Sterbehilfe

Am Freitag entscheidet der Bundestag über die Sterbehilfe – also darüber, ob Schwerkranke, wenn sie sterben möchten, Hilfe bekommen – und von wem. Die meisten Deutschen sind dafür und würden sich verständlicherweise bei dieser wichtigen Frage gerne auf Experten verlassen, sprich: ihren Arzt oder Apotheker fragen. Doch Ärzte sollen, wenn es nach dem Willen vieler Abgeordneter und auch der Fraktionschefs im Deutschen Bundestag geht, beim sogenannten assistierten Suizid auch künftig nicht helfen dürfen.

In Deutschland sind Suizid und auch Beihilfe zum Suizid nicht strafbar. Aktive Sterbehilfe ist dagegen verboten. Nimmt der Betroffene das tödliche Mittel, beispielsweise eine Überdosis eines Schmerz- oder Beruhigungsmedikaments nicht selbst ein, können Helfer wegen Tötung auf Verlangen (§ 216 Strafgesetzbuch), wegen Totschlag oder sogar wegen Mordes verurteilt werden. Auch Menschen, die den Sterbenden nicht allein lassen, sondern bei ihm bleiben, ihn bis zum Schluss begleiten, geraten in eine rechtliche Grauzone – vor allem wenn sie dem Sterbenden nahe stehen. Angehörige, aber auch Ärzte und Pflegepersonal haben als sogenannte Garanten eine besondere Fürsorgepflicht gegenüber dem alten oder kranken Menschen: Sie können wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt und verurteilt werden. Ärzten, die ihren Patienten beim Sterben assistieren, drohen in vielem Bundesländern standesrechtliche Konsequenzen, im schlimmsten Fall der Verlust der Approbation: Denn in die Berufsordnungen der Landesärztekammern Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein, Sachsen, Saarland, Thüringen verbieten die Hilfe zur Selbsttötung.

Nach einer Studie des Instituts für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin an der Ruhr-Universität in Bochum wurde allerdings schon jede/r fünfte Arzt/Ärztin  um Hilfe beim Suizid gebeten. 40% der befragten Ärzt/innen können sich – so die Studie – vorstellen, unter bestimmten Bedingungen Hilfe zur Selbsttötung zu leisten. 42% nicht. Repräsentativ ist die Studie nicht – es beteiligten sich nur 740 Ärztinnen und Ärzten – (auch) weil 12 der 17 deutschen Ärztekammern den Forschern die Unterstützung verweigerten.

Und noch ein paar Zahlen: Nach einer Umfrage im Auftrag der Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung aus dem Jahr 2012 würde jede/r zweite Deutsche würde sich gerne kostenlos beim Suizid begleiten lassen, wenn er oder sie pflegebedürftig ist. 7 % sind unentschieden. Die Angst, im Alter auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein, anderen zur Last zu fallen und nicht mehr selbst entscheiden zu können, ist groß.

Zwar ist bei jungen Menschen zwischen 15 und 20 Jahren Suizid nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache. Doch das höchste Suizidrisiko haben alte Menschen: Das zeigen die sogenannten Suizidraten oder -ziffern, also die Zahl der an Suizid Gestorbenen je 100.000 Menschen der jeweiligen Gruppe. In Deutschland lag die Suizidrate 2013 bei 12,5 (Männer: 18,9, Frauen: 6,4). Bei den 20- bis 25-Jährigen starben 11,3 Männer bzw. 2,8 Frauen je 100.000 gleichaltrige Einwohner durch Suizid. Bei den 85- bis 90-jährigen Männern waren es 89,7, bei den Frauen bei 17,4. Fast die Hälfte aller Frauen (49 %) und etwa 43 % der Männer, die in Deutschland durch Suizid sterben, sind älter als 60. Der Anteil der über 60-Jährigen an der Bevölkerung liegt bei nur 21 %.

Insgesamt nehmen sich in Deutschland jedes Jahr etwa 10.000 Menschen das Leben, sie töten sich selbst. Jährlich sterben hierzulande mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, illegale Drogen, Gewaltverbrechen und Aids zusammen. Nicht mitgerechnet sind dabei die Suizide, die unentdeckt bleiben und beispielweise als Verkehrs- oder andere Unfälle oder als natürlicher Tod in die Statistik eingehen.

Übrigens: Einen Artikel von mir zum Thema Suizid gibt’s in der aktuellen Ausgabe des Magazins Asphalt.

Am Wasser – nicht im

Ich liebe Wasser – zumindest von außen. Oder genauer gesagt: den Blick aufs Wasser. Vielleicht liegt es daran, dass ich an einem Fluss geboren bin und in der ersten Hälfte meines Lebens immer an Flüssen gelebt habe. Die zwei winzigen Teiche in unserem Garten sind nur ein schlechter Ersatz. Jetzt machen wir Kurzurlaub an der Ostsee, auf der Halbinsel mit dem ganz langen Namen Fischland, Darß, Zingst. Hier ist überall Wasser. Das Meer, der Bodden und zwischendrin Gräben und kleine Seen. Eigentlich ist es ungerecht, wie so vieles im Leben.

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Hafen von Wustrow

Wieder Wustrow. Wustrow ist mein Lieblingsort an der Ostsee. Hier ist es ruhiger und beschaulicher als im Nachbarort Ahrenshoop oder in Zingst. Wustrow – auf dem ersten Teil der Halbinsel auf dem Fischland gelegen – ist längst nicht so bekannt und so schick wie die berühmte Künstlerkolonie, weniger mondän und weniger vornehm als der Zingst. Viel ursprünglicher noch. Nicht so überlaufen. Aber vor allem: An keiner anderen Stelle liegen Bodden und Meer so dicht beieinander. Wenn ich auf der Düne stehe, die unseren Stellplatz vom Meer trennt, sind beide zum Greifen nah. Links das Meer, weit und manchmal wild, rechts der Bodden, flach, ruhig und oft auch dann spiegelglatt und friedlich, wenn auf der Ostsee die Wellen und auch die Surfer oder Kiterherzen hoch schlagen.

Zwischen Bodden und Meer
Zwischen Bodden und Meer

„Unseren“ Stellplatz, das Surfcenter Wustrow, haben wir vor einigen Jahren durch Zufall entdeckt. In jenem Sommer waren alle Campingplätze an der Ostsee überfüllt. Keine Chance für Leute wie uns, die einfach losgefahren waren. Nur auf dem Stellplatz etwa einen Kilometer vor Wustrow war noch ein Plätzchen frei. Wir waren offensichtlich nicht die einzigen, die hier gestrandet waren.
Eigentlich wollten wir nur eine Nacht bleiben, denn besonders schön ist es hier auf den ersten Blick nicht. Der Platz ist eigentlich nichts anderes als ein Parkplatz mit einem schmalen Grünstreifen; die Wohnwagen der Dauercamper verstecken sich hinter ein paar Büschen und Bäumen. die Wohnmobile und Autos stehen im Sommer meist dicht an dicht. Die Ausstattung eher spartanisch: Gespült wird im Freien, an zwei überdachten Spülen, in den ersten Jahren nur mit kaltem Wasser. Im Sanitärgebäude: Zwei Duschen, vier Waschbecken und vier Toiletten für Damen, ebenso viele für Herren. Bemerkenswert: Anstehen musste ich nie – und es ist sauberer als auf manchem Campingplatz, der von einem bekannten Campingführer mit drei Sternen bewertet wurde.

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Das besondere ist die Lage – bis zum Meer sind’s nur wenige Meter – und die Atmosphäre: Deshalb kommen wir seit dem ersten Besuch immer wieder, obwohl ich nur im Internet surfe.
Hier verbringen Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten ihren Urlaub oder auch nur ein paar freie Tage. Wer im Hotel oder in einer Ferienwohnung Urlaub macht, trifft meist nur Leute aus einer ähnlichen Schicht, nämlich die, die sich die Übernachtung in einer bestimmten Preisklasse leisten können. Hier zahlen alle (fast) das Gleiche. Und so steht das Wohnmobil für 150.000 Euro neben unserem kleinen; andere schlafen in Lieferwagen mit Luftmatratzen auf dem Boden oder auf der heruntergeklappten Rückbank ihres Autos. Da sind die eingefleischten Surf- und Kitefans, Kinder und Jugendliche, die morgens von ihren Eltern zum Surfunterricht gebracht und abends wieder abgeholt werden, Erwachsene, die surfen oder Kiten lernen möchten – und viele andere, die wie ich nie im Leben auf ein wackliges Brett steigen würden. Ich habe einmal ein Wochenende lang versucht, Kanu fahren zu lernen – mit eher bescheidenem Erfolg.
Mir genügt es, das Wasser zu sehen, am Wasser entlang zu gehen, mit nackten Füßen durchs Wasser zu waten. Immerhin: Einmal traue ich mich ganz hinein. Mutig. Für etwa 30 Sekunden. Es ist wirklich sehr kalt, obwohl die Sonne scheint. Aber der Sommer ist vorbei; es ist schon September. Der Stellplatz ist fast leer, so leer wie noch nie. Aber wir waren auch noch nie außerhalb der Ferien hier. Jetzt sind fast nur Rentner unterwegs – oder Leute ohne schulpflichtige Kinder. Und Stechmücken. Sie überfallen uns, sobald wir stehen bleiben, sogar direkt am Meer. Sie greifen an, ohne uns durch Surren vorzuwarnen und stechen zu, selbst durch T-Shirt und Strümpfe. Mückenschutzmittel nützen nichts. Wir flüchten ins Wohnmobil, schlagen beim Ein- und Aussteigen die Tür so schnell wie möglich hinter uns zu, damit die Quälgeister draußen bleiben.
Die Hard-core-Camper, die wir zwei Tage später auf dem Campingplatz in Zingst treffen, sind weniger empfindlich – und schlimmeres gewöhnt. In der letzten Woche sei es viel schlimmer gewesen. Jetzt sei die Mückenplage fast wieder vorbei, sagt unsere Nachbarin auf Zeit. Sie liegt unbeeindruckt auf dem Liegestuhl vor ihrem Wohnwagen und genießt die September-Sonne. „Das ist hier so.“ Wer Meer und Strand will, muss Mücken in Kauf nehmen.
Stimmt. Und so genießen wir das Camping-Kontrastprogramm in Zingst: Sanitäranlagen vom Feinsten und vor allem: ein Wellness-Bereich mit vier Saunen und ein fast leeres Natur-Hallenbad mit ungechlortem Süßwasser und vielen Pflanzen, die das Wasser reinigen – und ohne Mücken. Ich schwimme täglich ein paar Runden. Zwischen zwei Saunagängen. Denn so sehr ich den Blick aufs Wasser liebe und vermisse: Wasser ist definitiv nicht mein Element, zu kalt und zu nass.

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Bahnfahren Teil 2: Von Gutscheinen, Servicecentern und anderen Unannehmlichkeiten

Die Bahn ist unpünktlich. Nicht immer, aber oft. Wenn ich beispielsweise von Trier nach Hannover fahre, komme ich oft eine Stunde später an als geplant. Wenn ich sie dann freundlich an meine Fahrgastrechte erinnere, bedauert Nicole Bahrmann, Leiterin im Servicecenter Fahrgastrechte, die mir entstandenen Unannehmlichkeiten und beteiligt sich netterweise an meinen Fahrtkosten. Meist erstattet sie mir 25 % des gezahlten Fahrpreises, Mal überweist sie mir das Geld, manchmal – wenn ich nicht aufpasse, welche Erstattungsart ich ankreuze – schickt sie mir einen Gutschein. Und damit fängt dann die eigentliche Geschichte an.

Ein paar Mal versuche ich, den Gutschein beim Kauf einer Fahrkarte im Internet einzulösen, doch jedes Mal scheitere ich kläglich. Egal, ob ich per Direktüberweisung, per Bankeinzug, mit meiner Kreditkarte oder mit paypal zahlen möchte – Immer bekomme ich die Antwort, dass gerade bei dieser Bezahlart der sechsstellige Code nicht gilt. Einen anderen Code oder eine andere Bezahlart gibt es leider nicht.

Der Mitarbeiter am Servicetelefon, dem ich mein Leid klage, versteht mein Problem, aber weiterhelfen kann er mir nicht. Immerhin verspricht er, das Problem an die IT-Abteilung weiter zu melden. Doch die haben verständlicherweise wichtigeres zu tun als sich um sechsstellige Buchstabencodes zu kümmern: Drei Monate später akzeptiert das System meinen Code immer noch nicht. Damit der Gutschein nicht verfällt, beschließe ich, ihn am Bahnhof einzulösen.

Ich fahre mit dem Bus von Biebrich nach Wiesbaden Hauptbahnhof. Mit Fahrkarte aus dem Internet hätte ich den Zug um 9 Uhr 5 noch erreicht. Hätte. Stattdessen stehe ich kurz nach neun vor dem Automaten, der die Nummern an all diejenigen vergibt, die ihre Fahrkarten nicht am Automaten oder im Internet, sondern bei richtigen Menschen kaufen möchten. Das hat die Bahn offenbar nicht so gerne, deshalb sind auch nur zwei der fünf Schalter besetzt. Meine Nummer verheißt nichts Gutes: N 1095. Der Bildschirm zeigt die aktuelle Nummer N 1067. Fast 30 Nummern trennen mich von meiner Fahrkarte und der Gutschrift von 17,89 Euro.

Die Mitarbeiterin an Schalter 1 braucht zuerst eine Auszeit: Als sie einen Kunden bedient hat, verschwindet sie und kommt erst nach fünf Minuten wieder. Ihre Kollegin an Schalter drei hat offenbar nur besonders schwere Fälle oder sie ist besonders langsam: in mehr als einer halben Stunde bedient sie gerade mal drei Kunden – mich eingeschlossen.

Die Mitarbeiterin am Schalter eins ist schneller. Sie kommt wieder, verkauft eine Fahrkarte – um dann wieder zu verschwinden. Zur Freude aller, die mit mir warten, taucht ein junger Mann auf, doch ehe er den ersten Kunden bedienen kann, muss sein Arbeitsplatz vorbereitet werden: Das tut er sehr sorgfältig; er faltete mehrere Blätter, einzeln, versteht sich, damit die Ecken wirklich übereinander liegen. Und ganz kollegial bereitet er auch noch den Arbeitsplatz des Kollegen an Schalter zwei vor, der irgendwann seinen Dienst beginnen muss. Nachdem auch er noch einmal hinter den Kulissen verschwunden ist, ist er endlich einsatzbereit. Trotzdem geht alles viel schneller als befürchtet. Nicht weil ein plötzlicher Energieschub die drei Bahnmitarbeiter erfasst, nein, zu vielen Nummern, die aufgerufen werden, gibt es keine Kunden mehr. Sie haben aufgegeben, sind verschwunden, sitzen (hoffentlich) längst in ihren Zügen, haben ihre Fahrkarten am Automaten gekauft oder fahren schwarz.

Kurz vor zehn bin auch ich an der Reihe. Bedächtig gibt die Mitarbeiterin den Code ein – und siehe da: es funktioniert. Ich bekomme meine Fahrkarte, meine Gutschrift und erreiche sogar noch meinen Zug.

Während ich das – im Zug sitzend – schreibe, gibt es einen unplanmäßigen Halt. Wegen eines Feuerwehreinsatzes ist der S-Bahntunnel gesperrt, wann es weitergeht, kann der freundliche Schaffner am Lautsprecher nicht sagen. Wenig später verrät er uns, dass der Zug nach Wiesbaden zurückfährt und empfiehlt allen, die nach Frankfurt zum Hauptbahnhof wollen, in Höchst auszusteigen und mit der Straßenbahn weiterzufahren. Dass die Straßenbahn nicht vor dem Bahnhof hält, sondern dass man zunächst eine Viertelstunde durch Höchst laufen muss, verrät er nicht. Auf diese Weise lerne ich wenigstens Frankfurt Höchst kennen. Danke, Bahn. Zwei junge Frauen machen sich mit mir auf die Suche, als wir die Haltestelle endlich gefunden haben, wartet die Straßenbahn. Leider habe ich kein Ticket – und leider möchte der freundliche Kiosk-Besitzer mir kein Einzelticket verkaufen. Eine Monatskarte gerne, aber die brauche ich nicht. Ich möchte nicht wiederkommen! Der erste Automat, an dem ich es versuche, verlangt für eine Einzelkarte mehr als 90 Euro. Der zweite nimmt schließlich mein letztes Kleingeld an.

Wenn ein ganzer Zug in eine Straßenbahn evakuiert wird, wird’s eng. Statt gemütlich in der S-Bahn sitzend fahre ich dann stehend, wie eine Ölsardine eingezwängt, Richtung Hauptbahnhof. Natürlich braucht die Straßenbahn doppelt so lang wie die S-Bahn, Grüne Welle für Öffis gibt es in Frankfurt offenbar nicht, wir halten nicht nur an gefühlt 100 Haltestellen, sondern an mindestens ebenso vielen Ampeln. Kurz vor elf sind wir endlich da, ich hetze durch die Halle und erreiche den Zug nach Hannover gerade noch, eine Stunde später als geplant.

Im Zug ziehe ich Bilanz: Gelohnt hat sich die Aktion nicht wirklich. Rund sechs Euro für Bus und Straßenbahntickets, zwei Stunden Verspätung. Ich werde Frau Bahrmann wieder mal an meine Fahrgastrechte erinnern müssen und sie freundlich auffordern, mir auch das Straßenbahn-Ticket zu erstatten. Und diesmal werde ich genau darauf achten, wo ich das Kreuz machen. Denn vom Fahrkartenverkauf am Schalter habe ich vorerst genug.