Meer und Feuerberge

Eine Woche Lanzarote, zum ersten Mal auf den Kanarischen Inseln, zum ersten Mal überhaupt außerhalb von Europa, zumindest geografisch. Wir landen nach vier Stunden Flug am Abend in einer anderen Welt. Schwarze Berge, riesige Steinfelder, in denen bizarre Felsen noch genauso aussehen wie vor fast 300 Jahren, als die Erde fünf Jahre Feuer spuckte und glühendes Magma über fast die ganze Insel floss, Menschenleben, Dörfer und fruchtbare Landstriche zerstörte. Ein Viertel der Insel war – und ist, so scheint es noch heute – mit Lava bedeckt.

Es gibt auf Lanzarote mehr als 300 Feuerberge (Montanas del Fuego), die je nach Gestein und Licht rot oder schwarz aussehen. Im Nationalpark Timanfaya soll der Film „Planet der Affen“ gedreht worden sein; die NASA testete hier vor der Landung auf dem Mond das Mondfahrzeug, verrät mein Reiseführer. An eine Mondlandschaft erinnern die schwarzen, kargen Geröllfelder wirklich – und daran, wie wenig Menschen im Ernstfall gegen die Natur  ausrichten können. Mein Mann, Amateur-Astronom, Weltraum- und Science-Fiction-Fan ist von der Landschaft begeistert; ich bin beeindruckt: Zum ersten Mal stehen wir in einem echten Vulkan.

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Im Vulkan

Aber mir fehlt schon bald das Grün. Pflanzen  und Tiere sind auf Lanzarote rar. Auf dem kargen Boden wachsen offenbar nicht einmal „Unkräuter“ freiwillig. Kanarienvögel, die ja von den Kanarischen Inseln stammen, haben  wir nur ein einziges Mal gesehen und gehört – in einem Käfig vor einem Café auf der Plaza Leon y Castillo in Haria.

Hier, im Tal der tausend Palmen im Norden der Insel, ist es grüner als an dem meisten anderen Orten: Es gibt nicht nur viele Palmen, die dem Tal seinen Namen gaben, in den Gärten blühen Bougainvilleen und Hibiskus. Gärtnern und Landwirtschaft sind hier eine mühsame Angelegenheit: Um einzelne Pflanzen werden runde Mäuerchen aus Lavagestein aufgeschichtet, um sie vor dem Wind und dem Austrocknen zu schützen. Steine gibt es auf der Insel zu Genüge. Wein wird auf Lanzarote auch angebaut, vor allem rund um La Geria im Süden der Insel. Die Rebstöcke werden oft nicht nur ummauert, sondern  in trichterförmigen Gruben gepflanzt. Welch ein Gegensatz zu den Weinfeldern und Weinbergen in Deutschland, Festlandspanien, Italien und Frankreich.

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Ummauert: Reben auf Lanzarote

Vom Mirador de Guinate in der Nähe von Haria hat man einen wunderschönen Blick auf die kleine Nachbarinsel la Graciosa. Und anders als beim berühmten, ein paar Kilometer nördlich gelegenen Mirador del Rio sind wir hier allein: Nur ein anderes deutsches Paar taucht kurz auf, schaut, fotografiert und verschwindet wieder. Der von César Manrique gestaltete Mirador del Rio gehört zu den größten Touristenattraktionen der Insel: Ein Besuch lohnt wirklich: des Ausblicks und der Architektur wegen.

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Kaffeepause mit grandiosem Ausblick auf La Graciosa.

Ein weiteres Highlight: die Jameos del Agua im Nordosten der Insel. In einem Lavastollen, angeblich dem längsten der Welt, ist an zwei Stellen die Decke eingestürzt. Dazwischen liegt ein mit Salzwasser gefüllter See, der smaragdgrün schimmert, wenn die Sonne durch das Loch in der Decke fällt. In das Schwimmbecken im  Jameo grande, dem größeren „Schornstein“, wäre ich am liebsten reingesprungen, doch das ist ebenso verboten wie Münzen in den unterirdischen See zu werfen. Das verträgt nämlich der weiße Mönch gar nicht, der im Lagunensee lebt. Für alle, die sich mit Fauna ebenso wenig auskennen wie ich: Der weiße Mönch ist ein blinder Höhlenkrebs, der nur noch auf Lanzarote lebt. Gesehen haben wir ihn nicht – und ich bedaure das nicht wirklich, denn er sieht angeblich eher aus wie eine Spinne und ist gerade mal zwei Zentimeter groß. Gestaltet wurde die Grotte übrigens ebenfalls von César Manrique – dem Maler, Bildhauer und Architekten, an dem auf Lanzarote kein Weg vorbeiführt.

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Die unterirdische Heimat des weißen Mönchs

Mit seiner Malerei kann ich zugegebenerweise nicht  viel anfangen, auch seine Skulpturen und das Haus in Haria, in dem Manrique  in den letzten Jahren vor seinem Tod gelebt hat, fand ich nicht so toll. Als Architekt hat  mich Manrique eher überzeugt. Das von ihm gestaltete  Haus in Tahiche ist wirklich sehenswert (wenn es auch nicht an Dalis Haus in Cadaques heranreicht, an das es mich erinnert hat). Es steht auf einem Grundstück, das beim Vulkanausbruch von 1730 mit Lavaströmen bedeckt wurde. Die untere Etage besteht aus fünf Höhlen, durch unterirdische, teilweise weiß gekalkte Stollen gelangt man von einer Vulkanblase in die andere. Die Einrichtung und die Kunstwerke passen einfach, es ist toll anzusehen: Kunst, Architektur  und Natur verschmelzen wirklich gekonnt – aber leben möchte ich unter der Erde sicher nicht.

Wohnen im Vulkan DSC_7077
Wohnen im Vulkan

Ein echter Gegensatz:  Der letzte Abend in der Bar des Gran Hotels in Arrecife. Die liegt im 17. Stock und man genießt einen tollen Blick über die Stadt. Das Gran Hotel ist übrigens das einzige richtige Hochhaus in der Inselhauptstadt. Das ist sicher auch Cesar Manrique zu verdanken, der sich beispielsweise dafür eingesetzt hat, dass in Puerto del Carmen, dem größten Touristenort der Insel, seit den 70er-Jahren nur noch ein- und zweigeschossig gebaut werden durfte.

Ach ja, gewohnt haben wir im Hotel Lancelot in Arrecife. Eine gute Entscheidung, auch wenn wir am am ersten Tag Probleme hatten, es zu finden. Weil die Straße vor dem Hotel gesperrt war, sind wir mehrmals im Kreis gefahren. Später hat uns dann das Navi sicher aus der Stadt raus und über die Insel gelenkt – und uns dabei viel Spaß bereitet. Unser Smartphone-Navi spricht nämlich noch schlechter Spanisch als ich, aus Calle Leon y Castillo wurde dann beispielsweise Calle Leon ypsilon Castillo.

Unser Hotel lag übrigens direkt am Strand. Vom Balkon im dritten Stock hatten wir einen tollen Blick aufs Meer. Einfach zwischendurch mal zu schwimmen war deshalb kein Problem. Der Service war prima, Abend- und Frühstücksbuffet auch (ein bisschen mehr Käse beim Frühstück wäre allerdings gut).

Insgesamt: ein schöner Urlaub, tolles Wetter, viele Impressionen. Wir haben viel gesehen, auch dank Jeanette, einer Freundin, die seit über 20 Jahren auf der Insel lebt und uns viele gute Tipps gegeben hat. Ob ich wiederkomme: Irgendwann vielleicht. Es war interessant, aber Lanzarote ist nicht meine Insel: zu karg, zu viele Steine, zu wenig grün. Aber im Winter, wenn es in Deutschland kalt und ungemütlich ist, sicher eine Alternative.

Rhapsodie in Lila: Rosen, Rittersporn

Manchmal denke ich, ich habe eine Chance – die Chance, dass es in meinem Garten nur einmal halb so toll aussieht wie in den zahlreichen Gartenbüchern, die ich mein eigen nenne. Wenn die Rose Rhapsodie in Blue, die ich im vergangenen Jahr von unseren Nachbarn geschenkt bekommen habe, nicht nur blüht, sondern auch duftet und ich voller Stolz feststelle, dass sie farblich toll zum lilanen Fingerhut und zur rosa Rose daneben passt.

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Rosen, Fingerhut und Buchsbaum-Stier

Wenn nach mehreren Versuchen an verschiedenen Standorten endlich ein Rittersporn überlebt – dass die Lupinen daneben nicht einmal halb so groß werden wie die im Garten meiner Nachbarin nehme ich dafür gerne in Kauf.

 

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Kleine Lupine, großer Rittersporn

Auf das Rundbeet, das wir im vergangenen Jahr (oder war es schon vor zwei Jahren) angelegt haben, bin ich wirklich stolz. Es ist fast so schön (wenn auch viel kleiner) wie  der Garten bei der Kunstscheune in Barnstorf, der für mich ein Vorbild war. Hier wachsen neben Rittersporn auch endlich wieder Stockrosen, die aus irgendeinem Grund vor Jahren aus unserem Garten ausgewandert waren, und diverse Rose: richtige Rosen, dazu eine Pfingstrose (noch sehr klein) und eine Christrose (dito), außerdem  eine Teehortensie, Lavendel und mehrere Erdbeerpflanzen. Ich mag es wild und bunt.

Natürlich ist das viel zu viel in dem kleinen Beet, und es war garantiert ein Fehler, noch zwei Tomatenpflanzen dazwischen zu quetschen, nur damit sie sich an den beiden Metallstangen in der Mitte emporranken können. Aber als ich sie vor gut einem Monat, noch vor der letzten Eisheiligen, gepflanzt habe, waren die Pflanzen in der Nachbarschaft noch recht klein – und überall noch soooo viel Platz.

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Wider heimisch: Fingerhut, hier mit Lilien

Ich gebe es zu: Ich habe die Natur und ihre Kraft mal wieder unterschätzt. Und natürlich hatte ich mal wieder keinen Plan. Weniger wäre mehr, aber jetzt ist wohl nicht der richtige Zeitpunkt, umzupflanzen. Die kalte Sophie konnte ihnen nichts anhaben, vielleicht ist das ein gutes Zeichen. Vielleicht spornt sie das Gedränge um sie herum an. Die Erdbeeren scheinen auf jeden Fall sehr wohl zu fühlen; sie sind größer und kräftiger als ich sie von dem Garten meiner Eltern an der Mosel in Erinnerung habe. Und sie tragen viele Früchte: Ich hoffe auf reiche Ernte. Die ersten drei Beeren haben wir heute probiert, garantiert biologisch, ohne Dünger und ohne Pflanzenschutzmittel.

Kunst in Burgwedel

Ich bin ein Kunstbanause. Was Malerei (und leider auch Musik) angeht, bin ich völlig talentfrei, ambitions- und ahnungslos. Wenn ich ein Bild sehe, kann ich sagen: gefällt mir oder gefällt mir nicht. Wenn es hoch kommt, weiß ich auch noch, warum (wegen der Farben, wegen des Motivs (Noldes Mohnblumen zum Beispiel) oder einfach nur so. Die Qualität eines Bildes oder einer Skulptur kann ich indes nicht beurteilen. Ist es Kunst, Kunsthandwerk oder nur Kitsch? Ich weiß es nicht – und es ist mir irgendwie auch egal.

Ich habe zwar keine Ahnung von Kunst, aber ich interessiere mich sehr dafür, wie Künstler leben und arbeiten. Vielleicht hoffe ich insgeheim, dass es mich inspiriert (wenn schon nicht zum Malen, dann doch zum schreiben); ein Schuss Voyeurismus ist zugegebenerweise auch dabei. Aus diesem Grund ist Kunst in Bewegung für mich ein Pflichttermin. Seit 2006 öffnen Künstler – Profis und Amateure – einmal im Jahr ihre Ateliers und ihre Gärten oder präsentieren in öffentlichen Gebäuden, zum Beispiel im Rathaus, in der Seniorenbegegnungsstätte oder im Amtsgericht, ihre Werke.

In den ersten Jahren sind die Burgwedeler in Scharen von einem Ausstellungsort zum anderen gezogen; die meisten mit dem Fahrrad oder zu Fuß, weil Burgwedel zwar offiziell Stadt, aber eigentlich ein überschaubares Dorf ist. Ich erinnere mich genau, dass sich im Atelier eines der Initiatoren zehn oder mehr Leute drängten. Kunst in Bewegung hat viele bewegt. An diesem Wochenende war, so scheint es mir, das Interesse geringer. Irgendwie hat die Veranstaltung ein wenig von ihrem Charme eingebüßt. Der lag für mich (nicht nur, aber) auch in der privaten Atmosphäre, die in den letzten Jahren verlorengegangen ist. Ich mochte den Blick hinter die Kulissen und  finde es schade, wenn auch verständlich, dass nicht mehr so viele Künstlerinnen und Künstler ihre Ateliers öffnen wie in dern ersten Jahren. Außerdem machen einige meiner Lieblingskünstlerinnen wie Christina Jehne nicht mehr mit. Andere sind nach Wettmar „abgewandert“.

Deshalb habe ich mich diesmal auf ein Kurzprogramm, d. h. auf die privaten Ausstellungsorte beschränkt, auf den verwunschenen Garten von Elke Seitz beispielsweise mit den zahllosen Spiegeln. Ich war bei Lieselotte Schuster und natürlich im Atelier von Inka Dybus. Ihre Glaskunstwerke faszinieren mich immer wieder – besonders toll wirken sie in ihrem Garten: ein Gesamtkunstwerk.

Im Spiegel - im Garten von Elke Seitz
Im Spiegel – im Garten von Elke Seitz

 

Inka Dybus - Glaskunst im Garten
Inka Dybus – Glaskunst im Garten

 

Atelier von Inka Dybus
Atelier von Inka Dybus

Nächste Woche geht’s weiter – bei Sommerspaziergang in Wettmar.

Leineaue per Rad

Manchmal liegt das Gute ganz nah, beispielsweise im Süden von Hannover, wo Leine, alte Leine und zahlreiche Teiche und Tümpel eine Wasserlandschaft ganz nach meinem Geschmack bilden.

Schon die Fahrt mit dem Rad von Limmer nach Süden führt immer am Wasser, an Ihme und Leine, lang. Mal auf der rechten, mal auf der linken Flussseite. Der Uferwechsel ist dank zahlreicher Brücken jederzeit möglich. Am Stadion, in dem ab der nächsten Saison nur noch Zweitliga-Fußball zu sehen sein wird, lassen wir Maschsee und Leine links liegen und fahren durch die Leineaue. Hier merkt man nicht, dass man eigentlich noch in der Großstadt ist. Ein naturbelassener (für uns namenloser) Bach schlängelt sich durch Wiesen und durchs Unterholz.

Idyll - mitten in der Großstadt
Natur – mitten in der Stadt. Foto: Nele Schmidtko

An den Ricklinger Teichen, der Costa Kiesa Hannovers, herrscht schon Hochbetrieb. Drei Seen, der Dreiecksteich, der Sieben-Meter-Teich und der Große Teich, werden als Badeseen genutzt. Ein paar ganz Mutige wagen sich sogar schon ins Wasser, die meisten beschränken sich aufs Sonnenbaden.

Nicht nur Menschen ziehen die Teiche im Süden von Hannover magisch an.  Die meist durch Kiesabbau entstandenen Seen sind inzwischen ein wichtiger Lebensraum für Wasservögel. Im Naturschutzgebiet Leineaue wurden mehr als 240 als Gast- bzw. Brutvögel nachgewiesen, darunter allein etwa  60 Wasser- und Watvogelarten, außerdem viele Fledermäuse, Schmetterlinge und Insekten- sowie seltene Pflanzen wie Schwanenblume, Wiesen-Alant, Breitblättriger Stendelwurz oder Flatter-Ulme, die ich leider nicht (er)kenne, wenn ich sie sehe.

Mit Vögeln kennt sich zumindest Nele dagegen sehr gut aus. Nachtigall, Eisvogel, Rotmilan und Fischadler soll es hier geben. Wir sehen neben diversen Enten, Gänsen, Schwänen und Blesshühnern  einen Reiher, mehrere Greifvögel und  bei Grasdorf dann ein Storchennest. Die Jungen müssen schon geschlüpft sein, weil der Storch nicht mehr brütet, sondern im Nest steht.

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Storch im Anflug. Foto: Nele Schmidtko

Während Nele beobachtet und fotografiert, kommt der zweite Storch zurück. Er wird mit Geschnäbel begrüßt und löst seinen Partner oder Partnerin ab, der/die bis dahin geduldig auf dem Nest ausgeharrt hat. Zwei oder sogar drei Junge glauben wir zu sehen. Vielleicht gelingt es den Storcheneltern ja in diesem Jahr wieder, ihren Nachwuchs aufzuziehen. In den vergangenen beiden Jahren hat es nicht geklappt, wie eine Informationstafel in der Nähe des Horsts verrät. Dabei finden sie auf den feuchten Wiesen entlang der alten Leine und an den Seen um Koldingen sicher reichlich Nahrung.

Ein Wiesel nähert sich uns bis auf wenige Meter, ehe es im Gebüsch verschwindet. Jetzt fehlen von den Tieren aus dem Thalerwald, die meine Tochter als Kind geliebt hat, nur noch Fuchs, Dachs und Kröte. Zumindest die Kröten verstecken sich aus gutem Grund, solange die Störche und ihr stets hungriger Nachwuchs so nah sind.

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Koldinger Teiche. Foto: Nele Schmidtko

Obwohl ich schon so lange in Hannover lebe, kenne ich die Koldinger Seen bislang nur vom Vorbeifahren mit dem Zug. Schade. Ich habe definitiv etwas verpasst. Und natürlich packt mich der Neid: Wie gerne hätte ich diese Seenlandschaft vor der eigenen Haustür. Aber ich komme gewiss wieder, spätestens im Herbst, wenn Tausende Zugvögel hier einen Zwischenstopp auf ihrer Reise in den Süden einlegen.

Hannover entdecken

Ich habe mir ein Monatsticket gekauft, mit dem ich einen Monat lang, bis Anfang Juni, alle Busse, U-Bahnen und Regionalbahnen im Großraumverband Hannover – kurz gvh –benutzen kann. Das Ticket für alle Zonen kostet mehr als 100 Euro – dafür bekomme ich etwa 13 Tagestickets. Deshalb rechne ich vorher genau nach, ob sich eine Monatskarte lohnt. In diesem Monat lohnt sie sich, weil ich viele Termine in der Stadt habe: eine fünftägige Fortbildung, einen Arzttermin, außerdem habe ich Karten für das Gartenfestival in den Herrenhäuser Gärten. Mit dem Ticket kaufe ich mir auch ein Stück Freiheit: Ich kann spontan losziehen, um die Stadt und die Region mit Öffis zu erkunden. Ich kann zeitweise mein Fahrrad und am Abend sowie am Wochenende auch einen Erwachsenen kostenlos mitnehmen.

Das Treffen an Christi Himmelfahrt mit meiner Tochter in den Herrenhäuser Gärten hätte es ohne das Ticket sicher nicht gegeben: einfach mal für ein, zwei Stunden in die Stadt fahren, ohne triftigen Grund, einfach weil es mir in den Sinn kommt, gönne ich mir nur selten, wenn ich dafür extra eine Fahrkarte kaufen muss. Auf dem Bahnhof treffe ich eine Bekannte mit Fahrrad und kann sie mitnehmen, weil Feiertag ist. Ich freue mich, dann weil so das Ticket doppelt nutzt.

Nele und ich sind an den  Herrenhäuser Gärten verabredet. Spätesten als ich mit der Straßenbahn am öffentlich zugänglichen Teil der Gärten, dem Georgengarten, vorbeifahre, weiß ich, dass wir nicht die einzigen waren, die diese Idee hatten. Überall liegen oder sitzen, spielen oder spazieren Leute auf dem Rasen, allein oder paarweise, in kleineren oder größeren Gruppen. Weil Vatertag ist, sind vor allem viele junge Männer mit ihren Kumpels unterwegs. Ihre Kinder, denen sie diesen Feiertag verdanken, haben sie zu Hause gelassen, falls es sie denn überhaupt schon gibt. Die meisten, vermute ich, sind kinderlos. Je jünger und je weniger Kinder, desto höher der Alkoholpegel, so scheint es.

Es ist schon merkwürdig, dass potenzielle Väter, lange bevor sie Väter werden, diesen Umstand feiern. Dass junge Frauen am Muttertag losziehen und sich öffentlich betrinken, habe ich noch nie gesehen. Aber ich werde es am Sonntag beobachten. In diesem Jahr liegen Vater- und Muttertag ungewöhnlich eng zusammen.

Im Berggarten explodiert die Natur. man sieht es besonders am Staudengrund. An Ostern waren die Ufer des künstlichen Bachs noch kahl – jetzt verschwindet der Wasserlauf fast unter den üppig wuchernden Pflanzen. Nur die Frösche halten sich noch merkwürdig zurück: Im vergangenen Jahr quakten hunderte im Moorweiher um die Wette, jetzt ist nur gelegentlich ein eher schüchternes Quak zu hören. Zu sehen ist noch keiner. Aber vielleicht war es Ihnen bislang zu kalt. Ich könnte es gut verstehen.

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Staudengrund Ostern (Ende März) …
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… und an Christi Himmelfahrt (5. Mai)

Den Georgengarten habe ich bislang eigentlich noch nie wirklich wahrgenommen, obwohl ich schon seit fast 30 Jahren in Hannover lebe und seit einigen Jahren oft in den Herrenhäuser Gärten bin. Jetzt zeigt mir meine Tochter die Teiche – sie kennt meine Sehnsucht nach Wasser. Es ist idyllisch hier, trotz der vielen Leute. Schade, dass ich bisher immer achtlos an diesem Teil der Gärten vorbeigegangen bin. Es wird Zeit, Hannover zu entdecken.

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Georgengarten in Hannover

 

 

Wandern für Anfänger

Ich bin in den vergangenen zwölf Monaten zum Couchpotatoe mutiert. Zu meiner Ehrenrettung muss ich sagen: Wider Willen, denn eigentlich bewege ich  mich sehr gerne. Bis zu meiner Knieverletzung  war ich eine ganz passable und begeisterte Läuferin. Ich bin schon gejoggt, als joggen noch langstreckenlaufen hieß.

Doch seit einem Jahr läuft’s leider nicht mehr.  Auch eine Meniskus-OP im vergangenen Dezember hat daran bislang nichts geändert, im Gegenteil. Das Training auf dem Crossstepper ist für mich nur eine Notlösung und auch gehen ist nicht wirklich mein Ding. Es geht mir nicht schnell genug. Dabei täte es mir wahrscheinlich gut, es einmal ruhiger angehen zu lassen –nicht nur sportlich. „Wandern ist die vollkommenste Art der Fortbewegung, wenn man das wahre Leben entdecken will. Es ist der Weg in die Freiheit“, behauptet Elizabeth von Arnim. Grund genug, es auch einmal gehend zu versuchen.

Als ich letztens  eine Woche an der Mosel war, habe  ich es immerhin geschafft,  fast jeden Tag spazieren zu gehen oder zu wandern. Mal mit Freunden, mal allein, meist mit Blick auf den Fluss. Denn das Wasser vermisse ich im Norden  immer mehr,  je älter ich werde. Einer meiner Lieblingswege in der alten heimat: der erste Teil des Römersteigs von Trittenheim  bis zur Konstantinhöhe hoch auf dem Berg. Auf der steilen Treppe am Anfang des Wegs merke ich, dass mein Knie noch lange nicht in Ordnung ist – und dass meine Kondition nach einem Jahr fast ohne Sport sehr zu wünschen übrig lässt. Nach der Treppenetappe geht’s auf einem Weinbergsweg nach oben: durch die noch kahlen Weinberge, die an der Mosel Wingerte heißen, auf einem Pfad ganz nach meinem Geschmack: schmal, naturbelassen, mit schönem Blick auf die Mosel.

Auf dem Weg zum Fährfels-Plateau DSCN0228
Auf dem Weg zum Fährfelsplateau.

Kurze Pause auf dem kleinen Fährfelsplateau – in der Sonne sitzen, lesen und schreiben mitten in den Weinbergen. Wer allerdings auf der Bank sitzend den Tisch erreichen will, braucht längere Arme als meine.

Leider endet der schmale Pfad schon bald, weiter geht‘ s auf einem breiten Wirtschaftsweg – allerdings entschädigt der Ausblick auf die Mosel für die „Wanderautobahn“. Bei der Abzweigung Schieferhöhlen/Konstantinhöhe wird’s wieder besser. Den anspruchsvolleren Klettersteig, der auf der linken Seite auf die Höhe führt,  schafft mein lädiertes rechtes Knie noch nicht, also nehme ich den schmalen Waldweg zur Linken, der etwas weniger steil  zur Konstantinhöhe führt. Die verdankt ihren Namen dem römischen Kaiser Konstantin. Ihm soll hier – oder vielleicht auch an einer anderen Stelle auf dem Neumagener Berg – im Traum ein leuchtendes Kreuz Himmel erschienen sein und Christus soll ihm geraten haben, es gegen seine Feinde einzusetzen: in hoc signo vinces – in diesem Zeichen wirst du siegen. Konstantin befahl  daraufhin das Kreuz als Feldzeichen zu verwenden, berichtet Eusebius von Caesarea in seiner Biographie Kaiser Konstantins – und besiegte seinen Gegner Maxentiuns 312 an der Milvischen Brücke.  Der Schrift­stel­ler Lak­tanz schreibt, Konstantin habe den Traum in der Nacht vor der Schlacht gehabt.  Wie er es dann rechtzeitig vom Neumagener Berg bis nach Italien geschafft hat, wissen die Götter. Ich habe jedenfalls keine Vision, dafür genieße ich den Ausblick, auch wenn sich die Sonne ein bisschen verzogen hat. Dann geht’s zurück, statt über den Berg nach Neumagen wieder nach Trittenheim.

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Konstantinhöhe über Trittenheim

Zwei Tage später wandere ich einen weiterer Teil des Römersteigs: Von Piesport gehe ich an der Mosel entlang zurück Richtung Neumagen. Kurz hinter Ferres, einem Mini-Dorf mit gut einem Dutzend Häusern, geht’s wieder über eine steile Wingertstreppe den Berg hoch. Wieder macht sich das fehlende Training bemerkbar und ich bewundere die Männer, die im Herbst den ganzen Tag über diese Treppe die Trauben mit in einer zentnerschweren Hotte hoch- oder runtertragen. Auch das Traubenlesen hat im Steilhang seine Tücken, das weiß ich aus Erfahrung: Wenn der Eimer mal losrollt, gibt es kein Halten mehr.

Den DIN-Normen entspricht diese Treppe gewiss nicht: keine der steinernen Stufen gleicht der anderen. Mir ist’s recht, mir gefällt sie wesentlich besser als die 0815-Betonversion in Trittenheim.

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Nix mit DIN – Moselsteig Teil 2

Doch leider ist der zweite Teil der Treppe gesperrt, die zum verbotenen Heck führt. Der „Wanderpfad mit alpinem Charakter“ soll an der Schutzhütte Weislei enden. Weil ich den Weg nicht kenne, nur wenig Zeit habe und sich dunkle Wolken am Himmel zusammenballen, folge ich den Römersteig-Schildern. Die Umleitung entpuppt sich bis auf eine kurze Zwischenetappe wieder als breiter Wirtschaftsweg; auch hier entschädigt wieder der Blick auf die Mosel. Doch ein richtiger Wanderweg ist der Römersteig leider nicht. Zu viel gut ausgebaute Rad und Wirtschaftswege, zu wenig schmale, naturbelassene Wanderwege. Schade.

Doch ich gebe dem Wandern eine Chance: Beim nächsten Moselbesuch werde ich auf der verbotenen Treppe zum verbotenen Heck wandern. Und demnächst geht’s im Harz auf dem Hexenstieg – 97 Kilometer von Osterode nach Thale. Schluss mit Couchpotatoe.

Ärger mit Untermietern

Wir haben die Wohnung unserer Untermieter geräumt. Sie sind schon vor einigen Monaten ausgezogen, ohne sich zu verabschieden und ohne ihre Einrichtung mitzunehmen. Wirklich traurig waren wir über den Auszug nicht. Wir hatten heimlich darauf gehofft, dass sie uns nach einigen Monaten wieder verlassen würden. Denn gut war unser Verhältnis nie, genau gesagt: Ich habe sie nie besonders gemocht. Obwohl es – ich muss es zugeben – eigentlich keine Konflikte gab. Sie waren ruhig, meist haben wir ihre Anwesenheit gar nicht bemerkt. Nur wenn sie sich gestört fühlten, reagierten sie ungehalten. Doch Störungen ließen sich leider nicht immer vermeiden. Die Kommunikation zwischen uns funktionierte einfach nicht. Wir fanden nie die gleiche Wellenlänge. Sie suchten keinen Kontakt – und wir auch nicht. Jeder ging seiner Wege. Unsere Lebensgewohnheiten waren einfach zu unterschiedlich – und manche Missstimmung zwischen uns beruhte  wahrscheinlich auf Missverständnissen.

Als ich beispielsweise einmal bei starkem Regen die Rollläden in meinem Zimmer herunterlassen musste, waren sie sehr aufgebracht. Wütend versuchten sie, in mein Zimmer einzudringen und es ist mir gerade noch gelungen, das Fenster rechtzeitig zu schließen. Ich hatte bis dahin gar nicht bemerkt, dass sie eingezogen waren und fühlte mich ehrlich gesagt sogar ein bisschen bedroht.

Seither traute ich ihnen nicht mehr wirklich– auch wenn ich nicht alle Horrorgeschichten glaubte, die über sie erzählt werden. Dass sie zu siebt ein Pferd getötet haben beispielsweise und dass sie das immer wieder tun würden. Und dass auch Menschen nicht vor ihnen sicher sind, wenn man sie reizt. Trotzdem bin ich ihnen nach unserem ersten Zusammentreffen aus dem Weg gegangen und habe den Raum neben ihrem einfach möglichst wenig benutzt. Das war zwar nicht schlimm, weil ich im Sommer ohnehin lieber im Wintergarten arbeite – dennoch fühlte ich mich ein wenig eingeschränkt. Schließlich ist es unser Haus, nicht ihrs.

Vielleicht haben sie gespürt, dass sie nicht wirklich willkommen waren. Sie haben zwar nie etwas gesagt, aber im Herbst waren sie dann so plötzlich verschwunden, wie sie gekommen waren. Dass sie ihre Einrichtung und ihre Abfälle nicht mitgenommen haben, hat vor allem meinen Mann geärgert, weil er ihre Wohnung ausräumen musste. Ich fand es interessant zu sehen, wie sie sich eingerichtet hatten: Sie hatten den ohnehin kleinen Raum in mehrere Bereiche unterteilt. Besonders stabil war die Einrichtung nicht und wir konnten sie ohne große Kosten entsorgen.  Jetzt landet alles auf dem Müll – wir wollen keine Nachmieter mehr.  Unsere alten Mieter hatten ohnehin nie Miete bezahlt.

Warum wir sie überhaupt so lange geduldet haben, wollt ihr wissen. Nun ja: Wir haben ein Herz für Tiere, sind gesetzestreue Bürger – und Hornissen stehen bekanntlich unter Artenschutz.

 

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Vor der Räumung: Verlassenenes Hornissennest. Foto: Utz Schmidtko

 

 

Anne Frank

Das Tagebuch der Anne Frank.  Großes Kino, wenig Publikum. Wieder ein typischer Frauenfilm: 16 Frauen, die meisten fast oder über 60 und ein Mann. Für mich ein Muss. Anne Frank führte das Tagebuch von seit ihrem 13. Geburtstag – von Juni 1942 bis zum 1. August 1944, drei Tage bevor sie verhaftet und deportiert wurde – zunächst ins niederländische Lager Westerbork, dann nach Auschwitz und schließlich nach Bergen-Belsen. Dort starben sie und ihre Schwester Margot Frühjahr 1945, kurz vor dem Kriegsende in Bergen-Belsen. Ihre Eltern hatten sich für das falsche Land entschieden, als sie 1934 mit den Kindern vor den Nazis aus Deutschland flüchteten. Als die Deutschen das Nachbarland besetzten, waren die Niederlande kein sicherer Ort mehr.

Von den acht Menschen, die im Hinterhaus untergetaucht waren, überlebte nur Annes Vater Otto Frank. Er veröffentlichte 1947 die Tagebücher seiner Tochter. Die erste Auflage, vom  Juni 1947 mit 3.000 Exemplaren  war schnell vergriffen,  schon im Dezember erschien die zweite, im Februar 1948 dann die dritte Auflage – inzwischen mit 10.000 Exemplaren. In Deutschland erschien Anne Franks Tagebuch erstmals 1950. Inzwischen wurde das Buch in  fast alle Sprachen übersetzt – es wurde mehrmals verfilmt und 2009 von der UNESCO in das Weltdokumentenerbe aufgenommen. Der Erfolg ihrer Tagebücher hätte Anne selbst sicher sehr überrascht.

„Ich nehme an, dass später weder ich noch jemand anders Interesse haben wird an den Herzensergüssen eines dreizehnjährigen Schulmädels“, schrieb sie am 20. Juni 1942, kurz nach ihrem Geburtstag. Wie sehr hat sie sich sehr geirrt.

Ich habe das Tagebuch 1973 gekauft und gelesen – damals war ich fast 17, und schon älter, als Anne geworden ist. Inzwischen habe ich drei  verschiedene Ausgaben, aber die älteste, aus dem Jahr 1972, ist mir die liebste, obwohl es inzwischen sicher bessere, textkritischere Ausgaben gibt.

Die Blätter sind vergilbt, einige schon brüchig und einige Seiten lösen sich. Ich habe es mehrmals gelesene – und immer wieder wundere ich mich, wie erwachsen Anne war, mit gerade einmal 13, 14 oder 15. Aber wahrscheinlich musste sie sehr schnell erwachsen werden. Ständig in Lebensgefahr, eingesperrt mit Erwachsenen, die versuchten, sie zu erziehen, wie sie beklagte.

Schon bevor sie im Hinterhaus untertauchen musste, hatte Anne kein normales Leben. Vieles war verboten, weil sie Jüdin war –  Schwimmen, Rad fahren, ins Kino gehen, leben. Sie hatte große Pläne für die Zeit danach:

Reisen wollte sie und studieren, Kunstgeschichte in Paris und London. Sie träumte davon, Journalistin und später eine berühmte Schriftstellerin zu werden. „Nach dem Krieg will ich auf jeden Fall ein Buch mit dem  Titel ‚Das Hinterhaus‘ veröffentlichen, ob das gelingt, bleibt noch die Frage, aber mein Tagebuch wird dafür dienen können“, schrieb sie am 11. Mai 1944 in ihr Tagebuch. Sie überarbeite im Hinterhaus ihr Tagebuch, schrieb kurze Geschichten, die jetzt in von Reclam veröffentlicht wurden (Anne Frank: Denn schreiben will ich. Aus den Tagebüchern und anderen Werken. Reclam 2016)

Eins wollte Anne nicht: Sie wollte nicht leben wie ihre Mutter und viele andere Frauen, die „ihre Arbeit machen und später vergessen sind“. Anne Frank durfte gar nicht leben. Zumindest ein Wunsch hat sich erfüllt. „O ja, ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen.“

Los geht’s: Start in die Gartensaison

Vorgestern, Ostersamstag, der erste richtige Frühlingstag. Wir eröffnen die Gartensaison. Wo geht das besser als in den Herrenhäuser Gärten, die angeblich zu den schönsten Parkanlagen Deutschlands gehören. Das kann ich nicht beurteilen, weil ich zu wenige Parkanlagen kenne. Aber die Herrenhäuser Gärten sind wirklich toll. Ich mag vor allem den Berggarten, mit dem Großen Garten kann ich wenig anfangen, zu akkurat, wie mit dem Lineal gezogen, die Pflanzen, von den Menschen zurechtgestutzt und zurechtgebogen. Einmal saßen etwa zehn Gärtner nebeneinander in einem Bett, schnitten winzige Pflanzen – wenn ich mich recht erinnere, war es Buchs – in Form. Dass ich keine Kamera dabei hatte, bedaure ich noch heute.

Im Berggarten dürfen die Pflanzen zwar nicht wachsen, wie sie wollen, aber man hat das Gefühl, dass sie es dürfen. Und der Garten sieht jedes Mal, wenn ich dort bin, anders aus.

Das Tropenhaus ist zurzeit gesperrt, schade, kein Besuch bei den Wasserschildkröten. Wenn ich Zeit habe, sitze ich gerne unter riesigen Pflanzen an den beiden Becken und bilde mir ein, irgendwo in den Tropen zu sein. Warm genug ist es selbst im Winter, und hier, in Hannover, muss ich keine Angst vor Schlangen, Spinnen und anderen Tieren haben. Kurzbesuch im Orchideenhaus: Ich mag Orchideen nicht besonders und würde mir keine auf die Fensterbank stellen. Aber hier, wo sie üppig wuchern, faszinieren sie mich doch. Vor allem gefällt mir der Duft – jedes Mal anders, jedes Mal aufs Neue schön. oder vielleicht besser – betörend?

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Wie ein Star-Trek-Symbol, behauptet meine Tochter: Orchidee in den Herrenhäuser Gärten.

Draußen blüht noch nicht wirklich viel, es war bis jetzt vor allem nachts einfach zu kalt. Tulpen, Osterglocken, Narzissen, Schneeglöcken und natürlich Scilia, vor allem auf der Wiese am Mausoleum. Der Moorweiher ist noch ziemlich karg und ruhig, in ein paar Wochen sitzen hier hunderte Frösche dicht an dicht und quaken um die Wette.

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Wieso hier und nicht bei mir: Tulpen im Berggarten

Im Staudengrund, einem meiner Lieblingsplätze, fließt zwar schon Wasser, aber auch hier trauen sich noch keine Pflanzen heraus. In ein paar Wochen wird der künstliche  Bach fast unter dem Grün verschwunden sein. Und ich werde wieder Fotos machen, um sie zu Hause, in unserem Garten, diversen Pflanzen zu zeigen, die ihr Eigenleben führen und nicht wollen, wie ich will: Seht ihr, so solltet ihr eigentlich aussehen. Genutzt hat es bislang noch nicht, aber man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben.

Zum Schluss zur Grotte im Großen Garten: Die wurde zwar schon 1676 erbaut, doch nachdem die Muscheln, Kristalle. Glas und Mineralien, die sie ursprünglich schmückten, entfernt worden waren, diente die Grotte nur noch als Lagerraum. Erst zur Expo 2000 wurde sie restauriert – und dann nach den Plänen von Niki Saint Phalle neu gestaltet.

Die Nanas am Leineufer mag ich nicht besonders, aber die Grotte – vor allem die blaue – zählt zu meinen Lieblingsplätzen in Hannover. Immer wieder ist das Licht anders, immer wieder schimmert das Blau anders, und immer wieder entdecke ich etwas Neues.

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Blaue Grotte – immer in anderem Licht

Danach keine Lust mehr auf Kino, Colonia Dignidad muss auf einen weniger schönen Tag warten. Im eigenen Garten wird der Unterschied zwischen wild wachsen (bei uns) und aussehen, als ob es wild wächst, deutlich. In meinen Beeten wächst vor allem Gras (nein, nicht nur aber auch), entlang des Zauns vermehrt sich der Giersch unter dem kleingehäckselten Baumschnitt ganz vorzüglich: Die grünen Blättchen zeigen sich tückischerweise erst, wenn sie schon recht kräftig sind und sich vernetzt haben. Bliebe er am Rand des Gartens unter den Büschen, ließe ich ihn gewähren: Aber der Giersch ist ein Eroberer und macht sich wieder im ganzen Garten breit. Ihm macht der Winter offenbar nichts aus, anders als Minze, Salbei, Lavendel, Zitronenmelisse, Rosmarin und alle meine Kräuter, die nach dem Winter nicht mehr sehr ansehnlich. Und auch das Blaukissen tut sich in diesem Jahr schwer – mein Zwerg sitzt, unbeeindruckt lesend, in einer noch recht kahlen Umgebung.

Lesezwerg
Lesezwerg, noch ohne blaues Kissen

Ich habe zum Lesen keine Zeit. Just do it: Ich fange an, fühle mich ein bisschen wie Sysiphos, nur dass ich keinen Stein rolle, sondern gefühlte Stunden Gras und (Un)kraut rupfe und zupfe. Manches erkenne ich inzwischen (vor allem Giersch), aber oft frage ich mich auch, ob ich nicht das, was ich gerade herausreiße, im letzten Jahr gepflanzt habe. Beim Sauerampfer weiß ich es genau. Den habe ich letztes Jahr gesetzt – jetzt wuchert er im ganzen Beet, sodass für die anderen Kräuter zu wenig Platz bleibt. Ich grabe ihn aus, strafversetze ihn unter die Sträucher am Zaun.  Dort kann er  Giersch und Efeu Konkurrenz machen und mit ihnen um die Wette wuchern. Es wird, hoffe ich, ein spannendes Rennen und vielleicht landen sie demnächst gemeinsam bei uns auf dem Tisch.

Im letzten Sommer hat mich eine Freundin zum Wildkräutermenü mit sechs oder sieben Gängen eingeladen: Vieles, was dort serviert und von ihr teuer bezahlt wurde, gedeiht in unserem Garten vorzüglich: neben Giersch und Sauerampfer auch Gänseblümchen, Löwenzahn, Brennnesseln und Waldmeister. Vielleicht sollte ich künftig statt zu bloggen oder Korrektur zu lesen Kräuter-Spezialitäten auf dem Wochenmarkt verkaufen. Oder versuchen, die Gourmet-Restaurants in Niedersachsen zu beliefern. Möglicherweise ergeben sich hier ganz neue Perspektiven.

Manchmal hilft wünschen doch

Wünschen hilft, behaupten manche Coachs und Mental-Trainer. Wenn wir uns etwas nur genug wünschen, geht es in Erfüllung. Wir müssen nur fest daran glauben, behaupten sie. Ich bin da zugegebenerweise eher skeptisch, aber es schadet ja nicht, es gelegentlich mal auszuprobieren.

Als ich irgendwann im Februar eine Fahrkarte buchen wollte, hatten mein Computer und/oder die Website der Bahn offenbar keinen guten Tag: Sie behaupteten, dass es am frühen Sonntagmorgen – anders als an Werktagen – keine direkte Verbindung zwischen Hannover und Leipzig gibt. Stattdessen schlugen sie mir vor, zunächst nach Berlin zu fahren und dort in einen Zug nach Leipzig umzusteigen. Um rechtzeitig zu meinem Termin um 11 Uhr in Leipzig zu sein, willigte ich ein – allerdings mit einem mulmigen Gefühl, denn knapp zehn Minuten Zeit zum Umsteigen sind nicht gerade großzügig bemessen.

Drei Tage vor der Fahrt entdeckte ich dann beim Warten auf einen anderen Zug – ganz klassisch auf dem gelben Aushangfahrplan auf dem Bahnhof – eine weitaus bessere Alternative: zwar mit einem langsameren IC, dafür aber ohne Umsteigen, ohne Umweg und deshalb sogar ein paar Minuten schneller.

Doch leider war es zu spät: Der Umtausch hätte mich nicht nur die übliche Gebühr von 15 Euro gekostet, sondern wäre wesentlich teurer geworden: Weil ich Hin- und Rückfahrt gleichzeitig gebucht hatte, hätte ich auch die Rückfahrkarte zurückgeben und neu kaufen müssen. Also beschloss ich, den Umweg in Kauf zu nehmen. Aber ich hoffte natürlich, dass der Zug nach Berlin sich schon in Hannover verspäten würde – und ich einen Anlass hätte, einen anderen Zug zu nehmen.

Ganz funktionierte es nicht: Der Zug stand pünktlich abfahrbereit auf dem Gleis, als ich ankam. Allerdings war der Halt im Hauptbahnhof in Berlin gestrichen – und damit auch die Möglichkeit, dort den Anschlusszug nach Leipzig  zu erreichen. An der Auskunft – pardon, am Service Point – erfreulicherweise diesmal keine Schlange, die Mitarbeiterin war nicht nur ausnahmsweise freundlich, sondern hatte auch ein Einsehen: Warum der Halt in Berlin  gestrichen worden war, wusste sie auch nicht, aber sie hob ohne Zögern die Zugbindung auf – ich konnte wie gewünscht in den IC nach Leipzig steigen. Der stand schon mit vielen leeren Plätzen am Bahnsteig gegenüber und brachte mich pünktlich zu meinem Termin. Manchmal hilft wünschen offenbar doch, und vielleicht versuche ich es gelegentlich auch mit größeren Zielen.