Müde bin ich …

Meine Mutter war ein sehr gläubiger Mensch – und überzeugte Katholikin. Sie hat, so lange es ihr möglich war, nie eine Sonntagsmesse versäumt. Sie ist selbst mit über 90 noch regelmäßig in die Kirche gegangen. Und sie hat oft gebetet. Für sich, mit uns, als wir klein waren, mit meinem Vater, als er dement war. Es hat mich berührt, wenn ich gehört habe, wie sie miteinander gebetet haben, wenn sie ihn ins Bett brachte. Und ich hatte immer das Gefühl, dass es sie tröstet.

In den letzten Wochen und Monaten habe ich meine Mutter oft gefragt, ob wir miteinander beten sollen. Sie hat jedes Mal genickt, und dann betete sie los, wie sie es schon als Kind gelern und auch uns gelehrt hat: „Vater unser“, „Gegrüßet seist du Maria“ und immer auch „Müde bin ich geh zur Ruh“.

Dieses Gebet passt am besten zu ihrer Situation, denn sie ist müde geworden. Sehr müde. Bei meinen beiden letzten Besuchen hat sie fast nur noch geschlafen. Und beim letzten Besuch hatte sie sogar das Beten verlernt. Sie nickte wie immer, als ich sie fragte, ob sie beten wollte, doch als ich sie fragte, was, sagte sie – nichts. Ich betete, oder soll ich sagen, ich sagte die Gebete, die sie ihr Leben lang kannte. Ich merkte, dass sie nach den Worten suchte, sie aber nicht mehr fand. Was bleibt, habe ich mich gefragt, wenn am Ende selbst das schwindet, was einem ein Leben lang Halt gab. Und mir fielen die Worte ein, die Jesus gesagt haben soll, bevor er starb: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk,15,34; Mt, 27,46). (Den genauen Wortlaut und die Quelle habe ich, ich geb’s zu, gegoogelt.)

Weil auch ich von  „Müde bin ich geh zur Ruh“ nur noch die erste Strophe vollständig kannte, habe ich im allwissenden Netz auch danach gesucht – natürlich gefunden. Das Gebet ist von Luise Hensel; von der letzten Strophe gibt es zwei Versionen, von denen mir die, die ich nicht kannte, besser gefällt.  Und es gibt das Gebet, als Gute-Nacht-Lied für Kinder, als cd und auf mp3.

Ich werde das Lied, bevor ich wieder zu meiner Mutter fahre, herunterladen und ihr vorspielen. Und ich werde es mit ihr beten, weil sie es immer getan hat und weil es so gut zu ihrer Situation passt: Müde bin ich, geh zur Ruh

http://www.christliche-gedichte.de/?pg=6201

 

Reformationstag, Allerheiligen und Halloween

Nein, ich bin kein Halloweenfan, aber das Haus am Rand von Isernhagen beeindruckt mich jedes Jahr aufs Neue. Jedes Jahr sieht es ein bisschen anders aus. Heute habe ich zum ersten Mal dort geklingelt und gefragt, ob ich Bilder in meinem Blog posten darf. Ich darf, sagte die Frau, die mir öffnete, verkleidet, weil hier offenbar Halloween gefeiert wird.

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Die Gelegenheit ist seit diesem Jahr günstig, weil der 31.10. seit vergangenem Jahr in Niedersachsen gesetzlicher Feiertag ist. Nicht wegen der Geister, sondern wegen Martin Luther: Am 31.10.1517 soll er seine Thesen an die Schlosskirche von Wittenberg genagelt und so die Reformation eingeleitet haben. Belegt ist das Datum nicht. Aber die Wahl – der Abend vor Allerheiligen, der All Saints oder All Hallows‘ Eve – macht Sinn. Schließlich war der Heiligenkult der (guten) alten römischen Kirche dem Reformator ein Dorn im Auge – und auch, dass man durch den Ablasshandel die Seelen der Verstorbenen aus der Hölle oder dem Fegefeuer freikaufen konnte.

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All die, die beklagen, dass der christliche Reformationstag durch ein heidnisches Feier okkupiert wird und seine Bedeutung verliert, seien daran erinnert: Samhain, den Vorläufer von Halloween, gab‘s schon in vorchristlicher Zeit. Für die Kelten begann in dieser Nacht der Winter – und die Herrschaft des Todesfürsten. In dieser Nacht öffnete sich die Tür zur Parallelwelt, die Toten konnten hindurch und in die Körper der Lebenden schlüpfen. Um sich zu tarnen und um die bösen Geister abzuschrecken, verkleideten sich die Menschen in dieser Nacht. Außerdem opferten sie soul cakes, um die herumspukenden Geister zu besänftigen. Trick or treat, heißt das bei kleinen Halloweenfans, die allerdings Süßigkeiten bevorzugen.

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Jedi meets Halloween

Die Kirchenoberen übernahmen das keltische Fest, „christianisierten“ und integrierten es als Allerheiligen in ihren Festkalender – wie sie es auch mit anderen heidnischen Feiertagen taten. Weihnachten und Ostern sind die wohl bekanntesten Beispiele.  Kein Grund also, über die Heidnisierung von Reformationstag und Allerheiligen zu jammern. Jetzt erobern die Geister ihr Fest zurück.

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