Die Morgenseiten, mein iPad und ich

Vorweg: Ich schreibe gern und recht viel mit der Hand. Ich führe diverse Notiz-, Skizzenbücher und Journale; ohne mein Tagebuch verlasse ich das Haus eigentlich nie und meist schleppe ich auch noch andere Notizhefte mit mir rum. Nur die Morgenseiten schreibe ich seit Jahren am Computer, obwohl ihre Erfinderin Julia Cameron ausdrücklich davon abrät.

Beim Schreiben der Morgenseiten fallen mir nämlich oft Formulierungen und Ideen für Blogartikel oder andere Schreibprojekte ein. Notiere ich sie (nur) auf Papier, verschwinden sie mitunter auf Nimmerwiedersehen. Denn ich habe bislang noch keine Möglichkeit gefunden, meine in unzähligen Kladden verstreuten handschriftlichen Notizen systematisch zu ordnen und auszuwerten (über Hinweise und Anregungen freue ich mich sehr).

Schreibe ich am Computer, hilft mir die Suchfunktion meines Textverarbeitungsprogramms. Sie durchsucht für mich per Mouseclick diverse Dateien und Ordner nach von mir eingegebenen Stichworten – schnell, gründlich und fast fehlerfrei. So habe ich schon manchen Text, der verschollen schien, wiedergefunden. Außerdem kann ich geschriebene Texte oder Textpassagen bequem kopieren und in andere Dateien übertragen, ohne sie abtippen zu müssen. Denn dazu bin ich, ich gebe es zu, oft zu bequem.

Vom Papier zur Datei

Vor vier Jahren bot das Bamboo Slate Smartpad von Wacom scheinbar einen Ausweg aus dem Dilemma: Mit einem speziellen Stift konnte ich wie gewohnt auf Papier schreiben. Per App wurde der Text dann in eine Doc-Datei oder in ein anderes Dateiformat umgewandelt und auf mein Notebook übertragen – oder umgekehrt. Sehr beruhigend war für mich als Sicherheitsfanatikerin, dass alle Texte auch auf Papier vorlagen. Denn, wie es schon in Goethes Faust steht, kann man „was man schwarz auf weiß besitzt, … getrost nach Hause tragen“.

Obwohl die App meine Schrift erstaunlich gut entziffern konnte, landete das Smartpad schon bald im Schrank. Die Übertragung der Texte via Bluetooth auf den Computer war auf Dauer wohl zu umständlich – vielleicht war ich auch einfach nur zu ungeduldig.

Das gleiche Schicksal wie das Smart- erlitt zunächst das iPad, das ich mir kaufte, weil es Handgeschriebenes automatisch in Maschinenschrift und Dateien umwandeln kann. Die Übertragung der Dateien per USB-Stick oder Mail ist einfacher als beim SmartPad; die Oberfläche ist dank einer speziellen Folie fast papierähnlich und erstaunlich gut zu beschreiben. Doch als eingefleischte Windows-und Word-Userin tat ich mich mit dem ungewohnten Apple-Programm Pages schwer. Und die Bedienung des iPads ist meiner Meinung nach wenig intuitiv.

12-Wochen-Programm

Dass ich das iPad jetzt wieder aus dem Schubladen-Exil hervorgeholt habe, liegt an Julia Cameron und ihrem Buch „Es ist nie zu spät, neu anzufangen“.* Zu den vier „Basistechniken“ des 12-Wochen-Programms, mit dem ich im Juni begonnen habe, gehören neben Spaziergängen, Memoiren und Künstlertreffs die Morgenseiten. Drei Seiten sollen, so Julia Cameron, möglichst bald nach dem Aufwachen mit der Hand geschrieben werden.

Mit gutem Grund: Verschiedene Studien belegen, dass Schreiben mit der Hand mehr Hirnareale aktiviert als Tippen. Außerdem zwingt das langsamere Tempo dazu, sich länger mit einem Gedanken zu beschäftigen. (Mit)Geschriebenes bleibt dadurch besser im Gedächtnis als (Mit)Getipptes. Und so habe ich entschieden, die Morgenseiten zumindest zeitweise wieder mit der Hand zu schreiben.

Ich habe verschiedene Varianten ausprobiert: Ich habe, wie von Julia Cameron empfohlen, auf A4-Papier geschrieben (mag ich gar nicht) und in eine eigens angelegte Kladde (noch ein Heft mehr). Und ich habe dem iPad eine zweite Chance gegeben (eigentlich ist es die dritte, aber das ist ein anderes Thema).

Aller Anfang ist schwer

Unsere Zusammenarbeit klappt inzwischen ganz gut. Daran, dass l es auch nach vier Wochen immer noch Missverständnisse und Verständigungsschwierigkeiten gibt, bin ich sicher nicht ganz schuldlos. Denn meine Schrift ist nicht leicht zu entziffern. Verschiedene Buchstaben – zum Beispiel h, u, m und n – ähneln sich bei mir sehr. Aber ich versuche, deutlicher zu schreiben. Und auch das iPad gibt sich Mühe und versteht mich immer besser. Einige Buchstaben und Worte mag es aber offenbar gar nicht: So wird „denken“ oft zu „deuten“, „jetzt“ zu „fest“ oder „schon“ zu „Solon“. Und ausgerechnet beim Wort „Morgenseiten“ streikt das iPad immer. Mal schreibt es stattdessen „Regenzeiten“, mal „Magenleiden“ oder „Magenseiten“. Meist macht das iPad aus den Morgenseiten aber ein „Morgenessen“.

Bei anderen Worten rätsle ich vergeblich, was ich geschrieben oder gemeint haben könnte. Aber damit habe ich mich inzwischen abgefunden. Denn schließlich geht es bei den Morgenseiten nicht darum, lesenswerte und wohl durchdachte Texte zu produzieren. Ein bisschen Nonsens darf also durchaus sein.

Nicht nur Morgenseiten

Weil ich weitere Vorzüge des iPads entdeckt habe, schreibe ich auf ihm auch andere Texte. Ich kann es nämlich auch im Dunkeln einsetzen, ohne Licht machen zu müssen. So störe ich weder meinen schlafenden Mann, wenn ich nachts schreibe, noch locke ich bei geöffnetem Fenster Scharen von Mücken an. Dass ich nicht mehr mehrere (Notiz-)Bücher mit mir herumtragen muss, erleichtert vielleicht nicht mein Leben, aber zumindest meinen Rucksack. Und weil ich auf dem iPad inzwischen auch E-Books lesen kann, habe ich nicht nur das passende Notizheft, sondern auch die passende Lektüre immer dabei.

Ob mein iPad und ich wirklich gute Freunde werden, wird sich zeigen. Aber es ist ja bekanntlich nie zu spät, neu anzufangen – und neue Dinge auszuprobieren.

*Der Beitrag enthält unbezahlte Werbung

Zum Nachlesen: Julia Cameron: Es ist nie zu spät, neu anzufangen. Der Weg des Künstlers ab 60. Droemer Knaur, München 2017

Schreiben mit der Hand 2.0

Natürlich habe ich einen Computer. Genau gesagt sogar mehrere, wenn man all die abgelegten mitzählt, die ich aufbewahre und gelegentlich noch nutze. Viele Texte – zum Beispiel Artikel, Blogbeiträge oder Essays – schreibe ich direkt  am Computer. Aber ich schreibe immer noch gerne und viel mit der Hand: in mein Tagebuch und in mein Fünf-Jahres-Buch natürlich, aber auch Mitschriften von Workshops, Pressekonferenzen oder Interviews. Zum einen aus alter Gewohnheit. Zum anderen aber auch, weil Studien belegen, dass beim Schreiben mit der Hand mehr Hirnareale aktiviert werden als beim Tippen – angeblich zwölf – und dass Mitgeschriebenes besser im Gedächtnis bleibt als Mitgetipptes. Auch unterwegs – im Zug, im Café oder draußen im Freien – notiere ich meine Gedanken gerne auf Papier.

Der Nachteil: Manches Handgeschriebene musste ich bislang abtippen, wenn ich es in Artikeln, Blogbeiträgen oder anderen Texten verwenden wollte. Doch die Zeiten sind vorbei. Denn bei der Recherche für einen Artikel, der gerade in der neuen Ausgabe der Zeitschrift Bildung Spezial erschienen ist, habe ich zufällig eine Lösung bzw. das richtige Gerät für mich entdeckt (https://www.friedrich-verlag.de/digitale-schule/digital-unterrichten/das-beste-aus-zwei-welten/). Genauer gesagt: Mein Interviewpartner Dr. Markus Weber, Experte für künstliche Intelligenz beim Stifttablet-Hersteller Wacom, hat mir das Bamboo Slate Smartpad empfohlen.* Vielen Dank dafür.

Für mich ist das Notepad ein echter Geheimtipp: Ich habe in mehreren Technikkaufhäusern vergeblich danach gesucht, um es vor dem Kauf selbst auszuprobieren. Die Verkäufer, die ich um Rat fragte, hatten noch nie davon gehört. Sie fanden es erst im Internet, als ich ihnen Namen und Hersteller nannte: Ich sei die erste, die nach „so etwas“ fragen würde, meinten sie. Sie rieten mir, ein normales Tablet zu kaufen – auch darauf könne ich ja mit einem digitalen Stift Notizen machen. Es gebe sogar Tablets mit papierähnlichen, weniger rutschigen Oberflächen. Doch die sind für mich, bekennender Papierfreak, keine wirkliche Alternative.

Bei meinem Bamboo Slate schreibe ich auf richtigem Papier – mit einem speziellen Stift, der beim Kauf mitgeliefert wird. Spezielles Papier wird dagegen nicht gebraucht. Ich habe den mitgelieferten Block inzwischen durch einen anderen ersetzt – weil ich lieber auf Blanko-Papier schreibe als auf gepunktetem, aber auch, um zu testen, ob die Übertragung wirklich mit beliebigem Pappier klappt.

Es funktioniert, auch wenn ich nicht wirklich verstehe wie. Mithilfe der kostenlosen App Inkspace wird das, was ich schreibe, auf mein Notebook übertragen und dann in eine Doc-Datei oder in ein anderes Dateiformat exportiert. Einziger winziger Wermutstropfen: Die Übertragung auf mein Smartphone klappt nicht so, wie sie sollte. Doch weil ich diesen (Um)Weg nicht brauche und die Texte auf meinem Notebook speichere und verarbeite, stört es mich nicht wirklich.

Dafür kann die App meine Schrift erstaunlich gut, ja sogar sehr gut, entziffern, was nach Aussagen meines Mannes an ein Wunder grenzt. Nur selten scheitert sie an einzelnen Worten und macht beispielsweise aus meinem Fünf- ein Fuß-Jahresbuch. Das liegt aber auch daran, dass Buchstaben wie u, m, n und h bei mir ganz ähnlich aussehen. Die Nacharbeit hält sich in Grenzen; dass ich mir angewöhne, etwas leserlicher zu schreiben, ist ein positiver Nebeneffekt. Und vielleicht erkennt die App dank künstlicher Intelligenz ja irgendwann sogar, dass ich i-, j-, ä-, ü- und ö-Striche fast immer auslasse und ergänzt sie automatisch.

Die Übertragung zwischen Notepad und Notebook erfolgt per Bluetooth. Bis ich die Geräte verbinde – manchmal erst Tage später –, werden die Texte zwischengespeichert. Ich muss also mein Notebook nicht immer dabeihaben, wenn ich schreiben möchte. Auch das weiß ich zu schätzen, denn das Smartpad ist wesentlich leichter als mein Notebook: Es sieht nicht nur aus wie ein Klemmbrett, sondern wiegt auch kaum mehr: mit Schreibblock gerade mal 670 Gramm. Auch das erleichtert – im wahrsten Sinne des Wortes – manches.

*enthält unbezahlte Werbung

**Übertrag Text A. Auf dem Weg zum Schreibtreff . Der Anfang des Blogs skizziert auf meinem neuen Block . : Natürlich habe ich einen Computer . Genau gesagt habe ich sogar mehrere .

Übertrag Text B: 27 . 3 . Test auf anderem Papier . Ich habe ein­fach einen anderen Block in das Gerät gesteckt . Diesmal blanko , weil ich am liebsten darauf schreibe . Bin auf das Ergebnis gespannt .

Wacom Bamboo Slate Smartpad A4, Notepad (mit Digitalisierungs-Funktion inkl. Eingabestift mit Kugelschreiber-Mine, geeignet für Android & Apple)