Woran erkennst du den Frühling?

Endlich Frühling. Seit vorgestern zumindest meteorologisch. Astronomisch oder kalendarisch beginnt der Frühling erst mit der ersten Tag-und-Nacht-Gleiche des Jahres (Primär-Äquinoktium). Die fällt auf der Nordhalbkugel meist auf den 20. März, gelegentlich aber auch auf den 19. oder  21. März – ein Alptraum für Statistiker und Wissenschaftlerinnen.

Weil sich Klimadaten besser vergleichen und einfacher auswerten lassen, wenn die Jahreszeiten am gleichen Tag beginnen und gleich lang sind, hat die Weltorganisation für Meteorologie (World Meteorological Organization, WMO) die meteorologischen Jahreszeiten eingeführt. Für die MeteorologInnen beginnt der Frühling also am 1. März, der Sommer am 1. Juni, der Herbst am 1. September und der Winter am 1. Dezember (https://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2025/3/1.html).

Der Natur sind Daten und Uhrzeiten egal. Die „phänologischen Jahreszeiten“ richten sich nach bestimmten Erscheinungen in der Pflanzen- und auch in der Tierwelt. Und es gibt nicht nur vier, sondern zehn biologisch begründete Jahreszeiten. Frühling, Sommer und Herbst werden in drei Jahreszeiten unterteilt, nur der Winter bleibt unzerteilt, weil die Vegetation zumindest oberirdisch in dieser Zeit weitgehend ruht.  

Ausgewählte Pflanzen zeigen Beginn und Ende der jeweiligen Jahreszeiten. Beobachtet und erfasst werden laut Wikipedia unter anderem Blüte, Blattaustrieb, Fruchtreife und Laubfall. So beginnt der Vorfrühling mit der Blüte von Hasel, Schneeglöckchen und Märzbecher und endet mit der Blüte der Salweide. Auch Winterlinge, Krokusse, Huflattich, Schlüsselblumen, Kornelkirsche und Seidelbast sind „Zeigerpflanzen“ des Vorfrühlings.

Die ersten Schneeglöckchen habe ich in unserem Garten schon Ende Januar beobachtet, ebenso die ersten Blüten des Blaukissens. Sie haben selbst die Schneetage in der zweiten Februarwoche heil überstanden. Inzwischen haben sich auch Krokusse, Winterlinge und Primeln hervorgewagt. Märzbecher und Schlüsselblumen lassen dagegen zumindest in unserem Garten noch auf sich warten.

Schneeglöckchen und Winterlinge, leider nicht in unserem Garten

Wenn Forsythien, Veilchen, Buschwindröschen und Blausterne blühen, beginnt der Erstfrühling; später kommen dann die Blüten von Kirsch-, Pflaumen-, Birnbäume und Schlehdorn hinzu. Ich freue mich besonders darauf, dass Bäume und Sträucher wieder grün werden: Zuerst bekommen Rosskastanien und Birken neue Blätter, später dann auch Rotbuche, Linde und Ahorn.

Im Vollfrühling sind dann auch Eichen und Hainbuchen an der Reihe; außerdem blühen Apfelbäume, Rosskastanien, Eberesche, Flieder, Maiglöckchen, Bärlauch und Waldmeister. Mit der Himbeerblüte endet der Frühling, der Frühsommer beginnt.

Woran man den Frühling erkennt, fragt übrigens auch Georg Britting in einem meiner Lieblingsfrühlingsgedichte. Seit ich „Früh im Jahr“ vor mehr als einem halben Jahrhundert in der Schule gelernt habe (danke, Herr Erschens), spukt zu Beginn des Frühlings das Bild von der alten Frau in meinem Kopf,

der „in der Küche,
Im felsigen Tief, (…)
Ein Topf überlief,
Mit Sud vom Gewürzten?“

Wer mehr Frühlingsgedichte lesen möchte, wird auf Christianes Blog „Irgendwas ist immer“ fündig.

Früh im Jahr

„Woran erkennst du den Frühling?“  Das frage ich mich jedes Jahr am Ende des Winters, seit ich das Gedicht von Georg Britting in der Schule gelernt habe. Aufsagen kann ich es nicht mehr, nur dass die Luft trächtig ist, Hauch und Gerüche trägt, ist mir im Gedächtnis geblieben, ebenso, dass die alten Frau Mutter schuld hat, weil ihr tief in der Erde ein Topf übergekocht ist, „mit Sud vom Gewürztem“.

Wer das Gedicht geschrieben hat, hatte ich längst vergessen, ebenso den Titel, aber beides konnte ich, Google sei Dank, schnell herausfinden: Das Gedicht heißt „Früh im Jahr“ und es ist in der Tat noch früh im Jahr. Der meteorolische Frühling beginnt  in etwa einer Woche und der kalendarische, der astronomische, erst in einem Monat.

Und woran erkennt man ihn nun, den Frühling? Die Vögel, die sonst immer wussten, wann der Frühling naht, haben, so scheint es, in diesem Winter, der der ja eigentlich kein richtiger war, die Orientierung verloren und gar keine Winterpause gemacht. Sie haben selbst im Dezember und im Januar morgens gezwitschert – so laut, dass ich es selbst bei geschlossenen Fenstern gehört habe.

Unerwünschte Frühlingsboten: Läuse im Wintergarten

Auf andere Tierchen ist dagegen als Frühlingsboten Verlass, auch wenn ich auf sie gerne verzichtet hätte. Wie in jedem Frühjahr sind die Blattläuse wieder da. Die ersten haben sich auf unseren Zitruspflanzen im Wintergarten festgesetzt – und mit den Läusen kommen auch die Ameisen, die mit ihnen in einer Art Symbiose leben: Die Ameisen melken die Blattläuse, sie ernähren sich von dem süßen Nektar, den die Blattläuse ausscheiden, und sie füttern ihre Brut damit. Als Gegenleistung – im Leben ist halt nichts umsonst – transportieren die Ameisen die Larven der Blattläuse an die Blattspitzen und verteidigen die Läuse gegen ihre Feinde – also auch gegen mich?

Denn ich sage ihnen den Kampf an – zumindest im Wintergarten. Die Blattläuse setzte ich mitsamt den Wirtspflanzen vor die Tür in der Hoffnung, dass die Pflanzen die Versetzung heil überstehen, ihre ungebetenen Gäste in einer kühlen Nacht erfrieren, vom nächsten Regenguss weggeschwemmt oder vom Wind verweht werden.

Noch verhüllt: Die Paradiesvogelblüte

Strelizien mögen die Läuse glücklicherweise nicht: Ihre noch verschlossenen Blüten künden ebenfalls vom Frühling. Ich bin gespannt, wann sie sich öffnen – lange dauert es gewiss nicht mehr, bis der erste Paradiesvogel seinen Kopf aus  der grünen Hülle streckt.

Draußen im Garten haben die Schneeglöckchen Gesellschaft bekommen: Die Krokusse blühen, lila meist,

auch die erste Schlüsselblume hat sich hervorgewagt und die ersten Osterglocken – lange vor Ostern.

Die Hyazinthen trauen dem Wetter offenbar noch nicht so recht und verstecken sich noch zwischen ihren großen Blättern. In den nächsten Tagen werde ich das Laub in den Beeten zusammenharken, vorsichtig, damit ich Igel und Co in den Laubhaufen nicht störe, falls sie noch ihren Winterschlaf halten.

Vielleicht lege ich dann auch Rip van Winkle frei, die Narzisse, ich  im letzten Jahr nur wegen ihres Namens gekauft habe – Reminiszenz an Max Frisch, der lange Zeit mein Lieblingsschriftsteller gewesen ist. Er hat die Rip-Van-Winkle-Geschichte in seinem Roman Stiller erzählt hat.

Osterglocke oder Narzisse. Name unbekannt. Rip van Winkle ist es nicht.

Womit wir wieder am Blog-Anfang wären, bei der Literatur. Und natürlich beim Frühling, der hoffentlich bald kommt.

Das Gedicht ist im Internet unter der Adresse http://britting.de/gedichte/4-135.html zu finden