Im Nebel

Fast zwei Monate sind seit der Wanderwoche in der Sächsischen Schweiz vergangen, gewandert bin ich seitdem nicht mehr. Im norddeutschen Flachland beschränke ich mich derzeit auf Spaziergänge. Doch weil wir ohnehin in den Harz mussten, habe ich das Angenehme mit dem Nützlichen – sprich einer Halbtageswanderung – verbunden.

Anders als an den Tagen zuvor versteckte sich die Sonne hinter dichtem Nebel, doch auch der hat seinen Reiz. Es war, als sei die Welt in Watte gehüllt und die Farben aus ihr verschwunden. Unsere Jacken und mein blau-grüner Rucksack waren die einzigen Farbtupfer im herbstlich-nebeligen Braun-Grau.

Wanderin im Nebelwald. Foto: Foe Rodens

Und es war still, sehr still. „Im Nebel ruhet noch die Welt,/Noch träumen Wald und Wiesen“, dichtete Eduard Mörike 1838. Der Wald wirkte geheimnisvoll, fast mystisch: Wären zwischen den Nebelschwaden Elfen, Hexen oder andere Fabelwesen aufgetaucht oder wären die Bäume wie die Ents, die Baumwächter, und die Huorns, die Baumgeister, in Tolkiens Herr der Ringe zum Leben erwacht, hätte ich mich nicht gewundert.

Und auch Hermann Hesses Gedicht „Im Nebel“, kam mir in den Sinn, von dem ich nur noch die erste Zeile kannte: „Seltsam, im Nebel zu wandern“. Doch dank world wide web war es kein Problem, mitten im Wald das Gedicht auf dem Smartphone abzurufen und meiner Begleiterin vorzulesen. Wir hatten unterwegs nur wenige Menschen getroffen, doch passend zur letzten Strophe tauchte, just als ich mit dem Vorlesen fertig war, aus dem Nebel ein einsamer Wanderer auf. Ob er das Gedicht gehört hatte, weiß ich nicht, ebenso wenig, ob er einsam war – er schaute auf jeden Fall ein bisschen irritiert.

Die Sonne haben wir übrigens auch noch gesehen: Zwar hat sich der Nebelschleier – anders am von Mörike beschriebenen Septembermorgen – nicht ganz gelichtet. Schließlich ist es ja auch schon Ende November. Aber die Sonne blinzelte mittags gelegentlich hervor und gab zum Beispiel den Blick auf die Rabenklippen frei. Die vielen abgestorbenen Fichten im Tal blieben indes unseren Blicken weitgehend verborgen, gnädig eingehüllt vom Nebel.

Es hat also auf jeden Fall seinen Reiz, im Nebel zu wandern.

Wer das Gedicht von Hermann Hesse nachlesen will, findet es unter

https://www.lyrikline.org/de/gedichte/im-nebel-5490

Eduard Mörikes Gedicht „Septembermorgen“ ist abrufbar unter

http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/moerike_gedichte_1838?p=52

Katzensitten mit Nebenwirkungen

Am Wochenende war ich zum Katzensitten im Harz. Ich bin eine erfahrene Katzensitterin – die Katzen unserer Nachbarn hüte ich seit Jahrzehnten, zur Zufriedenheit der Katzen und ihrer Besitzer. Fiene, die Nachbarkatze, fremdelt zwar anfangs noch immer ein bisschen, wenn ich ihre Betreuung übernehme. Doch nach ein paar Tagen akzeptiert sie mich als Familienmitglied, und als Anerkennung für meine Dienste als Tütenöffnerin legt sie mir gelegentlich eine Maus vor die Tür, meist mit einem Blättchen garniert. Den Sinn fürs Dekorative hat Fiene wohl von ihrer Besitzerin „geerbt“; vielleicht weiß sie aber auch, dass ich Salat eigentlich lieber mag als Fleisch.

Prinzessin K. kannte ich bislang zwar durch gelegentliche Besuche bei ihrer Besitzerin, aber „gesittet“ habe ich sie zum ersten Mal. Nun ist Katzensitten ja keine tagfüllende Angelegenheit. Meist möchten die Stubentiger – oder im Fall von Prinzessin K eher Stubenpanther – in Ruhe gelassen werden, wenn sie satt sind und die gewünschten Streicheleinheit bekommen haben. Prinzessin K. hat sich danach jedenfalls ganz tiefenentspannt auf ihren Katzenbaum zurückgezogen und ich war entlassen – frei nach Friedrich Schiller: „Der Mensch hat seine Arbeit getan, der Mensch kann gehen.“*

Ganz entspannt …

Ich habe die Gelegenheit genutzt, mir Bad Harzburg anzusehen. Jahrelang sind wir einfach daran vorbeigefahren; jetzt nehme ich mir Zeit, durch die Hauptstraße zu bummeln, die auch noch Bummelallee heißt. Das Städtchen hat Charme: Mir gefallen die hübsch renovierten Häuser, die teilweise noch aus einer Zeit stammen, in der Kur- und Badeaufenthalte noch den Herrschaften vorbehalten waren …

… die Radau, die durch den Ort fließt, und die vielen kleinen Teiche …

… und natürlich der Rosengarten. Vor allem die gelben Rosen haben es mir angetan, die intensiv nach Zitrone duften.

Auf dem Rückweg komme ich am Sophiengarten vorbei – die Wohnanlage ist ebenso neu wie der klassizistische Pavillon in der Mitte, aber die Inschrift gefällt mir: Freut euch nicht zu spät.

Ein kluger Rat, und ich nehme mir vor, ihn zu beherzigen. Ebenso wie den, der auf der Tasse steht, aus der ich hier meinen Kaffee trinke:

In der Sendung mit der Maus, die ich früher fast lieber gesehem habe als meine Tochter, würde es heißen: Das ist Lateinisch und heißt wörtlich „Pflücke den Tag“. Gemeint ist: „Genieße den Tag“.** Das tue ich leider zu selten. Aber das kann sich ja ändern.

Merke: Frau kann beim Katzensitten und beim Bloggen darüber offenbar manches lernen.

*Das Zitat stammt, anders als ich gedacht habe, nicht von Shakespeare, sondern es ist aus Friedrich Schillers Verschwörung des Fiesco, und zwar aus dem vierten Auftritt des dritten Akts. Und es heißt auch nicht Schuldigkeit, sondern Arbeit.

**Laut Wikipedia ist der Satz die Schlusszeile der Ode „An Leukonoë“ von  Horaz, der von 65 v. Chr. bis 8 v. Chr. lebte. Er fordert „als Fazit des Gedichtes dazu auf, die knappe Lebenszeit heute zu genießen und das nicht auf den nächsten Tag zu verschieben“. Das will ich tun. https://de.wikipedia.org/wiki/Carpe_diem