Blogparade: Welches Buch hat mein Leben verändert?

Ich lese viel und hatte in verschiedenen Phasen meines Lebens verschiedene LieblingsautorInnen – es waren fast immer Frauen, obwohl in meiner Schul- und Studienzeit Autoren meist männlich waren (doch das ist ein anderes Thema). Als Kind habe ich die Bücher von Enid Blyton verschlungen, später, als Erwachsene, standen u. a. die Bücher von Simone de Beauvoir, Max Frisch, Anja Meulenbelt, Marianne Frederiksen, Rebecca Solnit oder Siri Hustvedt ganz oben auf meiner Leseliste. Aber als ich Melanie Hafners Aufruf zur Blogparade „Welches Buch hat dein Leben verändert?“ las, wusste ich sofort, über welches Buch ich schreiben wollte: Über „Das Tagebuch der Anne Frank“*. Denn es hat mein Leben, mein Lesen und mein Schreiben so beeinflusst wie kein anderes. „Wenn ich, wie die Buchmenschen in Ray Bradburys Roman Fahrenheit 451, ein Buch auswendig lernen müsste, um es in meinem Kopf vor der Vernichtung zu retten, wäre es das Tagebuch der Anne Frank“, habe ich vor fünf Jahren in einem Blogbeitrag geschrieben. Daran hat sich nichts geändert.

Das Tagebuch der Anne Frank

Vorstellen muss ich dieses Buch sicher nicht: Das Tagebuch des jüdischen Mädchens, das mit seinen Eltern aus Nazi-Deutschland fliehen musste, sich fast zwei Jahre lang mit seinen Eltern und seiner Schwester in einem Hinterhaus in Amsterdam versteckte, verraten und ermordet wurde, gehört zu den meistgelesenen Büchern. Es wurde in rund 80 Sprachen übersetzt und 2009 von der UNESCO in das Weltdokumentenerbe aufgenommen.

Ich habe das Taschenbuch vor mehr als einem halben Jahrhundert gekauft und es hat mich seither begleitet. Inzwischen stehen auch mehrere neuere, sicher textkritischere Ausgaben in meinem Bücherregal. Aber das Buch aus dem Jahr 1972 ist mir immer noch das liebste: Wir sind gemeinsam alt geworden, die Blätter sind schon vergilbt, einige lösen sich bereits.  

Mit 16 habe ich das Tagebuch zum ersten Mal gelesen und lese seither immer wieder darin. Anne Frank war erst 15, als sie 1945 im Konzentrationslager Bergen Belsen an Typhus und Entkräftung starb. Aber ihr Buch lebt weiter – und hat sicher nicht nur meine (politische) Einstellung beeinflusst.

Nachdem ich Anne Franks Tagebuch gelesen habe, fing ich selbst an, Tagebuch zu schreiben – und habe nie wieder damit aufgehört. Inzwischen stehen weit über 100 Tagebücher in meinen Regalen. Neben den analogen Tagebüchern gibt es inzwischen auch digitale.

Die Stadt der Tagebücher

Ich schreibe nicht nur Tagebuch, ich lese auch gerne die Tagebücher anderer Menschen. Meine Begeisterung für Tagebücher hat mich 2023 nach Pieve Santo Stefano geführt. Die kleine Stadt am Tiber stand auf meiner To-visit-Liste, seit ich Barbara Bronnens Buch „Die Stadt der Tagebücher“ gelesen habe.

So schön wie andere Orte in der Toskana ist die kleine Stadt am Tiber nicht. Denn Pieve Santo Stefano wurde im Zweiten Weltkrieg von deutschen Soldaten fast völlig zerstört. Doch Anfang der 80er-Jahre hat der italienische Journalist Saverio Tutino dort das nationale Tagebucharchiv (Archivio Diaristico Nazionale) initiiert, in dem inzwischen mehrere tausend Tagebücher und andere zeitgeschichtliche Dokumente aufbewahrt werden.

Für einen Besuch im Tagebucharchiv reichten meine Italienischkenntnisse leider nicht aus. Aber in dem kleinen Tagebuchmuseum, dem piccolo museo del diario, konnte ich mir Auszüge aus den dort gesammelten Tagebüchern ansehen und auf Englisch anhören. Besonders beeindruckt hat mich das Schicksal von Orlando Orlandi Posti. Der 17-Jährige wurde Anfang Februar 1944 in Rom von der SS verhaftet und am 24. März 1944 mit 334 anderen Menschen in den Fosse Ardeatine von deutschen Soldaten ermordet. Die Briefe, die er im Gefängnis an seine Mutter geschrieben hat, wurden als Buch veröffentlicht. Wenn sie endlich ins Deutsche übersetzt werden, werde ich sie mir sicher kaufen.

Auch in Emmendingen in Baden-Württemberg gibt es inzwischen ein Tagebucharchiv. Es „versteht sich als Aufbewahrungsort solcher Zeitzeugnisse aus dem deutschen Sprachraum. Unveröffentlichte Tagebücher, Lebenserinnerungen und Briefe von nicht prominenten  Personen werden hier gesammelt, archiviert, fachgerecht aufbewahrt und sowohl der Wissenschaft als auch der Allgemeinheit zugänglich gemacht.“ Vielleicht schaffe ich es ja in diesem Jahr endlich, das Archiv und das kleine Tagebuchmuseum zu besuchen.

„Schreiben will ich“

Zurück zu Anne Frank: Sie wäre gerne Schriftstellerin geworden. Während sie sich im Hinterhaus verstecken musste, schrieb sie nicht nur Tagebuch, sondern auch andere Texte und Geschichten. Und sie träumte davon, sie nach dem Krieg zu veröffentlichen. Auszüge aus den Tagebüchern und anderen Werken wurden 2016 in dem Buch „Denn schreiben will ich“ veröffentlicht**.

Auch ich wollte schreiben – ob erst seit ich Anne Franks Tagebuch gelesen hatte oder schon früher, erinnere ich nicht. Schriftstellerin bin ich zwar nicht geworden, aber ich habe als Journalistin vier Jahrzehnte lang mein Geld mit Schreiben verdient. Außerdem habe ich im Laufe meines Arbeitslebens an ein paar Bildbänden mitgearbeitet und drei eigene Bücher veröffentlicht. Seit mehr als zehn Jahren blogge ich – nicht nur, aber auch, um an Menschen wie Anne Frank, Orlando Orlandi Posti oder Ruth Maier*** zu erinnern, die von den Nazis ermordet wurden. Nie wieder ist jetzt.  

*Dieser Beitrag enthält unbezahlte Werbung

**Das Buch ist leider vergriffen, kann aber antiquarisch bestellt werden. „Anne Frank: Denn schreiben will ich!: Aus den Tagebüchern und anderen Werken“. Aus dem Niederländischen übersetzt und kommentiert von Simone Schroth. Philipp Reclam jun. Verlag Stuttgart 2016. Die vom Anne Frank Fond in Basel herausgegeben „Anne Frank Gesamtausgabe“ enthält verschiedene Fassungen des Tagebuchs, Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus, Erzählungen, Essays, Briefe, Fotos und Dokumente.  Fischer Klassik, Frankfurt 2013, 28 Euro

***Die Tagebücher und Briefe von Ruth Maier sind im vergangenen Jahr im Mandelbaum Verlag eG neu erschienen. Ruth Maier wurde 1920 in Wien geboren, flüchtete vor den Nazis nach Norwegen, wurde in Oslo verhaftet und 1942 in Auschwitz ermordet. „Es wartet doch so viel auf mich«: Tagebücher und Briefe | Wien 1933–Oslo 1942. Herausgegeben wurden die Tagebücher und Briefe wie die erste Ausgabe auf Norwegisch von Jan Erik Vold. 28 Euro

Gelesene Bücher 2025

Auch in diesem Januar wieder, wie in den drei zurückliegenden Jahren, eine Liste der Bücher, die ich im vergangenen Jahr gelesen habe. Wie in den vergangenen Jahren waren es 60 – etwa drei Viertel der Bücher wurden von Frauen geschrieben.

Vollständig ist die Liste wahrscheinlich nicht. Als ich sie nämlich durchgesehen habe, um diesen Beitrag zu schreiben, fehlte ausgerechnet das Buch, das mich am meisten berührt hat: die Tagebücher von Ruth Maier, die in Deutschland unter dem Titel „Das Leben könnte gut sein“* veröffentlicht wurden . Ich habe das Buch bei meinem Besuch im Zentrum für Holocaust- und Minderheitenstudien in Oslo entdeckt und es mir sofort nach meiner Rückkehr aus Norwegen gekauft – antiquarisch, weil es im Buchhandel leider vergriffen ist.

Ruth Maier, im November 1920 in Wien geboren, führte fast zehn Jahre lang – von 1933 bis 1942 – Tagebuch. Nach der Besetzung Österreichs durch die Nationalsozialisten floh sie 1939 allein nach Norwegen. Doch als die deutsche Wehrmacht im Sommer 1940 Norwegen besetzte, war sie auch dort nicht mehr sicher. Im November 1942 wurde Ruth Maier kurz nach ihrem 22. Geburtstag in Oslo verhaftet, mit 531 jüdischen Frauen, Männern und Kindern nach Auschwitz deportiert und ermordet. Nur neun der Deportierten  überlebten das Vernichtungslager.

Auch Margot Friedländers Bruder und ihre Mutter wurden nach Auschwitz verschleppt und ermordet. Die damals 21-Jährige tauchte unter, lebte über ein Jahr im Untergrund und entkam mehrmals nur knapp der Gestapo. 1944 wurde sie verhaftet und nach Theresienstadt deportiert wurde. Margot Friedländer überlebte als einzige ihrer Familie den Holocaust und emigrierte mit ihrem Mann in die USA. 2010 kehrte sie nach Berlin zurück, engagierte sich als Zeitzeugin gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus, bis sie im vergangenen Jahr starb. Mit der Schriftstellerin Malin Schwerdtfeger hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben. Ihren Titel verdanken die Erinnerungen einer Botschaft, die Margot Friedländers Mutter ihrer Tochter hinterließ, bevor sie deportiert wurde: „Versuche, dein Leben zu machen“.

Margot Friedländer kannte ich natürlich, aber ich hatte noch kein Buch von ihr gelesen – ebenso wie von 22 weiteren AutorInnen auf meiner Liste. Bei einigen wird das erste Buch wohl auch das letzte auf meiner Leseliste sein. Von anderen habe ich gleich mehrere Bücher gelesen. Eine echte Entdeckung ist für mich die Norwegerin Vigdis Hjorth. Und das zweite Buch ihrer Landsfrau Kristin Valla hat mich animiert, das erste noch einmal zu lesen. Gut gefallen hat mir auch der erste Roman von Elisabeth Drimalla, die ich vom gemeinsamen Schreiben kenne. Jetzt bin ich gespannt auf ihren zweiten.

Lesepläne für 2026

Im neuen Jahr möchte ich nicht nur (mindestens) ebenso viele Bücher lesen wie in den vergangenen, sondern täglich auch ein Gedicht. Damit mir das gelingt, liegt jetzt das Buch „Mit Gedichten durchs Jahr“ neben meinem Bett. Der lyrische Kalender enthält 365 Gedichte – für jeden Tag des Jahres eins. Jeden Montag verhilft mir der Blogbeitrag von Christiane zu einem poetischen Start in die Woche – oft passend zur Jahreszeit oder zu aktuellen Anlässen. Und freitag flattert mir ebenfalls per Mail mit dem Lyrik Newsletter des Suhrkamp Verlags das Gedicht der Woche ins Haus.

An der „Dead Authors Challenge“, von der ich durch den Blog Kristinas Lebenswelt erfahren habe, werde ich wohl nicht teilnehmen. Denn ich schaffe es wahrscheinlich nicht, in diesem Jahr über die Bücher von (mindestens) zwölf verstorbenen AutorInnen zu bloggen. Aber die Idee gefällt mir: Spontan sind mir aus meinem Stapel ungelesener Bücher (SUB) Werke von Hannah Arendt, Margot Friedländer, Max Frisch, Mascha Kaléko, Marie Luise Kaschnitz und Christa Wolf eingefallen, die ich endlich (wieder) lesen s/wollte. Drei auf meinem E-Book-Reader, drei ganz klassisch als Bücher.

Eine besondere Leseherausforderung ist – nicht nur wegen der Länge von 1168 Seiten – sicher Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft: Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus“. Das Buch erschien erstmals 1951 auf Englisch, auf Deutsch dann 1955. Aber die Frage, wie eine Gesellschaft ins Totalitäre abdriftet, ist leider derzeit so aktuell wie lange nicht mehr.

Unbedingt lesen möchte ich auch den 1938 in Italien erschienen Debütroman von Alba de Céspedes, der erst jetzt ins Deutsche übersetzt wurde. „Was vor uns liegt“ wurde damals von den faschistischen Behörden unter Mussolini verboten.

Ich bin gespannt, ob sich diese Bücher im nächsten Januar auf meiner Leseliste wiederfinden.

Liste der 2025 gelesenen Bücher

wie immer ungeordnet und wahrscheinlich unvollständig

  1. Elisabeth Drimalla: Einsamkeit ist kein Symptom
  2. Sigrid Nunez: Was fehlt dir
  3. Henning Scherf: Altersreise
  4. Joachim Meyerhöfer: Hamster im hinteren Stromgebiet
  5. Joachim Meyerhöfer: Man kann auch in die Höhe fallen
  6. Joan Didion: Was ich meine
  7. Leila Slimani: Der Duft der Blumen bei Nacht
  8. Paul Auster: Winterjournal
  9. Caroline Peters: Ein anderes Leben
  10. Mely Kyriak: Frausein
  11. Annegret Langenhorst: Was bleibt vom Tag. Frauentagebücher erzählen
  12. Margot Friedländer, Malin Schwerdtfeger: Versuche dein Leben zu machen
  13. Claire Keegan: Reichlich spät
  14. Daniel Glattauer: In einem Zug
  15. Chloe Benjamin: Die Unsterblichen
  16. Kristin Valla: Ein Raum zum Schreiben
  17. Lucy Fricke: Das Fest
  18. Vigdis Hjorth: Die Wahrheiten meiner Mutter
  19. Kristin Valla: Das Haus über dem Fjord
  20. Peter Handke: Ein Jahr aus der Nacht gesprochen
  21. Hans Josef Ortheil; Rom, Villa Massimo
  22. Hans Josef Ortheil: Die weißen Inseln der Zeit
  23. Vigdis Hjorth: Ein falsches Wort
  24. Kristine Bilkau: Halbinsel
  25. Dora Heldt: Starker Wind bei …
  26. Yvonne Kraus Erfolgs Mindset für Autorinnen
  27. Daniela Krien: Mein drittes Leben
  28. Ruth Maier: Das Leben könnte gut sein. Tagebücher
  29. Rachel Carson: Magie des Staunens
  30. Eva Lohmann: Wie du mich ansiehst
  31. Haruki Murakami: Von Beruf Schriftsteller
  32. Isabel Bogdan: Wohnverwandtschaften
  33. Tim Conrads: Leichtes Gepäck. Ein Roman vom Jakobsweg
  34. Amelie Nothomb: Buch der Schwestern
  35. Ursula Ott : Gezwisterliebe
  36. Laura Pfaffenbach u.a.: Frauen unterwegs, 10 bewegende Geschichten über Mut, Abenteuer und Glück des Wanderns.
  37. Erling Kagge: Gehen – weiter – gehen. Eine Anleitung
  38. Kristin Steinsdottir: Eigene Wege
  39. Monika Peetz: Flaschenpost aus der Vergangenheit
  40. Vigdis Hjorth: Wiederholung
  41. Tägliche Routinen für Autoren: Erstaunliche Routinen, um ein Schreibritual zu etablieren
  42. Sigrid Nunez: Eine Feder auf der Akte Gottes
  43. Sarah Lorenz: Mit dir möchte ich im Himmel Kaffee trinken
  44. Alois Prinz; Hannah Arendt
  45. Mina Bäuerlein; Die Rückwärtspilgerin
  46. Doris Dörrie: Wohnen
  47. Annie Ernaux: Die Besessenheit
  48. Anne Enright: Vogelkind
  49. Renate Ahrens: Alles was folgte
  50. Stephan Schäfer: 25 Sommer
  51. Ruth Shaw: Drei Buchläden am Ende der Welt
  52. Melanie Pignitter: Wiedersehen mit mir selbst zwischen Pizza und Aperol: Ein Roadtrip zu Selbstliebe und Heilung.
  53. Stephan Schäfer: Gerade jetzt ist alles gut
  54. Elena Ferrante: Tage des Verlassenwerdens
  55. Bettina Flittner: Meine Mutter
  56. Virginia Evans: Die Briefeschreiberin
  57. Clara Loesl: Wehe du gibst auf
  58. Helga Schubert: Der heutige Tag
  59. Marjaleena Lembcke: Wir bleiben nicht lange
  60. Flachmann, Susanne: Solo VanLife: Mut zum Alleinreisen mit dem Wohnmobil

Welche Bücher haben Sie im vergangenen Jahr gelesen?

Und welche haben Ihnen besonders gut gefallen? Ich freue mich über Leselisten und Buchtipps, von lebenden und toten AutorInnen, gerne auch als Kommentar.

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Top Ten aus zehn Jahren

Nach unseren liebsten Blogartikeln fragte Birgit Lorz in ihrer Blogparade – und nach den Gründen, warum du/oder Sie sie lesen sollten. Eigentlich wollte ich nur fünf Beiträge auswählen – doch beim Lesen haben sich dann noch ein paar andere aufgedrängt. Am Ende waren es dann zehn. Aber ich denke, das ist in Ordnungfür einen Blog, in dem ich seit zehn Jahren mehr oder weniger regelmäßig über das schreibe, was mich bewegt: über Bücher, Reisen, übers Schreiben und natürlich auch über mein Leben und über (gesellschafts)politische Ereignisse.  

Tag des Tagebuchs – in Memoriam Anne Frank

Ich liebe Bücher und ich lese viel. Aber kaum ein Buch hat mein Lesen, mein Schreiben und damit auch mein Leben so beeinflusst wie das Tagebuch der Anne Frank. Kurz nachdem ich es vor mehr als einem halben Jahrhundert zum ersten Mal gelesen hatte, fing ich an, selbst (Tagebuch) zu schreiben – und habe nie wieder damit aufgehört. Die Ausgabe, die ich mir Anfang der 70er-Jahre gekauft habe, steht noch heute in meinem Bücherregal – neben mehreren neueren Ausgaben und einem Graphic Diary. Und sie ist mir noch die liebste, auch wenn die Blätter inzwischen vergilbt und teilweise brüchig sind. Den Blogbeitrag habe ich am 12. Juni 2021 am Tag des Tagebuchs veröffentlicht, an Annes 92. Geburtstag.

Die Stadt der Tagebücher

Ich bin nicht nur eine notorische Tagebuchschreiberin, sondern ich lese auch gerne Tagebücher, die andere geschrieben haben. Seit ich Barbara Bronnens Buch „Die Stadt der Tagebücher. Vom Festhalten des Lebens durch das Schreiben“ gelesen habe, stand Pieve Santo Stefano auf meiner To-visit-Liste. Dort hat der italienische Journalist Saverio Tutino Anfang der 80er-Jahre das nationale Tagebucharchiv (Archivio Diaristico Nazionale) initiiert, in dem inzwischen mehrere tausend Tagebücher und andere zeitgeschichtliche Dokumente aufbewahrt werden. Im Frühjahr 2023 war ich endlich in der kleinen Stadt am Rande der Toskana, die im Zweiten Weltkrieg von deutschen Soldaten fast völlig zerstört wurde.

In Memoriam: Orlando Orlandi Posti

Bei meinem Besuch im Tagebuchmuseum, dem piccolo museo del diario, in Pieve Santo Stefano habe ich von Orlando Orlandi Postis Schicksal erfahren.  Der 17-Jährige wurde Anfang Februar 1944 von der SS verhaftet, als er seine Freunde vor einer geplanten Razzia der deutschen Besatzer warnen wollte. Während seiner fast zwei monatigen Gefangenschaft gelang es ihm, Briefe an seine Mutter zu schreiben und aus dem Gefängnis zu schmuggeln. Am 24. März 1944 wurden er und 334 andere Menschen in den Fosse Ardeatine von deutschen Soldaten ermordet. Das Buch mit Orlando Orlandi Postis Briefen und Tagebuchnotizen aus dem Gefängnis gibt es nur auf Italienisch – und meine Italienischkenntnisse reichen leider nicht aus, es zu lesen. Aber in meinem Blogbeitrag wollte ich an ihn und an das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen erinnern, von dem die meisten Menschen in Deutschland wenig oder gar nichts wissen.

Ruth Maier: Das Leben könnte gut sein

Ruth Maier wurde nur 22 Jahre alt. Mit 18 floh sie vor den Nazis aus Wien ins scheinbar sichere Norwegen. Dort wurde sie am Morgen des 26. November 1942 bei einer Razzia in ihrem Wohnheim verhaftet, mit 531 jüdischen Frauen, Männern und Kindern nach Auschwitz deportiert und ermordet. Zehn Jahre lang schrieb Ruth Maier Tagebuch ­– über die Judenverfolgung und die Reichspogromnacht in ihrer Heimat Österreich ebenso wie über ihr Leben als Emigrantin in Norwegen. Ihre Tagebücher erinnern daran, wie wichtig es ist, Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, Schutz zu gewähren.

Nie wieder ist jetzt

Am 9. November 2023, am 85. Jahrestag der Pogromnacht von 1938, stand ich mit knapp drei Dutzend meist älteren Frauen und Männern vor dem Holocaust Mahnmal auf dem Opernplatz in Hannover. Wir wollten ein Zeichen setzen – gegen den wachsenden Antisemitismus im Land und an die Opfer von Rassenhass und Antisemitismus erinnern – nicht nur in Nazi-Deutschland.

Auch in meinem Heimatort wurden in der Pogromnacht die Synagoge und die Wohnungen von Jüdinnen und Juden verwüstet. Auch meine drei Onkel, damals 19, 17 und 13 Jahre alt, machten mit. Zumindest der jüngste hatte eigentlich keine Chance, kein Nazi zu werden. Er war erst sieben, als Hitler an die Macht kam und die Indoktrination in der Schule, in Hitlerjugend und sicher auch in der Familie begann. Mit 18 starb er in der Normandie, kurz nach der Landung der Alliierten.

Heute sind in Deutschland Judenwitze, abfällige Bemerkungen, körperliche Angriffe oder Attentate auf jüdische Menschen und Einrichtungen leider wieder Alltag – und die Mehrheit schweigt, wie damals. Doch es ist Zeit, aufzustehen. Nie wieder ist jetzt.  

Kleiner Satz mit großen Folgen

An Elisabeth Selbert habe ich mit dem Blogbeitrag vom 23. Mai 2024, am 75- Jubiläum des Grundgesetzes, erinnert. Die Sozialdemokratin war eine von nur vier Müttern des Grundgesetzes. Vor allem ihr ist es zu verdanken, dass der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ ins Grundgesetz aufgenommen wurde – und das Leben nicht nur der Frauen veränderte.

Mit der Gleichberechtigung der Frauen hatten die meisten (männlichen) Mitglieder des Parlamentarischen Rats, der als verfassungsgebende Versammlung seit Herbst 1948 das Grundgesetz erarbeitete, wenig im Sinn. Elisabeth Selbert kämpfte dafür, dass Frauen nicht in staatsbürgerlichen Dingen, sondern auf allen Rechtsgebieten den Männern gleichgestellt wurden. Weil auf ihre Initiative eine Übergangsregelung im Grundgesetz festgeschrieben worden war, setzte das Bundesverfassungsgericht Ende 1953 die Gesetze außer Kraft, die dem Gleichberechtigungsgrundsatz nicht entsprachen. Erst am 1. Juli 1958 beendete das „Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts“ viele rechtliche Benachteiligungen von Frauen. Danke Elisabeth Selbert.

Wahl- und andere Frauenrechte

Im Februar 2016 habe ich über den Film „Suffragette – Taten statt Worte“ geschrieben und darüber, wie es auch in Deutschland noch in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhundert um die Rechte der Frauen bestellt war.  Bis 1958 durften Frauen nämlich ohne Zustimmung ihres Mannes nicht erwerbstätig sein. Der Mann entschied in allen Eheangelegenheiten; er bestimmte über die Kinder, das Geld und sogar über das Vermögen, das die Frau mit in die Ehe gebracht hatte. In einer Zeit, in der Tradewives Trend sind und junge Frauen wieder von der traditionellen Rollenverteilung träumen, ist es höchste Zeit, daran zu erinnern, wie rechtlos Frauen in den 50er Jahren waren.

Wenn Männer Frauen die Welt erklären

(Fast) alle Frauen haben es schon erlebt. Sie tun etwas – und werden ungefragt von einem Mann belehrt, wie es anders und natürlich besser geht. „Mansplaining“ heißt das Phänomen,  das sich aus den Worten Man (Mann) und explaining (erklären) zusammensetzt. Die amerikanische Schriftstellerin Rebecca Solnit hat das Wort zwar nicht erfunden, aber das Phänomen in ihrem Essay „Men Explain Things to Me“ – „Wenn Männer mir die Welt erklären“ eindrucksvoll beschrieben. Der Essay verbreitete sich rasant – und wurde erstmals 2014 auf Deutsch im gleichnamigen Buch veröffentlicht, das sechs weitere Essays von Rebecca Solnit enhält.

Aus Wien nach Hannover

Virginia Woolfs Aussage, dass Frauen ein eigenes Zimmer und ein eigenes Einkommen brauchen, um erfolgreich schreiben zu können, kennt wahrscheinlich jede schreibende Frau. Und auch ich möchte mein eigenes Zimmer natürlich nicht missen. Aber Alleinsein beim Schreiben tut vor allem Frauen offenbar nicht immer gut – ein Zimmer allein ist nicht genug. Wie inspirierend und motivierend es ist, gemeinsam mit anderen (Frauen) zu schreiben und sich auszutauschen, habe ich zum ersten Mal bei zwei Schreibtagen in Wien erlebt – und die Schreibtreff-Idee nach Hannover exportiert.

Seit 2020 schreiben interessierte Frauen einmal im Monat gemeinsam – jede an ihren eigenen Texten, ohne vorgegebenes Thema, ohne Anleitung. Anders als zu Hause lassen wir uns in dieser Schreibzeit nicht von Alltagsdingen ablenken, wir nehmen uns Zeit – für uns und unsere Schreiben. Und das ist für unsere Texte erfahrungsgemäß sehr ergiebig.

Neues Orchideenleben

Dieser Beitrag passt nicht so recht zu den anderen, die ich ausgewählt habe. Aber ich mag ihn,  so, wie ich die Orchidee mag, die vor fast sechs Jahren auf meiner Fensterbank ein neues Zuhause gefunden hat. Wie es dazu kam, verrate ich in diesem ziemlich privaten Blogpost, den einige LeserInnen berührend fanden, andere kitschig und sentimental. Aber manchmal darf es eben auch sentimental sein.