In Memoriam: Orlando Orlandi Posti

In meinem Blogbeitrag über die Stadt der Tagebücher im Mai habe ich über die Briefe eines jungen Mannes geschrieben, die mich sehr beeindruckt und an Anne Franks Tagebuch erinnert haben (https://timetoflyblog.com/die-stadt-der-tagebuecher). Seinen Namen hatte ich mir leider nicht gemerkt – es waren wohl einfach zu viele Informationen und Eindrücke an diesem Vormittag. Inzwischen habe ich ihn von Silvia Gennaioli von der Fondazione Archivio Diaristico Nazionale in Pieve Santo Stefano, die mich Anfang Mai durch das Tagebuchmuseum führte, erfahren.

Orlando Orlandi Posti war Student, Mitbegründer der Italienischen Revolutionären Studentenvereinigung (ARSI) und eine der Geiseln, die im Zweiten Weltkrieg von deutschen Soldaten beim Massaker in den Ardeatinischen Höhlen ermordet wurden. Der 17-Jährige wurde Anfang Februar 1944 von der SS verhaftet, als er seine Freunde vor einer geplanten Razzia der deutschen Besatzer im Bezirk Monte Sacro warnen wollte. Während seiner fast zwei monatigen Gefangenschaft in der Via Tasso gelang es ihm, Briefe an seine Mutter zu schreiben und aus dem Gefängnis zu schmuggeln.

Über das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen (Fosse Ardeatine) wissen die meisten Menschen in Deutschland wenig oder gar nichts. Ich gebe zu: Auch ich musste zuerst recherchieren, was dort geschehen war, bevor ich diesen Beitrag schreiben konnte. Dabei habe ich mich immer für Geschichte interessiert und das Fach – allerdings vor sehr langer Zeit – studiert.

Am 24. März 1944 ermordeten deutsche Soldaten 335 Menschen –  als Vergeltungsmaßnahme für den Tod von 33 Südtiroler Polizisten, die am Tag zuvor bei einem Bombenanschlag von italienischen Widerstandskämpfern in der Via Rasella ums Leben gekommen waren (https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_in_den_Ardeatinischen_Höhlen). Die Hinrichtungen dauerten einen ganzen Nachmittag; die jüngste ermordete Geisel war 15 Jahre alt, die älteste 74. Orlando Orlandi Posti starb ein paar Tage nach seinem 18. Geburtstag. Seine Träume, nach dem Krieg und der deutschen Besatzung Medizin zu studieren, zu reisen, in Freiheit zu leben, konnte er nicht verwirklichen.

Seine Mörder durften weiter leben, alt werden und in Freiheit sterben. Herbert Kappler, der Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD in Rom, der das Kriegsverbrechen organisierte und einige Geiseln selbst ermordete, wurde zwar 1948 zu lebenslanger Haft verurteilt. Aber er konnte vor seinem Tod im Februar 1978 aus dem Gefängnis fliehen (https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Kappler). SS-Hauptsturmführer Erich Priebke, der die Erschießungen protokollierte und auch selbst Geiseln erschoss, tauchte nach dem Krieg unter und floh mit seiner Familie nach Südamerika – unterstützt von katholischen Geistlichen. Ein halbes Jahrhundert lebte der Kriegsverbrecher unbehelligt in Argentinien. Erst 1998 wurde er in Italien zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, die jedoch wegen seines Alters in Hausarrest umgewandelt wurde.

„Im Prozess 1996 vor dem Militärgericht berief sich Priebke auf den Befehlsnotstand“, schrieb Malte Herwig in einem Artikel, der im Oktober 2013, kurz nach Priebkes 100. Geburtstag, im Magazin der Süddeutschen Zeitung erschien (https://sz-magazin.sueddeutsche.de/geschichte/der-letzte-fall-79973). Seine Beteiligung am Massaker bereute er auch kurz vor seinem Tod nicht, ein Fehler sei nur gewesen, dass „Leider Gottes … fünfe zu viel erschossen worden“ sind, nämlich 335 Menschen statt 330: für jeden getöteten Polizisten zehn unschuldige Geiseln. Er bemitleidete nur sich selbst und seine Mittäter. „Für uns war das ja furchtbar“, sagte Priebke, der sich selbst als gläubigen Christ bezeichnete. Mögen er und alle seine Helfer und Helfershelfer ewig in der Hölle schmoren.

Als ich den Artikel las, kam mir der Begriff von der „Banalität des Bösen“ in den Sinn, den die Philosophin Hannah Arendt 1963 beim Prozess gegen Adolf Eichmann prägte. Treffender kann man die „massive Gleichgültigkeit, mit der die Verbrechen begangen“ und die moralische Verantwortung dafür abgegeben wurde, wohl nicht beschreiben (https://www.deutschlandfunkkultur.de/outsourcing-moralischer-verantwortung-die-banalitaet-des-100.html).

2004, zum 60. Jahrestag des Massakers in den Adreatinischen Höhlen, wurden Orlando Orlandi Postis Briefe und Tagebuchnotizen aus dem Gefängnis veröffentlicht. Bislang gibt es das Buch* leider nur auf Italienisch. Aber vielleicht findet sich ja ein Verlag, der zum 80. Jahrestag im März 2024 die „Lettere dal carcere di via Tasso“ ins Deutsche übersetzen lässt und herausgibt. Damit sich künftig auch Menschen in Deutschland an das Kriegsverbrechen erinnern und Orlando Orlandi Posti und die anderen Opfer nie vergessen werden.

*Orlando Orlandi Posti: Roma ’44. Lettere dal carcere di via Tasso di un martire delle Fosse Ardeatine  Italienische Ausgabe, Rom, Donzelli 2004, 9,99 Euro

Die Stadt der Tagebücher

Überschwemmungen in Italien, viele Dörfer und Städte stehen unter Wasser. Besonders betroffen ist die Emilia Romagna, die Region, durch die wir auf unserer Rückreise aus der Toskana gefahren sind. Auch an jenem Tag regnete es ohne Unterlass – zum ersten Mal, seit wir drei Wochen zuvor den Brenner überquert haben. Der Regen setzte am Nachmittag des Vortags ein, gerade als wir Pieve Santo Stefano, den letzten Ort auf meiner To-visit-Liste, verlassen hatten.

Natürlich frage ich mich, wie es dort aussehen mag. Schließlich liegt Pieve Santo Stefano direkt am Tiber – und schon einmal, im Jahr 1855, hat eine Überschwemmung in dem kleinen toskanischen Ort an der Grenze zur Emilia Romagna große Schäden angerichtet. Damals wurden viele Gebäude und Kunstwerke beschädigt und zerstört, ebenso bei den beiden Erdbeben im April 1917 und im Juni 1919.

Der Tiber fließt durch Pieve Santo Stefano, Anfang Mai ruhig und mit wenig Wasser.

Weit schlimmer aber waren die Zerstörungen durch die deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Seit 1943 fanden in der Region schwere Kämpfe statt, Ende August 1944 verminten die Deutschen auf ihrem Rückzug den Ort und sprengten fast alle Gebäude. Nur der Palazzo del Comune und die Kirche blieben erhalten. Fast 99 Prozent der Gebäude und über 100 Kilometer Straßen waren laut Wikipedia zerstört (https://de.wikipedia.org/wiki/Pieve_Santo_Stefano). Als die Bewohner zurückkehrten und ihr Dorf wieder aufbauten, wurden die alten Gebäude im Renaissance-Stil durch moderne Häuser ersetzt.

So schön wie viele andere toskanische Städte ist Pieve Santo Stefano daher nicht. Und vielleicht ist der Ort in Deutschland deshalb fast unbekannt. Doch für mich steht seit 1996 fest, dass ich irgendwann nach Pieve Santo Stefano muss. Damals habe ich, begeisterte Tagebuchschreiberin, Barbara Bronnens Buch* „Die Stadt der Tagebücher. Vom Festhalten des Lebens durch das Schreiben“ gelesen: Die Erzählerin besucht mit ihrer Freundin Eva das Fest der Tagebücher, das alljährlich im September in Pieve Santo Stefano stattfindet. Seit 1984 gibt es in der Stadt der Tagebücher (Città del Diario) das nationale Tagebucharchiv (Archivio Diaristico Nazionale), in dem inzwischen mehrere tausend Tagebücher und andere zeitgeschichtliche Dokumente aufbewahrt werden.

Die Idee, autobiografische Schriften – Tagebücher, Briefwechsel und persönliche Lebenserinnerungen – ganz „normaler“ Menschen zu sammeln und Interessierten zugänglich zu machen, hatte der italienische Journalist Saverio Tutino.. „Das Archiv will nicht nur, wie ein Museum, die persönlichen Texte aufbewahren sondern ihren inneren Reichtum auf verschiedenste Weisen fruchtbar machen“, schreibt er (http://www.archiviodiari.org/index.php/archivio/423-das-tagebucharchiv-von-pievesanto-stefano). Ziel sei es, bislang verborgene Texte zu neuem Leben und neues Interesse an autobiografischen Texten zu wecken. Das ist gelungen: Der Tag der Tagebücher im September ist inzwischen Tradition; alljährlich werden Tagebücher prämiert und von Verlagen veröffentlicht. Und auch in anderen Ländern sind inzwischen Tagebucharchive entstanden, in Deutschland in Emmendingen.  

Meine Italienischkenntnisse reichen leider für einen Besuch im Tagebucharchiv nicht aus, doch zum Glück gibt es seit fast zehn Jahren – seit dem 7. Dezember 2013 – das „piccolo museo del diario“ im ersten Stock des Palazzo Pretorio, einem der wenigen von den deutschen Soldaten nicht zerstörten Gebäude.

Das Museum ist wirklich klein, es besteht nur aus vier Räumen. Original-Tagebücher und -Dokumente gibt es hier leider nur wenige – die meisten im zweiten Raum, in dem eine Ecke an Saverio Tutino, den Gründer des Archivs der Tagebücher, erinnert. Aber man kann mithilfe von Multimedia-Tools die Tagebücher und Briefe aus drei Jahrhunderten ansehen und anhören. Bekannte Schauspieler lesen Auszüge aus den Dokumenten vor.

Im ersten Raum verstecken sich die virtuellen Dokumente – wie manche echte Tagebücher – in Schränken und Schubladen. Öffnet man sie, werden sie lebendig und geben ihre Geheimnisse preis. Besonders beeindruckt haben mich die Auszüge aus Tagebüchern und Briefen, die ein junger Mann geschrieben hat, der im Zweiten Weltkrieg von den deutschen Besatzern gefangen genommen wurde. Er träumte von einem Leben nach dem Krieg, wollte reisen, studieren – wie Anne Frank. Doch wie sie konnte er seine Wünsche nicht verwirklichen. Auch er wurde ermordet. Aber das Tagebucharchiv und das Tagebuchmuseum verhindern, dass das, was er in der Zeit vor seinem Tod gefühlt, gedacht und gehofft hat, in Vergessenheit gerät.

Sein Landsmann Vincenzo Rabito, geboren 1899, hat den Krieg überlebt, sich das Schreiben selbst beigebracht – und seit Ende der 60er-Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 1981 seine Erinnerungen und die Geschichte des Jahrhunderts aufgeschrieben. Entdeckt wurden die Aufzeichnungen erst nach Rabitos Tod durch das Nationale Tagebucharchiv; 2007 wurden sie unter dem Titel „Terra Matta“ teilweise veröffentlicht und mit dem Literaturpreis Racalmare Leonardo Sciascia ausgezeichnet. Fotos aus dem Leben des Autors und von Manuskriptseiten werden im dritten Raum des kleinen Museums an die Wand projiziert, Auszüge aus dem mehr als tausendseitigen Text sind zu hören.

Im letzten Raum ist schließlich das größte und wohl ungewöhnlichste „Tagebuch“ der Sammlung zu sehen. Nach dem Tod ihres Mannes schrieb die Bäuerin Clelia Marchi ihre Erinnerung an das Leben mit ihm nieder – zuerst auf Papier, dann, als sie kein Papier mehr hatte, auf einem Betttuch. Ein Abdruck des Tuchs ziert auch das Cover des Buches von Barbara Bronnen, das leider vergriffen ist. Aber mein Exemplar hat mich auf unserer Reise durch die Toskana natürlich begleitet.

Besichtigungen des kleinen Museums sind nur mit Führung möglich. Weil ich an diesem Morgen die einzige Nicht-Italienerin war, führte mich Silvia Gennaioli durch die Räume, erklärte mir alles und beantwortete meine Fragen auf Englisch. Die gesprochenen Tagebuch-Texte konnte ich auf einem Audio-Guide auf Englisch hören. Ganz herzlichen Dank noch einmal dafür.

Das piccolo museo del diario ist täglich geöffnet. Wer es besuchen möchte, sollte sein Ticket vorher buchen, weil die Zahl der TeilnehmerInnen an den Führungen begrenzt ist. Es lohnt sich wirklich. Mehr Informationen und Tickets unter

www.piccolomuseodeldiario.it 

*Dieser Beitrag enthält unbezahlte Werbung

Barbara Bronnen: Die Stadt der Tagebücher. Vom Festhalten des Lebens durch Schreiben. Krüger Verlag, 1996

Hauptsache Lesen

E-Book oder richtiges Buch, das war für mich lange keine Frage. Ich bin ein großer Fan gedruckter Bücher – und ich werde es sicher auch bleiben. Digitale Bücher waren für mich eigentlich immer nur Notlösungen. Ich habe sie gekauft oder geliehen, wenn ich verreist bin und sicher gehen wollte, dass mir der Lesestoff nicht ausgeht. Oder wenn mir die Printversion eines Buchs zu teuer war.

Doch meine Einstellung ändert sich allmählich. Immer häufiger entscheide ich mich aus Überzeugung bzw. aus ganz praktischen Gründen für die digitale Variante. Ich gehöre nämlich zu den Menschen, die in den Büchern, die sie lesen, Spuren hinterlassen. Ich unterstreiche Dinge, die mir wichtig sind, notiere Anmerkungen am Rand oder Zitate auf Karteikarten, die dann leider manchmal verloren gehen.

Markieren und Notieren geht bei E-Books natürlich auch – aber im E-Book kann ich alles wieder spurlos löschen, wenn ich möchte. Was aber viel entscheidender ist: Seit ich einen neuen E-Book-Reader habe, kann ich Markierungen und Notizen mit wenigen Befehlen an meinen Computer senden und die Datei weiterbearbeiten. Weil ich mir einen Arbeitsgang spare, sind E-Books für mich immer öfter erste Wahl, wenn ich ein Buch nicht nur lesen, sondern auch darüber schreiben möchte, wie zum Beispiel letztens über „Ein Zimmer für sich allein“ von Virginia Woolf.

Weit über 100 Bücher im handlichen Taschenbuchformat

Einmal gekauft und abgespeichert, habe ich die Bücher immer dabei – im handlichen Tachenbuchformat, ohne zentnerweise Papier mit mir rumschleppen zu müssen. Und während ich manchmal gefühlt stundenlang in meinen Bücherregalen nach einem bestimmten Buch suche, finde ich meine E-Books problemlos wieder. Das liegt nicht nur daran, dass meine digitale Bibliothek noch recht überschaubar ist. Mein E-Book-Reader ist zugegebenerweise einfach viel ordentlicher und systematischer als ich. Er ordnet Bücher nie falsch ein und auf Knopfdruck sortiert er sie in Sekundenschnelle neu – wahlweise nach Titel, Autor, Aktualität oder vielleicht auch nach anderen Kriterien, die ich bislang nicht entdeckt habe.

Dass ich E-Books im Dunkeln lesen kann, ohne Licht zu machen, ist – gerade wenn wir mit dem Wohnmobil unterwegs sind und auf engem Raum zusammenleben – ein weiterer Vorteil. Wenn ich wach werde, kann ich lesen, ohne Licht zu machen und meinen Mann zu stören. Außerdem sind die elektronischen Buchläden rund um die Uhr geöffnet – auch an Sonn- und Feiertagen. Und so kann ich mir heute, am Welttag des Buches, selbst ein Buch schenken. Schließlich geht der 1995 von der UNESCO eingerichtete Aktionstag für das Lesen, für Bücher und für die Rechte von Autoren auf die katalanische Tradition zurück, am Namenstag des Heiligen St. Georg Rosen und Bücher zu verschenken. Der 23. April ist übrigens nicht nur der Georgstag, sondern laut Wikipedia auch das (vermutete) Geburts- sowie das Todesdatum von William Shakespeare, von Miguel de Cervantes sowie der Geburtstag des isländischen Literaturnobelpreisträgers Halldór Laxness (https://de.wikipedia.org/wiki/Welttag_des_Buches).

Welches Buch ich mir herunterladen werde, weiß ich noch nicht. Vielleicht eines meiner Lieblingsbücher, Fahrenheit 451 von Ray Bradbury. Der Roman spielt in einer totalitären Gesellschaft, in der Lesen verboten ist und Bücher, wenn sie entdeckt werden, verbrannt werden. Eine fürchterliche Vorstellung. Denn die Geschichte hat gezeigt, dass Heinrich Heine recht hatte, als er sagte: „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man irgendwann auch Menschen.“

Was für ein Glück, dass ich in einem Land lebe, in dem ich jedes Buch kaufen und lesen darf, das ich möchte. Ob digital oder ganz klassisch auf Papier ist eigentlich egal – Hauptsache Lesen.

Wiederentdeckt: Ein Zimmer für sich allein

Eigentlich war es Zufall, dass ich Virginia Woolfs „Ein Zimmer für sich allein“ jetzt wieder gelesen und wiederentdeckt habe. In ihrem Buch „FrauenZimmerSchreiben“* schreibt die Herausgeberin Christiane Palm-Hoffmeister als Einleitung einen Brief an die Autorin des viel zitierten Essays.

Ich habe Virginia Woolfs Buch zum ersten Mal während des Studiums gelesen, auf Englisch, wie die 1977 gekaufte Penguin-Ausgabe von „A Room of One‘s Own“ verrät. 1989 habe ich mir dann eine Ausgabe auf Deutsch gekauft, weil mein Englisch inzwischen etwas eingerostet war. Für ein eigenes Zimmer war damals in unserem Haus kein Platz, weil wir drei Kinderzimmer brauchten. Als gemeinsames Arbeitszimmer diente meinem Mann und mir zeitweise ein Teil des Wohnzimmers, den wir mit Regalen und einer Sperrholzwand provisorisch abgetrennt hatten. Aber lieber arbeitete und schrieb ich auf dem freien Platz neben der Treppe, wo auch jetzt wieder ein Schreibtisch steht. Eigentlich brauche ich diesen Schreibplatz nicht mehr, denn ich habe inzwischen sogar zwei Arbeitszimmer für mich allein. Und ich muss – anders als damals – nicht mehr Kinder, Haushalt und Beruf unter den bekannten Hut bringen.

Vielleicht liegt es am freieren Teilzeit-Rentnerinnen-Leben, dass ich Virginia Woolfs Essay diesmal an einem Tag und in einer halben Nacht gelesen habe. Vielleicht kam die Anregung aber auch gerade zur richtigen Zeit. In den vergangenen Jahren hatte ich mehrere Wieder-Lese-Versuche gestartet und das Buch dann – unausgelesen – zur Seite gelegt.

Mir war vor allem der Satz im Gedächtnis geblieben, der dem Essay seinen Namen gab: „Eine Frau braucht Geld und ein eigenes Zimmer, um schreiben zu können“ (Seite 3)**. Dabei ist wirklich bemerkens- und lesenswert, wie treffend und umfassend Virginia Woolf schon in den Zwanzigerjahren die Situation von Frauen in der Literatur und im Leben beschrieben und analysiert hat. „In der Poesie füllt sie (die Frau) Bände, in der Geschichte kommt sie nicht vor“, schreibt sie. Und im richtigen Leben wurden und werden Mädchen und Frauen häufig „eingesperrt, geschlagen und durchs Zimmer geschleudert“ (Seite 49).

Zwar hat sich vieles geändert, seit Virginia Woolf ihren Essay schrieb. Doch manches ist leider noch so aktuell wie vor fast hundert Jahren. In Deutschland wird laut BMFSFJ „etwa jede vierte Frau … mindestens einmal Opfer körperlicher oder sexualisierter Gewalt durch ihren aktuellen oder durch ihren früheren Partner“ (https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/frauen-vor-gewalt-schuetzen/haeusliche-gewalt/formen-der-gewalt-erkennen-80642). Und obwohl es zumindest hierzulande inzwischen selbstverständlich ist, dass Mädchen und Frauen zur Schule gehen, studieren, einen Beruf lernen und berufstätig sind, sind Frauen auch heute noch das arme Geschlecht. So verdienten Frauen nach Angaben des Statistischen Bundesamts (Destatis) im vergangenen Jahr in Deutschland pro Stunde 18 Prozent weniger als Männer (https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Verdienste/Verdienste-GenderPayGap/_inhalt.html). Ein Teil der Lohnunterschiede kann durch Lohn- und Gehaltsunterschiede in verschiedenen Berufen und Branchen erklärt werden. Anders als von Virginia Woolf vorausgedacht, gibt es nämlich immer noch typisch weibliche und typisch männliche Berufe. Und ErzieherInnen, Kranken- oder AltenpflegerInnen werden auch heute noch schlechter bezahlt als AutomechanikerInnen oder InstallateurInnen. Aber selbst wenn sie die gleiche Arbeit leisten, verdienen Frauen oft weniger als ihre männlichen Kollegen. Das liegt sicher auch daran, dass Männer oft selbstsicherer sind und sich und ihre Leistung besser verkaufen können.

Verwunderlich ist das nicht: Jahrhundertelang wurde behauptet, dass Frauen Männern mental, moralisch, physisch und intellektuell unterlegen sind. Dieses Vorurteil hat sich, so scheint es, bei beiden Geschlechtern ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Wenn Männer „ein Zimmer betreten, sagen sie sich, ich bin der Hälfte der Menschen hier überlegen, und deshalb sprechen sie voller Selbstvertrauen, voller Selbstgewissheit“, schreibt Virginia Woolf (S. 41). Dieses Gefühl sei wahrscheinlich „eine der Hauptquellen“ männlicher Macht (S. 39).

„Frauen haben in all diesen Jahrhunderten als Spiegel gedient, ausgestattet mit der magischen und köstlichen Kraft, die Gestalt des Mannes doppelt so groß wiederzugeben“, schreibt sie. „Welchen Nutzen Spiegel in zivilisierten Gesellschaften auch haben mögen, für jede gewalttätige und heroische Tat sind sie unabdingbar. Deshalb bestehen Napoleon und Mussolini so emphatisch auf der Unterlegenheit der Frauen, denn wären sie nicht unterlegen, würden sie nicht länger vergrößern“ (S. 40f). Dem ist mit Blick auf die großen und kleinen Mussolinis und Napoleons unserer Zeit nichts hinzuzufügen. Oder nur, dass es sich wirklich lohnt, Virginia Woolfs Essay wieder zu lesen.

*Dieser Beitrag enthält unbezahlte Werbung

**Zitiert nach Woolf, V. (2019). Ein Zimmer für sich allein (Kampa Pocket) (German Edition) [Kindle Android version]. Retrieved from Amazon.com, übersetzt von Antje Ravik Strubel


Fasse dich kurz

Die Fastenzeit hat gefühlt gerade erst begonnen, der Februar – und damit der „NaHaiWriMo“ – ist am Dienstag zu Ende gegangen. Dass der kürzeste Monat des Jahres der „National Haiku Writing Month“ ist, wusste ich bis vor Kurzem nicht, ja, ich wusste nicht einmal, dass es ein Haiku-schreib-Monat gibt. Das habe ich erst gelesen, als ich heute vor einem Monat mein elektronisches Postfach aufgeräumt und bei der Gelegenheit einen Blogbeitrag von Christine Kämmer genauer gelesen habe (https://christinekaemmer.com/haiku-schreiben/).

Der war pünktlich Anfang Februar in meinem Posteingang gelandet, aber beim flüchtigen Hinschauen habe ich geglaubt, dass es in der Mail um den „NaNoWriMo“ geht. Weil der ja erst wieder im November stattfindet, habe ich den Beitrag erst einmal weggeklickt – und meinen Irrtum dann erst ein paar Tage später bemerkt.

„NaHaiWriMo“ und „NaNoWriMo“ – beide Kürzel ähneln sich wirklich. Dabei können Schreibziele kaum unterschiedlicher sein. Beim „NaNoWriMo“ im November sollen oder wollen die TeilnehmerInnen in 30 Tagen einen ganzen kurzen Roman von 50.000 Wörtern verfassen – das sind pro Tag durchschnittlich 1.666,666 Wörten. Im „NaHaiWriMo“ ist es Ziel, jeden Tag ein Haiku zu schreiben.

Mit dem „NaNoWriMo“ habe ich so meine Probleme: Mir gefällt die Idee, sich ein besonderes Schreibziel zu setzen. Aber 1.667 Wörter pro Tag zu schreiben, ist für mich als Langsamschreiberin völlig illusorisch. Denn ich tue immer das, was man während des „NaNoWriMo“ nicht tun soll: Ich überdenke und korrigiere Texte, während ich schreibe. Beim Vielschreiben soll der innere Kritiker außen vor bleiben. Doch das funktioniert bei mir nie – meine Zensorin sitzt immer neben meiner Tastatur oder – schlimmer noch – in meinem Kopf. Außerdem bezweifle ich, dass es Sinn macht, möglichst viel schreiben zu wollen. Denn wo es nur oder vor allem um Quantität geht, bleibt bekanntlich oft die Qualität auf der Strecke. Nicht nur, aber auch beim Schreiben. Deshalb mache ich bei der Schreibaktion im November zwar mit, setze mir aber eigene Ziele: Ich schreibe, so viel ich kann (https://timetoflyblog.com/schreibsovieldukano).

Die Aufgabe, im „NaHaiWriMo“ ein Haiku täglich zu schreiben, kam mir dagegen gerade recht. Denn ich interessiere mir schon lange für die traditionellen japanischen Gedichte. Haikus reimen sich nicht und bestehen – zumindest in westlichen Ländern – (fast) immer aus drei Zeilen: Die erste soll fünf, die zweite sieben und die dritte wieder fünf Zeilen lang sein.

Aber das ist, wie ich gelernt habe, eine Kann- und keine Muss-Empfehlung. „Der Haiku als ,Dreizeiler‘ ist eine reine Erfindung des Westens“, wird in dem Beitrag auf haiku-heute.de Arata Takeda, ein aus Japan stammender Literatur- und Kulturwissenschaftler zitiert. Ursprünglich soll der Haiku ein Einzeiler gewesen sein – oder ein Einspalter, da im Japanischen in Spalten geschrieben wird (https://www.haiku-heute.de/das-haiku/merkmale-des-haiku/).

Und auch bei der Silbenzahl sind Ausnahmen erlaubt, schon weil die Moren, das sind die Lauteinheiten, in die japanische Wörter unterteilt sind, nicht den deutschen Silben entsprechen. Japanische Moren haben laut Volker Friebel „im Durchschnitt weniger Inhalt als eine deutsche Silbe: 17 japanische Lauteinheiten entsprechen dem Inhalt von etwa 10 deutschen Silben.“

Bei den Themen sind moderne Haikus freier als ihre traditionellen Vorbilder, bei denen es immer um Jahreszeiten und Natur geht. Ein wesentliches Merkmal der Gedichte war und ist jedoch die Kürze; die Kunst im Haiku besteht laut Volker Friebel darin, einen Text zu schreiben, der „sich ohne Qualitätsverlust nicht weiter kürzen lässt“. Wenn es gelingt, sagen 17 Silben eben manchmal mehr als 50.000 Wörter.

Sich kurz zu fassen, ist eine Kunst, ebenso wie das Verfassen von Haikus. Aber der NaHaiWriMo war für mich ein Anlass, beides zu üben – und mit dem Schreiben von Kurzgedichten anzufangen. Täglich ist mindestens eins entstanden, meist Haikus, gelegentlich auch Elfchen. Das sind – all denen, die sich mit Schreiben im Allgemeinen und Lyrik im Besonderen nicht so gut auskennen, sei’s gesagt – kurze Gedichte, die aus elf Worten bestehen, aufgeteilt auf fünf Zeilen.

Haiku – japanische Vorbilder und eigene Übungsseiten

Weil mein persönlicher NaHaiWriMo erst am 5. Februar begonnen hat, endet er auch erst heute, am 5. März. Ich werde aber weiter Kurzgedichte schreiben. Denn es hat mir viel Spaß gemacht. Und mir gefällt die Idee, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, alles Unnötige wegzulassen – beim Schreiben und im Leben.

Fastenaktion 7 Wochen Ohne

Am vergangenen Mittwoch, am Aschermittwoch, hat die Fastenzeit begonnen. Und wie in den letzten Jahren habe ich mir auch in diesem Jahr einiges vorgenommen. Eigentlich das Übliche: Ich möchte bis Ostern auf Eis und Süßigkeiten verzichten, ja auch auf meine geliebten sauren Brause-Kaubonbons. Die lasse ich noch problemlos liegen; schwerer – unerwartet schwer – fällt mir dagegen in diesem Jahr der Verzicht auf Schokolade. Noch bin ich tapfer, aber ich bedaure schon jetzt den ersten Schokohasen, der mir am Ostersonntag arglos über den Weg hoppeln wird. Ihm droht ein grausames Schicksal (https://timetoflyblog.com/arme-hasen).

Weil ich mehr Ordnung in meinen Räumen und in meinem Leben schaffen möchte, habe ich mir wieder vorgenommen, mich jeden Tag von etwas zu trennen. Anders als vor zwei Jahren werde ich in diesem Jahr allerdings nicht „ansteigend ausmisten“, das heißt mich in der ersten Woche täglich von einem, in der zweiten Woche dann täglich von zwei Gegenständen usw trennen. Denn das wird spätestens in den beiden letzten Wochen ziemlich stressig.

An den ersten Tagen hat das Wegwerfen recht gut geklappt. Und damit der gewonnene Platz nicht gleich wieder mit anderem gefüllt werden soll, möchte ich auch „konsumfasten“: Ich will mir außer Lebensmitteln und anderen Dingen des „täglichen Bedarfs“ nichts Neues kaufen.* Neues Gebrauchtes ist ebenfalls bis Ostern tabu, weil ich vor allem Bücher, aber auch Kleidung meist secondhand kaufe – nicht nur weil es preiswerter ist, sondern auch, weil viele gebrauchte Sachen noch tadellos erhalten und zum Wegwerfen einfach zu schade sind.

Last, but not least beteilige ich mich auch in diesem Jahr wieder an der Fastenaktion „7 Wochen Ohne“ der evangelischen Kirche. Mit dem Motto „Leuchten! Sieben Wochen ohne Verzagtheit“ fremdle ich allerdings noch ein bisschen. Und die erste Fastenmail, die ich am vergangenen Mittwoch erhalten habe, hat mich auch nicht wirklich erleuchtet. Es gehe darum, „selbst hell zu werden, wenn die Zeiten dunkel sind. Dazu möchten wir Sie in diesem Jahr ermutigen. Lassen Sie uns gemeinsam sieben Wochen lang auf das verzichten, was uns einschüchtern will. Geben wir acht auf alles, was leuchtet, und stellen wir auch unser eigenes Licht nicht unter den Scheffel!“, schreibt Frank Muchlinsky.

Während ich diesen Blogbeitrag schreibe, fällt mir ein, dass ich Letzteres gerade gestern einer Schreibfreundin geschrieben habe. Und vielleicht ist das Motto ja doch genau das richtige für mich. Denn ich bin Meisterin im Sorgen machen: Ich sorge mich um alles Mögliche und Unmögliche. Meist oder zumindest oft erweisen sich die Sorgen im Nachhinein als unbegründet. Also ab jetzt sechs Wochen ohne …

Wer sich für die Fastenaktion interessiert oder mitmachen möchte, kann sich unter 7wochenohne.de informieren und kostenlos anmelden.

* Für mich gilt eigentlich: kein Tag ohne Bücher! Bücher sind aus meinem Leben nicht wegzudenken. Und trotzdem zählen sie weder zu den Lebensmitteln noch zu den Dingen, die gekauft werden dürfen. Also keine neuen Bücher bis Ostern. Aber Ausleihen ist zum Glück erlaubt.

Ilon Wikland: Eine lange Reise

Zurück in die Kindheit – oder in die Welt der Kinderbücher. Im Museum Wilhelm Busch habe ich noch einmal die Ausstellung „Von Haapsalu bis Bullerbü“ besucht, in der Bilder von Ilon Wikland gezeigt wurden. Bei meinem ersten Besuch vor einem Monat war es voll, zu voll, um sich die Zeichnungen in Ruhe anzusehen. Jetzt, kurz vor dem Ende der Ausstellung, war sie immer noch – oder wieder – ziemlich gut besucht.

Das Museum für Karikatur und Zeichenkunst in Hannover, kurz Museum Wilhelm Busch

Kein Wunder – Ilon Wiklands Bilder kennen die meisten Kinder und viele Erwachsene. Denn sie hat außer „Michel aus Lönneberga“ und „Pippi Langstrumpf“ alle Kinderbücher von Astrid Lindgren, aber auch Bücher anderer AutorInnen illustriert.

Ich habe die Bücher von Astrid Lindgren erst spät entdeckt, die Illustrationen von Ilon Wikland sogar erst, als ich meiner Tochter die Bücher von Astrid Lindgren gekauft und vorgelesen habe. Als Kind habe ich nur „Rasmus, Pontus und der Schwertschlucker“ gelesen, eine Detektivgeschichte, die ich nicht sonderlich spannend fand.

Pippi Langstrumpf, Astrid Lindgrens wohl bekanntestes Buch, habe ich, wenn ich mich recht erinnere, erst Anfang der 70er-Jahre kennengelernt, als die Geschichten mit Inger Nilsson verfilmt wurden. Denn bei uns im Dorf gab es keinen Buchladen – und die kirchliche Leihbücherei war meist geschlossen. Pippi Langstrumpf habe ich dort ohnehin nicht gesehen, obwohl ich in der Bücherei geholfen habe. Die Geschichte eines selbstbewussten Mädchens, das alleine lebt, sich von Erwachsenen nichts vorschreiben lässt und sich die Welt macht, wie es ihm gefällt, in den Augen der für die Bibliothek und unser Seelenheil Verantwortlichen – und auch für meine Eltern – wohl keine geeignete Lektüre. Für „Die Kinder von Bullerbü“ konnte ich mich nie begeistern. Irgendwie war mir das im Buch geschilderte Dorf- und Familienleben viel zu idyllisch und mit meinen eigenen Erfahrungen nicht kompatibel.

Auch viele Zeichnungen von Ilon Wikland sind bunt und fröhlich, zeigen eine idyllische, heile Welt, wie man es (damals) in Kinderbüchern erwartete. Spielende, tobende Kinder oder Tischszenen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Bücher und das Werk der Illustratorin. Aber immer wieder tauchen auch Kinder auf, die einsam und allein am Fenster, an der Tür oder wie auf dem Titel des autobiografischen Buchs einsam auf dem Bahnsteig stehen.

Traurig und tröstlich zugleich ist die Geschichte der „Brüder Löwenherz“. Ich habe sie vor zwei Jahren wiederentdeckt und wieder gelesen, als kurz nacheinander ein Freund und eine Freundin starben.

Meiner Tochter habe ich am liebsten die Geschichten von Lotta aus der Krachmacherstraße vorgelesen. Und als meine Enkelin neulich bei uns zu Besuch war, haben wir uns gemeinsam die alten Lotta-Filme angesehen und dann verschiedene Astrid-Lindgren-Bücher gelesen, die ich immer noch aufbewahre und in die ich immer wieder gerne hineinschaue.

Foto aus der Ausstellung. Die Rechte an den Zeichnungen liegen bei Ilon Wikland.

Dass Ilon Wikland ein Buch über ihre Kindheit in Estland und ihre Flucht nach Schweden gezeichnet hat, habe ich erst in der Ausstellung erfahren. Die Illustratorin, 1930 in Estland geboren, lebte nach der Trennung der Eltern bei ihren Großeltern in Haapsalu. Aus Furcht vor den Deportationen der Roten Armee schickte die Großmutter ihre erst 14 Jahre alte Enkelin 1944 allein nach Schweden. Dort wurde sie von einer Tante aufgenommen, besuchte die Schule und studierte anschließend an der Kunstakademie in Stockholm und in London. Seit den 1950er-Jahren arbeitete Ilon Wikland als Grafikerin für verschiedene Verlage und wurde von Astrid Lindgren entdeckt, die sie mit Probe-Illustrationen zu ihrem Kinderbuch „Mio, mein Mio“ beauftragte.

Inzwischen ist Ilon Wikland über 90 Jahre alt. Ihre Erlebnisse in der Kindheit in Estland, auf der Flucht nach und im Exil in Schweden hat sie in dem Buch „Die lange, lange Reise“ thematisiert und verarbeitet. Es ist laut Pressemitteilung des Wilhelm Busch Museums, „das einzige von ihr illustrierte Buch, bei dem es erst die Bilder und dann den Text gab“. Den Text dazu hat Rose Lagercrantz geschrieben.

Ich würde die Geschichte gerne lesen, denn die Zeichnungen in der Ausstellung haben mich wirklich beeindruckt. Doch leider ist das Buch derzeit vergriffen. Aber vielleicht findet sich ja ein Verlag, der es neu auflegt. Denn die Themen Panzer, Krieg, Flucht und Exil sind ja zurzeit leider aktueller denn je.

Tage-, Skizzen-, Notizbücher und Co

Alle, die meinen Blog regelmäßig oder gelegentlich lesen, wissen es: Ich schreibe gerne und viel mit der Hand und liebe Tage- und Notizbücher aller Art. Ich starte jeden Morgen mit Morgenseiten in den Tag und beende ihn am Abend mit einigen Zeilen in meinem Fünf-Jahresbuch. Ein Kalender und eine Art Bulletjournal sollen mir helfen, den Überblick über meine Termine und die Dinge zu behalten, die ich erledigen möchte oder muss. Außerdem „beherbergt“ der Ledereinband ein Notizheft für Schreibideen, also eine Art Schreibjournal.

In diesem Jahr habe ich ein neues Journal begonnen, in das ich regelmäßig abends eintrage, was am Tag geschehen ist. Ich habe in den vergangenen Jahren schon mehrere Versuche gestartet, aber über ein paar Seiten kam ich nie hinaus.

Das ist mit dem neuen Journal hoffentlich anders. Es hat eine Seite für jeden Tag, die mich vorwurfsvoll ansehen würde, wenn sie leer bliebe. 22 Tage habe ich schon durchgehalten; bis etwas wirklich zur Gewohnheit wird, dauert es nach einer Studie von Phillippa Lally vom University College in London im Durchschnitt allerdings genau dreimal so lange, nämlich 66 Tage. Ein Tag Pause macht der Studie zufolge nichts aus, längere oder öftere Auszeiten sollte man sich dagegen nicht gönnen, wenn frau wirklich eine Routine etablieren möchte.

Auch mit einem anderen guten Vorsatz bin ich auf einem guten Weg: Ich möchte endlich zeichnen lernen und habe mir deshalb vorgenommen, in diesem Jahr jeden Tag eine Skizze anzufertigen. Zu „One Day One Sketch“ hat mich Jens Huebner animiert, bei dem ich vor zwei Jahren mal einen Urban-Sketching-Workshop belegt habe (https://www.facebook.com/jens.huebner.berlin.germany/).

Jeden Abend zeichne ich also irgendwas in mein Skizzenbuch – und vielleicht wird dann auch mein Tagebuch irgendwann wirklich zu einer Art Visual diary. Weil meine Tagebücher bunter werden sollten, habe ich im vergangenen Jahr meine geliebten Claire-Fontaine-Kladden durch Skizzenbücher aus dickerem Papier ersetzt. Wirklich gut funktioniert hat die Kombination von Zeichnen und Schreiben allerdings nicht, Zeichnungen sind in meinen Tagebüchern bislang nur Ausnahmen. Und so bin ich wieder zu Claire Fontaine zurückgekehrt: Das Papier ist für mich – bekennender Papierfreak – zum Schreiben wirklich das beste. Außerdem haben die Hefte – ein weiteres Plus – einen flexiblen Einband.

Neu ist, dass ich meine Tagebücher von beiden Enden beschreibe – vorne Tagebuch, hinten Morgenseiten. Und irgendwann treffen sie sich in der Mitte. Zwei in eins – das macht Sinn. Denn zumindest inhaltlich gehen bei mir Tagebucheinträge und Morgenseiten ineinander über. Und auch den Unterschied zwischen Tagebuch und Journal habe ich, nebenbei bemerkt, nicht wirklich verstanden. Praktisch ist die Tagebuch-Morgenseiten-Kombi allemal: Es verkleinert den Bücherstapel neben meinem Bett – und das Gewicht der Bücher, die ich mitschleppen muss, wenn ich einmal verreise.  

Gewichtig: Fast 2,5 Kilo wiegen die Notiz- und Skizzenbücher, die ich täglich nutze.

PS: Heute ist der Tag der Handschrift. Viele Kinder und auch immer mehr Erwachsene können nicht mehr flüssig schreiben. Dabei ist Schreiben mit der Hand auch im Computerzeitalter keine überflüssige Kulturtechnik . Mehr dazu in einem Artikel von mir in der Zeitschrift Bildung + Lernen (https://viewer.ipaper.io/friedrich-verlag/bildung/bildung-lernen-22019/?Page=20&page=18).


Gelesene Bücher 2022

Der Blogbeitrag von Christof Herrmann (https://www.einfachbewusst.de/2022/12/gelesen-buecher-2022/) hat mich animiert, in diesem Jahr auch mal die Liste der von mir gelesenen Bücher zu veröffentlichen. Es waren 49, zehn weniger als im Jahr 2021.

Vor allem im Sommer, als ich an der Zeitschrift bildungSpezial gearbeitet habe, habe ich bei der Recherche zwar viele Fachartikel und Sachtexte, aber wenige Bücher gelesen. Und auch Bücher, in denen ich nur einzelne Texte oder Kapitel gelesen habe, zum Beispiel verschiedene Essaybände von Siri Hustvedt und Rebecca Solnit oder diverse Reiseführer, erscheinen nicht in dieser Liste.

Immerhin: Mein Ziel, ein Buch je Woche zu lesen, habe ich fast erreicht, obwohl ich das  eine oder andere Buch möglicherweise vergessen habe. Als ich diese Liste zusammengestellt habe, ist mir wieder einmal bewusst geworden, wie unzuverlässig ich gelesene Bücher notiere – und wie sehr sich meine Lese-Vorlieben verändert haben.

Jahrelang habe ich sehr viele Krimis gelesen – in diesem Jahr waren es nur drei. Die Bücher von Donna Leon lese ich, weil ich Familie Brunetti und Venedig mag; der dritte Krimi hat es auf die Liste geschafft, weil er in dem Ort spielt, in dem wir im Oktober zwei Wochen Urlaub gemacht haben: in Jokkmokk in Lappland. Zurzeit lese ich am liebsten autobiografische Bücher und/oder Essays – und ich bewundere jedes Mal aufs Neue, was die Essayistinnen alles wissen, wie viele und welche Bücher sie gelesen und verstanden haben. Um so belesen zu werden, müsste ich nicht nur viel mehr, sondern auch gezielter lesen. Aber ich bin, ich gebe es zu, eine unstrukturierte Leserin: Ich lese vor allem, was mir gefällt (https://timetoflyblog.com/die-unstrukturierte-leserin).

Anders als Christof Hermann vergebe ich keine Punkte für die gelesenen Bücher – denn eigentlich haben mir fast alle Bücher auf dieser Liste gefallen. Das liegt auch daran, dass ich Bücher, die mich nicht fesseln, nicht zu Ende lese, sondern angelesen zur Seite lege. Einige bekommen dann irgendwann eine zweite oder dritte Chance. So hatte ich mir Marion Braschs Buch „Aber jetzt ist Ruhe“ schon vor zwei Jahren einmal ausgeliehen. Jetzt beim zweiten Versuch hat es mir richtig gut gefallen.

Auch für Daniel Schreibers Essay Allein brauchte ich zwei Anläufe. Doch dann hat mich das Buch wirklich beeindruckt. Ulysses werde ich dagegen wohl nie zu Ende lesen. Ich habe pflichtschuldigst mehrere Leseversuche gestartet, den wohl allerletzten im Februar, als der Suhrkamp Verlag zum 100. Jubiläum der Erstausgabe und zum 140. Geburtstag von James Joyce 30 Tage lang jeden Morgen kurze Abschnitte aus dem ersten Teil des Romanklassikers verschickte. Nach einem Monat hätte man dann den ersten Teil komplett gelesen. (https://timetoflyblog.com/ulysses-haeppchenweise). Aber ich habe schon nach zwei Wochen aufgegeben.

Anita Brookner und Tove Ditlevsen habe ich erst in vergangenen Jahr entdeckt. Ihre Bücher „Ein Start ins Leben“ und die Kopenhagen-Trilogie stehen weit oben auf meiner Empfehlungsliste – und „Gesichter“ von Tove Ditlevsen und „Hotel du Lac“ von Anita Brookner auf meiner Leseliste für 2023.

Gelesene Bücher  2022

  1. Hans-Jürgen Ortheil: Ombra
  2. Dora Heldt: Drei Frauen, vier Leben
  3. Walter Tevis: Damengambit
  4. Katherine May. Überwintern
  5. Selene Marian: Ellis
  6. Simone de Beauvoir: Die Unzertrennlichen
  7. Sabine Bode: die vergessene Generation
  8. Erling Kagge: Gehen
  9. Sigrid Damm: Tage- und Nächtebücher aus Lappland
  10. Elke Heidenreich: Hier geht’s lang
  11. Maja Lunde: Als die Welt stehenblieb
  12. Roswitha Quadflieg: Über das Sterben meiner Mutter
  13. Nina Rigg: Die helle Stunde
  14. Sabine Bode: Nachkriegskinder
  15. Romalyn Tilghman: die Bücherfrauen
  16. Pascale Hugues: Mädchenschule
  17. Alena Schröder: Junge Frau, am Fenster stehend, blaues Kleid
  18. Ken Krimstedt: Die drei Leben der Hannah Arend (Graphic Novel)
  19. Tove Ditlevsen: Kindheit
  20. Tove Ditlevsen: Jugend
  21. Tove Ditlevsen: Abhängigkeit
  22. Eva Schmidt: Die untalentierte Lügnerin
  23. Alice Walker: Die Farbe Lila
  24. Alice Walker: Beim Schreiben der Farbe Lila
  25. Deborah Levy: Was das Leben kostet
  26. Bettina Flitner: Meine Schwester
  27. Donna Leon: Himmlische Juwelen
  28. Uta Scheub: Das falsche Leben: Eine Vatersuche
  29. Meike Scharff: Laufet, so werdet ihr finden: Meine Reise auf dem Jakobsweg
  30. Mason Currey: Mein kreatives Geheimnis sind bequeme Schuhe
  31. Anita Brookner: Ein Start ins Leben
  32. Ein glückliches Leben
  33. Bas Kast: Das Buch eines Sommers
  34. Veronika Peters: Das Herz von Paris
  35. Brigitte Helbling: Meine Schwiegermutter, der Mondmann und ich
  36. Simone de Beauvoir: Ein sanfter Tod
  37. Annie Erneaux: Eine Frau
  38. Marion Brasch: Aber jetzt ist Ruhe
  39. John Strelecky: Überraschung im Café am Rande der Welt
  40. Klara Nordin: Septemberschuld
  41. Djaili Amadou Amal: Die ungeduldigen Frauen
  42. Donna Leon: Milde Gaben
  43. Jürgen Becker:  Die folgenden Seiten. Journalgeschichten
  44. Katharina Hacker: Darf ich dir das Sie anbieten
  45. Daniel Schreiber: Allein
  46. Deborah Levy: Was ich nicht wissen will
  47. Thea Dorn: Trost
  48. Zoe Beck: Depression
  49. Mariana Leky: Kummer aller Art

Darf ich dir das Sie anbieten?

Auf der Suche nach einem anderen Buch entdeckte ich im Freihandbestand der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek zufällig ein schmales Büchlein von Katharina Hacker. Ich musste es mit nach Hause nehmen, nicht nur, weil ich die Autorin mag und gerne Essays lese, sondern weil der Titel mir aus dem Herzen sprach: „Darf ich Dir das Sie anbieten?“.*

Nun habe ich eigentlich überhaupt nichts gegen das Duzen. Im Gegenteil. Ich – Nach-68erIn – bin in einer Zeit groß geworden, in der sich selbst Erwachsene, die sich lange und recht gut kannten, oft mit Sie ansprachen. Die Eltern meiner SchulfreundInnen oder gar LehrerInnen zu duzen, wäre mir und anderen Kindern nie in den Sinn gekommen. Als ich erwachsen wurde, änderte sich das allmählich. Und weil es schien, als würden mit dem Sie irgendwie auch ein bisschen die verstaubten Traditionen und verkrusteten Hierarchien der 50er- und 60er-Jahre über Bord geworfen, machte ich, wie viele meiner Generation, gerne beim Duzen mit.

Allerdings habe ich nicht alle und jeden geduzt: Zu den Bekannten meiner Eltern habe ich bis zuletzt „Sie“ und Herr oder Frau xy gesagt, einen früheren Lehrer und Trainer habe ich so lange gesiezt, bis er mir irgendwann das du angeboten hat. Und auch manchen Gleichaltrigen blieb ich beim Sie – und auf Distanz. Meist zu Recht, wie sich im Nachhinein herausstellte.

Dass ich, inzwischen auf die 70 zugehend, von Jüngeren geduzt werde, ist für mich im Allgemeinen kein Problem: Von KollegInnen zum Beispiel, mit denen ich zusammenarbeite, von Menschen, mit denen ich zusammen Sport treibe oder mit denen ich gemeinsam schreibe. Aber wenn mich wildfremde Menschen mit du ansprechen oder anschreiben, fremdle ich zugegebenerweise immer häufiger. Dem Marketing-Menschen, der mich fragt: „Hast du unsere Weihnachtspost gelesen“ und der mich auffordert „lass deine Lieben gewinnen“, möchte ich antworten: „Kenne ich Sie? Sind wir miteinander in die Schule gegangen“. Und ein Los kaufe ich von jemand, der so tut, als seien wir befreundet, obwohl wir uns gar nicht kennen, gewiss nicht.

Ich bin offenbar nicht die einzige, die die „Inflation des Duzens“ nervt. Mit demBeitrag auf dem Blog Alltägliches + Ausgedachtes – nebenbei bemerkt einer der wenigen Blogs, die ich fast immer lese – landete heute Morgen ein Link zu einer wie der Autor schreibt „lesenswerten Kolumne im General-Anzeiger zum allüberall grassierenden Duz-Zwang“ in meinem E-Mail-Postfach.

Ich konnte die Kolumne von Ulrich Bumann lesen, weil sie mir „von einem Abonnenten empfohlen“ wurde. Ob der Link auch bei einer Empfehlung der Empfehlung funktioniert, wird sich zeigen, wenn dieser Beitrag online ist.

Die Kolumne ist wirklich lesenswert, ebenso wie die Minutenessays von Katharina Hacker. Das Buch „Darf ich dir das Sie anbieten“ ist im Berenberg Verlag GmbH erschienen und kostet 18 Euro.

*Dieser Beitrag enthält unbezahlte Werbung