überbrückt eine etwa 40 Meter tiefe Schlucht, die Mardertelle. Auf Caspar David Friedrichs bekanntem Bild „Felsenpartie im Elbsandsteingebirge“, das in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts gemalt wurde, ist auch ihr Vorgänger, die hölzerne Basteibrücke, nicht zu sehen.

Neurather Felstor im Original – und auf dem bekannten Gemälde von Caspar David Friedrich

Caspar David Friedrich war übrigens nicht der einzige Maler, der die Bastei verewigte. Viele Künstler der Romantik wanderten zu dem Felsmassiv, obwohl der Weg damals noch sehr beschwerlich war. Ihren Spuren folgt heute der Malerweg, einer der beliebtesten Wanderwege Deutschlands.

Im Schwedenloch, einer engen Schlucht auf dem Weg zur Bastei, haben die Menschen früher in Kriegszeiten sich und ihr Hab und Gut versteckt.

Der Weg führt auch an den Schrammsteinen vorbei, die der schönen Aussicht wegen an Wochenenden ebenfalls zum Wander-Hotspot werden. Auch deshalb haben wir sie an unserem ersten Wander(sonn)tag nicht erklommen. Außerdem fühlten wir uns nach rund 20 Kilometern nicht mehr fit genug für eine Wanderung auf dem Grat. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Ich werde die Schrammsteine sicher noch ersteigen – beim nächsten Besuch in der Sächsischen Schweiz

Würmsee im August

Vorgestern bin ich zum Würmsee gefahren, aber er war – wie auch bei meinem Besuch in der vorletzten Woche – nicht da. Überrascht hat mich das nicht, denn im Sommer verschwindet der See fast immer. Zurück bleibt, wenn überhaupt, nur ein bisschen Wasser in der Mitte, kaum mehr als eine überdimensionale Pfütze.  

Der Regen in den letzten Tagen hat daran nichts geändert; er war kaum mehr als ein Tropfen in den trockenen See. Wo vor ein paar Monaten noch Wasser war, wachsen jetzt Pflanzen; die Badende könnte den Steg jetzt verlassen und ihr Sonnenbad auf dem Seegrund fortsetzen.

Mein „Boot“ am gegenüberliegenden Ufer liegt natürlich auf dem Trockenen, auf meinem Lieblingsplatz sitzend, sehe ich, wie weit der Wasserspiegel abgesunken ist.

Blick vom Boot vor zwei Wochen …
… und aufs Boot vorgestern

Ein bisschen erinnert mich der Anblick an die Serengeti in Afrika, wo Flüsse und Seen in der Trockenzeit verschwinden, Millionen Tiere dem Wasser nachwandern und sich um die verbleibenden Schlammlöcher scharen.

Schlammloch oder See?

Das ist hier anders. Gänse und Reiher habe ich bei meinen letzten Besuchen am See nicht mehr gesehen – sie fliegen zumindest tagsüber zu Plätzen, wo es mehr Wasser und mehr Nahrung für sie gibt. Die Torffresser bleiben dagegen in ihrem Reservat: Sie lassen sich den Appetit nicht verderben und grasen seelenruhig zwischen den austrocknenden Torfhaufen. Die Letzten ihrer Art haben vielleicht deshalb überlebt, weil sie so genügsam und anpassungsfähig sind. Und zur Not können sie ja auch mit ihren Schaufeln nach Wasser graben

Und auch die fünf von der Bank – Eisvogel, Kröte, Reiher, Fuchs und Hase – harren noch aus. Aber ich frage mich, wie lange noch. Sie blicken, so scheint es mir, sorgenvoll auf den kleiner werdenden See. Das, was sie wirklich zum leben brauchen, nämlich Wasser, wird allmählich knapp. Und vielleicht werden auch sie demnächst auswandern wie die Tiere aus dem Talerwald, an die sie mich bei jedem Besuch wieder erinnern.

Was brauchst du wirklich zum Leben: Wasser. Das wird auch hierzulande langsam knapp

Würmsee im Juli

Ja, ich gebe es zu, den Juni-Blick auf den Würmsee habe ich ausgelassen. Irgendetwas ist ja bekanntlich immer, und irgendeine Ausrede gibt es auch immer. Mal hatte ich wahrscheinlich keine Zeit, mal keine Lust und außerdem hat es auch ziemlich oft geregnet, sodass mir einfach das Licht nicht gut genug war. Dafür habe ich mich heute Morgen aufgemacht –so früh wie in noch keinem Monat und so früh wie noch nie am Tag. Fast hätte ich meinen Mann abgelöst, der in der vergangenen Nacht am Würmsee nachtleuchtende Wolken und den Kometen mit dem Namen C/2020 F3 Neowise fotografiert.

Komet C/2020 F3 Neowise über und im Würmsee. Foto: Utz Schmidtko

Als ich heute Morgen zum Würmsee kam, war ich noch allein. Der See hat viel Wasser verloren, obwohl es sowohl im Juni als auch im Juni oft geregnet hat und obwohl Stadt und/oder Region Wasser zeitweise in der See pumpen – doch auch das nutzt nichts, wenn der Grundwasserspiegel immer weiter sinkt: Das Schilf steht auf dem Trockenen, ebenso die roten Torffresser.

Die Frau im Badeanzug müsste inzwischen fast bis zur Mitte des Teichs waten, und auch dort würde das Wasser ihr kaum bis zur Wade reichen. Die beiden Reiher und die Gänse stört das nicht, sie teilen sich die verbliebene Wasserfläche – bis alle nach und nach aufbrechen. Am Tag, wenn viele Spaziergänger den Würmsee umrunden, wird es ihnen wahrscheinlich zu eng.

Im Mai reichte das Wasser noch bis zum Steg …

Wie viel Wasser der See verloren hat, lässt sich am begehbaren Pegel ablesen. Im April reichte das Wasser noch bis 44,38, jetzt ist die allerletzte Stufe – 43,98 – erreicht.

… beziehungsweise bis zur Stufe 44,38

Und auch das „Boot“, mein Lieblingsplatz am Würmsee, hat kein Wasser mehr unter dem nicht vorhandenen Kiel. Schön ist es trotzdem hier, idyllisch – und sehr friedlich. Und wie so oft, wenn ich hier bin, frage ich mich, warum ich eigentlich nicht öfter herkomme.

Auf dem Trockenen

Schade, dass die Hütte am See kein richtiges, sondern nur ein Blätterdach hat. Das schützt aber nicht vor Regen und vor Kälte.

Die fünf auf der Bank stört beides nicht: Sie sind viel abgehärteter als ich. Mir ist die ungewöhnliche Gemeinschaft sehr vertraut – Reiher, Fuchs, Hase, Eisvogel und Kröte erinnern mich an die Tiere aus dem Thalerwald. Meine Tochter hat als Kind die Zeichentrickserie „Als die Tiere den Wald verließen“ geliebt und die Romane von Colin Dann verschlungen. Ein Reiher, eine Kröte und ein paar Füchse spielten darin die Hauptrollen: Sie waren Anführer einer Tiergruppe, die ihre Heimat verlassen musste, weil die Menschen dort bauten und den Wald zerstörten. Also ganz wie im richtigen Leben.

Die fünf haben sich offenbar an uns Menschen gewöhnt. Und auch sie sind für mich fast alte Bekannte. Wenn immer ich zum See komme, setze ich mich einen Augenblick zu ihnen. Wir schauen gemeinsam auf den See und wie immer denke ich über die Frage nach, die auf ihrer Bank steht: Was brauchst du im Leben?

Noch habe ich keine Antwort gefunden. Aber ich werde weiter danach suchen. Und ich werde wiederkommen. Wahrscheinlich nicht erst in einem Monat.

2020 ein halb

Ja, ich weiß. Ich bin (wieder) ein bisschen spät dran, aber besser spät als nie. Und was kann ich dafür, wenn die Zeit so dahinrast? Aber das tut sie eigentlich schon immer: Einzweidrei im Sauseschritt, läuft die Zeit, wir laufen mit, hat schon Wilhelm Busch (https://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/Busch/Aphorismen/sausesch.htm) vor fast 150 Jahren gedichtet, in einer Zeit also, die uns rückblickend als viel gemächlicher scheint als unsere. 

Aber zurück zum Thema: 2020 einhalb. Halbzeit, das Jahr ist wieder halb vorbei, und wie im vergangenen Jahr geht mir Reinhard Meys Lied „71 einhalb“ nicht aus dem Sinn. Was ist also „aus all dem geworden, was ich mir am Neujahrsmorgen ganz fest vorgenommen hab?“

Hat prima geklappt, könnte ich sagen, denn anders als in den letzten Jahren habe ich in diesem Jahr wohlweislich keine festen Vorsätze notiert. Weder im Blog noch in den Morgenseiten noch im Tagebuch, womit ich bei den Dingen wäre, die ich wirklich fast immer tue und die ich auch durchgehalten habe: Morgenseiten- und Tagebuchschreiben. Das tue ich nämlich wirklich (fast) täglich: Die Morgenseiten fallen eigentlich nur aus, wenn ich ungewohnt früh aus dem Haus gehe. Doch wenn die Morgenseiten einmal ausfallen, schreibe ich eigentlich immer in mein Tagebuch. Das habe ich, anders als meinen Computer, fast immer dabei. Mit meinen anderen Schreibprojekten hinke ich dagegen wie im vergangenen Jahr leider hoffnungslos hinterher.

Immer dabei: mein Tagebuch

Bei den Blogbeiträgen habe ich mein Vorhaben dagegen erfüllt oder sogar übererfüllt, zumindest durchschnittlich und wenn man beide Blogs zählt: 34 Blogbeiträge habe ich in diesem Jahr schon gepostet, je 17 auf beiden – das ist mehr als ein Blogbeitrag je Woche im Schnitt. Und es werden hoffentlich viel mehr. Denn ich möchte – ein neuer Vorsatz – bei der 30-Tage-Buch-Challenge mitmachen. Dazu in den nächsten Tagen mehr. Gelesen habe ich ebenfalls so viel, wie ich mir vorgenommen habe: 27 Bücher habe ich in meinem Büchertagebuch notiert, und weil ich manchmal vergesse, Bücher einzutragen, dürften es sogar ein paar mehr sein.

Ich habe es auch fast geschafft, jede Woche eine Karte mit einem Gedicht aus dem Kalender Fliegende Wörter zu schreiben. Für jedes Gedicht eine passende Adressatin oder einen passenden Adressaten zu finden, war eine wirkliche Herausforderung. Und ich gebe zu: Ich habe nicht alle geschriebenen Karten verschickt. Denn wer, außer vielleicht ein Wurmforscher (ich kenne keinen persönlich), freut sich schon über einen „Altniederdeutschen Wurmsegen“. Für die zweite Jahreshälfte habe ich die Aktion Fliegende Wörter deshalb etwas geändert: Ich werde weiter Gedichte verschicken, teilweise aber selbst ausgesuchte (mit selbst geschriebenen verschone ich euch weiter).

Dass ich – endlich – weniger gearbeitet habe als in den vergangenen Jahren (ein Dauer-Vorsatz), liegt weniger an mir als an Corona. Ob es mir gelungen ist, mehr zu leben, weiß ich nicht. Aber ich glaube, ich bin auf einem ganz guten Weg.

Mancher Weg ist steiniger und steiler als geplant. Und manchmal scheint es, als hätte der Teufel seine Hand im Spiel, wie hier auf der Teufelsmauer.

Apropos Weg: Ich bin – Foe sei Dank – im letzten halben Jahr sicher mehr gewandert als je. Dabei habe ich wirklich schöne Wege und Orte im Harz, also quasi vor der Haustür, kennen gelernt, an denen ich jahrelang achtlos vorbeigefahren bin. Am Marienteich zum Beispiel. Den Hexenstieg habe ich immer noch nicht ganz erwandert, aber zumindest Teile davon, darunter den vielleicht schönsten Teil, den Weg durch das Bodetal. Und der Sommer ist ja noch lang …

An der Bode, dem vielleicht schönsten Teil des Hexenstiegs

Im Alltag klappt das mit dem Vorsatz, mich mehr – und täglich – zu bewegen, leider nicht immer. Meine Yoga-Übungen lasse ich leider allzu oft ausfallen oder reduziere sie auf ein Miniprogramm. Aber ich gelobe Besserung. 10.000 Schritte am Tag sind ein guter Vorsatz für das zweite Halbjahr. Damit das auch klappt, werde ich meinen Fitnesstracker reaktivieren. Ob es etwas genutzt hat, schreibe ich dann am Ende des Jahres. Wie auch über andere unausgesprochene und ungeschriebene Vorsätze. 😉

Würmsee im Mai

Diesen Blogpost beginne ich mit meinem Lieblingssatz aus der Musikfabel Alfred Jodocus Kwak von Hermann van Veen. Als er die Weihnachtsansprache halten soll, fragt der König: „Ist es schon wieder so weit?“

Nein, Weihnachten steht noch nicht wieder vor der Tür, aber das Monatsende. Höchste Zeit also für die monatlichen Fotos vom Würmsee. Ich habe es wieder erst auf den letzten Drücker geschafft.

Von der Badenden gibt es ohnehin nichts Neues: Sie kann sich trotz des schönen Wetters nicht entscheiden, ins Wasser zu gehen. Einen Badeanzug brauchte sie dazu angesichts der Tiefe des Teichs ohnehin nicht. Da würde es reichen, die Hose etwas umzukrempeln.

Die Enten stört die geringe Tiefe nicht – sie haben genügend Wasser unterm Bauch. Und für die Reiher ist das flache Wasser optimal. Gleich vier haben sich zum Frühstück eingefunden. Und der Tisch – genauer gesagt der Teich – ist reich gedeckt. Frösche, das konnte ich hören und sehen, gibt es im Schilf auf jeden Fall sehr viele.

Noch ist der Würmsee ein Paradies für Wasservögel, doch ob das im Sommer so bleibt? Der Wasserspiegel ist schon wieder deutlich gesunken, obwohl es im Mai ein paar Mal geregnet hat. Die Torffresser stehen wieder auf dem Trockenen …

Die Ureinwohner des Würmseewalds

… und die Bohlen des Stegs, die zu meinem Lieblingsplatz auf dem „Boot“ führen, ragen wieder etwa 30 cm aus dem Wasser. Im Februar und März stand das Wasser bis zur Unterseite der Bretter.

In „meiner“ Hütte haben Gäste den Tisch gedeckt …

… und gleich nebenan ein Tipi aus Ästen und Zweigen gebaut. Ich bin offenbar nicht die einzige, die gerne hier bleiben möchte. Aber Dauerwohnen wie nach dem Krieg und in den 1950er-Jahren ist am Würmsee nicht mehr erlaubt; die Häuser, die am See stehen, sind Wochenendhäuser, wenn auch teilweise sehr große.

Kein Baum-, sondern ein Asthaus

Fuchs, Hase, Reiher, Eisvogel und Kröte stören sich nicht an der Bau- und Wohnvorschriften. Sie übernachten, da bin ich sicher, auf oder unter ihrer Bank. Aber sie haben ja auch die älteren Rechte: Sie waren lange vor uns Menschen hier – und teilen jetzt ihren Lebensraum und die Bank großmütig mit uns, obwohl wir nicht immer gute Gäste sind.

Suchbild: Wo ist die Kröte?

Übrigens: Laut Wikipedia „erfand“ Hermann van Veen Alfred Jodocus Kwak, nachdem er eine Ente überfahren hatte und am nächsten Tag eine Entenfamilie in seinem Garten sah. Ihren Namen verdankt die Ente Alfred Biolek und einem Clown. Das Musical wurde 1976 erstmals aufgeführt, Ende der 80er entstanden Comics und Zeichentrickfilme. Alfred machte sogar in der Politik Karriere: Seit 2003 ist er offizieller UNICEF-Botschafter für die von der UNO festgeschriebenen Rechte des Kindes. https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Jodocus_Kwak