Nach Italien

Eigentlich stand Portugal in diesem Jahr ganz oben auf der Liste meiner Reiseziele. Doch dann war da diese Ausstellung im Landesmuseum Hannover, das sich seit einigen Jahren WeltenMuseum nennt.

„Nach Italien“*, so der verheißungsvolle Titel der Ausstellung, in der Bilder und Grafiken aus fünf Jahrhunderten gezeigt werden. „Seit der Renaissance machten sich junge Menschen auf in den Süden, zunächst vor allem Künstler und Adlige, seit dem 19. Jahrhundert auch Bürgerliche aus gehobenem Hause“, heißt es in der Pressemitteilung zur Ausstellung und: „Lange bevor der Massentourismus das Reisen zur Normalität machte“, war das Land, in dem die Zitronen blühen, für viele ein Traumziel, ein Sehnsuchtsort.

Auch für mich. Es muss Anfang der 60er Jahre gewesen sein, als meine damals noch unverheiratete Tante einen Urlaub in an der Adria verbrachte. Auf der Karte, die sie meinen Eltern schickte, war das Meer zu sehen. Ich hatte nicht gewusst, dass Wasser so blau und klar sein kann. Da wollte ich auch hin. Bis ich zum ersten Mal ans Meer – an die Nordsee – kam, sollten noch zehn Jahre vergehen. In Italien war ich zum ersten Mal, als ich längst erwachsen war. Und Rimini, das ich als Kind auf der Karte so bewundert hatte, hat mir im Gegensatz zu anderen italienischen Städten nicht gefallen. Mein letzter Italienurlaub liegt inzwischen schon Jahre zurück: 2015 bin ich mit meiner Tochter in den Cinque Terre gewandert – und habe darüber einen meiner ersten Blogbeiträge geschrieben (https://timetoflyblog.com/immer-am-meer-lang).

Im Foyer des Museums habe ich eine Schreibfreundin getroffen; ich kam, sie wollte gerade gehen. Beim Latte Macchiato im Museumscafe erzählte sie mir, dass sie im Sommer nach Venedig reisen möchte. Sie kennt die Lagunenstadt und ist begeistert von ihr. Auch ich möchte unbedingt einmal nach Venedig – trotz der Touristenströme, die die Stadt überschwemmen und die auch Donna Leon, Autorin der Brunetti-Krimis, längst in die Flucht geschlagen haben.

Nach Italien: 70 Gemälde, 15 Grafiken, eine Skulptur, ein Büste und 40 Münzen sind laut Pressemitteilung in der Ausstellung zu sehen; einige der Werke haben die Künstler auf ihren Bildungsreisen, die „Grand Tour“ hieß, gemalt, andere brachten von ihrer Reise Kunstwerke oder ganze Sammlungen mit; „ein Versuch, das ‚dolce vita‘ in der Heimat zu konservieren“.

Bei mir weckt die Ausstellung Sehnsüchte und Erinnerungen. Als ich vor den Bildern stehe, höre ich immer wieder die Stimme des Bootsführers, der uns über den Gardasee schipperte: „Malcesine, Malcesine“.

Natürlich bin ich damals in dem kleinen Ort ausgestiegen, in dem Goethe auf seiner italienischen Reise Station gemacht hat. Er wäre im September 1786 sogar fast verhaftet worden, als er die Ruine der alten Skaligerburg zeichnete: Malcesine lag nämlich damals an der Grenze zwischen der Republik Venedig und Österreich, die Einwohner befürchteten, dass der Fremde für den österreichischen Kaisers Josef II spionierte und mit seinen Zeichnungen einen Angriff auf die Republik Venedig vorbereiten sollte. Zu Goethes Glück ließen sich die Verantwortlichen von seiner Unschuld überzeugen. Ach ja, schön war’s am Gardasee.

Und dann war da noch – aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei – Elke Heidenreichs Buch „Ihr glücklichen Augen: Kurze Geschichten zu weiten Reisen“, dessen Titel sie übrigens aus dem zweiten Teil von Goethes Faust entliehen hat. Elke Heidenreich ist viel und weit gereist. Sie ist, so schreibt sie im Vorwort, auf allen fünf Kontinenten, in fast allen Metropolen der Welt gewesen. Über mehr als 30 Orte und Länder schreibt sie in ihrem Buch – besonders viele der beschriebenen Orte liegen in Italien. Das liegt sicher daran, dass Elke Heidenreich ein Opernfan ist – und Oper und Italien gehören ja irgendwie zusammen. Ich mag Opern nicht besonders und habe bislang nur ganz wenige gesehen, zwei davon im Amphitheater in Verona – ein wirklich unvergessliches Erlebnis.  

Verona kommt in Elke Heidenreichs Buch nicht vor, aber viele andere italienische Städte, die ich noch nicht kenne, Florenz zum Beispiel, Sienna, Pesaro und natürlich Venedig. „Man vergisst die erste Ankunft in Venedig nie“, lese ich auf Seite 163. Und auf der folgenden. „Gibt es irgendeinen künstlerisch fühlenden, denkenden, arbeitenden Menschen, der nicht wenigstens einmal in seinem Leben nach Venedig gereist ist?“ (Seite 164).

Also dann. Auf nach Italien. Auch wenn ich keine Künstlerin bin, ist es höchste Zeit, Venedig, Florenz und Co kennenzulernen. Portugal muss vorerst noch warten.

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Die Ausstellung „Nach Italien. Eine Reise in den Süden“ ist noch bis zum 19. Februar im Landesmuseum Hannover zu sehen.

Elke Heidenreich: Ihr glücklichen Augen: Kurze Geschichten zu weiten Reisen. Hanser Literaturverlage, 2022, 26 Euro

Vom Gehen

Ich gehe. (Noch) nicht wirklich aus Überzeugung, sondern weil mein Knie es will.

Ich bin mein Leben lang gelaufen – alle möglichen Strecken von kurzen Sprints bis zu langen Ultraläufen, von 100 Meter bis 100 Kilometer. Laufen war für mich ein wichtiger Teil des Alltags und meines Lebens: Ich habe laufend Frust und Stress abgebaut, die Seele baumeln lassen, entspannt, die Natur genossen, über Gott und die Welt nachgedacht und mit meinen Mitläuferinnen und Mitläufern viele gute Gespräche geführt. So mancher Text ist teilweise beim Laufen entstanden – und für manches Problem habe ich laufend eine Lösung gefunden. Kein Wunder, dass es mir schwerfällt, das Laufen aufzugeben. Aber nach einem Sturz und einer Operation vor ein paar Jahren quittiert mein Knie jeden Laufversuch mit Schmerzen, zwingt mich, es langsamer angehen zu lassen, zu gehen statt zu laufen.

Eigentlich gehe ich ganz gerne: Ich will in diesem Jahr endlich einmal den Hexenstieg im Harz erwandern, außerdem ein Stück von Rhein- und Moselsteig. Und im Herbst möchte ich zum Wandern in die Alpen. Ich erkunde fremde Orte am liebsten zu Fuß und es käme mir auch nie in den Sinn, mit dem Auto ins Dorf einkaufen zu fahren. Ich fahre mit dem Fahrrad – oder ich gehe. Aber daran „nur“ spazieren zu gehen, muss ich mich erst gewöhnen.

Auf dem Moselsteig …

Vielleicht wirken da die langweiligen Sonntagsnachmittagsspaziergänge nach, die ich als Kind mit meinen Eltern und meinen Geschwistern unternehmen musste. Rennen, auf Baumstämmen oder Mäuerchen balancieren, mit den lackbeschuhten Füßen Steine wegzukicken oder der den vorgeschriebenen Weg zu verlassen, war nicht erlaubt. Höchste Zeit, diesen Erfahrungen Positives entgegenzusetzen.

„Es ist nie zu spät, neu anzufangen“, heißt das Buch von Julia Cameron, das ich gerade lese. Sie hält Gehen für eine der wertvollsten kreativen Techniken. Und sie ist bei Weitem nicht die erste und die einzige, die drauf schwört: „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen“, sagte einst Johann Wolfgang von Goethe. Und mehr noch: „Was ich nicht erlernt habe, das habe ich erwandert.“ Der Philosoph und Schriftsteller Søren Kierkegaard hat sich, so seine Worte, seine besten Gedanken ergangen und kennt „keinen Kummer, den man nicht weggehen kann“. Virginia Woolf liebte Spaziergänge nicht nur, aber auch in London. Sie nannte sie Street Haunting und verewigte in dem gleichnamigen Essay verewigte. Und für ihre Kollegin Elizabeth von Arnim war wandern „die vollkommenste Art der Fortbewegung, wenn man das wahre Leben entdecken will. Es ist der Weg in die Freiheit.“ Brauche ich noch mehr Gründe, es auch zu versuchen?

Im Stapel der ungelesenen Bücher entdecke ich ein Buch des Schweizer Schriftstellers Franz Hohler mit dem Titel Spaziergänge. Es ist ein Mängelexemplar – ich habe es wohl vor ein paar Jahren antiquarisch gekauft, als ich ahnte, dass ich wohl nicht mehr laufen kann, sondern eher gehen sollte. Jetzt schlage ich es auf und fange an zu lesen: Hohler beschloss vor ziemlich genau zehn Jahren, im März 2010, jede Woche irgendwohin zu gehen und darüber zu schreiben.

Vielleicht ist das ja gar keine schlechte Idee. Julia Cameron empfiehlt in ihrem Buch zwei Spaziergänge pro Woche – allein, ohne Begleitung. Nur meine Kamera, mein Notiz- und mein Tagebuch nehme ich mit – und mein Skizzenbuch. Denn ich will zeichnen lernen. Und es ist ja bekanntlich nie zu spät, neu anzufangen.

Beim Gehen immer dabei: Tagebuch, Skizzenbuch und Notizbuch

Osterspaziergang

Sie sind wieder da, die Frösche in meinen Teichen. Der Froschnachwuchs – drei kleine Frösche habe ich bis jetzt entdeckt – hat sich im kleinen Teich angesiedelt. Ein größerer Frosch, Vater oder Mutter?, lebt im größeren Teich. Dort zu überwintern war in diesem Winter, der ja nur kurz und nicht sonderlich heftig war,  sicher kein Problem. Der Teich ist tief genug – zumindest bei kürzeren Frostperioden. Fotografiert werden möchten die Fröschlein nicht. Sobald ich mich den Teichen nähere, flüchten sie ins Wasser.

Die Kirschbäume sind schon fast verblüht, der Rhododendron vor dem Küchenfenster hält sich indes noch vornehm zurück – anders als in den Herrenhäuser Gärten sind hier noch keine Blüten zu sehen. Zum ersten Mal habe ich den Rhododendronhain dort in voller Blüte erlebt.

Und zum ersten Mal habe ich es geschafft, in den Herrenhäuser Gärten zu frühstücken. Das habe ich mir schon lange vorgenommen, aber es dann immer aufgeschoben. Gut, es war ein spätes Frühstück, weil ich zuerst noch Osterhase spielen musste. Aber dann habe ich es genossen, in der Sonne zu sitzen, Kaffee zu trinken und Osterzopf und Ostereier zu essen.

Osterfrühstück im Staudengrund

Der Osterhase hat den Osterspaziergang trotz meines sechswöchigen Schokoladenverzichts zwar überlebt. Gut bekommen ist er ihm allerdings nicht. Er war nach mehrstündigem Aufenthalt in meinem Fotorucksack so dünn geworden, dass er notgeschlachtet werden musste.

Armer Hase …

Apropos Frösche: Durch Zufall habe ich das Froschgedicht von Johann Wolfgang von Goethe entdeckt. Der hat nämlich nicht nur Seriöses geschrieben wie Faust, die italienische Reise oder den Osterspaziergang. Sie wissen schon: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche, durch des Frühlings holden, belebenden Blick …“

Sein Froschgedicht kann man nachlesen unter

https://www.textlog.de/18774.html

Die Frösche an unserem Teich sind, anders als die in Goethes Gedicht,  stumm. Warum sie nicht wie im letzten Jahr um die Wette quaken, weiß ich nicht. Vielleicht haben sie das Gedicht gelesen und üben jetzt heimlich nachts, wenn wir alle schlafen, bis ihr Gesang wirklich dem von Nachtigallen gleicht.