Einmal Spanien und zurück

Wenn zwei gemeinsam eine Reise tun, haben sie manchmal unterschiedliche Ziele – und erzählen verschiedene Geschichten. Zum Beispiel mein Mann und ich von unserer Reise nach Spanien.

Hauptziel meines Mannes war es, die totale Sonnenfinsternis am 12. August zu fotografieren und zu sehen (ja, in dieser Reihenfolge). Dafür brauchte er gutes Wetter und einen optimalen Standort – mit freier Sicht nach Westen, möglichst am Meer gelegen, damit die zeitweise verdeckte Sonne sich im Wasser spiegelt.

Für mich war eher der Weg das Ziel. Ich wollte auf unserer Reise gen Süden – und wieder zurück – in meinem Heimatort eine Freundin und Bekannte wiedersehen, ein paar entspannte Tage am Atlantik verbringen und das Guggenheim Museum besichtigen. Denn Bilbao lag auf unserer Reiseroute. Aber mit den Plänen ist es ja bekanntlich so eine Sache.

Start mit Hindernissen

Schon am ersten Morgen weckte uns der Gestank nach faulen Eiern – und der kam nicht von außen, wie mein Mann zunächst vermutete. Eine unserer beiden Solarbatterien war glühend heiß. Kommt beides zusammen, besteht laut Google Explosionsgefahr.

Dass die Panne in Deutschland, in meinem Heimatort an der Mosel, passierte, war wohl Glück im Unglück. Ein Pannenhelfer des ADAC baute die heiße Batterie noch auf dem Stellplatz aus. Der befreundete Besitzer einer Autowerkstatt überprüfte beide Batterien und entsorgte sie, und eine Werkstatt in Trier baute zwei neue Batterien ein. Unsere Reise konnte also weitergehen, wenn auch später als geplant. So blieb mir mehr Zeit für Treffen mit meiner Freundin und Spaziergänge durch meinen Heimatort. Den Besuch im Guggenheim Museum musste ich dagegen streichen. Denn für den Sonntag, den Tag unserer Ankunft in Bilbao, konnten keine Tickets mehr gebucht werden.

Von Perigueux …

Das Schöne an Reisen mit dem Wohnmobil ist, dass man flexibel ist und immer wieder Orte entdeckt, die man vorher nicht kannte. Perigueux zum Beispiel. Ich hatte das Städtchen ausgewählt, weil es einen Stellplatz für Wohnmobile hat und ganz in der Nähe der Autobahn Richtung Bordeaux liegt – und habe mich dann in die „Hauptstadt des Perigord“ verliebt.  

Schon der Stellplatz übertrag meine Erwartungen. Der lag zwar ganz unromantisch zwischen Hochhäusern, aber direkt an der Isles. Zu Fuß brauchte ich bis ins Zentrum von Perigueux  nur ein paar Minuten. Hauptsehenswürdigkeit von Perigueux ist die Kathedrale, die als die größte in Südwestfrankreich gilt. Noch besser hat mir aber die Altstadt mit ihren gut erhaltenen Häusern – teilweise aus dem 15. Jahrhundert – und vielen kleinen Läden gefallen (In einem habe ich mir das Heft gekauft, das zu meinem Reisetagebuch wurde). Bis in die Nacht herrschte auf den Plätzen, in den Straßen und engen Gassen Hochbetrieb. Denn an den Donnerstagen im Juli und August verwandeln die „Nuits Gourmandes“ die Stadt in ein großes Restaurant. Begeistert hat mich auch die kleine Galerie Bleue direkt gegenüber der Kathedrale. Weil der Maler David Farren geborener Engländer ist, konnte ich mich ganz gut mit ihm unterhalten. Denn mein Englisch ist zum Glück besser als mein Französisch.

… an den Atlantik

Gegen so viel Flair hatten unsere beiden nächsten Übernachtungsorte – Biarritz an der französischen und Laredo an der spanischen Atlantikküste – keine Chance. Von Biarritz habe ich zugegebenerweise nur den Campingplatz und den Strand gesehen: Leider waren die Strandabschnitte ungleich verteilt: Die SchwimmerInnen – etwa 200 – mussten mit einem Strandabschnitt von etwa 200 Metern vorliebnehmen, den Großteil des Strands hatten etwa ein Dutzend SurferInnen für sich.

In Laredo war Schwimmen überall erlaubt. Trotzdem würde ich gewiss nie dort Urlaub machen: Denn der Ort ist, vorsichtig formuliert, keine Schönheit. Ein Hochhaus reiht sich an das andere. Und mein Weg vom Campingplatz zum Strand führte durch das Mini-Vergnügungsviertel des Städtchens. Sein Name Arenal – wie der Bade- und Partyort an der Südküste Mallorcas – ist Programm: Es ist ein Mini-Ballermann. Trotzdem habe ich es genossen, im Atlantik zu schwimmen, nur die Wellen hätten etwas höher sein dürfen.  

Als idealen Ort für die Sonnenfinsternis hatte mein Mann eigentlich Cabo Busto, zwischen Gijon und A Coruna direkt am Atlantik gelegen, ausgesucht. Das war mir sehr recht. Denn die Gegend hat laut www.asturias.com  eigentlich alles, was ich mir von einer Urlaubsregion wünsche: nette kleine Orte,  beispielsweise Busto selbst und das nahe gelegene Luarca, schöne Strände, schroffe Felsen, wunderschöne Ausblicke und Wandermöglichkeiten. Ob das stimmt, konnte ich leider nicht überprüfen. Denn der Wetterbericht verhieß für den Tag der Sonnenfinsternis für die Küste nichts Gutes, sprich Wolken. Im Landesinneren sollte der Himmel dagegen wolkenlos sein.

Auf der Suche nach dem idealen Ort

Also auf nach Burgos. In die Hauptstadt der Provinz Kastilien und León wäre ich ohne die Sonnenfinsternis sicher nie gekommen. Und obwohl Hotels und Campingplätze der Region angeblich schon lange ausgebucht waren, waren auf dem Campingplatz Fuentes Blancas noch einige Stellplätze frei. Dass ich an der Rezeption fast eine Stunde warten musste, lag nicht an der Sonnenfinsternis, sondern vor allem daran, dass eine Frau vor mir eine ganze Gruppe anmeldete – und der Mitarbeiter mehr als 20 Ausweise kontrollieren und die Daten erfassen musste. Denn mit der Registrierung nehmen es die spanischen Behörden offenbar sehr genau. Von wegen manana, manana. 

Der Weg vom Campingplatz in die Stadt führt immer am Río Arlanzón entlang – und in Burgos führt kein Weg an der Kathedrale vorbei, seit 1984 UNESCO-Weltkulturerbe. Ihre Größe und Pracht hat mich wirklich beeindruckt: An die Quer- und Seitenschiffe der ursprünglich kreuzförmigen Kirche wurden später Kapellen, ein Kreuzgang und der erzbischöfliche Palast angebaut. Im Innenraum sind unter anderem 19 Kapellen, 35 Gitter, 38 Altäre mit filigranen Altarbildern und kunstvoll gestaltete Kuppeln in luftiger Höhe zu bewundern – eins prächtiger als das andere.

Prächtig ist auch der Arco de Santa Maria, eines von zwölf mittelalterlichen Stadttoren – zumindest auf der Vorderseite. Sie wurde im 16. Jahrhundert im Renaissance-Stil umgebaut und mit aufwendig gemeißeltem Figuren, Wappensymbolen und Türmchen verziert. Die Rückseite präsentiert sich dagegen eher schlicht.

Obwohl Burgos direkt auf der Zentrallinie liegt, war von SoFi-Fieber dort nichts zu spüren.  Das war in Olmillos de Sasamón ganz anders. In dem Dörfchen westlich von Burgos waren fast alle Häuser mit Planeten-, Science-Fiction und astronomischen Motiven geschmückt.

Auf dem Rastplatz, auf dem wir unsere Beobachtungsstation aufgebaut hatten, hielt sich das Interesse an der Sonnenfinsternis dagegen in Grenzen. Während auf Mallorca angeblich wegen des Besucherandrangs Straßen gesperrt wurden, wartete mit uns nur ein Paar aus Deutschland und eines aus Irland auf den Abend. Erst während der Sonnenfinsternis gesellten sich dann noch ein paar SpanierInnen hinzu. Wohl eher zufällig, denn sie hatten nicht einmal Sonnenschutzbrillen dabei.

Als die Sonne wieder aus dem Schatten des Mondes hervorkam und dann unterging, begann unsere Heimreise. Früher als geplant, denn meinen Mann plagten seit Beginn der Reise Zahnschmerzen. Und auch die Hitze machte ihm zu schaffen.

Abstecher in die Vergangenheit

Beaune, die vorletzte Station unserer Reise, hatte ich vor gut vier Jahrzehnten auf einer Geschichtsexkursion durch das Reich Karls V kennengelernt. Das erstreckte sich im 16.Jahrhundert von Spanien über Frankreich und Belgien bis nach Deutschland.  

Schon zu Kaiser Karls Zeiten wurden im Hôtel-Dieu in Beaune kranke Menschen gepflegt. Es wurde laut Wikipedia schon im Jahre 1443 gegründet und bis 1971 als Hospital genutzt. besichtigt. Heute sind Teile des Gebäudekomplexes ein Altersheim, der Rest dient als Museum.

Natürlich haben wir auf unserer Exkursion damals das Hôtel-Dieu besichtigt. Dafür war es diesmal zu spät. Und so bin ich nur durch das Städtchen spaziert und habe die Häuser aus Spätmittelalter, Renaissance und Barock bewundert. Und ich habe mich wieder gefragt, wie viele Häuser, die wir heute bauen, auch nur annähernd so alt werden oder gar dann noch genutzt werden können.

Apropos alt und funktionsfähig. Mein Heimatort Neumagen beansprucht, der älteste Weinort Deutschlands zu sein. Denn der „römischen Dichter und Konsul Decimus Magnus Ausonius erwähnt in seiner „Mosella“ aus dem Jahr 368 n. Chr. das Kastell in Neumagen – damals noch Noviomagus – und die Weinberge an den Moselhängen. Außerdem weisen Funde aus der Römerzeit  darauf hin, dass in Neumagen und Umgebung schon im dritten Jahrhundert nach Christus Wein angebaut und transportiert wurde.

Das Neumagener Weinschiff, das Grabmal eines römischen Weinhändlers, ist wohl das bekannteste Denkmal aus Neumagen. Fast zwei Jahrtausende später – von 2006 bis 2007 – haben Schreiner- und Zimmerer-Azubis in der Handwerkskammer Trier das Weinschiff aus Holz nachgebaut. Es ist fast 18 Meter lang, mehr als 4 Meter breit und etwa 14 Tonnen schwer. Bis zu 32 Menschen können mitfahren, rudern müssen sie zum Glück nicht.

Wir haben die Stella Noviomagi schon oft gesehen. Am letzten Tag unserer Spanienreise sind wir zum ersten Mal damit gefahren. Die Fahrt ging bis zur Moselloreley im Nachbarort Piesport, mit einem Zwischenhalt bei der römischen Kelteranlage. Die stammt aus dem 3./4. Jahrhundert nach Christus, wurde 1985/86 entdeckt, restauriert und ist laut Website des Weininstituts wieder voll funktionsfähig. In der Anlage, zu der mehrere Maischebecken, das Fumarium, d. h. eine Räucherkammer, und die große Baumkelter gehören, konnten die Römer schätzungsweise 60.000 Liter Wein keltern und verarbeiten.

Natürlich wurde an der Kelter auch ein Glas Wein kredenzt. Wir haben allerdings nur einen Schluck getrunken. Schließlich mussten wir noch zurück Burgwedel fahren. Nach zwei Wochen und mehr als 4000 gefahrenen Kilometern waren wir wieder zu Hause.

Fazit

Nein, es lief nicht alles wie geplant, aber das ist bei einer so langen Reise ja auch nicht zu erwarten. Vielleiicht wäre das ja sogar ein bisschen langweilig. Aber ich habe unterwegs viele schöne Orte und Dinge gesehen, viele interessante Gesspräche geführt – mit alten Bekannten und Menschen, die mir unterwegs begegnet sind und die ich wohl nie wieder sehen werde. Ich habe Neues entdeckt und Bekanntes wiederentdeckt, einige Anregungen bekommen und Manches gelernt. Ich bin an mehreren Flüssen entlangspaziert, habe im Atlantik gebadet und das schöne Wetter genossen – auch wenn es manchmal ziemlich heiß war. Und ich durfte mit der Sonnenfinsternis am 12. August ein beeindruckendes Naturschauspiel erleben – zum zweiten Mal in meinem Leben. Was will frau mehr.

Den Reisebericht meines Mannes Utz Schmidtko mit viele Fotos und einem Film von der Sonnenfinsternis finden Sie unter https://sternefueralle.wordpress.com/

Blogparade: Welches Buch hat mein Leben verändert?

Ich lese viel und hatte in verschiedenen Phasen meines Lebens verschiedene LieblingsautorInnen – es waren fast immer Frauen, obwohl in meiner Schul- und Studienzeit Autoren meist männlich waren (doch das ist ein anderes Thema). Als Kind habe ich die Bücher von Enid Blyton verschlungen, später, als Erwachsene, standen u. a. die Bücher von Simone de Beauvoir, Max Frisch, Anja Meulenbelt, Marianne Frederiksen, Rebecca Solnit oder Siri Hustvedt ganz oben auf meiner Leseliste. Aber als ich Melanie Hafners Aufruf zur Blogparade „Welches Buch hat dein Leben verändert?“ las, wusste ich sofort, über welches Buch ich schreiben wollte: Über „Das Tagebuch der Anne Frank“*. Denn es hat mein Leben, mein Lesen und mein Schreiben so beeinflusst wie kein anderes. „Wenn ich, wie die Buchmenschen in Ray Bradburys Roman Fahrenheit 451, ein Buch auswendig lernen müsste, um es in meinem Kopf vor der Vernichtung zu retten, wäre es das Tagebuch der Anne Frank“, habe ich vor fünf Jahren in einem Blogbeitrag geschrieben. Daran hat sich nichts geändert.

Das Tagebuch der Anne Frank

Vorstellen muss ich dieses Buch sicher nicht: Das Tagebuch des jüdischen Mädchens, das mit seinen Eltern aus Nazi-Deutschland fliehen musste, sich fast zwei Jahre lang mit seinen Eltern und seiner Schwester in einem Hinterhaus in Amsterdam versteckte, verraten und ermordet wurde, gehört zu den meistgelesenen Büchern. Es wurde in rund 80 Sprachen übersetzt und 2009 von der UNESCO in das Weltdokumentenerbe aufgenommen.

Ich habe das Taschenbuch vor mehr als einem halben Jahrhundert gekauft und es hat mich seither begleitet. Inzwischen stehen auch mehrere neuere, sicher textkritischere Ausgaben in meinem Bücherregal. Aber das Buch aus dem Jahr 1972 ist mir immer noch das liebste: Wir sind gemeinsam alt geworden, die Blätter sind schon vergilbt, einige lösen sich bereits.  

Mit 16 habe ich das Tagebuch zum ersten Mal gelesen und lese seither immer wieder darin. Anne Frank war erst 15, als sie 1945 im Konzentrationslager Bergen Belsen an Typhus und Entkräftung starb. Aber ihr Buch lebt weiter – und hat sicher nicht nur meine (politische) Einstellung beeinflusst.

Nachdem ich Anne Franks Tagebuch gelesen habe, fing ich selbst an, Tagebuch zu schreiben – und habe nie wieder damit aufgehört. Inzwischen stehen weit über 100 Tagebücher in meinen Regalen. Neben den analogen Tagebüchern gibt es inzwischen auch digitale.

Die Stadt der Tagebücher

Ich schreibe nicht nur Tagebuch, ich lese auch gerne die Tagebücher anderer Menschen. Meine Begeisterung für Tagebücher hat mich 2023 nach Pieve Santo Stefano geführt. Die kleine Stadt am Tiber stand auf meiner To-visit-Liste, seit ich Barbara Bronnens Buch „Die Stadt der Tagebücher“ gelesen habe.

So schön wie andere Orte in der Toskana ist die kleine Stadt am Tiber nicht. Denn Pieve Santo Stefano wurde im Zweiten Weltkrieg von deutschen Soldaten fast völlig zerstört. Doch Anfang der 80er-Jahre hat der italienische Journalist Saverio Tutino dort das nationale Tagebucharchiv (Archivio Diaristico Nazionale) initiiert, in dem inzwischen mehrere tausend Tagebücher und andere zeitgeschichtliche Dokumente aufbewahrt werden.

Für einen Besuch im Tagebucharchiv reichten meine Italienischkenntnisse leider nicht aus. Aber in dem kleinen Tagebuchmuseum, dem piccolo museo del diario, konnte ich mir Auszüge aus den dort gesammelten Tagebüchern ansehen und auf Englisch anhören. Besonders beeindruckt hat mich das Schicksal von Orlando Orlandi Posti. Der 17-Jährige wurde Anfang Februar 1944 in Rom von der SS verhaftet und am 24. März 1944 mit 334 anderen Menschen in den Fosse Ardeatine von deutschen Soldaten ermordet. Die Briefe, die er im Gefängnis an seine Mutter geschrieben hat, wurden als Buch veröffentlicht. Wenn sie endlich ins Deutsche übersetzt werden, werde ich sie mir sicher kaufen.

Auch in Emmendingen in Baden-Württemberg gibt es inzwischen ein Tagebucharchiv. Es „versteht sich als Aufbewahrungsort solcher Zeitzeugnisse aus dem deutschen Sprachraum. Unveröffentlichte Tagebücher, Lebenserinnerungen und Briefe von nicht prominenten  Personen werden hier gesammelt, archiviert, fachgerecht aufbewahrt und sowohl der Wissenschaft als auch der Allgemeinheit zugänglich gemacht.“ Vielleicht schaffe ich es ja in diesem Jahr endlich, das Archiv und das kleine Tagebuchmuseum zu besuchen.

„Schreiben will ich“

Zurück zu Anne Frank: Sie wäre gerne Schriftstellerin geworden. Während sie sich im Hinterhaus verstecken musste, schrieb sie nicht nur Tagebuch, sondern auch andere Texte und Geschichten. Und sie träumte davon, sie nach dem Krieg zu veröffentlichen. Auszüge aus den Tagebüchern und anderen Werken wurden 2016 in dem Buch „Denn schreiben will ich“ veröffentlicht**.

Auch ich wollte schreiben – ob erst seit ich Anne Franks Tagebuch gelesen hatte oder schon früher, erinnere ich nicht. Schriftstellerin bin ich zwar nicht geworden, aber ich habe als Journalistin vier Jahrzehnte lang mein Geld mit Schreiben verdient. Außerdem habe ich im Laufe meines Arbeitslebens an ein paar Bildbänden mitgearbeitet und drei eigene Bücher veröffentlicht. Seit mehr als zehn Jahren blogge ich – nicht nur, aber auch, um an Menschen wie Anne Frank, Orlando Orlandi Posti oder Ruth Maier*** zu erinnern, die von den Nazis ermordet wurden. Nie wieder ist jetzt.  

*Dieser Beitrag enthält unbezahlte Werbung

**Das Buch ist leider vergriffen, kann aber antiquarisch bestellt werden. „Anne Frank: Denn schreiben will ich!: Aus den Tagebüchern und anderen Werken“. Aus dem Niederländischen übersetzt und kommentiert von Simone Schroth. Philipp Reclam jun. Verlag Stuttgart 2016. Die vom Anne Frank Fond in Basel herausgegeben „Anne Frank Gesamtausgabe“ enthält verschiedene Fassungen des Tagebuchs, Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus, Erzählungen, Essays, Briefe, Fotos und Dokumente.  Fischer Klassik, Frankfurt 2013, 28 Euro

***Die Tagebücher und Briefe von Ruth Maier sind im vergangenen Jahr im Mandelbaum Verlag eG neu erschienen. Ruth Maier wurde 1920 in Wien geboren, flüchtete vor den Nazis nach Norwegen, wurde in Oslo verhaftet und 1942 in Auschwitz ermordet. „Es wartet doch so viel auf mich«: Tagebücher und Briefe | Wien 1933–Oslo 1942. Herausgegeben wurden die Tagebücher und Briefe wie die erste Ausgabe auf Norwegisch von Jan Erik Vold. 28 Euro

Schreiben und Erinnern

Manchmal muss man andere Prioritäten setzen. Weil ich gerne gemeinsam mit anderen schreibe und „Wendetage“ wie die Tag und Nachtgleiche, Sommer- und Wintersonnenwende für mich eine besondere bedeutung haben, hatte ich mich zu Sabine Raschs Schreibvormittag zur Frühjahrs-Tagundnachtgleiche bei der Textmanufaktur angemeldet.

Dass zeitgleich mit dem Online-Workshop an der Alten Scheune der Pestalozzi-Stiftung eine Gedenkveranstaltung für die Opfer der Todesmärsche stattfand, hatte ich schlichtweg übersehen. Jedes Jahr am Samstag vor Palmsonntag gedenken BurgwedelerInnen der am 7. April 1945 auf dem Gelände der Pestalozzistiftung von SS-Angehörigen ermordeten Menschen.

Opfer der Todesmärsche in Burgwedel

An die Verbrechen der Nationalsozialisten und an das Leid der Opfer zu erinnern, ist jetzt wichtiger denn je. Denn immer mehr Menschen vergessen offenbar, welche katastrophalen Folgen es hat, rechtsextreme Parteien zu wählen oder mit ihnen zu paktieren. Und so habe ich meine Fantasie- und Schreibreise unterbrochen und bin bei der Gedenkveranstaltung zurück ans Ende des Zweiten Weltkriegs gereist.

Nachdem die alliierten Panzereinheiten Anfang April die Weser bei Minden überschritten hatten, wurden die fünf KZ-Außenlager Hannovers geräumt. Fast 5.000 Häftlinge – meist Juden und politische Oppositionelle aus den von Deutschland besetzten Ländern –, die bis dahin Zwangsarbeit in hannoverschen Betrieben geleistet hatten, mussten in der Karwoche zum 70 Kilometer entfernten Konzentrationslager Bergen-Belsen marschieren. Wer zu schwach war, weiterzugehen, wurde erschossen und am Weg verscharrt. Niemand sollte lebend zurückbleiben.

„Ein Zug von über 1000 KZ-Häftlingen kam ins Dorf und wurde vom Ortsgruppenleiter der NSDAP, Wessarges, für eine Nacht in der Großen Scheune der Landwirtschaft der Stiftung einquartiert. In der Nacht versuchten die erschöpften Häftlinge den Brotwagen zu stürmen. Die SS-Wächter schossen sie zusammen. Morgens lagen etwa 20 Tote auf dem Hof. Dann wurde der Elendszug weiter nach Fuhrberg getrieben….'“, beschrieb ein Zeitzeuge die schrecklichen Ereignisse. „Die Alte Scheune der Pestalozzi-Stiftung steht damit exemplarisch für die Gewalt, Entrechtung und den Tod, die das nationalsozialistische Regime über Europa brachte. Zugleich ist sie heute ein Ort des stillen Erinnerns und der gemeinsamen Verantwortung“, heißt es auf der Website der Stiftung, die seit einigen Jahren gemeinsam mit die Bürgerinitiative „Gegen das Vergessen“ Burgwedel zur Teilnahme an der Veranstaltung einlädt. Eine Gedenkttafel an der Scheune und der davor gepflanzte „Busch der Hoffnung“ erinnern an die Opfer – und daran, dass die Verbrechen der Nazis nicht irgendwo weit weg stattfanden, sondern oft direkt vor der eigenen Haustür.

Blumen des Gedenkens im „Busch der Hoffnung“ unterhalb der Gedenktafel erinnern an die  Opfer des Verbrechens in der Karwoche 1945.

Never forget

An der Gedenkveranstaltung nahmen nicht nur BurgwedelerInnen teil, sondern auch einige TeilnehmerInnen des Bußgangs von Hannover zum KZ Bergen-Belsen. Der findet seit mehr als 40 Jahren jeweils am Palmsonntag-Wochenende statt, um an die Todesmärsche der KZ-Häftlinge zu erinnern. Gerne wäre ich ein Stück mitgegangen, doch dazu trug ich weder die richtigen Schuhe noch die richtige wetterfeste Kleidung. Und außerdem wartete zu Hause das Online-Cowriting auf mich.

Und so saß ich nach etwa einer Stunde wieder an meinem Schreibtisch. Aber obwohl mir die meisten Schreibanregungen wirklich gut gefallen haben, konnte ich mich nicht wirklich auf sie konzentrieren. Die Erinnerung an die Todesmärsche und das Leid der Häftlinge war noch zu nah, um – frei nach Goethe – „eine „Osterspaziergang“-Szene im Hier und Jetzt, über die Farben des Frühlings oder über freiwillige Aufbrüche zu schreiben. Deshalb habe ich die Schreibzeit genutzt, um für diesen Blogbeitrag zu recherchieren, mit dem ich hoffentlich ein bisschen gegen das Vergessen anschreibe.

Die Schreibanregungen von Sabine Rasch habe ich nicht vergessen. Ich werde sie in der Karwoche aufgreifen und bis Ostern täglich über Frühling, Aufbruch und Neubeginn schreiben.


Gelesene Bücher 2025

Auch in diesem Januar wieder, wie in den drei zurückliegenden Jahren, eine Liste der Bücher, die ich im vergangenen Jahr gelesen habe. Wie in den vergangenen Jahren waren es 60 – etwa drei Viertel der Bücher wurden von Frauen geschrieben.

Vollständig ist die Liste wahrscheinlich nicht. Als ich sie nämlich durchgesehen habe, um diesen Beitrag zu schreiben, fehlte ausgerechnet das Buch, das mich am meisten berührt hat: die Tagebücher von Ruth Maier, die in Deutschland unter dem Titel „Das Leben könnte gut sein“* veröffentlicht wurden . Ich habe das Buch bei meinem Besuch im Zentrum für Holocaust- und Minderheitenstudien in Oslo entdeckt und es mir sofort nach meiner Rückkehr aus Norwegen gekauft – antiquarisch, weil es im Buchhandel leider vergriffen ist.

Ruth Maier, im November 1920 in Wien geboren, führte fast zehn Jahre lang – von 1933 bis 1942 – Tagebuch. Nach der Besetzung Österreichs durch die Nationalsozialisten floh sie 1939 allein nach Norwegen. Doch als die deutsche Wehrmacht im Sommer 1940 Norwegen besetzte, war sie auch dort nicht mehr sicher. Im November 1942 wurde Ruth Maier kurz nach ihrem 22. Geburtstag in Oslo verhaftet, mit 531 jüdischen Frauen, Männern und Kindern nach Auschwitz deportiert und ermordet. Nur neun der Deportierten  überlebten das Vernichtungslager.

Auch Margot Friedländers Bruder und ihre Mutter wurden nach Auschwitz verschleppt und ermordet. Die damals 21-Jährige tauchte unter, lebte über ein Jahr im Untergrund und entkam mehrmals nur knapp der Gestapo. 1944 wurde sie verhaftet und nach Theresienstadt deportiert wurde. Margot Friedländer überlebte als einzige ihrer Familie den Holocaust und emigrierte mit ihrem Mann in die USA. 2010 kehrte sie nach Berlin zurück, engagierte sich als Zeitzeugin gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus, bis sie im vergangenen Jahr starb. Mit der Schriftstellerin Malin Schwerdtfeger hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben. Ihren Titel verdanken die Erinnerungen einer Botschaft, die Margot Friedländers Mutter ihrer Tochter hinterließ, bevor sie deportiert wurde: „Versuche, dein Leben zu machen“.

Margot Friedländer kannte ich natürlich, aber ich hatte noch kein Buch von ihr gelesen – ebenso wie von 22 weiteren AutorInnen auf meiner Liste. Bei einigen wird das erste Buch wohl auch das letzte auf meiner Leseliste sein. Von anderen habe ich gleich mehrere Bücher gelesen. Eine echte Entdeckung ist für mich die Norwegerin Vigdis Hjorth. Und das zweite Buch ihrer Landsfrau Kristin Valla hat mich animiert, das erste noch einmal zu lesen. Gut gefallen hat mir auch der erste Roman von Elisabeth Drimalla, die ich vom gemeinsamen Schreiben kenne. Jetzt bin ich gespannt auf ihren zweiten.

Lesepläne für 2026

Im neuen Jahr möchte ich nicht nur (mindestens) ebenso viele Bücher lesen wie in den vergangenen, sondern täglich auch ein Gedicht. Damit mir das gelingt, liegt jetzt das Buch „Mit Gedichten durchs Jahr“ neben meinem Bett. Der lyrische Kalender enthält 365 Gedichte – für jeden Tag des Jahres eins. Jeden Montag verhilft mir der Blogbeitrag von Christiane zu einem poetischen Start in die Woche – oft passend zur Jahreszeit oder zu aktuellen Anlässen. Und freitag flattert mir ebenfalls per Mail mit dem Lyrik Newsletter des Suhrkamp Verlags das Gedicht der Woche ins Haus.

An der „Dead Authors Challenge“, von der ich durch den Blog Kristinas Lebenswelt erfahren habe, werde ich wohl nicht teilnehmen. Denn ich schaffe es wahrscheinlich nicht, in diesem Jahr über die Bücher von (mindestens) zwölf verstorbenen AutorInnen zu bloggen. Aber die Idee gefällt mir: Spontan sind mir aus meinem Stapel ungelesener Bücher (SUB) Werke von Hannah Arendt, Margot Friedländer, Max Frisch, Mascha Kaléko, Marie Luise Kaschnitz und Christa Wolf eingefallen, die ich endlich (wieder) lesen s/wollte. Drei auf meinem E-Book-Reader, drei ganz klassisch als Bücher.

Eine besondere Leseherausforderung ist – nicht nur wegen der Länge von 1168 Seiten – sicher Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft: Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus“. Das Buch erschien erstmals 1951 auf Englisch, auf Deutsch dann 1955. Aber die Frage, wie eine Gesellschaft ins Totalitäre abdriftet, ist leider derzeit so aktuell wie lange nicht mehr.

Unbedingt lesen möchte ich auch den 1938 in Italien erschienen Debütroman von Alba de Céspedes, der erst jetzt ins Deutsche übersetzt wurde. „Was vor uns liegt“ wurde damals von den faschistischen Behörden unter Mussolini verboten.

Ich bin gespannt, ob sich diese Bücher im nächsten Januar auf meiner Leseliste wiederfinden.

Liste der 2025 gelesenen Bücher

wie immer ungeordnet und wahrscheinlich unvollständig

  1. Elisabeth Drimalla: Einsamkeit ist kein Symptom
  2. Sigrid Nunez: Was fehlt dir
  3. Henning Scherf: Altersreise
  4. Joachim Meyerhöfer: Hamster im hinteren Stromgebiet
  5. Joachim Meyerhöfer: Man kann auch in die Höhe fallen
  6. Joan Didion: Was ich meine
  7. Leila Slimani: Der Duft der Blumen bei Nacht
  8. Paul Auster: Winterjournal
  9. Caroline Peters: Ein anderes Leben
  10. Mely Kyriak: Frausein
  11. Annegret Langenhorst: Was bleibt vom Tag. Frauentagebücher erzählen
  12. Margot Friedländer, Malin Schwerdtfeger: Versuche dein Leben zu machen
  13. Claire Keegan: Reichlich spät
  14. Daniel Glattauer: In einem Zug
  15. Chloe Benjamin: Die Unsterblichen
  16. Kristin Valla: Ein Raum zum Schreiben
  17. Lucy Fricke: Das Fest
  18. Vigdis Hjorth: Die Wahrheiten meiner Mutter
  19. Kristin Valla: Das Haus über dem Fjord
  20. Peter Handke: Ein Jahr aus der Nacht gesprochen
  21. Hans Josef Ortheil; Rom, Villa Massimo
  22. Hans Josef Ortheil: Die weißen Inseln der Zeit
  23. Vigdis Hjorth: Ein falsches Wort
  24. Kristine Bilkau: Halbinsel
  25. Dora Heldt: Starker Wind bei …
  26. Yvonne Kraus Erfolgs Mindset für Autorinnen
  27. Daniela Krien: Mein drittes Leben
  28. Ruth Maier: Das Leben könnte gut sein. Tagebücher
  29. Rachel Carson: Magie des Staunens
  30. Eva Lohmann: Wie du mich ansiehst
  31. Haruki Murakami: Von Beruf Schriftsteller
  32. Isabel Bogdan: Wohnverwandtschaften
  33. Tim Conrads: Leichtes Gepäck. Ein Roman vom Jakobsweg
  34. Amelie Nothomb: Buch der Schwestern
  35. Ursula Ott : Gezwisterliebe
  36. Laura Pfaffenbach u.a.: Frauen unterwegs, 10 bewegende Geschichten über Mut, Abenteuer und Glück des Wanderns.
  37. Erling Kagge: Gehen – weiter – gehen. Eine Anleitung
  38. Kristin Steinsdottir: Eigene Wege
  39. Monika Peetz: Flaschenpost aus der Vergangenheit
  40. Vigdis Hjorth: Wiederholung
  41. Tägliche Routinen für Autoren: Erstaunliche Routinen, um ein Schreibritual zu etablieren
  42. Sigrid Nunez: Eine Feder auf der Akte Gottes
  43. Sarah Lorenz: Mit dir möchte ich im Himmel Kaffee trinken
  44. Alois Prinz; Hannah Arendt
  45. Mina Bäuerlein; Die Rückwärtspilgerin
  46. Doris Dörrie: Wohnen
  47. Annie Ernaux: Die Besessenheit
  48. Anne Enright: Vogelkind
  49. Renate Ahrens: Alles was folgte
  50. Stephan Schäfer: 25 Sommer
  51. Ruth Shaw: Drei Buchläden am Ende der Welt
  52. Melanie Pignitter: Wiedersehen mit mir selbst zwischen Pizza und Aperol: Ein Roadtrip zu Selbstliebe und Heilung.
  53. Stephan Schäfer: Gerade jetzt ist alles gut
  54. Elena Ferrante: Tage des Verlassenwerdens
  55. Bettina Flittner: Meine Mutter
  56. Virginia Evans: Die Briefeschreiberin
  57. Clara Loesl: Wehe du gibst auf
  58. Helga Schubert: Der heutige Tag
  59. Marjaleena Lembcke: Wir bleiben nicht lange
  60. Flachmann, Susanne: Solo VanLife: Mut zum Alleinreisen mit dem Wohnmobil

Welche Bücher haben Sie im vergangenen Jahr gelesen?

Und welche haben Ihnen besonders gut gefallen? Ich freue mich über Leselisten und Buchtipps, von lebenden und toten AutorInnen, gerne auch als Kommentar.

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