Von Namens- und anderen Ähnlichkeiten

Es gibt Orte, da fühlt man sich von Anfang an heimisch, auch wenn man noch nie dort gewesen ist. Bad Schandau ist so ein Ort. Schon der Name weckt Assoziationen. Das Haus, in dem ich geboren gehörte Familie Schander. Der Name Schander ist möglicherweise eine Abkürzung von Schandauer – vielleicht sind die Vorfahren aus Bad Schandau an die Mosel gezogen.

Im Ort selbst erinnert mich vieles an meinen Heimatort, wie er früher war, in meiner Kindheit in den 50er- und 60er-Jahren: die herrschaftlichen Häuser am Flussufer beispielsweise, auch wenn die in Bad Schandau deutlich größer sind als in Neumagen, die gepflasterte Dorfstraße, an der hier wie dort ein Blumenladen, ein Hotel und eine Metzgerei nah nebeneinander liegen.

Und da ist natürlich der Fluss: Die Elbe sieht irgendwie noch so aus wie die Mosel, bevor sie kanalisiert, also begradigt und schiffbar gemacht wurde. In Bad Schandau und in vielen Nachbarorten gibt es sogar noch Fähren, die Bewohner und Gäste von der einen auf die andere Flussseite bringen, Brücken sind dagegen seltener als an der Mosel.

In Neumagen wurde die Fähre Mitte der 60er Jahre stillgelegt, als die Brücke fertig war. Bis dahin musste man den Fährmann – Fährmanns Pittchen – rufen, wenn man von der einen auf die andere Moselseite übersetzen wollte. Und während ich diesen Text schreibe, klingt das „Holüber“ in meinem Ohr – auch wenn ich es wahrscheinlich selten gehört habe und nur aus Erzählungen meiner Eltern kenne. Denn mein Leben als Kind spielte sich auf der Neumagener, der rechten Moselseite ab. Auch die Bundesstraße auf der anderen Moselseite gab es damals nicht. Und so schlängelte sich der ganze Autoverkehr damals noch durch den Neumagen – wie heute noch durch Bad Schandau. Nur dass es damals viel weniger Autos gab.

Vor allem Winzer, die in ihre Weinberge auf der anderen Moselseite wollten, nutzten die Fähre in Neumagen. In Bad Schandau sind es die Touristen, die zum Nationalparkbahnhof wollen, der auf der anderen Elbseite liegt. Auch ich bin am Samstag mit der Fähre zum Bahnhof gefahren.

Eine typische Elbfähre, hier die bei Rathen

An den beiden Tagen davor habe ich mir aber Bad Schandau noch angesehen: Ich bin durch den Kurpark zum Botanischen Garten gewandert, der mich allerdings enttäuscht hat. Möglicherweise waren meine Erwartungen zu hoch, weil ich den Berggarten vor Augen hatte, sicher war auch die Jahreszeit für einen Gartenbesuch nicht optimal. Im Sommer sieht er vermutlich anders – attraktiver – aus. Viel besser als der Botanische Garten hat mir der kleine Kirchgarten an der Evangelischen Kirche gefallen – eine kleine grüne, stille Oase mitten in der Stadt.

Kirchgarten – kleines Idyll mitten in der Stadt

Apropos Stadt: Mit den acht Orts- pardon Stadtteilen hatte Bad Schandau am 31. Dezember 2019 gerade mal 3.600 Einwohner. Viel kleiner ist, so viel Lokalpatriotismus muss sein, mein Heimatort auch nicht. Obwohl Neumagen, pardon, Neumagen-Dhron, vor Kurzem selbst eingemeindet wurde, wohnen dort immerhin noch gut 2.200 Menschen.

Gefallen hat mir auch der Blick von der oberen Aufzugsplattform. Ja, in Bad Schandau gibt es einen Outdoor-Aufzug, der die Kernstadt unten an der Elbe mit dem Ortsteil Ostrau auf dem Berg verbindet. Zumindest halbwegs. Denn der Aufzug überwindet laut Wikipedia „nur“ einen Höhenunterschied von 47,76 Metern (https://de.wikipedia.org/wiki/Personenaufzug_Bad_Schandau). Danach geht’s zu Fuß durch den Wald weiter. Doch es lohnt sich, am Aufzug eine Pause einzulegen: Von der Aussichtsplattform und der fast 30 m langen Brücke hat man einen tollen Blick auf den Ort und auf die Elbe. Und auch der Aufzugsturm selbst im Jugendstil ist sehenswert.

Eine Straßenbahn gibt es in Bad Schandau übrigens auch. Sie heißt Kirnitzschtalbahn, ist quietschegelb, fährt – wie der Name sagt – durch das Kirnitzschtal vom Kurpark bis zum Lichtenhainer Wasserfall und wird vor allem von Wanderern benutzt, die an diversen Haltestellen aus- und in ihre Wandertouren einsteigen. Wir haben das auch getan; wir sind zum Beispiel vom Lichtenhainer Wasserfall zum Beuthenfall gewandert. Und auch im nassen Grund haben wir eine Wanderung begonnen – und ungeplant wieder beendet. Denn der Name erwies sich als (schlechtes) Omen. Es hat die ganze Zeit geregnet und wir haben die Tour irgendwann abgebrochen und sind wieder zum Ausgangspunkt zurückgekehrt.

Ein Muss für Eisenbahnfans – mit einem besonderen Gruß nach Neumagen an HS

An meinem letzten Tag in Bad Schandau war das Wetter besser, obwohl die Meteorolügen Regen vorausgesagt hatten. Und so habe ich am Elbufer gefrühstückt – keine Selbstverständlichkeit im Oktober – und konnte beobachten, wie die Festung Königstein aus dem Nebel auftauchte und wieder darin verschwand. Auch das hat mich an die Mosel erinnert – nur der im Herbst typische Duft nach Trauben, Hefe und jungem Wein fehlte.

Abschied vom Elternhaus

Nach Neumagen. Zum vierten und wahrscheinlich letzten Mal in diesem Jahr. Und wohl zum letzten Mal in mein Elternhaus. Denn das Haus ist verkauft, meine Schwester hat den Kaufvertrag im vergangenen Monat unterzeichnet.

Seit meinem letzten Besuch hat sich eigentlich wenig getan. Einige Möbel, manche Bilder und die Kleider meiner Mutter haben wir beim Umzug im Januar mitgenommen. Ein paar Sachen haben meine Schwestern bei ihrem letzten  Besuch eingepackt. Aber die meisten Möbel stehen noch. Und trotzdem hat sich seit meinem letzten Besuch im Juli etwas verändert: Das Haus hat für mich seine Seele verloren.

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Die Mosel zeigt sich beim Abschied von ihrer herbstlich schönsten Seite – im Nebel versunken am Morgen …

Ich bin froh, dass meine Tochter mich begleitet. Sie hat in Trier studiert und ihre Großeltern während des Studiums oft besucht. Sie hängt am Haus – und hat hier noch manche Studienunterlagen zwischengelagert. Jetzt sortiert sie eifrig aus, wirft weg, was sie nicht mehr braucht, füllt nicht nur die eigene, sondern auch die Papiertonne von Freunden, die in der Nachbarschaft wohnen.

Weil die Käufer das Haus mitsamt Möbeln und Inventar übernehmen, müssen wir es nicht leerräumen: Das erspart uns nicht nur viel Zeit und Geld, sondern auch das Gefühl, das Leben meiner Eltern zu entsorgen. Das wäre mir sicher schwer gefallen. So freue ich mich, dass die Möbel weiter genutzt werden – der Abschied fiel mir leichter als befürchtet.

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… und am Abend, an fast der gleichen Stelle auf Zummet bei Trittenheim.

Es gab schöne Momente – gemeinsame Fototouren mit meiner Tochter zum Beispiel und gute Gespräche mit Freunden und Nachbarn – und berührende. So entdeckte meine Tochter ein Kästchen aus Holz, verziert mit Herzen. „Schmuckkästchen für N“, hatte mein Vater auf einen Zettel geschrieben, der mit einem Kettchen mit Herzanhänger im Kästchen lag. Er hatte ihr das Kästchen nie gegeben, vielleicht hat er es, als die Demenz ihn einfing, vergessen. Sie nimmt es natürlich mit – ein später Gruß von ihrem vor acht Jahren gestorbenen Opa – , ebenso wie einen Stempel mit den Initialen ihres Urgroßvaters und einen Schuhlöffel mit der Aufschrift: Michel Rodens, Schuhhandlung. Mein Großvater war Schuhmachermeister. Vielleicht hat meine Tochter von ihm ihr Talent für Lederarbeiten geerbt.

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Ungewohnter Anblick und herrlicher Ausblick: Ziegen auf Zimmet über Piesport

Die meisten Dinge, die ich einpacke, haben eher Erinnerungs- als materiellen Wert: eine alte Pfanne aus Gusseisen beispielsweise, eine Muskatreibe aus Blech inklusive Muskatnuss, ein Teeei , ein Rührlöffel, dessen Laffe im Laufe der Jahre halb abgewetzt ist, zwei Weingläser mit angeschlagenen Rändern, einen alten Bademantel und die Armbanduhr meiner Mutter, die schon seit Jahren nicht mehr funktioniert.

Vom Rosenthal-Kaffeegeschirr gibt es nur noch drei Tassen, ich nehme die drei vollständigen Gedecke mit, ebenso wie eine Sammeltasse, die ich zur ersten Kommunion Mitte der sechziger Jahre bekommen habe. Damals fand ich die Tasse scheußlich, heute gefällt mir das Muster. Benutzen werde ich die Tasse allerding wohl nie, weil gerade mal ein Schluck Kaffee hineinpasst. Das Silberbesteck hat meine älteste Schwester unter uns dreien aufgeteilt – zwei Messer und Gabeln für jeden. Aber an Kuchengabeln mangelt es mir jetzt  gewiss bis zum Lebensende nicht mehr.

Am Ende passt alles in unseren Kleinwagen. Den Esszimmerschrank und ein dazu passendes Regal – Erbstücke meiner Großtante – lasse ich von einer Spedition nach Hannover bringen. Da bei uns kein Platz ist, gewährt  meine Tochter ihm in ihrer Küche Asyl.

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Der alte Schrank aus dem Esszimmer meiner Eltern bekommt bald eine neue Heimat.

Zurück bleiben viele Bücher, noch mehr Erinnerungen und einige Menschen, mit denen ich in Verbindung bleiben werde. Auch wenn ich nicht mehr so oft wie bisher an die Mosel fahren werde.

Alles schmeckt nach Abschied (II)

Wieder an der Mosel, in dem Ort, wo meine Mutter bis vor drei Monaten gelebt hat. Bei meinem letzten Besuch habe ich den Umzug meiner Mutter vorbereitet und sie am Ende einer anstrengenden Woche mit in ein Altenheim in meiner Nähe genommen. Jetzt bin ich zurückgekommen, um in Ruhe Abschied zu nehmen. Von dem Dorf, in dem ich geboren wurde, von dem Haus, das meine Eltern gebaut haben, das ihr und lange auch mein Zuhause war. Wir werden es verkaufen, weil die Rente meiner Mutter trotz Pflegeversicherung nicht ausreicht, um das Heim zu finanzieren.

Freunde holen mich vom Bahnhof ab, laden mich ein, am nächsten Tag mit ihnen essen zu gehen. Am Abend treffe ich eine Freundin aus der Schulzeit, die gekommen ist, um ihren Vater zu besuchen, am nächsten Vormittag besuche ich die Nachbarn gegenüber. Den Nachbarn ist es zu verdanken, dass meine Mutter so lange alleine leben konnte.  Jetzt empfangen sie mich mit offenen Armen: Ich tauche ein in die Nachbarschaft, gehöre dazu, als sei ich nie weggewesen. Ich bin wieder zu Hause. Auf den ersten Blick ist alles ist wie immer, nur meine Mutter fehlt.

Nicht nur sie, sondern auch eine gute Bekannte, die in der gleichen Woche wie meine Mutter in ein Altersheim umgezogen ist. Die Nachbarschaft, das Dorf verändert sich: In den nächsten Jahren werden 80 Häuser verkauft, weil die Besitzer keine Kinder haben oder deren Kinder weit weg wohnen, rechnet ein Bekannter mir vor. Allein in unserer Straße sind es einige. Wenn die Nachbarn, die in den letzten Jahren nach meiner Mutter geschaut haben, in einigen Jahren so alt sind, dass sie Hilfe brauchen, wird es nur noch wenige junge Nachbarn geben, die helfen können – oder wollen. Und auch die Infrastruktur im Dorf wird schlechter: Viele Läden sind in den vergangenen Jahren verschwunden, noch gibt es zwei Bäcker, einen Metzger und einen kleinen Supermarkt. Doch wenn der geschlossen wird, braucht man ein Auto, um sich mit dem nötigsten zu versorgen. Und was, wenn man nicht mehr fahren kann? Schlechte Voraussetzungen, um alt zu werden. Und sicher auch ein Grund, warum ich nicht mehr an die Mosel zurückziehen will, obwohl ich die Landschaft mag.

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Eine alte Tradition gibt es noch: Als ich am Morgen des 1. Mai laufe,  höre ich Musik. Wie früher spielt der Musikverein von dem kleinen Aussichtsturm auf der gegenüberliegenden Moselseite „Der Mai ist gekommen“ und andere Frühlingslieder. Ich bin, so scheint es, fast die einzige, die das Konzert hört. So früh ist noch kaum jemand auf der Straße.

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Blick vom Türmchen auf Neumagen.

Die nächsten Tage vergehen wie im Flug: Ich arbeite im Garten, kümmere mich um Dinge im und rund ums Haus, die erledigt werden müssen, miste mein Zimmer aus, in dem noch Bücher aus meinen Studienzeiten stehen. Und immer wieder beantworte ich die Frage, wie es meiner Mutter geht, immer mit einem Kloß im Hals. Viele kannten meine Mutter; dass sie ab und zu aus dem Heim weggeht, wundert niemand: Sie war auch hier fast bis zuletzt viel mit ihrem Rollator unterwegs – bei Wind und Wetter: zum Friedhof, zum Einkaufen, manchmal auch bis zur Kirche. Dass ich meine Mutter dank GPS-Tracker schnell orten kann, wenn sie mal nicht mehr zurück ins Heim findet, finden alle gut.

Außerdem unternehme ich Dinge, für die bei meinen Aufenthalten in den vergangenen Jahren keine Zeit blieb: Ich fahre nach Metz und Luxemburg, wandere zur Konstantinhöhe  und zur Märtyrerkapelle: Bis kurz vor Neumagen war der Legende nach angeblich die Mosel rot vom Blut der auf dem Marsfeld in Trier ermordeten Soldaten der Thebäischen Legion. Sie wurden hingerichtet, weil sie dem Christentum abschwören wollten. Und natürlich gehe ich zum Türmchen: Von dort habe ich einen guten Blick aufs Dorf, sehe unser Haus und sogar mein Zimmer.

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Auf dem Weg zur Konstantinhöhe: einer meiner Lieblingsplätze, das Fährfels-Plateau ganz nah …

 

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… und von oben.

Mit der Mosel ist es wie mit meiner Mutter: Es ist ein Abschied auf Raten. Ich werde auf jeden Fall wiederkommen, irgendwann im Sommer. Und dann werde ich auch den Besuch in Trier nachholen, für den ich jetzt doch noch keine Zeit hatte.

Wandern für Anfänger

Ich bin in den vergangenen zwölf Monaten zum Couchpotatoe mutiert. Zu meiner Ehrenrettung muss ich sagen: Wider Willen, denn eigentlich bewege ich  mich sehr gerne. Bis zu meiner Knieverletzung  war ich eine ganz passable und begeisterte Läuferin. Ich bin schon gejoggt, als joggen noch langstreckenlaufen hieß.

Doch seit einem Jahr läuft’s leider nicht mehr.  Auch eine Meniskus-OP im vergangenen Dezember hat daran bislang nichts geändert, im Gegenteil. Das Training auf dem Crossstepper ist für mich nur eine Notlösung und auch gehen ist nicht wirklich mein Ding. Es geht mir nicht schnell genug. Dabei täte es mir wahrscheinlich gut, es einmal ruhiger angehen zu lassen –nicht nur sportlich. „Wandern ist die vollkommenste Art der Fortbewegung, wenn man das wahre Leben entdecken will. Es ist der Weg in die Freiheit“, behauptet Elizabeth von Arnim. Grund genug, es auch einmal gehend zu versuchen.

Als ich letztens  eine Woche an der Mosel war, habe  ich es immerhin geschafft,  fast jeden Tag spazieren zu gehen oder zu wandern. Mal mit Freunden, mal allein, meist mit Blick auf den Fluss. Denn das Wasser vermisse ich im Norden  immer mehr,  je älter ich werde. Einer meiner Lieblingswege in der alten heimat: der erste Teil des Römersteigs von Trittenheim  bis zur Konstantinhöhe hoch auf dem Berg. Auf der steilen Treppe am Anfang des Wegs merke ich, dass mein Knie noch lange nicht in Ordnung ist – und dass meine Kondition nach einem Jahr fast ohne Sport sehr zu wünschen übrig lässt. Nach der Treppenetappe geht’s auf einem Weinbergsweg nach oben: durch die noch kahlen Weinberge, die an der Mosel Wingerte heißen, auf einem Pfad ganz nach meinem Geschmack: schmal, naturbelassen, mit schönem Blick auf die Mosel.

Auf dem Weg zum Fährfels-Plateau DSCN0228
Auf dem Weg zum Fährfelsplateau.

Kurze Pause auf dem kleinen Fährfelsplateau – in der Sonne sitzen, lesen und schreiben mitten in den Weinbergen. Wer allerdings auf der Bank sitzend den Tisch erreichen will, braucht längere Arme als meine.

Leider endet der schmale Pfad schon bald, weiter geht‘ s auf einem breiten Wirtschaftsweg – allerdings entschädigt der Ausblick auf die Mosel für die „Wanderautobahn“. Bei der Abzweigung Schieferhöhlen/Konstantinhöhe wird’s wieder besser. Den anspruchsvolleren Klettersteig, der auf der linken Seite auf die Höhe führt,  schafft mein lädiertes rechtes Knie noch nicht, also nehme ich den schmalen Waldweg zur Linken, der etwas weniger steil  zur Konstantinhöhe führt. Die verdankt ihren Namen dem römischen Kaiser Konstantin. Ihm soll hier – oder vielleicht auch an einer anderen Stelle auf dem Neumagener Berg – im Traum ein leuchtendes Kreuz Himmel erschienen sein und Christus soll ihm geraten haben, es gegen seine Feinde einzusetzen: in hoc signo vinces – in diesem Zeichen wirst du siegen. Konstantin befahl  daraufhin das Kreuz als Feldzeichen zu verwenden, berichtet Eusebius von Caesarea in seiner Biographie Kaiser Konstantins – und besiegte seinen Gegner Maxentiuns 312 an der Milvischen Brücke.  Der Schrift­stel­ler Lak­tanz schreibt, Konstantin habe den Traum in der Nacht vor der Schlacht gehabt.  Wie er es dann rechtzeitig vom Neumagener Berg bis nach Italien geschafft hat, wissen die Götter. Ich habe jedenfalls keine Vision, dafür genieße ich den Ausblick, auch wenn sich die Sonne ein bisschen verzogen hat. Dann geht’s zurück, statt über den Berg nach Neumagen wieder nach Trittenheim.

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Konstantinhöhe über Trittenheim

Zwei Tage später wandere ich einen weiterer Teil des Römersteigs: Von Piesport gehe ich an der Mosel entlang zurück Richtung Neumagen. Kurz hinter Ferres, einem Mini-Dorf mit gut einem Dutzend Häusern, geht’s wieder über eine steile Wingertstreppe den Berg hoch. Wieder macht sich das fehlende Training bemerkbar und ich bewundere die Männer, die im Herbst den ganzen Tag über diese Treppe die Trauben mit in einer zentnerschweren Hotte hoch- oder runtertragen. Auch das Traubenlesen hat im Steilhang seine Tücken, das weiß ich aus Erfahrung: Wenn der Eimer mal losrollt, gibt es kein Halten mehr.

Den DIN-Normen entspricht diese Treppe gewiss nicht: keine der steinernen Stufen gleicht der anderen. Mir ist’s recht, mir gefällt sie wesentlich besser als die 0815-Betonversion in Trittenheim.

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Nix mit DIN – Moselsteig Teil 2

Doch leider ist der zweite Teil der Treppe gesperrt, die zum verbotenen Heck führt. Der „Wanderpfad mit alpinem Charakter“ soll an der Schutzhütte Weislei enden. Weil ich den Weg nicht kenne, nur wenig Zeit habe und sich dunkle Wolken am Himmel zusammenballen, folge ich den Römersteig-Schildern. Die Umleitung entpuppt sich bis auf eine kurze Zwischenetappe wieder als breiter Wirtschaftsweg; auch hier entschädigt wieder der Blick auf die Mosel. Doch ein richtiger Wanderweg ist der Römersteig leider nicht. Zu viel gut ausgebaute Rad und Wirtschaftswege, zu wenig schmale, naturbelassene Wanderwege. Schade.

Doch ich gebe dem Wandern eine Chance: Beim nächsten Moselbesuch werde ich auf der verbotenen Treppe zum verbotenen Heck wandern. Und demnächst geht’s im Harz auf dem Hexenstieg – 97 Kilometer von Osterode nach Thale. Schluss mit Couchpotatoe.