Vom Gehen im Schnee

Manchmal denke ich, ich bin für solche Touren zu alt. Oder nicht mehr fit genug. Zum einen natürlich, weil ich so alt bin. Zum anderen aber auch, weil ich – anders als früher – nicht genug, genauer gesagt gar nicht mehr trainiere. Das Ziel, jeden Tag 10.000 Schritte zu gehen, erreiche ich leider bei weitem nicht jeden Tag. Und so hat mich die Wanderung am vergangenen Sonnabend schon ans Limit gebracht – allerdings weniger wegen der Strecke, die wir zurückgelget haben, sondern mehr, weil wir die meiste Zeit durch den hohen Schnee gewandert sind.

Der lag mindestens kniehoch, und zeitweise waren wir die ersten Menschen, die dort gegangen sind, seit es geschneit hatte. Nur auf den ersten und letzten Kilometern konnten wir in die Fußstapfen anderer Wanderer treten. Manchmal sind wir den Spuren von Rehen oder Hirschen gefolgt, die aber offenbar nicht geradeaus gehen, wie wir Menschen es tun, sondern sich in Schlangenlinien bewegen. Warum, ist uns ein Rätsel. Betrunken waren sie sicher nicht; vielleicht folgen sie uralten Pfaden, umkreisen Bäume, die einmal dort gestanden haben, ehe wir Menschen sie gefällt haben, um für uns einen Weg durch den Wald anzulegen.

Tief verschneit: der Wegweiser zu unserem Ziel

Eigentlich wollten wir bis zur Marienteich, einem kleine See bei Torfhaus, wandern. Doch diesen Plan haben wir schon nach den ersten Metern im tiefen Schnee aufgegeben. Ich wäre wahrscheinlich schon nach dem ersten Kilometer umgekehrt, doch meine Begleiterin zog es zum Radauwasserfall – und sie zog mich mit. Zum Glück. Denn die verschneite Landschaft war wirklich wunderschön – und schließlich waren es laut Wanderapp ja bis zum Wasserfall nur fünf oder sechs Kilometer. Doch für die brauchten wir mehr als doppelt so lange wie bei „normalen“ Witterungsverhältnissen.

Der Brocken im Blick

Zum Glück stapfte Foe meist tapfer voran und bahnte mir einen Weg – 30 Jahre weniger und etliche Wanderkilometer mehr machen sich halt doch bemerkbar. Außer uns war niemand unterwegs – wir waren ganz allein und mir ist beim Gehen durch den tiefen Schnee wieder einmal bewusst geworden, wie klein wir Menschen in der Natur sind – und wie hilflos wie ihr ausgeliefert sind.

Menschen haben wir erst wieder am Radauwasserfall getroffen, doch die waren, anders als wir, mit dem Auto gekommen, um das im Herabstürzen gefrorene Wasser zu bewundern – ein wirklich beeindruckender und in den letzten Jahren seltener Anblick.

Dass wir vom Wasserfall wieder zurück nach Bad Harzburg mussten, hatte ich völlig verdrängt – und auch, wie lang dreieinhalb Kilometer sein können, wenn man müde wird und die Beine schwer. Und wenn der Schnee kniehoch liegt.

„Sei froh, dass du hier wandern kannst“, habe ich mir immer wieder gesagt. „Bin ich, nachher“, hat mein weniger leidensfähiges Ich geantwortet. Irgendwie musste ich an meinen ersten Marathonlauf denken, als ich kurz vor dem Ziel erschöpft aufgeben wollte – und es natürlich nicht getan habe. Hier war Aufgeben ohnehin keine Option – schließlich mussten wir ja nach Hause, und zwar zu Fuß.

Das dauerte länger als geplant, und am Ende war ich wirklich platt. Wie gesagt: Manchmal denke ich, ich bin für solche Touren zu alt. Oder nicht mehr fit genug. Aber es hat Spaß gemacht, und es war ein tolles Gefühl, durchgehalten zu haben. Und ich finde es schade, dass dies wohl die letzte Schneewanderung in diesem Winter war.

Winterwanderung

Den ersten und vermutlich auch den letzten Schnee dieses Winters habe ich am vergangenen Wochenende gesehen. Nicht hier, im norddeutschen Flachland, sondern im Harz. Schnee lag auch dort erst ab ungefähr 800 Meter. Nicht wirklich viel, aber genug für ein bisschen Winterfeeling.

Gemeinsam mit Foe Rodens bin ich an zwei Tagen ab Torfhaus, der Basisstation für Wanderer und Wintersportler, gewandert. Am Freitag ging‘s auf den Brocken, der uns als höchster Berg Norddeutschlands besonders schneesicher schien. In den vergangenen Jahren bin ich gut ein dutzend Mal dort hinauf gewandert – aber noch nie im Winter.

Mystisch: der Brocken im Winter und im Nebel

Die Wanderung im Schnee war ein besonderes Erlebnis – und besonders eindrucksvoll, weil irgendwann unterwegs die Sonne hervorkam und sich der Gipfel unter blauem Himmel präsentierte. Die Landschaft war teilweise im Nebel verschwunden, ich hatte das Gefühl, über den Wolken zu sein, wo die Freiheit ja angeblich grenzenlos ist. Und irgendwann stieg aus dem Nebel ein Heißluftballon hervor.

… und aus dem Nebel steiget …

Unser Wanderziel am Sonnabend hat Foe entdeckt. Zum Glück, denn ich hatte von der Wolfswarte bisher noch nichts gehört. Dabei liegt die Felsformation nur etwa dreieinhalb Kilometer von Torfhaus entfernt – und zählt bei Naturliebhabern zu Recht zu den schönsten Wanderzielen im Harz. Schöner als auf dem viel berühmteren Brocken ist es auf dem Nebengipfel des Bruchbergs allemal – und längst nicht so überlaufen.

Blick von der Wolfswarte über den Harz. Im Hintergrund Altenau

Von der Wolfswarte hat man einen herrlichen Panoramablick über den westlichen Oberharz, zum Beispiel auf Altenau und Teile des Okerstausees. Doch nicht nur wegen des Ausblicks lohnt die Wanderung: Schon der Weg dahin ist so, wie ich mir einen Wanderweg wünsche: schmal, naturbelassen, teilweise recht steinig und feucht und daher bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt recht glatt.

Der Weg ist das Ziel . Foto: Foe Rodens

Ich werde sicher wiederkommen – und vielleicht beim nächsten Mal von Altenau aus das Hochplateau erwandern. Dann werde ich auch den 927 Meter hohen Gipfel des Bruchbergs erklimmen und das Naturdenkmal Okerstein besuchen, ehe ich hoffentlich wieder bei Sonnenschein und höheren Temperaturen den Ausblick von der Wolfswarte genieße.