Vom Baum ins Glas

Unser Garten ist mehr oder weniger ein Ziergarten mit Rasen, Blumen, Stauden, Sträuchern und zwei kleinen Teichen. Ein paar Nutzpflanzen haben wir natürlich auch: So gedeihen beispielsweise Minze, Melisse, Salbei, Thymian oder Lavendel bei uns ausgesprochen gut. Aber ich nutze die Kräuter zugegebenerweise nur selten. Ich mag sie vor allem wegen ihres Dufts. Wenn ich im Garten bin, pflücke ich oft einen Zweig, einige Blüten oder Blätter, zerreibe sie zwischen den Fingern, stecke sie in meine Tasche oder zwischen die Seiten des Buchs, das ich gerade lese. Wahrscheinlich überleben die Kräuter auch nur wegen ihres Dufts. Denn ich bin bekennende Florasthenikerin: Pflanzen (wieder) zu erkennen, fällt mir schwer. Und manches, was ich in einem Jahr gepflanzt oder gesät habe, reiße ich im nächsten Frühjahr wieder aus, weil ich die Pflanze nicht wiedererkenne, sondern irrtümlich für Unkraut halte.

Tomaten, Salat und Gemüse wachsen bei uns in zwei Hochbeeten – in meinem in diesem Jahr allerdings eher spärlich. Die Tomaten tragen zwar ein paar Früchte; vom Rucola ist dagegen im Hochbeet gar nichts zu sehen. Dafür sprießt er wie schon in den vergangenen Jahren zwischen den Steinen der Terrasse. Fast täglich pflücke ich eine Hand voll – das genügt.

Die Erdbeeren, Johannisbeeren, Heidelbeeren und Himbeeren wandern jeden Morgen frisch vom Strauch in die Müslischalen. Von den Stachelbeeren konnte mein Mann in diesem Jahr sogar zwei Gläser Marmelade kochen. Die Süßkirschen überlassen wir dagegen meist den Vögeln: Mir verdirbt schon der Gedanke an die Maden der Kirschbaumfliege, die ich in den meisten Früchten entdecke. Doch zum Glück mögen Kirschbaumfliegen keine Sauerkirschen, und so können wir die zu Marmelade verarbeiten. Die schmeckt, anders als gekaufte Kirschmarmelade, nicht nach Marzipan, sondern ist wirklich sehr lecker.

In den vergangenen Jahren hat mein Mann die Kirschen geerntet. Doch diesmal bin ich auf den Baum gestiegen – und habe mich auf der Leiter stehend daran erinnert, wie gerne ich früher geklettert bin.

Vom Baum …

Als Kind war der Zwetschgenbaum im Garten meiner Eltern im Sommer mein Rückzugsort. Dort war ich zumindest zeitweise vor meiner kleinen Schwester sicher, mit der ich ein Zimmer teilen musste. Noch lieber wäre ich auf den Apfelbaum geklettert, doch selbst der unterste Ast war für mich unerreichbar hoch. Ein Seil als Kletterhilfe anzubringen, erlaubten meine Eltern nicht. Zu gefährlich, behaupteten sie. Dabei kletterte ich im Sportunterricht am Tau problemlos bis an die Decke der Turnhalle.

Das würde mirnatürlich heute nicht mehr gelingen,ja, ich würde es nicht einmal versuchen. Aber auf der Leiter wagte ich mich fast bis in den Gipfel des Kirschbaums. Was Gretchen lernt, verlernt Grete so schnell eben nicht.

Demnächst werde ich auf den Apfelbaum steigen, der in unserem Garten steht. Denn wie sagte Astrid Lindgren, als sie vor einem halben Jahrhundert mit ihrer Freundin Elsa Olenius um die Wette auf einen Baum kletterte: „Es gibt kein Verbot für alte Weiber, auf Bäume zu klettern.“ Und wer will der Erfinderin von Pipi Langstrumpf, Lotta und der Brüder Löwenherz schon widersprechen.

Astrid Lindgren war übrigens damals so alt wie ich heute, nämlich 67, ihre Freundin war sogar schon 80 Jahre alt (https://www.draesner.de/astrid-lindgren-klettert-auf-einen-baum/). Ob ich mit 80 noch so fit bin, weiß ich nicht. Aber ich habe hoffentlich noch ein paar Kletterjahre vor mir.

PS: Aus den Sauerkirschen, die ich geerntet habe, haben mein Mann und ich mehr als zwei Dutzend Gläser Marmelade gekocht. Das reicht bis zum nächsten Jahr. Dann werde ich hoffentlich wieder auf den Baum steigen und Kirschen ernten.

PS 2: Über die Früchte, die jetzt noch im Baum hängen, freuen sich die Vögel, auch wenn sie bei den Sauerkirschen auf die Fleischeinlage verzichten müssen.

Aller guten Dinge sind drei

Zugegeben, mit Eschede habe ich bislang nur Negatives verbunden. Da war natürlich das Zug-Unglück am 3. Juni 1998: Als der ICE 884 „Wilhelm Conrad Röntgen“ wegen eines defekten Reifens entgleiste, starben 101 Menschen, 105 wurden verletzt, viele von ihnen schwer (https://de.wikipedia.org/wiki/Eisenbahnunfall_von_Eschede). Und da sind natürlich die Rechtsextremen, die sich seit Jahrzehnten regelmäßig auf einem ehemaligen Bauernhof bei Eschede treffen.

Ich fahre immer durch den Ort, wenn ich mit dem Zug gen Norden fahre; ausgestiegen bin ich allerdings bislang erst einmal: im vergangenen Herbst, um an einer Demonstration gegen jenen Nazi-Treffpunkt teilzunehmen. Es war ein ziemlich beängstigendes Gefühl, an dem Hof vorbeizugehen, wo vermummte Männer uns filmten. Dass einige TeilnehmerInnen an der Demonstration ihre Gesichter ebenfalls versteckten, um nicht erkannt zu werden, konnte ich gut verstehen. Und ich war froh, dass so viele PolizistInnen uns begleiteten, wohl mehr, um uns als den Hof zu schützen.„Wohnen“, dachte ich damals, „möchte ich Eschede nicht.“

Dass ich Eschede seit Sonntag auch mit Schönem verbinde, ist eher Zufall. Weil die an diesem Wochenende offenen Gärten in der Region Hannover mit Öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer zu erreichen waren, suchte ich am Samstagabend nach besser erreichbaren Alternativen – und fand vier Gartenpforten in Eschede, die von Nabu-Mitgliedern geöffnet wurden.

Nicht einmal 20 Minuten dauerte die Zugfahrt von Burgwedel in den Heideort – und allein wegen des ersten Gartens hat sie sich gelohnt. „Hier könnte ich bleiben“, war mein erster Gedanke, als ich durch die offene Pforte trat. Der 3.000 m² große Garten von Helga und Guido Schuller ist wirklich ein Traum – mitvielen, zum Teil alten Bäumen und Sträuchern, ganz unterschiedlichen Stauden-, Obst- und Gemüsebeeten. Es gibt eine Sammlung von alten Fuchsienhochstämmen, ein Gewächshaus mit einer Kakteensammlung, zahlreiche Nistkästen und natürlich verwilderte Ecken mit Totholzhaufen.

Besonders gut gefallen haben mir die Teiche: Der neuere mit großer Flachwasserzone liegt – sonnenbeschienen – im vorderen Bereich des Gartens, ein zweiter versteckt sich im hinteren Bereich unter Bäumen. In die kleine, von Rosen umramkte Hütte am Rand des Teichs wäre ich gerne eingezogen. Aber auch das Gewächshaus direkt neben dem Seerosenteich lud zum Schreiben und zum Bleiben ein. Und weil die GartenbesitzerInnen bei der Auswahl der Pflanzen viel Wert auf die Insektenfreundlichkeit legen, fühlen sich im Garten nicht nur menschliche BesucherInnen wohl.

Nach dem furiosen Auftakt waren meine Erwartungen natürlich hoch, und die anderen beiden Gärten enttäuschten sie nicht. Als „Kompromiss zwischen einem gestalteten, kulturell geprägten Garten und einer Wildnis“ versteht Christine Lange-Krüger ihren Garten. „Eingriffe erfolgen nur, um die Pflanzenvielfalt zu erhalten und Gräser im Zaum zu halten.“ Wildstauden, vogelfreundliche Gehölze, ein kleiner Teich und eine kleine Obstwiese bieten viel Nahrung und Raum für Insekten und Vögel. Mein Lieblingsplatz war die mit echtem und wildem Wein bewachsene Pergola. Oder vielleicht doch die hinterm Rosenbogen versteckte Bank?

Dass der Garten von Johanna Schuller noch im Umbruch ist, sieht man ihm nicht an. „Auf einer ehemaligen Wiese mit verschiedenen heimischen oder auch exotischen Büschen am Rand, entsteht nach und nach eine bunte Mischung aus Nutz- und Naturgarten“, beschreibt sie ihn in der Broschüre, die im  Internet unter www.offene-Pforte-celle.de heruntergeladen werden kann. Mit gefiel der Garten mit Gemüse- und Staudenbeeten, Kräuterinseln, Gewächshaus, Wildblumenwiese und wilden Ecken schon jetzt. Selbst ein Teich fehlt nicht.

Den Weg zum vierten Garten, der seine Pforte geöffnet hat, sparte ich mir – nicht, weil mich der artenreiche (Wild)Staudengarten mit Streuobstwiese nicht interessierte. Aber er liegt in Habighorst, etwa zwei Kilometer von Eschede entfernt. Zu Fuß hätte ich für Hin-, Rückweg und Gartenbesichtigung mindestens eine Stunde gebraucht – und die dunklen Wolken am Himmel verhießen nichts Gutes. Einen Schirm habe ich nicht dabei und die Regenjacke in meinem Rucksack hätte einem Platzregen, wie ich ihn am Vortag erlebt hatte, kaum standgehalten.

Und weil aller guten Dinge ja bekanntlich drei sind, .ging ich zurück zum Bahnhof und fuhr nach Hause. Aber ich werde sicher wieder einmal in den kleinen Heideort kommen, den ich künftig nicht nur mit Zugunglücken und Rechtsradikalen verbinde, sondern auch mit wunderschönen Gärten.

Auf dem Besinnungsweg

Auf dem Burgberg bei Bad Harzburg war ich schon oft – er ist sozusagen unser Hausberg. Meine Tochter und ich wandern oft hinauf, wenn die Zeit bei meinen Besuchen nicht für eine längere Wanderung reicht oder das Wetter nicht mitspielt. Den Besinnungsweg habe ich aber erst vor ein paar Tagen entdeckt, obwohl er – eigentlich unübersehbar – an der Bergstation der Baumschwebebahn beginnt und endet.

Vor fast 1000 Jahren ging es hier wenig besinnlich zu. Wo Burgberg und Sachsenberg sich treffen, sollen angeblich im Jahr 1073 die Untertanen den deutschen König und späteren Kaiser Heinrich IV. und dessen Gefolge in der Harzburg belagert haben. Grund, wütend zu sein, hatten die Menschen allemal, mussten sie doch von 1065  bis 1068 die Burg in Fronarbeit, also ohne Bezahlung, bauen. An den Aufstand der Sachsen erinnert jetzt eine der insgesamt acht Stationen auf dem 1,6 Kilometer langen Rundweg.

Der führt um und auf die Kuppe des 538 Meter hohen Sachsenbergs und ist genau so, wie ich mir Wanderwege wünsche: schmal und verschlungen. Meist führt der Pfad durch den Wald, aber es gibt viele schöne Ausblicke: auf Bad Harzburg beispielsweise oder auf den Brocken. An vielen Stellen stehen Bänke und laden dazu ein, Pausen zu machen und über die Welt oder sich selbst nachzudenken.

Ich frühstücke auf einer Bank am Sachsenstein. Die Aufschrift „Sonne – Erde – Wind – Wasser“ erinnert an den Sachsengott Krodo, laut Sachsenspiegel ein Gott  der Fruchtbarkeit und des Lebens. Krodos Zeit endete mit der Christianisierung im achten Jahrhundert. Jetzt schaut mir der von Ralf Woick geschaffene Krodo-Kopf beim Frühstück zu.

Sein grimmiger Blick stört mich nicht, und während ich in der Sonne sitze, kommt mir das vielleicht bekannteste Zitat aus Goethes Faust in den Sinn: „Verweile doch! du bist so schön!“ Zum Glück habe ich, anders als Faust, keine Wette mit Mephisto abgeschlossen und kann ich den Augenblick genießen.

Das tue ich zu selten, meist fordert mich meine innere Stimme eher auf, mich zu beeilen statt zu verweilen. Dazu passt die Geschichte vom weisen Mann, die ich ein paar Meter weiter an der nächsten Station lese. Gefragt, wie er es schaffe, immer bei der Sache zu sein und ganz ruhig zu bleiben, verrät er sein Geheimnis. „Ganz einfach: Wenn ich sitze, sitze ich, wenn ich stehe, stehe ich und wenn ich gehe, gehe ich.“ Mir geht es indes wie vielen Menschen. Wenn ich sitze, bin ich schon im Begriff, aufzustehen, wenn ich stehe, denke ich schon daran, loszugehen, wenn ich gehe, denke ich schon ans Ziel – und wenn ich angekommen bin, suche ich schon ein neues Ziel, eine neue Aufgabe. Das soll anders werden.

Am nächsten Platz, dem Himmelsloch, wäre ich gerne länger geblieben. Auf der hölzernen Liege liegend, schaue ich in den blauen Himmel, der sich zwischen den hohen Bäumen zeigt.  Doch leider währt der Himmelsblick nicht lange. Das Holz war frühmorgens noch feucht vom Tau. Aber ich werde sicher bald wiederkommen und dann gewiss länger bleiben.

Rosen, Pfingstrosen und Orchideen

Ich habe seit Jahren eine Dauerkarte für die Herrenhäuser Gärten und ich nutze sie viel. Manchmal gehe ich einfach nur kurz in den Berggarten, wenn ich eigentlich aus einem anderen Grund in Hannover bin. Und immer wieder entdecke ich bei meinen Besuchen unbekannte Pflanzen. So zum Beispiel den Tulpenbaum im Staudengrund. An ihm bin ich wohl unzählige Mal achtlos vorbeigegangen, obwohl er wegen seiner Größe und der ungewöhnlichen Blüten kaum zu übersehen ist.

Am vergangenen Freitag führte mein erster Weg ins Orchideenschauhaus. Das hatten wir vor sechs Jahren, am 94. Geburtstag meiner Mutter, gemeinsam mit ihr besucht. In diesem Jahr wäre sie 100 Jahre alt geworden.

Meine Mutter hat Orchideen geliebt – und war von der Blütenpracht begeistert. Kein Wunder: Die Orchideensammlung im Berggarten gilt als eine der bedeutendsten Europas. Im Orchideenhaus werden ständig zwischen 500 und 800 Orchideen gezeigt, und zwar zwischen anderen tropischen Sträuchern und Bäumen, also quasi in ihrer „natürlichen“ Umgebung.

Auch die Pfingstrosen hätten meiner Mutter sicher gefallen. Im Präriegarten und im Staudengrund blühen zurzeit ganz verschieden Arten in den unterschiedlichsten Farben – von Weiß über Gelb, Rosa, Rot und Pink bis fast Schwarz. Als meine Mutter noch an der Mosel lebte, wuchs in ihrem Vorgarten ein riesiger Pfingstrosenstrauch, dessen Blüten herrlich dufteten. Noch heute bedaure ich, dass ich ihn nicht ausgegraben und in unserem Garten eingepflanzt habe, als wir das Haus verkauften. Meine eigenen Pfingstrosen duften wie so viele Neuzüchtungen leider nicht – und so muss ich mich damit begnügen, beim Gang durch die Herrenhäuser Gärten meine Nase in fremde Blüten zu stecken.

Pfingstrosen sind, auch das habe ich beim Schreiben der Blogbeiträge gelernt, trotz ihres Namens botanisch keine Rosen, sondern bilden eine eigene Pflanzenfamilie – die Pfingstrosengewächse (Paeoniaceae). Richtige Rosen (Rosa) wachsen im Niederdeutschen Rosengarten. Er ist Teil des Großen Gartens und laut Website „die Nachbildung eines der bereits im 16. Jahrhundert hoch geschätzten ‚Liebesgärten‘“ (https://www.hannover.de/Herrenhausen/Herrenhäuser-Gärten/Großer-Garten/Der-Niederdeutsche-Rosengarten). Insgesamt etwa 650 Rosen sollen in den quadratischen und runden Beeten wachsen, darunter auch die Herrenhäuser Sorten „Kurfürstin Sophie“ und „King George“.

An den wunderschönen privaten Rosengarten von Silke Rex, die im Juni wieder ihre Gartenpforte öffnet, reicht der Rosengarten in Herrenhausen meiner Meinung nach zwar nicht heran. In einem der vier Pavillons sitzend, habe ich mich aber trotzdem ein bisschen wie Dornröschen gefühlt.

Viel Zeit zu träumen oder gar zu schlafen hatte ich indes nicht. Denn eigentlich war ich ja aus einem anderen Grund in Hannover: Ich wollte zur Synagoge der Liberalen Jüdischen Gemeinde. Dort halten die Omas gegen rechts jeden Freitag während des Schabbat-Gottesdienstes eine Solidaritätswache.

Rhapsodie in Gelb und Blau

Wer sich unseren beiden Miniteichen nähert, sieht zuerst Gelb. Die Schwertlilien haben die Sumpfdotterblumen abgelöst und blühen prächtig. Die lila Blüten erkennt man erst auf den zweiten Blick. Zwischen den gelben Lilien zeigt sich eine einzelne Dreimasterblume – aber ich bin sicher: Wo eine ist, werden bald andere folgen. Denn Dreimasterblumen haben leider ein sehr einnehmendes Wesen. Weil sie andere Pflanzen rücksichtslos überwuchern, rücke ich ihnen regelmäßig mit Spaten und Hacke zu Leibe.

Darüber, dass die Akeleien sich überall im Garten ausbreiten, freue ich mich dagegen sehr – ebenso darüber, dass zum ersten Mal seit Jahren wieder lila Schwertlilien in unserem Garten wachsen. Woher sie kommen, weiß ich nicht, vielleicht trauen sie sich in diesem Jahr hervor, weil ich die übermächtige Heckenrose am Teichrand ausgegraben und auch den wuchernden Beinwell etwas zurechtgestutzt habe.

Die blaue Anemone im Beet am Wintergarten blüht in diesem Jahr ebenfalls zum ersten Mal. Von ihren Schwestern ist noch nicht zu sehen. Aber ich habe die Zwiebeln ja auch erst spät – vor etwa einem Monat – in die Erde gesetzt. Vielleicht kommt ihre Zeit noch: Manche Anemonen blühen bis in den Herbst hinein.

Dann ist meine Lieblingsrose, Rhapsody in blue, sicher längst verblüht. Sie blüht, anders als ihr Name sagt, lila und sie duftet herrlich. Leider verwelken die Blüten rasch. Aber vielleicht kann ich ja die Blütezeit verlängern, wenn ich die verblühten Blütenstände abschneide. Das schadet der Pflanze angeblich nicht, im Gegenteil: Laut hausgarten.net bleiben Rosen „nur durch gezielte und periodische Rückschnitte … vital und blühfreudig“ (https://www.hausgarten.net/verbluehte-rosen/). Anderen Websites zufolge gilt das nicht für alle Rosenarten, aber zumindest für Beetrosen wie meine Rhapsody in blue.

Sehr ausdauernd blüht, ganz ohne mein Zutun und meine Unterstützung, das Blaukissen: Die erste Blüte zeigte sich schon im Februar – und noch sind keine Ermüdungserscheinungen zu erkennen. Der Lesezwerg ist fast ganz in den blauen Blüten versunken – und natürlich immer noch in seinem Buch.

Was er liest, verrät er mir leider nicht. Ich habe gestern wieder einmal Selene Marianes „Miniaturen in Blau“ aus dem Bücherregal geholt – passend zur Rhapsodie in Blau vor dem Wintergartenfenster.

Apfelparadies am Nord-Ostsee-Kanal

Ich mag schöne Gärten, und so naturbelassene wie den Garten des Nordkollegs in Rendsburg allemal. Knapp ein Hektar ist der zwischen den Seminar- und Gästehäusern der Akademie für kulturelle Bildung gelegene Garten groß – und allein schon seinetwegen lohnt sich ein Aufenthalt in der Bildungsstätte.

Schon bei meinem ersten Seminar im Januar vergangenen Jahres machte mich der Garten neugierig – aber Winter ist für einen Gartenbesuch eben nicht die beste Zeit. Da ist der April allemal besser, vor allem wenn die Temperaturen in der ersten Aprilhälfte eher einem vorgezogenen Mai ähnelten. An diesem Wochenende spielten die Temperaturen leider nicht ganz mit – der April macht ja bekanntlich, was er will. Und so konnte ich, anerkannte Frostbeule, immer nur kurz in der Sonne sitzen. Aber wenn ich vor, nach und zwischen den einzelnen Sitzungen und Schreibsessions auf verschlungenen Pfaden spazierte, habe ich mich ein bisschen wie Dornröschen im verzauberten Garten gefühlt.

Nicht ohne Grund: Über 200 Rosenarten soll es laut Website im Garten geben (https://www.nordkolleg.de/nordkolleg/der-garten/). Bis sie blühen, dauert es noch eine ganze Weile; und auch Wildblumenwiese, Trompeten- oder der Tulpenbaum lassen noch auf sich warten. Die Apfelbäume stehen dagegen derzeit in voller Blüte. Mehr als 120 Mutterpflanzen alter Obstsorten – 120 an der Zahl, kein Spalierobst – werden im Garten des Nordkollegs erhalten. Die alten Sorten sind nicht nur schmackhafter als viele neue Züchtungen; sie liefern vor allem die Edelreiser, die man zum Veredeln oder zur Nachzucht von Apfelbäumen braucht.

Eine Besonderheit, und zumindest einzigartig in Deutschland, ist der 100-Sorten-Apfelbaum – ein Baum, an dem tatsächlich mehr als hundert verschiedene Apfelsorten wachsen. Seit Jahren werden auf einen Boskoop-Apfelbaum Triebe anderer Sorte gepfropft. Wachsen sie am angeschnittenen Ast an, trägt der alte Baum im nächsten Jahr (auch) Äpfel der aufgepfropften Sorte. Wegen der Sortenvielfalt trägt der Baum übrigens sehr lange – vom Sommer bis in den Herbst hinein – Früchte. Ihren Teil tragen dazu auch die im Nordkolleg-Garten lebenden Bienenvölker bei, die die Blüten – nicht nur der Apfelbäume – bestäuben.

Auch die begehbare Kräuterspirale, auf der zurzeit vor allem der Waldmeister blüht, hat mir gut gefallen. Und im Natur-Klang-Garten kann man hören, wie Wasser springt, Steine rauschen oder wie ein Hörrohr die „Musik der Natur“ verstärkt.

Apropos Musik: Die spielt im Programm des Nordkollegs neben Literatur & Medien, Sprachen & Kommunikation sowie Kultur eine besondere Rolle: Hier proben Chöre und Orchester, finden unter anderem Jazz-, Musical- oder Songwriter-Workshops statt. Mich hat diesmal ein Essayworkshop mit Brigitte Helbling nach Rendsburg geführt. Die literarische Form fasziniert mich schon lange – und ich konnte mich ihr in dem viertägigen Workshop wieder ein Stück mehr annähern.

Mein zweiter Besuch im Nordkolleg war bestimmt nicht mein letzter. Ich komme gewiss wieder – vielleicht zu einem Konzert, zum Apfelblütefest im Mai oder zum Apfelerntefest im Herbst, bei dem Äpfel verschiedener Sorten probiert werden können. Oder im Sommer, wenn die im Garten des Nordkollegs viele verschiedene Rosensorten blühen.

Garten im April

Endlich Frühling, überall im Garten grünt und blüht es. Die beiden Kirschbäume beispielsweise. Über die Früchte der Süßkirsche werden sich später vor allem die Vögel freuen, ebenso über die ebenfalls weiß blühenden Schlehen hinten am Teich. Bis der Flieder aufblüht, dauert es ebenfalls nicht mehr lange, und auch der Apfelbaum ist bald so weit. Mausohr heißt das Stadium kurz vor Beginn der Blüte im Blütenradar des Alten Lands.

Am Teich fühlen die Sumpfdotterblumen, gelbe Farbkleckse im weiß-lila Blütenmeer, und Beinwell wohl. Wie das Buschwindröschen in unseren Garten gekommen ist – oder ist es ein Studentenrösli? -, weiß ich nicht, und auch den hängenden Lauch habe ich sicher nicht gepflanzt. Aber ich freue mich, dass sie da sind.

Im Beet, über das bis zum vergangenen Jahr der mächtige Buchsbaumstier herrschte, wird zum Blumenbeet. Jetzt blühen hier Tulpen, Wildtulpen und ganz neu Rem‘s Favorite. Später kommt dann die Zeit der Anemonen und der Rosen, die ich hierhin (um)gepflanzt habe. Gleich daneben wächst das Blaukissen in diesem Jahr so hoch, dass der Lesezwerg fast zwischen den Blüten verschwindet.

Da wollen auch die Pflanzen im Haus nicht zurückstehen. Hinter dem schützenden Glas des Wintergartens zeigt die Strelitzie, dass sie zurecht Paradiesvogelblume genannt wird. Wie Vögelköpfe schauen die bunten Blüten aus dem dichten Grün hervor. Der Osterkaktus  ist in diesem Jahr etwas spät dran. Aber erstens war Ostern in diesem Jahr außergewöhnlich früh. Und zweitens ist er auch schon ein alter Herr. Wir haben ihn und seinen rosa blühenden Bruder von meiner Schwiegermutter geerbt, die schon seit über 30 Jahren tot ist.

Von meiner Mutter, die vor fast fünf Jahren gestorben ist, habe ich eine Orchidee übernommen. Ich hatte sie ihr kurz vor ihrem Tod geschenkt – jetzt steht sie in meinem Arbeitszimmer. Sie blüht meist lange, vielleicht bis zum 100. Geburtstag meiner Mutter im Mai.

Auf nach Herrenhausen

Endlich war ich wieder in den Herrenhäuser Gärten. Meine Jahreskarte war schon im Oktober abgelaufen und meist kaufe ich mir dann direkt eine neue. Denn ich mag die Gärten, vor allem den Bergarten und den frei zugänglichen Georgengarten, eigentlich zu jeder Jahreszeit. Aber im gefühlten Dauerregen von November bis Februar erschien mir ein Gartenspaziergang dann doch wenig verlockend. Im Großen Garten, der von Grachten umgeben ist, war sogar zeitweise Land unter. Einige Beete und Gewächshäuser standen tagelang unter Wasser. Wie die Pflanzen das verkraftet haben, wird sich wohl erst in den nächsten Wochen zeigen.

Der Berggarten war von den Überschwemmungen nicht betroffen. Denn er liegt zwar, anders als sein Name vermuten lässt, nicht auf einem Berg, aber doch etwas höher als sein großer Bruder. Der frühere herzogliche Küchengarten wurde laut Wikipedia auf dem Hang einer Eiszeit-Sanddüne angelegt (https://de.wikipedia.org/wiki/Berggarten). Gemüse wird hier schon lange nicht mehr angebaut, dafür wachsen im Berggarten heute rund 12.000 Pflanzenarten – zu jeder Jahreszeit andere.

Jetzt sind die Frühblüher an der Reihe – Scilla, Krokusse, Lenzrosen, Märzbecher, Primeln Narzissen und viele andere, deren Namen ich nicht kenne. Den Staudengrund durchzieht wieder das künstliche Bächlein und die Süntelbuche, mein Lieblingsbaum, zeigt sich – noch ohne Blätter – ihre ganze Schönheit. Was aussieht wie ein kleiner Wald ist tatsächlich nur ein einziger Baum – im Sommer verdecken die Blätter die knorrigen Stämme, Äste und Zweige, die über oder unter der Erde miteinander verbunden sind.

Als die Süntelbuche (Fagus sylvatica ‚Tortuosa‘) im Berggarten um 1880 gepflanzt wurde, waren ihre freilebenden Verwandten schon weitgehend ausgerottet. Denn ihre kurzen, verdrehten, oft miteinander verwachsenen Äste und Stämme eignen sich weder als Bau- noch als Brennholz. Und wegen seines teilweisen bizarren Aussehens war das „Deuwelholts“ vielen Menschen unheimlich. Grund genug, den letzten Süntelbuchenwald in den 40er-Jahren des 19. Jahrhunderts abzuholzen.

Die Süntelbuche im Berggarten hat mit 145 Jahren ihre durchschnittliche Lebenserwartung schon erreicht. Die liegt nämlich „bei 120 bis 160 Jahren. Der waagerechte, statisch ungünstige Wuchs scheint das Auseinanderbrechen alter morscher Bäume zu beschleunigen, so dass 300 Jahre nicht erreicht werden“, heißt es bei Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Süntel-Buche). Im Berggarten stützt ein starker Zaun die alte Dame – und so ist zu hoffen, dass sie ein ähnlich hohes Alter erreicht wie ihre Verwandten bei Raden im Auetal oder im Schlosspark von Haus Weitmar in Bochum. Beide Süntelbuchen sind über 250 Jahre alt, mein Lieblingsbaum in den Herrenhäuser Gärten wird mich also hoffentlich lange überleben.

Übrigens: In Bad Nenndorf am Deister kann man Süntelbuchen fast in „freier Wildbahn“ bewundern. Fotos von der Süntelbuchenallee am Rande des Kurparks gibt es unter https://timetoflyblog.com/eine-allee-der-besonderen-art und unter https://foerodens.wordpress.com/2024/01/14/alt-und-knorrig-die-suntelbuchenallee/

Winter ade

Pünktlich zum Beginn des meteorologischen Frühlings zeigt sich das Wetter nach gefühlt drei Monaten Dauerregen von seiner freundlichen, wirklich frühlingshaften Seite. Die Sonne scheint und mittags ist es sogar manchmal so warm, dass ich ohne Jacke im Garten arbeiten kann.

Nach ein paar Arbeitseinsätzen sieht unser Garten wieder einigermaßen aufgeräumt aus. Mein Mann hat die Bäume geschnitten, ich habe die vertrockneten Stengel und das Laub vom letzten Jahr aus den Beeten entfernt, ebenso die Efeuranken, die sich partout nicht an unsere Absprache halten: An den Zäunen dürfen sie sich nach Herzenslust ausbreiten, die Beete sind efeufreie Zone.

Auch die Heckenrose neben dem Teich musste weichen: Wir haben sie abgeschnitten und die Wurzeln ausgegraben. Denn sie ist uns in den vergangenen Jahren nicht nur über den Kopf, sondern auch immer wieder über den Zaun gewachsen. Wir haben die Triebe zwar regelmäßig gestutzt haben, trotzdem ragten sie mit ihren spitzen Dornen über den Teich und – noch schlimmer – über den Rad-/Fußweg, der an unserem Grundstück vorbeiführt. Geblüht hat die Pflanze nur wenig – und die wenigen Blüten dufteten leider überhaupt nicht.

Im Moment wirkt der Platz neben dem Leuchtturm noch etwas kahl, aber die Stellenbeschreibung für Nachfolgerin am Teichrand ist schon fertig: Sie soll üppig blühen, duften, vogel- und bienenfreundlich sein und möglichst nicht höher als zwei Meter werden. Die Farbe ist nicht soooo wichtig, allerdings werden bei gleicher Qualifikation pink bis lila blühende Pflanzen bevorzugt.

Derzeit dominieren in unserem Garten lila Blüten: Krokusse, Scilla und Hyazinthen fühlen sich in unserem Garten wohl und vermehren sich selbst. Auch die Primel am Teich hat den Winter gut überstanden, nur die Veilchen zieren sich noch, aber sie wollen, um mit Eduard Mörike zu sprechen, wohl „balde kommen“. Für gelbe Farbtupfer sorgen Winterlinge, Krokusse, Narzissen und natürlich die Forsythien.

Wie ein blaues Band liegt das Blaukissen vor unserem Wintergarten. Wenn die ersten Blüten im Februar aufblühen, weiß ich, dass es Frühling wird. Im letzten Jahr hat Fine, die Katze unserer Nachbarn, gerne auf den blauen Blüten gelegen und sich gesonnt. Im Herbst ist Fine gestorben. Ich werde sie vermissen, auch wenn sie mich manchmal erschreckt hat, wenn sie plötzlich neben mir auftauchte.

Der Lesezwerg sitzt dagegen seit Jahren an der gleichen Stelle – im Sommer wie im Winter, immer in das gleiche Buch vertieft. Er zeigt seine Gefühle nicht, aber ich bin sicher, dass auch er sich auf den Frühling freut und die ersten Sonnenstrahlen auf seinem inzwischen fast nackten Körper genießt.

Wer Eduard Mörikes Gedicht „Er ist’s“ nachlesen will, findet es im Internet unter https://www.gedichte7.de/er-ists.html

Schwierige Beziehungen

„Welche Pflanze kostet euch am meisten Nerven und trotzdem könnt ihr nicht ohne sie?“ Diese Frage wurde vor einigen Tagen auf dem Instagram-Account #mein_schöner_Garten gestellt. Ich beteilige mich nur selten an solchen Umfragen, aber diesmal antwortete ich spontan: „Rittersporn“. Denn mein Verhältnis zu dieser Staude lässt sich kurz beschreiben: Ich liebe sie, aber diese Zuneigung beruht leider nicht auf Gegenseitigkeit.

Seit Jahren versuche ich, den Delphinium, so der offizielle Name des Rittersporns, in unserem Garten anzusiedeln – mal in dem Beet vor dem Wintergarten, meist aber in dem runden Rosenbeet. Denn angeblich ist Rittersporn ja ein idealer Begleiter für Rosen. Und sonnig, wie von Fachleuten empfohlen, sind beide Beete.

Trotzdem gibt der Delphinium in der Regel nur ein kurzes Gastspiel in unserem Garten. Spätestens am Ende des Sommer verschwindet er auf Nimmerwiedersehn. Nur einmal überlebte er den Winter und blühte im nächsten Jahr erneut. Doch mein Gärtnerinnenglück war nur von kurzer Dauer. Nach dem zweiten Saison ereilte auch diesen Rittersporn das Schicksal seiner Vorgänger. Er verblühte und ward nie wieder gesehen.

Leider ist der Rittersporn nicht die einzige Pflanze, die mich weniger mag als sie. Noch weniger Glück habe ich mit Sonnenblumen. In den Gärten der Nachbarn wachsen sie zuhauf, vermehren sich selbst und werden mannshoch, bei uns widersetzen sie sich leider allen Ansiedlungsversuchen. Obwohl ich schon unzählige Sonnenblumensamen ausgesät habe, ist unser Garten quasi eine sonnenblumenfreie Zone. Auch meine Hoffnung, dass sich aus den Kernen, die ich von Herbst bis Frühjahr für die Vögel ausstreue – mit oder ohne Umweg über den Vogelmagen – die eine oder andere Blüte entwickelt, wurde bislang enttäuscht. Wenn ich schon blühende Sonnenblumen mit Wurzeln kaufe und einpflanze, überleben sie oft nicht einmal die erste Nacht im Freien. Ich habe die Schnecken im Verdacht, aber überführen konnte ich sie bislang noch nicht.

Dass man die Hoffnung nie aufgeben soll, zeigen die Winterlinge (Eranthis hyemalis). Angeblich sind sie total pflegeleicht und im Garten einer Freundin bildeten sie in der Tat alle Jahre wieder von Februar bis April einen dichten gelben Teppich. In unseren Beeten zeigte sich dagegen keine einzige gelbe Blüte, so sehr ich mich auch um sie bemühte. Vor drei Jahren habe ich dann ein paar Zwiebeln aus Bärbels Garten aus- und in meinem Garten eingegraben. Leider vergeblich. Das habe ich sehr bedauert, nicht nur, weil ich Winterlinge mag, sondern vor allem, weil meine Freundin kurz nachdem sie mir die Zwiebeln geschenkt hat gestorben ist.

Weil ich ein blühendes Andenken an sie wollte, habe ich auch in diesem Jahr – wie in den beiden vorangegangenen – wieder Winterlinge gekauft und gepflanzt. „Es ist eure letzte Chance“, habe ich beim Einpflanzen gedroht.

Ob es Zufall ist oder ob die Drohung gewirkt hat, weiß ich nicht: Inzwischen haben sich an auch an zwei Stellen im Garten Winterlinge hervorgewagt. Ob sie aus Bärbels Garten stammen, weiß ich nicht und es ist mir auch egal: Hauptsache sie sind da.