Fasse dich kurz

Die Fastenzeit hat gefühlt gerade erst begonnen, der Februar – und damit der „NaHaiWriMo“ – ist am Dienstag zu Ende gegangen. Dass der kürzeste Monat des Jahres der „National Haiku Writing Month“ ist, wusste ich bis vor Kurzem nicht, ja, ich wusste nicht einmal, dass es ein Haiku-schreib-Monat gibt. Das habe ich erst gelesen, als ich heute vor einem Monat mein elektronisches Postfach aufgeräumt und bei der Gelegenheit einen Blogbeitrag von Christine Kämmer genauer gelesen habe (https://christinekaemmer.com/haiku-schreiben/).

Der war pünktlich Anfang Februar in meinem Posteingang gelandet, aber beim flüchtigen Hinschauen habe ich geglaubt, dass es in der Mail um den „NaNoWriMo“ geht. Weil der ja erst wieder im November stattfindet, habe ich den Beitrag erst einmal weggeklickt – und meinen Irrtum dann erst ein paar Tage später bemerkt.

„NaHaiWriMo“ und „NaNoWriMo“ – beide Kürzel ähneln sich wirklich. Dabei können Schreibziele kaum unterschiedlicher sein. Beim „NaNoWriMo“ im November sollen oder wollen die TeilnehmerInnen in 30 Tagen einen ganzen kurzen Roman von 50.000 Wörtern verfassen – das sind pro Tag durchschnittlich 1.666,666 Wörten. Im „NaHaiWriMo“ ist es Ziel, jeden Tag ein Haiku zu schreiben.

Mit dem „NaNoWriMo“ habe ich so meine Probleme: Mir gefällt die Idee, sich ein besonderes Schreibziel zu setzen. Aber 1.667 Wörter pro Tag zu schreiben, ist für mich als Langsamschreiberin völlig illusorisch. Denn ich tue immer das, was man während des „NaNoWriMo“ nicht tun soll: Ich überdenke und korrigiere Texte, während ich schreibe. Beim Vielschreiben soll der innere Kritiker außen vor bleiben. Doch das funktioniert bei mir nie – meine Zensorin sitzt immer neben meiner Tastatur oder – schlimmer noch – in meinem Kopf. Außerdem bezweifle ich, dass es Sinn macht, möglichst viel schreiben zu wollen. Denn wo es nur oder vor allem um Quantität geht, bleibt bekanntlich oft die Qualität auf der Strecke. Nicht nur, aber auch beim Schreiben. Deshalb mache ich bei der Schreibaktion im November zwar mit, setze mir aber eigene Ziele: Ich schreibe, so viel ich kann (https://timetoflyblog.com/schreibsovieldukano).

Die Aufgabe, im „NaHaiWriMo“ ein Haiku täglich zu schreiben, kam mir dagegen gerade recht. Denn ich interessiere mir schon lange für die traditionellen japanischen Gedichte. Haikus reimen sich nicht und bestehen – zumindest in westlichen Ländern – (fast) immer aus drei Zeilen: Die erste soll fünf, die zweite sieben und die dritte wieder fünf Zeilen lang sein.

Aber das ist, wie ich gelernt habe, eine Kann- und keine Muss-Empfehlung. „Der Haiku als ,Dreizeiler‘ ist eine reine Erfindung des Westens“, wird in dem Beitrag auf haiku-heute.de Arata Takeda, ein aus Japan stammender Literatur- und Kulturwissenschaftler zitiert. Ursprünglich soll der Haiku ein Einzeiler gewesen sein – oder ein Einspalter, da im Japanischen in Spalten geschrieben wird (https://www.haiku-heute.de/das-haiku/merkmale-des-haiku/).

Und auch bei der Silbenzahl sind Ausnahmen erlaubt, schon weil die Moren, das sind die Lauteinheiten, in die japanische Wörter unterteilt sind, nicht den deutschen Silben entsprechen. Japanische Moren haben laut Volker Friebel „im Durchschnitt weniger Inhalt als eine deutsche Silbe: 17 japanische Lauteinheiten entsprechen dem Inhalt von etwa 10 deutschen Silben.“

Bei den Themen sind moderne Haikus freier als ihre traditionellen Vorbilder, bei denen es immer um Jahreszeiten und Natur geht. Ein wesentliches Merkmal der Gedichte war und ist jedoch die Kürze; die Kunst im Haiku besteht laut Volker Friebel darin, einen Text zu schreiben, der „sich ohne Qualitätsverlust nicht weiter kürzen lässt“. Wenn es gelingt, sagen 17 Silben eben manchmal mehr als 50.000 Wörter.

Sich kurz zu fassen, ist eine Kunst, ebenso wie das Verfassen von Haikus. Aber der NaHaiWriMo war für mich ein Anlass, beides zu üben – und mit dem Schreiben von Kurzgedichten anzufangen. Täglich ist mindestens eins entstanden, meist Haikus, gelegentlich auch Elfchen. Das sind – all denen, die sich mit Schreiben im Allgemeinen und Lyrik im Besonderen nicht so gut auskennen, sei’s gesagt – kurze Gedichte, die aus elf Worten bestehen, aufgeteilt auf fünf Zeilen.

Haiku – japanische Vorbilder und eigene Übungsseiten

Weil mein persönlicher NaHaiWriMo erst am 5. Februar begonnen hat, endet er auch erst heute, am 5. März. Ich werde aber weiter Kurzgedichte schreiben. Denn es hat mir viel Spaß gemacht. Und mir gefällt die Idee, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, alles Unnötige wegzulassen – beim Schreiben und im Leben.

Früh im Jahr

„Woran erkennst du den Frühling?“  Das frage ich mich jedes Jahr am Ende des Winters, seit ich das Gedicht von Georg Britting in der Schule gelernt habe. Aufsagen kann ich es nicht mehr, nur dass die Luft trächtig ist, Hauch und Gerüche trägt, ist mir im Gedächtnis geblieben, ebenso, dass die alten Frau Mutter schuld hat, weil ihr tief in der Erde ein Topf übergekocht ist, „mit Sud vom Gewürztem“.

Wer das Gedicht geschrieben hat, hatte ich längst vergessen, ebenso den Titel, aber beides konnte ich, Google sei Dank, schnell herausfinden: Das Gedicht heißt „Früh im Jahr“ und es ist in der Tat noch früh im Jahr. Der meteorolische Frühling beginnt  in etwa einer Woche und der kalendarische, der astronomische, erst in einem Monat.

Und woran erkennt man ihn nun, den Frühling? Die Vögel, die sonst immer wussten, wann der Frühling naht, haben, so scheint es, in diesem Winter, der der ja eigentlich kein richtiger war, die Orientierung verloren und gar keine Winterpause gemacht. Sie haben selbst im Dezember und im Januar morgens gezwitschert – so laut, dass ich es selbst bei geschlossenen Fenstern gehört habe.

Unerwünschte Frühlingsboten: Läuse im Wintergarten

Auf andere Tierchen ist dagegen als Frühlingsboten Verlass, auch wenn ich auf sie gerne verzichtet hätte. Wie in jedem Frühjahr sind die Blattläuse wieder da. Die ersten haben sich auf unseren Zitruspflanzen im Wintergarten festgesetzt – und mit den Läusen kommen auch die Ameisen, die mit ihnen in einer Art Symbiose leben: Die Ameisen melken die Blattläuse, sie ernähren sich von dem süßen Nektar, den die Blattläuse ausscheiden, und sie füttern ihre Brut damit. Als Gegenleistung – im Leben ist halt nichts umsonst – transportieren die Ameisen die Larven der Blattläuse an die Blattspitzen und verteidigen die Läuse gegen ihre Feinde – also auch gegen mich?

Denn ich sage ihnen den Kampf an – zumindest im Wintergarten. Die Blattläuse setzte ich mitsamt den Wirtspflanzen vor die Tür in der Hoffnung, dass die Pflanzen die Versetzung heil überstehen, ihre ungebetenen Gäste in einer kühlen Nacht erfrieren, vom nächsten Regenguss weggeschwemmt oder vom Wind verweht werden.

Noch verhüllt: Die Paradiesvogelblüte

Strelizien mögen die Läuse glücklicherweise nicht: Ihre noch verschlossenen Blüten künden ebenfalls vom Frühling. Ich bin gespannt, wann sie sich öffnen – lange dauert es gewiss nicht mehr, bis der erste Paradiesvogel seinen Kopf aus  der grünen Hülle streckt.

Draußen im Garten haben die Schneeglöckchen Gesellschaft bekommen: Die Krokusse blühen, lila meist,

auch die erste Schlüsselblume hat sich hervorgewagt und die ersten Osterglocken – lange vor Ostern.

Die Hyazinthen trauen dem Wetter offenbar noch nicht so recht und verstecken sich noch zwischen ihren großen Blättern. In den nächsten Tagen werde ich das Laub in den Beeten zusammenharken, vorsichtig, damit ich Igel und Co in den Laubhaufen nicht störe, falls sie noch ihren Winterschlaf halten.

Vielleicht lege ich dann auch Rip van Winkle frei, die Narzisse, ich  im letzten Jahr nur wegen ihres Namens gekauft habe – Reminiszenz an Max Frisch, der lange Zeit mein Lieblingsschriftsteller gewesen ist. Er hat die Rip-Van-Winkle-Geschichte in seinem Roman Stiller erzählt hat.

Osterglocke oder Narzisse. Name unbekannt. Rip van Winkle ist es nicht.

Womit wir wieder am Blog-Anfang wären, bei der Literatur. Und natürlich beim Frühling, der hoffentlich bald kommt.

Das Gedicht ist im Internet unter der Adresse http://britting.de/gedichte/4-135.html zu finden

Blausterne und andere blauen Blüten

Nicht nur die sprichwörtlichen Kirschen, auch die Blumen blühen in Nachbars Garten offenbar schöner als in eigenen. Das gilt bei mir zumindest für Scillas. Im Frühling verwandeln die Blausterne die Nachbarwiese in einen Blütenteppich, während sie sich in unserem Garten rar machen.

 

Die Scillas in Nachbars Garten …

Weil ich Scillas mag und sie angeblich fast überall gedeihen, habe ich, selbst ist die Frau, ein paar Pflanzen ausgegraben – natürlich nicht, ohne den Grundstücksbesitzer um Erlaubnis zu fragen. Den besten Pflanztermin von August bis in den Herbst hinein habe ich zwar verpasst, aber angeblich ist es auch im Frühling nicht zu spät. –

… und nach dem Umzug im eigenen.

6 bis 8 cm tief soll man die Zwiebeln in den Boden stecken. Das habe ich getan, doch wirklich wohl scheinen sich die Scillas in der neuen Umgebung nicht zu fühlen. Vielleicht vermissen sie ihre Artgenossen und fühlen sich einsam. Oder ich bin ihnen zu nahe gekommen und sie haben durch das Ausgraben einen Schock erlitten. Denn nach einer neuen Studie an der La Trobe University in Melbourne mögen es Pflanzen es, anders als oft angenommen wird, gar nicht, wenn man sie berührt. Es stresst sie so sehr, dass sie deutlich – um bis zu 30 Prozent – langsamer wachsen.

Frei nach Johann Wolfgang von Goethe: Ein Veilchenin dem Garten stand …

Ich werde sie also in den nächsten Tagen und Wochen Abstand und nur ganz heimlich nach ihnen sehen, ebenso wie nach den anderen Neulingen in unserem Garten. Das Veilchen und die Anemone scheinen den Umzug besser verkraftet haben. Aber sie sind, anders als die Scillas, nicht in freier Wildbahn – sprich einem unbebauten Grundstück – groß geworden, sondern in Gartencentern. Sie sind also an Menschen gewöhnt, haben sich den Zweibeinern und ihrem mitunter seltsamen Verhalten angepasst. Auch zu ihren neuen Nachbarn Blaukissen und Traubenhyazinthen passt die Anemone gut – Rhapsodie in Blue

 

Rhapsodie in Blau: Anemonen, Blaukissen und Traubenhyazinthen

Google sei dank habe ich auch die Gedichtzeile gefunden, die mir im Kopf herumspukt, seit ich die Anemone auf dem Markt gesehen, gekauft und gepflanzt habe. Es ist von Gottfried Benn und passt zu diesem eher kalten, trüben Frühlingsbeginn.

ANEMONE

Erschütterer −: Anemone,
die Erde ist kalt, ist nichts,
da murmelt deine Krone
ein Wort des Glaubens, des Lichts.

Alle, die es interessiert, finden das Gedicht z. B.  unter

Gottfried Benn / Thomas Florschuetz: Blumen