Nach Italien

Eigentlich stand Portugal in diesem Jahr ganz oben auf der Liste meiner Reiseziele. Doch dann war da diese Ausstellung im Landesmuseum Hannover, das sich seit einigen Jahren WeltenMuseum nennt.

„Nach Italien“*, so der verheißungsvolle Titel der Ausstellung, in der Bilder und Grafiken aus fünf Jahrhunderten gezeigt werden. „Seit der Renaissance machten sich junge Menschen auf in den Süden, zunächst vor allem Künstler und Adlige, seit dem 19. Jahrhundert auch Bürgerliche aus gehobenem Hause“, heißt es in der Pressemitteilung zur Ausstellung und: „Lange bevor der Massentourismus das Reisen zur Normalität machte“, war das Land, in dem die Zitronen blühen, für viele ein Traumziel, ein Sehnsuchtsort.

Auch für mich. Es muss Anfang der 60er Jahre gewesen sein, als meine damals noch unverheiratete Tante einen Urlaub in an der Adria verbrachte. Auf der Karte, die sie meinen Eltern schickte, war das Meer zu sehen. Ich hatte nicht gewusst, dass Wasser so blau und klar sein kann. Da wollte ich auch hin. Bis ich zum ersten Mal ans Meer – an die Nordsee – kam, sollten noch zehn Jahre vergehen. In Italien war ich zum ersten Mal, als ich längst erwachsen war. Und Rimini, das ich als Kind auf der Karte so bewundert hatte, hat mir im Gegensatz zu anderen italienischen Städten nicht gefallen. Mein letzter Italienurlaub liegt inzwischen schon Jahre zurück: 2015 bin ich mit meiner Tochter in den Cinque Terre gewandert – und habe darüber einen meiner ersten Blogbeiträge geschrieben (https://timetoflyblog.com/immer-am-meer-lang).

Im Foyer des Museums habe ich eine Schreibfreundin getroffen; ich kam, sie wollte gerade gehen. Beim Latte Macchiato im Museumscafe erzählte sie mir, dass sie im Sommer nach Venedig reisen möchte. Sie kennt die Lagunenstadt und ist begeistert von ihr. Auch ich möchte unbedingt einmal nach Venedig – trotz der Touristenströme, die die Stadt überschwemmen und die auch Donna Leon, Autorin der Brunetti-Krimis, längst in die Flucht geschlagen haben.

Nach Italien: 70 Gemälde, 15 Grafiken, eine Skulptur, ein Büste und 40 Münzen sind laut Pressemitteilung in der Ausstellung zu sehen; einige der Werke haben die Künstler auf ihren Bildungsreisen, die „Grand Tour“ hieß, gemalt, andere brachten von ihrer Reise Kunstwerke oder ganze Sammlungen mit; „ein Versuch, das ‚dolce vita‘ in der Heimat zu konservieren“.

Bei mir weckt die Ausstellung Sehnsüchte und Erinnerungen. Als ich vor den Bildern stehe, höre ich immer wieder die Stimme des Bootsführers, der uns über den Gardasee schipperte: „Malcesine, Malcesine“.

Natürlich bin ich damals in dem kleinen Ort ausgestiegen, in dem Goethe auf seiner italienischen Reise Station gemacht hat. Er wäre im September 1786 sogar fast verhaftet worden, als er die Ruine der alten Skaligerburg zeichnete: Malcesine lag nämlich damals an der Grenze zwischen der Republik Venedig und Österreich, die Einwohner befürchteten, dass der Fremde für den österreichischen Kaisers Josef II spionierte und mit seinen Zeichnungen einen Angriff auf die Republik Venedig vorbereiten sollte. Zu Goethes Glück ließen sich die Verantwortlichen von seiner Unschuld überzeugen. Ach ja, schön war’s am Gardasee.

Und dann war da noch – aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei – Elke Heidenreichs Buch „Ihr glücklichen Augen: Kurze Geschichten zu weiten Reisen“, dessen Titel sie übrigens aus dem zweiten Teil von Goethes Faust entliehen hat. Elke Heidenreich ist viel und weit gereist. Sie ist, so schreibt sie im Vorwort, auf allen fünf Kontinenten, in fast allen Metropolen der Welt gewesen. Über mehr als 30 Orte und Länder schreibt sie in ihrem Buch – besonders viele der beschriebenen Orte liegen in Italien. Das liegt sicher daran, dass Elke Heidenreich ein Opernfan ist – und Oper und Italien gehören ja irgendwie zusammen. Ich mag Opern nicht besonders und habe bislang nur ganz wenige gesehen, zwei davon im Amphitheater in Verona – ein wirklich unvergessliches Erlebnis.  

Verona kommt in Elke Heidenreichs Buch nicht vor, aber viele andere italienische Städte, die ich noch nicht kenne, Florenz zum Beispiel, Sienna, Pesaro und natürlich Venedig. „Man vergisst die erste Ankunft in Venedig nie“, lese ich auf Seite 163. Und auf der folgenden. „Gibt es irgendeinen künstlerisch fühlenden, denkenden, arbeitenden Menschen, der nicht wenigstens einmal in seinem Leben nach Venedig gereist ist?“ (Seite 164).

Also dann. Auf nach Italien. Auch wenn ich keine Künstlerin bin, ist es höchste Zeit, Venedig, Florenz und Co kennenzulernen. Portugal muss vorerst noch warten.

*Dieser Beitrag enthält unbezahlte Werbung

Die Ausstellung „Nach Italien. Eine Reise in den Süden“ ist noch bis zum 19. Februar im Landesmuseum Hannover zu sehen.

Elke Heidenreich: Ihr glücklichen Augen: Kurze Geschichten zu weiten Reisen. Hanser Literaturverlage, 2022, 26 Euro

Gelesene Bücher 2022

Der Blogbeitrag von Christof Herrmann (https://www.einfachbewusst.de/2022/12/gelesen-buecher-2022/) hat mich animiert, in diesem Jahr auch mal die Liste der von mir gelesenen Bücher zu veröffentlichen. Es waren 49, zehn weniger als im Jahr 2021.

Vor allem im Sommer, als ich an der Zeitschrift bildungSpezial gearbeitet habe, habe ich bei der Recherche zwar viele Fachartikel und Sachtexte, aber wenige Bücher gelesen. Und auch Bücher, in denen ich nur einzelne Texte oder Kapitel gelesen habe, zum Beispiel verschiedene Essaybände von Siri Hustvedt und Rebecca Solnit oder diverse Reiseführer, erscheinen nicht in dieser Liste.

Immerhin: Mein Ziel, ein Buch je Woche zu lesen, habe ich fast erreicht, obwohl ich das  eine oder andere Buch möglicherweise vergessen habe. Als ich diese Liste zusammengestellt habe, ist mir wieder einmal bewusst geworden, wie unzuverlässig ich gelesene Bücher notiere – und wie sehr sich meine Lese-Vorlieben verändert haben.

Jahrelang habe ich sehr viele Krimis gelesen – in diesem Jahr waren es nur drei. Die Bücher von Donna Leon lese ich, weil ich Familie Brunetti und Venedig mag; der dritte Krimi hat es auf die Liste geschafft, weil er in dem Ort spielt, in dem wir im Oktober zwei Wochen Urlaub gemacht haben: in Jokkmokk in Lappland. Zurzeit lese ich am liebsten autobiografische Bücher und/oder Essays – und ich bewundere jedes Mal aufs Neue, was die Essayistinnen alles wissen, wie viele und welche Bücher sie gelesen und verstanden haben. Um so belesen zu werden, müsste ich nicht nur viel mehr, sondern auch gezielter lesen. Aber ich bin, ich gebe es zu, eine unstrukturierte Leserin: Ich lese vor allem, was mir gefällt (https://timetoflyblog.com/die-unstrukturierte-leserin).

Anders als Christof Hermann vergebe ich keine Punkte für die gelesenen Bücher – denn eigentlich haben mir fast alle Bücher auf dieser Liste gefallen. Das liegt auch daran, dass ich Bücher, die mich nicht fesseln, nicht zu Ende lese, sondern angelesen zur Seite lege. Einige bekommen dann irgendwann eine zweite oder dritte Chance. So hatte ich mir Marion Braschs Buch „Aber jetzt ist Ruhe“ schon vor zwei Jahren einmal ausgeliehen. Jetzt beim zweiten Versuch hat es mir richtig gut gefallen.

Auch für Daniel Schreibers Essay Allein brauchte ich zwei Anläufe. Doch dann hat mich das Buch wirklich beeindruckt. Ulysses werde ich dagegen wohl nie zu Ende lesen. Ich habe pflichtschuldigst mehrere Leseversuche gestartet, den wohl allerletzten im Februar, als der Suhrkamp Verlag zum 100. Jubiläum der Erstausgabe und zum 140. Geburtstag von James Joyce 30 Tage lang jeden Morgen kurze Abschnitte aus dem ersten Teil des Romanklassikers verschickte. Nach einem Monat hätte man dann den ersten Teil komplett gelesen. (https://timetoflyblog.com/ulysses-haeppchenweise). Aber ich habe schon nach zwei Wochen aufgegeben.

Anita Brookner und Tove Ditlevsen habe ich erst in vergangenen Jahr entdeckt. Ihre Bücher „Ein Start ins Leben“ und die Kopenhagen-Trilogie stehen weit oben auf meiner Empfehlungsliste – und „Gesichter“ von Tove Ditlevsen und „Hotel du Lac“ von Anita Brookner auf meiner Leseliste für 2023.

Gelesene Bücher  2022

  1. Hans-Jürgen Ortheil: Ombra
  2. Dora Heldt: Drei Frauen, vier Leben
  3. Walter Tevis: Damengambit
  4. Katherine May. Überwintern
  5. Selene Marian: Ellis
  6. Simone de Beauvoir: Die Unzertrennlichen
  7. Sabine Bode: die vergessene Generation
  8. Erling Kagge: Gehen
  9. Sigrid Damm: Tage- und Nächtebücher aus Lappland
  10. Elke Heidenreich: Hier geht’s lang
  11. Maja Lunde: Als die Welt stehenblieb
  12. Roswitha Quadflieg: Über das Sterben meiner Mutter
  13. Nina Rigg: Die helle Stunde
  14. Sabine Bode: Nachkriegskinder
  15. Romalyn Tilghman: die Bücherfrauen
  16. Pascale Hugues: Mädchenschule
  17. Alena Schröder: Junge Frau, am Fenster stehend, blaues Kleid
  18. Ken Krimstedt: Die drei Leben der Hannah Arend (Graphic Novel)
  19. Tove Ditlevsen: Kindheit
  20. Tove Ditlevsen: Jugend
  21. Tove Ditlevsen: Abhängigkeit
  22. Eva Schmidt: Die untalentierte Lügnerin
  23. Alice Walker: Die Farbe Lila
  24. Alice Walker: Beim Schreiben der Farbe Lila
  25. Deborah Levy: Was das Leben kostet
  26. Bettina Flitner: Meine Schwester
  27. Donna Leon: Himmlische Juwelen
  28. Uta Scheub: Das falsche Leben: Eine Vatersuche
  29. Meike Scharff: Laufet, so werdet ihr finden: Meine Reise auf dem Jakobsweg
  30. Mason Currey: Mein kreatives Geheimnis sind bequeme Schuhe
  31. Anita Brookner: Ein Start ins Leben
  32. Ein glückliches Leben
  33. Bas Kast: Das Buch eines Sommers
  34. Veronika Peters: Das Herz von Paris
  35. Brigitte Helbling: Meine Schwiegermutter, der Mondmann und ich
  36. Simone de Beauvoir: Ein sanfter Tod
  37. Annie Erneaux: Eine Frau
  38. Marion Brasch: Aber jetzt ist Ruhe
  39. John Strelecky: Überraschung im Café am Rande der Welt
  40. Klara Nordin: Septemberschuld
  41. Djaili Amadou Amal: Die ungeduldigen Frauen
  42. Donna Leon: Milde Gaben
  43. Jürgen Becker:  Die folgenden Seiten. Journalgeschichten
  44. Katharina Hacker: Darf ich dir das Sie anbieten
  45. Daniel Schreiber: Allein
  46. Deborah Levy: Was ich nicht wissen will
  47. Thea Dorn: Trost
  48. Zoe Beck: Depression
  49. Mariana Leky: Kummer aller Art

Darf ich dir das Sie anbieten?

Auf der Suche nach einem anderen Buch entdeckte ich im Freihandbestand der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek zufällig ein schmales Büchlein von Katharina Hacker. Ich musste es mit nach Hause nehmen, nicht nur, weil ich die Autorin mag und gerne Essays lese, sondern weil der Titel mir aus dem Herzen sprach: „Darf ich Dir das Sie anbieten?“.*

Nun habe ich eigentlich überhaupt nichts gegen das Duzen. Im Gegenteil. Ich – Nach-68erIn – bin in einer Zeit groß geworden, in der sich selbst Erwachsene, die sich lange und recht gut kannten, oft mit Sie ansprachen. Die Eltern meiner SchulfreundInnen oder gar LehrerInnen zu duzen, wäre mir und anderen Kindern nie in den Sinn gekommen. Als ich erwachsen wurde, änderte sich das allmählich. Und weil es schien, als würden mit dem Sie irgendwie auch ein bisschen die verstaubten Traditionen und verkrusteten Hierarchien der 50er- und 60er-Jahre über Bord geworfen, machte ich, wie viele meiner Generation, gerne beim Duzen mit.

Allerdings habe ich nicht alle und jeden geduzt: Zu den Bekannten meiner Eltern habe ich bis zuletzt „Sie“ und Herr oder Frau xy gesagt, einen früheren Lehrer und Trainer habe ich so lange gesiezt, bis er mir irgendwann das du angeboten hat. Und auch manchen Gleichaltrigen blieb ich beim Sie – und auf Distanz. Meist zu Recht, wie sich im Nachhinein herausstellte.

Dass ich, inzwischen auf die 70 zugehend, von Jüngeren geduzt werde, ist für mich im Allgemeinen kein Problem: Von KollegInnen zum Beispiel, mit denen ich zusammenarbeite, von Menschen, mit denen ich zusammen Sport treibe oder mit denen ich gemeinsam schreibe. Aber wenn mich wildfremde Menschen mit du ansprechen oder anschreiben, fremdle ich zugegebenerweise immer häufiger. Dem Marketing-Menschen, der mich fragt: „Hast du unsere Weihnachtspost gelesen“ und der mich auffordert „lass deine Lieben gewinnen“, möchte ich antworten: „Kenne ich Sie? Sind wir miteinander in die Schule gegangen“. Und ein Los kaufe ich von jemand, der so tut, als seien wir befreundet, obwohl wir uns gar nicht kennen, gewiss nicht.

Ich bin offenbar nicht die einzige, die die „Inflation des Duzens“ nervt. Mit demBeitrag auf dem Blog Alltägliches + Ausgedachtes – nebenbei bemerkt einer der wenigen Blogs, die ich fast immer lese – landete heute Morgen ein Link zu einer wie der Autor schreibt „lesenswerten Kolumne im General-Anzeiger zum allüberall grassierenden Duz-Zwang“ in meinem E-Mail-Postfach.

Ich konnte die Kolumne von Ulrich Bumann lesen, weil sie mir „von einem Abonnenten empfohlen“ wurde. Ob der Link auch bei einer Empfehlung der Empfehlung funktioniert, wird sich zeigen, wenn dieser Beitrag online ist.

Die Kolumne ist wirklich lesenswert, ebenso wie die Minutenessays von Katharina Hacker. Das Buch „Darf ich dir das Sie anbieten“ ist im Berenberg Verlag GmbH erschienen und kostet 18 Euro.

*Dieser Beitrag enthält unbezahlte Werbung

Besser spät als nie

Wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben. Auch wenn der kürzlich verstorbene Michail Gorbatschow diesen Satz angeblich so nie gesagt hat, stimmt er.

Eigentlich wollte ich schon im Juni in den Stadtpark von Hannover fahren, um mir den Rosengarten anzusehen. Anfang der Woche habe ich es endlich geschafft – doch die meisten Rosen sind inzwischen verblüht. Und die wenigen noch blühenden Rosen lassen mich ahnen, was ich versäumt habe.

150 verschiedene Rosensorten soll es im Stadtpark geben – alte Sorten ebenso wie neue Züchtungen. Und anders als im Großen Garten der Herrenhäuser Gärten führen die Wege direkt an den Rosenbeeten vorbei. Frau kann also die verschiedenen Sorten nicht nur ganz aus der Nähe betrachten, sondern auch ihre Nase überall hineinstecken – und so ihre Lieblingsrose finden. Schilder und ein Rosenstammbaum verraten, wie die Rosen heißen und wo welche Rose zu finden ist.

Gottfried Benn hätte sicher an dem Rosengarten seine Freude gehabt. Denn der Dichter war ein großer Rosenfan; Rosen kommen in seinen Gedichten so oft vor, dass seine Frau Ilse ihm angeblich verbot,noch in einem Gedicht das Wort Rosen zu verwenden – schade, es ist ein so schönes Wort“, berichtete er seinem Freund, den Bremer Kaufmann F. W. Oelze (Briefe an F. W. Oelze 3,46, zitiert nach Eberhard Schmidt: „Der maßlose Rosenbedichter Gottfried Benn. Eine kleine florale Beckmesserei“ https://www.eberhard-schmidt.de). Gehalten hat sich Benn an das Verbot allerdings nicht.

Den Stadtpark von Hannover hat Gottfried Benn häufig besucht, als er in Hannover lebte. „Fast jeden Abend“, schrieb er am 17. Juli 1935 an F.W, Oelze, sei er in der an den Stadtpark grenzenden Stadthalle, seiner „neuesten Schwärmerei. Links Wein, r. Bier Terrasse, in der Mitte eine Kapelle, wenig Menschen, vor einem ein bisher völlig unveränderliches Gemälde: ein Bassin mit 2 Schwänen, eingefasst von Alleen u. Blumenbeeten, in die Ferne sich verlierend, weiträumige Perspective, jeden Abend atme ich auf, wenn ich mich niederlasse“ ( zitiert nach „Stadtpark Hannover“, S. 9, Downloads/Stadtpark-Hannover.pdf).

Den Rosengarten gab es allerdings in den 1930er-Jahren noch nicht, und vielleicht ist deshalb das wohl bekannteste Gedicht der sogenannten Stadthallen-Elegien, die Benn auf der Rückseite von Speisekarten der Stadthalle Hannover schrieb, den Astern gewidmet (https://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Benn). Rosen kommen immerhin in einem anderen Gedicht dieses Zyklus, im „Tag, der den Sommer endet“, vor.

Der Rosengarten im Stadtpark wurde erst angelegt, als im Jahr 1951 dort die erste Bundesgartenschau stattfand. 130 neue Rosensorten wurden gepflanzt. Damals entstand auch der Wassergarten mit mehreren miteinander verbundenen Becken. Sie blieben, wie auch Sandsteinwege und -mauern, Rosen-Café, Rosengarten mit Pergola und Strohdachpavillon, seit Anfang der 50er-Jahre weitgehend unverändert und sind heute Gartendenkmal – eines, das zum Bleiben einlädt.

Der japanische Teegarten wurde dagegen erst 1996 angelegt – von den Grünflächenämtern der Partnerstädte Hiroshima und Hannover. Auch das Teehaus ist ein Geschenk der Stadt Hiroshima. Es darf, anders als der Teegarten, nur von den Gästen der Teezeremonien betreten werden, die hier abgehalten werden.

Der Teeweg: Trittsteine geben die Schrittlänge vor

Vielleicht melde ich, bekennende Kaffeetrinkerin, mich irgendwann einmal für eine Teezeremonie an, um innere und äußere Reinheit und Erleuchtung zu erfahren. Oder ich beschreite beim nächsten Stadtpark-Besuch zumindest den „Teeweg“, auf dem die Besucher Ruhe finden sollen. Auf jeden Fall werde ich wiederkommen – die Rosenblüte im nächsten Jahr werde ich sicher nicht verpassen.

Übrigens: Wer die beiden Gedichte von Gottfried Benn lesen möchte, findet sie unter

https://www.deutschelyrik.de/astern.html

https://www.deutschelyrik.de/tag-der-den-sommer-endet-1935.html

Die Farbe Lila

Lila ist meine Lieblingsfarbe, und so ist es sicher nicht kein Zufall, wenn in unserem Garten derzeit Lila in den verschiedensten Nuancen dominiert.

Denn wenn immer ich bei neuen Pflanzen die Wahl habe, entscheide ich mich für eine aus dem Pink-lila-Farbspektrum. Beim Storchenschnabel zum Beispiel, bei der Hecken- oder bei der Künstlerrose, die mir nicht nur wegen ihres Dufts, sondern auch wegen der interessanten Farbkombination gefallen hat. Mein absoluter Rosenliebling ist und bleibt aber Rhapsody in Blue, anders als der Name es sagt, nicht blau, sondern lila blüht und ebenfalls wunderschön duftet.

Auch Lavendel steht auf der Liste unserer Lieblingspflanzen weit oben – und wächst deshalb überall in unserem Garten. Irgendwann im Sommer werde ich die Blüten pflücken, zu kleinen Sträußchen zusammenbinden und in den Zimmern verteilen oder in kleine Säckchen abfüllen, damit der Duft die Motten abschreckt.

Strauchbasilikum, Schnittlauch und Salbei blühen nicht nur lila, sondern landen auch auf unseren Tellern oder in unseren Tassen.

Das empfiehlt sich beim Fingerhut nicht, denn der ist leider giftig. Schon zwei bis drei getrocknete Blätter können für Erwachsene tödlich sein, bei Kindern genügen schon kleinere Mengen. Als unsere Tochter klein war und oft Kinder in unserem Garten spielten, haben wir die Fingerhüte aus unserem Garten verbannt. Das haben sie uns sehr übel genommen und es hat zweieinhalb Jahrzehnte gedauert, bis sie wieder zurückgekehrt sind. Doch jetzt fühlen sie sich hier sehr wohl, sind gern gesehen und dürfen bleiben, ebenso wie die Dreimasterblume. Deren einnehmendes Wesen zwingt mich zwar manchmal , ihrer Expansion Einhalt zu gebieten. Doch missen möchte ich sie in meiner Sinfonie in Lila nicht.

PS: Beim Nachdenken über diesen Blogbeitrag kam mir der Roman von Alice Walker in den Sinn, den ich schon lange wieder einmal lesen wollte. Das habe ich getan, und wie vor Jahren hat mich auch diesmal die Geschichte von Celie in ihren Bann gezogen. Auch den Essayband „Auf der Suche nach den Gärten unserer Mütter/Beim Schreiben der Farbe Lila“, der schon lange in meinem Regal steht, habe ich endlich gelesen. Seither denke ich, überzeugte Feministin, über einen Satz im Vorwort nach: „Womanist (ein Begriff, der für Alice Walker offenbar programmatische Bedeutung hat) ist im Vergleich zu feministisch wie lila zu lavendel.“ Mir gefällt beides.

Rip van Winkle bleibt verschwunden

Vor drei Jahren habe ich in den Herrenhäuser Gärten eine Narzisse erstanden: Zum einen hat mir die gefüllte Blüte mit den spitz zulaufenden Blütenblättern gut gefallen. Zum anderen – und das war zugegebenerweise der eigentliche Grund – habe ich die Narzisse wegen ihres Namens gekauft: Rip van Winkle.

Rip van Winkle
Rip van Winkle nach dem Einpflanzen vor drei Jahren

Denen, die sich mit Literatur nicht so gut auskennen, sei’s gesagt: Rip van Winkle ist der Titel eines Hörspiels von Max Frisch, aus dem später sein Roman Stiller entstand.  (https://timetoflyblog.com/gartenerkenntnisse).  Max Frisch war lange Zeit einer meiner Lieblingsautoren, Stiller mein Lieblingsroman. Das Buch, 1974 gekauft, steht immer noch in meinem Regal. „Ich bin nicht Stiller!“ lautet der  erste Satz. An ihn erinnere ich mich auch nach fast 50 Jahren noch ohne nachzuschlagen (was ich dann natürlich doch getan habe, um nichts Falsches zu schreiben).

Doch zurück zu Rip van Winkle. „An zusagenden Standorten ist diese kleine, liebenswert altmodische Narzisse sehr dauerhaft“, steht auf der Webseite https://www.biogartenbedarf.de/blumenzwiebeln/narzissen/narcissus-rip-van-winkle/. Meine Freude an Rip van Winkle währte indes nur kurz: Schon im nächsten Jahr war sie verschwunden. Das verwundert natürlich niemanden, der die Geschichte Rip van Winkles kennt: Sie geht auf eine alte Kyffhäusersage zurück, die dann  den amerikanischen Schriftsteller Washington Irving Anfang des 19. Jahrhunderts zu einer Erzählung inspirierte. Sie erschien erstmals 1819 und gilt als erste amerikanische Short Story bzw. als erste Kurzgeschichte der Weltliteratur  (https://de.wikipedia.org/wiki/Rip_Van_Winkle).

Hier die Kurzfassung: Der Bauer Rip Van Winkle hatte eine „unüberwindliche Abneigung gegen alle Arten von erklecklicher Arbeit“, wie Washington Irving schreibt; statt zu arbeiten, streifte lieber durch die Gegend – sehr zum Ärger seiner Frau. Bei einem seiner Ausflüge traf er auf eine Gesellschaft, trank etwas und fiel in einen tiefen Schlaf. Als er aufwachte und in sein Dorf zurückkehrte, erkannte er nichts wieder. Niemand erkannte ihn und niemand glaubte seine Geschichte. Man hielt ihn für einen Spion, doch dann erinnerte sich eine alte Frau an den Bauern, der vor 20 Jahren verschwunden war. Seine Frau war längst gestorben und Rip van Winkle lebte fortan im Haushalt seiner Tochter bis an sein glückliches Ende.

Ich hätte es also wissen oder zumindest gewarnt sein müssen. Nomen est omen. Wie ihr menschlicher Namensgeber hält offenbar auch die Narzisse Rip van Winkle wenig von „erklecklicher Arbeit“. Sprich: Sie blüht eben nicht, wie ich es erhofft und erwartet habe, sondern hat sich aus dem Staub gemacht. Oder schläft irgendwo tief unten in der Erde.

Ich bin nicht Rip van Winkle.

Als sich vor ein paar Wochen etwa an der Stelle, an der ich die Zwiebeln gepflanzt habe, das erste Grün und dann die ersten gelben Blüten zeigten, habe ich gehofft, dass Rip van Winkle zurückgekommen ist. Aber selbst eine Florasthenikerin wie ich erkennt, dass diese Pflanze nicht Rip van Winkle ist.

Geschichte(n) wiederholen sich ja bekanntlich manchmal. Vielleicht steht irgendwann in anderthalb Jahrzehnten meine Tochter im Garten  und wundert sich über eine gefüllte Narzisse, die sie nicht gepflanzt und die sie noch nie gesehen hat. Und dann erinnere ich mich,  inzwischen über 80 Jahre alt und eine richtig alte Frau, an die Narzisse, die ich in den Herrenhäuser Gärten gekauft habe – und an die alte Geschichte von Rip van Winkle.