Manchmal kommt es bekanntlich anders … Eigentlich bin ich ins Wilhelm Busch Museum für Karikatur & Zeichenkunst gegangen, um mir die Ausstellungen von Anke Feuchtenberger und Ulli Lust anzusehen, laut Website des Museums zwei der international bedeutendsten Comiczeichnerinnen der Gegenwart.
Doch dann bin ich zuerst in einer Ausstellung in den Gästezimmern im zweiten Obergeschoss gelandet. Von der Comic-Zeichnerin, Cartoonistin und Autorin Katharina Greve hatte ich bis dahin noch nichts gehört und gelesen. Aber schon der Titel der kleinen Ausstellung hat mir sehr gut gefallen: „Regeln sind zum Brechen da“. Zu sehen sind Zeichnungen aus Katharina Greves Büchern* von der dicken Prinzessin Petronia und aus ihren „Geschichten von Mutter und Tochter“.
Das Mutter-Tochter-Duo ist „die weibliche Antwort auf den Comic-Klassiker Vater und Sohn von e.o.plauen“. Gemeinsam bewältigen die beiden die Herausforderungen des modernen Alltags alleinerziehender Müttern – ganz ohne Worte, aber mit Kreativität, Witz und einer Prise Anarchie.
Foto: Museum Wilhelm Busch; c: Katharina Greve
Dicke Prinzessin contra kleiner Prinz
Auch die Ähnlichkeit der dicken Prinzessin Petronia mit einer bekannten literarischen Figur ist nicht zufällig, sondern gewollt. Denn Petronia ist die (noch) unbekannte Cousine des weltbekannten kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry. Sie lebt, von ihren eigenen Eltern „outgesourced“, auf einem eigenen Planeten, dem „mickrigsten und langweiligsten Klumpen im Universum“. Ihr einziger Mittbewohner ist der Multifunktionswurm Mirco, mit dem sie per Wurmloch durch den Kosmos reist und verschiedene Abenteuer erlebt.
Dem gängigen Schönheits- und Prinzessinnenklischee entspricht Prinzessin Petronia sicher nicht. Sie ist dick, hasst Bälle und Rüschenkleider, liebt Naturwissenschaften. Als herrschsüchtig, vorlaut, kaltherzig und altklug gilt sie aber wohl vor allem, weil sie ein Mädchen ist. „Wenn ich ein Junge wäre, würde das Universum denken, ich wäre … durchsetzungsstark, rational, … selbstbewusst, … gebildet“, erkennt die kluge Prinzessin, die gängige Rollenbilder infrage stellt. Und während der kleine Prinz in dem gleichnamigen Klassiker poetische Lebensweisheiten verkündet, fragt Petronia beispielsweise nach den Nährwerten von Schmetterlingen im Bauch oder ob Gulliver eine Reiserücktrittsversicherung hatte.
Foto: Wilhelm Busch Museum; c Katharina GreveFoto: Wilhelm Busch Museum; c Katharina Greve
Ausstellungen und Bücher
Mir hat die Prinzessin so gut gefallen, dass ich mir das Buch gleich gekauft habe (gibt es ebenso wie den zweiten Petronia-Band und die Mutter-Tochter-Geschichten im Museumsshop). Und weil ich für die Dead-Author-Challenge ohnehin auf der Suche nach Büchern von AutorInnen, die bereits gestorben sind, habe ich Antoine de Saint-Exupérys kleinen Prinzen aus dem Regal geholt und wieder gelesen. Das Buch hat seine zweite Chance zwar genutzt, aber ich mag die kluge Cousine des kleinen Prinzen eindeutig lieber.
Die Ausstellungen „Ich sehe was, was du nicht siehst“ von Ulli Lust und Anke Feuchtenberger habe ich mir auch noch angesehen. Doch auch sie bekommen demnächst noch eine zweite Chance. Beide Ausstellungen werden noch bis zum 14. Juni gezeigt, „Regeln sind zum Brechen da“ noch bis zum 2. August.
*Dieser Beitrag enthält unbezahlte Werbung
Katharina Greve: Prinzessin Petronia – Das Brimborium schlägt zurück.avant-verlag, Berlin 2024
Katharina Greve: Die dicke Prinzessin Petronia. avant-verlag, Berlin 2024
Katharina Greve: Meine Geschichten von Mutter und Tochter. avant-verlag, Berlin 2025
Auch in diesem Januar wieder, wie in den drei zurückliegenden Jahren, eine Liste der Bücher, die ich im vergangenen Jahr gelesen habe. Wie in den vergangenen Jahren waren es 60 – etwa drei Viertel der Bücher wurden von Frauen geschrieben.
Vollständig ist die Liste wahrscheinlich nicht. Als ich sie nämlich durchgesehen habe, um diesen Beitrag zu schreiben, fehlte ausgerechnet das Buch, das mich am meisten berührt hat: die Tagebücher von Ruth Maier, die in Deutschland unter dem Titel „Das Leben könnte gut sein“* veröffentlicht wurden . Ich habe das Buch bei meinem Besuch im Zentrum für Holocaust- und Minderheitenstudien in Oslo entdeckt und es mir sofort nach meiner Rückkehr aus Norwegen gekauft – antiquarisch, weil es im Buchhandel leider vergriffen ist.
Ruth Maieers Tagebücher im Original …… und in der Buchausgabe
Ruth Maier, im November 1920 in Wien geboren, führte fast zehn Jahre lang – von 1933 bis 1942 – Tagebuch. Nach der Besetzung Österreichs durch die Nationalsozialisten floh sie 1939 allein nach Norwegen. Doch als die deutsche Wehrmacht im Sommer 1940 Norwegen besetzte, war sie auch dort nicht mehr sicher. Im November 1942 wurde Ruth Maier kurz nach ihrem 22. Geburtstag in Oslo verhaftet, mit 531 jüdischen Frauen, Männern und Kindern nach Auschwitz deportiert und ermordet. Nur neun der Deportierten überlebten das Vernichtungslager.
Auch Margot Friedländers Bruder und ihre Mutter wurden nach Auschwitz verschleppt und ermordet. Die damals 21-Jährige tauchte unter, lebte über ein Jahr im Untergrund und entkam mehrmals nur knapp der Gestapo. 1944 wurde sie verhaftet und nach Theresienstadt deportiert wurde. Margot Friedländer überlebte als einzige ihrer Familie den Holocaust und emigrierte mit ihrem Mann in die USA. 2010 kehrte sie nach Berlin zurück, engagierte sich als Zeitzeugin gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus, bis sie im vergangenen Jahr starb. Mit der Schriftstellerin Malin Schwerdtfeger hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben. Ihren Titel verdanken die Erinnerungen einer Botschaft, die Margot Friedländers Mutter ihrer Tochter hinterließ, bevor sie deportiert wurde: „Versuche, dein Leben zu machen“.
Margot Friedländer kannte ich natürlich, aber ich hatte noch kein Buch von ihr gelesen – ebenso wie von 22 weiteren AutorInnen auf meiner Liste. Bei einigen wird das erste Buch wohl auch das letzte auf meiner Leseliste sein. Von anderen habe ich gleich mehrere Bücher gelesen. Eine echte Entdeckung ist für mich die Norwegerin Vigdis Hjorth. Und das zweite Buch ihrer Landsfrau Kristin Valla hat mich animiert, das erste noch einmal zu lesen. Gut gefallen hat mir auch der erste Roman von Elisabeth Drimalla, die ich vom gemeinsamen Schreiben kenne. Jetzt bin ich gespannt auf ihren zweiten.
Lesepläne für 2026
Im neuen Jahr möchte ich nicht nur (mindestens) ebenso viele Bücher lesen wie in den vergangenen, sondern täglich auch ein Gedicht. Damit mir das gelingt, liegt jetzt das Buch „Mit Gedichten durchs Jahr“ neben meinem Bett. Der lyrische Kalender enthält 365 Gedichte – für jeden Tag des Jahres eins. Jeden Montag verhilft mir der Blogbeitrag von Christiane zu einem poetischen Start in die Woche – oft passend zur Jahreszeit oder zu aktuellen Anlässen. Und freitag flattert mir ebenfalls per Mail mit dem Lyrik Newsletter des Suhrkamp Verlags das Gedicht der Woche ins Haus.
An der „Dead Authors Challenge“, von der ich durch den Blog Kristinas Lebenswelt erfahren habe, werde ich wohl nicht teilnehmen. Denn ich schaffe es wahrscheinlich nicht, in diesem Jahr über die Bücher von (mindestens) zwölf verstorbenen AutorInnen zu bloggen. Aber die Idee gefällt mir: Spontan sind mir aus meinem Stapel ungelesener Bücher (SUB) Werke von Hannah Arendt, Margot Friedländer, Max Frisch, Mascha Kaléko, Marie Luise Kaschnitz und Christa Wolf eingefallen, die ich endlich (wieder) lesen s/wollte. Drei auf meinem E-Book-Reader, drei ganz klassisch als Bücher.
Eine besondere Leseherausforderung ist – nicht nur wegen der Länge von 1168 Seiten – sicher Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft: Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus“. Das Buch erschien erstmals 1951 auf Englisch, auf Deutsch dann 1955. Aber die Frage, wie eine Gesellschaft ins Totalitäre abdriftet, ist leider derzeit so aktuell wie lange nicht mehr.
Unbedingt lesen möchte ich auch den 1938 in Italien erschienen Debütroman von Alba de Céspedes, der erst jetzt ins Deutsche übersetzt wurde. „Was vor uns liegt“ wurde damals von den faschistischen Behörden unter Mussolini verboten.
Ich bin gespannt, ob sich diese Bücher im nächsten Januar auf meiner Leseliste wiederfinden.
Liste der 2025 gelesenen Bücher
wie immer ungeordnet und wahrscheinlich unvollständig
Elisabeth Drimalla: Einsamkeit ist kein Symptom
Sigrid Nunez: Was fehlt dir
Henning Scherf: Altersreise
Joachim Meyerhöfer: Hamster im hinteren Stromgebiet
Joachim Meyerhöfer: Man kann auch in die Höhe fallen
Joan Didion: Was ich meine
Leila Slimani: Der Duft der Blumen bei Nacht
Paul Auster: Winterjournal
Caroline Peters: Ein anderes Leben
Mely Kyriak: Frausein
Annegret Langenhorst: Was bleibt vom Tag. Frauentagebücher erzählen
Margot Friedländer, Malin Schwerdtfeger: Versuche dein Leben zu machen
Claire Keegan: Reichlich spät
Daniel Glattauer: In einem Zug
Chloe Benjamin: Die Unsterblichen
Kristin Valla: Ein Raum zum Schreiben
Lucy Fricke: Das Fest
Vigdis Hjorth: Die Wahrheiten meiner Mutter
Kristin Valla: Das Haus über dem Fjord
Peter Handke: Ein Jahr aus der Nacht gesprochen
Hans Josef Ortheil; Rom, Villa Massimo
Hans Josef Ortheil: Die weißen Inseln der Zeit
Vigdis Hjorth: Ein falsches Wort
Kristine Bilkau: Halbinsel
Dora Heldt: Starker Wind bei …
Yvonne Kraus Erfolgs Mindset für Autorinnen
Daniela Krien: Mein drittes Leben
Ruth Maier: Das Leben könnte gut sein. Tagebücher
Rachel Carson: Magie des Staunens
Eva Lohmann: Wie du mich ansiehst
Haruki Murakami: Von Beruf Schriftsteller
Isabel Bogdan: Wohnverwandtschaften
Tim Conrads: Leichtes Gepäck. Ein Roman vom Jakobsweg
Amelie Nothomb: Buch der Schwestern
Ursula Ott : Gezwisterliebe
Laura Pfaffenbach u.a.: Frauen unterwegs, 10 bewegende Geschichten über Mut, Abenteuer und Glück des Wanderns.
Erling Kagge: Gehen – weiter – gehen. Eine Anleitung
Kristin Steinsdottir: Eigene Wege
Monika Peetz: Flaschenpost aus der Vergangenheit
Vigdis Hjorth: Wiederholung
Tägliche Routinen für Autoren: Erstaunliche Routinen, um ein Schreibritual zu etablieren
Sigrid Nunez: Eine Feder auf der Akte Gottes
Sarah Lorenz: Mit dir möchte ich im Himmel Kaffee trinken
Alois Prinz; Hannah Arendt
Mina Bäuerlein; Die Rückwärtspilgerin
Doris Dörrie: Wohnen
Annie Ernaux: Die Besessenheit
Anne Enright: Vogelkind
Renate Ahrens: Alles was folgte
Stephan Schäfer: 25 Sommer
Ruth Shaw: Drei Buchläden am Ende der Welt
Melanie Pignitter: Wiedersehen mit mir selbst zwischen Pizza und Aperol: Ein Roadtrip zu Selbstliebe und Heilung.
Stephan Schäfer: Gerade jetzt ist alles gut
Elena Ferrante: Tage des Verlassenwerdens
Bettina Flittner: Meine Mutter
Virginia Evans: Die Briefeschreiberin
Clara Loesl: Wehe du gibst auf
Helga Schubert: Der heutige Tag
Marjaleena Lembcke: Wir bleiben nicht lange
Flachmann, Susanne: Solo VanLife: Mut zum Alleinreisen mit dem Wohnmobil
Welche Bücher haben Sie im vergangenen Jahr gelesen?
Und welche haben Ihnen besonders gut gefallen? Ich freue mich über Leselisten und Buchtipps, von lebenden und toten AutorInnen, gerne auch als Kommentar.