Gartenvergnügen für ein Jahr

Zum Frühlingsanfang habe ich mir eine neue Jahreskarte für die Herrenhäuser Gärten gekauft. Die neue kostete 10 Euro mehr als die alte. Aber ein Jahr Gartenvergnügen sind auf jeden Fall 35 Euro wert.

Der Große Garten, das Prunkstück der Herrenhäuser Gärten, wird in diesem Jahr 350 Jahre alt. Aber auch wenn er zu den bedeutendsten Barockgärten Europas zählt, kann ich ihm wenig abgewinnen. Ich mag keine Pflanzen, die zurechtgestutzt in Reih und Glied ihr Leben fristen müssen. Vor allem wenn Laubbäume und Hecken (noch) kahl sind, wirkt der Garten auf mich ziemlich trostlos. Im Sommer gehe ich gerne in den Rosengarten und in den Niederdeutschen Blumengarten. Und die Grotte ist immer einen Besuch wert. Gebaut wurde sie schon im 18. Jahrhundert: Mit Muscheln, Kristallen, Glas und Mineralien verziert, sollte sie im Sommer einen kühlen Rückzugsort bieten. 2002 gestaltete Niki de Saint Phalle die Grotte 2002 um – und schuf mit Kiesel-, Glas- und Spiegelstücken ein magisches Kunstwerk. Vor allem die Farben und Lichteffekte in der blauen Grotte faszinieren mich jedes Mal aufs Neue.

Mein Lieblingsgarten ist und bleibt der Berggarten, laut Wikipedia einer der ältesten botanischen Gärten in Deutschland. Ursprünglich als Küchengarten angelegt, wurde er seit Ende des 17. Jahrhunderts auch genutzt, um exotische Pflanzen zu züchten. Reis und Tabak wurden hier ebenso angepflanzt wie Tabak und Maulbeerbäume, mit deren Blättern die Seidenraupen der Königlichen Seidenraupenmanufaktur in Hameln gefüttert. Doch langfristig lohnte sich der Anbau nicht.

Exotische Pflanzen wachsen heute auch noch in drei Schauhäuser im Berggarten. Als Zimmerpflanzen mag ich Exoten wie Orchideen, Usambaraveilchen, Bromelien und Gummibäume zwar nicht, aber im Tropen- und im Orchideenschauhaus fühle ich mich in eine andere, mir unbekannte Welt versetzt. Das Kakteenschauhaus lasse ich dagegen meist links liegen.

So früh im Jahr kann die Vegetation draußen natürlich mit der Blütenpracht drinnen nicht mithalten. Noch zeigen sich nur Frühblüher wie Märzbecher, Narzissen oder Blau- und Gelbsterne. Bis die Iris im Irisgarten blühen, wird es wohl noch ein paar Wochen dauern. Das Wasserbecken im Pergolagarten, an dem ich an warmen Tagen gerne sitze, ist noch leer; im Staudengrund fließt das künstliche Bächlein schon, aber von den Wildstauden, ist noch wenig zu sehen. In ein paar Wochen werden sie den Bachlauf überwuchern. Auch der Subtropenhof ist noch pflanzenleer. Erst wenn auch die Nächte wärmer sind, ziehen die kälteempfindlichen Kübelpflanzen hier wieder ein und verwandeln den Hof in ein grünes Zimmer. Derzeit ist er eine Open-Air-Galerie, in der prämierte Fotos aus dem internationalen Wettbewerb „International Garden Photographer of the Year“ (IGPOTY) „faszinierende Einblicke in die Garten- und Pflanzenfotografie aus aller Welt, mit Aufnahmen aus Ländern wie England, Schottland, Deutschland, China, Japan, den USA, Kanada, Neuseeland und Italien“ bieten.

Ab Mitte Mai dürfen auch die Pflanzen aus der kostbaren Zitrussammlung wieder ins Freie. Und wenn sie dann auf dem Orangenplatz vor dem Galeriegebäude zu bewundern sind, werde ich dem Großen Garten sicher häufiger einen Besuch abstatten. Den Grundstein für die Sammlung legten Kurfürstin Sophie und ihre Tochter Charlotte im 17. und 18. Jahrhundert; um 1720 war sie schon auf über 600 Bäumchen angewachsen. Und die kurfürstlichen Herrschaften scheuten für die Kostbarkeiten weder Kosten noch Mühen für ihre Sammlung. Um sie im Sommer standesgemäß zu präsentieren, wurde der Orangenplatz vor dem Galeriegebäude angelegt. Die kalten norddeutschen Winter verbrachten die Pflanzen im Galeriegebäude und in der Orangerie. Letztere wurde gebaut wurde, weil der Platz in der Galerie schon bald zum Überwintern der exotischen Pflanzen nicht mehr ausreichte.

Geheizt wurde die Orangerie bis Ende des 19. Jahrhunderts mit großen Öfen, in denen nur Holz und Torf verbrannt wurden, weil die empfindlichen Pflanzen Kohle nicht vertrugen. Allein um sie im Frühjahr ins Freie und im Herbst wieder unters schützende Dach zu bringen, stellte die Gartenverwaltung im 18. Jahrhundert jeweils für vier Tage 80 Männer ein.  

Dies und vieles andere habe ich in der Ausstellung „Gartenkunst aus Meisterhand“ erfahren, die in der Orangerie gezeigt wird. Zwischen Palmen, Zitrusbäumchen und anderen subtropischen Pflanzen informieren Schautafeln über die Geschichte des Gartens im Allgemeinen und die Orangeriekultur im Besonderen. Geöffnet ist die Ausstellung noch bis 6. April montags bis freitags von 11 bis 17 Uhr und am Wochenende von 10 bis 18 Uhr. Die Fortsetzung folgt dann ab Juli.

Ein Sonntag, drei Gärten

Was für ein schöner Sonntag. Der Titel eines meiner Lieblingsbücher kam mir am vergangenen Sonntag immer wieder in den Sinn – nur dass ich, anders als  der Autor des Buchs, einen wirklich schönen Tag erlebte. Jorge Semprun schreibt in seinem Buch über einen Sonntag als Gefangener im  KZ Buchenwald.

Der vergangene Sonntag machte seinem Namen wirklich alle Ehre: Die Sonne schien von morgens bis abends – und  der Tag bescherte mir drei wunderschöne Gartenerlebnisse . Gleich zwei meiner Lieblingsgärten öffneten tagsüber ihre Pforten. Und am Abend erlebten wir die Illumination des Großen  Gartens von Herrenhausen – mit Musik von Georg Friedrich Händel.

Der Garten von Sylvia und Klaus Stannek kommt meinem Traum von Naturgarten ziemlich nah. Hier darf, so scheint es, wachsen was wächst. Aber der Schein trügt.  Denn die Gartenbesitzer, Profis mit eigener Gärtnerei, sorgen gekonnt dafür, dass ihnen die Pflanzen eben nicht über den Kopf wachsen, was natürlich geschehen würde, wenn alle tun dürften, was sie wollten – nämlich wachsen. Das Ergebnis der unsichtbaren Eingrifffe: ein verwunschener Zaubergarten.

Mein Lieblingsplatz war leider besetzt, als ich ankam, und so schlenderte ich eine Zeit lang scheinbar ziellos durch den Garten, den Platz am Wasser, Ziel meiner Seesucht,  meist im Blick. Ich fotografierte dies und das, Motive gibt es in dem rund 2.000 Quadratmeter großen Garten genug: das junge Huhn beispielsweise, das in den Töpfen mit den Ablegern nach Futter sucht, die Gemüsehochbeete, die sich wie Inseln im Naturgarten behaupten, das Beet mit fleischfressenden Pflanzen (Karnivoren), ein Wintergarten, in (nicht an) dem Wein wächst – und überall im Garten verstreut kleine Skulpturen und Figuren.

Und endlich war er frei, der Platz am Teich, und wie immer, wenn der Garten geöffnet ist, setzte ich mich an den kleinen Tisch, packte mein Tagebuch aus und schrieb ein wenig. Vielleicht sollte ich bleiben, nicht gleich eine Hütte bauen, so wie Petrus es Jesus vorschlug, als ihm ein Ort gut gefiel  (Matthaeus 17:4), aber zumindest ein kleines Zelt aufschlagen. Platz wäre im Garten genug, und Wasser gibt es auch. Was braucht frau mehr. Aber der nächste Garten wartet.

Das Garten von Silke Rex ist ganz anders, heller, femininer vielleicht, wie seine Besitzerin meint, aber auf jeden Fall ist er wunderschön. Und ein Eldorado für Duftfans wie mich. Denn hier wachsen vor allem  historische und englische Rosen – in verschiedensten Sorten und Farben – und dazwischen farblich abgestimmte Stauden.

Kletterrosen umranken das Haus, die Veranda und den Pavillon, und ein bisschen fühle ich mich wie Dornröschen. Ich falle allerdings nicht in einen tiefen Schlaf, sondern gehe mehrmals durch den Garten, kann mich gar nicht trennen und gar nicht satt sehen und satt riechen. Und natürlich gönne ich mir wieder eine Schreibpause am kleinen Teich.

Auch Kurfürstin Sophie wäre sicher vor Neid erblasst, wenn sie Silke Rex Garten gesehen hätte. Denn der Niedersächsische Rosengarten im Großen Garten der Herrenhäuser Gärten, den ich ein paar Stunden später sah, verblasst fast neben dem romantischen Rosengarten in Isernhagen. Allen, die sich mit der Hannoverschen Gartengeschichte und dem Adel nicht so gut auskennen, sei’s gesagt: Kurfürstin Sophie gestaltete den Großen Garten, damals fürstlicher Privatgarten, so um, wie wir ihn heute noch kennen. Natürlich gärtnerte die Frau des Kurfürsten Ernst August von Hannover nicht selbst, sondern ließ gärtnern: Sie engagierte den bekannten Gartenarchitekten Martin Charbonnier, der für seine Auftraggeberin bis 1714 den Garten im Stil der holländischen Barockanlagen umgestaltete. Ob die Kurfürstin geduldet hätte, dass eine Untertanin einen schöneren Garten hatte als sie  selbst? Ich bezweifle es.  Denn selbst heute noch gehen  Nachfahren des damaligen Kurfürsten mitunter ja recht rigoros gegen unbotmäßige Bürgerliche vor.

Der Niederdeutsche Rosengarten , so lese ich auf der Website hannover.de, ist „die Nachbildung eines der bereits im 16. Jahrhundert hoch geschätzten ‚Liebesgärten‘“. „Paare wandelten zu den Klängen von kanonartiger Musik, die Musikanten saßen in hierfür eigens aufgestellten hölzernen Lauben“, heißt es auf der Website weiter (https://www.hannover.de/Herrenhausen/Herrenh%C3%A4user-G%C3%A4rten/Gro%C3%9Fer-Garten/Der-Niederdeutsche-Rosengarten).

Insgesamt 650 Rosen soll es im Niederdeutschen Rosengarten geben, doch die kann der gemeine Gartenfan nur aus der Ferne bewundern. Denn die Kieswege zwischen den Beeten, auf denen die Bewohnerinnen und Bewohner des Schlosses und ihre Gäste früher lustwandelten, sind gesperrt. Pavillons gibt es noch, doch dort saßen am letzten Sonntag keine Musiker, sondern Besucher. Die Musik, die „Wassermusik“ von Georg Friedrich Händel, kam am vergangenen Sonntag aus der Konserve – und sie war leider auch nicht überall zu hören.

Trotzdem war der Abend wunderschön, und mit effektvoll angestrahlten Hecken, Skulpturen, Teiche, Brunnen und Fontänen hat sogar mir der Große Garten gefallen, obwohl ich eigentlich den Berggarten bevorzuge.

Apropos Wasser. Besonders eindrucksvoll waren natürlich die illuminierten Springbrunnen und die Fontäne. Die Große Fontäne ist inzwischen mehr als 300 Jahre alt. Damit das Wasser in die Höhe schoss,importierte Kurfürst Georg Ludwig Wassermaschinen aus England und baute ein Wasserwerk, die Wasserkunst. Die 35 Meter, die das Wasser damals in die Höhe spritze, waren damals Europarekord. Heute erreicht die Fontäne mehr als 80 Meter – vor allem illuminiert ein wirklich schöner Anblick. Den werde ich sicher bald wieder genießen – auf Gartentour gehe ich schon heute wieder. Das Wetter spielt, so scheint es, wieder mit. Nach einem heftigen Gewitter heute Morgen scheint wieder die Sonne: Was für ein schöner Sonntag …