Tag des Tagebuchs – in Memoriam Anne Frank

Anne hätte es gefallen, dass ausgerechnet ihr Geburtstag der Tag des Tagebuchs ist. Mit gutem Grund: Schließlich ist das Tagebuch, das ihre Eltern ihr zum 13. Geburtstag am 12. Juni 1942 schenkten, das wohl meistgelesene Tagebuch der Welt – und eines der am meisten gelesenen Bücher überhaupt

Mit diesem Erfolg hat Anne Frank sicher nicht gerechnet – „ich denke auch, daß sich später keiner, weder ich noch ein anderer, für die Herzensergüsse eines dreizehnjährigen Schulmädchens interessieren wird. Aber darauf kommt es nicht an, ich habe Lust zu schreiben und will mir alles mögliche gründlich von der Seele reden“, notierte sie am 20. Juni 1942.

Ich habe mir Anne Franks Tagebuch zum ersten Mal Anfang der 70er Jahre gekauft. Das Buch steht noch heute in meinem Bücherregal – neben mehrere neueren, sicher textkritischeren Ausgaben und einem Graphic Diary. Doch die älteste Ausgabe ist mir immer noch die liebste, auch wenn die Blätter vergilbt sind, einige schon brüchig und sich lösen.

Das Buch hat mich begleitet, wo immer ich gelebt habe – und es hat mein Leben, mein Lesen und mein Schreiben so beeinflusst wie kaum ein anderes. Wenn ich, wie die Buchmenschen in Ray Bradburys Roman Fahrenheit 451, ein Buch auswendig lernen müsste, um es in meinem Kopf vor der Vernichtung zu retten, wäre das Tagebuch der Anne Frank sicher in der engeren Wahl – wahrscheinlich sogar die erste.

Kurz nachdem ich Anne Franks Tagebuch gelesen hatte, fing ich an, selbst Tagebuch zu schreiben – und ich habe nie wieder damit aufgehört. Tagebuch zu schreiben ist meine Art, das Leben zu durchdenken und zu bewältigen – das Tagebuch ist für mich , wie Kathleen Adams schreibt, ein „friend at the end of the pen“.

Auch heute schreibe ich noch, wie vor fast 50 Jahren, ganz klassisch mit der Hand in Kladden – mal dick, mal dünn, meist mit flexiblem Einband, aber immer unliniert. Außerdem gibt es inzwischen ein digitales Tagebuch.

Mein analoges Tagebuch begleitet mich fast überall, jederzeit. Ich habe es fast immer dabei – egal wohin ich gehe. Ich beginne den Tag meist mit dem, was ich der Tageszeit wegen Morgenseiten nenne, obwohl es keine Morgenseiten im Sinne von Julia Cameron sind, die diese Kreativitätsmethode populär gemacht hat sind. Denn ich schreibe zwar unzensiert, was mir gerade in den Sinn kommt, aber ich schreibe meine Morgenseiten meist am Computer, nicht mit der Hand. Das ist für echte Morgenseiten ein No-Go, für mich aber die beste, weil pragmatischste Lösung.  Denn beim Schreiben am Morgen habe ich oft gute Ideen für Artikel und andere Projekte, die ich so – Copy-and-paste – problemlos in andere Dateien übertragen kann. Mit den Morgenseiten schreibe ich mich in den Tag und in die Arbeit, abends beende ich den Tag mit einigen Zeilen in meinem Fünf-Jahres-Buch. Neben meinen Tagebüchern führe ich diverse Journale und Notizbücher – zu verschiedenen Themen und Projekten. Aber die Grenzen zwischen Tagebuch und Journalen sind bei mir fließend.

Weit über 100 Tagebücher stehen inzwischen in meinen Bücherregalen, und manchmal überlege ich, was ich damit machen werde. Soll ich sie vernichten, damit niemand erfährt, was ich gefühlt, gedacht und aufgeschrieben habe – und wenn, wann ist der richtige Zeitpunkt? Soll ich die Tagebücher und die Entscheidung darüber, was mit ihnen geschieht, meiner Tochter überlassen oder dem deutschen Tagebucharchiv in Emmendingen. Dort werden seit 1998 Tagebücher gesammelt und archiviert; insgesamt 23.641 waren es Ende letzten Jahres – 58 Prozent von Männern und nur 42 Prozent von Frauen. Mit den archivierten Tagebüchern ist es wie mit den publizierten: die Tagebücher von Frauen sind in der Minderheit, obwohl sie häufiger Tagebuch schreiben als Männer.

Ein Besuch im Tagebucharchiv in Emmendingen steht in diesem Jahr auf meiner To-visit-Liste – ebenso ein Besuch im Anne-Frank-Zentrum in Amsterdam oder Berlin. Ich will endlich einmal das Original-Tagebuch sehen.

Anne Frank hat den Erfolg ihres Tagebuchs nicht mehr erlebt: Als ihr Vater das Buch kurz nach ihrem 18. Geburtstag im Juni 1947 zum ersten Mal veröffentlichte, war sie schon mehr als zwei Jahre tot. Sie starb im Februar 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen, ein halbes Jahr, nachdem das Versteck im Hinterhaus verraten, Anne und die Untergetauchten verhaftet und deportiert worden waren. Nur Annes Vater überlebte. Miep Gies brachte das Tagebuch in Sicherheit, versteckte es bis zum Kriegsende vor den Nazis.

Anne wäre mit der Veröffentlichung gewiss einverstanden gewesen – sie träumte davon, eine berühmte Schriftstellerin zu werden. „Nach dem Krieg will ich auf jeden Fall ein Buch mit dem  Titel ‚Das Hinterhaus‘ veröffentlichen, ob das gelingt, bleibt noch die Frage, aber mein Tagebuch wird dafür dienen können“, schrieb sie am 11. Mai 1944 in ihr Tagebuch. Sie wollte nicht leben wie ihre Mutter und viele andere Frauen, die „ihre Arbeit machen und später vergessen sind“. Vergessen wird sie  dank ihres Tagebuchs hoffentlich nie.

Neumz – Frauen singen gregorianisch*

Wenn ich meine Morgenseiten schreibe, höre ich oft Musik – derzeit am liebsten gregorianische Gesänge. Die einstimmige, einförmige, aber nie eintönige Musik hilft mir, ruhig und entspannt in den Tag zu gleiten.

Jetzt, im Februar, ist es früh morgens noch dunkel, nur eine aus der Weihnachtszeit übriggebliebene Lichterkette, Kerzen und mein Bildschirm erhellen mein kleines Schreibzimmer und schaffen eine besondere Atmosphäre: Fast fühle ich mich in eine spärlich beleuchtete Klosterkirche versetzt. Dass es in meinem Zimmer wärmer ist als in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kirchen, weiß ich durchaus zu schätzen.

Auf meinen CDs singen ausschließlich Männer gregorianische Choräle und Gebete und irgendwie wundert mich das nicht: Denn die (katholische) Kirche tut sich ja bekanntlich seit jeher mit Frauen schwer: „mulier taceat in ecclesia“ – alsoDie Frau möge in der Gemeinde schweigen“ –heißt es bekanntlich im Korintherbrief (1. Kor. 14, 34). Damit ist zwar der Ausschluss der Frau vom kirchlichen Lehr- und Priesteramt gemeint, aber auch in anderen Bereichen, zum Beispiel bei der Kirchenmusik, bleiben Frauen außen vor.  

Dass die bekanntesten Kinderchöre auch heute noch reine „Knabenchöre“ sind, liegt an der Tradition der Chöre: Die reicht zurück bis ins Frühmittelalter und wurde durch die Kirche bestimmt: Damals durften Frauen in den Kirchen auch nicht singen, die Musik während des Gottesdienstes war Männersache. Und natürlich durften zum Beispiel auch bei beim Thomanerchor in Leipzig, bei den Wiener Sängerknaben, den Regensburger Domspatzen, dem Dresdner Kreuzchor oder der Staats- und Domchor Berlin nur Jungs mitmachen. Der Knabenchor der Universität der Künste Berlin muss übrigens auch heute noch – mehr als 550 Jahre nach der Gründung durch Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg – keine Mädchen aufnehmen: Die Richter der 3. Kammer des Berliner Verwaltungsgerichts bewerteten die Kunstfreiheit des Chores und seines Leiters höher als das Recht eines Mädchens, nicht wegen seines Geschlechts ausgeschlossen zu werden (Urteil vom 16. August 2019, VG 3 K 113.19). Und auch die anderen Knabenchöre sind mädchenfrei.

Natürlich wurden auch die gregorianische Gesänge meist von Männern gesungen. Benannt sind sie nach Papst Gregor I (590–604), der die kirchlichen Gesänge sammeln und aufzeichnen ließ. Das  geschah seit dem 9. Jahrhundert mit einer neuen Art der Musikschrift. Die Zeichen wurden über dem Text notiert und erleichterten vor allem dem Chorleiter und dem Kantor die Arbeit, denn die sogenannten Neumen – von griechisch νεύμα neuma, deutsch ‚Wink‘ – zeigten seine Winkbewegungen des Dirigenten an. Noten, Notenlinien und Schlüssel wurden erst später erfunden; die Sänger lernten bei doing, also durchs Zuhören und Mitsingen. Um alle gregorianischen Gesänge zu lernen, brauchten die Sänger laut Wikipedia etwa zehn Jahre https://de.wikipedia.org/wiki/Gregorianischer_Choral.

Die Neumen, notenähnliche Zeichen, gaben dem Projekt seinen Namen

Wie umfangreich das Repertoire ist, zeigt auch Neumz, ein spannendes Projekt, auf das ich bei meiner Suche nach von Frauen gesungenen gregorianischen Gesängen gestoßen bin. Ziel des Projekts ist es, alle gregorianischen Gesänge – insgesamt fast 8800 – aufzuzeichnen. Über 7.000 Stunden Audioaufnahmen werden in einer App abrufbar sein, wenn das Projekt 2022 abgeschlossen ist.

Gesungen werden die Gebete, Hymnen, Psalmen, Messgesänge und Chorälen des liturgischen Kalenders nicht von Profis, sondern von den Benediktinerinnen der Abtei Notre-Dame de Fidélité von Jouques in der Provence, aufgenommen werden sie nicht in einem Studio, sondern in der Klosterkirche, quasi do it yourself: Die Nonnen starten die Aufnahmen, wenn sie den Chorraum betreten, und beenden sie, wenn sie ihn wieder verlassen. Deshalb sind die Aufnahmen klanglich vielleicht nicht perfekt, aber authentisch. Gerade das macht das Projekt besonders und einzigartig, auch wenn gelegentlich Nebengeräusche wie Husten, Niesen oder Umblättern der Noten zu hören sind. Darauf, sie wegzuretuschieren, hat das Team um den britischen Musikwissenschaftler und -produzenten John Anderson bewusst verzichtet. Puristen stört’s vielleicht, mich nicht. Im Gegenteil.

John Anderson hat das aufwendige Projekt initiiert und die Nonnen, darunter auch seine Tante, überzeugt, den Aufnahmen und der Veröffentlichung zuzustimmen. Seit Ende vergangenen Jahres gibt es die Gesänge der Nonnen auf mobilen Apps für iOS und Android – inklusive Partituren und Texten auf Latein und übersetzt, unter anderem auch auf Deutsch. Eine Veröffentlichung auf CD ist nicht geplant.

Wer die App abonniert, kann alle Gesänge des dreijährigen Zyklus hören und sich beispielsweise von den gesungenen Stundengebeten der Nonnen durch den Tag begleiten lassen, vom Erstes Morgengebet (Ad Matutinum) am frühen Morgen bis zum Abendgebet Komplett (Ad Completorium). Das möchte ich auf jeden Fall mal versuchen. „Zwei Drittel der Einnahmen aus Abonnements gehen an die Schwestern, um sie und ihre Stiftung Notre Dame de l’Écoute in Benin zu unterstützen“, heißt es auf der Projekt-Website. Dort gibt es auch mehr Infos über gregorianische Musik im Allgemeinen und über das Projekt und das Kloster im Besonderen; auch einzelne Gesänge können dort kostenfrei abgerufen werden.

https://neumz.com

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Same procedure every day

Sie ist angeblich die Basis nicht nur für einen guten Start in den Tag, sondern garantiert Erfolg und Zufriedenheit. Man (oder frau) erreicht alle Ziele, schöpft sein Potenzial ganz aus, lässt die eigene Mittelmäßigkeit weit hinter sich, wenn man gut, das heißt mit der richtigen Morgenroutine in den Tag startet. Das jedenfalls versprechen zahlreiche Websites und eines dieser Wie-werde-ich-glücklich-reich-und-erfolgreich-Bücher, das ich neulich gelesen habe. Das einzige, was man tun muss, um sein Leben grundlegend zu verändern, ist, jeden Morgen früher aufzustehen – und ein paar Dinge zu tun, die der Autor kurz mit Live-S.A.V.E.R.S zusammenfasst.

Eigentlich ist diese Methode ideal für mich, denn mit dem frühen Aufstehen habe ich keine Probleme. Die ganzen guten Ratschläge, wie man morgens aus dem Bett kommt, konnte ich also getrost überlesen. Einen Wecker brauche ich eigentlich fast nie. Ich wache morgens von selbst früh auf – im Sommer oft gegen vier, im Winter spätestens kurz vor fünf – und bin dann hellwach.  Und seit ich mir schon vor einiger Zeit vorgenommen habe, dass die erste Stunde mir gehört, starte ich ohnehin (fast) immer gleich in den Tag. Was liegt also näher, die Routine um einige Punkte zu erweitern, wenn es denn der guten Sache dient, sprich: meinem Glück und meinem Erfolg.

Ohne Kaffee, ich gestehe es, geht allerdings gar nix. Bevor ich also irgendetwas anderes tue, koche ich morgens Kaffee. Mit meiner Tasse gehe ich dann im Winter in mein Zimmer, im Sommer auf die Empore, wo ich die Sonne aufgehen sehe, während ich die Morgenseiten schreibe. Manchmal höre ich Musik dabei, oft aber genieße ich einfach die Ruhe um mich herum, bevor der Rest der Welt erwacht.

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Einfach mal kopfstehen und die Welt aus einer anderen Perspektive sehen (Foto: Utz Schmidtko)

Schreiben (S) gehört für mich schon lange zur Morgenroutine, neu ist, dass ich mir jeden Morgen – oder fast jeden – Zeit für Yoga (Exercises, E) und Meditation (Stille, S) nehme. Yoga ist prima, auch weil ich mich auf die Übungen beschränke, die mir leicht fallen und mir gefallen. Mit der Meditation tue ich mich schon schwerer. Gerade dann, wenn ich an nichts denken oder mich nur auf mein Atmen konzentrieren soll, fahren meine Gedanken Karussell, schweifen hierhin und dorthin. Besser klappt‘s, seit ich mich an einen Ort zu versetzen, an dem ich mich wohlfühle, wie mir eine gute Bekannte geraten hat.

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An einem so schönen Ort klappt’s auch mit dem Meditieren – einigermaßen (Foto: Utz Schmidtko)

Womit ich fast schon beim nächsten Punkt der Morgenroutine wäre, der Visualisierung (V): Mir vorzustellen, was ich wirklich möchte, was ich tun muss, um es zu erreichen, und wie es wäre, wenn ich es schon erreicht hätte, gelingt mir, zugegebenerweise, noch nicht jeden Morgen. Und auch die Affirmationen (A) vergesse ich immer wieder. Lesen (Reading, R) ist dagegen kein Problem, allerdings greife ich statt zu einem Ratgeberbuch manchmal lieber zu einem Roman – und das manchmal (oder meist) erst später am Tag.

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Ein Stift, ein Buch, Computer und eine Tasse Kaffee – der Tag kann beginnen.

Vielleicht liegt es daran, dass die Wundermethode bei mir nicht ganz funktioniert. Denn (erfolg)reich bin ich immer noch nicht. Und mit dem Glück ist das ja ohnehin so eine Sache. Aber ich arbeite daran.

Immerhin bekommt die Morgenroutine meiner Lieblingszimmerpflanze ausgezeichnet. Seit ich das Zyperngras jeden Morgen mit dem Restwasser gieße, das vom Kaffeekochen am frühen Morgen übrig bleibt, gedeiht es prächtig. Seine zahlreichen Vorgänger haben dagegen meine Pflege nie lange überlebt. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich jetzt endlich den richtigen Platz an der Sonne für es gefunden habe.

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Mein Zyperngras gedeiht prächtig.