Film ab

Durchschnittlich 1,5 mal im Jahr geht – rein statistisch – jede/r Bundesbürger/in jährlich ins Kino, meldete das Statistische Bundesamt, das jetzt DESTATIS heißt, Ende Januar. Ich liege deutlich über dem Durchschnitt.

Seit Anfang des Jahres habe ich mir bereits fünf Filme angesehen. Ich tue also etwas fürs Wohlergehen der Filmbranche.

Die ersten beiden Film erzählten die Geschichte der Schriftstellerinnen Astrid Lindgren und  Colette. Auch bei Film Nummer drei stand eine Frau im Mittelpunkt – die Frau eines erfolgreichen Schriftstellers. Sie tat, was auch Colette am Anfang getan hatte: Sie schrieb  Bücher, die ihr Mann unter seinem Namen veröffentlichte. Während sich aber Colette Anfang des 20. Jahrhunderts befreite und eine erfolgreiche Schriftstellerin wurde, gelingt das Joan Castleman im Roman nicht: Sie bleibt im Schatten ihres Mannes, opfert ihm die eigene Karriere, das eigene Talentt. Wie oft ist das früher geschehen, wie oft geschieht das heute noch.

Nachdem ich den Film „Die Frau des Nobelpreisträgers“ gesehen habe, habe ich auch den Roman von Meg Wolitzer gelesen – und so eine Autorin entdeckt, die ich bisher nicht kannte.

Die Autobiographie von Hape Kerkeling werde ich sicher nicht lesen. Aber der Film: „Der Junge muss an die frische Luft“ hat mich und alle, denen ich ihn empfohlen habe, begeistert. Schon allein wegen der tollen Schauspieler, allen voran Julius Weckauf, der den kleinen Hape spielt. Ein Film, in dem Lachen und Weinen ganz nah beieinander liegen, in einem Säckchen sind, wie es früher bei uns hieß.

Und nach vier überzeugenden Filmen war da noch Film Nummer 5. Kein Spiel-, sondern ein Dokumentarfilm: Ein Mann wandert 700 km durch den Harz und filmt sich und die Landschaft dabei. Eine gute Idee eigentlich, aber gut gedacht ist ja bekanntlich das Gegenteil von gut gemacht. Eine Werbung für den Harz war der Film meiner Meinung nach nicht. Das lag vielleicht auch daran, dass es auf der Tour gefühlt fast immer regnete. Aber Freunde, die fast alle Strecken selbst gewandert sind, behaupten, sie hätten auf ihren Touren bessere Aufnahmen gemacht und schönere Stellen gefunden als die gezeigten.

Ein Ereignis war der Kinobesuch trotzdem, denn so einen Ansturm habe ich selten erlebt. Vor dem Kino bildete sich schon eine dreiviertel Stunde vor Beginn eine Schlange, die vom Eingang im Hinterhof bis zur Straße reichte. So etwas habe ich zuletzt bei der Rocky Horror Picture Show in meiner Studentenzeit in den Siebzigern erlebt. Wer keine Karte reserviert hatte, musste draußen bleiben. Und als der Film mit Verspätung um viertel nach sieben startete, standen draußen noch immer Leute Schlange, die sich Karten für die Zusatzvorstellung am Sonntag sichern wollten. Wenn ich gewusst hätte, was mich erwartet, hätte ich zumindest einen der Wartenden glücklich gemacht, ihm meine Karte verkauft und vielleicht ganz nebenbei eine neue Karriere als Schwarzmarkthändlerin gestartet.

Fast zu schön …

Achtsamkeit für meine eigenen Bedürfnisse zählt nicht gerade zu meinen Stärken. Dafür habe ich eine Schwäche für Ratgeber, die, wie mein Mann behauptet, nur die Autoren reich und glücklich machen – und für schöne Bücher.

Deshalb konnte ich nicht widerstehen, als ich gestern in einer Buchhandlung das Achtsamkeitsjournal von Elena Brower entdeckt habe. Natürlich habe ich wie so oft nicht sofort entschieden. Ich bin nämlich auch nicht besonders gut darin, das zu tun, was mir gut tut. Ich ging also zu meinem Termin und kam dann wieder, wie magisch angezogen von den Farben und den einfachen Formen: Ich musste es einfach haben.  Reingelesen habe ich, ganz gegen meine Buch-Kauf-Gewohnheiten, nicht. Und als ich dann zur Bushaltestelle gegangen bin, das Buch unter meinem Mantel versteckt, um es vor dem Regen zu schützen, habe ich mich ein bisschen wie Gollum aus Herr der Ringe gefühlt: my precious.

Ob ich in dem Journal meine Wünsche, Ziele und anderes auflisten werde, das mir helfen soll, mutiger, sanfter, ausdauernder und stärker zu werden, bezweifle ich. Denn  ich gehöre zwar nicht zu den Menschen, die es für ein Sakrileg halten, in Büchern einzelne Zeilen oder ganze Passagen zu unter- und anzustreichen und eigene Gedanken zu notieren. Aber dieses Journal ist (fast) zu schön, um darin zu schreiben. Trotzdem hilft es mir, meine Kreativität zu wecken und Dinge auszuprobieren – wenn vielleicht auch etwas anders als von der Autorin und vom Verlag geplant.

entdecke dich
Do it yourself – vom Journal ins eigene Tagebuch

Das Buch liegt auf meinem Schreibtisch und erinnert mich daran, dass ich mein Leben und auch mein Tagebuch bunter gestalten, dass ich anders, achtsamer leben möchte. Diesen guten Vorsatz vergesse ich im Alltag allzu oft. Immer wieder schlage ich das Journal auf, blättere darin und freue mich daran. Sicher noch lange. Und das ist mehr, als man von vielen anderen Ratgebern, die halb oder ungelesen in meinen Regalen stehen, sagen kann.

Elena Brower: entdecke dich. Das Achtsamkeits-Journal. Irsiana Verlag, München, 2018

 

Same procedure every day

Sie ist angeblich die Basis nicht nur für einen guten Start in den Tag, sondern garantiert Erfolg und Zufriedenheit. Man (oder frau) erreicht alle Ziele, schöpft sein Potenzial ganz aus, lässt die eigene Mittelmäßigkeit weit hinter sich, wenn man gut, das heißt mit der richtigen Morgenroutine in den Tag startet. Das jedenfalls versprechen zahlreiche Websites und eines dieser Wie-werde-ich-glücklich-reich-und-erfolgreich-Bücher, das ich neulich gelesen habe. Das einzige, was man tun muss, um sein Leben grundlegend zu verändern, ist, jeden Morgen früher aufzustehen – und ein paar Dinge zu tun, die der Autor kurz mit Live-S.A.V.E.R.S zusammenfasst.

Eigentlich ist diese Methode ideal für mich, denn mit dem frühen Aufstehen habe ich keine Probleme. Die ganzen guten Ratschläge, wie man morgens aus dem Bett kommt, konnte ich also getrost überlesen. Einen Wecker brauche ich eigentlich fast nie. Ich wache morgens von selbst früh auf – im Sommer oft gegen vier, im Winter spätestens kurz vor fünf – und bin dann hellwach.  Und seit ich mir schon vor einiger Zeit vorgenommen habe, dass die erste Stunde mir gehört, starte ich ohnehin (fast) immer gleich in den Tag. Was liegt also näher, die Routine um einige Punkte zu erweitern, wenn es denn der guten Sache dient, sprich: meinem Glück und meinem Erfolg.

Ohne Kaffee, ich gestehe es, geht allerdings gar nix. Bevor ich also irgendetwas anderes tue, koche ich morgens Kaffee. Mit meiner Tasse gehe ich dann im Winter in mein Zimmer, im Sommer auf die Empore, wo ich die Sonne aufgehen sehe, während ich die Morgenseiten schreibe. Manchmal höre ich Musik dabei, oft aber genieße ich einfach die Ruhe um mich herum, bevor der Rest der Welt erwacht.

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Einfach mal kopfstehen und die Welt aus einer anderen Perspektive sehen (Foto: Utz Schmidtko)

Schreiben (S) gehört für mich schon lange zur Morgenroutine, neu ist, dass ich mir jeden Morgen – oder fast jeden – Zeit für Yoga (Exercises, E) und Meditation (Stille, S) nehme. Yoga ist prima, auch weil ich mich auf die Übungen beschränke, die mir leicht fallen und mir gefallen. Mit der Meditation tue ich mich schon schwerer. Gerade dann, wenn ich an nichts denken oder mich nur auf mein Atmen konzentrieren soll, fahren meine Gedanken Karussell, schweifen hierhin und dorthin. Besser klappt‘s, seit ich mich an einen Ort zu versetzen, an dem ich mich wohlfühle, wie mir eine gute Bekannte geraten hat.

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An einem so schönen Ort klappt’s auch mit dem Meditieren – einigermaßen (Foto: Utz Schmidtko)

Womit ich fast schon beim nächsten Punkt der Morgenroutine wäre, der Visualisierung (V): Mir vorzustellen, was ich wirklich möchte, was ich tun muss, um es zu erreichen, und wie es wäre, wenn ich es schon erreicht hätte, gelingt mir, zugegebenerweise, noch nicht jeden Morgen. Und auch die Affirmationen (A) vergesse ich immer wieder. Lesen (Reading, R) ist dagegen kein Problem, allerdings greife ich statt zu einem Ratgeberbuch manchmal lieber zu einem Roman – und das manchmal (oder meist) erst später am Tag.

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Ein Stift, ein Buch, Computer und eine Tasse Kaffee – der Tag kann beginnen.

Vielleicht liegt es daran, dass die Wundermethode bei mir nicht ganz funktioniert. Denn (erfolg)reich bin ich immer noch nicht. Und mit dem Glück ist das ja ohnehin so eine Sache. Aber ich arbeite daran.

Immerhin bekommt die Morgenroutine meiner Lieblingszimmerpflanze ausgezeichnet. Seit ich das Zyperngras jeden Morgen mit dem Restwasser gieße, das vom Kaffeekochen am frühen Morgen übrig bleibt, gedeiht es prächtig. Seine zahlreichen Vorgänger haben dagegen meine Pflege nie lange überlebt. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich jetzt endlich den richtigen Platz an der Sonne für es gefunden habe.

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Mein Zyperngras gedeiht prächtig.

Kalender-Geschichte

Alle Jahre wieder, wenn das alte Jahr endet, beginnt sie aufs Neue, meine Suche nach dem idealen Kalender. Ich habe schon unzählige ausprobiert und benutze mitunter verschiedene nebeneinander: Buchkalender, Ringbuchkalender und Wandkalender in verschiedenen Größen und Formen. Das Clipbook von Filofax habe ich vor allem der Farbe wegen gekauft habe, andere wie Frauen- oder Gartenkalender wegen der Inhalte und Motive.

Im vergangenen Jahr, als der Trend nicht mehr zu übersehen war, bin auch ich aufs Bullet Journal gekommen, angeblich die ultimative Lösung aller Organisationsprobleme. Dem Versprechen, dass die Methode hilft, Ordnung in das Chaos der Gedanken zu bringen und den Überblick über sämtliche Aufgaben, Ziele, Ideen und Projekte zu behalten – beruflich und privat – konnte ich natürlich nicht widerstehen.

Die Idee, To-do-Listen, Kalender, Notiz- und eventuell Tagebuch in einem Journal zu vereinen und ganz nach den eigenen Bedürfnissen zu gestalten, ist wirklich verlockend. Wie oft sind in meinen Kalendern ganze Seiten leer geblieben, andere waren so vollgekritzelt, dass von Überblick keine Rede mehr sein konnte.

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Bullet Journal für Anfänger/innen

Keine Frage: Do it yourself macht flexibel. Und all diejenigen, die nicht so kreativ oder künstlerisch begabt sind, finden in Buchhandlungen, Schreibwarenläden und im Internet unendlich viele Anleitungen, Ratgeber und Zubehör: von Kladden – meist gepunktet, warum auch immer – bis zu diversen Aufklebern, Stiften, Vorlagen und Schablonen zur schönen Gestaltung des Journals. So listet Google zum Stichwort „Bullet Journal Ideen“ fast 13 Millionen Einträge. Die Muster-Journalseiten sind mitunter so aufwendig gestaltet, dass ich mich frage, wie man (oder frau) da noch den Überblick behalten soll. Manchmal, so scheint es, ist die Form offenbar wichtiger als der Inhalt.

Bei mir war das Ergebnis eher ernüchternd – nicht nur, weil mein Bullet Journal nicht annähernd so bunt und hübsch aussah wie die Vorlagen. Auch den totalen Über- und Durchblick habe ich leider nicht bekommen. Das liegt möglicherweise weniger am System als an mir. Ich bin nämlich, fürchte ich, in puncto Zeitmanagement und DiY ein hoffnungsloser Fall.

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Neuer Einsatz für alte Buchhülle

So habe ich es nie geschafft, die verschiedenen Rubriken so konsequent in das Inhaltsverzeichnis einzutragen, wie ich es hätte tun sollen. Und ebensowenig ist es mir gelungen, schon am Anfang des Jahres die Überblicksseiten für das ganze Jahr zu gestalten. Deshalb konnte ich mich von meinem vorgedruckten Kalender, in dem ich möglichst schon am Anfang des Jahres langfristige Termine eintrage, nicht trennen – und von meinem Tagebuch schon gar nicht. Aus diesem Grund habe ich im vergangenen Jahr immer mindestens vier Bücher rumgeschleppt: den Kalender, mein Bullet Journal, mein Tagebuch, das ich immer mitnehme, egal wohin ich gehe, und ein Buch zum Lesen.

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Immer dabei: Tagebuch und Kalender

Um meine Tasche und mein Leben im wahrsten Sinne des Wortes zu erleichtern, starte ich im neuen Jahr  einen neuen Versuch: mit  My-Book-Heften, die einfach mit Gummibändern in einem Umschlag, Neudeutsch Cover, befestigt werden. So kann ich meine geliebte Buchhülle aus Naturleder, den ich vor Jahren einmal gekauft habe, nutzen. In ihr finden neben einem (vorgedruckten) Kalendarium auch noch mehrere Papiereinlagen Platz – für Blog- und andere Ideen beispielsweise und für ein Bullet Journal light. Denn die Idee gefällt mir nach wie vor.

Die Hefte sind dünner als die Kladden, die ich bisher benutzt habe. Dass sie keinen eigenen Schutzumschlag haben,  macht sie leichter und flexibel. Ist ein Heft voll, wird es durch ein neues ersetzt. Das alte wird in einer eigenen Hülle archiviert. Ob ich auf diese Weise den Überblick behalte, wird sich zeigen. Mein Rücken wird es mir auf jeden Fall danken.

Schreibort mit Meerblick

Ich gebe zu, ich habe meinen Mann beneidet. Während ich, noch zur arbeitenden Bevölkerung gehörend, nach einer Woche La Palma wieder zurück ins dezembergraue Deutschland geflogen bin, ist er umgezogen: aus unserem wunderschönen, ganz einsam gelegenen Ferienhaus nach Athos. Nein, nicht in die Mönchsrepublik in Griechenland, wo Frauen – also auch mir – der Zutritt ohnehin verwehrt wäre, sondern in ein gleichnamiges Astrocamp. Das liegt wie das griechische Kloster an einem Berg, wenn auch nicht auf einem heiligen, sondern am Roque de los Muchachos.

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Nicht nur für Männer: Hütte nicht am Berg, sondern im Camp Athos (alle Fotos: Utz Schmidtko)

In 900 Meter Höhe auf dem Weg zum Roque-de-los-Muchachos-Observatorium hat ein Astro-Fan aus Deutschland auf dem Gelände einer ehemaligen Finca das Centro Astronomico La Palma geschaffen. Er vermietet Hütten an Amateurastronomen – mit ausgezeichneten Sichtbedingungen und wenn gewünscht mit dem nötigen technischen Equipment, um nachts die Sterne und tagsüber die Sonne zu beobachten. Das tun meist Männer, deshalb passt der Name Athos prima.

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Ausgezeichnete Sichtbedingungen: Meer- und Himmelsblick.

Nicht nur der Blick ist wunderschön:  Wie fast überall auf La Palma kann man auch hier das Meer sehen. Das Ambiente hat mich ebenfalls begeistert. Die Hütten liegen in einer Art botanischem Garten mit vielen für uns Mitteleuropäer exotischen, auf La Palma aber heimischen Pflanzen. Es gibt einen kleinen Teich mit einem Wasserfall und die Orangerie hat ein ganz besonderes Flair. Hier kochen und essen die Gäste oder treffen sich, um zu fachsimpeln oder miteinander zu klönen.

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Die Orangerie von außen …

Und wieder mal kommen mir die Buchmenschen aus Ray Bradburys Roman Fahrenheit 451 in den Sinn: Sie sind aus der totalitären Gesellschaft, in der Bücher verboten sind und verbrannt werden, geflohen und leben gemeinsam, versteckt im Wald. Hier auf Athos wäre ein idealer Ort für sie. Vielleicht auch für mich. Denn manchmal möchte ich aus meinem Alltag fliehen – und: Ja, ich bin ein bisschen neidisch: Ich wünsche mir auch so ein Camp – mit einer Hütte zum Schreiben und der Möglichkeit, andere Schreibende zu treffen, mich mit ihnen austauschen oder auch mal gemeinsam zu schreiben. Eine Community of writers eben.

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… und von innen.

Die Amateur-Astronomen haben solche Orte, die Übersetzer auch – das Europäische Übersetzer-Kollegium in Straelen. In dem internationalen Arbeitszentrum finden literarische Übersetzer ideale Bedingungen für ihre Arbeit. 30 Appartements, Arbeitsräume und eine 125.000-bändige Spezialbibliothek, davon 25.000 Lexika in über 275 Sprachen und Dialekten. In der DDR gab es Häuser, in denen Schriftsteller arbeiten konnten, doch die sind, wie manches andere, der Wende zum Opfer gefallen. Uns Schreiberlingen, Journalisten wie Autoren, fehlt ein solcher Ort.

Eine Hütte mit Blick aufs Meer und die Orangerie als Treffpunkt – hier gibt es alles, was frau für eine Schreib(aus)zeit braucht. Vielleicht, träume ich, könnte man die bei Amateur-Astronomen unbeliebten Vollmond-Zeiten für ein Schreibcamp nutzen.

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Kurze Schreibsession vor dem Astro-Camp.

Der tiefe Blick in den Himmel hat so manchen Schreibenden beflügelt, zum Beispiel Joseph von Eichendorff zu einem meiner Lieblingsgedichte. Es heißt Mondnacht. Ich mag den Anfang, aber vor allem die letzte Strophe.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

https://de.wikipedia.org/wiki/Mondnacht_(Eichendorff)

Zeit zu fliegen, Zeit zu schreiben – time to fly, time to write

Gedichte und Gedanken

„Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum …“

Die ersten beiden Zeilen des Gedichts spukten bei meinem Spaziergang durch die Herrenhäuser Gärten ständig in meinem Kopf. Wer es geschrieben hat (Christian Friedrich Hebbel) habe zugegebenerweise im Internet recherchiert, als ich wieder zu Hause war, genauso wie den Titel (Herbstbild) und den Rest des Gedichts: Denn ab der dritten Zeile hatte mein Gedächtnis Lücken. Immerhin stimmte der Anfang und passte gut zu diesem Tag, der zwar frostig begonnen, aber sonnig warm weitergegangen ist. Ein Novembertag eben, wie er schöner nicht sein konnte

Herrenhausen war an diesem sonnigen Herbsttag eine gute Wahl – vor allem der Berggarten fasziniert mich jedes Mal aufs Neue. Bei jedem Besuch sieht der Garten anders aus – und ich bedaure wirklich, dass ich kein Gedächtnis für Pflanzen habe.

Daran, dass wir im Unterricht parallel zu dem eher fröhlichen Herbstgedicht auch Hebbels melancholisches Gedicht „Sommerbild“ behandelten, erinnere ich mich dagegen noch auch nach mehr als einem halben Jahrhundert noch. Es ist auch heute noch eines meiner Lieblingsgedichte. Ein Foto zu diesem Gedicht – „des Sommers letzte Rose“ – habe ich vor einem Monat im Garten meines Elternhauses aufgenommen: „Sie war, als ob sie bluten könne, rot“.

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Die letzte Rose in Neumagen …

Zum Abschied von meinem Elternhaus passend handelt auch „Sommerbild“ – für ein Sommergedicht eher ungewöhnlich, von Verfall und Abschied. Die Rose in Neumagen erwies sich allerdings als widerstandsfähiger als Hebbels Rose. Sie hat die Prozedur unbeschadet überstanden und blüht vielleicht heute noch.

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… und die wohl wirklich letzte Rose des Sommers heute in unserem Garten.

Meinem Deutschlehrer verdanke ich übrigens noch ein weiteres Lieblingsgedicht – es ist, passend zum gestrigen 9. November – die Todesfuge von Paul Celan. Denn am 9 November (1989) fiel nicht nur die Mauer und es wurde nicht nur die erste deutsche Republik ausgerufen (1918) – ja, wir können auch Demokratie und Revolution. Am 9. November brannten Synagogen, Wohnungen und Läden von Juden. Es starben Menschen und die Menschlichkeit. Die systematische Verfolgung der Juden begann. Der Tod wurde, wie es in Celans Gedicht heißt, ein Meister aus Deutschland.

Dass es Anfang der siebziger Jahre nicht selbstverständlich war, im Unterricht solche Gedichte zu lesen oder Filme wie „Bei Nacht und Nebel“, einen Dokumentarfilm über die NS-Vernichtungslager und den Holocaust zu sehen, habe ich erst später gemerkt (Danke H. E.). Bei Bekannten, die wie ich damals zur Schule gegangen sind, kam die Zeit des Nationalismus in der Schule gar nicht oder kaum vor. Die Novemberpogrome 1938 wurden lange verharmlosend als Reichskristallnacht bezeichnet. Vieles wurde damals totgeschwiegen, unter den Teppich der Geschichte gekehrt.

Und heute melden sie sich wieder lautstark zu Wort, die Verharmloser, die Verniedlicher, die alten und die neuen Nazis. Die „mit den Schlangen“ spielen und wollen, dass der Tod wieder „ein Meister aus Deutschland“ wird. Antisemitismus, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit werden wieder gesellschaftsfähig. Viele haben, so scheint es, aus der Geschichte nichts gelernt. Ob da Gedichte helfen?

Zum Nachlesen

http://www.literaturwelt.com/werke/hebbel/herbstbild.html

http://www.literaturknoten.de/literatur/h/hebbel/poem/ichsahdes.html

https://www.lyrikline.org/de/gedichte/todesfuge-66

Schafft euch Schreibräume

Mai 2017. Ich brauche eine Auszeit, mehrere Schreibprojekte liegen in der Schublade, sprich: in einem Ordner auf meinem Computer. Ich kann mich nicht entscheiden, keines geht voran. Ich bin reif für die Insel, für eine Schreibinsel. Auf nach Wien, in Judith Wolfsbergers Writers Studio (Wien ist eine Reise wert).

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Schreibpause: Writers studio ohne Schreibende

„Schafft euch Schreibräume“, heißt das Buch, an dem Judith während des Schreibtreffs, Neudeutsch:  Schreibretreat, arbeitete. Es ist im Sommer erschienen und natürlich möchte ich es lesen – der Verlag schickt mir ein Rezensionsexemplar.

Judith Wolfsberger nimmt mich mit auf ihre Reisen auf den Spuren Virginia Woolfs – nicht nur nach England, sondern auch in die USA. Dort ist Virginia Woolf zwar nie gewesen, aber gerade dort haben ihre Ideen Spuren hinterlassen.

Auch ich habe natürlich schon vor Jahren bzw. vor Jahrzehnten „A Room of ones own“ gelesen. Schließlich war – und ist – es eine Art Kultbuch der Frauenbewegung. Aber anders als Simone Beauvoir, deren Bücher ich verschlungen habe, konnte  mich  Virginia Woolf nie wirklich begeistern. Jetzt lese ich, ermutigt und angeregt durch viele englischsprachige Zitate im Buch, ihre Bücher im Original – und entdecke sie, nein, eigentlich nicht neu, sondern zum ersten Mal wirklich.

Was Virginia Woolf und Judith Wolfsberger schreiben, spricht mich an. In Judith Wolfsbergers Buch, einer Mischung aus Memoir, Travel-Essays und Sachbuch, geht es vor allem ums Schreiben – und um den Mut, eigene Visionen zu leben.

Kann frau vom Schreiben leben und wie? Was brauchen Frauen, um selbstbestimmt zu schreiben? Wie können sie, wie kann ich, Beruf, Schreiben und Familie verbinden? Diese Fragen beschäftigen auch mich immer wieder. Zu lesen, dass auch andere schreibende Frauen an sich zweifeln und das Gefühl haben, nicht gut genug, nicht wichtig genug zu sein, um sich öffentlich zu äußern, bringt den inneren Kritiker zwar nicht zum Schweigen, ist aber trost- und hilfreich.

“A woman must have money and a room of her own if she is to write fiction“, lautet der wohl meist zitierte Satz aus Virginia Woolfs bekanntem Essay. Keine Frage, ein Rückzugsort, zu Virginias Zeiten für viele Frauen noch eine Ausnahme, ist auch heute noch immens wichtig. Doch ein eigenes Zimmer ist eben nicht genug. Um ihr Schreibpotenzial zu entfalten, brauchen vor allem viele Frauen offenbar eine „Community of writers“, Kontakte zu anderen Schreibenden, die sie unterstützen, mit denen sie gemeinsam schreiben. Denn Schreibzeiten, die man – oder frau – allein für sich einplant, werden, so nicht nur die Erfahrung  Judith Wolfsbergers, schnell mal durch andere wichtigere Termine verdrängt. Das ist bei Schreibverabredungen anders – sie werden meist eingehalten.

Virginia Woolf hatte eine Community of Writers, die Blomsbury Group, eine Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern, die sich gegenseitig unterstützten. Und auch mit Vita Sackville-West tauschte sie sich regelmäßig aus. Die beiden erfolgreichen Schriftstellerinnen feuerten sich gegenseitig an.

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Vita Sackville-West und Virginia Woolf waren Gartenfans. Schreiben unterm Flieder hätte ihnen gewiss gefallen.

Judith Wolfsberger hat in Wien mit dem Writers Studio nicht nur einen Schreibort zumWohlfühlen geschaffen, sondern auch für sich und andere Schreibende fixe Schreibtreffs. Gemeinsam zu schreiben spornt an, das habe ich selbst erfahren: Die beiden Schreibtage im Writers Studio im vergangenen Jahr haben mein Befana-Buch vorangebracht. Doch Wien ist weit entfernt – und in Hannover fehlt ein solcher Schreibraum. Aber der Gedanke, einen Schreib(t)raum in der Nähe zu haben, lässt mich nicht mehr los, seit ich das Buch gelesen habe. Schafft euch Schreibräume  – eine Aufforderung.

Bis es so weit ist, treffe ich mich mit meiner schreibenden Tochter in einem virtuellen Schreibraum: Wir verabreden uns zum Schreiben, aber weil wir nicht im gleichen Ort leben, schreibt jede in ihrer eigenen Wohnung. Bei unserer Schreibverabredung gestern ist dieser Blogbeitrag entstanden.

Mit meiner Schreibpartnerin möchte ich im nächsten Jahr auch auf dem Southwest Coast Path in Cornwall wandern, am Meer entlang, auf den Spuren Virginia Woolfs. Und noch eins hat dieses Buch bewirkt: Ich werde künftig mehr Bücher im (englischen) Original lesen. Viele gute Vorsätze für ein einziges Buch.

Judith Wolfsberger: Schafft euch Schreibräume! Weibliches Schreiben auf den Spuren Virginia Woolfs. Ein Memoir. Böhlau Verlag Wien, Köln, Weimar, 2018, ISBN: 978-3-205-20635-4, 29 Euro.

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