Blickwinkel im Februar

Derselbe Monat und fast die gleichen Blickwinkel (oder sind es doch dieselben. Aber das ist – wieder mal – ein anderes Thema). Auf jeden Fall dieselben Motive am Springhorstsee und am Pöttcherteich. Zwischen den verschiedenen Februarfotos liegen gerade einmal zwei Wochen – und ein Temperaturunterschied von 25 Grad, der quasi über Nacht kam und den Schnee zum dahinschmelzen ließ.

Die Kopfweide am Pöttcherteich ist immer noch kahl, aber das wird noch, da bin ich sicher. Und irgendwann schaffe ich es sicher auch mal, ein Foto bei Sonnenuntergang aufzunehmen. Dann erscheint der kleine Weiher nämlich in einem ganz besonderen Licht. Es ist ja erst Februar, und das Jahr noch lang.

Am Springhorstsee ist zurzeit noch wenig Betrieb, zumindest an normalen Werktagen. Doch das wird sich wohl ändern, wenn das neue Café Frida im April öffnet – so Corona es zulässt.

Derzeit wird noch eifrig umgebaut, drinnen wie draußen. Auch das Ufer wird, so scheint es umgestaltet, wie ein schneller Seitenblick zeigt.

Der Schäfer schaut von seiner Insel zu. Vielleicht fragt er sich, ob er mit seinen Schafen auf der Insel bleiben kann – und ob er weiter so ungestört bleibt. Denn Schwimmen war bislang nur im Strandbad am gegenüberliegenden Ufer erlaubt. Ob sich das ändert?

Das Strandbad öffnet vermutlich erst Ende April oder Anfang Mai wieder. In diesem Jahr möchte ich häufiger schwimmen gehen als im vergangenen – das habe ich mir fest vorgenommen.

Mehr Infos über die Philosophie hinter der Aktion 12tel Blick und Fotos von Eva Fuchs findet ihr auf ihrer Website unter https://evafuchs.blogspot.com/search/label/12telBlick

Ziele für die Fastenzeit

Manche Dinge kommen – oder geschehen – gerade zur richtigen Zeit. Zufall, sagen die einen, Bestimmung nennen es die anderen. So habe ich das Buch „Das Minimalismusprojekt“* – ganz minimalistisch – schon vor Wochen in der Bücherei vorbestellt, weil ich mich schon lange für das Thema interessiere und auch dem Blog von Christof Herrmann folge. Als es kam, landete es zunächst auf dem Stapel ungelesener Bücher, bis ich es wieder zurückgeben musste, weil die Leihfrist abgelaufen war. Vorher habe ich es natürlich noch gelesen, gerade, als ich meine Ziele für die bevorstehende Fastenzeit festlegen wollte.

Natürlich gehören auch die Klassiker wieder dazu: Keine Schokolade bis Ostern, kein Alkohol – was mir in diesem Jahr ganz leicht fällt, weil coronabedingt kein Besuch bei meiner Freundin in Bruchsal ansteht, und kein Eis: auch das ist in diesem Jahr nicht ganz so schwer, weil meine Lieblingseisdiele im Bahnhof von Hannover zwar geöffnet hat, ich aber a. zur Zeit recht selten nach Hannover fahre, wo meine Lieblingseisdiele ist und b. das Eisschlecken mit Maske wenig Spaß macht. Ich will weniger fernsehen und auch weniger Cola trinken. Und weil ich noch eine gute Ernährungsgewohnheit etablieren möchte, nehme ich mir vor, in den nächsten sechs Wochen jeden Tag mindestens eine Tasse grünen Tee zu trinken.

Zu grünem Tee habe ich leider ein gespanntes Verhältnis: Ich weiß, dass er vor Krebs, Entzündungen und anderen Krankheiten schützen, jung halten, beim Abnehmen helfen und Denkleistung und das Gedächtnis verbessern soll. Aber leider ist er nicht nur sehr gesund, sondern riecht und schmeckt er auch so. Also eher wie Medizin – nicht besonders gut. Irgendwie nach altem, abgestandenen Gras, finde ich. Immerhin habe ich jetzt zwei aromatisierte Grünteesorten gefunden, die mir einigermaßen schmecken, und an die ich mich vielleicht gewöhnen kann. Zumindest in der Fastenzeit, erst einmal.

Die Fastenaktion der evangelischen Kirche: „7 Wochen ohne Blockaden“ hilft mir spontan in diesem Jahr bei der Suche nach Fastenzielen nicht wirklich. Mit dem Thema kann ich zunächst wenig anfangen – vielleicht weil es so wenig greifbar ist. Auch die erste Fastenmail hilft mir wenig. „Mitten in der weltweiten Blockade wollen wir schauen, an welchen Stellen wir auf kleinere Blockaden verzichten können. Es geht darum, den Spielraum zu entdecken, die kleine Lücke, die Bewegung zulässt. Außerdem können wir uns sieben Wochen lang Strategien überlegen, wie wir ein paar kleine Blockaden auflösen oder wegräumen können“, heißt es da (https://7wochenohne.evangelisch.de/fastenmail). Ich werde auf jeden Fall weiter darüber nachdenken. Blockaden gibt es auch bei mir einige, die es aufzulösen gilt. Vielleicht kommt die Erkenntnis noch – mit weiteren Fastenmails, die ich abonniert habe, oder wenn ich mehr grünen Tee trinke und dadurch besser denken kann (s. o.). Die Fastenzeit hat ja gerade erst begonnen.

Im Buch „Minimalismusprojekt“ entdecke ich dagegen sofort etwas, was in den Wochen bis Ostern angehen möchte. Ich will zum Beispiel in den nächsten Wochen „ansteigend ausmisten“. Das heißt ich trenne mich in der ersten Woche täglich von einem, in der zweiten Woche von zwei Gegenständen usw. Bis Ostern wären das immerhin 168 Gegenstände, die ich entsorge, verschenke, weitergebe. Schon beim ersten Durchsehen meines Kleiderschranks finde ich genügend Teile für die ersten beiden Wochen, und für den Notfall habe ich noch ganze Regale alter Bücher im Keller. Trotzdem traue ich mich an die Version für fortgeschrittene, jeden Tag einen Gegenstand mehr zu entsorgen, noch nicht ran – vielleicht im nächsten Jahr.

So mancheR, der in den vergangenen Jahren gefastet hat, macht in diesem Jahr ja nicht mit, weil er oder sie der Meinung ist, dass wir alle in diesen Zeiten ohnehin schon auf so viel verzichten müssen. Vielleicht gefällt mir deshalb auch eine Idee, die dich auf dem Instagram-Account von kräuterwerkstatt gefunden habe: „Ich nutze die Fastenzeit wie jedes Jahr für eine zuckerfreien Wochen. Blumen statt Schokolade ist jetzt mein Motto. Statt mich mit Süßem zu belohnen, kaufe ich mir lieber Blumen und gönne mir Dinge, die der Seele gut tun“, schreibt Susanne Hackel.

Ganz zuckerfrei schaffe ich es sicher nicht durch die nächsten Wochen, aber mit weniger bestimmt. Und bei der Sache mit den Blumen mache ich mit. Eine erste Portion Blumen habe ich mir gestern schon gegönnt, und zwar auf eine nachhaltige Art: Ich bin mit dem Fahrrad in die Herrenhäuser Gärten und habe mich an Krokussen, Schneeglöckchen und Winterlingen gefreut, die dort schon massenhaft sprießen.

Mehr Fotos aus den Herrenhäuser Gärten gibt’s morgen unter www.chaosgaertnerinnen.de

*Dieser Beitrag enthält unbezahlte Werbung

Christof Herrmann: Das Minimalismusprojekt. 52 praktische Ideen für weniger Haben und mehr Sein. Gräfe und Unzer, München 2020 17,99 Euro Blog https://www.einfachbewusst.de

Vom Gehen im Schnee

Manchmal denke ich, ich bin für solche Touren zu alt. Oder nicht mehr fit genug. Zum einen natürlich, weil ich so alt bin. Zum anderen aber auch, weil ich – anders als früher – nicht genug, genauer gesagt gar nicht mehr trainiere. Das Ziel, jeden Tag 10.000 Schritte zu gehen, erreiche ich leider bei weitem nicht jeden Tag. Und so hat mich die Wanderung am vergangenen Sonnabend schon ans Limit gebracht – allerdings weniger wegen der Strecke, die wir zurückgelget haben, sondern mehr, weil wir die meiste Zeit durch den hohen Schnee gewandert sind.

Der lag mindestens kniehoch, und zeitweise waren wir die ersten Menschen, die dort gegangen sind, seit es geschneit hatte. Nur auf den ersten und letzten Kilometern konnten wir in die Fußstapfen anderer Wanderer treten. Manchmal sind wir den Spuren von Rehen oder Hirschen gefolgt, die aber offenbar nicht geradeaus gehen, wie wir Menschen es tun, sondern sich in Schlangenlinien bewegen. Warum, ist uns ein Rätsel. Betrunken waren sie sicher nicht; vielleicht folgen sie uralten Pfaden, umkreisen Bäume, die einmal dort gestanden haben, ehe wir Menschen sie gefällt haben, um für uns einen Weg durch den Wald anzulegen.

Tief verschneit: der Wegweiser zu unserem Ziel

Eigentlich wollten wir bis zur Marienteich, einem kleine See bei Torfhaus, wandern. Doch diesen Plan haben wir schon nach den ersten Metern im tiefen Schnee aufgegeben. Ich wäre wahrscheinlich schon nach dem ersten Kilometer umgekehrt, doch meine Begleiterin zog es zum Radauwasserfall – und sie zog mich mit. Zum Glück. Denn die verschneite Landschaft war wirklich wunderschön – und schließlich waren es laut Wanderapp ja bis zum Wasserfall nur fünf oder sechs Kilometer. Doch für die brauchten wir mehr als doppelt so lange wie bei „normalen“ Witterungsverhältnissen.

Der Brocken im Blick

Zum Glück stapfte Foe meist tapfer voran und bahnte mir einen Weg – 30 Jahre weniger und etliche Wanderkilometer mehr machen sich halt doch bemerkbar. Außer uns war niemand unterwegs – wir waren ganz allein und mir ist beim Gehen durch den tiefen Schnee wieder einmal bewusst geworden, wie klein wir Menschen in der Natur sind – und wie hilflos wie ihr ausgeliefert sind.

Menschen haben wir erst wieder am Radauwasserfall getroffen, doch die waren, anders als wir, mit dem Auto gekommen, um das im Herabstürzen gefrorene Wasser zu bewundern – ein wirklich beeindruckender und in den letzten Jahren seltener Anblick.

Dass wir vom Wasserfall wieder zurück nach Bad Harzburg mussten, hatte ich völlig verdrängt – und auch, wie lang dreieinhalb Kilometer sein können, wenn man müde wird und die Beine schwer. Und wenn der Schnee kniehoch liegt.

„Sei froh, dass du hier wandern kannst“, habe ich mir immer wieder gesagt. „Bin ich, nachher“, hat mein weniger leidensfähiges Ich geantwortet. Irgendwie musste ich an meinen ersten Marathonlauf denken, als ich kurz vor dem Ziel erschöpft aufgeben wollte – und es natürlich nicht getan habe. Hier war Aufgeben ohnehin keine Option – schließlich mussten wir ja nach Hause, und zwar zu Fuß.

Das dauerte länger als geplant, und am Ende war ich wirklich platt. Wie gesagt: Manchmal denke ich, ich bin für solche Touren zu alt. Oder nicht mehr fit genug. Aber es hat Spaß gemacht, und es war ein tolles Gefühl, durchgehalten zu haben. Und ich finde es schade, dass dies wohl die letzte Schneewanderung in diesem Winter war.

Lost in Hildesheim

Ja, es gab für mich gute Gründe, am Freitagmittag trotz des durch den Schneefall am Anfang der Woche auf Straßen und Schienen verursachten Chaos in den Harz zu fahren: Meine Kollegin Foe brauchte Schneefotos für ihre Website, ich brauchte die Hilfe meiner Kollegin bei einigen Problemen mit meinem Blog und meinem Instagram-Account. Und wir wollten wieder einmal gemeinsam wandern.

Und nein, ich wäre nicht in den Zug gestiegen, wenn nicht auf der Bahn-Website und in meiner Bahn-App gestanden hätte, dass der Verkehr auf der Strecke zwischen Burgwedel und Bad Harzburg wieder normal läuft. Ich kaufte also voller Zuversicht ein Ticket und fuhr los.

Der Zug nach Hannover war pünktlich, und auch der Zug, der mich laut Fahrplan, App und Anzeige auf dem Bahnsteig von Hannover ohne Umstieg in knapp 90 Minuten nach Bad Harzburg bringen sollte, fuhr in Hannover pünktlich los. Dass er nur bis nach Hildesheim fahren würde, verkündete der Zugführer erst, als meine Mitreisenden und ich schon im Zug saßen. Immerhin versprach er einen Schienenersatzverkehr ab Hildesheim. Der Bus sollte vor dem Bahnhof abfahren, wo genau, wusste er leider nicht, ob der Busfahrer warten würde, wenn der Zug verspätet ankäme, ebensowenig.

Er wartete nicht, obwohl der Zug gerade mal fünf Minuten Verspätung hatten und meine Mitreisenden und ich aus dem Zug auf den Bahnhofsvorplatz sprinteten. Wir standen suchend um 13.20 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz, der Bus war wohl pünktlich eine Minute vorher abgefahren, ohne auf die Passagiere zu warten, die er ersatzweise nach Bad Harzburg bringen sollte. Wer nicht kommt zur rechten Zeit, muss warten …

Wann und wo der nächste Bus fahren würde, wussten weder die Bahn-App noch die realen Mitarbeitenden im Desinformationszentrum im Bahnhof Hildesheim. Und während die Bahn-App und die Anzeigentafel im Bahnhof immer noch ankündigten, dass der nächste Zug in ein paar Minuten pünktlich nach Bad Harzburg fahren würde, glaubten die Info-MitarbeiterInnen immerhin, dass er wohl ausfallen würde, weil bisher noch kein Zug in diese Richtung gefahren sei. Sie verwiesen mich und die mit mir Gestrandeten aber für alle weiteren Informationen an die Privatbahn: „Mit dem Erixx haben wir nichts zu tun“, erklärten sie allen, die wissen wollten, wie es weitergeht. „Außer Karten verkaufen und abkassieren“, antwortete die mittlerweile erboste Bloggerin, bevor sie das Informationszentrum zusammen mit anderen Mitwartenden wutschnaubend verließ. Warten in der Kälte verbindet.

Meine Kollegin Foe recherchierte derweil zu Hause auf diversen Kanälen: Die Erixx-Webseite (Stand: Vorabend 18 Uhr) versprach ein Update mit neuen Informationen, das aber auch am nächsten Mittag noch auf sich warten ließ. Ebenso wie die versprochene schnelle Antwort über den Facebook-Account der Privatbahn. Die Mitarbeiterin des Erixx, die nach endlosen Minuten in der Warteschleife endlich ans Telefon ging, konnte immerhin die Abfahrtszeit des nächsten Schienenersatzverkehrs nennen. Der nächste Bus sollte um 15.20 fahren und eine Stunde später in Bad Harzburg sein – voraussichtlich. Genaueres konnte oder wollte sie nicht sagen. Und für den Ärger über den ausgefallenen Zug hatte sie überhaupt kein Verständnis: „Lesen Sie keine Nachrichten?“, fragte sie, ohne eine Antwort zu erwarten. „Und wissen sie nicht, was für ein Wetter wir haben.“ „Doch“, antwortete ich. „Denn ich stehe in Hildesheim in der Kälte. Und ich wäre nicht gefahren, wenn Bahn-Website und Bahn-App nicht eine problemlose Verbindung angekündigt hätten.“ „Wenn sie sich bei der Bahn erkundigen, sind sie selbst schuld“, bekam ich zu hören und ich muss zugeben: Wenn sie neben mir gestanden hätte, hätte ich sie wahrscheinlich erwürgt. Oder ihr zumindest einen Schneeball ins Gesicht geworfen.

So blieb mir nichts anderes übrig als mit den anderen zu warten. Nun hat Hildesheim zwar viele hübsche Stellen, aber die Gegend um den Bahnhof ist recht trostlos. Vor allem in Lockdown-Zeiten, wenn weder Geschäfte noch Cafés geöffnet sind. Nicht einmal eine Toilette gibt es nach Auskunft der Bahnmitarbeiterin in ihrem gastlichen Bahnhof. Noch eine Fehlinformation, wie ich von eine Mitwartenden erfuhr, die keine Bahnmitarbeiterin, sondern eine Reisende gefragt hatte. Die wissen offenbar mehr als die MitarbeiterInnen der Bahn – und sind zudem hilfsbereiter und freundlicher.

Irgendwann bin ich – zweieinhalb Stunden später als geplant – dann doch in Bad Harzburg angekommen. Und natürlich fahre ich weiter mit öffentlichen Verkehrsmitteln, mit Bussen und Bahn. Aber bevor ich eine Fahrkarte für die Rückfahrt gebucht habe, habe ich mich nicht nur auf meine Bahn-App und auf die Website der Bahn verlassen – denn dann, das habe ich gelernt, ist man manchmal verlassen. Der Zug von Bad Harzburg nach Hannover war zwar nicht pünktlich, aber fast – „Grund sind Schnee und Eis“, erklärte die freundliche Lautsprecher-Stimme auf dem Bahnsteig und bat um Entschuldigung – „for any inconvenience“.

Allen Mitarbeitenden der Bahn – ob privat oder deutsch – sei’s deshalb noch einmal erklärt: Ich habe volles Verständnis dafür, dass bei extremen Witterungsverhältnissen Züge verspätet fahren oder gar ausfallen. Und das entschuldige ich natürlich. Kein Verständnis habe ich dagegen dafür, dass die Unternehmen gar nicht, zu spät oder (absichtlich) falsch informieren. Dass sie Fahrkarten verkaufen, aber sich für den Service nicht zuständig fühlen ihre Kompetenzrangeleien auf dem Rücken der Fahrgäste austragen.

Neumz – Frauen singen gregorianisch*

Wenn ich meine Morgenseiten schreibe, höre ich oft Musik – derzeit am liebsten gregorianische Gesänge. Die einstimmige, einförmige, aber nie eintönige Musik hilft mir, ruhig und entspannt in den Tag zu gleiten.

Jetzt, im Februar, ist es früh morgens noch dunkel, nur eine aus der Weihnachtszeit übriggebliebene Lichterkette, Kerzen und mein Bildschirm erhellen mein kleines Schreibzimmer und schaffen eine besondere Atmosphäre: Fast fühle ich mich in eine spärlich beleuchtete Klosterkirche versetzt. Dass es in meinem Zimmer wärmer ist als in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kirchen, weiß ich durchaus zu schätzen.

Auf meinen CDs singen ausschließlich Männer gregorianische Choräle und Gebete und irgendwie wundert mich das nicht: Denn die (katholische) Kirche tut sich ja bekanntlich seit jeher mit Frauen schwer: „mulier taceat in ecclesia“ – alsoDie Frau möge in der Gemeinde schweigen“ –heißt es bekanntlich im Korintherbrief (1. Kor. 14, 34). Damit ist zwar der Ausschluss der Frau vom kirchlichen Lehr- und Priesteramt gemeint, aber auch in anderen Bereichen, zum Beispiel bei der Kirchenmusik, bleiben Frauen außen vor.  

Dass die bekanntesten Kinderchöre auch heute noch reine „Knabenchöre“ sind, liegt an der Tradition der Chöre: Die reicht zurück bis ins Frühmittelalter und wurde durch die Kirche bestimmt: Damals durften Frauen in den Kirchen auch nicht singen, die Musik während des Gottesdienstes war Männersache. Und natürlich durften zum Beispiel auch bei beim Thomanerchor in Leipzig, bei den Wiener Sängerknaben, den Regensburger Domspatzen, dem Dresdner Kreuzchor oder der Staats- und Domchor Berlin nur Jungs mitmachen. Der Knabenchor der Universität der Künste Berlin muss übrigens auch heute noch – mehr als 550 Jahre nach der Gründung durch Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg – keine Mädchen aufnehmen: Die Richter der 3. Kammer des Berliner Verwaltungsgerichts bewerteten die Kunstfreiheit des Chores und seines Leiters höher als das Recht eines Mädchens, nicht wegen seines Geschlechts ausgeschlossen zu werden (Urteil vom 16. August 2019, VG 3 K 113.19). Und auch die anderen Knabenchöre sind mädchenfrei.

Natürlich wurden auch die gregorianische Gesänge meist von Männern gesungen. Benannt sind sie nach Papst Gregor I (590–604), der die kirchlichen Gesänge sammeln und aufzeichnen ließ. Das  geschah seit dem 9. Jahrhundert mit einer neuen Art der Musikschrift. Die Zeichen wurden über dem Text notiert und erleichterten vor allem dem Chorleiter und dem Kantor die Arbeit, denn die sogenannten Neumen – von griechisch νεύμα neuma, deutsch ‚Wink‘ – zeigten seine Winkbewegungen des Dirigenten an. Noten, Notenlinien und Schlüssel wurden erst später erfunden; die Sänger lernten bei doing, also durchs Zuhören und Mitsingen. Um alle gregorianischen Gesänge zu lernen, brauchten die Sänger laut Wikipedia etwa zehn Jahre https://de.wikipedia.org/wiki/Gregorianischer_Choral.

Die Neumen, notenähnliche Zeichen, gaben dem Projekt seinen Namen

Wie umfangreich das Repertoire ist, zeigt auch Neumz, ein spannendes Projekt, auf das ich bei meiner Suche nach von Frauen gesungenen gregorianischen Gesängen gestoßen bin. Ziel des Projekts ist es, alle gregorianischen Gesänge – insgesamt fast 8800 – aufzuzeichnen. Über 7.000 Stunden Audioaufnahmen werden in einer App abrufbar sein, wenn das Projekt 2022 abgeschlossen ist.

Gesungen werden die Gebete, Hymnen, Psalmen, Messgesänge und Chorälen des liturgischen Kalenders nicht von Profis, sondern von den Benediktinerinnen der Abtei Notre-Dame de Fidélité von Jouques in der Provence, aufgenommen werden sie nicht in einem Studio, sondern in der Klosterkirche, quasi do it yourself: Die Nonnen starten die Aufnahmen, wenn sie den Chorraum betreten, und beenden sie, wenn sie ihn wieder verlassen. Deshalb sind die Aufnahmen klanglich vielleicht nicht perfekt, aber authentisch. Gerade das macht das Projekt besonders und einzigartig, auch wenn gelegentlich Nebengeräusche wie Husten, Niesen oder Umblättern der Noten zu hören sind. Darauf, sie wegzuretuschieren, hat das Team um den britischen Musikwissenschaftler und -produzenten John Anderson bewusst verzichtet. Puristen stört’s vielleicht, mich nicht. Im Gegenteil.

John Anderson hat das aufwendige Projekt initiiert und die Nonnen, darunter auch seine Tante, überzeugt, den Aufnahmen und der Veröffentlichung zuzustimmen. Seit Ende vergangenen Jahres gibt es die Gesänge der Nonnen auf mobilen Apps für iOS und Android – inklusive Partituren und Texten auf Latein und übersetzt, unter anderem auch auf Deutsch. Eine Veröffentlichung auf CD ist nicht geplant.

Wer die App abonniert, kann alle Gesänge des dreijährigen Zyklus hören und sich beispielsweise von den gesungenen Stundengebeten der Nonnen durch den Tag begleiten lassen, vom Erstes Morgengebet (Ad Matutinum) am frühen Morgen bis zum Abendgebet Komplett (Ad Completorium). Das möchte ich auf jeden Fall mal versuchen. „Zwei Drittel der Einnahmen aus Abonnements gehen an die Schwestern, um sie und ihre Stiftung Notre Dame de l’Écoute in Benin zu unterstützen“, heißt es auf der Projekt-Website. Dort gibt es auch mehr Infos über gregorianische Musik im Allgemeinen und über das Projekt und das Kloster im Besonderen; auch einzelne Gesänge können dort kostenfrei abgerufen werden.

https://neumz.com.de.deutsch

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Von Glauben und Aberglauben

Ja, ich bin abergläubisch, zumindest ein bisschen. Ich lese zum Beispiel manchmal Horoskope und lege gelegentlich Tarotkarten – allerdings ohne mich wirklich danach zu richten. Die Raunächte „zwischen den Jahren“ sind für mich eine besondere Zeit, und davon, dass es Kräfte und Dinge gibt, die Naturwissenschaften und Naturgesetze nicht erklären, bin ich überzeugt. Daran, dass Schornsteinfeger Glück oder schwarze Katzen Unglück bringen, glaube ich indes nicht. Im Gegenteil: Kiara ist der lebende Beweis, dass schwarze Katzen sehr glücklich machen können. Aber das ist ein anderes Thema – zurück zum Aberglauben:

„Aberglaube, seltener Aberglauben, der“ ist laut Duden.de ein„als irrig angesehener Glaube an die Wirksamkeit übernatürlicher Kräfte bei bestimmten Menschen und Dingen“. Welcher Glaube aber irrig, falsch oder schlecht und welcher richtig ist, hängt vom weltanschaulichen oder religiösen Standpunkt des Betrachters oder der Betrachterin bzw. der Bestimmenden ab. Hierzulande bestimmten lange die christlichen Kirchen, vor allem die katholische, was Aberglaube ist – das waren im Prinzip alle „religiösen Vorstellungen, die von der christlichen Lehre abweichen und in denen Reste vorchristlichen Denkens oder magischer Vorstellungen vermutet wurden“(https://www.wissen.de/lexikon/aberglaube).

Was von der christlichen Glaubenslehre abwich, galt als heidnisch, unmoralisch, ketzerisch und wurde bekämpft und vernichtet. Das hinderte die Kirche aber nicht daran, sich eifrig im Fundus der vorchristlichen Religionen zu bedienen. Weihnachten, das Fest der Geburt Jesu Christi, ist wohl das bekannteste Beispiel. Zur Zeit der Wintersonnenwende lange vor Christi Geburt in vielen Kulturen Feste gefeiert: im Alten Ägypten zu Ehren von Isis und Osiris, in China Dong Zhi, das Ankommen des Winters, im römischen Reich sol invictus. Und lange bevor die Christen Ostern zum Fest der Auferstehung ihres Religionsstifters umfunktionierten, feierten Kelten und Germanen – und nicht nur sie – Ende März die Tag- und Nachtgleiche.

Auch Lichtmess, das christliche Fest am 2. Februar, haben nicht die Christen erfunden, sondern die Kelten. Sie feierten am zweiten Vollmond nach der Wintersonnenwende, also um den 1. Februar herum, wenn die Tage wieder länger werden, ein Fest des Lichts und der Hoffnung: Imbolc oder Oimelc.  Um Unheil fernzuhalten, wurden in der Nacht um den 1. Februar Kerzen angezündet. Die Druiden, die keltischen Priester, führten Reinigungsrituale durch und sprachen schützende Zauber aus.

Aberglaube, (ver)urteilte die Kirche und ersetzte die heidnischen Heil- und Schutzzauber durch eigene, die aber nicht mehr Zauber, sondern Segen hießen. So spenden katholische Priester zum Beispiel an Lichtmess oder am 3. Februar, dem Namenstag des Heiligen Blasius, einen nach ihm benannten Segen. Der Blasiussegen soll durch die Fürsprache des Bischofs und Märtyrers die Gläubigen „von allem Übel des Halses und jedem anderen Übel“ befreien und bewahren. Oder muss es heißen die Abergläubischen? Denn das Segensritual mit gekreuzten Kerzen entspricht der Definition von Aberglauben ziemlich genau: Es sind „Praktiken und Riten, die ausgeübt werden, um bestimmte magische Wirkungen herbeizuführen oder unerwünschte abzuwehren“ (https://www.wissen.de/lexikon/aberglaube).

Ich bin katholisch geboren, katholische Riten und Praktiken haben mich in meiner Kindheit geprägt. Den letzten Blasiussegen habe ich wohl vor rund einem halben Jahrhundert bekommen – trotzdem ist er in meinem Gedächtnis geblieben. Als Kind hat mich vor allem beeindruckt und beschäftigt, dass der Segen verhindern sollte, dass ich an einer Fischgräte ersticke – obwohl oder vielleicht auch gerade weil es bei uns zu Hause nie Fisch gab. Wozu brauchte ich also diesen Segen?

Immerhin: Halsschmerzen habe ich nur selten und auch eine größere Fischgräte habe ich noch nie verschluckt. Doch das liegt, davon bin ich überzeugt, eher an meiner robusten Gesundheit und an meiner Vorsicht bei Fischgerichten als an der Langzeitwirkung des Segens. Aber wenn er auch nichts genutzt hat, hat er wohl auch nicht geschadet. Und so werde ich weiter meinen kleinen abergläubischen Gewohnheiten frönen. Denn mit dem Glauben oder dem Aberglauben ist es ja ohnehin so eine Sache.