Von Benediktinerinnen und Beginen

Ich gebe es zu, Neumz* hat mich in seinen Bann gezogen, seit ich zum ersten Mal von dem Musikprojekt gelesen und dann auch darüber geschrieben habe (https://timetoflyblog.com/neumz-frauen-singen-gregorianisch). Vielleicht nicht nur, weil ich gregorianische Gesänge mag, sondern auch, weil mich die Bilder von der Abtei Notre-Dame de Fidélité von Jouques an eine Studienfahrt durch Burgund und Belgien erinnern – und an die Pläne, die eine Studienfreundin und ich dabei geschmiedet haben. Ganz vergessen haben wir sie in all den Jahr(zehnt)en nie: Als wir in Brügge den alten Beginenhof besuchten, haben wir uns vorgenommen, später einmal einen Beginenhof zu gründen.

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit waren Beginengemeinschaften weit verbreitet, später gerieten sie völlig in Vergessenheit. Selbst wir hatten bis zu unserem Besuch in Brügge noch nie von der frühen Frauenbewegung gehört, obwohl wir Geschichte studiert hatten.

Beginen waren alleinstehende Frauen, die seit dem 12. Jahrhundert in vielen Städten – quasi als eine Art Laienorden – eigenständige Lebens- und Arbeitsgemeinschaften bildeten. Sie arbei­teten u. a. als Hand­werkerin­nen, Künstler­innen, Kauf­frauen sowie als Lehrerinnen und in der Pflege und waren finanziell unabhängig – damals für Frauen keine Selbstverständlichkeit . Im Gegensatz zu Nonnen legten Beginen keine Gelübde ab und konnten die Gemeinschaft in der Regel wieder verlassen, wenn sie es wollten. Die Gemeinschaften verwalteten und organisierten sich selbst – anders als für Ordensgemeinschaften gab es für Beginenkonvente und -höfe keine allgemeinverbindlichen Regeln;

Im Beginenhof in Brügge leben heute Benediktinerinnen, die wohl wie die Benediktinerinnen der Abtei Notre-Dame de Fidélité von Jouques nach den Regeln des heiligen Benedikt leben: also im Wesentlichen nach der Devise „ora et labora“, bete und arbeite. Der Tagesablauf wird durch die Stundenliturgie und durch die Messe geprägt; die Nonnen sollen, so verlangte es der heilige Bedendikt jede Woche das gesamte Buch der Psalmen singen. Drei Jahre soll es dauern, bis sie alle rund 8.000 gregorianischen Gesänge gesungen und aufgenommen haben; mehr als 7.000 Stunden Musik werden dann über eine App abrufbar sein.

Kloster Notre-Dame de Fidélité de Jouques, Screenshot https://neumz.com

Ich habe mir die kostenlose App auf mein Smartphone geladen und höre die Gesänge seither oft und gerne. Als mit einem Newsletter das Osterangebot von Neumz auf meinem Computer landete, habe ich getan, was ich ohnehin geplant hatte: Ich unterstütze das Musikprojekt mit knapp 60 Euro im Jahr und fördere damit auch Notre Dame de l’Écoute in Benin, die Stiftung der Benediktinerinnen in Afrika.

Als Patron, wie das auf Französisch heißt, oder genauer gesagt als Patronne, kann ich einige Zusatzfunktionen der App nutzen: Ich kann zum Beispiel nach bestimmten Gesängen suchen und mir meine Lieblingsgesänge anhören, wann immer ich möchte – demnächst auch offline. Künftig soll es außerdem ein Audio-Upgrade auf eine bessere Wiedergabequalität geben – und irgendwann auch eine Alarm-Funktion. Darauf freue ich mich. Denn dann kann ich mich an die Gebetszeiten erinnern und mich von den Gesängen der Nonnen durch den Tag begleiten lassen.

Partitur mit lateinischem Text und Übersetzung – hier in Englisch. Screenshot https://neumz.com

All denen, die mich kennen und sich wundern, sei versichert: Nein, ich bin nicht plötzlich fromm geworden. Ich habe nicht vor, den Namen des Herrn „vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang“, zu loben, wie es in Psalm 113 steht. Und ich werde auch sicher nicht in den Schoß der Heiligen katholischen Kirche zurückkehren. Bei den Protestanten fühle ich mich besser aufgehoben. Aber die Idee, den Alltag durch die Gesänge kurz zu unterbrechen und den Tag auf diese Weise zu strukturieren, gefällt mir.

Der Tag beginnt früh im Kloster in der Provence – morgens um 5 mit dem Matunium – und er endet früh – mit dem Komplett um 20 Uhr, gefolgt von der Großen Stille, der Nacht. Zwischen dem Morgen- und dem Nachtgebet liegen die Lobgebete um 7.30 Uhr, Terz (10.30 Uhr), Sexte (12.45 Uhr), None (14.45 Uhr) und Vespern (17.30 Uhr).

Das frühe Aufstehen ist für mich kein Problem: Meist bin ich um diese Zeit ohnehin schon wach. Problematischer ist es das frühe Ende des Tages. Und die vorgegebenen Zeiten zwischendurch einzuhalten, ist mir bislang noch nicht gelungen. Terz, None und Co gehen im Alltag oft unter, und wenn ich mich an sie erinnere, ist die Zeit meist schon vorbei. Bis die Alarmfunktion der App funktioniert, praktiziere ich deshalb kanonische Stunden oder Offizien light: Ich höre mir die entsprechenden Gesänge an, wenn es mir zeitlich passt. Ohne Stress und Zeitvorgaben. Eigentlich eine gute Wahl. Auf diese Weise lassen sich die kleinen Auszeiten viel besser in den eigenen Tagesablauf integrieren.

Übrigens: Seit fast 20 Jahren gibt es in Deutschland wieder Beginenhöfe und -projekte; fast 20 sind im Dachverband der Beginen organisiert. Wer sich für die modernen Beginenhöfe interessiert, findet Infos in einem Artikel von mir unter https://issuu.com/schluetersche/docs/wohnwerken_02

(S. 30)

*Dieser Beitrag enthält unbezahlt Werbung. Mehr Infos über das Projekt unter https://neumz.com/de/deutsch/

Neumz – Frauen singen gregorianisch*

Wenn ich meine Morgenseiten schreibe, höre ich oft Musik – derzeit am liebsten gregorianische Gesänge. Die einstimmige, einförmige, aber nie eintönige Musik hilft mir, ruhig und entspannt in den Tag zu gleiten.

Jetzt, im Februar, ist es früh morgens noch dunkel, nur eine aus der Weihnachtszeit übriggebliebene Lichterkette, Kerzen und mein Bildschirm erhellen mein kleines Schreibzimmer und schaffen eine besondere Atmosphäre: Fast fühle ich mich in eine spärlich beleuchtete Klosterkirche versetzt. Dass es in meinem Zimmer wärmer ist als in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kirchen, weiß ich durchaus zu schätzen.

Auf meinen CDs singen ausschließlich Männer gregorianische Choräle und Gebete und irgendwie wundert mich das nicht: Denn die (katholische) Kirche tut sich ja bekanntlich seit jeher mit Frauen schwer: „mulier taceat in ecclesia“ – alsoDie Frau möge in der Gemeinde schweigen“ –heißt es bekanntlich im Korintherbrief (1. Kor. 14, 34). Damit ist zwar der Ausschluss der Frau vom kirchlichen Lehr- und Priesteramt gemeint, aber auch in anderen Bereichen, zum Beispiel bei der Kirchenmusik, bleiben Frauen außen vor.  

Dass die bekanntesten Kinderchöre auch heute noch reine „Knabenchöre“ sind, liegt an der Tradition der Chöre: Die reicht zurück bis ins Frühmittelalter und wurde durch die Kirche bestimmt: Damals durften Frauen in den Kirchen auch nicht singen, die Musik während des Gottesdienstes war Männersache. Und natürlich durften zum Beispiel auch bei beim Thomanerchor in Leipzig, bei den Wiener Sängerknaben, den Regensburger Domspatzen, dem Dresdner Kreuzchor oder der Staats- und Domchor Berlin nur Jungs mitmachen. Der Knabenchor der Universität der Künste Berlin muss übrigens auch heute noch – mehr als 550 Jahre nach der Gründung durch Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg – keine Mädchen aufnehmen: Die Richter der 3. Kammer des Berliner Verwaltungsgerichts bewerteten die Kunstfreiheit des Chores und seines Leiters höher als das Recht eines Mädchens, nicht wegen seines Geschlechts ausgeschlossen zu werden (Urteil vom 16. August 2019, VG 3 K 113.19). Und auch die anderen Knabenchöre sind mädchenfrei.

Natürlich wurden auch die gregorianische Gesänge meist von Männern gesungen. Benannt sind sie nach Papst Gregor I (590–604), der die kirchlichen Gesänge sammeln und aufzeichnen ließ. Das  geschah seit dem 9. Jahrhundert mit einer neuen Art der Musikschrift. Die Zeichen wurden über dem Text notiert und erleichterten vor allem dem Chorleiter und dem Kantor die Arbeit, denn die sogenannten Neumen – von griechisch νεύμα neuma, deutsch ‚Wink‘ – zeigten seine Winkbewegungen des Dirigenten an. Noten, Notenlinien und Schlüssel wurden erst später erfunden; die Sänger lernten bei doing, also durchs Zuhören und Mitsingen. Um alle gregorianischen Gesänge zu lernen, brauchten die Sänger laut Wikipedia etwa zehn Jahre https://de.wikipedia.org/wiki/Gregorianischer_Choral.

Die Neumen, notenähnliche Zeichen, gaben dem Projekt seinen Namen

Wie umfangreich das Repertoire ist, zeigt auch Neumz, ein spannendes Projekt, auf das ich bei meiner Suche nach von Frauen gesungenen gregorianischen Gesängen gestoßen bin. Ziel des Projekts ist es, alle gregorianischen Gesänge – insgesamt fast 8800 – aufzuzeichnen. Über 7.000 Stunden Audioaufnahmen werden in einer App abrufbar sein, wenn das Projekt 2022 abgeschlossen ist.

Gesungen werden die Gebete, Hymnen, Psalmen, Messgesänge und Chorälen des liturgischen Kalenders nicht von Profis, sondern von den Benediktinerinnen der Abtei Notre-Dame de Fidélité von Jouques in der Provence, aufgenommen werden sie nicht in einem Studio, sondern in der Klosterkirche, quasi do it yourself: Die Nonnen starten die Aufnahmen, wenn sie den Chorraum betreten, und beenden sie, wenn sie ihn wieder verlassen. Deshalb sind die Aufnahmen klanglich vielleicht nicht perfekt, aber authentisch. Gerade das macht das Projekt besonders und einzigartig, auch wenn gelegentlich Nebengeräusche wie Husten, Niesen oder Umblättern der Noten zu hören sind. Darauf, sie wegzuretuschieren, hat das Team um den britischen Musikwissenschaftler und -produzenten John Anderson bewusst verzichtet. Puristen stört’s vielleicht, mich nicht. Im Gegenteil.

John Anderson hat das aufwendige Projekt initiiert und die Nonnen, darunter auch seine Tante, überzeugt, den Aufnahmen und der Veröffentlichung zuzustimmen. Seit Ende vergangenen Jahres gibt es die Gesänge der Nonnen auf mobilen Apps für iOS und Android – inklusive Partituren und Texten auf Latein und übersetzt, unter anderem auch auf Deutsch. Eine Veröffentlichung auf CD ist nicht geplant.

Wer die App abonniert, kann alle Gesänge des dreijährigen Zyklus hören und sich beispielsweise von den gesungenen Stundengebeten der Nonnen durch den Tag begleiten lassen, vom Erstes Morgengebet (Ad Matutinum) am frühen Morgen bis zum Abendgebet Komplett (Ad Completorium). Das möchte ich auf jeden Fall mal versuchen. „Zwei Drittel der Einnahmen aus Abonnements gehen an die Schwestern, um sie und ihre Stiftung Notre Dame de l’Écoute in Benin zu unterstützen“, heißt es auf der Projekt-Website. Dort gibt es auch mehr Infos über gregorianische Musik im Allgemeinen und über das Projekt und das Kloster im Besonderen; auch einzelne Gesänge können dort kostenfrei abgerufen werden.

https://neumz.com

* Der Artikel enthält unbezahlte Werbung