Jeden Morgen geht die Sonne auf …

Letzte Woche bin ich umgezogen – auf meinen Sommermorgensitz: Ich schreibe meine Morgenseiten jetzt wieder auf der Couch auf der Empore, wie ich den gerade einmal vier Quadratmeter kleinen Platz neben der Treppe großspurig nenne. Denn dort kann ich beim Schreiben beobachten, wie es allmählich Tag wird.

In den Wintermonaten absolviere ich mein – oft abgespecktes – Morgenritual meist lange bevor es draußen hell wird . Doch vom Frühling bis in den Herbst hinein genieße ich den Blick aus dem Fenster auf die aufgehende Sonne. Genau genommen sehe ich nur einen Abglanz, weil Häuser und Bäume mir den Blick auf den Horizont versperren. Im Dämmerlicht wirken sie wie Scherenschnitte – vielleicht erinnern sie mich deshalb an Platons Höhlengleichnis: Die Menschen im Gleichnis sind in einer Höhle gefangen. Sie kennen von der Welt draußen nur die Schatten, die durch den Höhleneingang an die Wand geworfen werden – und halten das, was sie sehen, für die Wirklichkeit.

Ich weiß nicht mehr genau, was Platon uns mit dem Gleichnis sagen will – Philosophie gehört wie Physik zu den Dingen, die ich nicht wirklich verstehe. Ich habe aber – anders als die Höhlenbewohner – zum Glück schon viele Sonnenaufgänge erlebt. Und nur meine Bequemlichkeit hindert mich daran, morgens aufs Feld oder zu einem der Seen in der Umgebung zu gehen und den Sonnenaufgang in der Natur zu erleben. Das tue ich gelegentlich, wenn es draußen wärmer ist. Dann heiße ich die Sonne, wie es ihr gebührt, mit dem Yoga-Sonnengruß willkommen – und hoffe, dass mir niemand dabei zusieht.

Meist bleibe ich jedoch im Haus. Meine Morgenseiten schreibend, sehe ich, wie sich der Himmel verfärbt: An manchen Tagen ist das eher unspektakulär, die Nacht gleitet langsam in den Tag. An anderen Tagen entstehen am Himmel jedoch Bilder, an denen ich mich nicht sattsehen kann. Mal ist es eine Symphonie in Blau-Grau, mal brechen winzige Farbkleckse durch das Grau der Wolken, vom hellen Orange über Rot bis hin zum grellen Lila. Und manchmal scheint der Himmel zu brennen; auf Bildern – ob gemalt oder fotografiert – würde man die Farben künstlich oder kitschig nennen.

Der Versuch, sie mit Kamera oder Stiften einzufangen, misslingt fast immer. Trotzdem versuche ich es immer wieder; oft greife ich zur Kamera oder zum Skizzenbuch, statt einfach hinzuschauen und zu genießen.

Manchmal summe ich dann ein Lied vor mich hin, das ich als Kind gelernt habe. „Jeden Morgen geht die Sonne auf …“ – und irgendwie finde ich den Gedanken tröstlich, auch oder gerade in Zeiten wie diesen: Die Sonne geht auf, egal, was wir Menschen tun, ob wir ihr dabei zusehen oder nicht.

Übrigens: Den Text dieses Liedes hat Hermann Claudius 1938 geschrieben – nein, nicht der berühmte Matthias, der den Mond aufgehen ließ, sondern sein Urenkel. Der stand im Dritten Reich  den Nationalsozialisten zumindest sehr nahe. So wurde er 1933 in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen, nachdem Künstler wie Heinrich und Thomas Mann, Käthe Kollwitz oder Ricarda Huch ausgeschlossen worden waren. Im Oktober 1933 unterzeichnete er laut Wikipedia mit 87 anderen deutschen Schriftstellern das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler.

Wohl im gleichen Jahr wie „Jeden Morgen geht die Sonne auf“ schrieb Claudius auch ein Gedicht zu Ehren Hitlers. Sein bekanntestes Gedicht „Wann wir schreiten Seit an Seit“ erwies sich als politisch äußerst anpassungsfähig. Von Michael Englert vertont, war es zunächst das Lied der sozialistischen Jugend, ehe es – gekürzt – von den Nationalsozialisten übernommen wurde. In der DDR gehörte es zum Repertoire der Arbeiter- und Jugendchöre; in der Bundesrepublik wird es seit Anfang der 60er-Jahre am Ende der SPD-Parteitage gesungen.

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2019 einhalb

Zugegeben, der Titel ist geklaut. Oder doch zumindest angelehnt an einen Song von Reinhard Mey, den ich früher gern gehört habe. „71 ein halb“ heißt das Lied und es geht weiter „… was ist aus all dem geworden, was ich mir am Neujahrsmorgen ganz fest vorgenommen hab?“.

Das Jahr ist halb vorbei (ok, schon seit drei Tagen, aber ich habe es einfach nicht geschafft, den Text vorher zu bearbeiten) – Zeit also für eine Zwischenbilanz. Und weil ich gerade diesen Blogbeitrag schreibe, fange ich mit dem Bloggen an – und mit der guten Nachricht. Ich hatte mir vorgenommen, jede Woche einen Blogbeitrag zu schreiben oder zumindest vier jeden Monat. Das ist mir gelungen. All denjenigen, die nur timetofly kennen und jetzt verwundert nachzählen, kann ich die Differenz erklären: Mit meiner Blogpartnerin Foe beschreibe und betreibe ich seit einiger Zeit einen zweiten Blog: https://chaosgaertnerinnen.de/ Wir bloggen dort über Gärten – über unsere eigenen und über fremde. Ich freue mich, wenn ihr hineinschaut und/oder den Blog abonniert – natürlich kostenlos.

Mit meinen anderen Schreibprojekten hinke ich dagegen hoffnungslos hinterher, was sicher auch daran liegt, dass ich auch ein anderes Vorhaben nicht umgesetzt habe: Ich arbeite immer noch zu viel, wenn auch nicht so viel zu viel wie meine Freundin Sabine. Aber ab September wird alles besser. Dann will ich mir auch die Zeit für die Wanderung nehmen, die auf meiner Vorhabenliste steht. Meinen Plan, die Alpen zu Fuß zu überqueren, habe ich zwar wieder um ein Jahr verschoben, weil ich mich alleine nicht traue und die Gruppenwanderungen, die für mich in Frage kommen, einfach nicht in meinen Terminkalender passen. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Und es gibt ja auch noch andere schöne und vielleicht nicht ganz so anspruchsvolle Strecken.

Zeit für einen richtigen Urlaub hatte ich in diesem Jahr noch nicht, dafür gönne ich mir kleine Auszeiten zwischendurch: Zwei oder drei Tage bei meiner Freundin, eine Fahrt ans Steinhuder Meer, eine Wanderung im Harz oder auch nur abends eine kurze Fahrt an den Würmsee. Der ist ja eigentlich nur ein flacher Tümpel, aber wenn ich auf dem Steg oder auf der Bank sitze, sehe ich das nicht – außer wenn die drei Fischreiher ganz in der Nähe und nicht mal bis zu den Waden im Wasser stehen. Was mich zu der Frage führt: Haben Reiher Waden?

Mit dem Morgenritual, das ich am Anfang des Jahres begonnen habe (https://timetoflyblog.com/2019/01/08/same-procedure-every-day/), tue ich mich zugegebenermaßen schwer: Die Morgenseiten schreibe ich eigentlich immer – und freue mich zurzeit jeden Morgen darüber, dass ich von meinem Platz auf der Empore die Sonne hinter den Bäumen hervorkommen sehe. Yoga verschiebe ich meist auf später, bis die Sonne um die Nachbarhäuser herumgewandert ist und in den Garten scheint. Denn ich übe meist draußen  – und da ist es mir ganz früh am Morgen noch zu kalt. Dass Yoga dann manchmal ausfällt, ist die Kehrseite der Medaille.

Auch andere gute Vorsätze sind leider nur Vorsätze geblieben. Ich bewege mich immer noch zu wenig (gut, alles ist relativ) und ich trinke immer noch zu viel Kaffee. Mein Keyboard habe ich kürzlich wieder weggeräumt, weil ich seit Monaten kein einziges Mal geübt habe. Immerhin male ich manchmal, keine richtigen Bilder zwar, aber die kleinen Kritzeleien in mein Tagebuch und in mein Skizzenbuch machen mir viel Spaß – und mein Leben bunter. Was will ich mehr?

Mehr Zeit zum Lesen. Leider habe ich es habe auch nicht geschafft, jede Woche ein Buch zu lesen. Immerhin 20 Bücher waren es seit Anfang des Jahres gelesen und dabei zwei neue Autorinnen (wieder)entdeckt. Meg Wolitzer kannte ich noch gar nicht, von Elizabeth Strout hatte ich irgendwann ein Buch gelesen, das mir nicht besonders gefallen hat. Jetzt habe ich es wiedergelesen – und war so begeistert, dass ich es mir kaufen musste.

Ambitioniert hat eine gute Bekannte meine Lesepläne genannt – und sie hatte recht: Es war zu ambitioniert – typisch für mich. Ich nehme mir oft zu viel vor. Das soll sich ändern, und deshalb starte ich ohne (neue) gute Vorsätze in das zweite Halbjahr. Und wünsche mir das, was Reinhard Mey gewünscht hat: „eine gute zweite Halbzeit und ein gutes altes Jahr“.