Tagebuch schreiben

Vor ein paar Tagen habe ich ein neues Tagebuch angefangen. Und obwohl es schon so viele waren in all den Jahren ist es immer wieder ein besonderes Gefühl. Ich weiß nicht, wie viele Bücher ich vollgeschrieben habe, seit ich Anfang der 70er– angeregt durch das Tagebuch von Anne Frank – damit begonnen habe. Ich habe sie nie gezählt – aber es müssen mehr als hundert sein. Die Kladden füllen inzwischen mehrere Regalbretter.

Tagebücher stapelweise P1020920
Tagebücher – stapelweise

Mein erstes Tagebuch mit einem orange gemusterten Plastikeinband und verschließbar habe ich wiedergefunden, als ich im letzten Jahr das Haus meiner Eltern teilweise ausgeräumt habe. Der Verschluss ist aufgeschnitten, den Schlüssel habe ich wahrscheinlich irgendwann verloren. Einige Seiten sind herausgerissen, der Rest ist fast leer. Warum ich nicht weitergeschrieben habe, weiß ich nicht mehr genau. Vielleicht weil  ich gemerkt habe, dass jemand versucht hatte, darin zu lesen.

Einige Tagebücher aus den Anfangsjahren sind verschwunden, einige habe ich zerrissen und verbrannt – in Anfällen von Selbstzweifeln oder um zu verhindern, dass irgendjemand sie liest. Das eine oder andere  ist wohl auch im Laufe der Jahre verloren gegangen – bei diversen Umzügen oder durch andere Umstände.

In den ersten Jahren habe ich eher spontan und verhältnismäßig wenig geschrieben, inzwischen fülle ich etwa vier Bücher  im Jahr. Zurzeit benutze ich Bücher  von Leuchtturm, weil es meine heißgeliebten Claire-Fontaine-Kladden – blanco, mit flexiblem einband und 96 Blatt – nur selten in meinen Wunschfarben gibt und bestimmte Farben angeblich auch nicht zu bestellen sind (Falls jemand mir die Claire-Fontaine-Hefte in Lila, Beere oder Petrol besorgen kann, freue ich mich).

Tagebuch P1020888
Time to write – nur ein paar Minuten in einem meiner Lieblingsgärten

Ich bin eine notorische Tagebuchschreiberin – ohne mein Tagebuch gehe ich nur selten aus dem Haus. Und ich habe auch schon mal einen Zug verpasst, weil ich auf dem Weg zum Bahnhof gemerkt habe, dass ich mein Tagebuch vergessen hatte und deshalb umkehren musste. Ich schreibe überall. Im Bett, im (Winter)Garten, im Zug, in der Straßenbahn, im Bus, in der Badewanne, in der Sauna  – wo immer es mir gerade in den Sinn kommt. Seit einiger Zeit verändern sich meine Einträge, immer häufiger klebe ich Bilder in mein Tagebuch oder zeichne etwas, völlig talentfrei, aber bunt. Mein Leben soll bunter werden, das habe ich mir fest vorgenommen, und mein Tagebuch macht den Anfang.

Tagebuch bunt DSC_6870-k
Farbe bekennen. Foto: Nele Schmidtko

Neben meinem klassischen Tagebuch führe ich auch noch ein digitales  – eine Tagebuchdatei. Und natürlich mein Bullet Journal, in das ich täglich notiere, was ich erledigen soll – oder sollte. Also  eine Art Arbeits-Tagebuch.

Im Herbst 2017 habe ich das Fünf-Jahresbuch entdeckt. seither notiere ich an (fast) jedem  Abend, was am Tag passiert ist. Für jeden Tag gibt es nur ein paar Zeilen, ich muss mich also kurz fassen – Some Lines a Day, so viel Zeit muss sein. In meinen alten Tagebüchern lese ich nie, doch während ich in das Fünf-Jahres-Buch schreibe, schaue ich meist, was ich vor genau einem Jahr erlebt habe, worüber ich mich geärgert oder gefreut habe (und täglich grüßt das Murmeltier).

Und dann gibt es seit einigen Monaten noch das Dankbarkeits-Tagebuch. Ein Blogpost von That’s Michi (https://thatsmichi.wordpress.com/2019/03/23/30-dinge-fur-die-ich-dankbar-bin/) hat mich auf die Idee gebracht.

Tagebücher diverse P1020902
Tagebücher – ein uraltes und drei aktuelle

Natürlich konnte nicht widerstehen und habe mir ein Dankbarkeits-Tagebuch gekauft. Seither starte ich mit einer Tasse Kaffee und dem Schreiben der Morgenseiten in den Tag  und beende ihn meist damit, mich daran zu erinnern, was positiv war, was ich Schönes erlebt habe. Manchmal sind es Kleinigkeiten, die ich notiere – die erste Erdbeere zum Beispiel, ein nettes Gespräch oder dass ich beim Besuch in einem offenen Garten für ein paar Minuten an einem kleinen Teich sitzen durfte. Und manchmal wird mir erst beim Nachdenken und Schreiben bewusst, wie viel es doch gibt, wofür ich dankbar sein sollte oder bin.

Fehmarn – Besser spät als nie

Manchmal frage ich, warum ich manches erst so spät für mich entdeckt habe. Die Herrenhäuser Gärten beispielsweise, die ich zum ersten Mal besucht habe, als ich schon ein paar Jahre bei Hannover lebte. Seitdem habe ich eine Dauerkarte und gehe oft hin, wenn ich in Hannover bin. Oder Fehmarn. Dabei ist die Ostsee-Insel angeblich die sonnenreichste Insel Deutschlands. Campingplätze gibt es zwar nicht gerade wie Sand am Meer, aber doch sehr viele. Und auch die Entfernung ist einigermaßen akzeptabel. Ohne Stau braucht man von zu Hause aus nur etwa drei Stunden.

Trotzdem haben wir Fehmarn bislang im wahrsten Sinne des Wortes immer links liegen gelassen. Wenn wir ans Meer wollten, sind wir meist vor Lübeck gen Osten abgebogen, um auf den Darß zu fahren. Vielleicht lag‘s daran, dass unser erster und bis dato einziger Fehmarn-Aufenthalt nicht wirklich gelungen war: Der Campingplatz hatte uns trotz fünf Sternen nicht wirklich gefallen. Das gemietete Mobilheim war dunkel, ohne Blick aufs Meer, das Wetter durchwachsen. Und zu allem Überfluss quälte unsere Tochter eine schmerzhafte Augenentzündung, sodass wir fast nach Hause gefahren wären. Kurz: Der Urlaub damals stand offenbar unter keinem guten Stern, vielleicht waren wir einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.

Der erste Eindruck ist ja bekanntlich oft entscheidend. Und so dauerte es rund 20 Jahre, bis wir einen zweiten Versuch wagten: zu einer anderen Zeit, diesmal im Frühjahr, an einem anderen Ort, auf dem Campingplatz Flügger Strand. Bekannte, die den Platz seit Jahren kennen, hatten ihn uns empfohlen.

Aus dem Auto
Das Meer immer im Blick
Vor dem Womo DSC_0523
Im Vorgarten

Zu Recht: So eine schöne Aussicht hatten wir auf noch keinem Camping- oder Stellplatz in Deutschland. Wir standen in der ersten Reihe, direkt in den Dünen. Rund um die Uhr konnte ich vom Wohnmobil aus das Meer sehen. Auch das Wetter spielte drei Tage lang mit: Es war so, wie die Meteorolügen es vorhergesagt hatten: Die Sonne schien den ganzen Tag, ehe sie abends wie ein roter Feuerball im Meer versank, bestaunt von uns und anderen Campinggästen, die sich dazu am Strand einfanden. Es war faszinierend zu sehen, wie dieses Schauspiel (fast) alle in seinen Bann zog.

fehmarn Sonnenuntergang _DSC3119-1 (Large)
Beeindruckendes Schauspiel: Sonnenuntergang auf Fehmarn (Foto: Utz Schmidtko)

Tagsüber war der Strand oft fast menschenleer, bei unseren Strandspaziergängen trafen wir nur wenige. Nur ein paar Angler standen immer am Strand oder gelegentlich auch bis zur Brust im Wasser. Bemerkenswert war die Ruhe. Obwohl rund um uns alle Stellplätze belegt waren und manche Dauercamper das lange Wochenende nutzten, um ihre Wohnwagen für die bevorstehende Campingsaison fit zu machen, war es still, sehr still. Meist hörte man nur das Branden der Wellen an den Strand und das Brausen des Winds, der uns kräftig um die Ohren blies.

Keine Frage, der Platz ist ideal für eine kleine (digitale) Auszeit zwischendurch. Die mobilen Daten funktionierten auf meinem Smartphone nicht, WLAN gibt es zwar auf dem Campingplatz, aber wir wollten keins. Drei Tage ohne Internet, ohne E-Mails und Computer. Aufs Meer sehen statt fernsehen. Lesen (fast 700 Seiten, „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante und „Fluch des Schlangenmenschen“ von Foe Rodens, beide Bücher haben mir sehr gut gefallen), schreiben (wieder mal per Hand), fotografieren und malen. Ich bin wieder mal gelaufen (fast schmerzfrei), 162 Stufen hoch auf den Flügger Leuchtturm gestiegen, habe Tai Chi am Strand geübt und die Seele baumeln lassen. Nur gebadet habe ich nicht, obwohl ich das eigentlich wollte. Denn das Wasser war zwar glasklar und verlockend, aber so kalt, dass mir schon meine Füße fast abgefroren sind, als ich ein bisschen durchs Wasser watete.

flügger Leuchtturm
Flügger Leuchtturm von unten …
fehmarnsundbrücke DSC_0641
… und Blick von oben auf die Fehmarnsundbrücke

Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Ich werde es nachholen, wenn wir das nächste Mal nach Fehmarn fahren. Das wird sicher nicht wieder 20 Jahre dauern. Denn Fehmarn hat das Zeug, meine deutsche Lieblingsinsel zu werden.

PS: Für alle, die es genauer wissen wollen: Die Sanitäranlagen sind modern, sehr gepflegt und sehr sauber, das Essen im Restaurant Dünenhaus bei Annette war prima (wir konnten auf der Terrasse essen), der Service sehr freundlich: Dass wir am Abreisetag bis abends bleiben wollten, um den Stau um Hamburg zu umgehen, war kein Problem. So macht Camping Spaß.