Blickwinkel im Mai

Das Warten bis zum Ende des Monats hat sich diesmal gelohnt. Nicht nur, weil das Wetter heute – ein Tag vor dem meteorologischen Sommeranfang – besser war als an den meisten anderen Maitagen. Sondern auch, weil der Zugang zum Springhorstsee endlich wieder frei war.

Morgen öffnet nämlich „Frida am See“ – nach langer Umbau- und Coronapause. Am Strand wurde heute eine Bühne für die Eröffnung aufgebaut; wenn der erste Ansturm vorbei ist, werde ich das neue Café mit dem verheißungsvollen Namen sicher auch einmal testen. Es hat nicht zuletzt wegen des Seeblicks Potenzial, mein Lieblingscafé zu werden. Und wenn es dort zu voll ist, kann ich vielleicht auf den Steg ausweichen, der noch durch Flatterbänder abgesperrt ist, oder auf die Bank, die etwas abseits am Seeufer steht.

Die Weide am Pöttcherteich ist – wie erhofft und erwartet – wieder grün geworden; wie gegelte Haare stehen die Zweige in die Luft. Der Zaun, der den kleinen Teich von der Straße und dem angrenzenden Grünstreifen abtrennt, verschwindet inzwischen fast hinterm hohen Gras. Es wird endlich Sommer.

Harzquerung – Teil 1

Harz längs + quer“ steht auf meiner sportlichen To-do-Liste für dieses Jahr. Inzwischen ist es schon Mai und das Wetter besser – höchste Zeit also, das Vorhaben im wahrsten Sinne des Wortes „anzugehen“.

Vor einigen Jahren habe ich den Harz schon einmal von Nord nach Süd überquert: Der Lauf von Wernigerode über Benneckenstein nach Nordhausen gehört zu meinen allerschönsten Lauferlebnissen. Gelaufen sind wir meist über schmale Forst- und Wanderwege, breite Wege wurden weitgehend vermieden oder nur gekreuzt. Aber genau deshalb habe ich mich bei meiner Harzquerung Nummer 2 für eine andere Strecke entschieden – alleine, ohne helfende Streckenposten, nur auf meine Karte und die Wanderapp angewiesen hätte ich den Weg sicher nicht gefunden. Außerdem habe ich, fast 15 Jahre älter, ein paar Kilo schwerer, untrainiert und mit lädiertem Knie, diesmal weit viel mehr Zeit für die Harzquerung eingeplant.

Im Frühjahr 2007 brauchte ich für die 51 Kilometer lange Strecke gerade mal 5 Stunden 23 Minuten und 38 Sekunden, diesmal plane ich für ein paar Kilometer mehr zwei oder drei Etappen ein. Touristische Übernachtungen sind jedoch derzeit noch schwierig oder gar nicht erlaubt. Argument Nummer zwei für den Kaiserweg, der von Goslar bzw. Bad Harzburg über Torfhaus nach Walkenried und Nordhausen am Südrand des Harz führt: In Bad Harzburg kann ich bei meiner Kollegin übernachten und früh starten, vom geplanten ersten Etappenziel Oderbrück komme ich mit dem Bus wieder nach Bad Harzburg zurück.

Der Kaiserweg, laut Wikipedia einer der ältesten und bekanntesten Weitwanderwege des Harzes, ist ein „frühzeitlicher Handelsweg über den Harz, benannt nach der Flucht Kaiser Heinrich IV von seiner Harzburg in den Schutz der südharzer Klöster und nach Tilleda im Jahre 1074“. https://de.wikipedia.org/wiki/Kaiserweg_(Harz).

Um mein Knie zu schonen bin ich, anders als weiland Kaiser Heinrich, nicht auf der Harzburg gestartet, sondern vom Wanderparkplatz direkt in Richtung Molkenhaus gegangen. Eine gute Entscheidung, denn der Philosophenweg hat mir weitaus besser gefallen als der Kaiserweg.

Ein Wanderweg, wie er mir gefällt

Gefrühstückt habe ich ganz idyllisch beim Molkenhaus auf einer Schaukel mit Blick auf den Hasselteich. Was will frau mehr.

Danach ging‘s auf den Kaiserweg. Schon der Name hätte mich misstrauisch machen müssen: Wenn Kaisers anno dazumal verreisten, taten sie es mit großem Tross, also mit ihrem ganzen Gefolge. Auch Händler waren oft in Gruppen unterwegs und transportierten ihre Waren meist nicht auf dem Rücken, sondern in Wagen. Und so ist der Kaiserweg eher eine Wanderstraße als ein Wanderweg – ein halbes Dutzend Wanderer hätten bequem nebeneinander Platz. Wanderer sind mir allerdings auf dem Weg nur wenige begegnet. Kein Wunder: Zumindest das Stück, das ich gewandert bin, gehört sicher nicht zu den Wanderhighlights im Harz. Oft geht es gefühlt kilometerweit schnurgerade geradeaus, die wenigen Abzweigungen waren gut beschildert – selbst ich konnte mich nicht verlaufen.

Schöne Ausblicke waren leider eher die Ausnahme: abgestorbene Fichten oder abgeholzte Flächen so weit das Auge reichte. Doch vielleicht ist der Weg besser als mein Eindruck . Denn Teile des Kaiserwegs waren gesperrt; Wanderer werden derzeit streckenweise umgeleitet.

Erst ein paar Kilometer vor meinem Etappenziel Oderbrück wurde aus der Wanderstraße wieder ein Wanderweg. Doch was mir gefiel, missfiel meinem Knie gewaltig. Es muckte und schmerzte so sehr, dass ich beschloss, die Wanderung bei vorzeitig zu beenden. Wie schrieb schon Fritz Reuter: „Wat den Eenen sin Uhl‚, ist den Annern sin Nachtigall.“

Auf dem Weg nach Torfhaus habe ich noch einen kurzen Abstecher auf den Wald Wandel Weg gemacht – der ist kurz und lehrreich und nährt die Hoffnung, dass der Wald sich bald wieder erholt.

Die Abkürzung hat sich also gelohnt, auch wenn mein Knie sie mir nicht wirklich gedankt hat: Es schmerzt gemeinerweise seit Tagen. Es wird also noch etwas dauern, bis ich dem Kaiserweg eine zweite Chance geben und die Harzquerung fortsetzen kann.

Vorläufig setze ich mir neue Ziele und steige um aufs Rad. Statt durch den Harz zu wandern, fahre ich vielleicht demnächst an der Weser, an der Elbe oder am Mittellandkanal entlang.

„Bücher sind gefährlich“

Heinrich Heine hat es vorausgeahnt. „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“, schrieb er in der 1823 veröffentlichten Tragödie „Almansor“. Seine Prophezeiung wurde in Deutschland 110 Jahre später grausame Wirklichkeit. Am 10. Mai 1933, wurden in 22 Universitätsstädten in Deutschland im Zuge einer „Aktion wider den undeutschen Geist“ zehntausende Bücher von unerwünschten Schriftstellern konfisziert und verbrannt – nur wenige Jahre später ermordeten die Nationalsozialisten Millionen Menschen.

Viele der verfemten Schriftsteller waren 1933 schon im Exil – zum Beispiel Heinrich und Thomas Mann, Bert Brecht, Alfred Döblin und Erich Maria Remarque. Andere wie Clara Zetkin, Karl Marx oder eben Heinrich Heine waren bereits tot. Erich Kästner erlebte auf dem Opernplatz in Berlin mit, wie sein Roman Fabian ins Feuer geworfen wurde – von einem „gewissen Herrn Goebbels“, wie Kästner in seinem Buch „Bei Durchsicht meiner Bücher“ schrieb: „Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend beim Namen. Ich war der einzige der Vierundzwanzig, der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit beizuwohnen. Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt.“

Seit 1995 erinnern eine versunkene Bibliothek und eine Bronzeplakette mit dem Heine-Zitat an die Bücherverbrennung. Die Bibliothek liegt versteckt unter der Erde: von außen – vom Bebelplatz sind die weißen, leeren Regale nur durch eine Glasscheibe zu sehen. Sie bieten symbolisch den rund 20.000 Büchern Platz, die hier am 10. Mai und später verbrannt wurden.

Die Bibliothek im sogenannten „Familienlager“ im Venichtungslager Auschwitz Birkenau war winzig: Sie bestand aus nur acht alten, teilweise beschädigten Büchern, doch die Häftlinge hüteten sie wie einen Schatz. Bücher zu besitzen, war im Lager streng verboten. Denn Diktatoren, Tyrannen und Unterdrücker fürchten Bücher – „Bücher sind gefährlich, weil sie Menschen zum Denken bringen“, schreibt Antonio Iturbe in seinem Buch „Die Bibliothekarin von Auschwitz“.* In Auschwitz brachten sie ein Stück Normalität in den grausamen Alltag.

Cover Die Bibliothekarin von Auschwitz / Copyright Piper Verlag
https://www.piper.de/buecher/die-bibliothekarin-von-auschwitz-isbn-978-3-86612-470-7

Grundlage des Romans von Antonio Iturbe ist eine wahre Geschichte. Dita Polachova, damals erst 14 Jahre alt, war begeisterte Leserin – und die Bibliothekarin von Auschwitz: Sie kümmerte sich um die Bücher und riskierte ihr Leben, um sie vor den Aufsehern zu vestecken. Dita lebte mit ihren Eltern in Prag, ehe sie 1942 mit ihren Eltern zunächst nach Theresienstadt, Ende 1943 dann nach Auschwitz deportiert wurde.

Die Menschen, die im September und Dezember aus dem Theresienstädter Ghetto nach Auschwitz-Birkenau kamen, hatten zunächst einige für Auschwitz ungewöhnliche Privilegien: Familien lebten in einem Bereich und konnten sich sehen. Die Kinder hielten sich tagsüber in einem speziellen Kinderblock auf. In Baracke 31 organisierten die Häftlinge unter Führung von Fredy Hirsch trotz Verbots eine Schule im Untergund – und die geheime Bibliothek, zu der neben acht richtigen auch sechs „lebende“ Bücher gehörten: Betreuer, die ein Buch genau kannten und es den Kindern immer wieder erzählten. So lernten die Kinder unter anderem die Geschichten von Nils Holgerson und von Edmont Dantès, Alexandre Dumas Graf von Monte Christo, kennen – und konnten der Realität zumindest für kurze Zeit entfliehen.

Die Lebensbedingungen waren auch im Familienlager von Hunger, Krankheiten, schlechten hygienischen Bedingungen, Zwangsarbeit und Terror geprägt; die Sterblichkeit war hoch – auch Ditas Vater starb dort. In der Nacht vom 8. zum 9. März 1944 wurden alle Häftlinge, die im September 1943 aus Theresienestadt nach Auschwitz deportiert worden waren – fast 4.000 Menschen -, in den Gaskammern ermordet; zwischen dem 10. und 12. Juli 1944 ermordeten die Nazis noch einmal 6.000 bis 7.000 Häftlinge aus dem Familienlager: „dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“.

Von insgesamt 17. 500 Häftlingen des Familienlagers überlebten nur 1.294, darunter Dita, die Bibliothekarin von Auschwitz, und ihre Mutter. Sie wurden Anfang Juli 1944 erneut deportiert und wurden im April 1945 im Konzentrationslager Bergen Belsen von englischen Soldaten befreit. Für viele kam die Befreiung zu spät: Anne Frank und ihre Schwester Margot überlebten die unmenschlichen Bedingungen im Lager nicht, auch Ditas Mutter starb kurz nach der Befreiung.

Dita kehrte, gerade 16 Jahre alt, alleine nach Prag zurück. Dort traf sie Ota Kraus, der die Kinder in Auschwitz-Birkenau unterrichtet hatte. Sie heiraten und wanderten 1949 gemeinsam nach Israel aus. Seit Anfang der 1990er Jahre erzählt Dita Kraus als Zeitzeugin von ihrem Leben – über die Kindheit im Konzentrationslager und den Neuanfang in Israel. Im vergangenen Jahr sind ihre Memoiren erschienen: „Ein aufgeschobenes Leben“. Ich werde es mir kaufen. Auch wenn – oder gerade weil – Bücher gefährlich sind. Weil sie zum denken anregen. Und weil das, was geschehen ist, nicht vergessen werden darf.

*Dieser Blogbeitrag enthält unbezahlte Werbung

Antonio Iturbe: Die Bibliothekarin von Auschwitz: Roman nach einer wahren Geschichte. Pendo Verlag, 22 Euro

Unter
https://www.piper.de/buecher/die-bibliothekarin-von-auschwitz-isbn-978-3-86612-470-7 gibt es weitere Infomationen über das Buch

Dita Kraus: Ein aufgeschobenes Leben: Kindheit im Konzentrationslager – Neuanfang in Israel (Bergen-Belsen. Berichte und Zeugnisse) Wallstein 2020, 25 Euro

Warum blogge ich?

Diese Frage wurde in der Blogparade „Das Blog — ein Medium von gestern? #Blogparade #liveloveblog“ gestellt, auf die ich vor ein paar Tagen zufällig gestoßen bin. Weil ich mir die Frage selbst immer wieder stelle, beantworte ich sie, obwohl Blogparade längst beendet ist (https://www.start-talking.de/das-blog-ein-medium-von-gestern-blogparade-liveloveblog/).

Den ersten Blogbeitrag habe ich vor mehr als sieben Jahren geschrieben. Die Hoffnung, dass ich irgendwann einmal Geld mit Bloggen verdienen könnte, habe ich schnell aufgegeben. Bislang habe ich mit meinen beiden Blogs* noch keinen müden Cent verdient. Im Gegenteil, sie kosten nicht nur Zeit, sondern auch Geld, seit ich sie von einer Firma betreuen, sprich hosten lasse. Doch den Luxus gönne ich mir, weil ich keine Lust habe, mich mit der Technik hinterm Blog zu befassen und stets die aktuellen Updates der verwendeten Software runterzuladen.

Vom Bloggen zu leben, schaffen nur ganz wenige – und die professionellen Bloggerinnen und Blogger müssen sich und ihren Blog auf allen Social-Media-Kanälen vermarkten. Außerdem sind Blogs offenbar schon wieder out – „ein Medium von gestern“ eben, dem Instagram, tik-tok und wie sie alle heißen schon längst den Rang abgelaufen haben.

Mir fehlt das Talent, mich zu vermarkten und auch die Lust dazu: Ich möchte schreiben, weil ich das ganz gut kann – und weil Blogbeiträge die Textform sind, die mir besonders, vielleicht am meisten, liegen. Schließlich kommt Blog von Weblog, einer „Wortkreuzung aus englisch Web und Log für Logbuch oder Tagebuch“. Ein Blog ist laut Wikipedia „ein meist auf einer Website geführtes und damit meist öffentlich einsehbares Tagebuch oder Journal, in dem mindestens eine Person, der Blogger (oder die Bloggerin in diesem Fall) (…) Aufzeichnungen führt, Sachverhalte protokolliert (‚postet‘) oder Gedanken niederschreibt“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Blog). Genau das richtige für eine notorische Tagebuchschreiberin wie mich. Ich blogge also vor allem, weil es mir Spaß macht – und das ist eigentlich Grund genug.

Tagebuch – digital und analog

Es gibt noch einen weiteren guten Grund: Viele FreundInnen und gute Bekannte leben irgendwo in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Viele haben Time to fly abonniert – und freuen sich, zumindest auf diesem Weg gelegentlich von mir zu hören. Denn ich schaffe es nicht immer, so oft zu schreiben oder zu telefonieren, wie ich es eigentlich möchte und wie sie es verdienen. Und so bleiben wir zumindest auf diese Weise in Verbindung. 

*Für alle, die es noch nicht wissen: Neben Time to fly gibt es auch noch die Chaosgaertnerinnen. (https://chaosgaertnerinnen.de/) Dort blogge ich gemeinsam mit Foe Rodens.  Auch dieser Blog kann natürlich kostenlos abonniert werden. Und alle, meine Beiträge auf Instagram suchen, finden sie unter eva_wso  und chaosgaertnerinnen.