Der 27. September: Der „Jedertag“ lebt weiter

Es ist wieder so weit. Am Sonntag ist der 27. September, der Tag im Jahr, den Christa Wolf fast ihr ganzes Schriftstellerinnenleben lang – von 1960 bis 2011 – protokolliert hat. Begründet hat die Tradition Maxim Gorki. Er rief 1935 SchriftstellerInnen in aller Welt auf, einen ganz gewöhnlichen Tag in ihrem Leben, also einen „Jedertag“ möglichst genau zu beschreiben. Den 27. September wählte er wohl eher zufällig aus.

Der Aufruf, den die Zeitschrift Istwestja 25 Jahre später wiederholte, hat Christa Wolf, damals noch eine unbekannte Schriftstellerin, „sofort gereizt“: „Ich setzte mich also hin und beschrieb meinen 27. September 1960“ – und alle folgenden, heißt es im Vorwort zu ihrem Buch „Ein Tag im Jahr, 1960–2000“.*

Tagesbuch, kein Tagebuch

Christa Wolfs Tageserzählungen sind zwischen 6 und 26 Seiten lang und unterscheiden sich nach Worten der Schriftstellerin „deutlich von meinem übrigen Tagebuch“. Sie schreibt über ihren Alltag, über ihr Leben und ihre Arbeit als Schriftstellerin, über politische und kulturelle Ereignisse, über ihre Familie, über Begegnungen mit prominenten KollegInnen und über Menschen in ihrem Umfeld.

Mich fasziniert das Projekt, seit ich Christa Wolfs Bücher gelesen habe, und ich möchte dazu beitragen, diese Schreibtradition fortzuführen. Im vergangenen Jahr haben sich auch einige meiner Schreibfreundinnen am Projekt beteiligt und ihren 27. September protokolliert. Vielleicht werden es in diesem Jahr ja noch mehr. Und vielleicht treffen auch wir uns dann irgendwann Ende des Jahres, um die entstandenen Texte vorzulesen und unsere Gedanken dazu auszutauschen – analog im AutorInnenzentrum in Hannover oder online.

Im Frauenzentrum Kempten im Allgäu tut das eine Gruppe Frauen um die Autorin Angelika Jesse von Borstel schon seit 2012  

Mehr Infos über Christa Wolf und das Schreibprojekt unter https://timetoflyblog.com/ein-tag-im-jahr-der-27-september und https://timetoflyblog.com/27-september-ein-tag-im-jahr

*Der erste Band der Tageserzählungen erschien erstmals 2003 im Luchterhand Literaturverlag unter dem Titel
Christa Wolf: Ein Tag im Jahr: 1960–2000.

Den zweiten Band mit den Tagesprotokollen von 2001 bis 2011 gab Gerhard Wolf nach dem Tod seiner Frau im Dezember 2011 heraus.

Christa Wolf: Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert 2001–2011 (suhrkamp taschenbuch, Berlin 2014)

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