Nicht weitermachen wie bisher

Willkommen zurück, begrüßt mich mein Computer jedes Mal, wenn ich eine Datei öffne. Und er schlägt mir vor: „Machen Sie genau dort weiter, wo sie aufgehört haben“ – wahlweise vor neun Minuten, vor drei Stunden, vor zwei Tagen, vor einem Monat oder vor einem halben Jahr. Denn mein Computer hat, wie es so Computerart ist, ein ausgezeichnetes Gedächtnis: Er merkt sich genau, viel besser als ich, was ich wann geschrieben oder verändert habe.

Ja, sage oder denke ich meist und lasse mich mit einem Mausclick an die entsprechende Stelle in der Datei leiten. Doch immer öfter frage ich mich bei der Gelegenheit, ob ich das auch im richtigen Leben will: Genau dort weitermachen, wo ich aufgehört habe, also im Prinzip weitermachen wie bisher. Und ich merke: Eigentlich will ich das nicht. Ich habe das Gefühl, dass ich mein Leben ändern müsste – oder zumindest sollte.

Vielleicht liegt es daran, dass ich vor Kurzem 65 Jahre alt geworden bin, vielleicht daran, dass in diesem Jahr kurz nacheinander eine Freundin und ein Freund gestorben sind. Und natürlich führt uns – oder zumindest mir – Corona ständig vor Augen, wie schnell und radikal sich das Leben ändern und wie schnell es zu Ende sein kann.

Ich gebe es zu: Obwohl ich auf die Impfung – irgendwann im Januar ist es auch bei mir die dritte -, die Vorsichtsmaßnahmen, die ich einhalte, und natürlich auch auf meine ziemlich  robuste Gesundheit vertraue, macht SARS-CoV-19 mir zunehmend Angst. Und immer öfter denke ich an eine Meldung, die ich irgendwann vor Jahren im Radio gehört und die ich nie vergessen habe. Irgendwo im Osten Europas, in Armenien, in der Ukraine, in Aserbeidschan oder in irgendeinem anderen Staat, der früher zur Sowjetunion gehörte, wird auf Grabsteinen neben Namen, Geburts- und Todesjahr auch die Lebenszeit notiert. Gelebt  X Jahre, stehe dann dort in Stein gemeißelt, und (fast) immer sei die „Lebenszeit“ deutlich niedriger als das Alter.

Das wäre bei mir sicher auch so: Ich habe in den vergangenen Jahren oft zu viel gearbeitet und zu wenig gelebt. Zum einen, weil mir meine Arbeit Spaß macht, zum anderen aber auch, um finanziell unabhängig zu sein. Und dabei habe ich mich nicht immer genug um meine Gesundheit und um die wirklich wichtigen Dinge gekümmert.

Vielleicht muss ich dem Coronavirus ja sogar ein bisschen dankbar sein, weil es die Reißleine gezogen hat, bevor es mein Körper tun wollte. Ich habe coronabedingt wie viele Kolleginnen und Kollegen einige Aufträge verloren. Das ist natürlich bedauerlich, aber es tut mir gut, beruflich kürzer zu treten. Nicht nur, aber auch weil ich nicht mehr so belastbar bin wie früher. Es fällt mir schwerer, ohne Pause durchzuarbeiten, wie ich es jahrelang getan habe: den ganzen Tag, die ganze Woche, den ganzen Monat. Ich brauche mehr Pausen, und die gönne ich mir jetzt öfter.

Ich will, ja, ich kann nicht dort weitermachen, wo ich aufgehört habe – vor Corona. Ich habe mir vorgenommen, künftig zu arbeiten, um zu leben, und nicht länger zu leben, um zu arbeiten. Einen Plan, wie es weitergeht, bis ich im nächsten Jahr in Rente gehe und danach, habe ich noch nicht. Aber Corona hat mir ohnehin klar gemacht, wie wenig planbar unser Leben ist. Vielleicht befolge ich einfach Rainer Maria Rilkes Rat. „Lassen Sie sich das Leben geschehen. Glauben Sie mir: das Leben hat recht, auf alle Fälle“, schreibt er in seinem Buch „Du mußt dein Leben ändern.“ Ich habe das Buch irgendwann wohl wegen des Titels gekauft, und jetzt – wohl aus dem gleichen Grund – in meinem Regal wiederentdeckt. Und noch ein anderes Buch habe ich dort gefunden: „Es ist nie zu spät, neu anzufangen“ von Julia Cameron. Na denn.

Let’s go

Shoppen gehört nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen – Bücher und Schreibutensilien ausgenommen. Schuhe kaufe ich sehr ungern – erst recht, seit ich medizinische Einlagen trage. Denn bevor ich probieren kann, ob ein Schuh passt,  muss ich die Einlagen mühsam aus meinen Schuhen herausprokeln, sie in die neuen Schuhe hineinzwängen, was auch nicht so einfach ist – und das bei jedem Paar, das ich anprobieren möchte, aufs Neue.

Einige Schuhe scheitern schon an diesem ersten Stresstest, weil sie für die zu meinen breiten Füßen passenden Einlagen einfach zu schmal geschnitten sind. Ein bisschen fühle ich mich dabei an Aschenputtel erinnert – vielleicht kommt irgendwann ja eine Taube angeflattert und gurrt dann frei nach den Brüdern Grimm „rucke digu, rucke digu, der Schuh ist zu klein, der rechte Schuh ist nicht dabei“.

Aschenputtels Schuhe waren wohl maßgeschneidert, und weil ich mir maßgefertigte Schuhe nicht leisten kann und will, bleibt mir nur das lästige Anprobieren. Jedes Mal stehe ich trotz der Vorauswahl durch die Einlagen vor der schwierigen Entscheidung, ob Schuhe, die bei der Anprobe recht bequem scheinen, das auch noch sind, wenn ich sie stundenlang oder beim Training getragen habe.

Bei Laufschuhen war fast immer auf die Schuhe einer bestimmten Marke Verlass; außerdem hatte ich nach vielen Laufjahren und vielen durchgelaufenen Laufschuhen viel Erfahrung. Die fehlt mir bei Walkingschuhen noch, zum einen, weil ich noch nicht so lange vom Laufen aufs Gehen umgestiegen bin, zum anderen, weil ich bis jetzt meine Laufschuhe aufgetragen habe.

Die Walkingschuhe, die ich vor mehr als einem Jahr gekauft haben, haben sich trotz Beratung und langer Anprobe als Fehlkauf erwiesen. Immerhin leisten sie jetzt meiner Tochter gelegentlich gute Dienste. Doch danach hatte ich lange keine Lust mehr auf einen weiteren Versuch. In dem Sportgeschäft, in dem ich kürzlich den zweiten Versuch startete, gab es lediglich einen Walkingschuh für Frauen, leider nicht in meiner Größe.

Ich war also beim dritten Versuch nicht sonderlich optimistisch – und wurde dann wider Erwarten eines Besseren belehrt. Es war der schnellste Schuhkauf meines Lebens, er dauerte, nachdem ich das Regal mit den Walkingschuhen für Damen endlich gefunden hatte, gerade mal zehn Minuten. Fünf Paare standen nebeneinander und ich griff zuerst nach dem Paar, das mir farblich – Grau mit Türkis – am besten gefiel. Dass der Schuh am preisgünstigsten war – ein Auslaufmodell – und überdies von dem Hersteller, dessen Laufschuhe ich jahrzehntelang getragen habe, spielte natürlich auch eine Rolle.

Farblich abgestimmt – mit der Wanderhose, mit Rucksack und Jacke (nicht im Bild). Foto: Foe Rodens

Um es kurz zu machen. Es war ein Glücksgriff: Die Einlagen ließen sich problemlos austauschen, die Schuhe passten wie angegossen – ich spürte kaum, dass ich sie an den Füßen hatte. Nix drückte, nix scheuerte. Ich kaufte den Schuh, ohne ein weiteres Paar anzuprobieren. Und weil ich auch an der Kasse nicht warten musste, erreichte ich sogar noch meinen Zug.

Der positive Eindruck bestätigte sich auch beim Gehen an den folgenden Tagen. Jetzt überlege ich, ob ich mir nicht einen kleinen Vorrat anlege. Vielleicht bestelle ich mir zumindest ein zweites Paar, bevor es den Schuh nicht mehr gibt. Denn trotz des positiven Erlebnisses gehört Schuhe kaufen sicher auch künftig nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen.

Einstein hat recht

In Bayern, lese ich im Pressedienst news4teachers, den ich jeden Morgen bekomme, gerät mancherorts die Corona-Lage vor allem bei Kindern und Jugendlichen außer Kontrolle. Im Kreis Berchtesgadener Land ist die Inzidenz unter den 5- bis 14-Jährigen auf 1.546 gestiegen, unter den 15- bis 34-Jährigen auf 934.

Das liegt nicht allein daran, dass Kinder unter zwölf nicht geimpft werden können und dass sie im Unterricht keine Masken mehr tragen müssen. Offenbar feiern Jugendliche Corona-Partys, um sich gegenseitig anzustecken – so als sei diese Krankheit ein Kinderspiel, als gäbe es bei jungen Leuten keine schweren Krankheitsverläufe und kein Long-Covid.

Die feiernden Jugendlichen haben eine andere Corona-Folge im Sinn: Nach einer überstandenen Erkrankung gelten sie ein halbes Jahr als genesen. Sie brauchen in dieser Zeit keine PCR-Tests, die in Discos und bei Veranstaltungen teilweise verlangt werden. Um ein paar Euro zu sparen, nehmen sie nicht nur hohe Kosten für die Allgemeinheit in Kauf. Sie gefährden sich selbst und – viel schlimmer – andere. Sie belasten Pflegepersonal und ÄrztInnen und bringen Gesundheitssystem an den Rand des Zusammenbruchs. Schon jetzt gibt es nach Aussagen des Landrats im gesamten Rettungszweckverband kein Intensivbett für Covidpatienten mehr. Doch das ist den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an Corona-Partys offensichtlich egal.

Warum sie sich nicht impfen lassen, wissen nur sie selbst und/oder die Götter. Mich macht so viel Rücksichtslosigkeit wütend, so viel Dummheit fassungslos. Was das alles mit Albert Einstein zu tun hat? Es bestätigt, dass er recht hatte. „Zwei Dinge sind unendlich“, soll Einstein gesagt haben, „das Universum und die menschliche Dummheit, aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“

Von alten Regalen und neuen Kisten

Als ich mein Arbeitszimmer umgeräumt habe, hat sich eine Lücke aufgetan. Leider zu schmal für ein weiteres Bücherregal, aber zu breit, um ungenutzt zu bleiben. In dem großen Möbelhaus aus Schweden bei uns im Ort habe ich die Lösung gefunden. Die Kisten aus Kiefernholz, die ich erstanden habe, wecken Erinnerungen – an meinen ersten Besuch in dem schwedischen Möbelhaus, das damals noch längst nicht so bekannt war wie heute, und an die Regale aus Kiefernholz, die ich vor dreieinhalb Jahrzehnten dort kaufte.

Ich hatte gerade ein Volontariat begonnen und brauchte für meine neue Wohnung neue Möbel, vor allem Bücherregale und eine Matratze. Meine Freundin begleitete mich, wir kauften dies und das für meine und für ihre Wohnung – so viel, dass unsere Einkäufe gerade in den Golf meines Vaters gepasst hätte. Doch dann entdeckte Sabine in der Fundgrube einen Teppich, 4 x 4 Meter groß, genau passend und farblich ideal für ihr Zimmer in ihrer Studentenwohnung in Mainz – und supergünstig. Meine Bedenken, dass der Teppich zu groß sei für das kleine Auto, hatten gegen diese Vorzüge keine Chance. Das passt schon, behauptete Sabine kühn, und sie behielt recht.

Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung verjähren nach drei Monaten, also kann ich es an dieser Stelle gestehen: Als wir Regale, Matratze, diverse Kleinigkeiten und natürlich den großen Teppich verstaut hatten, blieb für die Beifahrerin nur noch der Platz vor dem Beifahrersitz. Den nahm ich freiwillig ein – nicht nur, weil ich ein gutes Stück kleiner bin als meine Freundin, sondern auc,h weil ich ungern am Steuer des Wagens erwischt werden wollte, der heillos überladen und in dem die Sicht durch Rückfenster und Rückspiegel versperrt war. Bei einer Kontrolle wollte ich mich mucksmäuschenstill verhalten und es meiner viel überzeugenderen Freundin überlassen, die Polizisten davon abzuhalten, genauer hinzuschauen.

Solche Probleme hatte ich bei meinem jüngsten Einkauf nicht: Weil die Kisten aus Kiefernholz ohne voluminöse Umverpackung verkauft werden, konnte ich ihrer vier auf dem Fahrrad straßenverkehrsordnungskonform nach Hause transportieren und dort ganz problemlos zusammenbauen.

Was aus Sabines Teppich geworden ist, weiß ich nicht. Meine Regale sind mit mir von der Mosel in den Norden gezogen und leisten noch heute gute Dienste – inzwischen allerdings nicht mehr im Wohn- oder Arbeitszimmer, sondern im Keller. Ob den neuen Kisten ein ebenso langes Leben beschert ist, weiß ich nicht; sie sehen auf jeden Fall recht solide aus. Und sie lassen sich vielseitig verwenden: als Regalersatz oder wenn sie dazu nicht mehr benötigt werden, beispielsweise als mobile Bücher- und Bürobox, als Obst- oder als Werkzeugkiste, um in den guten alten Kiefernregalen für ein Ordnung zu sorgen.

Evas Schreibzimmer

Ich habe meine Arbeitszimmer umgeräumt. Nicht zum ersten Mal; mein Mann behauptet, mein Schreibtisch hätte schon in fast jedem Raum unseres Hauses gestanden. Geschrieben und gearbeitet habe ich eigentlich in jedem Zimmer – sogar in der Küche und im Bad. Außerdem benutze ich vom Frühjahr bis weit in den Herbst hinein gerne den Wintergarten als Außenbüro, im Sommer außerdem den Garten und die Terrasse.

Schreiben am Teich

Ich bin also bei der Wahl meiner Schreibplätze recht flexibel – ich kann überall schreiben, wo Platz für meinen Laptop, meine Notizbücher und meine Unterlagen ist. Aber ich brauche eine feste Schreibbasis – einen kreativen Zufluchtsort sozusagen.

Ich habe, welch ein Luxus, zwei Arbeitszimmer: Einen halben Tag habe ich gebraucht, um das kleinere Arbeits- zum Schreibzimmer umzufunktionieren. Um mehr Platz für die Bücher zu haben, die ich beim Schreiben brauche oder gerne um mich habe, mussten zwei kleine Kommoden zwei zusätzlichen Bücherregalen weichen. Weit länger als das Möbelrücken hat allerdings das Umräumen der Bücher gedauert. Außerdem habe ich – längst überfällig – bei der Gelegenheit ganze Papierberge entsorgt, die sich in diversen Ordnern und Schränken angesammelt haben. Würde man Vorher-nachher-Bilder des Arbeitszimmers vergleichen, wäre kaum ein Unterschied zu sehen.

Das liegt sicher auch daran, dass mein neues Schreibzimmer klein ist – es ist das kleinste Zimmer im ganzen Haus: Gerade einmal neun Quadratmeter ist die Grundfläche groß, Dachschrägen ein fest eingebautes Sideboard und mehrere hohe Bücherregale, die nur an den beiden geraden Wänden Platz haben, schränken die Gestaltungsmöglichkeiten zusätzlich ein.

Das Zimmer ist zwar klein, aber es hat zwei Fenster – eines an der Ost-, das andere an der Südseite des Hauses. So kann ich die Sonne von morgens bis abends sehen, wenn sie denn scheint. Das ist wichtig, denn ich brauche Licht, um mich beim Arbeiten wohlzufühlen, Tageslicht, wenn möglich, im Winter, wenn es morgens spät hell und früh wieder dunkel wird, helfen (Duft)Kerzen und Lichterketten. Selbst Wasser kann ich aus meinem Schreibzimmerfenster sehen – auch wenn die riesige Pfütze auf dem Garagendach der Nachbarn nur ein unvollkommener Ersatz für den Blick aufs Wasser ist, der für mich zu einem idealen Schreibort gehört. Doch sie ist wesentlich größer als unsere Gartenteiche – vielleicht frage ich die Nachbarn im nächsten Sommer, ob ich dort ein paar Pflanzen aufstellen oder eine Quietscheente schwimmen lassen darf, damit echtes Seefeeling aufkommt.

Auch mein Schreibtisch muss hell sein – und im Gegensatz zum Zimmer möglichst groß: Der Versuch, einem kleinen dunklen Tisch und einen ebenso dunklen Sekretär zur Schreibecke umzufunktionieren, ist kläglich gescheitert. Dort kann ich meine Morgenseiten, Tagebuch oder Mails schreiben, für meine Artikel, Blogbeiträge und andere Schreibprojekte brauche ich mehr Platz, um meine (Notiz-)Bücher und diverse Unterlagen auszubreiten (So aufgeräumt wie auf dem ersten Foto bleibt mein Schreibtisch leider in der Regel nicht lange, meist setzt sich das Chaos durch).

Korrektur- und Layoutarbeiten erledige ich künftig in meinem zweiten Arbeitszimmer. Deshalb habe ich den Monitor, den ich nur für diese Arbeiten nutze, dorthin umgesiedelt. Ohne ihn ist der Tisch von zwei Seiten „beschreibbar“ – ein Stehhocker, der unter dem Tisch verschwindet, wenn er nicht gebraucht wird, macht es möglich. Manchmal hilft ja ein Perspektivwechsel, um Dinge klarer zu sehen, Denk- oder Schreibblockaden zu überwinden oder die Kreativität zu verbessern.

Ohne Monitor ist auf dem Schreibtisch mehr Platz

Davon war Walt Disney überzeugt. Er soll für verschiedene Arbeiten (mindestens) drei verschiedene Arbeitsräume bzw. Arbeitsplätze genutzt haben: Im ersten (Raum des Träumers) ließ er seiner Fantasie freien Lauf, im zweiten (Raum des Realisten) setzte er seine Ideen um, entwickelte Konzepte und entwarf Projektskizzen, um seine Ideen umzusetzen. Im dritten (Raum des Kritikers) überprüfte Walt Disney seine Vorhaben und verbesserte sie. Die Walt-Disney-Methode lässt sich auch in einem Raum umsetzen; mehr darüber zum Beispiel unter https://karrierebibel.de/disney-methode/ und unter https://de.wikipedia.org/wiki/Walt-Disney-Methode

Weil auch in der kleinsten Hütte Platz ist, habe ich also gleich noch einen dritten Arbeitsplatz geschaffen. Im Stehen zu Arbeiten tut sicher meinem Rücken und vielleicht auch meiner Kreativität gut. Das hoffe ich auch von der kleinen Stereoanlage, die den Platz des Monitors eingenommen hat. Denn mit Musik geht ja angeblich alles besser, manchmal auch das Schreiben.

Schreibplatz Nr. 3

Drei Autorinnen – drei Bücher: Making-of

Eigentlich klang es ganz einfach. Drei Autorinnen – drei Bücher heißt die Rubrik des Bücherfrauen-Blogs, für den ich den Oktober-Beitrag verfassen wollte und sollte. Kein Problem, dachte ich. Schließlich sind viele – oder sogar die meisten – meiner Lieblingsbücher von Frauen geschrieben. „Das Tagebuch der Anne Frank“, „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“ von Gabriele von Arnim und „Working Class“ von Julia Friedrichs standen zunächst aus unterschiedlichen Gründen ganz oben auf meiner internen Shortlist. Bei den Autorinnen waren zunächst Simone de Beauvoir, Isabel Allende und Siri Hustvedt erste Wahl. Doch dann kam alles ganz anders.

Über alle drei Autorinnen hatten schon andere Bücherfrauen geschrieben. Das ist zwar kein Ausschlusskriterium, denn es geht im Blog um Bücher, die den Schreiberinnen wichtig sind, egal, wann sie erschienen sind und ob sie – Bücher oder Autorinnen – schon mal vorgestellt wurden. Trotzdem habe ich mich dann umentschieden – nicht nur ein-, sondern mehrmals.

Ich habe also Bücher von allen drei Autorinnen mit nach Norwegen genommen, um sie noch einmal zu lesen. Doch weder „Alles in allem“ von Simone de Beauvoir noch Isabel Allendes „Siegel der Tage“ noch Siri Hustvedts „ Gleißende Welt“ konnten mich wirklich fesseln – vielleicht war es nicht der richtige Zeitpunkt oder der richtige Ort für diese Bücher. Dafür entdeckte ich im hohen Norden eine Autorin wieder, die ich vor einigen Jahren begeistert gelesen habe und deren Bücher zwar nicht in Norwegen, aber im Nachbarland Schweden spielen: Marianne Frederiksson. Dank E-Book-Reader konnte ich „Hannas Töchter“ noch einmal gelesen – und es hat mich auch beim dritten oder vierten Lesen genauso gepackt wie beim ersten Mal vor einem Vierteljahrhundert.

Zwei Autorinnen habe ich bei meiner Lesereise neu entdeckt: Rebecca Solnit und Helga Schubert. In den aktuellen Bücherfrauen-Blogbeitrag hat es allerdings nur Rebecca Solnit geschafft. Ihr Essay „Wenn Männer mir die Welt erklären“ hat das Zeug zu meinem Lieblingsessay – und ich frage mich, wieso ich die Autorin so lange übersehen konnte. Sie gehört zu den bekanntesten Essayistinnen und schreibt über Themen, die auch mich bewegen: übers Wandern zum Beispiel, über Feminismus und auch über die Alzheimer-Erkrankung ihrer Mutter. Vielleicht liegt es daran, dass ich auch Essays erst jetzt für mich entdecke, obwohl mich das Genre schon lange fasziniert. Über Helga Schuberts Buch „Vom Aufstehen“ möchte ich im nächsten Bücherfrauen-Blog schreiben. Dieses Mal habe ich bei den Büchern thematisch den Schwerpunkt auf Tagebücher gelegt.

Wer wissen möchte, welche Bücher und Autorinnen ich vorgestellt habe, kann den Blog-Beitrag nachlesen unter

Im Plan

Wer mich kennt und/oder meinen Blog regelmäßig oder gelegentlich liest, weiß es: Ich liebe Listen und schreibe Listen aller Art. Denn sie helfen mir,

  • den Überblick zu behalten
  • Dinge, große und kleine, nicht zu vergessen
  • mein Leben zu planen und
  • meinen Alltag und meine Arbeit zu bewältigen.

Vor allem geben mir diverse Listen das gute Gefühl,

  • produktiv zu sein
  • etwas zu leisten und
  • Dinge (rechtzeitig) zu erledigen.

Inzwischen habe ich meine Listenmanagement perfektioniert und notiere

  • Aufgaben, die ich erledigen,
  • Dinge, die ich einkaufen
  • Themen, über die ich schreiben
  • Bücher, die ich lesen,
  • Musik, die ich hören
  • Filme, die ich sehen oder
  • Ziele, die ich verwirklichen möchte

nicht mehr auf Zetteln, die irgendwo herum(f)liegen und dann irgendwann verschwinden, sondern ganz ordentlich in meinem Bulletjournal – tage-, wochen- und gelegentlich auch projekteweise.

Doch vorletzte Woche habe ich in Tromsö einen Daily-planner-Block entdeckt, der mir so gut gefallen hat, dass ich nicht widerstehen konnte und ihn gekauft habe. Für heute habe ich im Daily planner unter anderem notiert: Blogbeitrag schreiben. Was ich hiermit erledigt und womit ich meine Stimmung verbessert habe.

Das Trauerspiel von Afghanistan

Viel ist passiert, seit ich Anfang Juli den letzten Blogbeitrag veröffentlicht habe. Das Ahrtal und Teile von Nordrhein-Westfalen wurden überschwemmt, halbe Dörfer, Häuser, Brücken, Straßen wurden weggerissen, fast 200 Menschen starben. In Griechenland, in der Türkei und in Italien wüten Waldbrände, in Haiti gab es wieder mal ein Erdbeben mit mehr als tausend Toten. Von Klimawandel kann da sicher keine Rede mehr sein, eher von Klimakatastophe.

Eine Katastrophe ist auch das, was derzeit in Afghanistan passiert, und auch diese Katastrophe ist wie die Klimakatastrophe menschengemacht. Derzeit versuchen Tausende Menschen, aus Afghanistan zu fliehen. Sie belagern den Flughafen in der Hoffnung, irgendwie einen Platz in einem Flugzeug zu bekommen, das sie rausbringt aus diesem Land, weg von den Taliban, die die Macht wieder übernommen haben.

Nicht einmal zwei Monate ist es her, seit die letzten westlichen Soldatinnen und Soldaten Afghanistan verlassen haben, die Bundeswehr hat ihren Einsatz am 30. Juni beendet. Damit, dass die Taliban das Land so rasch erobern würden, haben offenbar weder PolitikerInnen noch Militärs gerechnet. Die Soldaten der afghanischen Armee, 20 Jahre lang ausgebildet und ausgestattet von der Nato, haben ihr Land und ihr Volk überhaupt nicht verteidigt, sondern sich und die Waffen kampflos den Taliban übergeben.

Die westlichen Länder haben, so scheint es, wieder einmal auf die Falschen gesetzt. Hinterher ist man natürlich klüger, aber ich bin sicher: Hätten man die Frauen bewaffnet und ausgebildet, sie hätten gewusst, wofür sie kämpfen, und hätten ihre Freiheit verteidigt. Manche, vielleicht sogar viele, wären lieber gestorben, als wieder ungeschützt den Taliban und ihren eigenen Männern, Brüdern, Vätern ausgeliefert zu sein, die gut ausgebildete Frauen mehr fürchten als die Scharia und den islamischen Staat. Der Männern die Macht sichert – im Staat und in der Familie.

Den islamische Staat wollten die USA und die Nato durch ihren Einmarsch im Jahr 2001 zwar verhindern. Doch in den Jahren davor haben sie die radikal islamischen Kräfte gestärkt und gepäppelt. Als nämlich sowjetische Truppen 1979 in Afghanistan einmarschierten, unterstützten vor allem die USA, Pakistan und Saudi-Arabien Guerilla-Gruppen, die gegen die Sowjets kämpften finanziell, materiell und ideologisch: Sie lieferten Waffen, bildeten die Kämpfer aus, die sich damals noch Mudschahedin nannten, und investierten Millionen in gewaltverherrlichende Lehrbücher, die afghanischen Schulkindern und afghanische Flüchtlingen in Pakistan die Lehre vom Dschihad, dem Heiligen Krieg, nahebringen sollten. Zumindest das ist offenbar sehr gut gelungen, und wenn Wikipedia recht hat, verwendeten auch die Taliban die von den USA produzierten Bücher.

https://de.wikipedia.org/wiki/Mudschahid#Mudschahidin_in_Afghanistan

Jetzt versuchen die Nato-Staaten, ihre Staatsangehörigen und zumindest einige AfghanInnen, die für sie gearbeitet haben, und deren Familien in Sicherheit zu bringen. Ob das gelingt, ist mehr als fraglich, denn auch am Flughafen gilt das Recht der Stärkeren. Viele Männer drängen sich vor, Frauen und Kinder zuletzt. Dabei müssten sie als Allererste außer Landes gebracht werden. Denn was mit den Frauen und Mädchen passiert, die in den letzten Jahren zur Schule gehen, berufstätig sein durften und ein etwas freieres Leben führen konnten, darf frau sich gar nicht ausmalen. Ihre Lage ist wirklich bedrohlich; deshalb möchte ich hier ausnahmsweise für Spenden an den Afghanischen Frauenverein e.V. (AFV) werben https://www.afghanischer-frauenverein.de/.

Der Afghanische Frauenverein fördert seit 1992 gezielt Projekte für Frauen und Kinder in Afghanistan. Jetzt vermittelt er dringend benötigte Hilfe in Form von Flugtickets, Lebensmittel, medizinische Versorgung – und braucht dafür Geld.

Denn nichts ist gut in Afghanistan. Als Margot Käßmann das vor fast zwölf Jahren in ihrer Neujahrsansprache sagte, wurde sie heftig kritisiert. Doch heute stimmen ihre Worte leider mehr denn je. Wer ihre beeindruckende Neujahrspredigt nachlesen möchte, findet sie unter dem folgenden Link

https://www.ekd.de/100101_kaessmann_neujahrspredigt.htm

Und noch etwas hat mich beeindruckt: das Gedicht „Das Trauerspiel von Afghanistan“. Nein, es wurde nicht in den letzten Wochen oder Monaten geschrieben, sondern von Theodor Fontane in der Mitte des vorletzten Jahrhunderts, etwa 1857 bis 1859.

Ich kannte die Ballade nicht, die vom traurigen Ende des ersten anglo-Afghanischen Kriegs erzählt. Ich muss gestehen, dass ich noch nicht einmal wusste, dass die Engländer drei Kriege in/gegen Afghanistan geführt haben, um ihre Vorherrschaft zu sichern und den Expansionsbestrebungen des damals noch von echten Zaren regierten Russischen Reichs Einhalt zu gebieten. Wie sich doch Ursachen und auch Folgen gleichen. The Great Game wurden die Auseinandersetzungen genannt, die für die, die ihre Köpfe hinhalten und ihr Leben lassen mussten, alles andere als ein Spiel waren. Der erste anglo-afghanische Krieg begann 1839 und endete 1842 mit dem Sieg Afghanistans, der vollständigen Vernichtung der Truppen von General William George Keith Elphinstone und dem vorläufigen Rückzug der Briten aus Afghanistan.

Im Januar 1842 traten 12.000 Zivilisten, 690 britische und 2.840 indische Soldaten den Rückzug aus Kabul an, weil die Stadt nach einer Revolte der Bevölkerung nicht mehr zu halten war. Obwohl die britische Führung freies Geleit ausgehandelt hatte, wurde der Zug immer wieder angegriffen; das erste Zwischenziel, das 140 Kilometer entfernte Dschalalabad, erreichte angeblich nur ein einziger Europäer, der junge Militärarzt Dr. William Brydon.

„Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan“,

heißt die letzte Strophe von Fontanes Ballade. Wer sie ganz lesen möchte, findet sie unter

http://www.gruene-gruenberg.de/Downloads/afghanistan.pdf

Beim zweiten anglo-afghanischen Krieg von 1878 bis 1880 siegten dann die Briten. Sie annektierten etwa ein Drittel Afghanistans und bestimmten in den nächsten Jahren die afghanische Außenpolitik. Das änderte sich nach dem dritten anglo-afghanischen Krieg (Mai bis August 1919) wieder. Im Frieden von Rawalpindi erkannte Großbritannien Afghanistan provisorisch, im Vertrag von Kabul 1921 dann endgültig als souveränen und unabhängigen Staat an.

Aber auch 100 Jahre nach der Souveränität ist nichts gut in Afghanistan – und von der Unabhängigkeit sind zumindest die afghanischen Frauen leider immer noch unendlich weit entfernt.

2021 einhalb

„Ist es schon wieder so weit“, fragt der König in Hermann van Veens Musical Ente Kwak, als seine Berater ihn auffordern, die Weihnachtsansprache zu halten. Nein, keine Angst, für die Weihnachtsansprache ist es noch zu früh, aber ein halbes Jahr ist schon wieder um – und ich mag den Satz. Außerdem mag ich das Lied von Reinhard Mey, von dem ich den Titel des Blogbeitrags und die Idee geklaut habe.

Das Lied heißt 71 einhalb – es besingt also den Halbjahreswechsel vor 50 Jahren. Damals ging ich noch zur Realschule, musste mit meiner jüngeren Schwester ein Zimmer teilen – das Trauma meiner Kindheit, oder eines. Die 68er-Jahre waren vorbei, wenn auch noch nicht wirklich bei uns auf dem Dorf angekommen. Der Fernseher meiner Eltern war noch schwarz-weiß, und wenn wir telefonieren wollten, mussten wir noch zur Telefonzelle gehen. In der Schweiz war im Februar 1971 das Wahlrecht für Frauen eingeführt worden; bis die Frauen wählen durftn, dauerte es noch einen weiteren Monat. Und im Stern bekannten im Juni 374 Frauen, dass sie abgetrieben hatten – damals noch eine Straftat.

Aber um zum Thema zurückzukommen: „Was ist aus all dem geworden, was ich mir am Neujahrsmorgen, ganz fest vorgenommen hab?“ Ich gebe es zu: Wie in den vergangenen Jahren habe ich auch in diesem vieles nicht eingehalten. Die zweite Yogaeinheit am Abend beispielsweise oder das tägliche Meditieren sind ebenso hehre Ziele geblieben wie die tägliche Skizze. Mein Vorhaben, den Harz einmal längs und einmal quer zu durchwandern, ist bislang über die erste Etappe noch nicht hinausgekommen, und auch ein Schreibprojekt werde ich wohl in diesem Jahr leider nicht beenden. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Immerhin habe ich einen Essaykurs besucht – online, wie in diesen Zeiten üblich, aber sehr gut – und Gefallen an dem Genre gefunden, vielleicht auch, weil der Übergang zum Bloggen fließend ist. Bei den Blogbeiträgen hinke ich zwar meinen Plänen hinterher, aber nicht hoffnungslos: Statt anderthalb pro Woche habe ich im Schnitt nur 1,423 geschafft, rein rechnerisch natürlich (Für alle, die jetzt nachrechnen und denken, ich habe die Zahlen schöngerechnet, weil sie auf Timetofly weniger Beiträge finden: einfach mal unter www.chaosgaertnerinnen.de nachsehen, da blogge ich auch. Anklicken und abonnieren, Ende des Werbeblocks).

Gelesen habe ich erfreulicherweise so viel wie geplant, bisher knapp 30 Bücher seit Januar. Eines der letzten hat mich besonders beeindruckt: „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“ von Gabriele von Arnim. Die Autorin schreibt darin über ihr Leben mit ihrem Mann, der nach zwei Schlaganfällen gelähmt war und sich kaum noch verständlich machen konnte, aber geistig weiter sehr fit war.

Vielleicht hat mich das Buch auch deshalb so berührt, weil mir in den letzten Wochen und Monaten bewusst (gemacht) wurde, wie endlich das Leben ist. Eine Freundin ist gestorben, einen Tag vor ihrer Beerdigung ein Freund. Sie war etwas jünger, er etwas älter als ich. Und während meine Freundin im Sterben lag, habe ich erfahren, dass die Tochter von Bekannten schon tot ist: Ich wusste nicht einmal, dass sie krank war, vielleicht hat mich die Nachricht auch deshalb so getroffen. Ich kannte sie, seit sie vier oder fünf war. Sie wurde nicht einmal fünfzig, sie war 1971 noch gar nicht geboren. Jetzt ist sie an der Krankheit gestorben, gegen die ihre Mutter seit Jahren kämpft. Das Schicksal ist manchmal wirklich ein mieser Verräter.

Ich habe natürlich kondoliert, welch blödes Wort, aber mir fällt, so sehr ich nachdenke, kein besseres ein. Die Danksagungskarte, die ihre Eltern mir geschickt haben, steht auf meinem Schreibtisch. Sie erinnert mich daran, dass das Leben wirklich ein vorübergehender Zustand ist, dass die Zeit rast – und dass ich vielleicht nicht immer versuchen sollte, hinterherzuhecheln.

Oder wie auf der Tasse steht, die mir meine Kollegin Foe Rodens geschenkt hat, weil sie mir so gut gefallen hat. Carpe diem – pflücke den Tag. Das habe ich mir für die zweite Hälfte des Jahres vorgenommen, den Tag öfter mal zu pflücken, sprich zu genießen.

Meine neue Lieblingstasse, davor getrocknete Blätter meiner Lieblingsrose Rhapsody in Blue, die ich gestern gepflückt habe

Und weil ich es nicht lassen kann, die Klugscheißer-Einheit zum Schluss, zugegebenerweise nicht selbst gewusst, sondern aus dem Schwarmwissen-Lexikon übernommen und hoffentlich ordnungsgemäß zitiert. Carpe diem, laut Wikipedia.de Lateinisch für „‚Genieße den Tag‘ oder wörtlich: ‚Pflücke den Tag‘) ist eine Sentenz aus der um 23 v. Chr. entstandenen Ode ‚An Leukonoë‘ des römischen Dichters Horaz (* 65 v. Chr.; † 8 v. Chr.). Sie fordert in der Schlusszeile als Fazit des Gedichts dazu auf, die knappe Lebenszeit heute zu genießen und das nicht auf den nächsten Tag zu verschieben.“  https://de.wikipedia.org/wiki/Carpe_diem.

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Tag des Tagebuchs – in Memoriam Anne Frank

Anne hätte es gefallen, dass ausgerechnet ihr Geburtstag der Tag des Tagebuchs ist. Mit gutem Grund: Schließlich ist das Tagebuch, das ihre Eltern ihr zum 13. Geburtstag am 12. Juni 1942 schenkten, das wohl meistgelesene Tagebuch der Welt – und eines der am meisten gelesenen Bücher überhaupt

Mit diesem Erfolg hat Anne Frank sicher nicht gerechnet – „ich denke auch, daß sich später keiner, weder ich noch ein anderer, für die Herzensergüsse eines dreizehnjährigen Schulmädchens interessieren wird. Aber darauf kommt es nicht an, ich habe Lust zu schreiben und will mir alles mögliche gründlich von der Seele reden“, notierte sie am 20. Juni 1942.

Ich habe mir Anne Franks Tagebuch zum ersten Mal Anfang der 70er Jahre gekauft. Das Buch steht noch heute in meinem Bücherregal – neben mehrere neueren, sicher textkritischeren Ausgaben und einem Graphic Diary. Doch die älteste Ausgabe ist mir immer noch die liebste, auch wenn die Blätter vergilbt sind, einige schon brüchig und sich lösen.

Das Buch hat mich begleitet, wo immer ich gelebt habe – und es hat mein Leben, mein Lesen und mein Schreiben so beeinflusst wie kaum ein anderes. Wenn ich, wie die Buchmenschen in Ray Bradburys Roman Fahrenheit 451, ein Buch auswendig lernen müsste, um es in meinem Kopf vor der Vernichtung zu retten, wäre das Tagebuch der Anne Frank sicher in der engeren Wahl – wahrscheinlich sogar die erste.

Kurz nachdem ich Anne Franks Tagebuch gelesen hatte, fing ich an, selbst Tagebuch zu schreiben – und ich habe nie wieder damit aufgehört. Tagebuch zu schreiben ist meine Art, das Leben zu durchdenken und zu bewältigen – das Tagebuch ist für mich , wie Kathleen Adams schreibt, ein „friend at the end of the pen“.

Auch heute schreibe ich noch, wie vor fast 50 Jahren, ganz klassisch mit der Hand in Kladden – mal dick, mal dünn, meist mit flexiblem Einband, aber immer unliniert. Außerdem gibt es inzwischen ein digitales Tagebuch.

Mein analoges Tagebuch begleitet mich fast überall, jederzeit. Ich habe es fast immer dabei – egal wohin ich gehe. Ich beginne den Tag meist mit dem, was ich der Tageszeit wegen Morgenseiten nenne, obwohl es keine Morgenseiten im Sinne von Julia Cameron sind, die diese Kreativitätsmethode populär gemacht hat sind. Denn ich schreibe zwar unzensiert, was mir gerade in den Sinn kommt, aber ich schreibe meine Morgenseiten meist am Computer, nicht mit der Hand. Das ist für echte Morgenseiten ein No-Go, für mich aber die beste, weil pragmatischste Lösung.  Denn beim Schreiben am Morgen habe ich oft gute Ideen für Artikel und andere Projekte, die ich so – Copy-and-paste – problemlos in andere Dateien übertragen kann. Mit den Morgenseiten schreibe ich mich in den Tag und in die Arbeit, abends beende ich den Tag mit einigen Zeilen in meinem Fünf-Jahres-Buch. Neben meinen Tagebüchern führe ich diverse Journale und Notizbücher – zu verschiedenen Themen und Projekten. Aber die Grenzen zwischen Tagebuch und Journalen sind bei mir fließend.

Weit über 100 Tagebücher stehen inzwischen in meinen Bücherregalen, und manchmal überlege ich, was ich damit machen werde. Soll ich sie vernichten, damit niemand erfährt, was ich gefühlt, gedacht und aufgeschrieben habe – und wenn, wann ist der richtige Zeitpunkt? Soll ich die Tagebücher und die Entscheidung darüber, was mit ihnen geschieht, meiner Tochter überlassen oder dem deutschen Tagebucharchiv in Emmendingen. Dort werden seit 1998 Tagebücher gesammelt und archiviert; insgesamt 23.641 waren es Ende letzten Jahres – 58 Prozent von Männern und nur 42 Prozent von Frauen. Mit den archivierten Tagebüchern ist es wie mit den publizierten: die Tagebücher von Frauen sind in der Minderheit, obwohl sie häufiger Tagebuch schreiben als Männer.

Ein Besuch im Tagebucharchiv in Emmendingen steht in diesem Jahr auf meiner To-visit-Liste – ebenso ein Besuch im Anne-Frank-Zentrum in Amsterdam oder Berlin. Ich will endlich einmal das Original-Tagebuch sehen.

Anne Frank hat den Erfolg ihres Tagebuchs nicht mehr erlebt: Als ihr Vater das Buch kurz nach ihrem 18. Geburtstag im Juni 1947 zum ersten Mal veröffentlichte, war sie schon mehr als zwei Jahre tot. Sie starb im Februar 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen, ein halbes Jahr, nachdem das Versteck im Hinterhaus verraten, Anne und die Untergetauchten verhaftet und deportiert worden waren. Nur Annes Vater überlebte. Miep Gies brachte das Tagebuch in Sicherheit, versteckte es bis zum Kriegsende vor den Nazis.

Anne wäre mit der Veröffentlichung gewiss einverstanden gewesen – sie träumte davon, eine berühmte Schriftstellerin zu werden. „Nach dem Krieg will ich auf jeden Fall ein Buch mit dem  Titel ‚Das Hinterhaus‘ veröffentlichen, ob das gelingt, bleibt noch die Frage, aber mein Tagebuch wird dafür dienen können“, schrieb sie am 11. Mai 1944 in ihr Tagebuch. Sie wollte nicht leben wie ihre Mutter und viele andere Frauen, die „ihre Arbeit machen und später vergessen sind“. Vergessen wird sie  dank ihres Tagebuchs hoffentlich nie.