Von Horror- und Balkongärtnerinnen

Manchmal fällt der Apfel doch weit vom Stamm. Und manche Talente und Eigenschaften überspringen eine oder gar zwei Generationen, ehe sie bei den Kindern oder Enkeln wieder zum Vorschein kommen. Ich bin trotz meines Faibles für schöne Gärten leider eine Horrorgärtnerin. Als Gott – oder wer auch immer – die grünen Daumen verteilte, habe ich wohl schlicht gepennt oder war gerade in einem (Garten)Buch versunken. Nachträglich lässt sich das, wie wir aus Schillers Gedicht von der Teilung der Welt wissen, nicht mehr korrigieren. Wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben oder der Garten. (Für alle, die sich an das Gedicht nicht mehr genau erinnern: „Was tun?“ spricht Zeus, „die Welt ist weggegeben“, zum Nachlesen http://www.ub.uni-heidelberg.de/wir/geschichte/schiller.html).

Ich bin also, wenn es um Pflanzen geht ziemlich talentfrei. Ich weiß nicht, wie viele Rittersporn ich in den vergangenen Jahren gepflanzt habe – überlebt hat nur ein einziger. Sonnenblumen werden weggefressen, sobald ich sie gesetzt habe. Und selbst die Maiglöckchen verschwinden auf unerklärliche Weise. Erst in diesem Frühjahr habe ich wieder rund ein Dutzend aus dem Garten meiner Mutter in unseren umgesiedelt – mit wenig Erfolg. Und auch die Veilchen aus dem Harz blühen im warmen Klima im niedersächsischen Flachland nicht auf, sondern sind wie vom Erdboden verschluckt.

Richtig gut gedeihen in meinem Garten vor allem Pflanzen, die man früher gemeinhin Unkräuter nannte: Giersch zum Beispiel, Brennnesseln, Sauerampfer oder Gänseblümchen. Außerdem einige ganz Robuste, die sich offenbar von nichts abschrecken lassen wie Beinwell, Topinambur oder auch Zwergastern. Die sind zwar allesamt hübsch anzusehen, aber leider so einnehmend, dass sie sich anschicken, die letzten Winkel meines Gartens zu erobern. Sogar dem Giersch machen sie an manchen Stellen das Leben schwer.

Bei größeren Pflanzaktionen leihe mir manchmal den grünen Daumen meiner Tochter aus. Sie hat nämlich das Talent ihrer Oma väterlicherseits geerbt, die früher als Floristin arbeitete. In ihrer alten Wohnung unterm Dach wuchs die Petersilie meterhoch. Und das Orangenbäumchen bog sich unter der Last der Früchte, während unsere wesentlich größeren Zitruspflanzen zwar blühen (und dabei herrlich duften), aber seit einigen Jahren kaum mehr Früchte tragen.

Bei der Vogelschutzhecke hat der Ausleih-Trick funktioniert: Die Heckenrosen, die wir vor drei Jahren gemeinsam gepflanzt haben, sind inzwischen recht hoch und wachsen in die Breite; Apfelbeeren, rote Heckenberberitzen, Kornelkirschen und Weißdorn, die ich ein paar Wochen später alleine gesetzt habe, brauchen wohl noch eine Zeit, bis sie wie geplant Vögeln katzenfreie Nistmöglichkeiten und Nahrung bieten.

Heckenrosen
Heckenrose am Teich.

Seit ein paar Monaten hat meine Tochter einen eigenen Balkon, den sie in einen Mini-Nutzgarten verwandelt. Kartoffeln, Gurken, Paprika und Tomaten pflanzt sie dort, diverse Kräuter und ein ganzes Obstsortiment: Heidelbeeren, Himbeeren, Erdbeeren, Stachelbeeren, Melonen und sogar einen kleinen Apfelbaum. Der fühlt sich offenbar in seinem Pflanzsack pudelwohl  – und ich bin fast sicher, dass er mehr Früchte tragen wird als der große Apfelbaum in unserem Garten. Der hat im vergangenen Jahr seine wenigen Früchte auf unserem Rasen verteilt, ehe sie reif waren. Auf dem Balkon meiner Tochter gestaltet sich die Ernte wahrscheinlich recht einfach, auch wenn sie üppig ausfällt. Denn bei dem Mini-Baum fällt der Apfel sicher nicht weit vom Stamm.

Heidelbeerblüte
Früh blüht, was einmal  Heidelbeeren werden wollen. Foto: Nele Schmidtko
Balkon Heidelbeeren, Apfel und Kartoffeln
Platz ist auf dem kleinsten Balkon – für Kartoffel, Apfelbaum, Him- und Stachelbeeren und Tomaten (von rechts). Foto: Nele Schmidtko

 

Im Berggarten

Die Gartensaison hat angefangen – wie auch in den vergangenen Jahren mit einem Besuch in den Herrenhäuser Gärten. Zur Entspannung und Inspiration, dann kann’s im eigenen Garten weitergehen. Der  Berggarten gehört zu meinen Lieblingsorten in Hannover: Er ist, wie ich mir meinen Garten wünsche – und wie er nie sein wird. Bei jedem Besuch sieht es dort anders aus – und immer ganz natürlich, so, als würden die Pflanzen ganz von alleine gerade an dieser Stelle so wachsen, wie sie wollen. Dass das nicht stimmt, weiß jeder, der seinen Garten im Sommer nur ein paar Tage sich selbst überlässt. Hinter dem Naturgarten steckt  sehr, sehr viel Arbeit.

Im Subtropenhof, im Sommer einer meiner Lieblingsorte, ist natürlich noch nichts zu sehen, die Pflanzen sind noch im Winterlager. Und auch im Tropenhaus ist‘s noch recht überschaubar. Vor der Umgestaltung war es dort ziemlich grün und wild, jetzt ist nix mehr mit Tropischem-Regenwald-Feeling. Natürlich, selbst Tropenpflanzen brauchen ihre Zeit. Und außerdem sind die Orchideen vorübergehend ins Tropenhaus umgezogen, denn zurzeit wird das Orchideenhaus renoviert. Für eine der größten Orchideensammlungen der Welt müssen Bananenstauden und Co schon mal weichen. Und die Schildkröten, die früher im Bassin meist faul auf irgendwelchen Steinen lagen, sind im benachbarten Sealife wahrscheinlich ohnehin besser aufgehoben.

Becken im Tropenhaus DSC_0321
Noch überschaubar: das Tropenhaus

Eigentlich mag ich Orchideen nicht, zumindest wenn sie als einsamer Stengel aus einem Blumentopf ragen. Nie würde ich sie mir auf meine Fensterbank stellen – und wenn, würden sie meine Pflege wahrscheinlich nicht lange überleben. Aber der Duft im Tropenhaus ist, mir fällt kein anderes Wort ein, einfach betörend. Und irgendwie sind sie schon faszinierend, eine  sieht beispielsweise  aus wie eine kleine Horrorqueen.

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Kleine Horrorqueen

Draußen ist es noch ziemlich kahl: Immerhin  blühen hier neben Schneeglöckchen, Märzbechern,  Krokussen, Narzissen und diversen Nieswurzen – Christ, Schnee- oder Lenzrosen genannt – auch schon die Tulpen, die in unserem Garten zu Hause noch gar nicht dran denken. Wahrscheinlich sollte ich doch meine Haltung zu Tulpen mal überdenken und einige frühe und farblich besonders schöne Sorten pflanzen.

Das Wasserbecken im Pergolagarten ist noch abgedeckt, für Wasserhyazinthen, die in ein paar Wochen wachsen, ist es einfach noch zu früh, ebenso wie für die Kletterpflanzen an den Wänden der Pergola. Und auch der Moorweiher präsentiert sich im Moment weniger als Weiher denn als ziemlich übel riechende Schlammwüste. Das erinnert mich daran, dass ich meine Miniteiche unbedingt reinigen, Laub- und Pflanzenreste entfernen muss.

Moorweiher DSC_0342
Noch mehr Moor als Weiher. Doch bald ist es wieder ein Paradies für Frösche.

Auf der Wiese neben dem Mausoleum blühen Narzissen und Krokusse, die Scilla trauen sich noch nicht so recht hervor. Immerhin fließt im Staudengrund schon Wasser. Noch sind die Ufer kahl, aber schon bald wird das künstliche Bächlein unter den Pflanzen fast verschwinden.

Mausoleum DSC_0344
Frühlingsboten

Und dann die Linden: Eigentlich sollten die fast 300 Jahr alten Bäume zwischen Schloss und Mausoleum abgeholzt werden, weil sie wegen Pilzbefall und Holzfäule umzustürzen drohten. Doch der bedrohte Juchtenkäfer hat sich in den Bäumen eingenistet – und ihnen das Leben gerettet. Lange wurde diskutiert, was geschehen soll. Jetzt bekommt jede einzelne Linde in der vierreihigen Allee einen oder gar zwei  Stützpfeiler. Das sieht zwar ziemlich seltsam aus, zumindest solange die Bäume noch kahl sind. Aber wenn die Linden weichen müssten, würde sicher was fehlen. Denn bis die neuen Bäumchen wieder zu staatlichen Bäumen herangewachsen wären, würden einige Jahrzehnte vergehen.

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Rettet die Linden: Alte Bäume mit neuen Stützen.

Frontal-Streik

Eigentlich gehört Frontal 21 zu meinen Lieblingssendungen. Ich finde das  investigative Magazin mit Ilka Brecht wirklich toll – nicht nur wegen der ebenso witzigen wie wahren toll-Beiträge von Werner Doyé und Andreas Wiemers am Ende der Sendung.

Toll ist leider auch das Urteil im Arbeitsgerichtsprozess der Frontal-Reporterin Birte Meier. Birte Meier, die unter anderem 2015 mit ihrem Kollegen Christian Esser den Deutschen Wirtschaftsfilmpreis in der Kategorie Langfilm gewann und im vergangenen Jahr die Affäre „Rent a Sozi“ aufdeckte, hat gegen ihren Arbeitgeber ZDF geklagt. Genau gesagt gegen ihren Auftraggeber, denn Birte Meier ist freie Mitarbeiterin, wenn auch die vertraglich festgelegte Arbeitszeit von 40 Stunden pro Woche wenig Freiheit für andere Aufträge lässt – vor allem angesichts der Tatsache, dass Überstunden in der Branche fast selbstverständlich sind. Das sagt einiges über die Arbeitsbedingungen in den Medien, auch in den öffentlich-rechtlichen, die ja eigentlich Vorbild sein sollten. Aber das ist ein anderes Thema.

Am 1. Februar hat das Arbeitsgericht Berlin Birte Meiers Klage gegen das ZDF abgewiesen – sowohl die Forderung nach 70.000 Euro Entschädigung wegen Ungleichbezahlung als auch den Auskunftsanspruch über das  Gehalt ihrer männlichen Kollegen. Sie konnte nach Einschätzung des Gerichts nicht belegen, dass sie wirklich weg ihres Geschlechts benachteiligt wurde. Dazu hätte sie Vergleichszahlen benötigt, die das ZDF aber laut Urteil nicht rausrücken muss – und auch nicht rausrückt.  Hier beißt sich die Katze in den Schwanz.

Gute Leistung, Preise und die Anerkennung der Kolleg/innen schützen nicht vor schlechter Bezahlung. Und so stellte Birte Meier fest,  dass sie deutlich weniger verdiente als ihre männlichen Kollegen, obwohl sie die gleiche Tätigkeit ausübte. Das  wollte sie nicht länger hinnehmen.  Sie versuchte, neu über ihr Gehalt zu verhandeln, und klagte, als das nicht klappte, gegen die Benachteiligung. Sie berief sich dabei auf die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs – vergeblich.

Dass Birte Meier weniger verdient als männliche Kollegen, bestritt das ZDF nicht. Doch dafür gibt  es angeblich gute Gründe: Der eine war fest angestellt, der andere schon länger im Betrieb. Der dritte hatte vielleicht eine längere Nase oder konnte vielleicht besser verhandeln, wie der zuständige Richter mutmaßte.

Richter Ernst fand ich besonders toll: Er sprach offen aus, was viele andere nur denken, zum Beispiel dass Schwangerschaften und Kindererziehungszeiten (zu Recht) dazu führen, dass Frauen weniger Berufserfahrung haben und weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Nun ist Birte Meier kinderlos und es ist auch nicht zu erwarten, dass sie mit 45 Jahren noch allzuoft schwanger wird. Und selbst wenn erschließt sich mir nicht, warum eine künftige Schwangerschaft dazu führt, dass sie in der Vergangenheit weniger verdiente. Wirklich toll.

Einen Job-to-Job-Vergleich, bei dem Arbeiten von zwei Mitarbeitern verglichen werden, verhinderte der Arbeitsrichter mit seinem Urteil – Birte Meier hat danach keinen Auskunftsanspruch, obwohl der nach Rechtsprechung des europäischen Gerichtshofs durchaus besteht, wenn sich ein/e Mitarbeiter/in benachteiligt fühlt. Aber wen interessiert schon Europa?! Und wen Lohngerechtigkeit?

Nach EU-Recht gilt übrigens auch, dass es nicht auf den Status des Arbeitnehmers ankommt, sondern auf den Wert der Arbeit. Aber dieser Gedanke macht Leuten, die für Anwesenheit, nicht für Ergebnisse bezahlt werden, sicher Angst.

Das neue Entgeltgleichheitsgesetz, das im März verabschiedet werden soll, hilft übrigens Frauen nicht unbedingt weiter. Danach wird es in Betrieben mit mehr als 200 Mitarbeitern ein Auskunftsrecht über gezahlte Gehälter geben. Weil die Daten aber anonymisiert werden, nutzen sie vor Gericht wenig, da Richter konkrete Vergleiche fordern. Ein Verbandsklagerecht, mit dem Vereine, Verbände oder Gewerkschaften bei diskriminierenden Lohnstrukturen klagen können, ist nicht vorgesehen. Mutige Frauen, die (nicht nur) um ihr Recht kämpfen, müssen das allein tun und zahlen wahrscheinlich einen hohen Preis.

Birte Meiers Prozess geht vermutlich in die zweite Runde vor dem Landesarbeitsgericht. Einen Vergleichsvorschlag des ZDF hat sie abgelehnt. Sie will weiter für Frontal arbeiten, auch wenn das ZDF am liebsten auf ihre Mitarbeit verzichten und das Arbeitsverhältnis mit der preisgekrönten Reporterin gerne lösen würde. Spätestens wenn das geschieht, werde ich in einen Frontal-Streik treten, auch wenn  ich das investigative Magazin eigentlich toll finde.

Schlimmer geht’s (n)immer

Dieses Jahr hat noch viel Potenzial nach oben. Die beste politische Nachricht der Woche kam vom Bundesverfassungsgericht: Die NPD ist zwar nach dem Urteil der BVG-Richter verfassungsfeindlich, sie muss aber nicht verboten werden, weil sie zu unbedeutend ist. Während ich das schreibe, kommt mir ein alter Witz in den Sinn:

Sagt der Arzt zum Patienten:  „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie, welche möchten sie zuerst hören?“ „Die schlechte“, sagt der Patient. „Wir mussten ihnen das rechte Bein amputieren“, sagt der Arzt, „Mist“, sagt der Patient, „und die gute?“ „Ich habe einen Käufer für ihren rechten Schuh.“

Am Ende der Woche kam’s dann knüppeldick: Donald Trump ist seit Freitag Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Und wer glaubt, dass es schon nicht so schlimm werden wird, muss sich nur sein Grusel-Kabinett der Reichen und Mächtigen angucken oder sich seine Rede bei der Amtsübergabe anhören. Die hat nicht nur meiner Meinung nach die schlimmsten Befürchtungen übertroffen. Spiegel online bezeichnete sie als Unanständigkeitserklärung. Wie wahr.

Europas Rechte wittern indes Morgenluft und haben in Koblenz getroffen, um das zu feiern. Damit könnte man leben, wenn alle so unbedeutend wären wie die NPD.  Ist aber leider nicht so.  In einigen Ländern sind die rechten nationalistischen Hetzer schon an der Macht  – Viktor Orbán in Ungarn, Jarosław  Kaczyński  bzw. seine Marionette Beata Szydlo in Polen -, in anderen Ländern greifen die Rechtsextremen danach:  Geert Wilders und seine Partei für die Freiheit in den Niederlanden, Marine Le Penn und der Front National in Frankreich und Frauke Petry in Deutschland. Ja, auch Frauen mischen  im Club der starken Männer mit, zu dem natürlich auch Erdogan in der Türkei und Putin zählen  Es ist beeindruckend, wie sie sich gleichen und verstehen – über alle Ideologiegrenzen hinweg.

Ach ja, und da war auch noch die Rede von Björn Höcke. Dass er ungestraft über das Holocaust-Denkmal herziehen kann, ist schlimm genug; unerträglich ist für mich der Gedanke, dass dieser Mann jahrelang Geschichte unterrichtet und seine braune Ideologie an Kinder und Jugendliche weitergegeben hat. Wie viele Schülerinnen und Schüler hat er mit seinem Gedankengut infiziert? Warum haben alle weggehört? Kolleginnen und Kollegen, Eltern, Vorgesetzte?

Viele, die so alt sind wie ich oder ein bisschen älter, sind wegen des Radikalenerlasses nicht eingestellt worden. Bei Demos zum Beispiel gegen die Startbahn West (lange her, lange gebaut) oder gegen den Nato-Doppelbeschluss (längst ad acta gelegt) hatten viele Angst, nicht Arzt, Lehrer oder Richter werden zu können, wenn sie zufällig herausgegriffen, erfasst und angeklagt würden. Warum hat niemand Leute wie Björn Höcke erfasst? Offenbar waren alle auf dem rechten Auge blind.

Ein bisschen Hoffnung gibt es doch. Gegen Trump haben nicht nur in den USA Hunderttausende demonstriert. Und auch in Koblenz gingen viele Menschen gegen rechts auf die Straße. Mona Lisa und Aspekte berichteten, dass immer mehr (junge) Menschen sich jetzt wieder engagieren – in Initiativen gegen rechts oder in Parteien wie SPD, Linke, Grüne oder FDP (ja, das kleiner Übel). Donald Trump und Co haben das Fass zum Überlaufen gebracht: Sie wollen nicht mehr schweigen und melden sich zu Wort. Ich auch – zunächst mit diesem Blog.

Vier auf einen Streich

Das nenne ich effektiv: Ich habe drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, sprich drei gute Vorsätze gleichzeitig erfüllt.  Jetzt fühle ich mich fast wie eine Anfängerversion des tapferen Schneiderleins, das  ja bekanntlich sieben auf einen Streich geschafft hat (Fliegen, nicht Vorsätze).

Gut, ich gebe zu, es war nicht wirklich geplant: Erst als es schon dunkel war, habe ich daran gedacht, dass ich eigentlich, weil ich noch nicht laufen kann, jeden Tag zumindest eine halbe Stunde gehen oder Radfahren wollte. Da war es schon zu spät für einen Spaziergang zum See und auch eine Runde mit dem Fahrrad war bei Schneefall und bei Dunkelheit keine wirklich kluge Option. Deshalb bin ich zu Fuß in die Stadt gegangen, die eigentlich ein Dorf ist. Weil ich auf dem Weg ohnehin am Briefkasten vorbeikomme, habe ich schnell noch den Fragebogen meiner Berufshaftpflichtversicherung ausgefüllt. Der ist wie in jedem Jahr kurz vor Weihnachten gekommen  und meiner Meinung nach überflüssig wie ein Kropf (siehe https://timetoflyblog.com/2015/12/25/gut-versichert/). Denn ich habe auch im Jahr 2016 – wie in den vergangenen 30 Jahren – weder einen Gabelstapler noch einen Tankwagen angeschafft  und gedenke es auch in diesem und den kommenden Jahren nicht zu tun. Bislang musste meine Versicherung immer bis zur Jahresmitte auf meine Antwort warten und mich mahnen; wahrscheinlich hat ein Sachbearbeiter schlaflose Nächte ob der potenziellen Gefahren erlebt. In diesem Jahr habe ich deshalb meine Pflicht, Auskunft über die versicherten Risiken zu erteilen, schon am ersten Werktag des Jahres erfüllt – und damit einen weiteren guten Vorsatz: Dinge nicht aufzuschieben.

Und auch mein persönliches Projekt „Fliegende Wörter“ habe ich gestartet bei meinem Spaziergang zum Briefkasten auf den Weg gebracht (dritter guter Vorsatz): Ich möchte in diesem Jahr jede Woche ein Gedicht verschicken (nein, kein selbst geschriebenes). Das ist dank des gleichnamigen, im Daedalus Verlag erschienenen Postkartenkalenders nicht so schwierig:  Er enthält 53 „Qualitätsgedichte zum Verschreiben und Verbleiben“, eins also für jede Woche des Jahres. Ich habe den Kalender, der schon zum 23. Mal erscheint, erst kürzlich durch den Hinweis einer Mit-Bücherfrau entdeckt. Und ich finde, die Gedichte von Rilke, Ulla Hahn, Hilde Domin und Co sind viel zu schade, um in meiner Schreibtischschublade zu verbleiben. Ich verleihe ihnen zwar keine Flügel, sondern verpasse ihnen eine Briefmarke und helfe ihnen so zum Fliegen: Ich schicke sie im Lauf des Jahres an Freunde und Bekannte, auch an einige Abonnentinnen dieses Blogs. Die seien auf diesem Weg (vor)gewarnt: Nicht immer passt das Gedicht genau zum /zur Empfänger/in, auch wenn ich mir bei der Auswahl Mühe gebe.

Mit dem Schreiben dieses Beitrags gehe ich einen vierten guten Vorsatz an: regelmäßiger als im vergangenen Jahr Blogbeiträge zu schreiben und zu veröffentlichen. Wirklich effektiv.

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Copyright Daedalus Verlag, Münster, www.daedalus-verlag.de 

Schöne Weihnachten

Eine Freundin von mir versendet jedes Jahr mehr als 20 (oft seitenlange) Weihnachtsbriefe. Andere erfreuen mich und alle ihre Bekannten und Freunde alle Jahre wieder mit wunderschönen Weihnachtskarten. Ich schaffe das nie. Auch in diesem Jahr ist es mir wieder mal nicht gelungen, (rechtzeitig) Weihnachtsgrüße zu verschicken.

Dabei war ich wirklich guten Willens. Tagelang stand „Weihnachtspost erledigen“ auf meinen To-do-Listen. Immer wieder  habe ich den Punkt von der alten auf die neue Liste übertragen. Ohne Erfolg. Dabei habe ich schon Anfang Dezember vor diversen Kartenständern gestanden und mir Weihnachtskarten angesehen. Doch die meisten haben mir nicht wirklich gefallen. Eine fand ich wirklich originell (Maria zu Josef: „Eigentlich wollte ich ihn nicht so früh in die Krippe geben“). Doch die Schlange an der Kasse war so lang, dass  ich mich zwischen Karte und Zug entscheiden musste. Als ich das nächste Mal in dem Laden vorbeikam, war die Karte leider ausverkauft. Manche Karten waren mir auch einfach zu teuer und ich habe gehofft, dass ich bis Weihnachten noch andere mit einem günstigeren Preis-Leistungs-Verhältnis finde.

Am Ende ist es wie so oft: Wenn man zu lange zögert, steht man mit leeren Händen da – oder eben ohne Karten. Und so beschränke ich mich mal wieder –wie fast alle Jahre wieder – damit, auf den letzten Drücker Weihnachtsgrüße per Mail zu versenden oder wie jetzt kurz vor der Bescherung auf meinem Blog zu posten.

Natürlich sind richtige Postkarten persönlicher. Und mich plagt das schlechte Gewissen gegenüber denjenigen, die auf ihre wunderschönen handgeschriebenen Grüße – wenn überhaupt – nur eine Antwort per Mail erhalten (besondere Grüße an G. und D.).

Aber die schnöden elektronischen Grüße haben auch unbestreitbare Vorteile: Sie erreichen die Empfänger selbst dann, wenn sie nicht zu Hause sind. Sie kommen rechtzeitig an (was man von vielen Karten und Briefen, die mit der klassischen Schneckenpost verschickt werden, nicht behaupten kann) Und man hat sie auf Smartphone, Tablet und Notebook überall dabei. Dann freue ich mich noch Wochen später, wenn ich mein Mail-Postfach durchstöbere darüber, dass die eine oder der andere Weihnachten an mich gedacht hat.

In diesem Sinne – schöne Weihnachten, eine stressfreie Zeit zwischen den Jahren und einen guten Start ins neue Jahr.

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Schöne Weihnachten    Nele Schmidtko (C)

Von brotlosen Künsten …

… und warum es sich vielleicht doch lohnt, seinem bliss zu folgen.

Vor ein paar Tagen habe ich mir im Fernsehen einen Dokumentarfilm über das Aufnahmeverfahren der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover angesehen. Wer einen der zehn Studienplätze bekommen will, muss in drei Runden seine „besondere künstlerische Befähigung zur Schauspielerin, zum Schauspieler“ nachweisen. Ich habe keine Ahnung von Schauspielkunst und war ziemlich beeindruckt, wie begeistert und gut vorbereitet die jungen Frauen und Männer waren. Ihre Auftritte hatten eine ganz andere Qualität als die Darbietungen der Selbstdarsteller bei Castingshows wie DSDS. Wer durchkommt, bekommt einen Studienplatz und lernt einen Beruf, der keine besonders rosigen Berufsaussichten bietet.

Natürlich gibt es (einige wenige) Großverdiener und einige mehr, die recht gut verdienen . Aber viele (die meisten?) können von ihrem Verdienst als SchauspielerInnen nicht leben und halten sich finanziell mit anderen Jobs über Wasser.

Am gleichen Abend habe ich ein Interview mit einer jungen deutschen Schauspielerin gesehen, die bereits in vielen Filmen mitgespielt hat. Sie bekommt 1.300 Euro Tagesgage, doppelt so viel wie die Mindestgage, die  laut Tarifvertrag für Schauspieler – ja, auch den gibt es – bei 775 Euro liegt. Das klingt nach viel, aber es relativiert sich, wenn man bedenkt, dass zwischen den Engagements oft viele Tage ohne Engagement und ohne Bezahlung liegen.

Unbefristet waren nach einer Studie zur Arbeits- und Lebenssituation von Schauspielerinnen und Schauspielern (Bema-Studie) gerade mal 4,9 Prozent der Befragten beschäftigt, 36,2 Prozent waren unständig beschäftigt, 46,1 Prozent selbstständig – was wahrscheinlich gleichbedeutend ist mit nicht ständig. Und auch der Verdienst im Traumberuf SchauspielerIn war alles andere als traumhaft: 68,1 Prozent der Befragten hatten in den letzten 12 Monaten bis zu 30.420 Euro verdient – brutto. Die Wirklichkeit sieht noch trauriger aus: Bei fast der Hälfte (45,8 Prozent) waren es weniger als 15.000 Euro.

Und noch ein paar Zahlen: Laut Künstlersozialkasse betrug das durchschnittliche Jahreseinkommen der Versicherten im Bereich Darstellung Anfang 2016 15.581 Euro – bei den Schauspielerinnen waren es sogar nur 12.594 Euro (aber das ist ein anderes Thema). Nur die freien Musikerinnen und Musikerinnen verdienten noch weniger: durchschnittlich 13.317 Euro im Jahr. Das reicht mancherorts nicht einmal, um die Miete zu bezahlen.

Unter den Blinden ist der einäugige König, heißt ein altes Sprichwort. Und so sind die Versicherten im Bereich Wort – Leute wie ich, also Autoren, Journalisten, Lektoren, Übersetzer, Korrektoren usw. – Großverdiener unter den KSK-Versicherten mit durchschnittlich 19.603 Euro Jahreseinkommen (!). Ich kenne viele, die dafür nicht aufstehen und nicht arbeiten würde. Von wegen Mindestlohn.

Fazit: Kunst ist (oft) brotlos, egal in welchem Bereich. Vom Schreiben können die meisten ebenso wenig leben wie vom Musikmachen, vom Malen oder eben vom Schauspielern. Dabei möchte doch kaum jemand auf Bücher, Bilder, Musik; Filme oder Theater verzichten.

Fast hab ich gewünscht, dass die jungen Leute, die mir in dem Film besonders engagiert und begabt schienen ausscheiden. „Lernt was Anständiges“, wollte ich ihnen zurufen. Studiert Medizin, BWL oder Maschinenbau. Oder Jura: Da könnt ihr bei Auftritten vor Gericht euer Schauspieltalent beweisen. Vielleicht könnt ihr auch Lehrer – da spielt ihr zwar immer vor dem gleichen Publikum, verdient aber mehr und braucht nicht immer neuen Engagements nachzujagen. Das zermürbt auf Dauer (glaubt mir, ich weiß, wovon ich spreche). Aber wahrscheinlich haben die SchauspielerInnen in spe den guten Rat schon von ihren Eltern gehört und ihn ebenso in den Wind geschlagen wie ich selbst vor gefühlt 100 Jahren.

Nein, ich bin nicht Schauspielerin geworden (dafür habe ich gar kein Talent, das ist der Welt erspart geblieben), sondern verdiene mein Geld als Journalistin, Lektorin und Korrektorin. Ich mag meinen Beruf nach all den Jahren noch und ich würde mich wieder dafür entscheiden, wenn ich auch manches anders machen würde. Und ich hoffe, dass es den Jungs und Mädchen, die ich in dem Dokumentarfilm gesehen habe, ähnlich geht. Trotz der Unsicherheit, der schlechten Bezahlung.

Übrigens: Nach der Bema-Studie würden 84,9 Prozent nochmal Schauspielerin oder Schauspieler werden, nur 15,1 Prozent nicht. Vielleicht ist es also doch richtig, das zu tun, woran das Herz hängt.

Hier noch ein Gedicht von Friedrich von Schiller. Er wusste, was er schrieb. Schiller hat zwar Medizin studiert, sich dann aber  doch gegen den festen Job und die sicheren Einnahmen als Militärarzt und für die Kunst entschieden. Zum Glück, nicht nur für ihn.

http://www.ub.uni-heidelberg.de/wir/geschichte/schiller.html

Von Buchmenschen und Büchern

Als ich vor Jahren Ray Bradburys Fahrenheit 451 gelesen habe, haben mich vor allem die Buchmenschen fasziniert. Für alle, die das Buch nicht kennen: Es spielt in einem totalitären Staat, in dem Bücher – und damit auch selbstständig denken – verboten sind. Die Feuerwehr löscht keine Brände, sondern verbrennt Bücher, wenn welche entdeckt und die Besitzer verhaftet werden. Fahrenheit 451 ist die Temperatur, bei der Papier brennt. Die Buchmenschen sind aus dieser Gesellschaft geflohen und leben irgendwo versteckt im  Wald. Um zu verhindern, dass mit den Büchern die Inhalte der Bücher unwiederbringlich vernichtet werden, lernt jede/r ein Buch auswendig.

(K)ein Ort für Bücher?

Bei unserer Reise nach Schweden habe ich jetzt den Ort entdeckt, wo die Buchmenschen leben. Nicht wirklich natürlich, aber so etwa habe ich mir ihren Zufluchtsort vorgestellt. Der Campingplatz, das Älvkarleby Fiske & Famil jecamping, liegt auf einer kleinen Insel, die Zelte, Wohnwagen und Wohnmobile stehen versteckt unter Bäumen, so, als gehörten sie irgendwie dahin. Die meisten wurden  vermutlich seit Jahren nicht mehr bewegt  und haben  schon Wurzeln geschlagen, wie die Bäume, unter denen sie stehen.

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In Wirklichkeit ist der Campingplatz natürlich keine Zuflucht für Buchmenschen, sondern – wie der Name schon sagt – ein Eldorado für Angler. Und wahrscheinlich waren wir die einzigen Gäste, die mehr Bücher als Angeln dabei hatten – Angeln: keine, ich für zwölf Tage zehn richtige Bücher und meinen Kindle, mein Mann nur seinen Kindle, er ist ein absoluter E-Book-Fan, aber das ist ein anderes Thema.

Lieblingsbuch gesucht

Seither überlege ich, welches Buch ich auswendig lernen würde, wenn ich mich denn für eins entscheiden müsste, dass ich vor dem Vergessenwerden retten wollte. Das Ergebnis: Ich weiß es nicht. Meine Lieblingsbücher wechseln. Eine Zeitlang wäre es wahrscheinlich „Nachtzug nach Lissabon“ gewesen, aber auch Siri Hustvedts „Was ich liebte“, „Hannas Töchter“, die Memoiren von Simone de Beauvoir, die Tagebücher von Victor Klemperer und natürlich das Tagebuch der Anne Frank stehen ganz oben auf der Shortlist. Es gibt so viele Bücher, das fällt die Auswahl schwer.

Apropos Shortlist. Die richtigen Büchermenschen treffen sich zurzeit in Frankfurt auf der Buchmesse. Ich fahre in diesem Jahr nicht hin, obwohl mich die Messe immer wieder fasziniert. Und zugegebenerweise ein bisschen erschlägt: So viele Bücher, wer kann, wer soll die alle lesen. Und es werden immer mehr. Denn immer mehr Menschen schreiben Bücher. Irgendwie hat Reither, der Ex-Verleger in Bodo Kirchhoffs Novelle Widerfahrnis, recht mit seiner Einschätzung, dass es allmählich mehr Schreibende als Lesende gibt.

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Alle schreiben, ich natürlich auch. Ein schöner Ort zum Lesen und Schreiben.

 

Auf der Jagd nach Northernlights

Hinweis: Nordlichter können süchtig machen …

Andere fahren nach Skandinavien, um die Mitternachtssonne zu sehen. Uns – oder besser gesagt meinen Mann – zieht es hin, wenn die hellen Nächte vorbei sind, wenn es wieder früher dunkel wird. Auf der Jagd nach den Polarlichtern. Die sind, ich gebe es zu, faszinierend: Irrlichtern gleich tauchen sie auf und verschwinden wieder.

Früher galten die „Götterfackeln“ als Vorboten des Unglücks oder als Zeichen der Toten. Auf Finnisch heißen die Polarlichter nach einer alten lappischen Sage revontulet, also Fuchsfeuer, und die dazu passende Sage gefällt mir. Wenn der Feuerfuchs den Fjellrücken entlangläuft, schlägt sein Schwanz gegen die Schneewehen, so dass Funken auf den Himmel sprühen.

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Der Himmel brennt grün …  (Foto: Utz Schmidtko)

Die Wahrheit ist viel prosaischer – nix ist mit Göttern und Feuerfüchsen: Polarlichter entstehen, wenn elektrisch geladene Teilchen von der Sonne auf das Magnetfeld der Erde treffen. Die Luftmoleküle geben dann einen Teil der erhaltenen Energie als sichtbares Licht weiter. In welcher Farbe wir sie wahrnehmen. hängt von der Höhe ab. Grün sind die Polarlichter, wenn Sauerstoffatome in etwa 100 km Höhe angeregt werden, rot, wenn dies in etwa 200 km Höhe geschieht. Seltener sind violette und blaue Polarlichter: Sie werden durch Stickstoffatome verursacht.

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(Foto: Utz Schmidtko)

Weil statistisch die meisten Nordlichter innerhalb des sogenannten Nordlichtovals in Nordwest-Lappland zu sehen sind, hieß unser Ziel Tromsö: Von dort ging‘s für mich nach zwölf Tagen nach Deutschland zurück, Mann und Wohnmobil blieben in Nordnorwegen, hauptsächlich der Nordlichter wegen. Utz ist süchtig nach Northernlights; er verbringt halbe Nächte draußen – ich schaue mir das Spektakel am Himmel meist nur durch die Scheibe aus dem Schlafsack an. Ich genieße mehr die Tage: Indian Summer mit milden Temperaturen, strahlend blauem Himmel und leuchtenden Herbstfarben. Und viel Wasser. Schön für die Augen – und gut für die Seele.

Die Orte auf der Hinreise durch Schweden waren leider nur Zwischenstationen: Gränna, die zuckersüße Stadt am Vättern ebenso wie das Fiskecamp mitten im Wald, die Campingplätze in Byske und bei der Stadt mit dem unaussprechlichen Namen: Ösköndsvik – schade, ich wäre gerne auf einigen Campingplätzen und an manchen Orten noch länger geblieben.

Wer je Nordlichter sehen will, sollte mit meinem Mann auf die Jagd gehen: Denn es gibt keine Nordlicht-Garantie – aber Utz hat wirklich Talent, am richtigen Ort zu sein, wenn der Himmel grün glüht. Und auch sein Draht zum Wettergott ist überaus gut. Das ist wichtig, denn Nordlichter sieht man nur, wenn der Himmel klar ist. Der Österreicher, den ich kurz vor meinem Rückflug auf dem Campingplatz in Tromsö traf, hatte in drei Wochen auf Nordlichtjagd in Nordnorwegen nur eine Nordlichtnacht erlebt – wir in den ersten fünf Tagen im Bereich des Nordlichtovals schon drei. Die ersten hat Utz bereits in Byske gesehen, zwar nur schwach und nur für geübte Augen bzw. für das viel empfindlichere Auge der Kamera sichtbar, richtig kräftige mit Beamern und einer Corona dann in Jokkmokk am Ufer des Lulealven.

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Morgen im Arcticcamp am Lulealven

In Norwegen und Schweden gibt es das sogenannte Allemansrätten, also eine Art Jedermannsrecht. Man kann überall eine oder mehrere Nächte zelten oder mit dem Wohnmobil stehen, außer auf landwirtschaftlichen genutzten Flächen und in der Nähe von Wohnhäusern. Außerdem darf man im Meer und in Fjorden angeln (kommt für uns nicht in Frage: Wir haben keine Angel, nur kiloweise Fotogepäck) und Pilze pflücken (ist für uns seit Tschernobyl auch nicht mehr angesagt, schon gar nicht in Nordskandinavien, das einen Großteil des nuklearen Fallouts abbekommen hat).

Frei campen ist eigentlich nicht mein Ding. Aber weil der Campingplatz Tromsö weitab vom Fjord liegt und alle anderen Campingplätze in der Umgebung bereits geschlossen waren, fuhren wir weiter. Auf Hillesoy, einer kleinen Insel vor Tromsoya, entdeckten wir einen kleinen Stellplatz – direkt am Wasser, an einem kleinen Sandstrand. Zum Baden war‘s entschieden zu kalt, aber der Blick aufs Meer war genial. Und weil für die Nacht zum Sonntag Polarlichter der Stufe 4 angekündigt waren, blieben wir ein paar Nächte. Als ich wieder in Deutschland war, kehrte Utz wieder auf die Insel zurück.

Ein Highlight für mich: die Wanderung auf den höchsten Berg der Insel. Der ist nicht gerade imposant hoch, aber der Aufstieg ist so steil, dass er durch ein Seil markiert und abgesichert ist. Unterwegs kamen mir Bedenken, aber weil vor mir drei Frauen kletterten – die älteste sicher an die 80, die jüngste in Turnschuhen, die nicht sonderlich trittfest aussahen – kletterte ich weiter. Wo die hoch- und runterkommen, schaffe ich es auch.

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Bergsteigen auf Hillesoy

Es lohnte sich, die Aussicht war beeindruckend: Meer und Himmel unendlich blau, ringsum Wasser, in verschiedenen Farben schimmernd. Hier wäre ich gerne geblieben, in einer kleinen Hütte im typischen Rot. Doch das geht natürlich nicht. Schade eigentlich. Genau genommen ist‘s auch eine Schnapsidee: Ich bin bekennende Frostbeule und brauche nicht nur viel Wärme, sondern ebenso viel Licht. Hier, nördlich des Polarkreises, wird’s im Winter richtig kalt, dunkel und ungemütlich, erzählten mir die drei Frauen, mit denen ich oben auf dem Berg ins Gespräch kam. Die Jüngste studiert in Tromsö, will aber nach dem Studium wieder zurück nach Oslo. Und auch ihre Oma, die eigentlich auf der Nachbarinsel Sommeroy lebt, verbringt als „Klimaflüchtling“ die langen Wintermonate lieber in Südnorwegen.

Indian Summer auf Hillesoy