„Bücher sind gefährlich“

Heinrich Heine hat es vorausgeahnt. „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“, schrieb er in der 1823 veröffentlichten Tragödie „Almansor“. Seine Prophezeiung wurde in Deutschland 110 Jahre später grausame Wirklichkeit. Am 10. Mai 1933, wurden in 22 Universitätsstädten in Deutschland im Zuge einer „Aktion wider den undeutschen Geist“ zehntausende Bücher von unerwünschten Schriftstellern konfisziert und verbrannt – nur wenige Jahre später ermordeten die Nationalsozialisten Millionen Menschen.

Viele der verfemten Schriftsteller waren 1933 schon im Exil – zum Beispiel Heinrich und Thomas Mann, Bert Brecht, Alfred Döblin und Erich Maria Remarque. Andere wie Clara Zetkin, Karl Marx oder eben Heinrich Heine waren bereits tot. Erich Kästner erlebte auf dem Opernplatz in Berlin mit, wie sein Roman Fabian ins Feuer geworfen wurde – von einem „gewissen Herrn Goebbels“, wie Kästner in seinem Buch „Bei Durchsicht meiner Bücher“ schrieb: „Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend beim Namen. Ich war der einzige der Vierundzwanzig, der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit beizuwohnen. Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt.“

Seit 1995 erinnern eine versunkene Bibliothek und eine Bronzeplakette mit dem Heine-Zitat an die Bücherverbrennung. Die Bibliothek liegt versteckt unter der Erde: von außen – vom Bebelplatz sind die weißen, leeren Regale nur durch eine Glasscheibe zu sehen. Sie bieten symbolisch den rund 20.000 Büchern Platz, die hier am 10. Mai und später verbrannt wurden.

Die Bibliothek im sogenannten „Familienlager“ im Venichtungslager Auschwitz Birkenau war winzig: Sie bestand aus nur acht alten, teilweise beschädigten Büchern, doch die Häftlinge hüteten sie wie einen Schatz. Bücher zu besitzen, war im Lager streng verboten. Denn Diktatoren, Tyrannen und Unterdrücker fürchten Bücher – „Bücher sind gefährlich, weil sie Menschen zum Denken bringen“, schreibt Antonio Iturbe in seinem Buch „Die Bibliothekarin von Auschwitz“.* In Auschwitz brachten sie ein Stück Normalität in den grausamen Alltag.

Cover Die Bibliothekarin von Auschwitz / Copyright Piper Verlag
https://www.piper.de/buecher/die-bibliothekarin-von-auschwitz-isbn-978-3-86612-470-7

Grundlage des Romans von Antonio Iturbe ist eine wahre Geschichte. Dita Polachova, damals erst 14 Jahre alt, war begeisterte Leserin – und die Bibliothekarin von Auschwitz: Sie kümmerte sich um die Bücher und riskierte ihr Leben, um sie vor den Aufsehern zu vestecken. Dita lebte mit ihren Eltern in Prag, ehe sie 1942 mit ihren Eltern zunächst nach Theresienstadt, Ende 1943 dann nach Auschwitz deportiert wurde.

Die Menschen, die im September und Dezember aus dem Theresienstädter Ghetto nach Auschwitz-Birkenau kamen, hatten zunächst einige für Auschwitz ungewöhnliche Privilegien: Familien lebten in einem Bereich und konnten sich sehen. Die Kinder hielten sich tagsüber in einem speziellen Kinderblock auf. In Baracke 31 organisierten die Häftlinge unter Führung von Fredy Hirsch trotz Verbots eine Schule im Untergund – und die geheime Bibliothek, zu der neben acht richtigen auch sechs „lebende“ Bücher gehörten: Betreuer, die ein Buch genau kannten und es den Kindern immer wieder erzählten. So lernten die Kinder unter anderem die Geschichten von Nils Holgerson und von Edmont Dantès, Alexandre Dumas Graf von Monte Christo, kennen – und konnten der Realität zumindest für kurze Zeit entfliehen.

Die Lebensbedingungen waren auch im Familienlager von Hunger, Krankheiten, schlechten hygienischen Bedingungen, Zwangsarbeit und Terror geprägt; die Sterblichkeit war hoch – auch Ditas Vater starb dort. In der Nacht vom 8. zum 9. März 1944 wurden alle Häftlinge, die im September 1943 aus Theresienestadt nach Auschwitz deportiert worden waren – fast 4.000 Menschen -, in den Gaskammern ermordet; zwischen dem 10. und 12. Juli 1944 ermordeten die Nazis noch einmal 6.000 bis 7.000 Häftlinge aus dem Familienlager: „dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“.

Von insgesamt 17. 500 Häftlingen des Familienlagers überlebten nur 1.294, darunter Dita, die Bibliothekarin von Auschwitz, und ihre Mutter. Sie wurden Anfang Juli 1944 erneut deportiert und wurden im April 1945 im Konzentrationslager Bergen Belsen von englischen Soldaten befreit. Für viele kam die Befreiung zu spät: Anne Frank und ihre Schwester Margot überlebten die unmenschlichen Bedingungen im Lager nicht, auch Ditas Mutter starb kurz nach der Befreiung.

Dita kehrte, gerade 16 Jahre alt, alleine nach Prag zurück. Dort traf sie Ota Kraus, der die Kinder in Auschwitz-Birkenau unterrichtet hatte. Sie heiraten und wanderten 1949 gemeinsam nach Israel aus. Seit Anfang der 1990er Jahre erzählt Dita Kraus als Zeitzeugin von ihrem Leben – über die Kindheit im Konzentrationslager und den Neuanfang in Israel. Im vergangenen Jahr sind ihre Memoiren erschienen: „Ein aufgeschobenes Leben“. Ich werde es mir kaufen. Auch wenn – oder gerade weil – Bücher gefährlich sind. Weil sie zum denken anregen. Und weil das, was geschehen ist, nicht vergessen werden darf.

*Dieser Blogbeitrag enthält unbezahlte Werbung

Antonio Iturbe: Die Bibliothekarin von Auschwitz: Roman nach einer wahren Geschichte. Pendo Verlag, 22 Euro

Unter
https://www.piper.de/buecher/die-bibliothekarin-von-auschwitz-isbn-978-3-86612-470-7 gibt es weitere Infomationen über das Buch

Dita Kraus: Ein aufgeschobenes Leben: Kindheit im Konzentrationslager – Neuanfang in Israel (Bergen-Belsen. Berichte und Zeugnisse) Wallstein 2020, 25 Euro

Von Büchern und Drachen

Gute alte Bräuche soll man pflegen. In Katalonien ist es seit mehr als 100 Jahren Brauch, am 23. April, am Tag des katalonischen Schutzheiligen Sant Jordi Bücher und  Rosen zu verschenken. Die Sache mit den Rosen verstehe ich. Denn ein Ritter namens Jordi – auf Deutsch Georg – soll eine Prinzessin vor einem Drachen gerettet haben, der die Bewohner eines Dorfes in Angst und Schrecken versetzte. Jordi tötete den Drachen, aus dem dann wunderschöne Rosen wuchsen. So weit die Legende.

Ob und welche Beziehung der katalonische Schutzheilige zu Büchern hatte, weiß ich nicht – und ich habe auch nichts darüber gefunden. Aber seit Mitte der 90er-Jahre ist sein Namenstag offiziell Unesco-Welttag des Buches und des Urheberrechts, kurz: Weltbuchtag. Neben dem katalonischen Brauch hat bei der Wahl des Tages sicher auch eine Rolle gespielt, dass am 23. April 1616 gleich zwei berühmte (National) Schriftsteller – William Shakespeare und Miguel Cervantes – gestorben sind. Ein Literaturnobelpreisträger, der Isländer Halldor Laxness, wurde am 23. April (1902) geboren.

Logo: Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Leider ist der katalonische Brauch des Bücherschenkens hierzulande noch nicht sehr verbreitet. Aber das sollte sich ändern. Und so bin ich losgezogen, um mir am Welttag des Buches selbst ein Buch zu schenken. Das ist möglich, weil Bücher – glücklicherweise und zu Recht – zu den „Gütern des täglichen Bedarfs“ zählen; Buchhandlungen sind daher trotz des Lockdowns geöffnet.

Nach den drei ersten Büchern auf meiner To-read-Liste habe ich leider vergeblich gesucht, obwohl sie eigentlich ganz aktuell sind und in diversen Medien sehr gut Kritiken bekommen haben. Das liegt sicher an der Flut der Neuerscheinungen – aber auch daran, dass die einzige Buchhandlung im Ort nicht mehr das ist, was sie einmal war. Zwar ist die Verkaufsfläche eher größer als vor 35 Jahren. Doch es gibt dort längst nicht mehr so viele Bücher wie früher. Mit anderen Produkten lässt sich offenbar mehr Geld verdienen – mit Geschenkartikeln zum Beispiel. Oder mit Schulranzen und allem, was dazu gehört. Für ein komplettes Ranzen-Set im angesagten Design und von einer angesagten Marke zahlen Eltern, Großeltern oder Paten gut und gerne 300 Euro zahlen – dafür muss man viele Bücher verkaufen.

Trotzdem bin ich fündig geworden, wie eigentlich immer, wenn ich in einer Buchhandlung bin. Quasi im Vorbeigehen habe ich das neue Buch von Isabel Allende entdeckt– und gekauft. Isabel Allende ist seit den Achtzigern eine meiner Lieblingsautorinnen; ich habe viele Bücher von ihr gelesen. Die Abenteuertrilogie um Alex Cold und seine sonderbare Großmutter, die Reisereporterin Kate Cold, habe ich allerdings ausgelassen. Vielleicht ist es an der Zeit, das nachzuholen. Und so habe ich in den Bücherregalen meiner Tochter gestöbert und das Buch mit den drei Romanen entdeckt. „Im Reich des Goldenen Drachen“ heißt der zweite Teil der Triologie. Womit wir wieder am Anfang wären, bei Sant Jordi, dem Drachentöter …

Weihnacht – Buchnacht

Ich habe gestern Nacht – wie schon an vielen Heiligen Abenden zuvor – eine isländische Tradition gepflegt, die ich zugegebenerweise bis vor drei Tagen noch nicht kannte. Jólabókaflóð heißt sie, und für all die, die wie ich nicht so gut Isländisch sprechen, übersetze ich das Wort: Es bedeutet Weihnachts-Bücherflut.

In Island ist es Brauch, an Weihnachten Bücher zu verschenken. Die 13 Weihnachtskerle, die in Island die Geschenke bringen, müssen also eine ganze Menge schleppen. Den Weihnachtsabend verbringen die Isländer angeblich dann meist lesend. Auch ich habe gestern Abend noch lange gelesen. Denn wie für die Isländer gilt auch für mich: Weihnachten ohne Bücher und ohne Lesen ist kein richtiges Weihnachten.

Schon als Kind habe ich mir zu Weihnachten immer Bücher gewünscht – und auch immer mindestens eins bekommen. Mehr Bücher gab es nur selten, weil meine Eltern nicht viel Geld hatten – und Bücher damals noch recht teuer waren. Preiswerte Taschenbücher für Kinder gab es in Deutschland damals noch nicht – oder meine Eltern kannten sie nicht.

Das geschenkte Buch hatte ich meist schon am Heiligen Abend ausgelesen, spätestens aber am ersten Weihnachtsfeiertag. Und dann begann eine endlos lange Zeit ohne neue Bücher, die mindestens bis Ostern, manchmal aber auch bis zum Geburtstag im November dauerte. Zeitweise half die Pfarrbücherei im Ort über die bücherlose Zeit. Die war erst endgültig zu Ende, als ich nach der zehnten Klasse aufs Gymnasium wechselte und in Trier nicht nur Stadtbücherei und Stadtbibliothek, sondern auch preiswertere Taschenbücher entdeckte. Mein Taschengeld und das Geld, das ich mir in den Ferien verdiente, habe ich zum großen Teil in Bücher investiert. Wie viele ich seither gekauft habe, weiß ich nicht – es sind gewiss Tausende.

Seit einigen Jahren versuche ich, weniger Bücher zu kaufen. Aber weil Weihnachten ohne Bücher gar nicht geht, verfalle ich im Dezember meist in einen Bücherkaufrausch. In diesem Jahr habe ich gut ein Dutzend Bücher verschenkt. Das eine oder andere Buch habe ich mir selbst geschenkt, weil ich mich gerade in Zeiten wie diesen weder auf das Christkind und den Weihnachtsmann noch auf die 13 Weihnachtskerle verlassen möchte.

Eines der von mir bestellten Bücher liegt leider noch in der Buchhandlung, nur ein paar Hundert Meter von hier entfernt, aber mindestens bis Mitte Januar nicht erreichbar. Denn die Buchhandlung vor Ort ist wegen des Lockdowns geschlossen ist und liefert leider keine Bücher aus – sorry Foe. Doch ich habe rechtzeitig für Ersatz gesorgt. Damit mir und dir der Lesestoff nicht ausgeht. Frohe Weihnachten!

Mehr über die Weihnachts-Bücherflut unter https://wasliestdu.de/magazin/2016/jolabokaflod-warum-die-alljaehrliche-buecherflut-islands-eine-der-schoensten und unter https://www.dw.com/de/verr%C3%BCckte-tradition-allweihnachtliche-b%C3%BCcherflut-in-island/a-51785341

27. September: Ein Tag im Jahr*

Maxim Gorki hat’s erfunden: Er rief im Jahr 1935 alle Schriftsteller auf, einen gewöhnlichen Tag im Jahr – zufällig der 27. September – möglichst genau zu beschreiben, um so weltweit einen „Jedertag“ zu porträtieren. Doch obwohl das Unternehmen „Ein Tag der Welt“ „nicht ohne Resonanz“ blieb, wie Christa Wolf im Vorwort zu ihrem Buch „Ein Tag im Jahr“ schreibt, wurde es nicht weitergeführt.

25 Jahre und einen Weltkrieg später wiederholte die Zeitschrift Istwestja den Aufruf, der Christa Wolf, damals noch eine junge, eher unbekannte Autorin, nach eigenen Aussagen „sofort gereizt“ hat: „Ich setzte mich also hin und beschrieb meinen 27. September 1960“– und alle folgenden bis zum Jahr 2011. Die Aufzeichnungen im Jahr 2011 brach sie ab – sie hatte, so ihr Mann, nicht mehr die Kraft zu schreiben. Anfang Dezember starb Christa Wolf. Gerhard Wolf veröffentlichte die Tagesberichte der Jahre 2001 bis 2011 nach ihrem Tod; der erste Band war bereits 2003 unter dem Titel „Ein Tag im Jahr, 1960–2000“ erschienen, beide im Suhrkamp (Taschenbuch) Verlag. Die Texte zu veröffentlichen, war für die engagierte Schriftstellerin „eine Art Berufspflicht“.

„Ein Tag im Jahr“ ist kein Tagebuch, sondern ein Tagesbuch. Zwischen 6 und 26 Seiten sind die Tageserzählungen lang, und nicht immer schrieb Christa Wolf sie sofort nieder. Die Einträge waren für sie auch „ein Test, was ich vom gestrigen Tag noch weiß, was ich aus der schnell verblassenden Erinnerung festhalten, ‚retten‘ kann.“ Sie wollte festhalten, wie das Leben zustande kommt, was das eigene Leben ausmacht. Und so schrieb sie von ihrer Arbeit, über Menschen in ihrem Umfeld, über ihren Alltag – über Alltägliches und Kleinigkeiten – und über das Wetter. Das findet immer statt, unabhängig von der politischen Wetterlage – in ihren Aufzeichnungen und im richtigen Leben. 1990, im Jahr der Wiedervereinigung, war sie versucht, „dieses Projekt abzubrechen, aus einer tiefer sitzenden Hemmung heraus als aus der gewöhnlichen Unlust. Ich sitze also seit einer halben Stunde untätig vor dem Blatt, auf dem ich mir Notizen machen will“, schrieb sie – und machte dann doch weiter. Zum Glück.

Das Projekt fasziniert nicht nur mich. Die Autorin Angelika Jesse von Borstel aus Altusried führt die Künstlertraditon seit fast einem Jahrzehnt mit dem Schreibprojekt „Ein Tag im Jahr“ weiter. Im Dezember treffen sich die Teilnehmerinnen dann im Frauenzentrum für Kultur, Bildung und Kommunikation in Kempten, um Texte und Erfahrungen auszutauschen. Ich werde zwar sicher nicht nach Kempten reisen, aber auch ich will meinen 27. September beschreiben – in diesem und vielleicht auch in den nächsten Jahren. 

Übrigens: Thomas Brasch, der aus der DDR stammende Lyriker, Dramaturg und Schriftsteller, hat dem 27. September ein Gedicht gewidmet. „Der schöne 27. September“ wurde erstmals 1980, vier Jahre nach seiner Ausreise aus der DDR, in dem gleichnamigen Gedichtband veröffentlicht, nachzulesen unter https://marionbrasch.de/2018/09/27/der-schoene-27-september/.

Christa Wolf:
Ein Tag im Jahr: 1960-2000 (suhrkamp taschenbuch)
Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert (suhrkamp taschenbuch)

*Der Beitrag enthält unbezahlte Werbung.

Ein schöner Sonntag

Nein, dieser Tag macht seinem Namen keine Ehre, denn sonnig ist es heute nicht. Und sommerlich auch nicht, obwohl es Juli ist. Aber das ist hierzulande eben keine Garantie für sonniges Wetter, obwohl wir – oder zumindest Sonnenanbieter wie ich – das nach zwei außergewöhnlich heißen Sommern erhoffen oder erwarten.

Meine Stimmung ist irgendwie trüb wie das Wetter, ich weiß nicht so recht, was ich mit mir und dem Tag anfangen soll. Doch dann kommt mir ein Buch von Jorge Semprún in den Sinn. „Was für ein schöner Sonntag!“ Semprún beschreibt einen Sonntag des Häftlings No. 44904 (S) alias Gérald im Konzentrationslager Buchenwald – und blickt von diesem Tag auf sein Leben.

Ins KZ Buchenwald wurde Jorge Semprún, in Madrid geboren und nach der Flucht aus Spanien seit 1941 als Gerard in der französischen Resistance aktiv, 1943 deportiert. Er hat den Sonntag und das KZ überlebt – keine Selbstverständlichkeit. Schätzungsweise 56.000 der rund 266.000 Gefangenen starben. Jorge Semprún kehrte nach der Befreiung 1945 nach Paris zurück, arbeite zunächst dort, später im Untergrund in Spanien gegen das Franco-Regime. Von 1988 bis 1991 war er spanischer Kulturminister, später lebte er wieder in Paris.  

Ich habe „Was für ein schöner Sonntag“ gelesen, finde das Buch aber nicht, obwohl ich in allen Regalen, die infrage kommen, suche – bei den (Auto)Biographien, bei den Romanen, bei den Schreib- und bei den Lieblingsbüchern. Hatte ich es mit an die Mosel genommen und versehentlich entsorgt, als ich vor zwei Jahren meine Bücherregale in meinem Elternhaus aufgelöst habe? Oder habe ich es gar nicht gekauft, sondern nur ausgeliehen? Ich weiß es nicht mehr.

Jorge Semprun im Bücherregal. Der schöne Sonntag fehlt – noch.

Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Inhalt, aber das Gefühl, dass ich das Buch wieder lesen muss, bleibt. Also bestelle ich es im modernen Antiquariat, wie ich es oft tue, erstens, weil gebrauchte Bücher weniger kosten, und zweitens, weil ich finde, dass Bücher ein zweites Leben verdient haben – vor allem so gute.

Und ich nehme mir wieder einmal vor, meine Bücherregale neu zu ordnen, um mir künftig langes Suchen zu ersparen. Ein trüber Sonntag wie dieser ist da gerade recht. Oder ich könnte endlich mit der Buch-Challenge beginnen, bei der ich schon lange mitmachen will: 30 Bücher soll ich vorstellen, die mir zu bestimmten Vorgaben einfallen: Mit einer Zahl im Titel beispielsweise oder mit einem Tier oder eine Autobiographie. Eine spannende Aufgabe.

Doch während ich diese Zeilen schreibe und darüber nachdenke, was für ein Luxus es doch ist, nur mit dem Wetter zu hadern, überlegt es sich die Sonne anders: Sie kommt hervor und vielleicht macht der Tag seinem Namen doch noch alle Ehre.

2020 ein halb

Ja, ich weiß. Ich bin (wieder) ein bisschen spät dran, aber besser spät als nie. Und was kann ich dafür, wenn die Zeit so dahinrast? Aber das tut sie eigentlich schon immer: Einzweidrei im Sauseschritt, läuft die Zeit, wir laufen mit, hat schon Wilhelm Busch (https://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/Busch/Aphorismen/sausesch.htm) vor fast 150 Jahren gedichtet, in einer Zeit also, die uns rückblickend als viel gemächlicher scheint als unsere. 

Aber zurück zum Thema: 2020 einhalb. Halbzeit, das Jahr ist wieder halb vorbei, und wie im vergangenen Jahr geht mir Reinhard Meys Lied „71 einhalb“ nicht aus dem Sinn. Was ist also „aus all dem geworden, was ich mir am Neujahrsmorgen ganz fest vorgenommen hab?“

Hat prima geklappt, könnte ich sagen, denn anders als in den letzten Jahren habe ich in diesem Jahr wohlweislich keine festen Vorsätze notiert. Weder im Blog noch in den Morgenseiten noch im Tagebuch, womit ich bei den Dingen wäre, die ich wirklich fast immer tue und die ich auch durchgehalten habe: Morgenseiten- und Tagebuchschreiben. Das tue ich nämlich wirklich (fast) täglich: Die Morgenseiten fallen eigentlich nur aus, wenn ich ungewohnt früh aus dem Haus gehe. Doch wenn die Morgenseiten einmal ausfallen, schreibe ich eigentlich immer in mein Tagebuch. Das habe ich, anders als meinen Computer, fast immer dabei. Mit meinen anderen Schreibprojekten hinke ich dagegen wie im vergangenen Jahr leider hoffnungslos hinterher.

Immer dabei: mein Tagebuch

Bei den Blogbeiträgen habe ich mein Vorhaben dagegen erfüllt oder sogar übererfüllt, zumindest durchschnittlich und wenn man beide Blogs zählt: 34 Blogbeiträge habe ich in diesem Jahr schon gepostet, je 17 auf beiden – das ist mehr als ein Blogbeitrag je Woche im Schnitt. Und es werden hoffentlich viel mehr. Denn ich möchte – ein neuer Vorsatz – bei der 30-Tage-Buch-Challenge mitmachen. Dazu in den nächsten Tagen mehr. Gelesen habe ich ebenfalls so viel, wie ich mir vorgenommen habe: 27 Bücher habe ich in meinem Büchertagebuch notiert, und weil ich manchmal vergesse, Bücher einzutragen, dürften es sogar ein paar mehr sein.

Ich habe es auch fast geschafft, jede Woche eine Karte mit einem Gedicht aus dem Kalender Fliegende Wörter zu schreiben. Für jedes Gedicht eine passende Adressatin oder einen passenden Adressaten zu finden, war eine wirkliche Herausforderung. Und ich gebe zu: Ich habe nicht alle geschriebenen Karten verschickt. Denn wer, außer vielleicht ein Wurmforscher (ich kenne keinen persönlich), freut sich schon über einen „Altniederdeutschen Wurmsegen“. Für die zweite Jahreshälfte habe ich die Aktion Fliegende Wörter deshalb etwas geändert: Ich werde weiter Gedichte verschicken, teilweise aber selbst ausgesuchte (mit selbst geschriebenen verschone ich euch weiter).

Dass ich – endlich – weniger gearbeitet habe als in den vergangenen Jahren (ein Dauer-Vorsatz), liegt weniger an mir als an Corona. Ob es mir gelungen ist, mehr zu leben, weiß ich nicht. Aber ich glaube, ich bin auf einem ganz guten Weg.

Mancher Weg ist steiniger und steiler als geplant. Und manchmal scheint es, als hätte der Teufel seine Hand im Spiel, wie hier auf der Teufelsmauer.

Apropos Weg: Ich bin – Foe sei Dank – im letzten halben Jahr sicher mehr gewandert als je. Dabei habe ich wirklich schöne Wege und Orte im Harz, also quasi vor der Haustür, kennen gelernt, an denen ich jahrelang achtlos vorbeigefahren bin. Am Marienteich zum Beispiel. Den Hexenstieg habe ich immer noch nicht ganz erwandert, aber zumindest Teile davon, darunter den vielleicht schönsten Teil, den Weg durch das Bodetal. Und der Sommer ist ja noch lang …

An der Bode, dem vielleicht schönsten Teil des Hexenstiegs

Im Alltag klappt das mit dem Vorsatz, mich mehr – und täglich – zu bewegen, leider nicht immer. Meine Yoga-Übungen lasse ich leider allzu oft ausfallen oder reduziere sie auf ein Miniprogramm. Aber ich gelobe Besserung. 10.000 Schritte am Tag sind ein guter Vorsatz für das zweite Halbjahr. Damit das auch klappt, werde ich meinen Fitnesstracker reaktivieren. Ob es etwas genutzt hat, schreibe ich dann am Ende des Jahres. Wie auch über andere unausgesprochene und ungeschriebene Vorsätze. 😉

Von Bücherschränken und sprechenden Büchern

Eigentlich habe ich meine Bücher(kauf)sucht inzwischen ganz gut im Griff: Die Bücherei Burgwedel ist sehr gut sortiert, in der Niedersächsischen Landesbibliothek in Hannover kann frau unbeschränkt ausleihen. Aber Büchereien und Bibliotheken waren wegen Corona wochenlang geschlossen. Und so habe ich einen Rückfall erlitten. Letzte Woche habe ich an einem Tag drei Bücher gekauft – und damit mein selbst gesetztes Limit weit überschritten.

Das erste habe ich in meiner Lieblingsbuchhandlung gefunden, die leider – oder mit Blick auf meinen Kontostand Gott sei Dank – nicht in meinem Wohnort, sondern in Hannover liegt. Wenn ich in der Nähe bin, gehe ich fast immer zu Annabee – und fast immer raunen mir mehrere Bücher zu: „Kauf mich, kauf mich.“ Auch diesmal habe ich die Bitte eines Buchs erfüllt – schließlich soll man kleine Buchhandlungen ja unterstützen, vor allem in Zeiten wie diesen. Auf dem Nachhauseweg hat mir dann eine Bekannte Buch Nummer 2 empfohlen. Und weil ich mir vorgenommen habe, wichtige Dinge nicht mehr aufzuschieben, habe ich es sofort in der Buchhandlung in Burgwedel bestellt. Im Briefkasten lag schließlich Buch Nr. 3. Ich hatte es Anfang der Woche online gekauft – nein, nicht bei dem Händler mit dem großen A, sondern bei einem modernen Antiquariat.

Die Stimmen in meinem Kopf – aufgedruckt auf meinem neuen Sweatshirt

Ja, ich kaufe viele Bücher secondhand – zum einen, weil ich sie mir neu nicht leisten kann: Vor allem Bildbände sprengen mein Budget bei Weitem. Zum anderen finde ich es gut und richtig, aussortierten Büchern ein zweites Lesen zu schenken.

Das tue ich mit meinen Büchern auch – nicht ganz freiwillig. Denn der Platz in meinen Bücherregalen wird knapp. Und so sortiere ich für jedes gekaufte Buch ein gelesenes aus. Bücher in der Papiertonne zu entsorgen, bringe ich nur selten übers Herz. Viele bringe ich stattdessen in die Krankenhausbücherei. Doch die ist zurzeit ebenso wie die städtische Bücherei geschlossen. Wann dort der nächste Bücherflohmarkt stattfindet, steht in den Sternen. Doch zum Glück gibt es ja auch in Burgwedel einen Bücherschrank. Der ist rund um die Uhr geöffnet und abends sogar beleuchtet.

Burgwedeler Bücher-Box von außen …

Das Prinzip der öffentlichen Bücherschränke ist einfach: Man oder frau stellt ausgelesene und ausgeliebte Bücher hinein. Wer will, darf sie mitnehmen; ob er/sie die Bücher nur ausleiht, sie behält, wieder zurückbringt oder andere Bücher dafür hinstellt, entscheidet jedeR selbst.

Ich liebe Bücherschränke. Wie an Buchhandlungen kann ich an ihnen nicht vorbeigehen, ohne darin zu stöbern – meist werde ich fündig und nehme Bücher mit. Und natürlich stelle ich immer wieder Bücher hinein.

Wie gut ein Bücherschrank ist, hängt nicht nur von den Buchspenderinnen und -spendern ab, sondern auch von den Menschen, die sich um die Bücherschränke kümmern. Vielen Dank allen, die das – ehrenamtlich – tun!

In Burgwedel klappt das ausgezeichnet, dank des Teams von printeffect, dem Copyshop im Mitteldorf. Besitzerin Edda Wilkening hat eine alte Telefonzelle im Ruhrgebiet gefunden, nach Burgwedel geholt, vor ihrem Laden aufgestellt und zur wetterfesten Bücher-Box umfunktioniert. Ein Aufdruck erinnert potenzielle Spenderinnen und Spender daran, dass ein Bücherschrank eben keine Altpapiertonne ist. Vergammelte Bücher werden aussortiert und entsorgt – und wenn Zeit ist, ordnet das Team um Edda Wilkening die Bücher sogar nach Rubriken.

… und von innen

NutzerInnen wie mich freut’s. Ich war letzte Woche übrigens ganz tapfer und habe mich gleich von sechs Büchern getrennt, obwohl ich nur drei gekauft hatte. Allerdings standen mehrere Bücher in der Box, die mir zuflüsterten: „Nimm mich.“ Zwei habe ich erhört.

Eine Karte der Bücherschränke in Deutschland gibt es auf dem Blog von Tobias Zeisig unter https://www.lesestunden.de/karte-oeffentlicher-buecherschraenke/

Tagebuch schreiben

Vor ein paar Tagen habe ich ein neues Tagebuch angefangen. Und obwohl es schon so viele waren in all den Jahren ist es immer wieder ein besonderes Gefühl. Ich weiß nicht, wie viele Bücher ich vollgeschrieben habe, seit ich Anfang der 70er– angeregt durch das Tagebuch von Anne Frank – damit begonnen habe. Ich habe sie nie gezählt – aber es müssen mehr als hundert sein. Die Kladden füllen inzwischen mehrere Regalbretter.

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Tagebücher – stapelweise

Mein erstes Tagebuch mit einem orange gemusterten Plastikeinband und verschließbar habe ich wiedergefunden, als ich im letzten Jahr das Haus meiner Eltern teilweise ausgeräumt habe. Der Verschluss ist aufgeschnitten, den Schlüssel habe ich wahrscheinlich irgendwann verloren. Einige Seiten sind herausgerissen, der Rest ist fast leer. Warum ich nicht weitergeschrieben habe, weiß ich nicht mehr genau. Vielleicht weil  ich gemerkt habe, dass jemand versucht hatte, darin zu lesen.

Einige Tagebücher aus den Anfangsjahren sind verschwunden, einige habe ich zerrissen und verbrannt – in Anfällen von Selbstzweifeln oder um zu verhindern, dass irgendjemand sie liest. Das eine oder andere  ist wohl auch im Laufe der Jahre verloren gegangen – bei diversen Umzügen oder durch andere Umstände.

In den ersten Jahren habe ich eher spontan und verhältnismäßig wenig geschrieben, inzwischen fülle ich etwa vier Bücher  im Jahr. Zurzeit benutze ich Bücher  von Leuchtturm, weil es meine heißgeliebten Claire-Fontaine-Kladden – blanco, mit flexiblem einband und 96 Blatt – nur selten in meinen Wunschfarben gibt und bestimmte Farben angeblich auch nicht zu bestellen sind (Falls jemand mir die Claire-Fontaine-Hefte in Lila, Beere oder Petrol besorgen kann, freue ich mich).

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Time to write – nur ein paar Minuten in einem meiner Lieblingsgärten

Ich bin eine notorische Tagebuchschreiberin – ohne mein Tagebuch gehe ich nur selten aus dem Haus. Und ich habe auch schon mal einen Zug verpasst, weil ich auf dem Weg zum Bahnhof gemerkt habe, dass ich mein Tagebuch vergessen hatte und deshalb umkehren musste. Ich schreibe überall. Im Bett, im (Winter)Garten, im Zug, in der Straßenbahn, im Bus, in der Badewanne, in der Sauna  – wo immer es mir gerade in den Sinn kommt. Seit einiger Zeit verändern sich meine Einträge, immer häufiger klebe ich Bilder in mein Tagebuch oder zeichne etwas, völlig talentfrei, aber bunt. Mein Leben soll bunter werden, das habe ich mir fest vorgenommen, und mein Tagebuch macht den Anfang.

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Farbe bekennen. Foto: Nele Schmidtko

Neben meinem klassischen Tagebuch führe ich auch noch ein digitales  – eine Tagebuchdatei. Und natürlich mein Bullet Journal, in das ich täglich notiere, was ich erledigen soll – oder sollte. Also  eine Art Arbeits-Tagebuch.

Im Herbst 2017 habe ich das Fünf-Jahresbuch entdeckt. seither notiere ich an (fast) jedem  Abend, was am Tag passiert ist. Für jeden Tag gibt es nur ein paar Zeilen, ich muss mich also kurz fassen – Some Lines a Day, so viel Zeit muss sein. In meinen alten Tagebüchern lese ich nie, doch während ich in das Fünf-Jahres-Buch schreibe, schaue ich meist, was ich vor genau einem Jahr erlebt habe, worüber ich mich geärgert oder gefreut habe (und täglich grüßt das Murmeltier).

Und dann gibt es seit einigen Monaten noch das Dankbarkeits-Tagebuch. Ein Blogpost von That’s Michi (https://thatsmichi.wordpress.com/2019/03/23/30-dinge-fur-die-ich-dankbar-bin/) hat mich auf die Idee gebracht.

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Tagebücher – ein uraltes und drei aktuelle

Natürlich konnte nicht widerstehen und habe mir ein Dankbarkeits-Tagebuch gekauft. Seither starte ich mit einer Tasse Kaffee und dem Schreiben der Morgenseiten in den Tag  und beende ihn meist damit, mich daran zu erinnern, was positiv war, was ich Schönes erlebt habe. Manchmal sind es Kleinigkeiten, die ich notiere – die erste Erdbeere zum Beispiel, ein nettes Gespräch oder dass ich beim Besuch in einem offenen Garten für ein paar Minuten an einem kleinen Teich sitzen durfte. Und manchmal wird mir erst beim Nachdenken und Schreiben bewusst, wie viel es doch gibt, wofür ich dankbar sein sollte oder bin.

Kunst entdecken

Manchmal weiß ich im Nachhinein nicht, warum ich etwas erst so spät entdeckt habe. So habe ich beispielsweise schon einige Jahre in Burgwedel gelebt, bevor ich zum ersten Mal in den Herrenhäuser Gärten war. Seit meinem ersten Besuch gehört der Berggarten zu meinen absoluten Lieblingsorten in Hannover. Mit dem Großen Garten fremdle ich immer noch ein bisschen – wie mit der Stadt Hannover.

Vielleicht habe ich den Atelierspaziergang in Hannover  deshalb erst jetzt entdeckt, obwohl es ihn schon lange gibt: Künstlerinnen und Künstler öffnen ihre Ateliers für Kunstinteressierten und solche, die es werden wollen. Terra incognita hieß das Motto in diesem Jahr – ich habe die Gelegenheit zu einer Entdeckungsreise in die mir völlig unbekannte hannoversche Kunstszene genutzt. Noch mehr als die Bilder, ich gestehe es, interessieren mich die Ateliers, in denen die Malerinnen und Bildhauer arbeiten – die Orte, an denen Kunst entsteht.

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Atelier im Quellengrund, Limmer

Manchmal ist es nur ein kleiner Schritt abseits der bekannten Pfade. An den ersten beiden Ateliers auf meiner Liste bin ich oft vorbeigegangen, denn meine Tochter hat ganz in der Nähe gewohnt. Sie liegen versteckt in einem grünen Hinterhof an der Durchgangsstraße von Limmer. Und auch die Ateliers von Bernhard Kock und Anne Nissen liegen nur ein paar Meter von zwei Haltestellen entfernt, an denen ich häufig aussteige.

Unterschiedlicher können Räume kaum sein. Die Galerie von Bernhard Kock war früher eine Schusterwerkstatt. Unten hat der Schuster gearbeitet, eine steile Treppe führt in die kleinen Zimmer im Obergeschoss, in denen früher die ganze Familie gelebt hat. Ich muss an meinen Opa denken, der auch Schuster war. Ich habe ihn nie kennengelernt, weil er lange vor meiner Geburt gestorben ist. Meine Mutter hat als Kind auch mit vielen Geschwistern  in einer winzigen Wohnung hinter der Werkstatt gelebt. An dieses Haus erinnert sie sich, wenn sie heute von ihrem Haus spricht.

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Anne Nissen, Tuschebilder

Das Atelier von Anne Nissen war früher mal eine Fabrikhalle: ein riesiger Raum mit hohen Wänden. Anne Nissens Tuschezeichnungen gehören zu den Lieblingskunstwerken auf meiner dreitägigen Entdeckungstour. Im Stefanstift in Kirchrode dienen die ehemalige Bäckerei und die alte Wäscherei heute als Ateliers. Ein schlichter Zettel am Eingang gewährt einen Einblick in die Lebensgeschichte eines Malers, dessen Bilder hier zu sehen sind. Sabah al Rikabi und seine Frau, die Dichterin Freyal Fareed, haben Kirchenasyl auf dem Stiftsgelände – sie dürfen es nicht verlassen.

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Bilder im Asyl von Sabah al Rikabi

Bei Kunst in Bewegung (KIB) in Burgwedel bin ich seit Jahren mit von der Partie: Hier stellen meist Hobbykünstlerinnen und -künstler ihre Werke aus. Die meisten inzwischen in öffentlichen Gebäuden, nur wenige öffnen ihre Häuser und oder ihren Garten. Der Garten von Mitorganisatorin Elke Seitz liegt ganz versteckt mitten im Ort. Die kleine grüne Oase steht jedes Jahr ganz oben auf meiner To-visit-Liste – und jedes Mal fühle ich mich ein bisschen wie Lewis Carrolls Alice hinter den Spiegeln.

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Eva in den Spiegeln im Garten von Elke Seitz

Sam Mabeu, ein junger Bildhauer aus Simbabwe, stellte seine Skulpturen im Sankt Petry Park aus. Sie gefallen mir gut – auch in unserem Garten würden sie sich gut machen.

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Skulptur von Sam Mabeu

Das  absolute Highlight sind für mich aber die Skizzenbücher von Heidrun Schlieker, in denen sie Landschaften, Szenen oder auch Menschen festhält, bevor daraus später „richtige“ Bilder entstehen. Mein erster Gedanke: Das möchte ich auch können – und der zweite: „Will haben!!!!!!!“ Doch leider sind die Bücher unverkäuflich.

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Aus dem Skizzenbuch von Heidrun Schlieker (auch Beitragsbild oben)

 

Film ab

Durchschnittlich 1,5 mal im Jahr geht – rein statistisch – jede/r Bundesbürger/in jährlich ins Kino, meldete das Statistische Bundesamt, das jetzt DESTATIS heißt, Ende Januar. Ich liege deutlich über dem Durchschnitt.

Seit Anfang des Jahres habe ich mir bereits fünf Filme angesehen. Ich tue also etwas fürs Wohlergehen der Filmbranche.

Die ersten beiden Film erzählten die Geschichte der Schriftstellerinnen Astrid Lindgren und  Colette. Auch bei Film Nummer drei stand eine Frau im Mittelpunkt – die Frau eines erfolgreichen Schriftstellers. Sie tat, was auch Colette am Anfang getan hatte: Sie schrieb  Bücher, die ihr Mann unter seinem Namen veröffentlichte. Während sich aber Colette Anfang des 20. Jahrhunderts befreite und eine erfolgreiche Schriftstellerin wurde, gelingt das Joan Castleman im Roman nicht: Sie bleibt im Schatten ihres Mannes, opfert ihm die eigene Karriere, das eigene Talentt. Wie oft ist das früher geschehen, wie oft geschieht das heute noch.

Nachdem ich den Film „Die Frau des Nobelpreisträgers“ gesehen habe, habe ich auch den Roman von Meg Wolitzer gelesen – und so eine Autorin entdeckt, die ich bisher nicht kannte.

Die Autobiographie von Hape Kerkeling werde ich sicher nicht lesen. Aber der Film: „Der Junge muss an die frische Luft“ hat mich und alle, denen ich ihn empfohlen habe, begeistert. Schon allein wegen der tollen Schauspieler, allen voran Julius Weckauf, der den kleinen Hape spielt. Ein Film, in dem Lachen und Weinen ganz nah beieinander liegen, in einem Säckchen sind, wie es früher bei uns hieß.

Und nach vier überzeugenden Filmen war da noch Film Nummer 5. Kein Spiel-, sondern ein Dokumentarfilm: Ein Mann wandert 700 km durch den Harz und filmt sich und die Landschaft dabei. Eine gute Idee eigentlich, aber gut gedacht ist ja bekanntlich das Gegenteil von gut gemacht. Eine Werbung für den Harz war der Film meiner Meinung nach nicht. Das lag vielleicht auch daran, dass es auf der Tour gefühlt fast immer regnete. Aber Freunde, die fast alle Strecken selbst gewandert sind, behaupten, sie hätten auf ihren Touren bessere Aufnahmen gemacht und schönere Stellen gefunden als die gezeigten.

Ein Ereignis war der Kinobesuch trotzdem, denn so einen Ansturm habe ich selten erlebt. Vor dem Kino bildete sich schon eine dreiviertel Stunde vor Beginn eine Schlange, die vom Eingang im Hinterhof bis zur Straße reichte. So etwas habe ich zuletzt bei der Rocky Horror Picture Show in meiner Studentenzeit in den Siebzigern erlebt. Wer keine Karte reserviert hatte, musste draußen bleiben. Und als der Film mit Verspätung um viertel nach sieben startete, standen draußen noch immer Leute Schlange, die sich Karten für die Zusatzvorstellung am Sonntag sichern wollten. Wenn ich gewusst hätte, was mich erwartet, hätte ich zumindest einen der Wartenden glücklich gemacht, ihm meine Karte verkauft und vielleicht ganz nebenbei eine neue Karriere als Schwarzmarkthändlerin gestartet.