Von Horror- und Balkongärtnerinnen

Manchmal fällt der Apfel doch weit vom Stamm. Und manche Talente und Eigenschaften überspringen eine oder gar zwei Generationen, ehe sie bei den Kindern oder Enkeln wieder zum Vorschein kommen. Ich bin trotz meines Faibles für schöne Gärten leider eine Horrorgärtnerin. Als Gott – oder wer auch immer – die grünen Daumen verteilte, habe ich wohl schlicht gepennt oder war gerade in einem (Garten)Buch versunken. Nachträglich lässt sich das, wie wir aus Schillers Gedicht von der Teilung der Welt wissen, nicht mehr korrigieren. Wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben oder der Garten. (Für alle, die sich an das Gedicht nicht mehr genau erinnern: „Was tun?“ spricht Zeus, „die Welt ist weggegeben“, zum Nachlesen http://www.ub.uni-heidelberg.de/wir/geschichte/schiller.html).

Ich bin also, wenn es um Pflanzen geht ziemlich talentfrei. Ich weiß nicht, wie viele Rittersporn ich in den vergangenen Jahren gepflanzt habe – überlebt hat nur ein einziger. Sonnenblumen werden weggefressen, sobald ich sie gesetzt habe. Und selbst die Maiglöckchen verschwinden auf unerklärliche Weise. Erst in diesem Frühjahr habe ich wieder rund ein Dutzend aus dem Garten meiner Mutter in unseren umgesiedelt – mit wenig Erfolg. Und auch die Veilchen aus dem Harz blühen im warmen Klima im niedersächsischen Flachland nicht auf, sondern sind wie vom Erdboden verschluckt.

Richtig gut gedeihen in meinem Garten vor allem Pflanzen, die man früher gemeinhin Unkräuter nannte: Giersch zum Beispiel, Brennnesseln, Sauerampfer oder Gänseblümchen. Außerdem einige ganz Robuste, die sich offenbar von nichts abschrecken lassen wie Beinwell, Topinambur oder auch Zwergastern. Die sind zwar allesamt hübsch anzusehen, aber leider so einnehmend, dass sie sich anschicken, die letzten Winkel meines Gartens zu erobern. Sogar dem Giersch machen sie an manchen Stellen das Leben schwer.

Bei größeren Pflanzaktionen leihe mir manchmal den grünen Daumen meiner Tochter aus. Sie hat nämlich das Talent ihrer Oma väterlicherseits geerbt, die früher als Floristin arbeitete. In ihrer alten Wohnung unterm Dach wuchs die Petersilie meterhoch. Und das Orangenbäumchen bog sich unter der Last der Früchte, während unsere wesentlich größeren Zitruspflanzen zwar blühen (und dabei herrlich duften), aber seit einigen Jahren kaum mehr Früchte tragen.

Bei der Vogelschutzhecke hat der Ausleih-Trick funktioniert: Die Heckenrosen, die wir vor drei Jahren gemeinsam gepflanzt haben, sind inzwischen recht hoch und wachsen in die Breite; Apfelbeeren, rote Heckenberberitzen, Kornelkirschen und Weißdorn, die ich ein paar Wochen später alleine gesetzt habe, brauchen wohl noch eine Zeit, bis sie wie geplant Vögeln katzenfreie Nistmöglichkeiten und Nahrung bieten.

Heckenrosen
Heckenrose am Teich.

Seit ein paar Monaten hat meine Tochter einen eigenen Balkon, den sie in einen Mini-Nutzgarten verwandelt. Kartoffeln, Gurken, Paprika und Tomaten pflanzt sie dort, diverse Kräuter und ein ganzes Obstsortiment: Heidelbeeren, Himbeeren, Erdbeeren, Stachelbeeren, Melonen und sogar einen kleinen Apfelbaum. Der fühlt sich offenbar in seinem Pflanzsack pudelwohl  – und ich bin fast sicher, dass er mehr Früchte tragen wird als der große Apfelbaum in unserem Garten. Der hat im vergangenen Jahr seine wenigen Früchte auf unserem Rasen verteilt, ehe sie reif waren. Auf dem Balkon meiner Tochter gestaltet sich die Ernte wahrscheinlich recht einfach, auch wenn sie üppig ausfällt. Denn bei dem Mini-Baum fällt der Apfel sicher nicht weit vom Stamm.

Heidelbeerblüte
Früh blüht, was einmal  Heidelbeeren werden wollen. Foto: Nele Schmidtko
Balkon Heidelbeeren, Apfel und Kartoffeln
Platz ist auf dem kleinsten Balkon – für Kartoffel, Apfelbaum, Him- und Stachelbeeren und Tomaten (von rechts). Foto: Nele Schmidtko

 

Los geht’s – Gärtnern ohne grünen Daumen

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Lesen im Garten – früh im Frühjahr …

Ich liebe Gärten. Ich sehe mir gerne Gartenzeitschriften an, habe einen kleinen, aber feinen Bestand an Gartenbüchern. Ich gehe regelmäßig in die Herrenhäuser Gärten – in den Berggarten, den Teil der Hannoverschen Vorzeigegärten, in dem die Pflanzen scheinbar natürlich wachsen dürfen und nicht von eifrigen Gärtnern in Reih und Glied gezwängt und zurückgestutzt werden, sobald nur ein einziges Blättchen oder Hälmchen über den imaginären Rand hinausragt. Sobald in der Region Gartenbesitzer ihre Gartenpforten für Besucher öffnen, schaue ich mich neidvoll und bewundernd in fremden Gärten um. „Will haben“, denke ich – und weiß, dass das zu den Wünschen gehört, die sich nie erfüllen werden. Denn was so aussieht, als wachse und gedeihe es einfach so, macht sehr viel Arbeit, allen Büchern über lazy gardening oder Gärtnern leicht gemacht zum Trotz.
Meine Begeisterung für Gartenarbeit ist leider bei weitem nicht so groß wie meine Begeisterung für schöne Gärten. Ich lese lieber im Garten oder über Gärten, als im Garten zu arbeiten. Und außerdem fehlt mir zum Gärtnern das Talent. Ich habe ein gutes Gedächtnis für Personen und Ereignisse: Ich kann noch immer Gedichte aufsagen, die ich vor fast einem halben Jahrhundert gelernt habe und – wenn ich tief genug in meinem Gedächtnis krame, kann ich sogar noch eine Maxima und Wendepunkte einer Kurve berechnen, was ich seit meinem Abitur vor fast 40 Jahren nicht mehr tun musste. Ich erinnere mich an alle möglichen Bücher, die ich gelesen, an Filme, die ich gesehen habe, und an Menschen, mit denen ich vor Jahren gesprochen habe – und ich schwöre, es waren viele. Aber wenn es um Pflanzen geht, versagt mein Gedächtnis völlig. Ich habe, befürchte ich, unzählige Pflanzen gesät und gesetzt, die ich dann spätestens im nächsten Jahr wieder herausgerissen habe, weil ich sie im pflanzlichen Kleinkindstadium nicht wiedererkannt und sie irrtümlich für Unkraut gehalten habe. nein, ich habe leider nicht den berühmten grünen Daumen.
Und doch starte ich einen neuen Versuch. Vor drei Wochen haben meine Tochter und ich an einem schönen Vorvorfrühlingswochenende angefangen, alte, aber munter expandierende Büsche, die den halben Garten unterwurzeln und sich überall ausbreiten herauszureißen. Die ersten neuen Sträucher haben wir auch schon gepflanzt. Alles Büsche, die, wenn sie einmal groß genug sind. Vögeln Nistmöglichkeiten und Nahrung bieten sollen. Apfelbeeren beispielsweise (kahl und Nero), rote Heckenberberitzen, Kornelkirschen, eingriffligen Weißdorn, eine Schlehe und zwei Heckenrosen. Jetzt hoffe ich, dass sie angehen und schnell groß und dicht werden. Ob’s klappt. Ich werde darüber in diesem Blog regelmäßig berichten.

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… und wenig später im blauen Kissen.