Wenn zwei gemeinsam eine Reise tun, haben sie manchmal unterschiedliche Ziele – und erzählen verschiedene Geschichten. Zum Beispiel mein Mann und ich von unserer Reise nach Spanien.
Hauptziel meines Mannes war es, die totale Sonnenfinsternis am 12. August zu fotografieren und zu sehen (ja, in dieser Reihenfolge). Dafür brauchte er gutes Wetter und einen optimalen Standort – mit freier Sicht nach Westen, möglichst am Meer gelegen, damit die zeitweise verdeckte Sonne sich im Wasser spiegelt.
Für mich war eher der Weg das Ziel. Ich wollte auf unserer Reise gen Süden – und wieder zurück – in meinem Heimatort eine Freundin und Bekannte wiedersehen, ein paar entspannte Tage am Atlantik verbringen und das Guggenheim Museum besichtigen. Denn Bilbao lag auf unserer Reiseroute. Aber mit den Plänen ist es ja bekanntlich so eine Sache.
Start mit Hindernissen
Schon am ersten Morgen weckte uns der Gestank nach faulen Eiern – und der kam nicht von außen, wie mein Mann zunächst vermutete. Eine unserer beiden Solarbatterien war glühend heiß. Kommt beides zusammen, besteht laut Google Explosionsgefahr.



Dass die Panne in Deutschland, in meinem Heimatort an der Mosel, passierte, war wohl Glück im Unglück. Ein Pannenhelfer des ADAC baute die heiße Batterie noch auf dem Stellplatz aus. Der befreundete Besitzer einer Autowerkstatt überprüfte beide Batterien und entsorgte sie, und eine Werkstatt in Trier baute zwei neue Batterien ein. Unsere Reise konnte also weitergehen, wenn auch später als geplant. So blieb mir mehr Zeit für Treffen mit meiner Freundin und Spaziergänge durch meinen Heimatort. Den Besuch im Guggenheim Museum musste ich dagegen streichen. Denn für den Sonntag, den Tag unserer Ankunft in Bilbao, konnten keine Tickets mehr gebucht werden.
Von Perigueux …
Das Schöne an Reisen mit dem Wohnmobil ist, dass man flexibel ist und immer wieder Orte entdeckt, die man vorher nicht kannte. Perigueux zum Beispiel. Ich hatte das Städtchen ausgewählt, weil es einen Stellplatz für Wohnmobile hat und ganz in der Nähe der Autobahn Richtung Bordeaux liegt – und habe mich dann in die „Hauptstadt des Perigord“ verliebt.



Schon der Stellplatz übertrag meine Erwartungen. Der lag zwar ganz unromantisch zwischen Hochhäusern, aber direkt an der Isles. Zu Fuß brauchte ich bis ins Zentrum von Perigueux nur ein paar Minuten. Hauptsehenswürdigkeit von Perigueux ist die Kathedrale, die als die größte in Südwestfrankreich gilt. Noch besser hat mir aber die Altstadt mit ihren gut erhaltenen Häusern – teilweise aus dem 15. Jahrhundert – und vielen kleinen Läden gefallen (In einem habe ich mir das Heft gekauft, das zu meinem Reisetagebuch wurde). Bis in die Nacht herrschte auf den Plätzen, in den Straßen und engen Gassen Hochbetrieb. Denn an den Donnerstagen im Juli und August verwandeln die „Nuits Gourmandes“ die Stadt in ein großes Restaurant. Begeistert hat mich auch die kleine Galerie Bleue direkt gegenüber der Kathedrale. Weil der Maler David Farren geborener Engländer ist, konnte ich mich ganz gut mit ihm unterhalten. Denn mein Englisch ist zum Glück besser als mein Französisch.
… an den Atlantik
Gegen so viel Flair hatten unsere beiden nächsten Übernachtungsorte – Biarritz an der französischen und Laredo an der spanischen Atlantikküste – keine Chance. Von Biarritz habe ich zugegebenerweise nur den Campingplatz und den Strand gesehen: Leider waren die Strandabschnitte ungleich verteilt: Die SchwimmerInnen – etwa 200 – mussten mit einem Strandabschnitt von etwa 200 Metern vorliebnehmen, den Großteil des Strands hatten etwa ein Dutzend SurferInnen für sich.
In Laredo war Schwimmen überall erlaubt. Trotzdem würde ich gewiss nie dort Urlaub machen: Denn der Ort ist, vorsichtig formuliert, keine Schönheit. Ein Hochhaus reiht sich an das andere. Und mein Weg vom Campingplatz zum Strand führte durch das Mini-Vergnügungsviertel des Städtchens. Sein Name Arenal – wie der Bade- und Partyort an der Südküste Mallorcas – ist Programm: Es ist ein Mini-Ballermann. Trotzdem habe ich es genossen, im Atlantik zu schwimmen, nur die Wellen hätten etwas höher sein dürfen.



Als idealen Ort für die Sonnenfinsternis hatte mein Mann eigentlich Cabo Busto, zwischen Gijon und A Coruna direkt am Atlantik gelegen, ausgesucht. Das war mir sehr recht. Denn die Gegend hat laut www.asturias.com eigentlich alles, was ich mir von einer Urlaubsregion wünsche: nette kleine Orte, beispielsweise Busto selbst und das nahe gelegene Luarca, schöne Strände, schroffe Felsen, wunderschöne Ausblicke und Wandermöglichkeiten. Ob das stimmt, konnte ich leider nicht überprüfen. Denn der Wetterbericht verhieß für den Tag der Sonnenfinsternis für die Küste nichts Gutes, sprich Wolken. Im Landesinneren sollte der Himmel dagegen wolkenlos sein.
Auf der Suche nach dem idealen Ort
Also auf nach Burgos. In die Hauptstadt der Provinz Kastilien und León wäre ich ohne die Sonnenfinsternis sicher nie gekommen. Und obwohl Hotels und Campingplätze der Region angeblich schon lange ausgebucht waren, waren auf dem Campingplatz Fuentes Blancas noch einige Stellplätze frei. Dass ich an der Rezeption fast eine Stunde warten musste, lag nicht an der Sonnenfinsternis, sondern vor allem daran, dass eine Frau vor mir eine ganze Gruppe anmeldete – und der Mitarbeiter mehr als 20 Ausweise kontrollieren und die Daten erfassen musste. Denn mit der Registrierung nehmen es die spanischen Behörden offenbar sehr genau. Von wegen manana, manana.
Der Weg vom Campingplatz in die Stadt führt immer am Río Arlanzón entlang – und in Burgos führt kein Weg an der Kathedrale vorbei, seit 1984 UNESCO-Weltkulturerbe. Ihre Größe und Pracht hat mich wirklich beeindruckt: An die Quer- und Seitenschiffe der ursprünglich kreuzförmigen Kirche wurden später Kapellen, ein Kreuzgang und der erzbischöfliche Palast angebaut. Im Innenraum sind unter anderem 19 Kapellen, 35 Gitter, 38 Altäre mit filigranen Altarbildern und kunstvoll gestaltete Kuppeln in luftiger Höhe zu bewundern – eins prächtiger als das andere.



Prächtig ist auch der Arco de Santa Maria, eines von zwölf mittelalterlichen Stadttoren – zumindest auf der Vorderseite. Sie wurde im 16. Jahrhundert im Renaissance-Stil umgebaut und mit aufwendig gemeißeltem Figuren, Wappensymbolen und Türmchen verziert. Die Rückseite präsentiert sich dagegen eher schlicht.



Obwohl Burgos direkt auf der Zentrallinie liegt, war von SoFi-Fieber dort nichts zu spüren. Das war in Olmillos de Sasamón ganz anders. In dem Dörfchen westlich von Burgos waren fast alle Häuser mit Planeten-, Science-Fiction und astronomischen Motiven geschmückt.



Auf dem Rastplatz, auf dem wir unsere Beobachtungsstation aufgebaut hatten, hielt sich das Interesse an der Sonnenfinsternis dagegen in Grenzen. Während auf Mallorca angeblich wegen des Besucherandrangs Straßen gesperrt wurden, wartete mit uns nur ein Paar aus Deutschland und eines aus Irland auf den Abend. Erst während der Sonnenfinsternis gesellten sich dann noch ein paar SpanierInnen hinzu. Wohl eher zufällig, denn sie hatten nicht einmal Sonnenschutzbrillen dabei.


Als die Sonne wieder aus dem Schatten des Mondes hervorkam und dann unterging, begann unsere Heimreise. Früher als geplant, denn meinen Mann plagten seit Beginn der Reise Zahnschmerzen. Und auch die Hitze machte ihm zu schaffen.
Abstecher in die Vergangenheit
Beaune, die vorletzte Station unserer Reise, hatte ich vor gut vier Jahrzehnten auf einer Geschichtsexkursion durch das Reich Karls V kennengelernt. Das erstreckte sich im 16.Jahrhundert von Spanien über Frankreich und Belgien bis nach Deutschland.
Schon zu Kaiser Karls Zeiten wurden im Hôtel-Dieu in Beaune kranke Menschen gepflegt. Es wurde laut Wikipedia schon im Jahre 1443 gegründet und bis 1971 als Hospital genutzt. besichtigt. Heute sind Teile des Gebäudekomplexes ein Altersheim, der Rest dient als Museum.
Natürlich haben wir auf unserer Exkursion damals das Hôtel-Dieu besichtigt. Dafür war es diesmal zu spät. Und so bin ich nur durch das Städtchen spaziert und habe die Häuser aus Spätmittelalter, Renaissance und Barock bewundert. Und ich habe mich wieder gefragt, wie viele Häuser, die wir heute bauen, auch nur annähernd so alt werden oder gar dann noch genutzt werden können.



Apropos alt und funktionsfähig. Mein Heimatort Neumagen beansprucht, der älteste Weinort Deutschlands zu sein. Denn der „römischen Dichter und Konsul Decimus Magnus Ausonius erwähnt in seiner „Mosella“ aus dem Jahr 368 n. Chr. das Kastell in Neumagen – damals noch Noviomagus – und die Weinberge an den Moselhängen. Außerdem weisen Funde aus der Römerzeit darauf hin, dass in Neumagen und Umgebung schon im dritten Jahrhundert nach Christus Wein angebaut und transportiert wurde.
Das Neumagener Weinschiff, das Grabmal eines römischen Weinhändlers, ist wohl das bekannteste Denkmal aus Neumagen. Fast zwei Jahrtausende später – von 2006 bis 2007 – haben Schreiner- und Zimmerer-Azubis in der Handwerkskammer Trier das Weinschiff aus Holz nachgebaut. Es ist fast 18 Meter lang, mehr als 4 Meter breit und etwa 14 Tonnen schwer. Bis zu 32 Menschen können mitfahren, rudern müssen sie zum Glück nicht.
Wir haben die Stella Noviomagi schon oft gesehen. Am letzten Tag unserer Spanienreise sind wir zum ersten Mal damit gefahren. Die Fahrt ging bis zur Moselloreley im Nachbarort Piesport, mit einem Zwischenhalt bei der römischen Kelteranlage. Die stammt aus dem 3./4. Jahrhundert nach Christus, wurde 1985/86 entdeckt, restauriert und ist laut Website des Weininstituts wieder voll funktionsfähig. In der Anlage, zu der mehrere Maischebecken, das Fumarium, d. h. eine Räucherkammer, und die große Baumkelter gehören, konnten die Römer schätzungsweise 60.000 Liter Wein keltern und verarbeiten.



Natürlich wurde an der Kelter auch ein Glas Wein kredenzt. Wir haben allerdings nur einen Schluck getrunken. Schließlich mussten wir noch zurück Burgwedel fahren. Nach zwei Wochen und mehr als 4000 gefahrenen Kilometern waren wir wieder zu Hause.
Fazit
Nein, es lief nicht alles wie geplant, aber das ist bei einer so langen Reise ja auch nicht zu erwarten. Vielleiicht wäre das ja sogar ein bisschen langweilig. Aber ich habe unterwegs viele schöne Orte und Dinge gesehen, viele interessante Gesspräche geführt – mit alten Bekannten und Menschen, die mir unterwegs begegnet sind und die ich wohl nie wieder sehen werde. Ich habe Neues entdeckt und Bekanntes wiederentdeckt, einige Anregungen bekommen und Manches gelernt. Ich bin an mehreren Flüssen entlangspaziert, habe im Atlantik gebadet und das schöne Wetter genossen – auch wenn es manchmal ziemlich heiß war. Und ich durfte mit der Sonnenfinsternis am 12. August ein beeindruckendes Naturschauspiel erleben – zum zweiten Mal in meinem Leben. Was will frau mehr.
Den Reisebericht meines Mannes Utz Schmidtko mit viele Fotos und einem Film von der Sonnenfinsternis finden Sie unter https://sternefueralle.wordpress.com/
