Würmsee im Dezember

Seit Februar fahre ich regelmäßig zu dem kleinen See bei Kleinburgwedel, um ihn aus immer den gleichen Blickwinkeln zu fotografieren. Selten habe ich so viele Menschen hier gesehen. Wenn die Läden geschlossen sind, zieht’s die Menschen in die Natur: Seespaziergang statt Shopping. Leider kommen die meisten mit dem Auto statt mit dem Fahrrad; der kleine Parkplatz ist voll, die Fahrradständer sind dagegen fast leer.

Der See hat sich seit Anfang des Jahres verändert, aber das passt ja zu dem Jahr, in dem sich unser Leben so drastisch verändert hat. Nur dort, wo der Rundweg um den See beginnt und endet, scheint die Seewelt noch halbwegs in Ordnung.

Weil der Seeboden dort tiefer ausgebaggert wurde, gibt es dort noch eine – die einzige – zusammenhängende Wasserfläche. Aber sie bedeckt nicht einmal ein Viertel der Seefläche, sie reicht gerade mal bis zu dem Steg, auf dem die Badende sitzt. Vielleicht steigt sie doch noch mal herab und nimmt ein Bad. Es könnte die letzte Gelegenheit sein.

Normalerweise steigt der Wasserspiegel in den Herbst- und Wintermonaten wieder, der See erholt sich nach den trockenen Sommermonaten.  Doch jetzt ist er bis auf wenige Wasserlöcher ausgetrocknet – und das wird sich wohl auch nicht mehr ändern. Zu tief ist der Grundwasserspiegel rund um den See gesunken; geregnet hat es in den letzten Monaten nur selten: Wasser in den See zu pumpen wäre, als schütte man es in ein Fass ohne Boden oder in eine Badewanne, aus der der Stöpsel gezogen wurde.

Das Boot auf der gegenüberliegenden Seeseite erreicht man inzwischen auch ohne Steg trockenen Fußes. Und einige Spaziergänger gehen nicht wie gewohnt um den See, sondern durch den See.

Die tierischen Ureinwohner – Torffresser, Fuchs, Hase, Kröte, Eisvogel und Reiher – lassen sich dadurch scheinbar nicht aus der Ruhe bringen. Sie harren an ihren Plätzen aus, denken sich wahrscheinlich nur den Teil. Ihre lebenden Verwandten haben den See verlassen. Ob sie wohl wiederkommen im nächsten Jahr, an den See, der kein See mehr ist?

Ich werde es beobachten, wenn ich den See im neuen Jahr fotografiere – jeden Monat, aus neuen Blickwinkeln.

Die Macht der Gewohnheit

Es klingt zu einfach, um wahr zu sein. Eine Minute genügt, um sich etwas anzugewöhnen, was man oder frau schon immer gern regelmäßig tun würde. Gut, ein bisschen Ausdauer ist schon nötig, denn es dauert angeblich 66 Tage, bis neue Gewohnheiten mithilfe der Ein-Minuten-Methode etabliert und fester Bestandteil des eigenen Lebens geworden sind.

Kaizen heißt das Prinzip und erfunden hat es angeblich ein Japaner, nämlich Masaaki Imai. Eigentlich ist es ein Management-Prinzip, das Unternehmen helfen soll, sich kontinuierlich zu verbessern. Doch auch im täglichen Leben kann es hilfreich sein.

Eine Minute ist nämlich schnell vorbei, deshalb zählt die Ausrede, dass man keine Zeit hat, etwas zu tun, nicht wirklich. Und wenn man oder frau schon mal mit etwas angefangen hat, macht er oder sie dann oft auch weiter.

So geht es mir zum Beispiel mit dem Vorsatz, jeden Tag an einem Schreibprojekt zu arbeiten. Wenn ich die Datei öffne und anfange zu schreiben, schreibe ich meist länger als eine Minute. Und ich beschränke mich auch nie darauf, nur bis zum Gartentor und wieder zurück zu gehen, weil ich mir vorgenommen habe, mich mehr zu bewegen. Wenn ich schon mal angezogen und draußen bin, gehe ich weiter. Weil es mir nämlich Spaß macht. Oder ich verlege meine Bewegungseinheit einfach auf den Crossstepper, wenn ich es mir draußen zu kalt, zu regnerisch oder was auch immer ist.

Die Hälfte der 66 Tage habe ich jetzt hinter mir, und wenn ich jetzt mal keine Lust habe, etwas zu tun, was auf meiner Das möchte-ich mir-jetzt-gern-angewöhnen-Liste steht, denke ich, dass ich ja schon sooo lange durchgehalten habe und dass ich jetzt nicht aufgeben will.

Besonders gut funktioniert das Angewöhnen bei mir übrigens, wenn ich den neuen Gewohnheiten einen festen Platz in meinem Tagesablauf reserviere. Meine Yogaübungen mache ich zum Beispiel immer morgens direkt nach dem Aufstehen, während meine erste Tasse Kaffee durch den Filter läuft – und ohne Kaffee geht bei mir bekanntlich gar nichts.

Ein Gedicht lese ich dagegen immer erst kurz vor dem Einschlafen, bevor ich in mein 5 Year Memory Book schreibe. Das tue ich seit Herbst 2017, und es ist wirklich interessant nachzulesen, was man vor ein, zwei, drei oder vier Jahren am gleichen Tag erlebt hat (oder ist es derselbe, das lerne ich wohl nie). Weil sich fünf Jahre den Platz auf einer Tagesseite teilen, sind es auch nur einige Zeilen am Tag. Das dauert kaum mehr als eine Minute. Womit ich wieder am Anfang wäre, beim Kaizen-Prinzip.

Mehr Infos über die Kaizen-Philosophie  und wie man/frau sie nutzen kann stehen in einem Artikel, der in der Zeitschrift Brigitte erschienen ist.

https://www.brigitte.de/liebe/persoenlichkeit/kaizen–ganz-leicht-neue-gewohnheiten-schaffen-11546854.html

Im Nebel

Fast zwei Monate sind seit der Wanderwoche in der Sächsischen Schweiz vergangen, gewandert bin ich seitdem nicht mehr. Im norddeutschen Flachland beschränke ich mich derzeit auf Spaziergänge. Doch weil wir ohnehin in den Harz mussten, habe ich das Angenehme mit dem Nützlichen – sprich einer Halbtageswanderung – verbunden.

Anders als an den Tagen zuvor versteckte sich die Sonne hinter dichtem Nebel, doch auch der hat seinen Reiz. Es war, als sei die Welt in Watte gehüllt und die Farben aus ihr verschwunden. Unsere Jacken und mein blau-grüner Rucksack waren die einzigen Farbtupfer im herbstlich-nebeligen Braun-Grau.

Wanderin im Nebelwald. Foto: Foe Rodens

Und es war still, sehr still. „Im Nebel ruhet noch die Welt,/Noch träumen Wald und Wiesen“, dichtete Eduard Mörike 1838. Der Wald wirkte geheimnisvoll, fast mystisch: Wären zwischen den Nebelschwaden Elfen, Hexen oder andere Fabelwesen aufgetaucht oder wären die Bäume wie die Ents, die Baumwächter, und die Huorns, die Baumgeister, in Tolkiens Herr der Ringe zum Leben erwacht, hätte ich mich nicht gewundert.

Und auch Hermann Hesses Gedicht „Im Nebel“, kam mir in den Sinn, von dem ich nur noch die erste Zeile kannte: „Seltsam, im Nebel zu wandern“. Doch dank world wide web war es kein Problem, mitten im Wald das Gedicht auf dem Smartphone abzurufen und meiner Begleiterin vorzulesen. Wir hatten unterwegs nur wenige Menschen getroffen, doch passend zur letzten Strophe tauchte, just als ich mit dem Vorlesen fertig war, aus dem Nebel ein einsamer Wanderer auf. Ob er das Gedicht gehört hatte, weiß ich nicht, ebenso wenig, ob er einsam war – er schaute auf jeden Fall ein bisschen irritiert.

Die Sonne haben wir übrigens auch noch gesehen: Zwar hat sich der Nebelschleier – anders am von Mörike beschriebenen Septembermorgen – nicht ganz gelichtet. Schließlich ist es ja auch schon Ende November. Aber die Sonne blinzelte mittags gelegentlich hervor und gab zum Beispiel den Blick auf die Rabenklippen frei. Die vielen abgestorbenen Fichten im Tal blieben indes unseren Blicken weitgehend verborgen, gnädig eingehüllt vom Nebel.

Es hat also auf jeden Fall seinen Reiz, im Nebel zu wandern.

Wer das Gedicht von Hermann Hesse nachlesen will, findet es unter

https://www.lyrikline.org/de/gedichte/im-nebel-5490

Eduard Mörikes Gedicht „Septembermorgen“ ist abrufbar unter

http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/moerike_gedichte_1838?p=52

Würmsee im November

Die Meteorologen prophezeien schlechtes Wetter. Und bevor der Novemberfrühling – der gefühlte Frühling im Herbst – endet, fahre ich mit dem Rad zum Würmsee, um meine Chronistenpflicht zu erfüllen und den See, der eigentlich keiner mehr ist, aus immer den gleichen Blickwinkeln zu fotografieren.

Ein wenig Wasser mehr ist da als bei meinem letzten Besuch vor gut zwei Wochen, so scheint es. Oder wirkt alles nur viel freundlicher, weil heute die Sonne scheint? Denn auch dieser Sonntag macht seinem Namen alle Ehre; die herbstlich gelben Blätter leuchten im Sonnenlicht. So macht November Spaß.

Auch die Badende genießt das ungewöhnlich schöne Wetter. Ich leiste ihr ein bisschen Gesellschaft: Ich mache es mir auf einer der beiden Holzliegen bequem – allerdings nicht im Badeanzug, sondern im Anorak – und lege eine Schreibpause ein. Wie oft kann man das schon Mitte November? Auf einen Kaffee muss ich verzichten; die Gaststätte am Seeufer ist geschlossen – nicht nur, weil die Saison vorbei ist, sondern vielleicht für immer.

Den Torffressern geht das frische Grün allmählich aus – das Gras um sie herum ist herbstlich braun und die Bäume sind fast kahl. Aber sie haben keine Angst vor dem bevorstehenden Winter. Denn sie haben ihre Schaufeln, mit denen sie nach Nahrung graben können, immer dabei. Torf werden sie aber nicht mehr finden. Der Torf ist längst abgebaut und auch die Moore gibt es nicht mehr. Die Landwirte haben das Land ringsum entwässert – und damit ungewollt auch den Würmsee.

Das Boot – im Sommer mein Lieblingsplatz – lädt nicht mehr zum Verweilen ein: zu trostlos der Anblick auf den fast wasserlosen See. Grün- und Matschfläche statt Wasserfläche.

Die fünf von der Bank stört es nicht. Vielleicht nutzen sie die Gelegenheit, abends, wenn alle Besucher verschwunden sind, auf dem kürzesten Weg, quer durch den See, zum gegenüberliegenden Ufer zu gehen und dort ihre Freunde, die Torffresser, zu besuchen.

Scorpions

Es ist an der Zeit, die Lanze für ein Sternzeichen zu brechen, das auf der Liste der unbeliebten Sternzeichen ganz oben steht: für Skorpione. Glaubt man einer Statistik – was man ja bekanntlich nur tun soll, wenn man sie selbst gefälscht hat –, begehen Menschen, die in diesem Sternzeichen geboren sind, fast die meisten Verbrechen. Nur Krebse haben angeblich noch mehr kriminelle Energie. Und auch in Sagen und Mythen werden Skorpione meist als gefährliche, todbringende Wesen dargestellt. Zu Unrecht, wie ich meine.

Die Liste der negativen Eigenschaften, die Skorpionen zugeschrieben werden, ist lang: Skorpione gelten beispielsweise als eifersüchtig, kompromisslos, misstrauisch, nachtragend, pessimistisch, rachsüchtig, skrupellos, undurchschaubar und verbissen. Dass sie analysierend, ausdauernd, belastbar, engagiert, grübelnd, intelligent, kreativ, leidenschaftlich, selbstkritisch, zäh, zielstrebig und zuverlässig sein sollen, spricht eigentlich für sie. Doch wer vieles hinterfragt und Dingen auf den Grund geht, wie es für Skorpione charakteristisch sein soll, sammelt in der Zeit der Fake News und der alternativen Fakten, der Trumps, Johnsons und Erdogans, der Covidioten und der angeblichen Querdenker wenig Sympathiepunkte.

Und dann ist da natürlich der Stachel, der vielen Angst macht. Dabei könnte ein Blick ins Tierreich helfen. Denn Skorpione setzen ihren Stachel meist zur Verteidigung ein, seltener um Beute zu machen. Der Stich der meisten Skorpione ist für Menschen ungefährlich – die Symptome sind oft eher vergleichbar mit einem Bienenstich. Nur das Gift weniger Arten kann auch für Menschen tödlich sein – wenn sie nicht behandelt werden. Kein Grund zur Panik also – auch wenn ich zugeben muss, dass ich kein Fan der Spinnentiere bin.

Skorpion-Menschen mag ich dagegen meist, wohl auch, weil ich selbst einer bin. Meine beste Freundin ist Skorpion, der beste „Chef“, mit dem ich je zusammengearbeitet habe, und die kompetenteste und freundlichste Kassiererin hier im Ort ebenfalls. Ich kenne keinen Skorpion persönlich, der mir wirklich unsympathisch ist. Im Gegenteil: Wenn ich Leute nett finde, stellt sich im Nachhinein nicht selten heraus, dass sie Ende Oktober oder im November geboren sind – der ähnliche Geburtstermin verbindet, allen Unterschieden zum Trotz.  

Als ich nach dem Studium wieder eine Zeitlang an der Mosel lebte, habe ich zwei Skorpionfeste gefeiert. Die Eingeladenen hatten nur zwei Dinge gemeinsam: Sie waren Skorpione und sie kannten mich. Der Älteste war fast 60, die Jüngste gerade mal 11. Vor dem ersten Fest waren die Gäste skeptisch – vor allem, weil die meisten sich nicht oder nur flüchtig kannten und nicht wussten, was sie erwartete.

Trotzdem kamen alle, die ich eingeladen hatte – und alle verstanden und unterhielten sich prächtig. Der einzige Mann in der Runde, der Mann einer Freundin, verriet mir später, dass er eigentlich nur gekommen sei, weil er nicht unhöflich sein wollte, und dass er fest vorhatte, schnell wieder zu verschwinden. Doch dann blieb er wie alle anderen bis weit nach Mitternacht. Und alle kamen im nächsten Jahr wieder, weil das erste Fest ihnen gut gefallen hatte. Dann bin ich umgezogen und die Skorpionfeste hörten auf.

Schade, meinte eine Teilnehmerin, die ich zufällig fast 30 Jahre später beim Spazierengehen an der Mosel wiedertraf. Sie denke noch oft an die beiden Feste, sagte sie. Sie habe sich selten so gut unterhalten. Und einige Skorpione, die ich später kennenlernte, bedauerten, dass sie nicht dabei waren.

Vielleicht lasse ich die alte Tradition wieder aufleben. Nach Corona. Und im Jahr eins nach Donald Trump.

Übrigens: Trumps Nachfolger Joe Biden ist Skorpion.

Und Happy Birthday Sabine. Herzliche Grüße von Skorpionin zu Skorpionin

Ende in Sicht

„An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.“ An diesen Satz aus Erich Kästners Buch „Das Fliegende Klassenzimmer“ denke ich seit Tagen, wenn ich, wie auch jetzt, gebannt die Wahl-Nachrichten aus den USA verfolge. Dort hat Joe Biden jetzt zwar die erforderlichen 273 Wahlmännerstimmen, ist President elect. Aber natürlich will der noch amtierende Präsident, der schlechteste Verliere ever, dagegen klagen. Er hofft, mithilfe der Gerichte an der Macht zu bleiben. Ein Präsident, der meint, dass er über dem Gesetz steht, und der infrage stellt, was den Kern einer Demokratie ausmacht: dass bei einer Wahl alle Stimmen zählen, die abgegeben wurden, egal für wen.

Aber was ist das für eine Demokratie, in der  

  • mehr als fünf Millionen Menschen – überwiegend Schwarze – nicht wählen dürfen, weil sie Straftaten begangen haben – nicht immer schwere -, auch wenn sie ihre Strafe längst verbüßt haben,
  • Wahlmänner und -frauen bei der letzten Wahl einen Präsidenten kürten, der fast drei Millionen Stimmen weniger hatte als die Gegenkandidatin Hilary Clinton,
  • der Präsident vor der Wahl ankündigte, dass er das Wahlergebnis nur akzeptiert, wenn er gewinnt, und seine Anhänger mehr oder weniger unverhohlen auffordert, bei einer Wahlniederlage zu den Waffen zu greifen.

Von seinen Parteifreunden hat kaum einer versucht, Donald Trump Einhalt zu gebieten, kaum einer ist seinen Lügen, seinen Hasstiraden entgegengetreten. Anlässe hätte es in den vergangenen vier Jahren genug gegeben. So hat Donald Trump laut tagesschau.de in seiner Amtszeit mehr als 22.000 irreführende oder falsche Behauptungen verbreitet. Nach der Wahl haben mehrere US-Sender die Übertragung der Pressekonferenz des Präsidenten abgebrochen mit der Begründung, dass er nur Unwahrheiten verbreite. Kein US-Präsident, an den ich mich erinnern kann, hat das Land so gespalten, so viel Öl ins Feuer geschüttet.

Trotzdem haben seine Parteifreunde geschwiegen. Die eigene Karriere war den meisten wichtiger als die Werte, auf die die Amerikaner angeblich so stolz sind. Erst jetzt, wo der Stern des Präsidenten offenbar sinkt, wenden sich einige Republikaner gegen ihn – jetzt, wo es der Karriere wahrscheinlich nicht mehr schadet.

„An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.“ Als Erich Kästner das schrieb, hatte er nicht nur die Gymnasiasten im Sinn, die sich mit den Realschülern balgten. In dem Jahr, in dem das Fliegende Klassenzimmer veröffentlicht wurde, wurden Kästners Bücher verbrannt – am 10. Mai 1933 „ … in Berlin auf dem großen Platz neben der Staatsoper von einem gewissen Herrn Goebbels mit düster-feierlichem Pomp … Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend bei Namen“, beschrieb Kästner die Bücherverbrennung.

Zehn Jahre später rief Reichspropagandaminister Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast zum totalen Krieg auf. Wohin das führte, wissen wir. Trotzdem wählte Donald Trump jr., Sohn des Noch-Präsidenten der Vereinigten Staaten, in der vorletzten Nacht die gleichen Worte: „Das Beste für Amerikas Zukunft wäre es, wenn @realDonaldTrump über diese Wahl in den totalen Krieg zieht, um all den Betrug, das Schummeln (…) offenzulegen, das seit viel zu langem anhält“, twitterte er  (https://www.tagesschau.de/newsticker/uswahl2020-liveblog-105.html#Trump-Sohn-ruft-Vater-zu-totalem-Krieg-um-Wahlausgang-auf). Ich weiß nicht, was mir mehr Angst macht: dass Trump jr. weiß, was er sagt, oder dass er es nicht weiß. Es ist jedenfalls höchste Zeit, den Unfug zu beenden!

November

Ich sitze am Schreibtisch und schaue nach draußen: strahlend blauer Himmel, gar nicht novemberlich. Und mir kommt ein Gedicht von Friedrich Hebbel in den Sinn: „Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah …“. Das stimmt nicht ganz, aber zumindest im November sind solche Tage nicht selbstverständlich.

Herbstbild ist (leider) eines der wenigen Gedichte, die ich (fast) auswendig kenne. Und vielleicht ist es mir deshalb im Gedächtnis geblieben, weil wir es in der Schule zusammen mit dem Sommerbild von Hebbel gelernt und interpretiert haben. Diejenigen, die meinen Blog regelmäßig lesen, rollen jetzt wahrscheinlich genervt die Augen, und ich gebe es zu: Ja, ich habe den Anfang schon ein paar Mal zitiert, Sommerbild ist das Gedicht mit der letzten Rose des Sommers, ebenfalls von Hebbel geschrieben (Danke an dieser Stelle an meinen ehemaligen Deutschlehrer H. E., bei dem ich einige Gedichte kennengelernt habe, die immer noch zu meinen Lieblingsgedichten zählen).

Doch zurück: Wir erleben zur Zeit wirklich schöne Herbsttage, wenn auch nicht ganz so windstill, wie Hebbel es beschrieben hat. Früchte, die vom Baum fallen können, gibt es nicht mehr allzu viele. Selbst die Blätter sind schon arg dezimiert. November halt.

Schön ist es trotzdem, heute wie auch gestern. Den Tag gestern habe ich als Geschenk empfunden: Ich war in Hannover, in der Landesbibliothek, die trotz des partiellen Lockdowns geöffnet ist. Anschließend habe ich am Maschsee gesessen – für Anfang November wirklich außergewöhnlich. Und wenn die Meteorolügen recht haben, soll das Wetter auch noch ein paar Tage so bleiben. Es ist, als habe irgendwer Rainer Maria Rilkes Gedicht Herbsttag, gelesen und würde nicht den Früchten, die Heine gemeint hat, sondern uns Menschen ein paar schöne Tage spendieren.

„gib ihnen noch zwei südlichere Tage“.

Vielleicht ist das schöne Wetter ein kleiner Trost für das Trauerspiel auf der anderen Seite des Atlantiks. Ich verfolge es im Liveblog im Internet, und je länger es dauert, desto pessimistischer werde ich – mehr noch, es macht mir Angst.

Dazu passt ein Gedicht „Der November von Erich Kästner, das ich heute Morgen gefunden habe:

„Ach, dieser Monat trägt den Trauerflor …
Der Sturm ritt johlend durch das Land der Farben.
Die Wälder weinten. Und die Farben starben.“ …

Ich fürchte, dass nicht nur die Farben sterben, wenn in den USA das passiert, was ZDF-Chefredakteur Peter Frey in seinem Kommentar mit einem einen Staatsstreich von oben vergleicht (https://www.zdf.de/nachrichten/politik/us-wahlen-trump-biden-kommentar-frey-100.html).

Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie der, dessen Name ich nicht nennen möchte, agiert, wenn er noch vier weitere Jahre regiert. Der Albtraum wird – anders als der November – nicht in 30 Tagen zu Ende sein, sondern uns noch lange begleiten. Und der politische Nebel wird sich nicht so schnell lichten wie der auf dem Bild aus Sankt Andreasberg.

Nebel bei Sankt Andreasberg

Hier die Links zu den Gedichten Herbstbild von Friedrich Hebbel

http://www.gedichtsuche.de/gedicht/items/Herbstbild%20-%20Hebbel,%20Friedrich.html

Herbsttag von Rainer Maria Rilke

http://rainer-maria-rilke.de/06b012herbsttag.html

und Der November von Erich Kästner

https://erich-kaestner-kinderdorf.de/Gedichte/november.htm

Würmsee im Oktober

Der erste Eindruck trügt. Vom Parkplatz sieht der Würmsee schon fast wieder wie ein See aus. Der Bagger ist verschwunden. Doch mehr als eine große Pfütze ist der See nicht – trotz der Vertiefung und obwohl es in den letzten Tagen teilweise heftig geregnet hat. Die Aussicht passt zu diesem Herbsttag: eher grau und trübe.

Die Badende könnte immerhin ihre Füße benetzen, doch sehr einladend sieht das Wasser nicht aus. Sie wird nicht vom Steg heruntersteigen, da bin ich mir sicher.

Die Pfähle des Stegs und das Boot auf der anderen Seeseite ragen weit aus dem trockenen Boden. Es ist, als habe man den Stöpsel gezogen, wie in einer Badewanne. Und das hat man ja auch. Die Moore ringsum sind trocken, zu wenig Grundwasser, kein Wasser im See.

Auch der begehbaren Pegel endet längst nicht mehr im Wasser, sondern auf dem ausgetrockneten Seegrund.

Ich fühle mich an Naturfilme aus Afrika erinnert, wo sich Tier um austrocknende Wasserlöcher scharen: Fast rechne ich damit, dass ein paar Gnus herantraben. Hier sind es nur die roten Torffresser, die Letzten ihrer Art, und ein einsamer Reiher, die ihren Hunger stillen. Zumindest der Reiher findet in den Wasserresten offenbar noch genügend Nahrung.

Vielleicht wartet er, bis sich der Reiher auf der Bank entschließt, mit ihm zu gehen pardon, zu fliegen. Doch der hat das Fliegen, so scheint es, schon lange verlernt. Oder er will seine Freunde nicht im Stich lassen, den Fuchs, den Hasen, den Eisvogel und die Kröte. Sie sitzen wie immer auf ihrer Bank und schauen dorthin, wo mal Wasser war. Doch trotz des eher traurigen Ausblicks wirken sie zufrieden. Vielleicht vertrauen sie darauf, dass es irgendwann wieder besser wird. Und vielleicht kennen sie schon die Antwort auf die Frage, die auf ihrer Bank geschrieben steht. Was brauche ich für mein Leben?

In Memoriam

Es gibt Worte und Sätze, die man nie vergisst, die einen begleiten, im Gedächtnis eingebrannt sind. Oft denkt man lange nicht an sie, doch dann kommen sie wieder hervor, wie ein Springteufel, dieses Kinderspielzeug, das aussieht wie eine harmlose Kiste und aus der dann eine Figur herausspringt, meist ein Teufel oder ein Clown.

Manchmal sind es ganz alltägliche Worte, von denen man nicht ahnte, welche Bedeutung sie haben würden, als man sie aussprach. „Man sieht sich“, habe ich vor mehr als 30 Jahren zum Vater eines Mädchens – nennen wir es Jule – gesagt. Jule und meine Tochter waren in der gleichen Trainingsgruppe, und während die Kinder sich beide bis ins Finale er Bezirksmeisterschaften spielten, unterhielt ich mich mit Jules Eltern. Sie wohnten im Nachbarort; wir kannten uns bis dahin nur vom Sehen und hatten nur gelegentlich ein paar Worte gewechselt, wenn wir unserer Töchter abholten. Wir verbrachten einen schönen Nachmittag, verstanden uns prächtig und wollten unser Gespräch bei nächster Gelegenheit fortsetzen.

Als wir am nächsten Tag weder Jule noch ihre Eltern auf dem Tennisplatz trafen, dachte ich mir nichts dabei. Die Anlage ist groß, und unsere Kinder spielten in verschiedenen Altersklassen. Jules Spiel sollte Stunden später stattfinden, als meine Tochter ihr Finale schon gewonnen hatte und wir wieder zu Hause waren.

Am Montag überbrachte meine Tochter die schlimme Nachricht: „Jules Vater ist tot“, sagte sie, als sie vom Training nach Hause kam, und sofort fiel mir siedend heiß ein, wie ich mich verabschiedet von ihm verabschiedet hatte. Und nicht nur mir. „Ich muss immer daran denken, was du zuletzt zu ihm gesagt hast“, sagte Jules Mutter zu mir, als wir uns zum ersten Mal wieder trafen und ich ihr sagte, wie leid es mir tue. Seither meide ich diesen Satz, als hätte er das Unglück heraufbeschworen, und auch noch nach mehr als 20 Jahren zucke zusammen, wenn jemand zu mir sagt „Man sieht sich“.

Als ich hörte, dass Thomas Oppermann gestorben ist, war die Erinnerung an sofort wieder da. Die Nachricht hat mich betroffen gemacht und sie lässt mich irgendwie nicht los. Ich kannte Thomas Oppermann nicht persönlich, nur aus dem Fernsehen. Er war mir sympathisch, ich schätzte ihn als Politiker, mochte seine Art, zu diskutieren. Vielleicht hätte ich mir deshalb auch die Sendung angesehen, bei der er auftreten sollte. Doch dazu kam es nicht mehr.

Man sieht sich leider nicht immer.

PS: Ich habe lange überlegt, welchen Titel ich diesem Beitrag geben sollte, und ich habe den Satz, um den es geht, hingeschrieben und wieder gelöscht. Er ist für mich eine Art Voldemort, etwas, das ich nicht aussprechen mag. Ich habe den Text in Memoriam genannt – Reminiszenz an Jules Vater, an Thomas Oppermann, an drei Trainingskameraden, die in den vergangenen Jahren gestorben sind, und an ein Buch von Connie Palmen, das ich sehr mag.

Von Namens- und anderen Ähnlichkeiten

Es gibt Orte, da fühlt man sich von Anfang an heimisch, auch wenn man noch nie dort gewesen ist. Bad Schandau ist so ein Ort. Schon der Name weckt Assoziationen. Das Haus, in dem ich geboren gehörte Familie Schander. Der Name Schander ist möglicherweise eine Abkürzung von Schandauer – vielleicht sind die Vorfahren aus Bad Schandau an die Mosel gezogen.

Im Ort selbst erinnert mich vieles an meinen Heimatort, wie er früher war, in meiner Kindheit in den 50er- und 60er-Jahren: die herrschaftlichen Häuser am Flussufer beispielsweise, auch wenn die in Bad Schandau deutlich größer sind als in Neumagen, die gepflasterte Dorfstraße, an der hier wie dort ein Blumenladen, ein Hotel und eine Metzgerei nah nebeneinander liegen.

Und da ist natürlich der Fluss: Die Elbe sieht irgendwie noch so aus wie die Mosel, bevor sie kanalisiert, also begradigt und schiffbar gemacht wurde. In Bad Schandau und in vielen Nachbarorten gibt es sogar noch Fähren, die Bewohner und Gäste von der einen auf die andere Flussseite bringen, Brücken sind dagegen seltener als an der Mosel.

In Neumagen wurde die Fähre Mitte der 60er Jahre stillgelegt, als die Brücke fertig war. Bis dahin musste man den Fährmann – Fährmanns Pittchen – rufen, wenn man von der einen auf die andere Moselseite übersetzen wollte. Und während ich diesen Text schreibe, klingt das „Holüber“ in meinem Ohr – auch wenn ich es wahrscheinlich selten gehört habe und nur aus Erzählungen meiner Eltern kenne. Denn mein Leben als Kind spielte sich auf der Neumagener, der rechten Moselseite ab. Auch die Bundesstraße auf der anderen Moselseite gab es damals nicht. Und so schlängelte sich der ganze Autoverkehr damals noch durch den Neumagen – wie heute noch durch Bad Schandau. Nur dass es damals viel weniger Autos gab.

Vor allem Winzer, die in ihre Weinberge auf der anderen Moselseite wollten, nutzten die Fähre in Neumagen. In Bad Schandau sind es die Touristen, die zum Nationalparkbahnhof wollen, der auf der anderen Elbseite liegt. Auch ich bin am Samstag mit der Fähre zum Bahnhof gefahren.

Eine typische Elbfähre, hier die bei Rathen

An den beiden Tagen davor habe ich mir aber Bad Schandau noch angesehen: Ich bin durch den Kurpark zum Botanischen Garten gewandert, der mich allerdings enttäuscht hat. Möglicherweise waren meine Erwartungen zu hoch, weil ich den Berggarten vor Augen hatte, sicher war auch die Jahreszeit für einen Gartenbesuch nicht optimal. Im Sommer sieht er vermutlich anders – attraktiver – aus. Viel besser als der Botanische Garten hat mir der kleine Kirchgarten an der Evangelischen Kirche gefallen – eine kleine grüne, stille Oase mitten in der Stadt.

Kirchgarten – kleines Idyll mitten in der Stadt

Apropos Stadt: Mit den acht Orts- pardon Stadtteilen hatte Bad Schandau am 31. Dezember 2019 gerade mal 3.600 Einwohner. Viel kleiner ist, so viel Lokalpatriotismus muss sein, mein Heimatort auch nicht. Obwohl Neumagen, pardon, Neumagen-Dhron, vor Kurzem selbst eingemeindet wurde, wohnen dort immerhin noch gut 2.200 Menschen.

Gefallen hat mir auch der Blick von der oberen Aufzugsplattform. Ja, in Bad Schandau gibt es einen Outdoor-Aufzug, der die Kernstadt unten an der Elbe mit dem Ortsteil Ostrau auf dem Berg verbindet. Zumindest halbwegs. Denn der Aufzug überwindet laut Wikipedia „nur“ einen Höhenunterschied von 47,76 Metern (https://de.wikipedia.org/wiki/Personenaufzug_Bad_Schandau). Danach geht’s zu Fuß durch den Wald weiter. Doch es lohnt sich, am Aufzug eine Pause einzulegen: Von der Aussichtsplattform und der fast 30 m langen Brücke hat man einen tollen Blick auf den Ort und auf die Elbe. Und auch der Aufzugsturm selbst im Jugendstil ist sehenswert.

Eine Straßenbahn gibt es in Bad Schandau übrigens auch. Sie heißt Kirnitzschtalbahn, ist quietschegelb, fährt – wie der Name sagt – durch das Kirnitzschtal vom Kurpark bis zum Lichtenhainer Wasserfall und wird vor allem von Wanderern benutzt, die an diversen Haltestellen aus- und in ihre Wandertouren einsteigen. Wir haben das auch getan; wir sind zum Beispiel vom Lichtenhainer Wasserfall zum Beuthenfall gewandert. Und auch im nassen Grund haben wir eine Wanderung begonnen – und ungeplant wieder beendet. Denn der Name erwies sich als (schlechtes) Omen. Es hat die ganze Zeit geregnet und wir haben die Tour irgendwann abgebrochen und sind wieder zum Ausgangspunkt zurückgekehrt.

Ein Muss für Eisenbahnfans – mit einem besonderen Gruß nach Neumagen an HS

An meinem letzten Tag in Bad Schandau war das Wetter besser, obwohl die Meteorolügen Regen vorausgesagt hatten. Und so habe ich am Elbufer gefrühstückt – keine Selbstverständlichkeit im Oktober – und konnte beobachten, wie die Festung Königstein aus dem Nebel auftauchte und wieder darin verschwand. Auch das hat mich an die Mosel erinnert – nur der im Herbst typische Duft nach Trauben, Hefe und jungem Wein fehlte.