Wandern im Harz: Auf dem Brocken

Goethe war hier – und hat dem höchsten Berg Norddeutschland im Faust ein literarisches Denkmal gesetzt. Heinrich Heine hat den Brocken ebenfalls bestiegen – und danach die Harzreise verfasst. Ich nehme mir vor nach meiner Wanderung einen Blog zu schreiben (was ich hiermit getan habe).

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Der Brocken fasziniert mich immer wieder: Seit der Berg – zu DDR-Zeiten militärisches Sperrgebiet – im Dezember 1989 wieder geöffnet wurde, war ich sicher ein Dutzend Mal oben. Meist bin ich wie am Sonntag von Torfhaus aus gewandert. Weil ich recht früh unterwegs war, habe ich auf dem Goetheweg nur wenige Menschen getroffen. Und auch auf dem Gipfel war es noch sehr ruhig.

Der Brocken hat für mich eine besondere Bedeutung – nicht nur, weil ich Hexen mag. Ich war auf dem Berg, als mein Vater starb. Am Tag zuvor war ich noch bei ihm gewesen. Fast neun Jahre später nehme ich auf der Wanderung zum Brocken auch ein bisschen Abschied von meiner Mutter. Nein, sie ist nicht gestorben, sie verschwindet nur seit zwei Jahren immer mehr in ihrer Demenz. Es ist ein Abschied auf Raten. Anderthalb Jahre hat sie in einem Heim ganz in meiner Nähe gelebt. Sie hat sich – soweit die Demenz es erlaubt – gut eingelebt und sich wohl gefühlt. Aber meine  Schwestern meinen, dass sie in einem Heim in Norderstedt besser aufgehoben ist – als ich diese Zeilen schreibe, ist sie bereits umgezogen. Ich werde meine Mutter also künftig nicht mehr zwei- oder dreimal in der  Woche, sondern nur noch alle zwei oder drei Wochen einmal besuchen.

Mit dem Wetter habe ich bei all meinen Brockenwanderungen Glück: Das ist bei mehr als 306 Nebel- und mehr als 260 Regentagen keine Selbstverständlichkeit. Es ist mit 8 Grad eher frisch, wenn auch deutlich wärmer als im Jahresdurchschnitt, ziemlich windig und etwas diesig. So zeigt sich das ganze Ausmaß des Waldsterbens zumindest von oben nicht ganz so deutlich. Der tote Silberwald hebt sich nicht ganz so klar vom umgebenden Grün ab – oder umgekehrt.

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Auf dem Brocken: Hexentanzplatz

Auf dem Weg bergab zeigt sich dann, dass der Borkenkäfer ganze Arbeit geleistet hat. Auf dem Teufelsstieg in Richtung Schierke sind stellenweise nur noch wenige grüne Nadelbäume zu sehen.

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Und dennoch deprimiert mich der Anblick weniger als bei meiner Harzwanderung im vergangenen Jahr. Die riesigen grauen Steine und die toten Bäume im Eckerloch wirken fast mystisch – Sinfonie in Grau. Und wenn man genau hinschaut, sieht man, dass zwischen den toten Nadel- neue Laubbäume wachsen. Der Wald lebt – und ist, wenn man den Fachleuten und der Infotafel auf dem Goetheweg glauben darf, artenreicher und stabiler als zuvor. Irgendwann werden wir dem Borkenkäfer also dankbar sein, dass er der dem Tannen- und Fichteneinerlei den Garaus gemacht hat.

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Die Natur schafft das – hoffentlich

Bis wieder alles grün ist, werde ich allerdings nicht warten. Ich plane schon meine nächste Tour zum Brocken: Auf dem Teufelsstieg von Elend aus entlang der Bode über die Schnarcher- und Mauseklipppen und durch das Eckerloch. Dieser Weg soll dem Aufstieg von Mephisto und Faust nachempfunden sein. Und bergab will ich auf Heines Spuren wandern: durch das Tal der schönen Ilse nach Ilsenburg, angeblich der schönste Wanderweg vom und zum Brocken. Und auch in Thale am anderen Ende des Hexenstiegs will ich in diesem Sommer noch wandern: natürlich zum Hexentanzplatz.

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Kaffeepause auf dem Weg zum Tal der Hexen

Kunst entdecken

Manchmal weiß ich im Nachhinein nicht, warum ich etwas erst so spät entdeckt habe. So habe ich beispielsweise schon einige Jahre in Burgwedel gelebt, bevor ich zum ersten Mal in den Herrenhäuser Gärten war. Seit meinem ersten Besuch gehört der Berggarten zu meinen absoluten Lieblingsorten in Hannover. Mit dem Großen Garten fremdle ich immer noch ein bisschen – wie mit der Stadt Hannover.

Vielleicht habe ich den Atelierspaziergang in Hannover  deshalb erst jetzt entdeckt, obwohl es ihn schon lange gibt: Künstlerinnen und Künstler öffnen ihre Ateliers für Kunstinteressierten und solche, die es werden wollen. Terra incognita hieß das Motto in diesem Jahr – ich habe die Gelegenheit zu einer Entdeckungsreise in die mir völlig unbekannte hannoversche Kunstszene genutzt. Noch mehr als die Bilder, ich gestehe es, interessieren mich die Ateliers, in denen die Malerinnen und Bildhauer arbeiten – die Orte, an denen Kunst entsteht.

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Atelier im Quellengrund, Limmer

Manchmal ist es nur ein kleiner Schritt abseits der bekannten Pfade. An den ersten beiden Ateliers auf meiner Liste bin ich oft vorbeigegangen, denn meine Tochter hat ganz in der Nähe gewohnt. Sie liegen versteckt in einem grünen Hinterhof an der Durchgangsstraße von Limmer. Und auch die Ateliers von Bernhard Kock und Anne Nissen liegen nur ein paar Meter von zwei Haltestellen entfernt, an denen ich häufig aussteige.

Unterschiedlicher können Räume kaum sein. Die Galerie von Bernhard Kock war früher eine Schusterwerkstatt. Unten hat der Schuster gearbeitet, eine steile Treppe führt in die kleinen Zimmer im Obergeschoss, in denen früher die ganze Familie gelebt hat. Ich muss an meinen Opa denken, der auch Schuster war. Ich habe ihn nie kennengelernt, weil er lange vor meiner Geburt gestorben ist. Meine Mutter hat als Kind auch mit vielen Geschwistern  in einer winzigen Wohnung hinter der Werkstatt gelebt. An dieses Haus erinnert sie sich, wenn sie heute von ihrem Haus spricht.

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Anne Nissen, Tuschebilder

Das Atelier von Anne Nissen war früher mal eine Fabrikhalle: ein riesiger Raum mit hohen Wänden. Anne Nissens Tuschezeichnungen gehören zu den Lieblingskunstwerken auf meiner dreitägigen Entdeckungstour. Im Stefanstift in Kirchrode dienen die ehemalige Bäckerei und die alte Wäscherei heute als Ateliers. Ein schlichter Zettel am Eingang gewährt einen Einblick in die Lebensgeschichte eines Malers, dessen Bilder hier zu sehen sind. Sabah al Rikabi und seine Frau, die Dichterin Freyal Fareed, haben Kirchenasyl auf dem Stiftsgelände – sie dürfen es nicht verlassen.

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Bilder im Asyl von Sabah al Rikabi

Bei Kunst in Bewegung (KIB) in Burgwedel bin ich seit Jahren mit von der Partie: Hier stellen meist Hobbykünstlerinnen und -künstler ihre Werke aus. Die meisten inzwischen in öffentlichen Gebäuden, nur wenige öffnen ihre Häuser und oder ihren Garten. Der Garten von Mitorganisatorin Elke Seitz liegt ganz versteckt mitten im Ort. Die kleine grüne Oase steht jedes Jahr ganz oben auf meiner To-visit-Liste – und jedes Mal fühle ich mich ein bisschen wie Lewis Carrolls Alice hinter den Spiegeln.

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Eva in den Spiegeln im Garten von Elke Seitz

Sam Mabeu, ein junger Bildhauer aus Simbabwe, stellte seine Skulpturen im Sankt Petry Park aus. Sie gefallen mir gut – auch in unserem Garten würden sie sich gut machen.

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Skulptur von Sam Mabeu

Das  absolute Highlight sind für mich aber die Skizzenbücher von Heidrun Schlieker, in denen sie Landschaften, Szenen oder auch Menschen festhält, bevor daraus später „richtige“ Bilder entstehen. Mein erster Gedanke: Das möchte ich auch können – und der zweite: „Will haben!!!!!!!“ Doch leider sind die Bücher unverkäuflich.

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Aus dem Skizzenbuch von Heidrun Schlieker (auch Beitragsbild oben)

 

Fastenbilanz

Jetzt ist sie vorbei, die Fastenzeit. Ja, Ostern auch schon, ich gebe es zu, aber irgendwie habe ich es nicht früher geschafft. Immerhin noch früh genug, Bilanz zu ziehen. Was habe ich durchgehalten, was nicht.

Also, ich habe sechs Wochen lang keine Schokolade und kein Eis gegessen, Letzteres ist mir vor allem an den letzten Tagen vor Ostern schwer gefallen, als ich bei schönem Wetter an der Eisdiele im Hauptbahnhof von Hannover vorbeigekommen bin -nach Franco in Bernkastel die beste Eisdiele, die ich kenne. Am Ostersonntag habe ich mir dort auch gleich ein Eis  gegönnt. Und beim Osterfrühstück in den Herrenhäuser Gärten ein kleines Schokoosterei. Das habe ich mit Andacht gegessen, wie meine Mutter gesagt hätte. Neudeutsch heißt das dann eher achtsam.

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Den Schokohasen, den ich dabei hatte, habe ich wieder mit nach Hause genommen, musste ihn aber dann leider notschlachten, weil er nach dem Ausflug in meinem Fotorucksack ganz platt war.

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Alkohol habe ich in der Fastenzeit an zwei Tagen getrunken (oder waren’s drei? Danke Sabine und Werner, dass ihr mich verführt habt: Es war sehr lecker und hat gut getan).

Mit dem umweltbewussten Leben hat es nicht ganz so gut geklappt – ich war leider nicht so konsequent, wie es sicher nötig wäre. Ich bin wenig Auto gefahren, aber das tue ich ja eigentlich immer. Ich bin lieber mit Öffis, zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs. Immerhin habe ich keine Einwegflaschen gekauft und meist unverpacktes Obst. Das habe ich dann auch meist in ein mitgebrachtes Netz gesteckt. Nur Obst aus ökologischem Anbau oder fairem Handel zu kaufen, schaffe ich allerdings nicht. Es ist mir bei meinem Obstverbrauch schlichtweg zu teuer, und manches wie Kaffee und Schokolade schmeckt mir unökologisch einfach besser. Bei anderen Lebensmitteln wie Eiern oder Kartoffeln ist es dagegen umgekehrt.

Aufschlussreich war der Blick auf die Mikroplastik-Liste: Mein Make-up, also Lippenstift, Eyliner und Co, ist garantiert mikroplastikfrei – benutze nämlich keine. Die meisten Duschgels und Haarwaschmittel habe ich dagegen auf der Liste entdeckt. Ich werde sie noch aufbrauchen und  ersetzen, wenn ich beim nächsten Mal – dann mit App oder Liste – einkaufen gehe. An Stückseife fürs Haarewaschen kann ich mich nicht gewöhnen, denn ich bin ein Duftfreak.

Das Konsum-Fasten ist mir dagegen nicht schwer gefallen, denn ich bin sicherlich kein Shopping-Freak: Ich kaufe recht wenig neue Sachen – Ausnahme Bücher, und die auch immer öfter Secondhand – und trage meine Klamotten meist jahrelang. Künftig werde ich noch mehr darauf achten, wo die Dinge herkommen.

Was noch positiv war: ich habe in den letzten Wochen viel weniger ferngesehen als sonst und es eigentlich kaum vermisst. Das will und werde ich auf jeden Fall beibehalten und dann vielleicht öfter Zeit zum Bloggen, zum Lesen oder zum Schreiben finden.

Zugegeben: Die Welt rette ich so sicher nicht, aber irgendwo muss frau ja anfangen. Und wie heißt es so schön: Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt.

Garten(er)kenntnisse

Eben habe ich beim Yoga auf der Terrasse – ja zum ersten Mal in diesem Jahr – Pflänzchen entdeckt, die ich gestern, als ich im Beet daneben gearbeitet habe, übersehen habe. Überall zwischen den Steinen sprießt, neben Gras und anderen eher unerwünschten Pflanzen, Ruccola. Die jungen Blätter schmecken so intensiv, dass schon ganz wenige morgen dem Salat eine ganz besondere Note verleihen werden (heute gibt’s Spargel, auch zum ersten Mal in diesem Jahr).

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Zarte Pflänzchen in der Morgensonne

Es ist nicht die einzige Pflanze, die ich quasi durch Zufall wiederentdeckt habe: an den Veilchen, zum Beispiel, die mir im letzten Jahr Bekannte aus dem Harz mitgegeben haben, bin ich in den letzten Tagen immer achtlos vorbei gegangen. Immerhin zwei haben also den Winter oder meine gärtnerischen Bemühungen überstanden. Und als ich gestern einen Platz für die in den Herrenhäuser Gärten gekauften Narzissen suchte, habe ich auch eine Blume gefunden, die ich schon verloren glaubte: die Maiglöckchen, die ich in den vergangenen Jahren aus verschiedenen anderen Gärten in meinen eigenen umgesiedelt habe. In den Nachbargärten blühen sie bereits, bei mir recken sie erst jetzt die Spitzen aus der Erde. Herzlich willkommen.

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Ein paar Dinge sind mir dabei klar geworden:

  • Frau muss gelegentlich einfach mal sie Perspektive wechseln. Den Ruccola habe ich auf dem Rücken liegend und auf dem Kopf stehend entdeckt.
  • Frau sollte Geduld haben, was zugegebenerweise nicht zu meinen Kernkompetenzen gehört: Manches braucht einfach seine Zeit.
  • Genau hinsehen lohnt sich.
  • Manchmal sind Umwege nötig.

Die Narzisse habe ich nämlich, ich gestehe es, nicht etwa gekauft, weil der Pflanz- oder Farbplan es für meinen Garten vorsieht oder weil genau diese Narzissenart hier besonders gut gedeiht. Auch nicht, weil sie mir besonders gut gefällt, sondern nur – typisch für eine Chaosgärtnerin wie mich – wegen ihres Namens.

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Rip van Winkle

Denn die kleine Narzisse trägt einen großen Namen: Rip Van Winkle ist eine Erzählung des amerikanischen Schriftstellers Washington Irving. Sie erschien erstmals 1819 in seinen Sketchbooks und gilt als erste Short Story überhaupt. Vorbild soll die  Sage vom Ziegenhirten Peter Klaus sein, die Johann Karl Christoph Nachtigal 1800 in der Sammlung von Volcks-Sagen aus dem Harz veröffentlichte. Auch andere Sagenmotive fließen in die kurze Geschichte ein: die Kyffhäusersage zum Beispiel und klassische Sagenmotive zum Beispiel aus der Odyssee.

Weil ich mich nicht mit fremden Federn schmücken möchte,  gebe ich es zu: Das literaturgeschichtlichen Hintergrundwissen verdanke ich Wikipedia, das ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Ich selbst kenne Rip van Winkle nur als Hörspiel von Max Frisch und durch seinen Roman Stiller. Der daraus entstanden ist. Weil Max Frisch lange Zeit einer meiner Lieblingsautoren und Stiller mein Lieblingsroman war, wollte ich die Narzisse haben. Vielleicht ist es Zeit, ihn wieder mal zu lesen und ihn wieder zu entdecken – nach mehr als 30 Jahren und nach einem halben oder, wenn man das Alter meiner Mutter als Maßstab nimmt, nach einem Drittel Leben.

Apropos Chaosgärtnerin: All jenen, die meine Blogbeiträge über meinen und andere Gärten (schmerzlich) vermissen, sei’s gesagt: Schaut einfach mal unter www.Chaosgaertnerinnen.de Dort blogge ich jetzt zusammen mit Foe Rodens. Leider funktioniert die E-Mail-Anmeldung noch nicht. Aber wenn ihr Interesse habt, schickt mir einfach eine Mail: Ihr bekommt dann eine Mail, wenn ein neuer Blogbeitrag veröffentlicht wird.

Die gar nicht graue Stadt am Meer

Nein, es war keine Liebe auf den ersten Blick, auch nicht auf den zweiten oder dritten, eher eine Vernunftehe, aber die halten ja bekanntlich länger und sind auf Dauer manchmal glücklicher als manche Liebesheirat. Aber das ist ein anderes Thema.

Dass wir eine „kleine Auszeit zwischendurch“ gelegentlich in Cuxhaven verbringen, hat sicher auch sachliche Gründe. So dauert die Fahrt von Hannover nach Cuxhaven gerade mal zwei Stunden, bis zum Darß braucht man oft doppelt so lang. Denn man erspart sich den Dauerstau um Hamburg. Dass die Strände auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst weiter und schöner sind und dass das Wasser an der Nordsee wegen der Gezeiten oft nicht da ist, wenn wir selbst gerade kommen, nehmen wir in Kauf.

Denn inzwischen mag ich Cuxhaven: Mir gefällt, dass ich in dort beides habe – das Meer und eine Stadt in der Nähe mit vielen kleinen Läden. Einen Schreibwarenladen mit so viel Stil und Atmosphäre wie Skribifax in der Deichstraße findet man nur selten – und eine Buchhandlung wie Oliva, in der man nicht nur neue, sondern auch gebrauchte Bücher kaufen kann, ebenfalls.

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Scribifax – Schreibwaren mit Stil

Mich überrascht immer wieder, wie viele schöne alte Gebäude es gibt – auch wenn man die vor allem im Lotsenviertel mitunter erst entdeckt, wenn man in die Höhe blickt. Dass manches originale Fenster im Erdgeschoss einem Schaufenster weichen musste, ist sicher bedauerlich, doch aus Sicht der Einzelhändler verständlich – und im Nachhinein ohnehin mehr zu ändern.

Cuxhaven ist zwar ein Seebad – aber, und auch das ist für in meinen Augen ein Plus, weniger vornehm als andere: eher etwas für die kleinen Leute, weniger für die feinen.

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Schön restaurierte Häuser hinterm Deich …

Hinterm Deich stehen historische Gebäude und moderne Apartementanlagen einträchtig nebeneinander: Denn für mehr als drei Millionen Übernachtungen im Jahr werden natürlich viele Unterkünfte benötigt. Wer sicher sein will, dass er von seinem Zimmer aus über den schützenden Deich blicken kann, sollte mindestens in die dritte Etage ziehen.

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… und davor eine Sinfonie in Blau und Grau. Auch das Watt hat wat.

Beim letzten Cuxhavenbesuch in der vergangenen Woche hatten wir von unserer Wohnung im siebten Stock einen schönen Blick aufs Meer und auf die Elbmündung – für mich die halbe Erholung. Strandfeeling gibt’s übrigens auch in Cuxhaven: gleich nebenan im Stadtteil Duhnen und – fast so schön wie auf dem Darß –  ein paar Kilometer weiter in Sahlenburg.

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Darß-Feeling in Sahlenburg

Dort lohnt auf jeden Fall ein Besuch in dem zwischen Strand und Heide gelegenen Wattenmeer-Besucherzentrum. Von außen ist das moderne Gebäude mit viel Holz und Glas ei echter Hingucker. Drinnen erfährt man viel über das Weltnaturerbe Wattenmeer – über Salzwiese oder Küstenheide, über Wattwürmer und andere kleine und große Tiere, über Umwelt- und Meeresverschmutzung.

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Anschauen lohnt – drinnen und draußen: das Besucherzentrum Wattenmeer

Hier wird auch erklärt, warum man sich keine Sorgen machen muss, wenn das Meer mal weg ist, wenn man selbst gerade ankommt.  Es kommt nämlich immer wieder, versprochen.

Fasten nicht nur fürs Klima

Gestern hat sie wieder begonnen, die Fastenzeit. Mit der Kirche habe ich im Alltag zwar wenig im Sinn, trotzdem will ich dem alten kirchlichen Brauch folgen und in den sechseinhalb Wochen bis Ostern fasten –  also auf Dinge ganz verzichten oder den Konsum zumindest einschränken.

Das nehmen sich immer mehr Menschen vor. Nach einer aktuellen repräsentativen Umfrage von DAK und Forsa halten 63 Prozent der Befragten einen mehrwöchigen Verzicht auf ein bestimmtes Genussmittel oder Konsumgut für sinnvoll, bei einer ähnlichen Forsa-Umfrage im Jahr 2012 waren es nur 53 Prozent.

73 Prozent der Fastenfans könnten – oder wollen? – laut DAK auf Alkohol verzichten, 67 Prozent auf Schokolade und Bonbons. Die Bereitschaft zum Handy- und Computerfasten wuchs im Vergleich zur Vorjahresbefragung von 21 auf 29 Prozent, die zum Verzicht auf das Auto von 15 auf 20 Prozent. Die traditionelle Enthaltung beim Fleischverzehr könnten sich 46 Prozent der Befragten vorstellen.

Meine eigenen Verzichtideen sind also nicht besonders Originell: Alkohol ist überhaupt kein Problem, weil ich sehr wenig Alkohol trinke; Schokolade, Eis und Salzstangen fallen mir schon schwererer. Der Verzicht auf Handy und Computer ist schon aus beruflichen Gründen nicht machbar. Und ohne Kaffee geht gar nichts; das kommt also nicht infrage.

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Rosenmontagszug in Mainz, Wagen Nr. 67: Zum Kotzen.                             Foto: Peter Zschunke

Seit ich am Rosenmontag den Tweet eines Studienfreunds aus Mainz vom Umzugswagen mit der kotzenden Erde gesehen habe (Peter Zschunke‏ @pedromiramis), denke ich über Plastikfasten nach – und überhaupt in der Fastenzeit möglichst umweltbewusst zu leben. Also beispielsweise kein abgepacktes Obst und keine Einwegflaschen mehr kaufen. Auch auf meine Lieblingsjoghurtsorten (Natur und Ananas), die es nur in Plastikbechern gibt, muss ich verzichten. Es wird nicht leicht, das ahne ich, denn noch während ich darüber nachdenke, habe ich den guten Vorsatz schon zum ersten Mal gebrochen. Weil ich nicht zu Hause bin, habe ich die erste Tasse Morgenkaffee nicht wie gewohnt aufgebrüht, sondern habe eine dieser praktischen Mini-Kaffeetüten benutzt – und unnötigen Verpackungsmüll produziert. Kein optimaler Start also.

Bei der Recherche für diesen Blogbeitrag bin ich dann auf die gemeinsame Fastenaktion für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit 2019  gestoßen, an der sich elf evangelische Landeskirchen und drei katholische Bistümer beteiligen.  Jan Christensen, Umweltpastor  der Nordkirchen, ruft dazu auf, den Klimaschutz in den Mittelpunkt der eigenen Fastenzeit zu stellen und eine klimafreundliche Lebensweise auszuprobieren! Jede Woche steht unter einem anderen Motto: Achtsam essen, beispielsweise, fairer Konsum und anders unterwegs beispielsweise. Die sechste Woche ist dann (möglichst) plastikfrei. Das klingt gut. Die Aktion gefällt mir und ich werde mitmachen – und vielleicht trotzdem noch auf Schokolade, Eis und Alkohol verzichten.

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Foto: Steffen Hummel

Zum Einstieg, in der ersten Woche, geht es um Zeit für sich selbst und die Mitgeschöpfe, Routinen des Alltags zu hinterfragen, zu entschleunigen. Denn laut Website heißt Fasten auch „innehalten und zur Ruhe kommen.“ Das passt gut, denn in dieser Woche habe ich keine Redaktions- und Abgabetermine. Ich soll, so Empfehlungen in der Aktions-Broschüre, meine Sinne schärfen, dem Alltäglichen mehr Aufmerksamkeit schenken und einen anderen Blickwinkel auf meine Umgebung und meine Mitmenschen suchen. Ein Tagebuch, um meine Gedanken und Ideen festzuhalten, habe ich auf jeden Fall schon mal zur Hand – und das passende Tischset liegt zufällig vor mir, während ich diese Zeilen schreibe. Carpe diem steht darauf, also nutze oder besser genieße den Tag, wie der römische Dichter Horaz in seiner Ode An Leukonoë empfahl.

Mehr über die Aktion, eine Broschüre und andere Materialien zum Download gibt es unter

http://www.klimaschutz-ekvw.de/klimafasten/einladung/

http://www.klimaschutz-ekvw.de/klimafasten/downloads-und-druckdateien/

Kunst am See

Zugegeben, der Würmsee ist kein wirklicher See, eher ein Teich oder auch nur ein flacher Tümpel. Früher war er angeblich so tief, dass  die Kinder darin schwimmen lernen konnten. Das hat mir zumindest ein Paar erzählt, das aus der Gegend stammt und das ich gestern zufällig am See getroffen habe. Ich erinnere mich daran, dass es in den ersten Jahren, als ich hier war, noch einen Tretbootverleih gab und dass wir im Winter auf dem See Schlittschuh gelaufen sind. Ich habe das Eislaufen hier erst gelernt.

Entstanden ist der Würmsee durch den Torfabbau und weil er – anders als die Moorseen in der Umgebung – permanent Wasser verliert, ist er fast verlandet. Nur weil regelmäßig Grundwasser nachgepumpt wird, ist er jetzt wieder das, was er früher war: ein beliebtes Naherholungsgebiet nicht nur für Leute aus Burgwedel, sondern auch für Leute aus den umliegenden Orten.

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Der Torffresser erinnert daran, wie der See entstanden ist: durch den Torfabbau.

Auch ich war jahrelang gar nicht mehr am Würmsee – aber seit ich ihn vor zwei Jahren zufällig wiederentdeckt habe, fahre ich oft mit dem Fahrrad hin. Meist gehe ein oder zwei Runden um den See, tanke die Portion Wasserblick, die ich für mein Wohlbefinden brauche, und fahre wieder nach Hause. Wenn die Wege matschig sind, begnüge ich mich mit einem Blick auf den See. Und so habe ich erst jetzt entdeckt, was sich hier in den letzten Wochen getan hat. Um den See entsteht der „Erlebnispfad Würmsee“ mit acht Stationen. Die ersten vom Atelier LandArt entworfenen Stationen  machen Lust auf mehr.

Gut, mit den riesigen Vogelnestern, die wie auf Stelzen aus dem flachen Wasser ragen, kann ich nicht so viel anfangen. Vielleicht nehmen ja die Vögel sie in Beschlag, die hier am See wohnen. Die knallig roten Torffresser sind dagegen ein wunderschöner Farbklecks an diesem eher grauen Spätwintertag. Ich bin gespannt, wie sie aussehen, wenn um sie herum alles grün ist.

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(Sozialer) Wohnungsbau für Vögel

Wirklich gut gefällt mir die Stahlrohr-Hütte zwischen den Kiefern, Erinnerung daran, dass am See nach dem Krieg Flüchtlinge einquartiert wurden (ja, wir schaffen das).

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Damals waren die Bauvorschriften offenbar noch nicht so strikt und die Standards eher einfach.

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Und die Stege am See sind einfach toll. Auf ihnen oder in der Stahlrohr-Hütte werde ich sicher manches Mal sitzen, wenn es ein bisschen wärmer ist. Kunst zum Anfassen, zum Nutzen. Ich bin gespannt auf die nächsten Kunstwerke, die bis zum Sommer hier entstehen.

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Sommersitz

Film ab

Durchschnittlich 1,5 mal im Jahr geht – rein statistisch – jede/r Bundesbürger/in jährlich ins Kino, meldete das Statistische Bundesamt, das jetzt DESTATIS heißt, Ende Januar. Ich liege deutlich über dem Durchschnitt.

Seit Anfang des Jahres habe ich mir bereits fünf Filme angesehen. Ich tue also etwas fürs Wohlergehen der Filmbranche.

Die ersten beiden Film erzählten die Geschichte der Schriftstellerinnen Astrid Lindgren und  Colette. Auch bei Film Nummer drei stand eine Frau im Mittelpunkt – die Frau eines erfolgreichen Schriftstellers. Sie tat, was auch Colette am Anfang getan hatte: Sie schrieb  Bücher, die ihr Mann unter seinem Namen veröffentlichte. Während sich aber Colette Anfang des 20. Jahrhunderts befreite und eine erfolgreiche Schriftstellerin wurde, gelingt das Joan Castleman im Roman nicht: Sie bleibt im Schatten ihres Mannes, opfert ihm die eigene Karriere, das eigene Talentt. Wie oft ist das früher geschehen, wie oft geschieht das heute noch.

Nachdem ich den Film „Die Frau des Nobelpreisträgers“ gesehen habe, habe ich auch den Roman von Meg Wolitzer gelesen – und so eine Autorin entdeckt, die ich bisher nicht kannte.

Die Autobiographie von Hape Kerkeling werde ich sicher nicht lesen. Aber der Film: „Der Junge muss an die frische Luft“ hat mich und alle, denen ich ihn empfohlen habe, begeistert. Schon allein wegen der tollen Schauspieler, allen voran Julius Weckauf, der den kleinen Hape spielt. Ein Film, in dem Lachen und Weinen ganz nah beieinander liegen, in einem Säckchen sind, wie es früher bei uns hieß.

Und nach vier überzeugenden Filmen war da noch Film Nummer 5. Kein Spiel-, sondern ein Dokumentarfilm: Ein Mann wandert 700 km durch den Harz und filmt sich und die Landschaft dabei. Eine gute Idee eigentlich, aber gut gedacht ist ja bekanntlich das Gegenteil von gut gemacht. Eine Werbung für den Harz war der Film meiner Meinung nach nicht. Das lag vielleicht auch daran, dass es auf der Tour gefühlt fast immer regnete. Aber Freunde, die fast alle Strecken selbst gewandert sind, behaupten, sie hätten auf ihren Touren bessere Aufnahmen gemacht und schönere Stellen gefunden als die gezeigten.

Ein Ereignis war der Kinobesuch trotzdem, denn so einen Ansturm habe ich selten erlebt. Vor dem Kino bildete sich schon eine dreiviertel Stunde vor Beginn eine Schlange, die vom Eingang im Hinterhof bis zur Straße reichte. So etwas habe ich zuletzt bei der Rocky Horror Picture Show in meiner Studentenzeit in den Siebzigern erlebt. Wer keine Karte reserviert hatte, musste draußen bleiben. Und als der Film mit Verspätung um viertel nach sieben startete, standen draußen noch immer Leute Schlange, die sich Karten für die Zusatzvorstellung am Sonntag sichern wollten. Wenn ich gewusst hätte, was mich erwartet, hätte ich zumindest einen der Wartenden glücklich gemacht, ihm meine Karte verkauft und vielleicht ganz nebenbei eine neue Karriere als Schwarzmarkthändlerin gestartet.

Von Städten und Bildern

Eigentlich wollte ich heute nach Tübingen fahren, weil ich die Universitätsstadt am Neckar schon immer mal gerne sehen wollte. Uhland und viele Romantiker haben hier gelebt und Hölderlin, von dem ich, ich gestehe es zu meiner Schande, außer ein paar Gedichten nichts gelesen habe. Hermann Hesse hat in Tübingen eine Buchhändlerlehre gemacht, Claus Kleber Jura studiert, Papst Benedikt Theologie gelehrt, Dietrich Bonhoeffer hat sie  praktiziert. Und Walter Jens war hier Rhetorikprofessor. Zudem soll die Stadt sehr hübsch sein. Gründe genug für einen Abstecher. Und von Bruchsal nach Tübingen ist es ja auch nur ein Katzensprung.

Ich hatte also Tübingen fest eingeplant, meinen Aufenthalt bei meiner Freundin um einen Tag verlängert, mich mit einem neuen Anorak gegen schlechtes Wetter gewappnet und mir Züge ausgesucht, mit denen ich fahren wollte: morgens um halb 9 hin, nachmittags gegen 15 Uhr zurück. Nicht viel Zeit, um eine Stadt kennen zu lernen, aber immerhin genug, um einen ersten Eindruck zu gewinnen – und zu entscheiden, ob es sich lohnt, wiederzukommen. Im Sommer, wenn das Wetter hoffentlich besser ist.

Ich wollte also eigentlich nach Tübingen fahren, doch dann zwang mich die Deutsche Bahn zu einer Planänderung. Denn als ich früh morgens noch einmal nachschauen wollte, wann ich genau abfahren und wo ich umsteigen muss, zeigte sich auf dem Bildschirm das gefürchtete rote Warndreieck

„Weichenstörung: Auf der Strecke Stuttgart Hbf – Tübingen Hbf zwischen Stuttgart Hbf und Esslingen(Neckar). Es kommt zu Verspätungen in beide Richtungen im Regionalverkehr der Deutschen Bahn.“

Weil mein Zeitfenster ohnehin eng war und für Verspätungen keine Zeit, disponierte ich um und blieb zu Hause. Zum Glück. Denn selbst nach 10 war noch keine Besserung in Sicht: „Die Weichenstörung in Stuttgart Hbf besteht leider weiterhin; Züge fahren langsamer. Bitte rechnen Sie mit Verspätungen und vereinzelten Zugausfällen. Die Störung dauert an. Ende noch nicht abschätzbar. Update folgt“, hieß es auf der Bahn-Website.

Mein Reiseupdate sieht statt Tübingen jetzt einen Besuch in Mannheim vor. Auf den ersten Blick vielleicht kein adäquater Ersatz, doch gerade gestern hat mich – meiner Freundin sei Dank – schon eine andere Stadt positiv überrascht. Baden-Baden stand überhaupt nicht auf meiner To-visit-Liste. Doch allein das Museum Frieder Burda ist eine Reise wert.

Das Museum ist schon architektonisch ein Highlight. Und dann war dort das Banskys „Girl with Balloon“ alias „Love is in the Bin“  zu sehen. Allen, die sich nicht (mehr) erinnern, sei die Geschichte kurz erzählt: Im vergangenen Herbst hatte eine Sammlerin das Werk des Street-Art-Künstlers bei einer Kunstauktion bei Sotheby’s gerade für schlappe 1,2 Millionen Euro ersteigert – also ein Schnäppchen –, als die untere Hälfte vor den Augen der Anwesenden zerschreddert wurde.

Die obere Hälfte ist jetzt heil im Rahmen zu bewundern, die zweite Hälfte hängt in Streifen geschnitten darunter. Mindestens so interessant wie das Bild selbst waren zwei Filme, die gezeigt wurden – einer über den Street-Art-Künstler und seine (anderen) Arbeiten, der zweite über die Auktion und die Schredderaktion. „Die Strategien des Kunstmarktes zu torpedieren – und gleichzeitig ihre Dynamik zu beflügeln“ – das ist Bansky sicher gelungen. Denn das kaputte Bild ist jetzt wohl viel mehr wert als bei der Auktion.

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Banksy:
Love is in the Bin
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2018, Sprayfarbe und Acryl auf Leinwand, 142 x 78 x 18 cm,
Privatsammlung, Foto: Sotheby’s
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© Banksy

Weil es schon spät war und das Museum schon um 18 Uhr seine Tore schloss, reichte es danach leider nur noch zu einem Schnelldurchgang durch die Brücke-Ausstellung. Wie gesagt: Der Besuch lohnt und auch der kurze Rundgang durch die Stadt machte Lust aufs Wiederkommen. Irgendwie hat Baden-Baden mehr Flair, als ich gedacht hatte. Und so bin ich gespannt auf Mannheim.

Übrigens: Banskys Bild „LOVE IS IN THE BIN“ ist noch bis 3. März  im Museum Frieder Burda in Baden-Baden zu sehen, die Ausstellung „Die Brücke“ noch bis zum 24. März.

Guter Mond …

Heute Morgen hatte ich einen Logenplatz. Während mein Mann – wie es sich für den Vorsitzenden des Vereins Sternwarte Sankt Andreasberg gehört – die Mondfinsternis bei frostigen minus 10 Grad im Harz gemeinsam mit einigen Vorstandskollegen, einem Kamerateam und mehr als 50 Teilzeit-Mondbewunderern beobachtete, saß ich gemütlich in meinem Bett. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand sah ich aus dem Fenster, wie aus dem Vollmond allmählich eine Sichel wurde und dann im Kernschatten der Erde als sogenannter Blutmond sichtbar wurde. Der schien genau genommen nur wirklich rot, wenn ich durch meine Kamera schaute, womit wieder einmal bewiesen wäre, was schon Antoine de Saint Exuperys kleiner Prinz wusste: Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar. Ob allerdings die Kamera es erfasst, erscheint mir fraglich.

Den Mofi-Logenplatz habe ich mir redlich verdient: Schließlich bin ich der wahre Mondfan in der Familie. Ich mag den Mond nicht nur, wenn er sich wie heute oder bei der Mondfinsternis im Sommer spektakulär verhüllt. Ich nehme ihn so, wie er gerade ist: zu- und abnehmend, voll oder neu. Und ich verteidige ihn jedesmal heroisch, wenn mein Mann und andere Amateur-Astronomen ihn als Lichtsau. und Schlimmeres beschimpfen, nur weil er ihrer Meinung nach zu hell scheint und ihnen an manchen Tagen den Blick auf die Sterne erschwert.

Ihnen sei ein für allemal gesagt: Der Mond hat die älteren Rechte, er war schon da, bevor Ihr überhaupt das Teleskop erfunden habt. Und unsere Vorfahren waren dankbar, wenn er ihnen in dunklen Nächten ein bisschen Licht spendete. Das Verschwinden des Mondes, heute ein Medienspektakel, machte ihnen eher Angst. So fürchteten die alten Chinesen, dass ein Drache den Mond verschlingt, bei den Wikingern war‘s angeblich ein Wolf. Der rote Mond galt früher als schlechtes Omen.

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Roter Mond, großer Auftritt – Mondfinsternis mit Teleskop und Profi-Kamera in Andreasberg … (Foto Utz Schmidtko)

Ich tue mein Bestes, um die kollektive Missachtung durch die Amateur-Astronomen von heute wieder gut zu machen. Ich versuche, den Mond positiv zu stimmen, indem ich ihm Gedichte vorsage oder gelegentlich ein Lied vorsumme – guter Mond, du gehst so stille, beispielsweise, oder die Mondnacht von Joseph von Eichendorff.

Auswahl gibt’s genug. Denn Dichter und Schriftsteller haben den Mond zu allen Zeiten geschätzt – und ihn immer wieder besungen. Vielleicht ist die Mondkarte beim Tarot deshalb eine gute Karte für Schriftsteller und Künstler: Sie verheißt ihnen Glück und Inspiration.

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… und das Ende der Finsternis in  Burgwedel

Mich hat der Mond, der längst wieder aus dem Schatten der Erde hervorgekommen ist, zwar nicht zu großen Werken, aber immerhin zu diesem Blogbeitrag inspiriert, den ich statt meiner üblichen Morgenseiten geschrieben habe. Das hat sich der Mond, finde ich, redlich verdient.